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Ein ungewöhnliches Geschenk (Grindeldore (x Newt))

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Gellert Grindelwald Newt Scamander
27.03.2020
30.07.2021
26
140.335
16
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Dieses Kapitel
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21.04.2021 4.170
 
"You're giving me a million reasons to let you go
You're giving me a million reasons to quit the show [...]
If I had a highway, I would run for the hills
If you could find a dry way, I'd forever be still
But you're giving me a million reasons"
("Million Reasons" - Lady Gaga)




Der Urlaub war viel zu früh vorbei. So angereichert mit schönen Erlebnissen, angenehmen Ausflügen, Sex und Liebe, wie er gewesen war, hatte Albus es beinahe bedauert, dass er sich dem Ende geneigt hatte.
Andererseits konnten weder Gellert noch er allzu lang ihrem Herzensprojekt fern bleiben. Früher oder später zog es sie von ganz allein zurück.
Und so waren die Tage darauf in reger Betriebsamkeit vergangen, so geschäftig, dass Albus fast nicht gemerkt hatte, wie die Wochen an ihm vorbei gezogen waren. Wenn die gelegentlichen Treffen mit Newt nicht gewesen wären, ihre gemeinsamen Abende zu dritt, hätte er sich erneut vollkommen in der Arbeit verloren. Er ahnte, dass es Gellert ebenso ging. Der Junge bot in seiner unbefangenen, natürlichen Art einen angenehmen Ausgleich zu ihren anstrengenden Arbeitstagen, die sie oft hochkonzentriert und angespannt im Kreise anderer wichtiger Persönlichkeiten verbrachten. Wenn sie abends einen Moment zur Ruhe kamen und nicht aktiv die Welt lenkten, zog Newt sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Hin zu kleineren Dingen, die nicht von so immens großer Bedeutung waren.
Das tat ihnen gut.

Doch es half nicht gegen alles.
Einige Dinge sahen auch dann nicht schöner aus, wenn man ein rosigeres Licht darauf strahlte.
Vor allem nicht etwas so hässliches wie Verrat.
Albus blickte auf die Ergebnisse der letzten Regierungsentscheidungen in Kanada und runzelte die Stirn. Das … war nicht möglich. Er war davon überzeugt gewesen, dass sich alle Regierungsabgeordneten einig gewesen waren. Sie hatten seine Ansichten unterstützt. Wieso hatten sie sich dann dazu entschieden, das Gesetz dennoch abzulehnen und sogar eine Alternativversion aufgesetzt, die nun erneut zur Abstimmung stand?
Albus ging die Informationen alle einzeln durch, brachte den Tag damit zu, sich weitere Informationen zu beschaffen, ließ einige der Herren sogar persönlich zu ihm kommen und verstand am Ende doch noch weniger als zuvor.
Auch am Tag danach erschien es ihm, dass, je mehr er die Hintergründe dessen ergründen wollte, es immer unübersichtlicher wurde. Irgendetwas war bei den Abstimmungen in Kanada schief gelaufen, dass sie sich gegen seine gewünschte Richtung entschieden hatten. Nur was? Und wer war dafür verantwortlich? Er las die Akten sorgfältig, die sein Assistent Fleming ihm zusammenstellte. Lobbyisten von Organisationen wurden genannt, die zuvor bei Unterredungen mit den Entscheidern gesichtet worden waren. Organisationen, die rein gar nichts mit dem neuen Muggel-Ermächtigungs-Gesetz zu tun haben würden. Die allesamt ein anderes Interesse verfolgten. Diese Lobbyisten gehörten in ein Netz an Verbindungen, in dem eine große Spinne saß, der sein schönes neues Gleichstellungs-Gesetz in die Falle gegangen zu sein schien.
