Fragile Pieces [L's Backstory]

von Lepium
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
Beyond Birthday L Matt Mello Near Watari
26.03.2020
26.03.2020
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26.03.2020 3.271
 
Habt ihr L Fans da draußen euch auch schon einmal gefragt, wie seine Vergangenheit ausgesehen haben könnte? Ich zumindest tat das ziemlich oft...
Deshalb habe ich begonnen, ein echtes Herzensprojekt zu planen <3  und seine Vergangenheit zu kreieren.
Bis ich alles auf die Beine gestellt habe, wird es noch eine ganze Weile dauern.
Dies ist also nur eine Art "Vorschau" oder "Leseprobe".
Sobald ich mit der Planung fast fertig sein sollte (was bestimmt noch ein Jahr dauern kann), würde ich hier ein zweites Probekapitel hochladen. Falls euch diese zukünftige FF also interessiert, könnt ihr diese FF gerne in eure Favos packen, dann würdet ihr mitbekommen, wann das Ganze so richtig ins Rollen kommt :)

Ich lade das hier vor allem hoch, um vielleicht eine erste Meinung zu bekommen. Ist mein Schreibstil gut? Klingt das Szenario interessant? Etc. ect.

Ich würde mich über eure Meinung, konstruktive Kritik und vielleicht auch Lob(?) also sehr freuen ^^

Nun viel Spaß mit diesem Kapitel ^0^

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Der Schnee war grau. Nicht weiß. Nicht glitzernd. Er hatte Nichts von der Erinnerung des letzten Jahres.

Gleichmäßig klopfte sein kleiner blasser Finger auf die Scheibe des Glases, wobei jeder Schlag wummernd in seinem Kopf wiederhallte.

Musik…“

Er hielt die Luft an, während er versuchte den Rhythmus zu verändern und die Töne lebendig werden zu lassen, die er vor seinem inneren Auge tanzen sah. Auch seine Finger huschten auf der Scheibe hin- und her, dabei nicht lauter werdend, und beinahe sah es wirklich nach einer Aufführung zwei kleiner Menschen aus.

Musik… Musik…“ Mittlerweile lagen seine nun weit aufgerissenen Augen wieder auf der grauen Masse hinter der durchsichtigen Mauer und beobachteten den fallenden Ruß – eigentlich Schnee, zumindest war es das letztes Jahr gewesen. Im Endeffekt war es gleichgültig, denn für ihn gab es nur die schwirrende Melodie vor seinen Augen, ob nun Grau, Weiß, Schwarz, Blau oder Rot. Er sah sie, er hörte sie nicht und eine Farbe hatte sie auch nicht. Sie war einfach da. Unglücklicherweise verursachten seine umherspringenden Finger neben seinen geliebten Bildern einen scheinbar immer einnehmender werdenden Ton. Seine Lider rissen sich qualvoll auseinander, dabei fleißig weiter auf der Scheibe tippend. Eigentlich liebte er den Schall in seinem Kopf, weil er ihn brauchte, um sich auf den Anblick vor sich zu konzentrieren, doch so laut, vor allem immer lauter werdend, hatte er ihn nicht in Erinnerung. Er zerfetzte seine Ohren, grub sich in seinen Kopf hinein und prallte gegen die Schädeldecke, immer ohrenbetäubender, immer intensiver, immer mehr. Mehr. Mehr.

Und als sein Blick schließlich zu seinen Händen hinabschnellte, zuckten diese zurück und stoppten in ihrer Bewegung. Nebensächlich blinzelte er die Trockenheit in seinen Augen weg und starrte ungläubig auf seine Handflächen vor sich. Er drehte und wendete sie immer wieder, betrachtete den Handrücken, auch seine Handgelenke, doch es änderte sich nichts. Sie waren grau.

„ -bov“

Sein Kopf zuckte nach oben und statt zu Starren konnte er nun nicht mehr mit dem Blinzeln aufhören. Es war nicht nur der Schnee. Die Bäume, die Sträucher, die Vögel, einfach alles. Es war grau. Wieder zappelte er mit seinen Händen vor sich und bestaunte den Anblick der sich ihm bot.

