Höhere Macht der Liebe

von Roxy68
OneshotSchmerz/Trost, Übernatürlich / P12 Slash
26.03.2020
26.03.2020
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Hallo zusammen,

mich hat mal wieder die Idee zu einem Oneshot angeflogen. Ein paar Tage drüber gebrütet, könnt Ihr lesen, was draus geworden ist.

Kommentare sind kein Muss, aber erwünscht.

Habt einen schönen Tag und bleibt gesund,
liebe Grüße,
Roxy








Höhere Macht der Liebe


©Roxy, März 2020


„Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten. Und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe, das einzige Bleibende, der einzige Sinn.“
(Thornton Wilder, US-amerikanischer Schriftsteller 1897-1975)



*****


Oneshot, P12-Slash, Genre: Schmerz, Trost … übernatürlich


~~~~~~~~~~~



Innerlich aufgewühlt lief Devon die Einkaufsstraße neben dem Kanal entlang. Er hatte kein wirkliches Ziel, aber bis zu seinem Therapie-Termin musste er noch gut eine halbe Stunde Zeit überbrücken. Obwohl es regnete, hatte es ihn nach der Arbeit nicht nach Hause gezogen. Überhaupt suchte er seine eigenen vier Wände nur noch zum Schlafen auf. Devon hielt es nicht länger als unbedingt notwendig in der Wohnung aus, die er fast zehn Jahre mit seinem Partner, seiner großen Liebe Adam, geteilt hatte. Adam war ein halbes Jahr zuvor das Opfer eines Verkehrsunfalles geworden. Seit diesem Moment hatte sich Devons Leben von Grund auf verändert.

Wie jeden Tag war Devon auch an diesem auf den Friedhof gegangen, hatte lange am Grab seines Mannes gestanden und stumme Zwiesprache mit ihm gehalten. Obwohl er glaubte, kaum noch Tränen zu haben, rannen sie in Bächen aus seinen Augen, kaum dass er den weißen Marmorstein auf der Grabstätte sah. Dennoch war die Leere nicht so deutlich, wenn er die letzte Ruhestätte Adams aufsuchte. Es war ihm ein Trost, unscheinbar klein, aber dennoch spürbar.

Du musst mich loslassen, Babe … Dev, ich kann nicht zu dir zurückkehren … Lass los … lass los …

Devon zuckte zusammen. Seine Hand berührte noch immer den Stein. Rasch zog er sie zurück und sah sich um. Das war eindeutig Adams Stimme.  

„Adam …?“ Devon hörte sein Herz rasen, sein Atem flog. Nein, es musste eine Einbildung gewesen sein.

Er zwang sich dazu Ruhe zu bewahren. Langsam streckte er die Hand aus und strich noch einmal liebevoll über den kalten Marmor. Schluchzend flüsterte er. „Ich vermisse dich, Adam. Ich weiß nicht, wie ich ohne dich weitermachen soll …“

Du musst mich loslassen … Du hast die Kraft … Komm nicht mehr jeden Tag hierherIch bin immer in deinem Herzen …

Schockiert sprang Devon ein Stück zurück. Er zitterte und starrte, wie hypnotisiert den Grabstein an. Das war nicht real. Das konnte nicht real sein. Erneut drehte er sich um. Die alte Mrs. Nowack kam den Weg entlang und bog in die parallel verlaufende Reihe ein, um das Grab ihres Mannes zu besuchen.

Erinnere dich an uns … erinnere dich und lass los …

Devon schüttelte den Kopf. „Adam …“. Seine Stimme glich einem leisen Krächzen. „Wieso … kann ich dich hören?“

Die Frage blieb unbeantwortet. Devon schlug die Hände vors Gesicht und wurde von einem heftigen Weinkrampf geschüttelt. Nur sehr langsam ging er Minuten später vorüber. „Ich kann dich nicht loslassen … es geht einfach nicht …“

Kraftlos verließ Devon den Friedhof. Er nahm die Menschen, die ihm auf seinem Weg begegneten kaum wahr. Sein Innerstes verkrampfte sich noch immer; seine Gedanken rasten; sein Verstand schien kurz vor einer gewaltigen Explosion ob des eben Erlebten. Das war nicht real. Oder doch? Adams Stimme war so präsent in seinem Kopf, dass Devon tatsächlich glaubte, sein verstorbener Mann habe direkt zu ihm gesprochen. Nein, es war real. Adam hatte zu ihm gesprochen. Klar und deutlich.