Albus bebte, als er am Ende der Woche die Antworten schwarz auf weiß vor Augen hatte. Als alle Fäden, denen er gefolgt war und die nicht ins Leere gelaufen waren, unausweichlich zu einer einzigen Person führten. Genauer gesagt zu ihren allzu bekannten Handlangern.
Er schüttelte den Kopf, wieder und wieder, verstrickte sich in Hoffnungen und in Ausreden, in Begründungen… aber immer, wenn er eine Theorie überprüfte, die bewies, dass es sich um ein Missverständnis handelte oder darum, dass er es ganz falsch verstand, verpuffte diese Theorie vor seinen Augen und ließ ihn mit der unschönen Wahrheit zurück. Einer Wahrheit, die ihm sagte, dass er um mehr fürchten musste als um das eine Gesetz und dass er verraten worden war.
Eine Wahrheit, die ihm jegliche Emotionen nahm und nur noch Platz für zwei Dinge ließ: Wut und Schmerz.
Albus hatte sich die ganze Woche lang abgeschottet. Er war in seiner Suche immer fieberhafter geworden, hatte kaum geschlafen oder gegessen. Doch als er es nun nicht länger leugnen konnte und erkannte, dass es keine andere Antwort gab, als die, die ihm nicht gefiel, griff er die eindeutigen Beweise, apparierte in Gellerts Büro, knallte ihm den Stapel Dokumente auf den Tisch und rief mit einer Wut, die die Vase neben ihm sprengte: „Erklär mir das!“
Gellert hob überrascht den Kopf. Mit einer Handbewegung reparierte er die zersprungene Vase, dann zog er die Berichte zu sich und überflog sie.
„Das Gesetz in Kanada letzte Woche?", hakte er nach, während er scheinbar entspannt die Seiten durchblätterte.
„Offensichtlich“, fauchte Albus, griff die Vase und schmiss sie erneut zu Boden. Das befriedigende Geräusch von zerbrechendem Glas hallte in seinen Ohren wider. Eigentlich war Albus stets gefasst. Eigentlich brachte ihn nie etwas aus der Ruhe. Eigentlich hinterging ihn Gellert aber auch nicht auf diese Art.
„Du …“, zischte er wütend und bebte am ganzen Körper. „Du hattest kein Recht dazu!“
Unverschämt ruhig schloss Gellert den Bericht und sah zu Albus auf, der ihm am liebsten an die Gurgel gehen wollte.
„Das hatte ich nicht", antwortete er betont ruhig, als wollte er die Stimmung deeskalieren. Albus hasste es, wenn Gellert das tat. Wenn er ihm gegenüber seine Fehler eingestand, weil er wusste, wie weich es Albus machte. Und wie wenig er ihm dann noch zürnen konnte. Aber nicht dieses Mal. Nicht, wenn es um SEINEN Bereich ging, in den Gellert sich eingemischt hatte, hinter seinem Rücken und ohne es mit ihm abzusprechen. Er war der verdammte Präsident! Nicht Gellert!
„Du hast es dennoch getan“, knurrte er wütend und starrte Gellert nieder und zum ersten Mal, seit der Zorn in ihm übergroß geworden war, fühlte er den Schmerz darunter. Die Hände, die er zu Fäusten geballt hatte, zitterten. „Wie konntest du nur?“, hauchte er und schüttelte den Kopf.
Auf Gellerts Miene legte sich Mitgefühl, das Albus nur noch zorniger machte.
„Ich habe das nicht getan, um dich zu verletzen, Albus."