„Lyubov!“

Er wirbelte herum, mit den Fingern am Mund und er spürte es ganz deutlich, er sah es, er hörte es, er fühlte es, wie alles auseinanderbrach. Die Farben kehrten zurück, doch vor allem all die Stimmen um ihn herum. Lyubov sehnte sich augenblicklich nach dem Wummern, egal wie laut es dieses Mal auch gewesen sein mochte.

„Musik… nein… Orchester…“

Der Daumen an seinen Lippen grub sich wie von selbst zwischen seine Zähne und er spürte deutlich den Widerstand seiner Knochen, als er zubiss.

„Hässliches Orchester…“ flüsterte er, bevor er zu dem Mann sah, der seinen Namen gerufen hatte. Obwohl er einige Meter entfernt stand, erkannte Lyubov ganz deutlich seine strahlend grauen Augen, die ihm seltsam nichtssagend entgegenstarrten.

„Dabei ist Papa wütend.“

Das war er immer, wenn er so laut seinen Namen rief. Und wenn der Zorn schließlich in die Züge seines Gesichts gelangte, wusste er, dass es schlimmer nicht mehr werden konnte. Gänsehaut breitete sich bei diesem Gedanken auf seinem Körper aus und er begann vorsichtig und beinahe lautlos zu seinem Vater hinüberzuschleichen. Nur das schmatzende Geräusch durch das Knabbern an seinem Finger war zu hören. Ganz abgesehen von all dem Lachen, dem Rufen, den ganzen Stimmen der anderen Kinder, die verteilt im Raum miteinander spielten. Daniil und Matwej, die gerade die hölzernen Bausteine zu einer Burg stapelten, Luna, Anastasia und Sila, die ein Stofftier fütterten oder Alexander und Polina, die etwas links von ihm standen und zu ihm hinübersahen. Kurz stoppte er und erwiderte ihren Blick.

Er wusste, dass es noch Edik, Kira und Ilja gab.

Alexander streckte ihm die Zunge raus und grinste.

„Lyubov ist komisch“, sagte er zu Polina, jedoch so laut, dass er es klar und deutlich hören konnte.

Außerdem mussten noch irgendwo Jan und Darja sein.

„Total komisch. Und voll eklig.“ Alexander sah Lyubov direkt in die Augen und Polina begann zu kichern. Nun drehte er sich vollständig zu ihnen herum.

„Bitte entschuldige.“ In seiner Stimme lag kein Klang, keine Emotion. Nur seinen Daumen drückte er daraufhin augenblicklich wieder zwischen seine Zähne und begann dieses Mal an seinen Nägeln zu knabbern.

Er wollte sein Wummern zurück, die Ruhe, die sich darin verbarg oder vielmehr die Wand, die alles andere verbannte. Und natürlich die Bilder, die Melodie die heute vor ihm getanzt hatte. Beim nächsten Mal würden es vielleicht Tiere sein, die ihre Gesichter verzogen oder Bücher, die flogen.

„Lyubov!“ Die hauchzarte Falte zwischen den Brauen seines Vaters verhieß nichts Gutes, zudem sah seine Mutter so aus, als würde sie gleich weinen. Schnell tapste er deshalb zu den beiden hinüber, genau zwischen ihnen stehend. Eine hellblonde Haarsträhne hüpfte aus der zurückgekämmten Frisur des großen Mannes, als er hinter Lyubov schritt und sich niederkniete. Er nahm mit beiden Händen das blasse Gesicht seines Sohnes und drehte es leicht nach oben, sodass Lyubov nun direkt in die Augen der Erzieherin sah.

„Mein Sohn ist ein Genie.“

Die raue Haut rieb sich unangenehm an seiner Wange. Es kratzte und kitzelte gleichzeitig, als würde jemand sandiges Papier hin- und herziehen. Wie ein eingefallener Sack stand Lyubov unbeweglich im Raum, dabei ohne ein Zucken den Blickkontakt haltend mit der jungen Frau vor sich. Eigentlich hätte er die Finger, die an seinem Gesicht umherkneteten und sich immer stärker hineingruben, am liebsten von sich weggeschlagen. Er wollte zurück an die Scheibe.

„Ihr Sohn ist außergewöhnlich, das will ich nicht-“

„Er ist in der Gruppe für die Fünfjährigen, die Gruppe, die nächstes Jahr in die Schule kommt, obwohl er erst Vier ist.“ Die Stimme von Genadij Lawliet klang ruhig, beinahe gelassen, doch der eisige Blick verriet die Eindringlichkeit, die er vermitteln wollte.