Noch im selben Moment, in dem Devon darüber nachdachte, seiner Therapeutin davon zu erzählen, verwarf er diesen Gedanken wieder.

In der folgenden Nacht fand Devon kaum wirklichen Schlaf. Wenn er tatsächlich einnickte, suchten ihn Albtraum ähnliche Episoden heim, die ihn rasch wieder aufschrecken ließen. Meist erwachte er mit Adams Namen auf seinen Lippen.

Erinnere dich an uns … erinnere dich und lass los …

Weit vor Sonnenaufgang setzte sich Devon ins Wohnzimmer und schaute ins Leere. In seinem Kopf blitzten Erinnerungen auf. Erinnerungen an seine gemeinsame Zeit mit Adam. Eine Zeit, die von gegenseitiger und tiefer Liebe erfüllt war. Ein leises Lächeln legte sich auf Devons Züge, als sich seine Gedanken auf eine Zeitreise zwölf Jahre zurück begaben, an den Tag seiner ersten Begegnung mit Adam …

„Ich bin zu spät, ich bin zu spät … Verdammt …“ Devon schimpfte vor sich hin und rannte über den langen Gang der zwölften Etage der Midland Insurance Group.

Den Beginn seines ersten Arbeitstages in der Versicherungsgesellschaft hatte er sich wirklich anders vorgestellt. Dabei war er weder zu spät von zu Hause losgefahren, noch gab es einen Stau. Vielmehr hatte sich Devon in der Aufregung seinen Coffee to go über das Jackett geschüttet. Dieses galt es natürlich auszutauschen. Glücklicherweise wohnte Devons Freund Simon ganz in der Nähe und besaß auch annähernd die gleiche Konfektionsgröße. Ein kurzer Anruf und das Problem schien gelöst … beinahe.

„Ich kann doch kein gelbes Jackett anziehen“, protestierte Devon beim Anblick des einzigen, zur Verfügung stehenden, Kleidungsstückes. Simon hob die Schultern. „Why not? Dunkelblaue Hose und gelbes Jackett … Du wirst der neue Star deiner Firma.“
„Si, bitte. Das ist eine seriöse Versicherungsgesellschaft und kein Mode-Salon.“
Simon wirkte eingeschnappt. „Sagt wer? Dann melde dich krank“, pienste er und nahm Devon das Jackett aus der Hand.
Der verdrehte die Augen. „Krankmelden am ersten Tag … Superidee Si. Gib schon her und … danke …“

Devon raste an den Büros vorbei und konzentrierte sich auf die Nummer, die es zu suchen galt. Mit Schwung bog er um die nächste Ecke und stieß heftig mit einem anderen Mann zusammen. Ein Stapel Unterlagen fiel zu Boden.

„Sorry, es … es .. tut mir leid“, stammelte Devon und ging in die Hocke um zu helfen die Papiere seines Zusammenstoßes aufzusammeln. Dieser ging ebenfalls in die Hocke und grinste. „Immer so stürmisch?“ wollte er wissen.
Devon wurde rot. Allein die Stimme des anderen jagte ihm einen wohligen, aber in der augenblicklichen Situation vollkommen unangebrachten Schauer über den Rücken. „Ja, ähm … nein. Ich … das ist mein erster Tag …“
„Devon Cooper, nehme ich an?“
Jetzt wurde aus der Röte in Devons Gesicht ein tiefes Dunkelrot. „Ja …“
„Adam Kasinski, freut mich. Du kommst in meine Gruppe.“
„Sicher? Ich meine, ich bin zu spät …“ Wieder auf Augenhöhe, stellte Devon fest, dass er sich gerade wie ein Trottel benahm. Adam schien das aber entweder nicht so zu sehen, oder aber es störte ihn nicht. „War ich an meinem ersten Tag auch. Du kannst mit mir kommen. Hast den falschen Gang genommen. Wir müssen in den West-Flügel.“
Devon atmete auf und lächelte.
