Zerfressende Schuld

von Anna5000
OneshotFamilie, Tragödie / P16 Slash
Lan Zhan
25.03.2020
25.03.2020
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25.03.2020 771
 
Wie betäubt starrte Lan Zhan vor sich hin.
Er konnte immer noch nicht glauben, dass der Mann, den der über alles liebte und nicht nur sein erster Freund, sondern auch seine erste Liebe war, nun in der Unendlichkeit des Todes verweilen würde.
Wei Ying war tot... und er konnte nichts dagegen tun.
Er konnte nicht eimfach das Tor zum Reich der Toten öffnen um seinen geliebten Yiling Patriarchen zurück zu den Lebenden zu schleifen, denn weder sein Körper, noch seine Seele waren auffindbar.
Sein Bruder hatte schon oft versucht ihn aufzumuntern, ihm Hoffnung zu machen, indem er sagte, dass die anderen Clans bereits versuchten seine Seele zurückzuholen, doch er wusste, dass es keinen von ihnen gelungen war.
Denn wenn Wei Ying wirklich zurück zu ihm gekommen wäre, dann hätte er es gespürt.
Sein ganzes Wesen war seit ihrer ersten Begegnung nur auf ihn geprägt und sein Herz wäre jetzt nicht so voller Trauer.
Ein verzweifeltes Lächeln schlich sich auf seine aufgeplatzten Lippen, hatte er doch schon seit dem Tage der Schlacht, in der der Jüngere gestorben war, kaum etwas zu sich genommen, geschweige denn geschlafen, denn immer wenn er die Augen schloss, fielen die Albträume über ihn herein.
Immer wieder rutschte die Hand des anderen aus seinem eigenen blutverschmierten Griff, ehe er in die allesverschlingende Tiefe fiel.
Leise aufschluchzend wischte er sich die Tränen von den eingefallenen blassen Wangen bei dem Gedanken an den schmerzvollen und ungerechten Tod des Jüngeren.
Warum hatte er nicht auf seiner Seite gestanden?
Warum hatte er ihm nicht vertraut, als er sagte, er hätte alles unter Kontrolle?
Warum hatte er ihn nicht fester halten können?
Er konnte diese sich ständig wiederholenden Fragen, die die unbändige Schuld auf ihm abluden, einfach nicht beantworten.
Sie machten einfach keinen Sinn, denn er sah keinen Grund mehr, warum er nicht einfach so gehandelt hatte.
,,Wei Ying...,“ hauchte er verzweifelt und drückte dessen alte Robe fest an seine schmale Brust.
Versuchend seine aufkommenden Tränen zu unterdrücken, schmiegte er sein blasses Gesicht in den schwarz-roten Stoff, dem nur noch entfernt der leichte, liebliche Duft seines Liebsten anhaftete.
Leicht blintzelte er zu den anderen Andenken des ehemaligen Yiling Patriarchen, die ihm die tröstende Nähe gaben, die er bei seinem Bruder nicht finden konnte.
Mehrere Bambusflöten lagen verstreut auf dem Boden, die er in der kurzen Zeit angefertigt hatte, um sich dem Schwarzhaarigem näher zu fühlen und vergaß über dieses Gefühl sogar seinen Drang zur Ordnung.
Auch hatte er es sich nicht nehmen lassen, die letzten Reste Sake einzusammeln und in seinem Zimmer zu verstecken, die zuvor Wei Ying in seinem eigenen Zimmer gesammelt hatte.
Er wusste, dass er somit gegen die Regeln verstieß, doch es war ihm egal, solange sie ihn an den unbeschwerten und immer freundlichen, jungen Mann erinnerten, der ihm mit seinem idiotischen Grinsen sein Herz gestohlen hatte.
,,Bruder?,“ ertönte es plötzlich hinter seiner verschlossenen Tür gedämpft.
Trotz der deutlichen Sorge in der Stimme des Älteren, konnte Lan Zhan diesem einfach nicht antworten, war er zu gefangen in seiner Trauer um seine verlorene Liebe und wollte keinen sehen.
,,Wangji, ich weiß, dass du trauerst, aber verhärte deinen Geist nicht so. Wei WuXian ist doch bekannt dafür, dass Unmögliche möglich zu machen und du weißt auch, dass Jiang Cheng keine Spur von ihm gefunden hat. Also ist nicht sicher, ob er tatsächlich gestorben ist...,“ versuchte Lan XiChen seinen jüngeren Bruder zu trösten, wurde von diesem jedoch ungewohnt harsch unterbrochen.
,,Er ist tot!,“ rief er wütend, ehe er sich im neuaufflammenden Schmerz über diese Tatsache noch tiefer in dem dunklen Stoff vergrub.
,,Ich spüre es...,“ setzte er noch flüsternd hinterher, doch hatte ihn sein Bruder trotz der verschlossenen Tür verstanden.
Sanft lächelnd schüttelte dieser seinen dunklen Schopf.
Er wusste um die Schwäche seines Bruders für den jungen, ungestümen Mann noch ehe dieser es selbst gewusst hatte und um so mehr verstand er das Gefühlschaos des Jüngeren.
,,Jetzt gerade, schaffen sie es nicht eine so mächtige Seele wie die Wei WuXians zurück zu bringen, doch ich bin mir sicher, dass er irgendwann wiederkommen wird. Und bis dahin solltest du vielleicht so stark werden, dass du ihn vor allen neuen Gefahren beschützen kannst und dann seine Hand auch niemals loslassen musst.“
Ungesehen nickte Lan Zhan nur und erhob sich langsam.
Die Worte seines Bruders ergaben Sinn.
Sorgfältig legte er alle Erinnerungsstücke zusammen und verschloss sie unter den Dielen seines hölzernen Bodens, bereit auf die Zeit zu warten, in der sein Liebster von den Toten erneut auferstehen würde.
Doch bis dahin würde er trainieren und über alles Geschehene und über alle Entscheidungen Wei Yings nachdenken und wenn es noch Jahre dauern sollte.
,,Danke, Bruder.“