Albus schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Erspar mir das“, fauchte er und seine Wut wurde wieder stärker. Dann brachen all die wütenden Gedanken und Anschuldigungen einfach aus ihm heraus: „Du hast dich über meine Autorität in meinem Aufgabengebiet hinweggesetzt, hast Mittelsmänner bestochen, um mich zu hintergehen, hast ein Gesetz ablehnen lassen, von dem du WUSSTEST, wie wichtig es meiner Meinung nach für das Land und die Welt war, und hattest noch nicht einmal den Mut, es mir ins Gesicht zu sagen!“, rief er und mit jedem Wort, das er gesprochen hatte, war er lauter geworden. Tränen des Zorns traten ihm in die Augen, aber er war zu wütend, um sich davon aus der Bahn bringen zu lassen. „Komm mir jetzt nicht damit, dass du ‚mich nicht verletzen wolltest‘. Wenn du auch nur einen Moment daran gedacht hättest, was das nicht nur für mich, sondern auch für unsere Zusammenarbeit bedeutet, hättest du es nicht getan.“
Das Gesetz hätte die Muggel befähigt. Ein ewiger Streitpunkt zwischen ihnen. Gellert hatte ihnen noch nie die gleiche Macht geben wollen, wie Albus. Ihm war vollkommen klar, wieso Gellert das Gesetz ein Dorn im Auge gewesen war. Doch dass er dabei so weit ging und seinen Kopf durch setzte, ohne es wenigstens anzusprechen, machte Albus fassungslos. Zornig wischte er sich die Tränen fort, die ihm die Sicht mittlerweile erschwerten, und stieß dann einen frustrierten Laut aus. „Du hast es mir versprochen!“, rief er und der Wunsch, irgendetwas zu zerstören, nahm abermals zu. „Als wir all das begonnen haben, haben wir Regeln aufgestellt!“
Er stapfte zur Tür, weil sie einem dramatischen Abgang eher gerecht wurde und er seine Wut irgendwie in Bewegung umsetzen musste.
„UND DU HAST SIE GEBROCHEN!“, rief er, knallte die Tür hinter sich zu, damit auch der Letzte im Schloss hörte, dass er wütend war, und stürmte dann heftig atmend den Gang entlang.
Er hasste das. Er hasste es, dass Gellert ihn dazu zwang, misstrauisch zu werden und alles anzuzweifeln, wofür sie standen. Egal, ob es eine Aktion war oder es mehrere gegeben hatte, wie könnte er ihn jetzt wieder an sich heranlassen? Er würde stets fürchten, dass Gellert hinter seinem Rücken etwas plante. Dass er nun zweifelte, ob er Gellert nicht lieber weniger vertrauen sollte, machte ihn ganz krank. So wollte er nicht sein. Gellert hatte ihn dazu getrieben.
Albus schritt aufgewühlt durch die Gänge. Er atmete so heftig, als würde er einen Marathon laufen, aber die Bewegung half immerhin, einen Teil seiner Wut abzubauen. Was zurückblieb, war Schmerz. Tiefer Schmerz, wie er ihn noch nie gefühlt hatte.
Gellert und er hatten sich auch früher schon gestritten, natürlich. Aber das war stets geschehen BEVOR sie Entscheidungen getroffen hatten. Erst, wenn sie sich einig gewesen waren, waren sie zur Tat geschritten. So, wie Gellert es nun getan hatte, allein und heimlich im Verborgenen, so kannte Albus es nicht. Es tat weh.
Er musste am Ende des Ganges, durch den er eben lief, einen Moment stehenbleiben, erlaubte sich ein paar Tränen, wischte sie mit einem Taschentuch fort und atmete durch, während er überlegte, was er nun tun sollte.
Weiter für eine Vision arbeiten, die offensichtlich keine Verwendung mehr für ihn hatte? Wenn Gellert ihn in dieser Sache hintergangen hatte, in wie vielen anderen hatte er es außerdem? War Albus überhaupt ein so wichtiger Teil der Unternehmung, wie er immer geglaubt hatte? Oder war Gellert dieses Mal einfach unvorsichtig gewesen und stellte sich sonst klüger an, wenn er Albus‘ Pläne vereitelte? War Albus in Wahrheit nur ein weiterer Strohmann?
Er presste die Zähne aufeinander. Seine Gedanken waren giftig geworden, dunkel und ätzend. Albus ahnte, wenn er diesem Pfad folgte, würde es nicht gut enden.
