Fire and Ice

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
26.03.2020
29.03.2020
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Fire and Ice - Teil 1:

Murderers

S10EP05 "Diebstahl und Lügen"
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Nachdem Yumiko von Brianna erfahren musste, dass Vorräte gestohlen wurden und das während der Schicht ihrer Freundin Magna, sucht Yumiko das Barrington-Haus auf, wo sie Magna vermutet.

Yumiko wird schnell fündig. Sie hört die Musik aus dem Obergeschoss und weiß sofort, dass Magna dort ist. Magna sitzt auf dem Sessel, mit den Füßen auf dem gegenüberliegenden Tisch und einem Buch in den Händen.

Yumiko hebt den Tonarm des Plattenspielers an und setzt ihn in seiner Halterung ab, um etwas Ruhe einkehren zu lassen; um in Ruhe mit Magna reden zu können. Aber Magna würdigt Yumiko keines Blickes und macht dadurch den Anschein, überhaupt nicht mit ihr reden zu wollen.

Yumiko sieht über die kindische Ignoranz hinweg und beginnt das Gespräch einzuleiten: „Ich weiß nicht, ob du es weißt.“
Sie bleibt unruhig neben dem Plattenspieler stehen. Magnas abweisende Haltung macht es ihr nicht leicht, ihr Selbstbewusstsein aufrechtzuerhalten und ihrer Freundin Unachtsamkeit oder gar einen Diebstahl vorzuwerfen.

„Aber jemand hat eine Kiste Fisch aus Oceanside gestohlen. Das ist der dritte Diebstahl diese Woche“, spricht Yumiko weiter.
Mit den Händen in den hinteren Hosentaschen versucht sie ihre Nervosität herunterzuspielen. Ein Blick aus dem Fenster lenkt sie kurz davon ab, dass Magna die Angelegenheit nicht zu interessieren scheint.

Magna blättert eine Seite in ihrem Buch weiter. Yumiko kann nicht glauben, dass Magna tatsächlich seelenruhig liest, während sie versucht mit ihr zu reden.
„Brianna sagt, dass du gestern Abend die Wache hattest“, bringt sie deshalb an, um ihrer Freundin eine Reaktion zu entlocken.

„Die Kranken kamen wieder zur Bresche“, antwortet Magna ruhig. Ihr Blick löst sich für keine Sekunde von den Zeilen des Buches.

Yumiko wendet sich ab, um ihre Enttäuschung zu verbergen, was unsinnig ist, denn Magna wird sie ohnehin nicht sehen. Yumiko fragt sich, was mit ihr los ist und ob ihr die Angelegenheit wirklich egal ist oder ob sie ihr nur etwas vormacht, um ihre Schuld zu untergraben.

„Du weißt, die Lage ist im Moment angespannt“, führt Yumiko an. Sie dreht sich noch einmal hoffnungsvoll in Magnas Richtung, doch ihr bietet sich kein anderer Anblick. „Es wäre hilfreich, wenn sich jeder um seine Aufgaben kümmert.“

Endlich reagiert Magna auf Yumikos Worte. Doch es ist nur ein Nicken, das sie zustande bringt, bevor sie sich zu dem Plattenspieler herüber beugt, um die Musik anzumachen. Magna liest weiter, als wäre nichts gewesen. Yumiko kann daraufhin nur mit den Augen rollen und gehen. Ihr fehlen die Worte und das Verständnis.

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Seit Stunden suchen Magna, Connie und Daryl nach Kelly. Als die vier dann zusammen Hilltop betreten, fällt Yumiko ein großer Stein vom Herzen. Nachdem Luke mit Michonne nach Oceanside aufgebrochen ist und die Truppe um Magna, mit dem Verschwinden von Kelly, einmal mehr auseinander gerissen wurde, merkt Yumiko, dass es jeden von ihnen jederzeit treffen kann.

Sie erträgt den Gedanken einfach nicht, weswegen sie beschließt die Gruppe ab sofort enger beieinander zu halten, damit es so ist, wie früher, vor ihrer Rettung durch die kleine Judith.

Yumiko empfängt Kelly, die schlapp in Connies Arm hängt.
„Was ist passiert?“, fragt sie besorgt.

Dabei entgeht ihr leider nicht, dass Magna eine Vorratskiste trägt und ihren Blicken immer noch ausweicht. Magnas Verhalten schürt ungewollt Yumikos Misstrauen. Wenn Kelly versorgt und wohlauf ist, müssen sie miteinander reden und diesmal ernsthaft.

Yumiko kann und will niemanden aus ihrer kleinen Familie verlieren. Niemanden, aber vor allem nicht Magna. Nicht sie.

