Wieder bei ihr

GeschichteRomanze / P12
Dr. Marc Lindner Dr. Theresa Koshka
26.03.2020
26.03.2020
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Ihr Lieben, über  1 Woche daheim und ich vermisse meinen „Marc“. Da wir leider nicht zusammen wohnen, bleibt uns im Moment nur das Telefon, E-Mail und der Instant Messenger.

Und ich freue mich schon jetzt, wenn ich ihn endlich wiedersehe – ich zähle schon die Tage, obwohl ich nicht weiß, wie lange es bis zu unserem Wiedersehen dauern wird.

Wieder bei ihr

Julia und Elias saßen gerade im Ärztezimmer und berieten über einen Patientenfall als Theresa hereinkam.

Zielgerichtet steuerte sie auf die Kaffeemaschine zu und goss sich einen Kaffee ein, bevor sie einen tiefen Schluck aus der Tasse nahm.

„Der ist ja kalt“, murmelte sie und verzog angewidert das Gesicht.

Theresa trank den Kaffee jedoch trotzdem aus.
Kalter Kaffee war besser als gar kein Kaffee.
Und das Koffein hielt sie wach.

„Alles in Ordnung?“ besorgt musterte Julia ihre Freundin.
„Eine lange Schicht mit Moreau“, erklärte sie, so als wäre das Antwort genug.

Aber es war mehr als nur diese eine Schicht.
Das wusste Julia.
Und auch Theresa.

Seitdem Marc vor etwa einen Monat zu einem medizinischen Hilfseinsatz in Asien aufgebrochen war um die Menschen dort bei der Behandlung einer Infektionskrankheit zu unterstützen, hatte Theresa  mehr als einmal den Dienst mit ihren Kollegen getauscht um nicht nach Hause gehen zu müssen.
Nach Hause.
Ihre leere Wohnung.
Ihr leeres Bett.

Marc fehlte ihr.

Auch wenn Theresa es niemals offen zugeben würde.
Niemals laut eingestehen würde.
Aber er fehlte ihr.
Jeden Tag.
Jede Sekunde.
Immer.

Vor sechs Monaten hatten Theresa und Marc endlich den entscheidenden Schritt gewagt und ihrer Liebe, ihrer Beziehung eine Chance gegeben.
Eine richtige Chance.
Mit Verabredungen.
Reden.
Kleinen Gesten.
Liebesbriefen.

Und irgendwann hatte es auch erste Übernachtungen gegeben.
Gemeinsames Frühstücken am Morgen danach.
Es war das, was sie sich immer gewünscht hatte.
Und es war der Anfang einer wunderbaren Zeit zu zweit.
War es gewesen.

Theresa hatte sich nie glücklicher gefühlt.
Vollständig.
Geliebt.
Alles war perfekt.
Perfekt gewesen.

Bis zu dem Morgen, als Marc ihr den Brief gezeigt hatte.

Ein Teil von ihr hatte Marc nicht gehen lassen wollen.
Aber sie wusste, dass er gehen musste.
Das er nicht anders konnte als nach Asien zu gehen.
Ein Arzt wie er, der wurde gebraucht.
Ganz dringend.

Wenn sie im JTK im Dienst war, dann war es leichter es zu ertragen.
Die Einsamkeit.
Die Zeit ohne Marc.
Aber wenn sie allein war, in ihrer Wohnung, dann merkte sie es.
Ihr Bett fühlte sich so leer an.
Ohne ihn.
Die zweite Betthälfte war so kalt.
Ohne ihn.

Das regelmäßige Skypen mit Marc war einfach kein Ersatz für seine Umarmungen oder ihre vielen Gespräche.
Es war irgendwie wie verhext.
In dem Moment, in dem sie endlich mit ihm glücklich war, glücklich sein konnte, musste sie schon wieder auf ihn verzichten.

„Setz dich mal zu mir“, bat Julia.

Theresa zögerte kurz.
Sie spürte Julias besorgten Blick der auf ihr ruhte.
Sie wusste ja selbst, dass sie schlecht aussah.
Dunkle Ringe hatten sich unter ihren Augen gebildet, die sie nur schwer wegschminken konnte.
Aber Nachts wollte der Schlaf einfach nicht kommen.

Erschöpft ließ sich Theresa auf das Sofa fallen.
Für einen Moment schloss sie die Augen, bevor sie diese wieder öffnete und in Julias besorgtes Gesicht blickte.

„Wann hast du das letzte Mal geschlafen?“
„Gestern.“
„Ich meine richtig geschlafen. Zuhause in deinem Bett und nicht auf dem Sofa im Umkleideraum oder in Doktor Lindners Büro. Theresa ich weiß das er dir fehlt, dass du ihn vermisst. Aber er würde nicht wollen, dass du nicht auf die aufpasst“, erwiderte Julia.

Theresa wich Julias Blick aus.

Julia hatte ja Recht, sie hatte schon lange keinen richtigen Schlaf mehr gehabt.
Zuletzt als sie in Marcs Armen geschlafen hatte.
An ihrer letzten gemeinsamen Nacht.
Bevor er nach Asien aufgebrochen war.