Er brauchte etwas Licht, das ihn ablenkte. Und er wusste auch, wo er das finden konnte.
Albus hielt sich nicht länger mit Laufen auf. Er apparierte zum Eingang der Gehege, in denen er Newt vermutete. Nach all den Wochen, die er nun mittlerweile hier wohnte, hatten sie ihm neben dem Chimärengehege auch ordentliche, große Gehege für seine anderen Tierwesen eingerichtet, damit sie nicht im Koffer leben mussten. Es war nicht das erste Mal, dass Albus nun in diesen Bereich eintrat.
Der Anblick der vielen harmlosen Tierwesen, die sich in den öffentlichen Bereichen tummelten, brachte ihn auf andere Gedanken. Sein Puls verlangsamte sich. Er atmete tief durch und fühlte, wie seine Brust ein wenig freier wurde. Der Schmerz klang zu einem dumpfen Pochen ab, das ihm zwar schwer im Herz lag und ihm auf den Schultern lastete, aber das ihn für einen Moment an andere Dinge denken ließ.
Albus erblickte den Donnervogel, der gleich im ersten Gehege hinter dem Eingang auf einem großen Felsen saß. „Hallo, Frank“, grüßte er ihn und, einem Bedürfnis nach Ruhe folgend, trat er in sein Gehege ein.
Seine Liebe zu großen Vögeln verhalf ihm nun zu etwas Frieden. Während Frank mit einem leisen Schrei vom Felsen hinunterhopste, auf einen niedrigeren Stein am Boden, trat Albus näher.
„Lange nicht gesehen“, sagte er und streichelte Frank das Gefieder, als dieser den Kopf vorstreckte und einen neuen, auffordernden Ruf ausstieß.
Albus lachte leise. „Ich weiß, ich hatte viel um die Ohren“, sagte er und kramte in seiner Hosentasche, „Aber ich denke, ich habe trotzdem noch ein paar.“ Er zog die kleine Dose hervor, die er seit seinem ersten Besuch bei Newts Tierwesen oft bei sich trug, öffnete sie und hielt Frank auf der flachen Hand ein paar Würmer hin.
Frank gab ein dankendes Trillern von sich und klaubte sie mit dem Schnabel vorsichtig aus seiner Hand.

*


Newt war gerade bei seinem täglichen Rundgang durch die öffentlichen Gehege, als er durch die Reaktionen seiner Tierwesen darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sie offenbar einen Besucher hatten. Eilig gab er dem letzten Fwuuper seine Medizin, dann trat er auf den breiten Weg und ging in die Richtung, in die Dougal ihn ungeduldig ziehen wollte.
Als er an Franks Gehege kam, erblickte er Albus, der sich gerade mit Frank unterhielt.
Bevor er es verhindern konnte, schlich sich ein warmes Lächeln auf Newts Lippen. Eine der Eigenschaften, die er am meisten an Albus mochte, war ohne Frage, dass Albus nie voreingenommen war. Er begegnete allen Lebewesen gleichermaßen mit höflicher Neugier und Interesse. Es war kein Wunder, dass Frank ihn so nah an sich heranließ.
Nachdem er ihnen einen Moment lang versonnen zugesehen hatte, machte Newt mit einem leisen „Hallo“ auf sich aufmerksam.
Albus wandte sich zu ihm herum.
„Hallo, Honey“, grüßte er ihn mit einem Lächeln, das angestrengter wirkte, als Newt es von ihm kannte. Mit einem letzten Streicheln ließ er von Frank ab und ging auf Newt zu.
Ohne ein weiteres Wort schlang er ihm die Arme um die Taille, zog ihn in eine Umarmung und vergrub das Gesicht in seiner Halsbeuge, ehe er tief einatmete.
