After All

von Eidiznarf
GeschichteDrama, Romanze / P16
Arthur Morgan Micah Bell
26.03.2020
26.03.2020
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Arthur



Micahs Schläge trafen genau an den Punkten, an denen es wirklich weh tat. Ich musste meinen Körper und meinen Geist zwingen wach zu bleiben. Ich sah meinen Revolver nicht weit entfernt von mir liegen und doch schien er so unerreichbar. Als ich mich ein weiteres Mal auf meine Füße rappelte, gelang es mir meinen Revolver zu fassen, just in dem Moment sprang mir Micah in die Seite und ich verlor ihn erneut aus der Hand. Das sollte es jetzt also gewesen sein? Ich wusste, das es hier um Leben oder Tod ging, doch irgendwie hatte ich gehofft, das Micah die letzten sechs oder sieben Monate doch etwas bedeutet hatten. Wir wussten beide, dass wir uns nicht leiden konnten. Trotzdem war ich der Meinung, dass wir irgendwie zusammen gewachsen waren.
Mein Körper kämpfte, doch mein Verstand versuchte mir die ganze Zeit zu sagen, dass ich einfach aufgeben könnte und somit alles beenden würde. Die ganze Trauer und Enttäuschung wäre dann einfach vorbei. Ich sah Micah an, er hatte bereits seinen Revolver auf mich gerichtet. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er abdrücken würde. Dennoch war ich mir nicht sicher, ob es mir Erleichterung oder einfach nur die Dunkelheit bringen würde. Ich hatte bereits vor einigen Wochen mit meinem Leben abgeschlossen, als der Arzt meinte, meine Tuberkolose wäre nicht mehr behandelbar und er könnte nichts mehr für mich tun. Fallender Adler, hatte mir ein Mittel gegeben, was den Husten ein wenig lindern sollte. Wenn ich hustete war es wirklich widerwärtig, das Blut suchte sich den Weg aus meinen Lungen in meinen Mund und ließ mich kaum noch etwas schmecken. Selbst der Eintopf von Pearson schmeckte nicht mehr gut.
Ich schaute Micah an, versuchte die letzten Meter zu meiner Waffe zu kriechen, die ich bereits erneut ausgemacht hatte. „Versuch es ruhig, Teerlunge. Aber es wird dir nichts mehr bringen.“, Micah lief jeden Meter mit mir, um mich wahrscheinlich zu erschießen, sobald ich meine Hand an dem Revolver hatte. Meine Fingerspitzen berührten bereits den Schaft, als sich jedoch ein Fuß auf meine Hand stellte, somit nahm er mir die letzte Möglichkeit. „Dutch, er ist krank. Er wird eh sterben.“, Micah wendete den Blick ab. Meine Augen schossen gen Himmel, ich sah den Mann über mir, der für mich wie eine Vaterfigur war. „Lass ihn hier zurück, er wird es eh nicht mehr lange machen.“, Micah ging einen Schritt auf Dutch zu. Ich lag immer noch regungslos auf den Boden. Hatte die Hoffnung, dass die beiden mich hier vielleicht vergessen würden. Dann ging der Husten wieder los, ich hatte das Gefühl meine Lunge auszukotzen. Das Blut suchte sich erneut seinen Weg und ich spuckte es auf den Fels unter mir. Mein Atem wich aus meinen Lungen und ich hörte mich an wie eine Dampflock. Schwer und Prustend. Dutch schaute mir in die Augen, und wieder einmal ließ er mich einfach liegen und ging seinen Weg. Wenigstens nicht mit Micah der nun enttäuscht drein blickte und mich mit einem letzten angeekelten Blick ansah. „Pah! Ich brauche Dutch nicht!“,dann wendete er sich ab von mir und ging auch seines Weges. Nun lag ich hier. Alleine und noch mehr enttäuscht als sowieso schon. Mein Vater hatte mich einfach hier gelassen. Zum Verrecken. Alleine. Der letzte bewusste Gedanke der mir durch den Kopf schoss, war Mary. Ich drehte mich mit meiner letzten Kraft auf den Rücken und schaute in den Sonnenuntergang. Hatte ich jemals so etwas schönes gesehen?
Dann wurde alles schwarz und mein Leben zog an mir vorbei.