Adam erwiderte. „Gefällt mir …“
Wieder verfärbte sich das Gesicht Devons auf verräterische Weise. „Ähm … was?“
Adam beugte sich zu ihm herüber und flüsterte. „Das Jackett …“

*


„Wie sieht’s aus, Dev, kommst du morgen Abend mit zum Bowlen?“ fragte Vincent vollkommen unvermittelt, nachdem er mit Devon einige Unterlagen durchgegangen war.

Eilig schüttelte Devon den Kopf. „Geht nicht. Ich …“

„Kumpel, du musst mal wieder raus“, beharrte Vincent. Zusammen mit Adam war Devon mit einigen Kolleginnen und Kollegen regelmäßig bowlen gegangen. Seit Adams Tod war Devon kein einziges Mal mitgegangen, obwohl ihn die anderen immer wieder zu ermutigen versucht hatten.  

„Nicht morgen Abend, Vince. Ich fahre raus zu meiner Schwester aufs Land. Ein anderes Mal vielleicht.“

Vincent hob die Schultern. „Okay, aber du weißt, dass wir für dich da sind.“

Devon lächelte matt. „Danke Vince.“

*


Schon in der Nähe des Friedhofes überfiel Devon ein Gefühl, das sich nicht beschreiben ließ. Er war inzwischen überzeugt, dass er sich die Stimme Adams bei seinem letzten Besuch nur eingebildet hatte. Je näher er dem Grab seines Mannes kam, umso nervöser wurde er jedoch.

Der Regen vom Vortag hatte in einer Vertiefung des rauen Marmorsteines eine kleine Wasserlache gebildet. Vorsichtig wischte Devon darüber.

Mein Liebling, ich kann es nicht ertragen, dass du dich länger quälst … Du musst wieder in dein Leben finden … Lass mich gehen …

„Verdammt, wer spricht da?“ rief Devon lauter als gewollt. Die Hand hatte er wieder vom Stein zurückgezogen und sie ballte sich zu einer Faust. „Wenn das ein schlechter Scherz sein soll …“

Devon … Dev … ich möchte dich wieder lachen sehen … geh mit den anderen zum Bowling … geh wieder aus  … Ich kann nicht wieder zu dir zurück … Du musst loslassen …

Devon schnappte nach Luft. Er drehte sich herum und lief so schnell weg, wie er konnte. Erst am Parkplatz verließ ihn seine Kraft und er blieb stehen. Zitternd, verstört presste er die Faust gegen seinen Mund, wagte keinen Blick zurück zum Eingang des Friedhofes, aus Angst, er würde jeden Moment den Verstand verlieren.

*


„Ihr Verstand spielt Ihnen einen Streich, Devon. Sie sind noch immer so sehr mit Adam verbunden, dass Sie glauben, Sie hören ihn“, sagte Doktor Saunders mit ruhiger Stimme an ihren Patienten gerichtet. „Sie können und wollen nicht loslassen.“

Devon stieß den Atem aus. „Ich habe Adams Stimme so deutlich gehört, wie die Ihre.“ Er ärgerte sich, dass er seinem ersten Gedanken, der Therapeutin nichts zu erzählen, nicht weiter gefolgt war.