„Natürlich, ich-“

„Er kann bereits lesen, sogar einfache Sätze in Englisch sprechen und er erfüllt die Leistungsanforderungen für die ersten Schulklassen im Fach Mathematik. Nennen Sie mir einen guten Grund, weshalb Lyubov nicht mit den anderen in die Schule wechseln sollte.“

Seine Stimmenlage hatte sich noch immer nicht verändert, dafür schüttelte er unter dem festen Halt seiner Hände den Kopf seines Sohnes leicht hin- und her, als wolle er seine Präsenz und Genialität noch einmal verdeutlichen wollen.

Lyubov beobachtete jede Bewegung, jedes Zucken von Inna Schtscherbakow. Ihre Brauen hatten sich gefurcht, womit sie ebenso undeutsam verzweifelt wie die Mutter des Jungen wirkte und für einen kurzen Moment nur unwirsch ihre Hände knetete und nach oben sah. Sie durchbrach ihren Stillstand mit dem verziehen ihres Gesichtes, wobei sie den direkten Blickkontakt mit Lyubovs Vater suchte, auch wenn es zweifelhaft war, ob sie in dessen Augen das fand, wonach sie suchte.

„Ihr Sohn ist“, rasch warf sie der Mutter des Jungen einen Blick zu, ehe sie noch einmal durchatmete.

„Die Leistungen ihres Sohnes sind bemerkenswert. Er versteht schnell, er beobachtet alles und sein Wissen… es ist kein Vergleich mit den Anderen.“

Obwohl sein Vater nichts sagte, brannte in seiner Ausstrahlung die gereizte Frage nach dem aber?

„Allerdings… ich denke es ist das beste, wenn Lyubov noch etwas Zeit bekommt. So wie alle in seinem Alter-“

„Weil?“, durchschnitt der großgewachsene Mann ihr das Wort, ließ endlich von Lyubovs Wangen ab und richtete sich nun wieder vor Frau Schtscherbakow auf.

„Weil… wie soll ich sagen. Lyubov ist ein lieber Junge. Und intelligent, keine Frage-“

„Das sagten Sie bereits.“

Eine Pause des Anschweigens entstand.

„Lyubov weist einige Probleme im sozialen Bereich auf, würde ich meinen.“

„Ach, würden Sie das?“

Das ohnehin ausgezehrte Gesicht von Frau Schtscherbakow schien immer weiter in sich zusammenzufallen, in der Verzweiflung gefangen so viel sagen, so viel erklären, vor allem überzeugen zu wollen, doch gleichzeitig mit der Angst vor diesem eisig wirkenden Mann, der viel mehr als sie selbst in dieser Welt zu sagen hatte. Sie schaffte es kaum, ihm in die Augen zu schauen und das Kratzen in ihrem Hals machte es ihr nicht unbedingt leichter.

„Manchmal, da scheint Lyubov sich ziemlich abzuschotten. Jedes Kind braucht seinen Freiraum und seine Zeit für sich, das ist ganz normal. Nur, mir kommt es so vor, als gäbe es Momente… wo er einfach verschwinden will, dann ist er kaum ansprechbar. Und die anderen Kinder, ab und zu gibt es Probleme-“

„Genadij, ich bitte dich.“ Miyu Lawliet stand da wie ihr Sohn, mit eingefallener Haltung und leer wirkendem Blick. Trotzdem hatten sich die Falten der Sorge und Erschöpfung in ihre Züge gebrannt, und in Kombination mit ihren nervösen Handbewegungen wirkte sie zerbrechlich, beinahe als würde sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen.

„Frau Schtscherbakow sagt es. Lyubov braucht noch ein Jahr. Er ist doch gerade erst-“

„Du lässt mich dieses Thema regeln.“

Die Lippen seiner Mutter kräuselten sich, aber erwidern tat sie nichts. Nur still und unbemerkt griff sie nach Lyubovs kleiner Hand. Derweil hatte er seinen Blick, den er zuvor unaufhörlich auf Frau Schtscherbakow gerichtet hatte, gesenkt und nahm nur nebenbei die Berührung seiner Mutter wahr. Viel präsenter waren dafür die Hände seines Vaters, die nun von oben auf seine Schultern drückten.