Da hing er nun. Mein Revolverheld-Vater. Lyle hatte sich nie besonders gut um mich gekümmert. Aber mit dem letzte Diebstahl hatte er es wirklich übertrieben. Er war in die Bank gegangen und hatte alle niedergeschossen. Mein Blick wandte sich von dieser leblosen Person ab, die dort hing, ich fing an einen Fuß vor den anderen zu setzen um hier so schnell wie es ging weg zu kommen. Ich war den weiten Weg von zu Hause zu Fuß hergelaufen. Ich musste einfach wissen, ob mein Vater mich alleine zurück lassen würde. Egal wie oft er mich Prügelte, oder ich seinen Gürtel ins Gesicht bekam, ich wollte nicht alleine bleiben. Alleine, mitten in den Wäldern. Die Hütte meiner Ma, stand ganz weit draußen, völlig einsam in den dunklen Wäldern. Die beiden hatten sich in der Stadt kennen gelernt und meine Mutter hatte meinen Vater aufgenommen, nach dem er eine Kutsche überfallen und verletzt wurde. Sie lernten sich dann kennen und lieben. Ich kann mich allerdings kaum noch an Ma erinnern, sie verstarb als ich sehr jung war. Pa, gab mir die Schuld. Wegen ihr habe ich angefangen Tagebuch zu schreiben. Jedes Mal wenn Pa mich mit seinem Gürtel schlug und ich blutende Striemen am ganzen Körper hatte, schrieb ich ihr. Hoffte auf Besserung. Doch es geschah nie irgendwas. Irgendwann wurde mein Schreiben regelmäßiger und ich fing an, jeden Tag zu schreiben. Einfach weil ich meine Gefühle und Gedanken los werden musste. Lyle ließ mich häufig mehrere Tage oder Wochen alleine, somit musste ich früh anfangen mich selber zu versorgen. Das Schießen, Kräuterkunde und Reiten brachte ich mir weitestgehend selber bei, hier draußen in der Wildniss. Außerdem durfte ich nicht sprechen, wenn er wieder zurück war. Musste ihn bedienen, ihm gehorchen und wenn ich etwas sagen wollte muss ich ihn fragen. Und selbst das Fragen war für ihn schon manchmal zu viel und ich bekam Prügel. Nun ja, jetzt war die Zeit vorbei. Ich wanderte also zurück in meine kleine Welt und wusste nicht wie ich das alles schaffen sollte.
Es lief Tag ein Tag aus immer gleich, ich ging in den Wald suchte Zweige und Äste um mich warm zu halten, dann griff ich mir den Revolver den Pa hier gelassen hatte und ging auf die Jagd. Mal lief es gut und ich fing ein Hasen oder vielleicht auch ein Reh, wenn ich jedoch keine Beute hatte musste ich auf die Suche nach Beeren gehen. Es war meistens nicht viel zu Essen, ich war dünn. Sehr dünn und doch überlebte ich gerade so.
Ich fürchtete mich vor dem Winter, denn der machte alles schwieriger, hier oben war es sehr kalt und ich war nicht gewappnet für diese Jahreszeit. Hatte kaum mehr Kleidung als das was ich an mir trug. Ich verschanzte mich über zwei Wochen, ohne zu Essen. Allerdings blieb mir den Schnee um ihn zu schmelzen. Wasser war wichtig, sehr wichtig. Wenn es zu kalt draußen war oder ich mich morgens schon an den Alkohol-Vorräten meines Vaters vergriff und zu betrunken war um raus zu gehen schlief ich meistens den ganzen Tag. Mir ging es wirklich schlecht. Vier lange Jahre lang.

Es war Sommer als ich schon in der Ferne zwei Reiter sah. Es sah für mich so aus, als würden sie direkt zu meiner Hütte kommen. Ich hatte vier Jahre lang, keinen Kontakt zu Menschen gehabt. Hatte nur geschrieben. Viel geschrieben. Mittlerweile war mein viertes Buch angefangen. Das Geld für neue Bücher stahl ich mir, meistens in der Stadt. Von Betrunkenen oder Leuten die einfach unvorsichtig waren. Als Taschendieb war ich gar nicht so übel. Dennoch reichte es auch nicht alleine zum überleben und meine neuen Bücher zum Schreiben machten mich schon glücklich genug. Ab und zu warf mir jemand auch mal ein paar Pens zu, wenn ich am Straßenrand hockte.