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Yumiko betritt erschöpft das Schlafzimmer. Sie zieht sich ihre Jacke aus und will eigentlich nur tot ins Bett fallen, als sie Magna sieht und ihr die Gedanken zurück in den Kopf schießen, die sie den ganzen Tag nicht richtig losgeworden ist. Auch nicht, als sie sich um Kelly gesorgt hat. Gerade deshalb nicht.

„Ein schrecklicher Gedanke, aber Kelly wäre wohl jetzt tot, wärt ihr nicht auf das Versteck gestoßen“, meint Yumiko. Vielleicht lässt sie die grausame Vorstellung los, jetzt wo sie es ausgesprochen hat.

„War wohl ziemlich weit weg von der Hauptstraße“, sagt Yumiko dann, um Magna zu provozieren und sie dazu zu bewegen, endlich mit ihr zu sprechen.

Magna ist nicht bei Kelly geblieben. Sie hat sich alleine zurückgezogen. Yumiko findet das verdächtig, aber auch besorgniserregend. Sie fragt sich, ob Magna etwas verbrochen hat oder ob ihr zurzeit einfach alles egal ist.

„Raus damit“, fordert Magna und erhebt ihre Stimme. Yumiko dreht sich langsam vom Bett zu ihr um. „Du denkst, ich hätte alles gestohlen und da versteckt.“

Magna lässt ihre Arbeit ruhen und setzt sich auf einen Stuhl. Sie lehnt sich vor, stützt sich auf ihre Knie und sieht Yumiko eindringlich an. Yumiko kämpft gegen das schlechte Gewissen an, das ihr die Beschuldigung ihrer Freundin zuflüstert. Sie will nicht so von Magna denken, aber Magna macht es ihr nicht immer leicht daran festzuhalten.

„Wäre ja nicht das erste Mal“, bemerkt Yumiko und legt ihre Jacke aus der Hand, auf das Bett. Magna hat nun einmal leicht kleptomanische Züge und starke Vertrauensprobleme. Stehlen und Verstecken ist die Lösung für beides.

„Dann wäre es klug gewesen“, sagt Magna fragend. Yumiko spürt Magnas herausfordernde Blicke im Rücken. Sie wissen beide, dass sie sich in der Hinsicht uneinig sind.

„Ja, oder es wäre-“

Magna unterbricht Yumiko. „-egoistisch, dumm?“

Yumiko lässt sich mit einem Seufzer, mit dem Hintern, auf das Bett fallen. „Ein Fehler, wollte ich sagen“, erklärt Yumiko ruhig.

Sie hasst es, dass sie immer wieder in diese Lage kommt und ihre Freundin hinterfragen muss und sie hasst sich dafür, dass sie es jedes Mal tut. Sie wird ihren Zwang zum Recht wohl nie loswerden, genauso wenig, wie Magna ihre schlechten Angewohnheiten ablegen kann.

„Nein, aber das hast du gedacht“, wirft ihr Magna vor. „Seit 13 Jahren siehst du mich immer wieder so an.“ Ihrer Stimme ist nichts anzumerken, aber sie senkt verletzt ihren Blick.

„Das ist nicht wahr“, behauptet Yumiko schnell.
Sie schüttelt leicht den Kopf, schafft es aber ebenso wenig ihre Freundin anzusehen. Das Gespräch läuft aus dem Ruder und langsam glaubt sie, sie hätte die Sache einfach auf sich beruhen lassen sollen. Ein einziges Mal. Aber nun ist es zu spät.

„Seit dem Tag, an dem du in deiner schicken Anwaltskluft aufgetaucht bist.“ Magna sieht Yumiko so an, als wünsche sie sich, Yumiko wäre nie ihre Anwältin gewesen.

Der Gesichtsausdruck bricht Yumiko beinahe das Herz. Für einen Augenblick fällt es ihr schwer zu atmen, denn sie erinnert sich noch genauestens an den Tag, an dem sie sich das erste Mal begegnet sind. Sie erinnert sich daran, wie Magna ihr nicht einmal die Hand zur Begrüßung gegeben hat, aber auch daran, wie sie einige Monate später Händchen gehalten haben.

„Willst du wissen, was ich an dem Tag dachte?“, sagt Yumiko aufgebracht. Ihr Kopf schnellt in Magnas Richtung. Es macht sie wütend, dass Magna glaubt, es habe sich nichts zwischen ihnen geändert.