„Was für Probleme könnte es mit meinem Sohn geben.“ Es war unmissverständlich, dass er keine Antwort darauf hören wollte, stattdessen sprach verurteilende Empörung aus ihm.

Lyubov beobachtete, wie Frau Schtscherbakow kurz wehleidig zu ihm nach unten blinzelte und er fragte sich, ob sie wohl Schmerzen hätte.

„Herr Lawliet…“ Ihre Stimme war kaum mehr ein Flüstern und er wusste, was das bedeutete. Ein Geheimnis. Der Griff seiner Mutter wurde etwas fester, doch er versuchte es zu ignorieren und sich auf die vorbeihuschenden Worte seiner Erzieherin zu konzentrieren.

„Wollen wir das wirklich vor Lyubov besprechen-“

Ganz plötzlich erwiderte er die Umklammerung seiner Handfläche und in seinem Herzen wurde es heiß, auch wenn er nicht wusste, wieso.

„Lassen wir ihn mit den anderen Kindern spielen.“

„Frau Schtscherbakow ist meine Lieblingsfreundin“, ging es ihm bei ihren Worten augenblicklich durch den Kopf und aus der seltsamen Hitze wurde eine angenehme Wärme. Frau Schtscherbakow war lieb, immer, und sie verstand all die Spiele, die er gerne spielen wollte.

„Es gibt nichts zu sagen, was er nicht hö-“, der eintönige, sich widerholende Widerspruch Herr Lawliets wurde durch das unbedachte Meckern von Alexander durchbrochen.

„Ich will nicht mit Lyubov spielen. Der ist komisch.“ Er hatte sich, zusammen mit Polina, hinter die junge Erzieherin geschlichen und beide lugten nun hinter ihren Beinen hervor. Wie zuvor musste das kleine Mädchen kichern, doch diesmal stupste sie den grimmig dreinschauenden Alexander von der Seite an.

„Frau Schtscherbakow hat auch noch nie gesagt, dass ich komisch bin. Oder eklig.“ Die Hitze schnellte in sein Herz zurück, wobei seine Hand schlaff nach unten sank und sich gegen sein Hosenbein drückte.

„Oder magst du den?“ Mit einer überzogenen Grimasse wich er vor Polina zurück, dabei nicht den erdolchenden Blick von Herrn Lawliet bemerkend. Ein Schmunzeln schlich sich in das Gesicht des Mädchens und mit einer springenden Bewegung lief sie in die Mitte des Kreises der Erwachsenen und blieb vor Lyubov stehen.

„Ich mag Lyubov.“ Ein breites Lächeln strahlte dem schwarzhaarigen Jungen entgegen.

„Ein Wackelzahn ist rausgefallen“, stellte er gedanklich sofort fest. Außerdem –

„Deine Haare sind anders.“ Sein Blick raste von einem Punkt zum nächsten, über ihr Gesicht, die Haare, den Oberkörper, Arme, Beine, alles. Aber der Rest war wie immer, es waren nur die Haare und der Zahn.

Das Lächeln auf ihren Lippen erstarb und sie blinzelte ihm entgegen.

„Stimmt gar nicht!“, schrie Alexander, noch immer versteckt hinter dem Hosenbein der jungen Frau.

„Hihi“, Polina klatschte in die Hände.

„Meine Mama hat sie geschnitten.“

Lyubovs Hand raste in die Luft, ehe Polina Luft holen konnte.

„So viel-“ er zeigte auf seinen erhobenen Zeigefinger und sah dabei etwas abwesend an dem Mädchen ihm gegenüber vorbei.

„Toll Lyubov, toll, woher weißt du das?“ Ein Lachen erfüllte den Raum der kleinen Gruppe und sie klatschte erneut in die Hände.

„Ich habe gesehen-“ Schnell wurde Lyubov unterbrochen, als Polina nach seinem Handgelenk griff und ihn mit sich ziehen wollte.

„Lass uns spielen.“

Sein Arm verkrampfte sich, sein Körper fühlte sich an wie eine Statue und er sah sich verwirrt um. Was sollte er tun?

„Heeh-“ Auch Alexander kam daraufhin hinter dem Schutz von Frau Schtscherbakows Beinen hervorgeschlichen und griff nach Lyubovs freiem Arm.