„Julia, ich komm klar. Marc und ich sehen uns regelmäßig über Skype. Alles ist gut. Und bald ist er sicher wieder bei mir. Hör auf dir Sorgen um mich zu machen“, antwortete Theresa stattdessen.

Aber wirklich beruhigt hatten ihre Worte ihre Freundin nicht.
Julia wusste, dass Theresa ihren Freund vermisste.
Doktor Lindner vermisste.

Julia war sich sicher, dass Theresa Zuhause die Decke auf den Kopf fiel.
Sie selbst war ja in der ersten Zeit nach ihrer Trennung von Niklas froh gewesen, dass sie nicht allein gewesen war.
Das jemand für sie da gewesen war.
Das Theresa für sie da gewesen war.
Ihr eine Freundin gewesen war.
Immer noch war.
Und genau deswegen wollte sie jetzt für Theresa da sein.
Ihr eine Freundin sein.
Jetzt in diesem Moment.

„Was hältst du davon, wenn du heute Abend mit zu mir kommst? Wir machen uns einen netten Mädelsabend, mit Eis, Prosecco und einem Horrorfilm. Oder wir quatschen einfach mal wieder. Und du übernachtest dann bei mir auf der Couch im Wohnzimmer“, schlug Julia dann vor.

Natürlich klang das verlockend. Es wäre schön einfach mal einen Abend wieder ohne Sorgen zu verbringen, aber Theresa war für den Abend eigentlich zu einem Gespräch via Skype mit Marc verabredet. Wie an fast jedem Abend.
Auch wenn ein solches Gespräch ein schwacher Ersatz war, wollte sie es nicht verpassen.
Nicht einen Abend.
Keine Sekunde davon.

Seine Stimme zu hören erfüllte sie mit einem wohlig warmen Gefühl.
Und bevor sie vollständig auf ihn verzichtete, war sie für diese kleinen Momente an denen sie ihn sah dankbar.
Die kleinen Momente, an denen sie seine Stimme hörte.

„Ich hab schon was vor“, erwiderte sie daher.
„Was denn? Arztbriefe für Doktor Moreau schreiben?“
„Mit Marc skypen“, und mit diesen Worten erhob sie sich wieder vom Sofa.

Julia hielt sie jedoch am Arm fest und hinderte sie am gehen.

„Wenn du es dir anders überlegst, komm einfach bei mir vorbei“, und dann ließ sie Theresas Arm los.

Für den Rest des Tages versuchte Theresa wieder alle ihre Gedanken an das Leben außerhalb des JTK’s auszublenden und weder an Marc noch an all die anderen Dinge zu denken.

Erst als ihre Schicht zu Ende war, erlaubte sie sich für einen Moment ihre Gedanken wieder auf Wanderschaft zu schicken.
Nach Asien.
Zu dem Mann, den sie liebte.
Zu Marc.

Theresa hatte ihren Arztkittel gegen Marcs Wollstrickjacke getauscht und stand nun auf dem Dach des JTK.
Die Arme um den Körper geschlungen.
Umgeben von dem Duft seines Rasierwassers, das noch in der Wolle der Jacke hing, konnte sie sich für einen Augenblick der Illusion hingeben in seinen Armen zu sein.
Wieder in seinen Armen zu sein.
Sich geborgen und sicher zu fühlen.
Hier umgeben von seinem Duft.
Von ihm.

Theresa hatte wieder eine Doppelschicht hinter sich.
Und es würde nicht die letzte gewesen sein.
Zumindest nicht solange bis Marc wieder zurück in Erfurt war.
Zurück bei ihr war.
Endlich wieder hier war.

Das Klingeln ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken.

Schnell zog sie es aus ihrer Hosentasche.
Ein Blick auf das Display zeigte ihr eine eingegangene Nachricht von Marc.

Es war eher untypisch für ihn, dass er sich meldet.
Ihr eine Nachricht schrieb.
Normalerweise sprachen sie immer zu einer festen Zeit abends via Skype. Schnell öffnete sie die eingegangene Nachricht und mit jedem Wort das sie auf dem Display las, wuchs die Traurigkeit in ihr: ‚Tut mir leid, ich schaff es heute nicht. Skypen muss ausfallen. Wir holen es nach. Versprochen.

Enttäuscht ließ sie das Handy sinken.
Heute Abend würde sie Marc nicht sehen können.
Nicht mit ihm sprechen können.
Heute nicht.

Vielleicht sollte sie Julias Angebot doch annehmen.
Vielleicht doch einen Mädelsabend mit ihr verbringen.
Sich ablenken, von ihrer Sehnsucht nach Marc.
Dem Vermissen.

Wahrscheinlich hatte ihre Freundin ja Recht und ein Tapetenwechsel, wenn auch nur für einen Abend, würde ihr sicher gut tun.
Zuhause würde sie wahrscheinlich nur mit einem Glas Rotwein ein Schaumbad nehmen und im Hintergrund russische Musik hören.
Die CD, die er ihr damals gekauft hatte.
Ihre Musik.
Ihre gemeinsame Musik.

