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The Origins of Harley Quinn

GeschichteDrama, Übernatürlich / P18
Carmine "The Roman" Falcone Jerome Valeska OC (Own Character) Tabitha Galavan Victor Zsasz
25.03.2020
25.01.2021
12
35.615
3
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14.01.2021 3.601
 
,,Haben Sie wirklich vor den ganzen Tag hier herumzulungern? Haben Sie nichts besseres zu tun? Vielleicht noch einen Schnitt zu Ihrer Sammlung hinzuzufügen oder sowas in der Art?“, blaffte ich Zsasz an, welcher sich mittlerweile mit einer Klinge in den behandschuhten Händen spielend auf einen der Stühle am Gruppentisch gefläzt und die Stiefel auf der Oberfläche abgelegt hatte. Ich sortierte ein paar Papiere in verschiedene Akten ein und sah ihn säuerlich darüber an. Ich mochte es nicht vierundzwanzig Stunden lang von Menschen umgeben zu sein, es machte mich wahnsinnig, wenn ich nicht einmal eine freie Minute für mich allein hatte. Selbst die Stille in ihrer Anwesenheit war zu laut. Er warf mir einen bedeutungsschwangeren Blick aus den schwarzen Obsidianaugen zu, bevor er sich wieder seiner Klinge widmete. ,,Glauben Sie mir, das gefällt mir genauso wenig wie Ihnen, aber die Anweisungen Don Falcones waren eindeutig. Und ich befolge Anweisungen. Auch wenn sie so lästig sind wie diese“, erwiderte er dann nüchtern. Innerlich kochte ich schon wieder. Dieser Kerl war wirklich der Inbegriff der Dreistigkeit und Provokation. Ich schwieg nur als Antwort und sortierte meine Zettel. In ein paar Minuten hatte ich eine Sitzung mit Sandor Trent alias dem Mann mit den 12 Persönlichkeiten. Ein äußerst interessanter, wenn auch sehr vorsichtig zu behandelnder Fall, der viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt jede der 12 Facetten, die in Sandors Körper lebten, kennenzulernen, bevor ich die eigentliche Behandlung oder besser Kontrolllehre beginnen würde. ,,Macht es Ihnen vielleicht etwas aus...?! Ich empfange hier gleich einen weiteren Patienten“, ich warf Zsasz einen scharfen Blick zu. Stumm und teilnahmslos hockte er sich auf den Stuhl und sprang dramatisch über die Lehne, worüber ich nur die Augen verdrehen konnte. Dann steckte er die Klinge weg und lümmelte sich auf die Fensterbank. Inzwischen legte ich meinen Notizblock und die Akte, die bereits so dick wie ein Taschenbuch war, auf meinen Platz und beschriftete meine Notizen schon einmal mit dem Datum und der Uhrzeit.

,,Dr Winters? Mr Trent ist hier für seine Sitzung“, tönte es da schon von der Tür. Sandor Trent war nicht wie viele der anderen hier in eine Zwangsjacke gesteckt worden und der mir unbekannte Wachposten ließ ihn auch allein vor sich her gehen. ,,Natürlich. Bitte, setzen Sie sich doch. Und Sie schließen bitte die Tür von außen“, wandte ich mich zuerst freundlich an den Patienten, der nun eine Brille trug und dann etwas kühler an den Wachbeamten. Ich mochte vielleicht Vorurteile entwickelt  haben, aber ich hielt mittlerweile nicht mehr allzu viel von den Arkham Wachleuten. Die meisten waren entweder so desinteressiert am Leben der Insassen, dass ich nur den Kopf schütteln konnte, sadistisch, wie die beiden, die Jerome getötet hatte oder verängstigt und eigentlich in keinster Weise für den Job in Gothams größter Verrücktenansammlung gemacht. Dieser hier schien auf das erste zuzutreffen. Er nickte knapp und ohne einen weiteren Blick verschwand er wieder nach draußen. ,,Mit wem spreche ich heute?“, fragte ich meinen Patienten. Dieser stand noch immer und blickte sich eingehend im Raum um. Sein Blick scannte jedes Teil seiner Umgebung, ob nun aus Vorsicht oder einem anderen Grund, konnte ich noch nicht erahnen. ,,Mein Name ist Christian. Ich bin einer der Beschützer“, antwortete er mir in einer ruhigen tiefen Stimme, während sein Blick weiter glitt und schließlich an Victor hängen blieb. ,,Das ist Mr Autumn. Er wird während unserer Sitzung meine Vorgehensweisen bewerten, ich denke aber, Sie werden ihn kaum bemerken. Beachten Sie ihn gar nicht weiter“, klärte ich den Sachverhalt auf, wobei der letzte Satz meinen Mund vielleicht etwas zu harsch verließ. Christians Blick glitt zu mir, woraufhin er mich musterte, bis er schließlich wieder zu sprechen anfing. ,,Sie haben ein aufgeräumtes Büro“, befand er beinahe anerkennend ohne eine Miene zu verziehen. ,,Vielen Dank. Ich versuche es auch weiterhin ordentlich zu halten, aber momentan ist das noch kein großer Aufwand, immerhin bin ich ja gerade erst hier eingezogen“, entgegnete ich nonchalant und deutete dann auf einen der Stühle. ,,Setzen Sie sich doch“, wiederholte ich meine Aufforderung. Seine Augen scannten den Stuhl vor sich bevor er sich scheinbar widerwillig darauf niederließ. ,,Also, während den Sitzungen werde ich mir immer mal Notizen machen über unterschiedliche Dinge, die ich als interessant und hilfreich erachte. Ich hoffe, das wird Sie nicht weiter stören. Vor Ihrer eigentlichen Behandlung möchte ich zuerst alle Persönlichkeiten kennen lernen, die sich mit Ihnen in Mr Trents Verstand befinden. Das würde mir die Arbeit deutlich erleichtern“, erklärte ich ihm. Nachdenklich blickte er mich an, ich konnte förmlich sehen, wie hinter den abgerundeten Brillengläsern ein scharfer Verstand arbeitete, bevor er langsam den Kopf neigte und sein Einverständnis ausdrückte. ,,Schön“, kommentierte ich, bevor ich den Namen der Persönlichkeit auf das vorbereitete Blatt schrieb und “Beschützer“ daneben vermerkte. ,,Was hat Sie ins Leben gerufen und wann war das?“, stellte ich meine erste Frage. Der Mann vor mir schien eine Weile zu überlegen, bevor er den Blick auf die Tischplatte senkte und sich zurück zu erinnern schien. ,,Es geschah im siebten, vielleicht achten Lebensjahr in Sandors Kindheit. Seine Großmutter bei der er aufwuchs, misshandelte ihn, weil er eine Schüssel mit Cornflakes umkippte“, verriet er mir, während ich stichwortartig das Gesagte festhielt. Jetzt ergab sein Verhalten von eben viel mehr Sinn. Christian wurde erschaffen damit er für Ordnung sorgte und Sandor so Schmerzen und Seelenschäden ersparte. ,,Vielen Dank“, ich überlegte wie ich meine nächste Frage möglichst schonend formulieren sollte. ,,Christian, in ihrer Akte habe ich von jemandem gelesen, der Ihnen in der Vergangenheit eine große Stütze war“, ich lugte über meine Notizen und fing seine Reaktion ein.