Vielleicht war Newt nicht gut darin, Menschen zu lesen, doch er war ein guter Beobachter und konnte inzwischen behaupten, dass er Albus gut genug kannte, um zu bemerken, wenn etwas nicht stimmte. Die geröteten Augen waren ihm nicht entgangen. Und so direkt suchte Albus sonst selten seine Nähe. Meist ging dem ein gewisses Vorgeplänkel voraus.
Milde überrumpelt legte Newt seine Arme um Albus.
„Geht es … dir gut?", fragte er zögernd. Er war es nicht gewohnt, einen von beiden schwach zu sehen. Und er wollte nicht taktlos wirken.
Doch Albus seufzte nur schwer und murmelte: „Nein.“
Newts Befürchtung, sich in ein Fettnäpfchen zu setzen, machte aufrichtiger Sorge um Albus Platz.
Als der Präsident leise einlenkte: „Aber jetzt schon besser“, lehnte sich Newt ein wenig in die Umarmung, um ihm Halt zu bieten. Bemüht, Albus zu geben, was er brauchte, umarmte Newt ihn ein wenig fester und entspannte sich, in der Hoffnung, dass seine Ausstrahlung auf Albus überspringen würde.
„Darf ich ein paar Minuten deiner Zeit beanspruchen?“, fragte Albus höflich und löste sich von ihm. „Können wir uns einen Moment auf die Wiese legen?“ Er setzte ein schwaches, bittendes Lächeln auf. „Und einfach nichts tun?“
Newts Herz wusste nicht, ob es vor Rührung schmelzen oder sich bei dem schmerzerfüllten Ausdruck in den blauen Augen zusammenziehen sollte.
Er schenkte Albus ein warmes Lächeln. „Natürlich. So lange du möchtest."
Albus erwiderte das Lächeln. Es gelang ihm sichtlich leichter als das letzte.
„Danke“, hauchte er, legte eine Hand unter Newts Kinn, dirigierte ihn zu sich und küsste ihn. Newts Wangen wurden warm.
Als sie sich voneinander lösten, schenkte er Albus ein schüchternes Lächeln und ließ sich dann von ihm mitziehen. Hin zur Wiese, die er von hier aus bereits sehen konnte.
Als sie sich im weichen Gras unter der künstlichen Sonne niederließen, die von einem ebenso künstlichen Himmel schien, legte Albus eine Hand auf Newts Brust, schob ihn hinter, bis er auf dem Rücken lag und legte sich seitlich neben ihn, ehe er ihm einen Arm um die Taille schlang, das Gesicht in seine Halsbeuge legte und die Augen schloss. Newt entging nicht, wie haltsuchend Albus sich an ihn schmiegte. Behutsam legte er den Arm um Albus und hielt ihn. Wenn das hier das war, was Albus brauchte, dann würde Newt ihm das geben.
Sicher musste er Albus nicht sagen, dass er mit ihm jederzeit darüber reden könne, wenn er das denn wollte. Er wusste ohnehin nicht, wie er es formulieren sollte. Schließlich wagte sich Newt nicht auszumalen, was der Alltag eines Präsidenten alles bereithielt. Wenn Albus sich ihm nicht anvertraute, dann vielleicht auch deshalb, weil ihm bewusst war, dass Newt es nicht verstehen würde. Und weil viele der Informationen sicher nicht für jedermanns Ohren bestimmt waren.
Statt Albus also zum Reden zu animieren, strich er ihm sacht über den Rücken und dann hinauf, über den Nacken und das kurze, rostbraune Haar.
Albus seufzte wohlig. „Ich bin froh, dass du hier bist“, flüsterte er. „Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich nicht hierher hätte kommen können.“
Newt war bewusst, wie bedeutungsschwer die Worte waren. Schließlich war Albus einer der zwei einflussreichsten, mächtigsten und Newts Meinung nach gefasstesten Männer der Welt.
