Blinded By Love

von qhanqibe2
GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
26.03.2020
26.03.2020
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Überall stapelten sich Kisten. Max stolperte schon beim bloßen Versuch in die Küche zu gehen und sich etwas zutrinken zu holen, was ihn erneut fluchen ließ; Was hatte sein Vater sich nur dabei gedacht, gerade jetzt hierher zu ziehen, wo er doch nichtmal Zeit zum Auspacken hatte? Klar, es hatte seinen Vater sichtlich genervt, jedes Wochenende zweihundert Kilometer zu fahren um bei seiner Freundin zu sein, aber er hätte genauso gut auch ein Mal Zuhause bleiben können - sein eigener Sohn hatte ihn so nämlich fast gar nicht mehr gesehen. Weder seine Noten, seine Freunde, noch die Tatsache, dass er sich als schwul geoutet hatte, hatten Dominik Seider auch nur im Geringsten interessiert. Bei ihm ging es plötzlich nur noch um Marlene. Marlene, Marlene, Marlene ... Warum hatte diese dumme Blondine auch gerade ihm den den Kopf verdrehen müssen? Er hatte jetzt schließlich den Schaden, saß jetzt hier in Rostock, getrennt von seinem Freund Sebastian, mit gebrochenem Herzen und ohne Freunde, geschweige denn genügend Geld um eine Süßigkeiten-Fressorgie zu starten. Und das war noch nicht mal das schlimmste.
Endlich schaffte er es halbwegs unverletzt durch den Karton-Jungle und goß sich in der Küche ein Glas Orangensaft ein. Der mit Fruchtfleisch, wie er zur Bekräftigung seines großen Unmuts auch sofort feststellte. Wie er diesen Haushalt hier nur hasste! Und Marlene gleich dazu. Außerdem war da ja noch ...
»Kann ich auch welchen haben?«
Ein großer, muskulöser Junge mit blonden Haaren steckte seinen Kopf durch die Tür. Genau, da war ja noch Kai Wendele, der älteste Sohn von Monika. Wortlos schob Max ihm die Saftpackung hin und schnappte sich sein Glas von der Küchentheke, um sich damit an den kleinen Esstisch zu setzen. Er hörte, wie Kai sich ebenfalls ein Glas Saft vollgoß und starrte abweisend auf die rot-weiß karierte Tischdecke. Jetzt wohnte er schon eine Woche hier, die Ferien gingen zuende und er vermisste Sebastian immer mehr.
»Alles okay? Ich hoffe, du hast dich etwas eingelebt.«
Kai setzte sich ihm lächelnd gegenüber und schaute erwartungsvoll. Am Liebsten hätte Max ihm dafür sein Glas ins Gesicht geschmettert; er wollte nicht reden, diesen Typen nicht kennenlernen und auch keine Zeit mit ihm verbringen.
»Geht so.«
Er starrte weiter auf die Tischdecke, zählte die roten Karos und die weißen Zwischenräume - dieses nette Getue ging ihm einfach auf den Keks. Kein Wunder, dass er sich da die ganze Zeit in seinem Zimmer verkroch, falls man diesen kleinen Raum überhaupt so nennen konnte. In Berlin war sein Zimmer zweimal so groß gewesen, mit strahlendweißer Tapete und echtem Dielenboden. Klar, war sein altes Leben dort auch nicht gerade perfekt gewesen, aber auf jeden Fall besser als das hier.
»Tjah, ist eben 'ne scheiß Situation gerade.«
Kai reckte sich und gähnte, wobei sich seine Muskeln leicht unter dem marineblauen Shirt abzeichneten - er hatte was zu bieten, ganz ohne Frage. Aber Max wollte nichts von ihm, nicht vom Sohn der Frau, die seinen Vater so verführt hatte. Am Liebsten wünschte er, diese Frau hätte es nie gegeben. Und Kai hätte es nie gegeben. Dann würde er immer noch in Berlin sitzen, umringt von tollen Menschen, die ihm was bedeuteten, er und Sebastian wären noch zusammen ...
»Aber hey«, unterbrach der Blonde seine erneuten Träumereien und beugte sich verschwöhrerisch über den Tisch hinweg.
