Ein Kaffee Latte und Tränen

von qhanqibe2
KurzgeschichteDrama, Romanze / P12 Slash
26.03.2020
26.03.2020
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Es war frisch draußen und Mia bereute, in der Eile nur ihre dünne, schwarze Strickjacke übergezogen zu haben. Und das war nicht das einzige, was sie heute bereute; manchmal war es nämlich doch besser, die Wahrheit für sich zu behalten, auch wenn es einen mit der Zeit erdrückte. Denn jetzt … hatte sie gar nichts mehr, wusste nicht, was sie tun sollte. Und alles nur wegen drei kleinen Worten, mit denen sie eigenhändig ihr Leben ruiniert hatte. Ich bin lesbisch. Warum hatte sie das nur sagen müssen, während ihre Familie so friedlich am Küchentisch saß? Ihre Mutter hatte die Werbung nach hübschem Geschirr durchblättert, ihr Vater den Sportteil der Zeitung und ihre Oma hatte ein neues Paar Socken gestrickt, auch wenn das eigentlich niemand brauchte. In diesem Moment war es sie dann einfach überkommen; sie hatte in ihre Kaffeetasse gestarrt und ihr war klar geworden, dass sie ihre wahren Gefühle nicht immer verstecken konnte. Und dass sie es satt hatte, von allen gefragt zu werden, ob sie an ihrer Uni vielleicht schon einen »schmucken Freund« gefunden hatte, wie ihre Großmutter sagte. Dabei war das doch genau das Gegenteil von dem, was sie wollte. Ein süßes Mädchen, klug und witzig, das sie verstand … Das wollte sie, schon seit der siebten Klasse. Damals dachte sie nicht darüber nach, ob dieser Wunsch ›abartig‹ war. Zumindest, bis ein Mädchen aus ihrer Stufe sich vor allen geoutet hatte. Diese angeekelten Blicke der anderen und dass niemand mehr etwas mit ihr zutun haben wollte, erschreckte Mia. War es denn wirklich so falsch, Mädchen zu lieben? Sie erinnerte sich noch gut an der verzweifelten Blick ihrer Mitschülerin als die anderen sie aus der Umkleide stießen. Selbst ihre Freunde hatten gesagt, dass es ›eklig‹ war, sich mit so einer ›Lippenstiftlesbe‹ umzuziehen und dass sie einen bestimmt bespannerte, wenn man mal wegsah. Es war schrecklich gewesen und so hatte Mia diese Gefühle tief in sich verborgen und sie für Jahre versteckt. Die Zeiten hatten sich geändert, inzwischen hatten sich selbst einige aus ihrem Studienkreis öffentlich geoutet und sie hatte wirklich gedacht, ihre Familie - die immer für sie da gewesen war - würde sie jetzt verstehen. Aber das tat sie nicht. Ihre Großmutter hatte sie angesehen wie ein Monster. Ihr Vater hatte gefragt, ob das ein Witz war. Und ihre Mutter hatte diesen traurigen, enttäuschten Blick, der Mia durch Mark und Bein gegangen war. Nein, sie verstanden es nicht und sie würden es nie verstehen. Diese Erkenntnis ekelte sie plötzlich so sehr an, dass sie einfach aufgesprungen war, sich ihre Tasche geschnappt hatte und aus der Wohnung lief, die Treppen hinunter nach draußen - einfach weg von dieser wiederlichen Szenerie, weg von diesen wiederlichen Mensch. Das war nicht mehr ihre Familie, hatten sie in diesem Moment gedacht und dennoch tat ihr Herz weh und Tränen kamen in ihr auf. Was hatte sie im Leben nur falsch gemacht? So wie sie war, würde sie niemand jemals aktzepzieren. Und es gab kein Zurück mehr, jetzt wo die Katze aus dem Sack war. Sie würde nie wieder in der Küche sitzen und ihrer Oma von dem langweiligen Professor erzählen, der immer ihren Namen vergaß und sie würde nie mehr mit ihrer Mutter einkaufen gehen. Sie würde nie mehr mit ihrem Vater ins Hansestadion gehen und mit ihm Fußball gucken, sie würde nie mehr mit allen zusammen Geburtstag feiern … Langsam wurde ihr bewusst, wie viel sie ›nie mehr‹ tun konnte. Aber das aller schlimmste war, dass sie auch nicht mehr wusste, was sie tun konnte. Jetzt, sofort. Denn sie konnte nicht ewig so ziellos durch die Stadt spazieren, verheult und frierend. Zum Glück hatte sie wenigstens ihr Portemonnaie dabei und in ihrer Tasche alle Notizen, die sie in nächster Zeit für die Uni brauchen würde. Insgesamt hatte sie zwar wenig Ersparnisse beisammen, aber für ein paar Tage im Hotel würde es wohl reichen - ihre Freunde anzurufen traute sie sich nicht. Wer wusste, wie sie mit der Wahrheit umgehen würden? Anstatt sie für einige Zeit aufzunehmen, würden sie sich vielleicht auch vor ihr ekeln, genau wie vor dem Mädchen damals in der Schule. Nochmal diesen Schmerz, der zeigte, dass sie etwas verloren hatte, ertrug sie jetzt nicht.