Leyla Saunders lächelte und nahm ihre Brille ab. „Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber was denken Sie, wollte Adam mit seinen Worten erreichen?“

Irritiert sah Devon Doktor Saunders an. Seine Schultern sanken immer tiefer herunter. „Er möchte mich vom Friedhof fernhalten. Ich soll wieder leben und …“

Er brach ab. „Nein, oh nein … Doktor. Bitte kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass es das ist, was ich will, aber aus irgendeinem Gefühl von irgendwas heraus, behaupte ich, dass es Adams Wunsch ist.“

„Devon, ich habe nichts dergleichen gesagt. Bitte nehmen Sie sich aber die Zeit, genau darüber nachzudenken: Ihr Verstand sagt Ihnen, dass Sie Ihr Leben ohne Adam meistern müssen, aber Ihr trauriges Herz kapituliert vor dieser Tatsache.“ Doktor Saunders legte ihrem Patienten die Hand auf den Arm und schaute ihn aufmunternd an.

Devon schüttelte den Kopf und ihre Hand ab. „Tut mir leid, Doc. Ich weiß, was ich gehört habe. Mag sein, dass ich irre werde, aber ich habe meinen verstorbenen Mann sprechen gehört …“

Trotz der Versuche von Leyla Saunders hatte Devon die Therapie-Sitzung abgebrochen. Da die Praxis nicht weit entfernt von seiner Wohnung lag, ging er meist zu Fuß über die Einkaufsstraße und durch die Seitenstraße mit den netten, kleinen Cafés und Restaurants. Ihm zerriss es fast das Herz, wenn er daran dachte, wie oft er mit Adam hier ausgegangen war. In die Trattoria von Alfonso und Paolo, in das Café Kännchen Glück oder aber in gemütliche Bar Am Kanal.

Am Café blieb er einen Moment stehen und betrachtete die Auslagen im Schaufenster. Da lagen die, von Adam heiß geliebten und mit rosa Zuckerguss überzogenen, Donuts. An seinen besten Tagen konnte Adam vier davon verdrücken. Devon erinnerte sich an die klebrigen und süßen Küsse danach. Er lächelte, hielt aber plötzlich inne. Ihm war, als würde er beobachtet. Als er von der Auslage aufsah, spiegelte sich ein Gesicht in der Fensterscheibe wider. Devon fuhr herum, aber außer der Frau, die ihren Chihuahua spazieren führte und ihn,  ob seines merkwürdigen Benehmens von oben nach unten sehr abschätzig musterte, war dort niemand.

Devon zwang sich ruhig zu bleiben. Er hatte nicht wirklich ein Gesicht gesehen, oder doch? War es Adams Gesicht? Fieberhaft dachte Devon darüber nach, während er zurück zum Appartementhaus lief, in dem er wohnte. Erst die Stimme, jetzt ein Gesicht.

Es war zu viel – alles war gerade viel zu viel.  

*


„Du siehst furchtbar aus, Dev. Nimm dir ein paar Tage frei“, bemerkte Greg, Devons Abteilungsleiter am Freitag Mittag.

Devon schüttelte den Kopf. „Danke Greg, es geht schon. Ich fahre später zu meiner Schwester aufs Land. Bis Montag bin ich wieder okay.“

Greg Ferguson maß seinen Mitarbeiter und guten Freund mit einer hochgezogenen Augenbraue. „Mein Lieber, du bist weit entfernt von okay. Deine Gruppe hat gute Abschlusszahlen, gönn dir eine kleine Auszeit. Die hast du dir sowieso verdient.“
„Greg, es geht mir gut“, entgegnete Devon schärfer als gewollt. „Die Arbeit lenkt mich ab. Zuhause … werde ich wahnsinnig.“

Ferguson schwieg zunächst. Jedes weitere Wort hätte die Sache nur noch schlimmer gemacht. Devon litt unter dem Verlust seines Partners. Die beiden galten unter den Kollegen als Traumpaar und wurden immer dafür bewundert, wie deutlich sie Beruf und Privatleben voneinander trennen konnten.