»Jetzt wo wir schonmal hier sind und dazu noch im selben Boot sitzen: Lass uns doch das Beste draus machen!«
Max drückte das Glas in seiner Hand auf einmal so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervor traten. Etwas kochte in ihm und er begann, seine Wut nicht länger zurückzuhalten - da hatte sich nämlich in den letzten Tagen so einiges angestaut.
»Du sagst, wir sind in der selben Situation?! Musstet du etwa auch dein Zuhause und all die Menschen, die dir was bedeuten, zurücklassen und mit dem Mann, den du liebst, Schluss machen, weil du weißt, wie schwer eine Fernbeziehung werden würde? Bist du etwa allein und mental einfach am Ende? Wohl kaum.«
Er hatte sich in Rage geredet, all diese Hitze in ihm war nun entwichen und schon spürte er die ersten Tränen in seinen Augen - Tränen, wegen seinem Zuhause. Tränen wegen Sebastian. Und Tränen, weil sein Vater sich nichtmal jetzt um ihn scherte und er seinen Frust deshalb am Sohn seiner Freundin auslassen musste.
»Ach, verdammt ...«, murmelte er halb schniefend und sprang auf, um dieser ganzen, bescheuerten Situation zu entfliehen, in einen Raum, den er immer hassen und der niemals sein Zimmer sein würde.
Doch Kai war schneller auf den Beinen und packte den Weinenden sanft am Arm, bevor er ihn eindringlich ansah.
»Warte, es tut mir leid. So hab ich das gar nicht gemeint, natürlich ist es schwerer für dich ...«
»Schön«, fauchte Max nur zurück und riss sich los.
»Schön, dass das auch mal jemandem auffällt. Aber weißt du was, es ist mir egal. Alles ist mir egal - du, Marlene, mein Vater, Sebastian ... Nur weil wir jetzt zusammen wohnen, heißt das nicht, dass wir auch miteinander auskommen müssen. Also wage es nicht, mich noch einmal anzusprechen, sonst zögere ich keinen Moment lang, dir in dein dämliches Gesicht zu schlagen!«
Während er sprach, schaute Kai immer überraschter drein und als er fertig war, wirkte der Blonde bedrückt, ja fast traurig - er wollte anscheinend sogar noch etwas sagen, aber Max Blick brachte ihn dazu, die Lippen wieder zu schließen und stattdessen auf den Küchenboden zu starren, fernab diesen ganzen Szenarios.
»Lass. Mich. Einfach. In. Ruhe«, zischte der Jüngere mit den Tränen im Augenwinkel noch einmal mit Nachdruck und verließ dann die Küche, stieß auf dem Weg unzählige Kartons um, so dass es schepperte und knallte dann schließlich seine Zimmertür zu, bevor der Damm entgültig zu brechen schien. Er sank auf den Boden mit dem hässlichen, roten Teppich, kauerte sich zusammen und weinte, so wie er es als Kind immer getan hatte, wenn seine Eltern im Nebenraum stritten und er ganz allein war auf dieser grausamen Welt.

✽✽✽

Ewigkeiten hatte er sich nicht mehr von der Stelle gerührt. Max Glieder waren Steif, seine Augen verheult und rot und jegliches Zeitgefühl war ihm entglitten. Aber es war spät geworden, dass sagte ihm die Nachmittagssonne, die verhüllt von Wolken durch das milchglasige Fenster des Raumes schien. Bevor er hier eingezogen war, hatte Marlene freudig beim Essen erzählt, war dies mal ihr Büro gewesen - doch daran glaubte Max natürlich nicht. Sicher war dieses Zimmer ohne jegliche Präsenz und Charme bloßer Stauraum für ausrangierte Möbel, Putzmittel und kaputte Elektrogeräte gewesen und niemand hatte sich um sein dahin schreitenes Verkommen geschehrt. So wie sich auch niemand um das von Max kümmerte. Wieder blitzten Kais hellblaue Augen vor ihm auf, wie sie bedrückt drein sahen - gut, einer kümmerte sich um seine Belange, aber nur halbherzig, außerdem war er da einfach nicht der richtige. Die einzige Person, zu der Max hier einen Bezug hatte, war immer noch sein Vater und den kümmerte gar nichts mehr, außer seine blonde Tussi. Nichtmal als Max ihm Sebastian, dem gutaussehenden Zwölftklässler mit charismatischem Lächeln, vorgestellt und sich geoutet hatte, hatte sein Vater irgendwas gesagt, außer »Schön für dich, Junge«. Inzwischen musste er ihm echt wenig bedeuten, wo er ja nicht mal an die Beziehung seines Sohnes gedacht hatte als er die ersten Umzugspläne schmiedete. Gerne hätte Max ihn dafür gehasst, doch er konnte einfach nicht - sein Vater war für ihn da gewesen als seine Mutter damals gestorben war. Seitdem hatte er sich vier Jahre gut um ihn gekümmert, ihn versorgt und geliebt ... Bis er von dieser einen Geschäftsreise aus Rostock zurück kam. Gleich hieß es, dass er da diese zauberhafte Kollegin aus dem Vertrieb kennengelernt hätte. Dass da vielleicht was laufen könnte, etwas ernstes. Nüchtern betrachtet aber, war es für Max der Anfang vom bitteren Ende gewesen.