Mit diesen Gedanken im Kopf lief so lange, bis ein erster Regentropfen ihr ins Gesicht fiel und sie darauf aufmerksam machte, dass runter bis zum Hafen gegangen war, wo die Schiffe ruhig vor sich hin dümpelten. Dunkle Wolken waren am Himmel aufgezogen und sie schlang ihre Jacke enger um sich, ehe sie kehrt machte und wieder Richtung Einkaufspassage lief; zumindest irgendwo unterstellen musste sie sich, bevor sie überlegte, was jetzt genau zutun war.

Überall schienen sie die Menschen anzustarren. Mia hatte ständig das Gefühl, beobachtet zu werden - so als sahen sie die Jugendlichen aus dem McDonalds da vorn durch die Glasscheibe genauestens an, sahen ihr Geheimnis und machten sich darüber lustig. Sie wurde fast verrückt davon, durch die Straßen zu gehen, angesehen zu werden … Es machte ihr Angst uns sie fühlte sich so nackt, so schutzlos. Dabei wusste sie, dass niemand die Wahrheit kennen konnte. Für all diese Menschen war sie nur das langweilige Mädchen mit dem braunen Pferdeschwanz, das während eines Einkaufsbummels Schutz vor dem Regen suchte. Dennoch traute sie sich nicht in all diese vollen Läden mit unzähligen Augenpaaren, die über sie hinweg glitten. Schließlich verschlug es sie in die schmaleren, abgelegeneren Gassen, die größtenteils leer waren und in denen sich dennoch oft vereinzelte Geschäfte auswenig machen ließen. Heftige Regentropfen fielen langsam auf das Steinpflaster und gaben Mias Schritten einen quitschigen Klang, während sie sich - nun schon etwas panischer - umsah. Sie brauchte jetzt dringend einen Ort zum Unterkommen, irgendeinen … Die Straßen und Backsteinmauern der Häuser verschwammen vor ihren Augen und Angst kam in ihr auf, Einsamkeit. Niemand würde ihr helfen. Sie war jetzt auf sich gestellt, nur weil sie den Mund nicht hatte halten können. Warum war das Schicksal nur so grausam?
Am liebsten hätte sie sich einfach auf den Boden gehockt und begonnen zu weinen, wie ein kleines Kind, das verloren gegangen war. Aber dann sah sie etwas ganz schwach - ein Licht! Und dem folgte sie, um die Ecke, bis sie vor einem kleinen Café zum Stehen kam. Eine Welle der Erleichterung brach über sie herein, als sie das alte, verwitterte Schild betrachtete; Ritas Café und durch die beschlagenen Glaswände konnte sie innen ein Thresen und Tische ausmachen. Ein schwarzes Geöffnet- Schild hing an der Tür und sie beeilte sich, jene zu öffnen und hastig in den warmen, trockenen Raum zu treten. Drinnen begrüßten sie alte, dunkle Holzmöbel samt Parkett, an den lindgrünen Wänden hingen alte Schwarzweiß-Fotografien und der Duft nach Kaffeebohnen strömte aus einer angelehnten Tür hinter dem Thresen, der eben so gut in einer veralteten Apotheke hätte stehen können. Es wirkte nett und da ansonsten keine Gäste da zu sein schienen, entspannte sich Mia sofort etwas, bis aus der Ecke eine weiche, sanfte Stimme erklang.