Und in diesem Moment schien sie ihre Sehnsucht nach Marc fast zu überwältigen.
Sie zu erdrücken.

„Ach Marc, warum musst du nur wieder die Welt retten?“ murmelte sie halblaut und nur der Wind, der ihre Stimme über die Dächer von Erfurt trug, war Zeuge wie eine Träne ihre Wange runterlief.

Sie wollte nicht weinen und auch keine Schwäche zeigen, aber in den Momenten, wenn ihr das ganze Ausmaß bewusst wurde, war es so schwer stark zu sein.
War es so schwer, Marc nicht zu vermissen.
War es schwer, sich nicht nach ihm zu sehnen.
Nach ihm und seiner Liebe.

Theresa wischte sich mit der Handfläche die Tränen weg.
Tränen brachten ihr den Mann, den sie liebte, nicht schneller zurück.
Nicht schneller wieder zu ihr.
Leider.

Langsam verließ sie das Dach.
Es war an der Zeit zu gehen.
Nach Hause.
In ihre leere Wohnung.

Doch wie von selbst trugen ihre Füße Theresa stattdessen in Richtung von Marcs Büro.

Sie würde heute wohl nicht nach Hause in ihre Wohnung gehen.
Und auch nicht zu Julia.
Sie würde heute hierbleiben.
In seinem Büro.
Auf der kleinen Couch.
An dem Ort, an dem sie sich so nah fühlte.

Wenig später schloss sie die Tür seines Büros hinter sich und legte sich auf die kleine Couch.
Sie wollte einfach ein paar Minuten ihre Ruhe.
Nachdenken.
Vielleicht auch wieder hier schlafen.
Wie in den Nächten zuvor.
In den Nächten, in denen Marc nicht im Bett neben ihr lag.
Nicht mit ihr über Skype reden konnte.
In den Nächten, die ihr endlos lang vorkam.
In denen sie allein war.
Ohne ihn.

Theresa war doch erschöpfter gewesen, als sie es jemals offen zugegeben hätte.
Der wenige Schlaf in den letzten Tag war nicht genug gewesen und die Müdigkeit überrollte sie wie ein Zug.
Und schon wenige Augenblicke später war sie eingeschlafen.

Es war eine Berührung an ihrer Wange, die sie aus ihrem Schlaf holte.
Langsam öffnete sie die Augen.

Theresa konnte es erst gar nicht glauben wen sie da sah.
Wer sie anlächelte.
Es war Marc.
Ihr Marc.
Er war zurück.
War wieder im JTK.
Bei ihr.

„Marc?“ ungläubig sah sie ihn an.
„Du hast mir so gefehlt, Koshitska“, flüsterte er, als er sie in seine Arme zog und für einen Moment einfach nur festhielt.

Marc lehnte seine Stirn gegen ihre.
Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Haut.
Spürte, wie er sanft über ihre Wange strich.

Es fühlte sich wunderbar an.
Wieder in seinen Armen sein.
Endlich.

„Ich hab dich so vermisst“, murmelte sie.

Und dann verschlossen sich ihre Lippen zu einem Kuss.

Der Kuss war sanft, so voller Gefühl.
Er war so, wie Theresa ihn in Erinnerung hatte.
Er erfüllte sie mit Wärme.
Mit soviel, dass sie nur schwer in Worte fassen konnte.
Mit etwas, dass sie immer nur bei ihm gespürt hatte.
Bei seinen Küssen und Berührungen.
Bei Marc.

„Aber wo, wie, du hast doch, ich dachte“, Theresa konnte ihre Frage kaum in Worte fassen.

Das Gefühl, dass er wieder bei ihr war, drohte sie zu überwältigen.

„Ich wollte dich überraschen. Deswegen hatte ich dir geschrieben, dass es nicht mit dem skypen klappt“, erwiderte er.

Marc hatte sie auch so verstanden.
Wusste auch so, was sie fragen wollte.
Welche Worte nicht über ihre Lippen kamen.
Die Frage, die sie nicht stellen konnte.
Die er aber in ihren Augen lesen konnte.

Es war ihm vorhin schwer gefallen ihr die Worte zu schreiben.
Ihr Gespräch über Skype abzusagen.
Aber er hatte sie überraschen wollen.
Hatte ihr Lächeln nicht nur auf seinem Laptopbildschirm sehen wollen.
Er hatte sie berühren wollen.
Küssen wollen.
Endlich wieder.

Das er ihr damit vielleicht unnötigen Schmerz zugefügt hatte und die Sehnsucht hatte größer werden lassen, hatte er nicht bedacht.
Nicht in dem Moment.
Er hatte sie überraschen wollen.
Einfach vor ihrer Tür stehen wollen.
Sie endlich wieder in seine Arme zu ziehen.

Aber das war jetzt egal.
Es gab nur noch eine Sache, die zählte.
Die wirklich wichtig war.
Wirklich etwas bedeutete.
Mehr als Worte.

Das er wieder da war.
Endlich wieder bei ihr war.
Bei ihr.
War zurück.
Endlich.

ENDE
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