Schließlich sagte Greg. „In Ordnung, Dev. Ich überlasse es dir. Wenn du Sonntag Abend das Bedürfnis hast, dir ein paar Tage frei zu nehmen, schick mir eine Nachricht-ansonsten sehen wir uns Montag.“

Devon sah seinen Vorgesetzten dankbar an. „Ich kriege das hin, Greg … ich muss einfach …“

Seine Tasche für das Wochenende hatte Devon bereits am Morgen gepackt. So bestand keine Notwendigkeit, dass er nach der Arbeit noch einmal nach Hause fahren musste. Bevor er auf die Autobahn stadtauswärts fuhr, hielt er am Friedhof. Im Blumenladen, gleich neben dem Eingang, erstand er eine einzelne gelbe Rose.

Als Devon die Rose wenig später auf Adams Grabstätte legte, stiegen wieder Tränen in ihm auf. „Ich fahre übers Wochenende zu Steph. Greg meinte, ich solle noch ein paar Tage zusätzlich dranhängen, aber … Ach ich weiß es nicht. Adam, ich habe das Gefühl, dass ich verrückt werde …“

Zögernd strich Devon über den kalten, weißen Marmor und er erwartete jeden Moment wieder Adams Stimme zu hören. Aber nichts passierte. Devon wartete einen Moment, aber außer ein paar Krähen, die sich lautstark in einem der Bäume niederließen, blieb es ruhig. Fast erleichtert ging Devon in die Hocke und richtete die Grünpflanzen auf dem Grab. „Bis Montag, mein Liebling“, sagte er leise im Anschluss.

*


Die Fahrt nach Willow’s Bay dauerte etwa eine Stunde. Devons Schwester Stephanie und ihr Mann Calvin bewirtschafteten eine Rinder-Farm. Inzwischen arbeitete auch die fast neunzehnjährige Tochter Louisa tatkräftig mit. Devon freute sich, seine Familie zu sehen. Je näher er seinem Ziel kam, umso mehr entspannte er sich.

Zwanzig Meilen vor der Ausfahrt entdeckte Devon, dass er tanken musste. Wieder einmal hatte er die Tankfüllung vor Antritt einer Fahrt nicht überprüft. Dieses kleine, nachlässige Detail ließ ihn schmunzeln. Adam hatte sich darüber immer herrlich und ausgiebig aufregen können.

Devon steuerte eine kleine Tankstelle an. Während das Benzin in den Tank floss, sah er sich um. Sein Blick blieb bei dem kleinen Diner gegenüber hängen. Devon fühlte sich beobachtet, aber da war niemand, der in seine Richtung schaute.

Er beeilte sich zu bezahlen, stieg dann wieder in seinen Wagen und versuchte auf den verbleibenden Meilen seine, plötzlich wieder flatternden Nerven unter Kontrolle zu bekommen.

Als Devon seinen Wagen vor dem Haupthaus der Farm zum Stehen brachte, stürmten die beiden Hunde Aida und Waterloo laut bellend darauf zu. Devon stieg aus und das Gebell Hunde hörte schlagartig auf, als ihn die beiden erkannten. Nach einer kurzen Streicheleinheit zur Begrüßung sah sich Devon nach seiner Schwester um. Aus der Scheune hörte er zunächst ein „Hey, Onkel Devon“, konnte seine Nichte aber noch nicht ausmachen. Gleich darauf kam Louisa mit zerzausten Haaren und in verschmutzter Farmkleidung heraus.

„Lou, hast du mit einem Ochsen gekämpft?“ konnte sich Devon den Kommentar nicht verkneifen.

Louisa knurrte. „Ich habe gemistet und bin rückwärts … okay lassen wir das.“ Dann begann sie zu lachen. „Schön, dass du schon da bist.“

Devon konnte sich einer Umarmung seiner Nichte in diesem Zustand gerade noch entziehen. „Ähm … das heben wir uns für später auf. Wo sind deine Eltern?“

„Dad ist in Wilder Springs auf einer Auktion und Mum schaut mit Kelly nach den Zäunen. Einer der Bullen hatte wohl ein bisschen Testosteron-Überschuss“, grinste sie.