„Ich will auch.“ Ein Grinsen bildete sich auf seinem Gesicht.

Sie zerrten, zogen und ihre lauten Stimmen trafen den blassen Jungen völlig ungefiltert, beide sprachen, fragten, lachten und Lyubov stockte der Atem.

Wer zuerst? Welche Frage hatte Vorrang, welche Bewegung? Er wusste, er musste jetzt einen Schritt voran gehen, ihnen folgen. Doch in welche Richtung wollten sie?

„Es tut weh…“ Die Ärmel des hochwertigen Stoffes von seiner Strickjacke zogen sich mittlerweile über seine Handflächen und zwischenzeitlich spürte er die Umklammerung an seinen Unterarmen von dem ungebremsten Willen der beiden Kinder mit ihm spielen zu wollen. Seine Beine standen unbeweglich und verkrampft an Ort und Stelle, wie ein verängstigter Hund, der nicht wusste, wohin er fliehen sollte. Und das taten sie auch nicht, und wäre es nach ihm gegangen wäre er dort für immer stehen geblieben, gefangen in dem Grübeln über die richtige Entscheidung, wann, mit welchem Bein und in welche Richtung er seinen ersten Schritt machen sollte. Trotz seines Wunsches war sein Körper kein Monument und er konnte dem Zerren kaum standhalten. Seine Knie wurden immer zittriger und seine Fußflächen begannen seitlich wegzurutschen. Und dann, dann zog Alexander wieder, kräftiger und ruckartiger als zuvor und Lyubovs Knie knickten ein, nachdem sein rechtes Bein einen Satz nach vorne gemacht hatte.

Weder Frau Schtscherbakow, noch Genadij oder Miyu Lawliet hatten ein Wort während des Schauspiels von sich gegeben, sie hatten es lediglich beobachtet, die beiden Frauen mit gemischten Gefühlen, vor allem aber Mitleid, wohingegen sich in Gendaij Lawliet immer mehr Wut angestaut hatte. Und nun lag Lyubov auf dem Boden, Alexander und Polina ganz erschrocken und auch der Rest der Kinder hielt den Atem an und beäugten neugierig den auf dem Boden liegenden Jungen. Sein polternder Aufschlag war wie eine Bombe gewesen, die für kurze Zeit alle in eine Schockstarre versetzte.

Dann liefen die Tränen, zunächst völlig lautlos, aus noch immer weit aufgerissenen, erschrockenen Augen. Lyubov entwich das erste Schluchzen und schließlich begann er lauthals zu weinen, mit dem Kopf nach unten gerichtet.

„Es tut weh.“ Er wollte dort liegen bleiben. Er wollte, dass alles still blieb. Jedoch geriet durch sein Weinen auch die Welt um ihn herum augenblicklich wieder in Bewegung. Die Kinder stürmten zu ihnen hinüber, jeder wollte einen Blick erhaschen und auch Polina begannen die Tränen hinunterzuströmen. Reflexartig wollte Frau Lawliet sich zu ihrem Sohn hinunterbeugen, während Frau Schtscherbakow unwirsch den Versuch startete sich um beide weinenden Kinder gleichzeitig zu kümmern, nicht wissend, bei wem oder mit was sie beginnen sollte. Doch bevor einer der beiden ihr Vorhaben richtig umsetzen konnte, griff Genadij Lawliet den an seinen Körper gepressten Arm Lyubovs und zog ihn auf die Beine.

„Es tut so weh.“

In seiner Schulter erklang ein seltsames Klacken und nach dem Schreck des Fallens durchströmte ihn kurzzeitig ein realer körperlich Schmerz, bis er schließlich wackelig auf seinen Beinen stand. Noch immer kribbelten seine Handgelenke, sein Kopf war von einem Wummern erfüllt und irgendwo in seinem Herzen keimte ein Funken von Angst auf. Nichts davon durfte er jetzt mehr zeigen, auch wenn er es deutlich spürte. Sein Vater war sauer, ganz sicher. Und in solchen Momenten war es das Beste, die Füße still zu halten, keine zusätzliche Belastung darzustellen, nach seinen Regeln zu spielen.