»Herzlich Wilkommen. Setzen Sie sich doch, wohin Sie möchten.«
Mia erschrak, doch erblickte schon im nächsten Moment eine schlanke junge Frau mit zusammen gebundenen blonden Haaren, schwarzem Fleece-Pulli und Jeans, die an einem verstaubten Bücherregel hantierte. Sie nickte ergeben und setzte sich an einen runden Zweiertisch links neben dem Thresen und stellte ihre Tasche neben sich auf den Boden. Gedankenverloren betrachtete sie die altmodische Tafel, sich gegenüber an der Wand, an der etliche Getränke samt ihrer Preise aufgelistet waren. Sie wusste partout nicht, was sie nehmen sollte - sie wusste nichts mehr, so leer gefegt war ihr Kopf. Als die junge Frau, die wahrscheinlich für die Bedienung zuständig war, nach einigen Minuten zu ihr hinüber schlenderte und freundlich nach ihrer Bestellung fragte, zuckte sie nur müde mit den Schultern.
»Bringen Sie mir bitte einfach irgendwas warmes zutrinken … Egal was.«
Die Frau nickte, was eine blonde Strähne hinter ihrem Ohr löste, die ihr um das schmale Gesicht fiel. Dunkelblaue Augen, so wie das Meer. Blonde Haare, so strahlend wie Gold. Auch wenn sie es eigentlich nicht wollte, checkte Mia sie mit ihrem Blick ab, bis sie durch die Tür hinter den Thresen verschwand. Dabei hatte sie doch wirklich größere Probleme, schoss es ihr dann wieder durch den Kopf. Ihre Familie hatte sie verstoßen, sie wusste nicht, wo sie heute Nacht schlafen und wo sie jetzt leben sollte, wie sie Geld auftrieb und ihr Studium schaffte …
Sie schreckte unwillkürlich hoch als vor ihr auf dem Tisch eine dampfende Tasse abstellte und die blonde Bedienung sich schweigend auf dem Stuhl ihr gegenüber niederließ. Sie stützte den Kopf auf die Hände und musterte Mia durchdringend.
»Dir geht's wohl nicht gut, was?«, bemerkte sie dann äußerst scharfsinnig und deutete auf die Wärme verströmende Tasse vor ihr.
»Trink das, dann geht's dir etwas besser. Geht aufs Haus.«
Mia krächzte verdattert ein leises »Danke« und hob vorsichtig die Tasse an, ehe sie einen Schluck der cremigen Flüssigkeit zu sich nahm - sie war warm und hatte die perfekte Konsistenz zwischen süß und bitter. Sie nahm noch einen Schluck und stellte die Tasse dann wieder ab, ein leicht melancholisches Lächeln auf den Lippen.
»Danke, es schmeckt gut. Ich fühle mich wirklich besser.«
Die Blonde nickte verständnisvoll.
»Ist ein Latte, mit viel Milch, das beruhigt. Ich bin übrigens Natalie und du?«
»Mia.«
Natalie hielt ihre ihre schmale Hand entgegen, die sie zögerlich schüttelte - sie war überraschend warm und schön weich.
»Okay, Mia. Und was machst du hier, so allein? Ist nicht gerade üblich, dass um diese Zeit Leute vorbei kommen, besonders keine in meinem Alter.«
Sie lächelte schmal und Mia wurde etwas nervös. Dennoch brannte sie darauf, jemandem das geschehen zu erzählen, selbst wenn es ein erneuter Fehler war. Selbst wenn diese viel zu hübsche und freundliche Bedienung sie danach abstoßend finden könnte.