Magna war ihre Klientin. Ein Fall, wie jeder andere auch. Das war Yumikos Job. Bis sie sich während des Prozesses in die heißblütige Angeklagte verliebte und sie liebt Magna noch immer; noch mehr.
Seit unzähligen Jahren sind sie ein Paar, eine Familie. Sie haben sich zusammen durch den Prozess und die Apokalypse geschlagen. Für Yumiko hat sich durch und mit Magna alles geändert.

„Ich dachte, da steht ein Mensch, ein unschuldiger Mensch, der für etwas büßt, dass er nicht getan hat. Eine Frau, die niemandem traut, weil ihr auch niemand traut“, erklärt Yumiko.
Die Erinnerungen an diese harte Zeit, fühlen sich wie ein Albtraum an, aber sie haben diese Zeit durchgestanden. Viele harte Zeiten.

Magna sieht daraufhin auf den Boden. Yumiko will nicht, dass sie den Kopf hängen lässt, nicht wegen etwas, dass 13 Jahre zurückliegt.
„Aber sie ist gut“, führt Yumiko deshalb weiter aus. Sie war und ist davon überzeugt, dass Magna ein guter Mensch ist.

Die Worte zaubern Magna ein Lächeln auf die Lippen. Doch ihre Augen schimmern durch einen Film von Tränenflüssigkeit. Sie presst ihre Lippen aufeinander, um den Drang zu weinen entgegenzuwirken. Yumiko will gar nicht wissen, wie viele Gründe Magna hat, um zu weinen. Eindeutig zu viele.

„Ja, auch wütend. Auf jeden wütend. Wütend auf die Welt, die so beschissen und-“

Magna fällt Yumiko erneut ins Wort. „Meine Cousine war noch ein kleines Mädchen und er durfte einfach so weiterleben?“, fragt Magna, ihre Stimme zittert vor Wut.

Yumiko erstarrt. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie wusste, dass das Justizsystem ungerecht sein konnte, schließlich war der Vergewaltiger ihrer Cousine nicht strafrechtlich belangt worden, Magna hingegen wurde für den Mord an ihm fälschlicherweise verurteilt. Sie weiß, dass das eine Sache ist, die Magna wütend macht und wegen der sie so einiges Mal geweint hat.

Aber Yumiko erkennt den Zusammenhang nicht. Sie versteht nicht, was das mit Magnas Abwesenheit ihr gegenüber und den derzeitigen Vorfällen in Hilltop zu tun haben soll.

„Niemals“, beteuert Magna. „Aber niemand ist ihn holen gekommen. Bis ich dann kam.“

Yumiko verharrt in ihrer Position. Sie schafft es nicht einmal, sich die Ohren zu reiben, denen sie gerade nicht traut. Sie geht davon aus, sich verhört zu haben, aber ihr Blick trifft dennoch ungläubig auf Magnas. Sie fragt sich, was ihre Freundin versucht ihr damit zu sagen.

„Da ist er wieder“, bemerkt Magna vorwurfsvoll. „Jetzt haben wir beide getötet. Wie viele Menschen haben wir getötet, Miko? Und du siehst mich immer noch so an.“

Das ist nicht wahr. Das kann nicht wahr sein, denkt sich Yumiko. Eine einzelne Träne rinnt über ihre erhitzte Wange. Sie überlegt, was wahrscheinlicher ist - dass Magna jetzt lügt oder die letzten dreizehn Jahre lang. Yumiko kommt zu einer niederschmetternden Erkenntnis.

„Du schläfst heute besser woanders“, beschließt sie schmerzerfüllt.

Die Wahrheit trifft Yumiko wie ein Schlag ins Gesicht, wodurch sie den Blick abwenden muss. Sie kann Magna im Augenblick nicht ansehen, nicht nachdem, was ihr eben gestanden wurde. Die Aussage stellt ihr ganzes Leben, ihre ganze Beziehung auf den Kopf und in Frage.

Magna verlässt ohne ein weiteres Wort das Zimmer.

Yumiko lässt sich auf die Matratze fallen. Sie umschlingt ihre Knie und zieht die Gliedmaßen eng an ihren bebenden Körper. Magna ist eine Lügnerin. Das ist kein Geheimnis, auch nicht für Yumiko.
Nur ist sie naiv genug gewesen, zu glauben, dass Magna Ausnahmen macht und sie nie angelogen hat. Dabei baut ihre gesamte gemeinsame Zeit auf einer Lüge auf. Sie sind eine Lüge.

Magna hat sie bei ihrer ersten Begegnung bereits angelogen und die ganzen dreizehn Jahre danach, nicht damit aufgehört. Bis jetzt.
Doch die Lüge ist so sehr in Yumikos Verstand eingebrannt, dass sie die Wahrheit nicht als solche begreifen kann. Vielleicht will sie es auch nur nicht.