„Wer ist Kelly?“ fragte Devon überrascht und seine Nichte wurde ein bisschen verlegen. „In der Hauptsache … mein Freund. Das war er schon bevor Dad ihn als Vorarbeiter angestellt hat.“

Devon lächelte. „Na dann werde ich ihn ja sicher kennenlernen. Kann ich schon mal in mein Zimmer und mich frisch machen?“

„Klar, ich hab noch ein bisschen zu tun. Ich funke Mum an, dass du da bist.“

Louisa verschwand wieder in der Scheune und Devon betrat das Wohnhaus durch den hinteren Eingang, von wo aus man am schnellsten in die obere Etage zu den Gästezimmern gelangte.

Adam hatte sich hier immer wohl gefühlt. Am liebsten hätte er seinen Versicherungs-Job an den Nagel gehängt und sich um Rinder, Pferde oder andere Farm- und Landwirtschaft gekümmert. Stephanie hatte ihn gerne damit aufgezogen, dass er als Bürohengst sicher bei der ersten schweren Aufgabe wieder geflüchtet wäre.

Devon stellte seine Reisetasche ab und schaute aus dem Fenster. In einiger Entfernung konnte er Stephanie mit einem jungen Mann an den Zäunen sehen.

„Vielleicht hat Greg Recht und ich sollte noch ein paar Tage dranhängen“, murmelte er vor sich hin.

*


„Jetzt erzähl mal Bruderherz, wie es dir wirklich geht“, bemerkte Stephanie, als sie endlich ein paar Minuten allein mit Devon hatte.

Die beiden hatten es sich auf der Veranda bequem gemacht. Der Abend war warm und beinahe windstill.

„Ich versuche klarzukommen, aber das ist nicht einfach.“

„Es sind gerade mal sechs Monate, Dev. Erwarte nicht zu viel von dir, aber Adam würde nicht wollen, dass …“ Sie brach ab, als sie Devons erschrockenen Blick sah.

Adam würde nicht wollen …

„Alles in Ordnung, Dev?“

Er schüttelte den Kopf und ganz plötzlich sprudelte alles aus ihm heraus. Adams Stimme auf dem Friedhof, das Gesicht, das Devon zu sehen glaubte. Wenn Stephanie geschockt war, so ließ sie es sich nicht anmerken. Lediglich die Sorgenfalte auf ihrer Stirn vertiefte sich, als sie ihren Bruder in den Arm nahm.

„Ich kann mir nur annähernd vorstellen, was du durchmachst und ich wünschte, ich könnte dir helfen. Etwas in dir will Adam einfach nicht loslassen …“

„Glaubst du mir, Steph? Glaubst du, dass ich Adam gehört habe? Dass ich dieses Gesicht sehe, von dem ich nicht einmal weiß, wem es gehört?“ Devons Verzweiflung war in jedem seiner Worte deutlich zu hören. Stephanie löste sich ein Stück von ihm und schaute ihn warmherzig an. „Natürlich glaube ich dir und ich glaube auch nicht, dass du verrückt bist oder es wirst. Ich denke, du bist ein Opfer deiner Verzweiflung und … dabei musst du dir helfen lassen.“

Devon schluckte. Mit helfen lassen meinte Stephanie natürlich psychologische Hilfe. Er hatte Doktor Saunders Angebot auf eine zeitlich begrenzte Betreuung im Therapie-Zentrum bereits abgelehnt.

„Ich setze darauf, dass mir die Tage hier bei euch guttun werden“, gab er zur Antwort.

„Hast du Adams Stimme schon einmal woanders gehört als auf dem Friedhof?“ erkundigte sich Stephanie behutsam. „In eurer Wohnung, vielleicht?“

Devon schüttelte den Kopf. „Nein, nur an Adams Grab. Aber dieses Gesicht … es verfolgt mich …“

*


Trotz der Angespanntheit schlief Devon sehr viel besser, als zu Hause. Er wurde nur ein einziges Mal in der Nacht wach, brauchte einen Moment um sich zu orientieren und schlief dann wieder ein. Am nächsten Morgen stand ein Frühstück für ihn auf dem Tisch mit einer Nachricht: Lass es dir schmecken und wenn du magst, komm später zur Hauptweide hinaus- Steph. Seine Familie war bereits seit Stunden bei der Arbeit.