Sich Newt in diesem schwachen Moment zu öffnen und bei ihm Nähe zu suchen, bedeutete viel.
„Ich bin froh, dass du hergekommen bist", wisperte er zurück.

*


Gellert hatte während Albus‘ Wutausbruch geschwiegen und sich die gerechtfertigten und wahren Vorwürfe angehört, die ihm sein Partner an den Kopf geworfen hatte. Als ihm vor Wut - und vermutlich vor Schmerz - auch noch Tränen über die Wangen gelaufen waren, hatte sich Gellert innerlich verspannt. Tränen überforderten ihn, vor allem, wenn sie von Albus kamen. Aber wie hätte er darauf reagieren können? Nichts, was er hätte sagen können, hätte geholfen. Albus war zu aufgebracht gewesen. Am Ende hätte es das nur schlimmer gemacht.
Als sich Albus schließlich abgewandt und die Tür wutentbrannt hinter sich zugeknallt hatte, hatte ihm Gellert tatenlos dabei zugesehen. Und dann hatte er noch einige weitere Sekunden unbewegt dagesessen und an die Stelle gestarrt, an der Albus eben noch gestanden hatte.
Schließlich war er sich mit der Hand durchs Gesicht und durchs Haar gefahren, als einziges, winziges Zugeständnis, dass ihm die Kontrolle offensichtlich entglitten war.
Mit einem gezischten „Fuck“ hatte er die Berichte von seinem Schreibtisch gefegt.
An Arbeit war nun nicht länger zu denken gewesen. Gellert hatte es schon bald nach Albus‘ Abgang aufgegeben, sich darauf konzentrieren zu wollen. Sein Inneres war zu aufgewühlt gewesen und seine Gedanken waren immer wieder zu Albus gewandert.
Nun gab er dieses Vorhaben, noch etwas zu erledigen, endgültig auf. Er rief die Berichte zu sich, ging damit von seinem Arbeitszimmer in den Salon und ließ sich auf dem Sofa neben dem Kamin nieder. Mit einem Schlenker beschwor er die Kaffeekanne vom Schreibtisch zu sich und ließ sie neu einschenken. Nun, da er mehr Zeit hatte, ging er die Dokumente noch einmal durch. Während er sie las, musste er sich eingestehen, dass er Albus in diesem Punkt unterschätzt hatte. Gellert hatte penibel darauf geachtet, seine Spuren zu verwischen. Doch offenbar war dieses Muggel-Ermächtigungs-Gesetz Albus derart wichtig gewesen, dass er sich nicht hatte aufhalten lassen, jeden noch so kleinen Stein bei seinen Nachforschungen umzudrehen. Und dabei war er am Ende auf Gellerts Beteiligung daran gestoßen.
Mit einem Seufzen legte Gellert die Berichte zur Seite und starrte eine Weile in die Flammen. Es war von Anfang an ein Risiko gewesen, in dieser Sache faul zu spielen. Doch er war es eingegangen in dem Glauben, dass Albus es nicht herausfinden würde. Nun hatte er die Quittung dafür bekommen und Albus war zurecht wütend auf ihn. Noch schlimmer, er war höchstwahrscheinlich zutiefst verletzt, wenn Gellert dem Schmerz in seinen Augen glauben konnte. Und das machte es umso komplizierter. Wäre es nur Wut, dann würden sie darüber streiten und es irgendwie hinter sich lassen. Doch Albus war in Gefühlssachen sehr sensibel, besonders wenn es um Vertrauensbrüche ging. Und Gellert hatte mit dieser Aktion eine metaphorische Axt in ihr Vertrauensverhältnis gehauen.
Er verbrachte den Nachmittag damit, sich Möglichkeiten zu überlegen, wie er es wieder geradebiegen könnte, wie er am besten auf Albus zugehen sollte, doch am Ende schien ihm nichts davon besonders erfolgsversprechend.