Dreizehn Jahren sind eine lange Zeit und auch wenn es nicht immer einfach war, verbindet Yumiko damit eine gute Zeit; eine Zeit, in der Magna unschuldig war; in der Magna das Opfer war.
Yumiko fragt sich, ob sie Magna all die Jahre mit falschen Augen gesehen hat oder ob sie es insgeheim wusste und Magna deshalb immer so angesehen hat, wie heute.

Immer, wenn Yumiko denkt, dass Magna schuldig ist, Magna ihr aber etwas anderes erzählt.

Magna ist nicht nur eine Lügnerin, sondern auch ein Hitzkopf. Sie lässt sich von ihren Impulsen leiten, die sich schneller ändern, als jemand Blaubeerpfannkuchen sagen kann.
Das hat Yumiko in den vergangenen Jahren gesehen. Das hat Magna sie sehen lassen.

Yumiko versucht Magnas Verhalten etwas Positives abzugewinnen, indem sie sich einredet, dass Magna ihr genug Hinweise gegeben hat, um selbst darauf zu kommen. Sie beginnt sich selbst die Schuld zu geben, weil sie nicht aufmerksam genug gewesen ist; weil sie zu verliebt gewesen ist.

Wahrscheinlich wollte Magna einfach nur, dass eine einzige Person sie nicht so ansieht, als wäre sie schuldig. Obwohl sie schuldig war und Yumiko sie dennoch genau so angesehen hat. All die Jahre.

Yumiko geht letztendlich davon aus, dass Magna sich gar keiner Schuld bewusst ist. Schließlich hat sie nur das getan, was der Staat hätte tun müssen. In ihren Augen hat sie den Vergewaltiger gerecht bestraft. Er hat das bekommen, was er verdient hat.

Yumiko sieht das anders. Das Konzept der Todesstrafe widerspricht ihren Vorstellungen und ihrer Moral. Sie steht dafür ein, dass schwere Straftäter lebenslang hinter Gittern sitzen, um ihre Taten zu bereuen; um nicht so einfach davonzukommen. Wie Rick es mit Negan gehandhabt hat.

Magna hat ihn erlöst und das hatte er auf keinen Fall verdient.
Dennoch hinterfragt Yumiko ihre Ansichten. Denn wenn sie daran festhalten würde, hieße das, dass Magna auf ewig eingesperrt gehört und das ist etwas, das noch weniger in ihr Weltbild passt.

Ihr stellt sich also die Frage, ob ein Mord vor der Apokalypse mit einem Mord während der Apokalypse vergleichbar ist.
Für Magna scheint das keinen Unterschied zu machen, so hat sie es zumindest dargestellt. Sie haben beide getötet.

Yumikos Verstand sträubt sich dagegen, es genauso zu sehen. Sie glaubt, nur zu töten, um zu überleben. Sie ist sich nicht einmal sicher, ob sie es Töten nennen soll, da die Beißer, medizinisch gesehen, schon tot sind.

Sie dreht sich auf den Rücken, wobei ihr ein tiefes Seufzen entkommt.

Magna hat sich gerächt, um ihre Vorstellung von Gerechtigkeit einzufordern. Yumiko wünscht sich, Magna früher kennengelernt zu haben, dann wäre es möglicherweise nicht so weit gekommen. Als Anwältin hätte sie alles dafür gegeben, Magna und ihre Cousine zu unterstützen und den Vergewaltiger dran zu kriegen.

Aber Yumiko weiß, dass es schwachsinnig ist, solchen „was-wäre-wenn’s“ nachzujagen.
Sie weiß auch, dass es bei Vergewaltigungen sehr schwer ist, eine Verurteilung zu erzielen. Magna wollte ihn nicht ungestraft davonkommen lassen. Das versteht Yumiko, auch wenn sie die ergriffene Maßnahme immer noch nicht gutheißt.

Doch in Magnas Fall hat das System nicht versagt. Sie musste ins Gefängnis. Sie hat einen Teil ihrer Strafe abgesessen, bis der Virus und die Untoten über sie einbrachen.
Yumiko kann nicht behaupten, dass Magna ihre Tat bereut und sie ist sich nicht sicher, ob so etwas nicht wieder passieren könnte, aber fürs Erste versucht sie über den Mord an einem Straftäter hinwegzusehen, der über dreizehn Jahre her ist.  

Das einzige, worüber sie nicht so leicht hinwegkommen wird, ist die Tatsache, dass Magna sie von Tag Eins an, belogen hat.
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