Devon ließ sich Zeit mit Kaffee, zwei Broten und etwas frischem Obst. Zum ersten Mal seit Tagen, fühlte er danach wieder etwas Kraft in sich aufsteigen.

Aida und Waterloo umkreisten ihn, als er seinen Weg in Richtung der Weide antrat, blieben aber schließlich zurück.

Devon kam an einem kleinen Haus vorbei, von dem er wusste, dass es dem früheren Besitzer der Farm, Jack Benson, gehört hatte. Inzwischen wurde es als Geräteschuppen und für Zwischenlagerungen genutzt. Die Fensterscheiben waren an manchen Stellen bereits blind.

Da drin spukt der Geist einer alten Farmer-Seele, hatte Adam immer gewitzelt. Er liebte den morbiden Charme des Gebäudes und war voller Ideen, welche dunklen Geheimnisse den alten Benson einst umgeben hatten.

„Nun Mr. Benson, wann lüften sie ihre Geheimnisse?“ murmelte Devon schmunzelnd im Vorbeigehen und wandte den Kopf in Richtung des Hauses. Er erschrak. Das Gesicht. Das Gesicht war wieder da. Wie versteinert stand Devon und starrte in das Gesicht, das trotz der schmutzigen Scheiben deutlich zu sehen war. Wer? Wer war das?

Ein freundliches Lächeln schlug ihm entgegen, dann verschwand das Gesicht.

Devons Herzschlag schien sich zu verdoppeln. Er rang nach Atem und schaute noch immer auf das Fenster. Wie war das nur möglich?

Abrupt riss er sich aus seiner Starre und trat auf das alte Gebäude zu. Langsam ging er näher und näher. Er schaute durchs Fenster. Alles was Devon sah, war Gerümpel und landwirtschaftliches Gerät.

„Suchst du was?“

Devon fuhr herum. „Lou, musst du mich so erschrecken?“

Louisa schmollte. „Ich habe dich zweimal gerufen. Du hast von Weitem ausgesehen, als sei dir etwas passiert.“

Devon schüttelte den Kopf. „Nichts. Alles gut. Ich dachte, ich hätte … da wäre …“

Louisa legte den Kopf auf die Seite. „Komm schon, lass uns sehen, wo die anderen sind.“

Devon war dankbar, dass seine Nichte nicht weiter nachhakte. Wenn das so weiter ging, brauchte er tatsächlich einen Termin in der Psychiatrie.

Stephanie gegenüber erzählte Devon nichts von dem Gesicht. Allerdings wühlte ihn das Ganze so auf, dass er in der zweiten Nacht kein Auge zumachte. Am nächsten Tag blieb das geheimnisvolle Gesicht verschwunden. Devon beschloss, Gregs Ratschlag Folge zu leisen und den Aufenthalt bei seiner Familie zu verlängern.

Auch am Montag und Dienstag hatte Devon keine Begegnung mit dem freundlich lächelnden Gesicht. Er war erleichtert einerseits, andererseits arbeitete sein Gedächtnis auf Hochtouren einen passenden Namen zu diesem Gesicht zu finden. Ohne Erfolg.

Die Rückfahrt von Willow’s Bay am späten Dienstag-Nachmittag verlief ohne Zwischenfälle. Als erstes zog es Devon auf den Friedhof. Ihn überkam wieder dieses traurige Gefühl, aber er versuchte es, so gut es eben ging in den Hintergrund zu drängen. Zuerst zögernd begann er leise von seinem verlängerten Wochenende zu erzählen. Schließlich sprudelte das Erlebte der letzten Tage wie eine Quelle aus ihm heraus. Auch das Gesicht ließ er dabei nicht aus.