„Das reicht jetzt.“ Auch jetzt erhob sich die Stimme Genadij Lawliets nicht zu einem wütenden Schreien, doch war sie deutlich kräftiger geworden, unterstützt durch seine nun endgültig erbosten Gesichtszüge. Nebensächlich richtete er die Strickjacke Lyubovs und knöpfte den obersten Knopf zu.

Seine Worte waren donnernd durch den Raum gehallt und niemand wagte es, einen Ton von sich zu geben. Einzig Polina schluchzte weiter leise in sich hinein und vergrub sich in die schützenden Arme von Frau Schtscherbakow. Obwohl wahrscheinlich keines der Kinder erklären oder begreifen konnte, was vor sich ging, erkannte jeder einzelne von ihnen intuitiv die Situation. Sie spürten die zermürbende Autorität und die erbarmungslose Kälte, die sie treffen würde, wenn sie ihm keinen Respekt entgegenbringen würden.

Für einen kurzen Moment war, neben ihrem Bedürfnis sich übergeben zu wollen, in Frau Schtscherbakows Herzen ein Funke von Hoffnung entstanden.

„Sehen Sie, was ich meine?“, dachte sie zermürbt und blinzelte dem Mann mit den grauen Augen entgegen.

„Sehen Sie, was ich meine?“

Nun begannen die Lider der jungen Erzieherin regelrecht zu flattern, als er ihre Gedanken wortgetreu laut aussprach.

„Das ist eine Zumutung. Kein Wunder, dass Lyubov unterfordert ist, umgeben von Kindern, in dessen geistigen Entwicklungsstand er sich gar nicht mehr hineinversetzen kann.“

Prompt rutschten jegliche Hoffnungen in ein schwarzes Loch hinein.

Mit denselben Worten auf der Zunge, doch weit voneinander entfernten Bedeutungen im Kopf, blickten sich die beiden Fronten entgegen und für einen winzigen Augenblick empfand Frau Schtscherbakow nicht nur Mitleid mit Lyubov, sondern auch mit dessen Vater. Ein Mann, gefangen in seiner Illusion, ohne zu merken, was er damit anrichtete. Mit dieser Erkenntnis bereichert, wusste sie leider noch viel weniger, wie sie gegen einen solchen Irrsinn ankämpfen sollte. Sie wollte ihn anschreien und schütteln, Lyubov von ihm wegziehen, aber stattdessen konnte sie in ihrer Hilflosigkeit nur zusehen, wie Genadij Lawliet Lyubov am Arm packte und sich mit ihm auf den Weg zum Ausgang machte. Er zerrte einen schwarzen Mantel von einem Kleiderhaken, legte seinem Sohn diesen behutsam in seine freie Hand und deutete ihm an, sich anziehen zu sollen.

„Ich diskutiere nicht weiter mit Ihnen, Frau Schtscherbakow. Ich erwarte Ihre Empfehlung für Lyubovs vorzeitige Einschulung. Machen Sie das Schreiben bis zur nächsten Woche fertig.“

Schwungvoll riss er die Tür auf und die kalte Luft wirbelte in den vorderen Bereich des Raumes, erbarmungslos in die Gesichter des Vater-Sohn Gespanns. Lyubovs Arm sprang schützend vor seine Augen. Dann drehte er sich noch einmal um, warf einen Blick auf den noch bebenden Körper Polinas und erhaschte den Anblick Alexanders zornigen Ausdrucks, der ganz und gar ihm galt, bevor er endgültig hinaus in die verschneite Landschaft geschleift wurde.

Seine Mutter verbeugte sich noch einmal, eine Angewohnheit, die sie aus ihrem Heimatland mitgetragen hatte, bevor auch sie verschwand. Frau Schtscherbakow konnte nicht mit Gewissheit sagen, ob sie in den Augen der Japanerin nur seelenlose Leere oder von Verzweiflung zerfressene Erschöpfung gesehen hatte. Aber dass sich in dieser Familie ein Virus befand, der sich langsam und stetig auch in dem Jungen ausbreiten würde, daran bestand für sie kein Zweifel.

Sobald das letzte Kind mit seinen Eltern für diesen Tag verschwunden sein würde, würde sie das Schreiben aufsetzen. Sie würde die Empfehlung für Lyubovs frühzeitige Einschulung fertig machen. Denn zu ihrem Bedauern kannte sie kein Heilmittel gegen diese Krankheit.

Und anstecken wollte sie sich auch nicht.
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