»So ein Scheiß ...«
Langsam aber sicher kam wieder Leben in Max - er hatte Hunger und seine Blase drückte - so dass er sich vorsichtig an er Wand abstützte, um auf seinen wackeligen Beinen zum Stehen zu kommen. Ob Kai immer noch in der Küche saß? Es wäre verdammt unangenehm, ihm nach diesem kleinen Zwist nochmal zu begegnen, also öffnete Max zunächst leise die Tür, späte hinaus in den Flur und tappte dann leise ins Bad - der Blonde war weder zu sehen, noch zu hören, welch Glück. Sicher war er in seinem Zimmer oder sogar nach draußen gegangen, die Einkaufspassage der rostocker Innenstadt hinunter schlendern. Max' Stimmung wurde deshalb sogleich etwas besser und nachdem er sich einen Schwung kaltes Wasser ins Gesicht geklatscht hatte, machte er sich auf in die Küche, um die Essensvorräte zu checken. Nach kurzem Zögern schmierte er sich ein Salami-Brot, legte es auf einen Teller und ging zurück in sein Zimmer - die halbleeren Saftgläser auf dem Küchentisch beachtete er einfach nicht weiter.
In Ruhe aß er und schaltete kurz darauf sein Handy ein, um Michael - seinem besten Freund - zu erzählen, was heute vorgefallen war; wenigstens einer sollte wissen, wie verloren Max sich fühlte, auch wenn dieser jemand gerade zweihundert Kilometer weit weg war. Aber er kam nicht mehr dazu seinen Freund anzurufen; sein Handy summte und vibrierte wie wild, während es ihn von verpassten Anrufen unterrichtete. Sie alle stammten von einer Person: der Kontakt mit dem eingespeicherten Namen Papa. Augenblicklich wurde Max mulmig zumute als er auf Zurückrufen drückte und er versteifte sich zusehends, während am anderen Ende das erste Freizeichen erklang. Was konnte sein Vater nur gewollt haben? Es musste auf jeden Fall wichtig sein, sonst hätte er nicht so oft angerufen.
Max' These bestätigte sich als sein Vater nach einiger Zeit endlich abnahm und ein müdes »Hallo« durch den Hörer presste.
»Du ... du hast angerufen«, stammelte der Brünette nun etwas perplex.
»Ist was passiert.«
Schweigen am anderen Ende der Leitung. Max Herz wummerte inzwischen richtig und zog sich unangenehm zusammen - hier stimmte etwas nicht. Und es musste schrecklich sein.
»Max, es geht um Kai, er hatte einen Unfall ... Komm bitte sofort ins Krankenhaus.«
Kai. Es dauerte etwas, bis er die Information verarbeitet hatte. Nein, es ging seinem Vater gut, niemand war gestorben ... Nur Kai ging es nicht gut. Am Liebsten hätte er vor Erleichterung aufgeseufzt, doch gleichzeitig war da auch eine Spur Angst in ihm - Angst um einen blonden Jungen, der es von Anfang an nur gut gemeint hatte.
»Bitte, Max, es ist wichtig«, hörte er seinen Vater da wieder sagen.
»Ihm geht es sehr schlecht ...«
»Ist schon gut.«
Der Brünette stand auf und schnappte sich seine Sneaker - Kai hatte es eigentlich nicht verdient, jetzt vom ihm im Stich gelassen zu werden. Egal, was gewesen war.
»Ich bin gleich da.«