Gellert würde um das Gespräch nicht herum kommen. Selbst, wenn er sich nicht sonderlich gut vorbereitet fühlte. Es einfach totzuschweigen, würde die verletzten Gefühle in Albus nur länger schwelen lassen. Das wäre definitiv nicht gut.
Mit einem schweren Seufzen erhob sich Gellert vom Sofa.
Er brauchte frische Luft. Hier, in ihren Räumen, konnte er an nichts anderes als an Albus‘ verletzten Gesichtsausdruck denken. Und Gellert war kein Masochist. Er konnte gut darauf verzichten, sich selbst zu quälen.
Also verließ er ihre privaten Räume, um sich mit anderen Dingen abzulenken.
Damit konnte er die kommenden Stunden immerhin füllen.
Doch während all der Zeit, die er belanglose Gespräche mit unwichtigen Assistenten, Gehilfen und Leuten führte, die aus irgendwelchen Gründen der Meinung waren, dass sie ihn persönlich ansprechen mussten, musste er einsehen, dass diese Ablenkung nicht so effektiv war, wie er sie gern gehabt hätte.
Und als Gellert am Abend zurück in ihre Räume kam, merkte er bereits, bevor er die Tür öffnete, dass Albus nicht da war.
Vermutlich war er noch arbeiten … oder hatte sich bewusst irgendwo verkrochen, um einer erneuten Konfrontation aus dem Weg zu geh. Oder beides.
Seufzend entzündete Gellert das Licht und ließ sich dann auf dem Sofa nieder, während er sich ein Glas Whiskey herbeischweben ließ. Er würde noch etwas warten, ob Albus nicht doch von sich aus herkäme und wenn nicht, sich auf den Weg machen, um ihn zu suchen. Er hoffte nur, dass er nicht sofort eine Reihe von Flüchen ins Gesicht geschleudert bekäme, sobald sie sich gegenüber stünden...

*


Newts Nähe tat gut. Er war warm und weich, roch angenehm nach Stroh und Tieren und…
… war viel zu gutherzig, um auf die Idee zu kommen, Albus zu hintergehen. Albus mochte das an ihm.
Über die kommenden Stunden nahm er Newts Wärme und Freundlichkeit in sich auf wie ein Schwamm. Albus wollte sich nicht von ihm lösen. Nun, da er von Newt etwas bekam, das seinen Schmerz linderte, tat er sich schwer damit, ihn wieder loszulassen.
Die kleine Auszeit tat gut. Newts Nähe, das weiche Gras, die warmen Sonnenstrahlen… Das alles ließ auch noch das letzte bisschen Wut verrauchen. Sie ließ Albus erschöpft zurück, mit einer dumpfen Traurigkeit im Herzen, die er zu ignorieren versuchte. Eisern schob er sie von sich und atmete stattdessen bewusst Newts Geruch ein.
„Newt, habe ich dir schon mal gesagt, wie sehr ich dich mag?“ Er setzte Newt einen Kuss auf die Wange. „Ich war bereits von dir verzaubert, als ich dich das erste Mal sah, aber du bist mir in den letzten Wochen wirklich sehr ans Herz gewachsen.“
Albus war verletzt von Gellerts Vertrauensbruch, doch er fürchtete auch, dass er selbst vielleicht Schuld daran trug. Was, wenn Gellert als Erster das Gefühl gehabt hatte, dass sie kein Team mehr waren, weil Albus ihn vernachlässigt hatte? War es etwa nicht offensichtlich, was Albus von denen hielt, die ihm wichtig waren? Er wollte nicht auch noch, dass Newt daran zweifelte. Er wollte ihn bei sich halten, mit all dem tröstenden Licht, das ihn umgab.
Als Newts Wangen sich röter färbten, war Albus erleichtert. Dass er noch einen Effekt auf ihn hatte, beruhigte ihn.