Danach wartete Devon ab, aber nichts passierte. Adam sprach auch dieses Mal nicht zu ihm. „Ich habe keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hat, aber es scheint offenbar vorbei zu sein …“

Tief durchatmend verließ Devon den Friedhof.

*


Einige Tage später


Seit fast zwei Wochen blieb das rätselhafte Gesicht inzwischen verschwunden. Devon hatte auch keine Zeit mehr darüber nachzudenken. Aufgrund einer Krankheitswelle in seiner Abteilung musste er für den einen oder anderen Kollegen einspringen, was ihm auch die Regelmäßigkeit seiner Friedhofsbesuche raubte. Wenn er es doch schaffte, wurde er längst nicht mehr vom Gefühl beschlichen, ob und wann er Adams Stimme hörte. Sie war verstummt, das machte ihn wehmütig und traurig, aber gleichzeitig signalisierte es ihm, dass er nicht verrückt war oder auf dem Weg, es zu werden. Auch die Besuche bei Doktor Saunders wurden seltener.

„Guten Morgen, Mr. Cooper. Der Aufzug ist schon wieder kaputt, Sir. Bitte nehmen Sie die Treppe.“

„Hallo Jackson“, grüßte Devon den Hausmeister des Appartement-Hauses. „Schon wieder? Hatten wir das nicht erst letzten Monat?“

Jackson Miller hob die Schultern. „Immer das Gleiche, aber die Monteure kommen bald. Wenn Sie von der Arbeit kommen, sollte alles wieder in Ordnung sein. Schönen Tag, Sir.“

„Danke Jackson, Ihnen auch.“

Devon öffnete die Tür zum Treppenhaus. Vom achten Stock hinunter zu laufen kam einem Frühsport gleich. Anders sah das in umgekehrter Richtung aus. Er schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass Jackson Recht behielt und der Fahrstuhl nicht wieder für zwei Tage außer Betrieb blieb. Es gab schließlich auch Mieter im Haus, die älter und nicht so gut zu Fuß waren, wie er selbst.

Im Erdgeschoss angekommen, riss Devon schwungvoll die Tür auf und prallte mit einem anderen Mann zusammen. Ein Stapel Unterlagen fiel zu Boden. „Sorry, Mann. Tut mir leid“, murmelte er und schaute den anderen an. Wie vom Donner gerührt prallte er zurück.

Das Gesicht.

„Kein Ding. Sind Sie immer so stürmisch?“ lächelte der andere.

Devon starrte ihn an. Ohne Zweifel. Dieses Lächeln, dieses Gesicht würde er unter Tausenden erkennen. Schlagartig wurde ihm heiß und kalt gleichermaßen.

„Hey, ist alles in Ordnung?“ fragte der Mann besorgt.

Devon war unfähig auch nur einen Ton herauszubringen. Ihm wurde schwindelig.

Der Mann kam näher. Devon wich noch weiter zurück, spürte aber augenblicklich die Wand im Rücken.

„Mann, Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen. Ich bin Arzt. Marcus Loomis. Ich arbeite drüben am Memorial … Haben Sie sich bei unserem Zusammenstoß verletzt?“

Devon schüttelte den Kopf und riss sich endlich aus seinem Schock. „Bitte entschuldigen Sie …“

Marcus lächelte wieder. „Kein Grund sich zu entschuldigen“, entgegnete er und begann seine Unterlagen aufzuheben. Devon ging in die Hocke, um ihm zu helfen.

„Wohnen Sie hier? Ich ziehe nächste Woche ein, Appartement 1413“, plauderte Marcus drauflos. „Habe gleich einen abschließenden Termin mit der Vermietungsgesellschaft.“

„Dann werden wir sozusagen Nachbarn“, gab Devon zögerlich zurück. „Devon Cooper. Ich wohne in Appartement 1427.“

„Freut mich, Devon. Dann ist der nächste Zusammenstoß ja schon vorprogrammiert. Gefällt mir übrigens.“

Irritiert sah Devon ihn an. „Was …?“

Marcus zwinkerte. „Das Jackett …“



THE END
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