Die Frau im Schnee

KurzgeschichteAngst, Tragödie / P16
26.03.2020
26.03.2020
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Das Holz, das sie umgab fühlte sich kalt und rau an, ebenso wie ihr Herz durch das dünne Nachthemd.
Es schlug so schnell als wolle es vor den finsteren Gedanken in ihrem verwirrten Kopf davonlaufen, doch vor denen gab es kein entrinnen, dafür war es längst zu spät. Das einzige, wozu ihr Herz noch imstande zu sein schien, war der pochende Schlag, der sie daran erinnerte am Leben zu sein.

Ohne die temporeichen Schläge wäre vielleicht nicht nur ihr Herz, sondern auch sie längst erfroren und hätte den Eindruck einer Leiche vermittelt, die sich bereits weit vor Eintritt in den tödlichen Gefrierzustand mit ihrem Schicksal abgefunden hatte.
Es kam ihr so vor als wenn ihr Herz mit jedem neuen Schlag versuchte einen Impuls in ihr auszulösen, einen Impuls dieser scheinbar aussichtslosen, hölzernen Hölle einen Riegel vorzuschieben, doch sie saß einfach nur da und lauschte der Einsamkeit, die sie umgab.

Ihre Hände waren vor Kälte blau angelaufen und schafften es kaum ihre zitternden Beine festzuhalten. Der Geruch von Staub und moderigem Holz, gemischt mit einem steigenden Gefühl von klaustrophobischer Panik ließ sie schwer atmen.

Ihr lauter, röchelnder Atem würde das erste sein was er hörte, zumindest wenn sie sich zusammenriss und nicht wieder anfing mit den abgekauten Fingernägeln an dem harten Holz zu kratzen bis ihre Finger blutig und ihre Atemwege vor Panik gänzlich zugeschnürt sein würden.
Es war die Kälte, die immer absurdere Gedanken in ihren Kopf pustete und das von dem staubigen Inneren des Wandschranks schon ganz gräulich gewordene Nachthemd bot gerade einmal genug Wärme, damit sie nicht erfror. Es war einer der kältesten Winter seit langem und die Landschaft jenseits des dunklen Wandschranks erinnerte an die träumerische Winterkulisse einer Schneekugel. Am frühen Morgen, kurz bevor ihr Mann zur Arbeit gegangen war, hatte sie einen kurzen Blick auf die atemberaubende Szenerie werfen können.

Es schien ihr mittlerweile schier unmöglich den makellosen Weißton des Schnees bildlich in ihrem Kopf zum Leben zu erwecken, doch sie erinnerte sich noch an das Gefühl grenzenloser Freiheit, das sie dabei empfunden hatte. Eine weiße Landschaft, unbefleckt und ohne andere Fußabdrücke als die ihre, das musste der Himmel sein dachte sie bei sich und geriet für einen Moment in einen träumerischen Zustand, der sie die gegenwärtige Kälte vergessen ließ.

Wie als wäre der eisige Luftzug beleidigt von dieser temporären Kälteflucht, so begann er nun mit ganzer Kraft durch die unteren und seitlichen Spalten des alten Schranks zu wehen und ließ das Gedankengemälde einer himmlischen Schneeidylle verschwinden. Die Panik kehrte mit der eisigen Luft zurück in ihr Inneres und sie stieß einen erstickten Schrei aus, der sie selbst zusammenzucken ließ. Ihre Stimme gehörte schon längst nicht mehr ihr selbst, doch dieser Schrei hatte einfach nichts menschliches an sich.

Er ließ sie fühlen, wie beschränkt sie mittlerweile war, unfähig einen zivilisierten, menschenwürdigen Schrei auszustoßen. Gelegentlich stellte sie sich die Frage, ob das menschliche nicht nur eine krampfhaft angeeignete Art des adeligen Charakters war, wie er jedoch in keiner menschlichen Natur tatsächlich vorkam.
Entzog man einem menschlichen Wesen die Möglichkeit zum erfüllenden Schaffungsprozess und entzog man ihm die Würde einer kultivierten Gestalt, was als das bloße animalische einer geschundenen Seele konnte dann noch übrig bleiben?
Ihr Mann wusste wie sehr sie sich in diesem Schrank quälte, doch er hielt es angesichts ihres stetigen Ungehorsams für das einzig richtige.

„ Warum bist du nur immer so kalt zu mir, Hilda?“

Seine traurige Stimme hallte in ihren Ohren wider, als hätte die Platte in ihrem Kopf einen Sprung und könne nur noch diese eine Aussage in Dauerschleife abspielen. Immer und immer wieder hatte er ihr diese Frage gestellt, doch sah sie sich nicht in der Lage eine Antwort darauf zu finden.
Die Kälte ihres Wesens bewirkte, dass sie sich selbst immer mehr zu verabscheuen begonnen hatte, doch auch diese immer tiefer einschleichende Erkenntnis hatte ihre Ehe nicht retten können. Ihre Existenz stand vor einem Scherbenhaufen, es fühlte sich an als hätte sie jahrelang auf der Mitte eines zugefrorenen Sees gestanden und erst im letzten Moment realisiert, dass die Eisschicht von Anfang an zu dünn gewesen war, um eine glückliche, verheiratete Hilda dauerhaft tragen zu können.
Der Wandschrank war die täglich wiederkehrende Strafe für diesen Fehler. Sie hätte eine erfüllende Ehe haben können, stattdessen war sie der Faktor gewesen, der zum Einsturz aller Liebe und Verbundenheit geführt hatte.
Es war ihr Verdienst ein lebendiges Kleidungsstück, leblos und dekorativ, in diesem Schrank geworden zu sein. Wenn sie auch kein wirklicher Mensch mehr sein konnte, so klammerte sie sich doch an die Hoffnung es ihrem Mann als gehorsames Dekorationsobjekt recht machen zu können, doch dafür war ihr verfluchter Atem einfach zu laut.