Die Männer wollten tatsächlich zu mir. Der eine hatte ein schneeweißes Pferd, ein Albino und er selber hatte pechschwarze Haare und einen Schnauzer auf seiner Oberlippe. Sein Blick wirkte nicht böse, sondern eher väterlich. Der Andere, hatte blonde Haare, ich fand er sah nicht so aus, als würde er hier aus der Gegend kommen. Beide waren besonders ordentlich gekleidet.
Ich öffnete vorsichtig die Tür, in den Händen meinen Revolver, auf dem Kopf trug ich Hut meines Vaters.
Der Mann mit den schwarzen Haaren begutachtete mich. Der blonde Mann stieg vom Pferd und kam langsam auf mich zu, ich musste im Gegensatz zu ihnen aussehen wie der letzte Dreck. Ich hatte mich seit Monaten nicht gewaschen und meine Kleidung nur zum Schlafen ausgezogen und selbst das nur, wenn es warm genug war.
„Guten Tag, mein Junge.“, der Blonde lächelte mich fürsorglich an: „Bist du der Sohn von Lyle Morgan?“
Ich traute ihm nicht, wenn er meinen Vater kannte, dann musste er auch ein Dieb sein.
„Ich heiße Hosea und wir haben dich schon sehr lange gesucht.“, er lächelte erneut und irgendwie fing ich an ihm zu vertrauen. Ob es seine Augen waren, wusste ich nicht, aber ich hatte noch nie in meinem Leben so ehrliche Augen gesehen. Ich nickte langsam, trotzdem richtete ich den Revolver auf ihn. „Ganz ruhig mit den jungen Pferden. Ich weiß, du bist schon sehr lange alleine und du hast jeden Grund uns nicht zu vertrauen. Aber wir wollen dir wirklich nichts Böses.“, der Mann, der sich selbst Hosea nannte näherte sich vorsichtig, bis er nur noch wenige Meter von mir entfernt war. „Darf ich den haben?“, er zeigte auf den Revolver in meiner Hand. Ich schüttelte den Kopf. Diese Waffe ließ mich zumindest ein bisschen Sicherheit fühlen, auch wenn ich kein besonders guter Schütze war, aber ohne ihn, wäre ich wirklich hilflos. „Na komm, Junge. Wie heißt du denn?“, er lächelte wieder so freundlich und doch wollte ich eigentlich nicht das er hier war. Ich war die letzten vier Jahre alleine zurecht gekommen, da würde ich es auch weitere Jahre schaffen.

Dann auf einmal meldete sich der schwarzhaarige zu Wort:“Mein Sohn, wir tun dir nichts. Vertrau uns doch bitte. Wir nehmen dich mit zu uns und du musst nie wieder alleine sein.“ Wie er sprach, so ruhig und so gehoben. Als wäre er aus einer anderen Welt. Ich schätze ihn auf etwas älter als zwanzig. Er wirkte so majestätisch und ich war sofort von ihm in einen Bann gezogen. Ich konnte es nicht erklären, aber so wie er sprach, so würdevoll hatte noch nie Jemand mit mir gesprochen. Ich senkte den Revolver und zielte nun nicht mehr auf Hosea. „Nun, Sohn. Wie heißt du?“, auch der dunkelhaarige sieg von seinem Pferd und kam aufrecht auf mich zu. „Arthur.“, ich flüsterte, nicht mehr und nicht weniger. Ich erschrak mich ein wenig selber vor dem Klang meiner Stimme. Sie war so dunkel geworden, so männlich. „Ah, er kann sprechen.“, der schwarz Haarige blickte zu dem anderen Kerl und lächelte. Meine Gedanken kreisten im Moment nur um ihn. Wer war er und wieso war er hier? Was wollte er?
„Was wollen Sie?“, ich sprach erneut und langsam fingen meine Stimmbänder wieder an mit zu spielen, meine Stimme wurde kräftiger und noch tiefer als vorher.
„Wir würden dich gerne mitnehmen zu uns. In unser Camp. Es ist nicht weit von hier. Wir möchten nicht verantworten das so ein junger Mann wie du, hier draußen alleine um sein Überleben kämpfen muss.“, der Kerl begutachtete mich von oben bis unten. Vielleicht machte er das, ob zu wissen ob ich für irgendetwas gut war. „Zu allererst, müssen wir dir aber mal ein bisschen Muskeln beschaffen. Du bist ja nur Haut und Knochen. Außerdem brauchst du andere Kleidung, so wirst du doch nie ein Mädchen abbekommen.“, der Mann, der so eine unfassbare Autoritäre Ausstrahlung hatte, nahm mich bei der Hand: „Na komm, mein Sohn. Wir tun dir wirklich nichts.“

Nie wäre ich darauf gekommen, einfach mit wildfremden mitzugehen. Mir fielen meine Bücher ein, die ich im Haus hatte und riss mich los um noch einmal darin zu verschwinden. Ich hatte ein wenig Angst, dass wenn ich wieder hinaus komme, die beiden Männer verschwunden wären. Doch sie waren noch da, als ich meine Bücher endlich bei mir hatte und ich ließ mich von den Beiden in ihr Camp bringen. Schlimmer als hier, konnte es nicht sein. Tschüß Vergangenheit. Hallo Neuanfang und Neue Welt.
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