„D-Danke“, stotterte Newt und wich seinem Blick aus. „Ich … ich mag dich auch.“
Tapfer hob er den Kopf und sah Albus in die Augen.
„Sehr“, hauchte er.
Albus lächelte. Ein ehrliches, aufrichtiges Lächeln. Newts Reaktion war Balsam auf seiner geschundenen Seele.
„Das freut mich“, sagte er warm, streckte den Kopf vor und setzte einen weiteren kleinen Kuss auf Newts Lippen. Einen Kuss, der ihm deutlicher machte, wie sehr er nach dem, was er erlebt hatte, nun nach Liebe dürstete. Sehnsüchtig intensivierte er den Kuss, vertiefte ihn, schob sich näher und legte Newt eine Hand in den Nacken, um ihn bei sich zu halten. Newts Lippen schmeckten süß. Und er stellte fest, dass ihr letzter Kuss bereits viel zu lange her gewesen war.
Doch diese kleine Geste der Zuneigung reichte ihm so nicht aus. Albus stützte sich hoch, beugte sich über Newt und küsste ihn erneut, während er halb über ihn gebeugt auf ihm lag. Seine Zunge stahl sich vor, plünderte Newts Mundraum und nahm seinen süßen Geschmack auf. Er seufzte wohlig, als Newts Hände über seine Seiten streichen. Eigentlich hatte er es nicht weiter kommen lassen wollen. Auch, weil er Newt nicht als Lückenbüßer benutzen wollte, oder ihn reduzieren auf einen Zeitvertreib. Aber so, wie Newt auf seine Zärtlichkeiten einstieg und ihm sogar noch mehr gab, fiel es Albus sehr schwer, von ihm zu lassen. Er brauchte ihn gerade zu sehr. Brauchte seine Nähe, seine aufrichtige Zuneigung, seine naive offene Art, die sich nicht verstecken konnte.
Also erwiderte Albus die Streicheleien und schob einen Arm unter Newts Rücken. Er löste den Kuss, um einen weiteren auf Newts Hals zu setzen, und schmiegte sich an ihn. Sein Kopf wanderte tiefer, bis er auf Newts Brust lag und Albus dem beschleunigten Herzschlag lauschen konnte.
„Kann ich noch irgendetwas tun, damit es dir besser geht?", fragte Newt leise.
Albus‘ Herz schmolz ein Stück. Newt war wirklich ein Goldstück. Seine Finger hatten sich bereits wieder in Albus‘ Haar verloren. Er ahnte nicht, wie gut seine liebevolle Nähe gerade tat.
„Dass du jetzt mit mir hier bist, hilft schon ungemein“, raunte Albus ihm zu. Er schloss die Augen, sog Newts Duft ein und spürte, wie es ihn entspannte. Sogar so weit entspannte, dass die inneren Blockaden, die er um sein Herz errichtet hatte, einzustürzen drohten. Krampfhaft hielt er sich davon ab. Wenn er jetzt einknickte, würde er endgültig zusammenbrechen. Dafür war er nicht bereit und er wollte nicht mit Newt über seinen Schmerz reden, wenn es Gellert sein sollte, mit dem er sprach. Wie auch immer ein baldiges Gespräch enden würde …
Statt Newt all diese Gedanken anzuvertrauen, umarmte er ihn stärker und bat leise: „Bitte bleib bei mir.“
„Solange du möchtest", flüsterte Newt ergeben.
Albus presste die Lippen fest aufeinander. So viel Wärme und Zuneigung war im Moment zu viel für ihn. Er weinte selten, weil es wenig gab, das ihn tatsächlich so sehr aufregen konnte, aber nun war er kurz davor, in Tränen auszubrechen. Der Schmerz saß tief und Newts Freundlichkeit öffnete ihn zu sehr für seine eigenen Gefühle.
Tapfer atmete er ein und aus, langsam und bedacht, um sich zu beruhigen. Dann sagte er leise und mit erstickter Stimme: „Danke.“
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