Irgendwann hatte sie damit aufgehört die endlos verstreichenden Sekunden zu zählen, denn es ließ sie über kurz oder lang nur noch panischer und lebendiger werden. Sie musste aufhören den Wandschrank als eine Strafe, oder gar ein Gefängnis zu betrachten, denn all diese negativen Gedanken halfen ihr nicht dabei in einen passiven Friedenszustand überzugehen, indem ihr Mann endlich die Kontrolle über sie gewinnen konnte, die er brauchte, um aus ihr ein zufriedenes Objekt seiner manipulativen Fähigkeiten zu machen.

Auf eine seltsame Art und Weise hatte der große Wandschrank, in den ihr Mann sie jeden Tag sperrte während er fort war, sogar etwas sehr friedliches an sich. Es war ein Ort der Stille, ohne die aggressiven Reizüberflutungen der Außenwelt. Diese rauen, hölzernen Wände, die sie umgaben, waren ihre Gelegenheit sich von allen Gedanken zu befreien, endlich vom Anspruch auf ein menschenwürdiges Leben abzusehen und die Möglichkeiten wahrzunehmen, die sich hinter dem Horizont der Menschlichkeit auftürmen.

Während sie immer noch ihre Beine so fest an ihren dürren Körper presste, wie es mit abgestorbenen, bläulichen Händen eben möglich war, dachte sie über ein Leben nach, indem der Schrank ein heimatlicher und sicherer Rückzugsort war. Der Geruch, der sie umgab, begann sich zu wandeln und wich einem sanften, wahrhaftigem Holzaroma, das ihr so intensiv vorkam, als sei sie inmitten eines lebendigen Baums.

Die frostigen Luftzüge, die es wie durch Zauberei durch die Fensterschlitze und den dünnen Holzspalt der unteren Türseite des Schrankes bis zu ihr schafften, gaben ihr plötzlich einen belebenden Schwung, der sie aufatmen und die Augen öffnen ließ.
Sie senkte ihren Kopf und begann fast schon tranceartig den schmalen Spalt zu betrachten, welcher lediglich eine geringfügige Lichtquelle bot, aber ihr immerhin zeigte, dass die Sonne sie noch nicht ganz verlassen hatte. Es konnte demnach noch nicht sonderlich spät sein, jedoch gab ihr das kaum relevante Informationen, da ihr Mann zu keiner festen Uhrzeit zurückkehrte. Für gewöhnlich genoss der nach der Arbeit noch die Gesellschaft einiger Bekanntschaften, mit denen er etwas trinken ging, oder im Sommer auch gerne mit ihnen zum Fluss fuhr, um zu angeln.

Zu Beginn hatte er sie ab und an mitgenommen, aber es war ihr einfach zu schwer gefallen in einer größeren Gesellschaft den Ruf einer gehorsamen Ehefrau zu wahren. Sie wusste, dass es ihm schwer gefallen war ihr die Teilnahme an diesen Aktivitäten zu verweigern, aber es war notwendig. Manchmal fragte sie sich, was er seinen Bekannten bei den folgenden Treffen erzählt hatte und wie er fortlaufend die unverzeihliche Abwesenheit seiner Ehefrau zu begründen pflegte.
Gut möglich, dass sie einer unheilbaren Krankheit zum Opfer gefallen war, oder ihn vielleicht auch für einen räudig dahergelaufenen Straßenmusikanten verlassen hatte. Immerhin hatten sie anfangs doch immer darüber gescherzt, was für ein ungezogener Freigeist diese freche Hilda doch sei.

Die Gedanken an vergangene Zeiten übernahmen schmerzlich die Überhand in ihrem Kopf und sie ballte ihre Hände zu zittrigen Fäusten, die begannen immerzu, in einem ungleichmäßigen Rhythmus, das teuflische Schwelgen in der Vergangenheit aus ihrem Gehirn heraus zu prügeln.
Ihre  Bewegungen wurden immer unkontrollierter, panischer und ihre Füße begannen sich selbstständig zu machen und gegen die Schrankwand zu treten. Von einer plötzlichen Welle der Angst ergriffen winselte sie vor sich hin, gab unverständliche Laute von sich und weinte dicke Tränen, die ihr dünnes Nachthemd nach und nach zu tränken schienen.
Die Schranktür bewegte sich nicht, doch der Schrank schien plötzlich zu schrumpfen, die Wände kamen immer näher an sie heran und der omnipräsente Gestank nach totem Holz in Kombination mit den nun von allen Seiten näher kommenden Wänden ließ sie schließlich das Bewusstsein verlieren.
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