Sie holte tief Luft und begann zögerlich zu erzählen:
»Na ja, es ist so. Heute habe ich meiner Familie gesagt, dass ich … dass ich auf Mädchen stehe. Aber sie haben es, sagen wir mal, nicht so gut aufgenommen und ich bin weg gelaufen, einfach raus. Ich … Es hat einfach so sehr wehgetan, dass sie es nicht verstehen. Und naja, jetzt weiß ich nicht, wo ich hin soll.«
Sie starrte betreten auf ihren Latte.
»Verstehe, sowas ist wirklich nicht einfach. Manche Menschen müssen eben noch dringend lernen, dass es nicht nur eine Sexualität auf der Welt gibt.«
Natalie seufzte und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.
»Tut mir jedenfalls echt leid für dich. Und wenn du willst, kannst du gern heute Nacht bei mir schlafen, ich wohne über dem Café.«
Mia schaute sie an als habe sie gerade verkündet, von der nächsten Brücke zu springen und dabei I believe, I can fly zu singen. Hatte diese Frau das gerade nicht mitbekommen oder wollte sie wirklich Mia - eine Lesbe - bei sich übernachten lassen?! Gekonnt räusperte sie ihre plötzliche Überraschung weg und nickte leicht.
»Ja, gern! Also … wenn die wirklich nichts dagegen hast und ich nicht störe.«
»Schon gut, ich kann dich bei dem Regen doch nicht rausschicken.«
Natalie deutete auf das Fenster, gegen das ungehemmt der starke Regen prasselte. Es verursachte ein angenehmes, geradezu beruhigendes Geräusch. Mia nippte am Rest ihres Kaffees, froh, nicht mehr ganz planlos zu sein. Diese Frau war wirklich ein Engel.
Doch gerade als sie ihre Tasse leer getrunken und sie zurück auf den Tisch gestellt hatte, vibrierte etwas laut in ihrer Hosentasche und sie erschrak. Es war ihr Handy, was sie nur mit zittriegen Fingern hervor klaubte.
Papa prangte auf dem von unzähligen Rissen überzogenen Display und ihr Magen zog sich zusammen. Düster legte sie das Handy auf den Tisch, den Alarmton ignorierend.
»Willst du nicht rangehen?«, fragte Natalie neugierig. Mia schüttelte beklommen den Kopf.
»Ist mein Vater.«
»Dem sollten wir erst recht eins auswischen.«
Flink griff die Blonde über den Tisch hinweg nach dem Telefon und nahm das Gespräch an, ehe Mia überhaupt die Chance hatte, das zu realisieren.
»Hallo, wer ist da?«, flötete Natalie auch schon ins Handy und Mia sank glatt das Herz in die Hose. Was machte diese Frau da gerade bitte?!
»Ach, Sie sind Mias Vater! Und ich, naja, ich bin natürlich ihre Freundin, schön Sie kennenzulernen … Nein, das ist kein Witz und wenn Sie Ihre Tochter zurück haben wollen, entschuldigen Sie sich besser bei ihr, ja? Also dann, einen schönen Abend noch!«
Damit beendete Natalie das Gespräch und schob Mia wieder ihr Handy zu.
»Bitte. Vielleicht verstehen sie ja jetzt, dass es dir ernst ist.«
Sie stand auf und streckte sich. Immer noch total verwirrt sah Mia ihr dabei zu, ehe sie zögerlich fragte:
»Hast du … hast du gerade gesagt, du wärst meine Freundin? A-aber wieso …«
»Damit auch dein Vater merkt, dass du vorhin nicht den Scherz das Jahres gemacht hast. Naja, vielleicht sieht er es ja jetzt ein und entschuldigt sich. War bei meinem Alten auch so.«
»Moment, wie jetzt, bei dir auch?«
Noch konfuser aus vorher starrte Mia sie an und bekam als Antwort nu ein schönes, breites Grinsen.
»Na ja, was soll das schon heißen?«
Natalie setzte sich wieder zu ihr an den Tisch und deutete auf die leere Tasse.
»Willst du eigentlich noch einen oder sollen wir langsam in meine Wohnung gehen?«
»Also, ähm … Was dir lieber ist«, antwortete Mia und wurde dabei knallrot. Plötzlich schien der Kaffee nicht mehr das einzige zu sein, das hier heiß war.