Ein steinerner Ausdruck an dem sich kaum eine Emotion ablesen ließ. ,,Ihre Patentante, Mariselle Goldman“ Seine Augen senkten sich auf die Tischplatte. ,,Sie hat sich für uns eingesetzt. Dafür gekämpft, dass die Menschen an uns glauben und uns ernst nehmen. Sie war für uns da...Wir sind dankbar dafür“, er wählte seine Worte mit Bedacht. ,,Scheinbar wohl nicht alle von Ihnen“, ließ ich die Bemerkung fallen. Christian bedachte mich mit einem abwägenden Blick und studierte eingehend mein Gesicht. ,,Sie war ein Kollateralschaden, unnötig zu erwähnen, dass sie zu diesem Zeitpunkt die gesamte Opferung gefährdet hätte“, argumentierte er sachlich. Mein Stift kratzte über das Papier. ,,Sie sind der Meinung, dass sie Sie aufgehalten hätte etwas Größeres zu tun...?“, wollte ich wissen. ,,Exakt. Mariselle hat uns stets unterstützt, aber sie konnte nicht verstehen um was es ging. Sie hat das große Ganze nicht gesehen“, erklärte er monoton. ,,Christian, eines verstehe ich nach dieser ganzen Sache nicht...Weshalb sind Sie jetzt hier? Sie klingen nicht so, als würden Sie die Tat bereuen“, sagte ich geradeheraus. ,,Meine Idee war das nicht. Es war seine. Es wollte Zeit mit ihnen verbringen. Mit Gleichgesinnten, die ähnliches hinter sich haben“, er legte den Kopf schräg und bohrte erneut musternd seinen Blick in mein Gesicht. ,,Sie haben nichts von uns zu befürchten. Er erkennt seinesgleichen“ Mein Stift gefror auf dem Papier. Langsam glitt mein Blick zu dem Mann mit dem harten Gesicht. ,,Können Sie das ausführen?“, hakte ich nach. Christian schien sich auf die Persönlichkeit zu beziehen, die all den Hass und die Trauer verkörperte, die ausgelöst wurden. Eine Art Inkarnation Satans. ,,Er möchte mit Ihnen sprechen“, antwortete er nur, das Gesicht beginnend zu zucken.

Hastig blätterte ich meinen Block um und befeuchtete meine Lippen, den Blick fasziniert auf den Mann vor mir geheftet, der gerade eine Verwandlung durchzumachen schien. Ich hörte wie sich Victor auf der Fensterbank bewegte, als würde er die Bedrohung riechen können, die sich zusammenbraute. Ich hingegen schien die offensichtlich drohende Gefahr einfach zu ignorieren, viel zu gebannt war ich von der Transformation aus purer Dunkelheit vor mir. Die Härchen auf meinen Armen stellten sich auf, als ich die Luft flirren spürte und Unheil sich ankündigte. Der Mann vor mir riss sich die Brille aus dem Gesicht, sich heftig atmend am Tisch festkrallend, seine Augen wurden rot, als die feinen Äderchen platzten und die Adern an seinen Armen und an seinem Hals traten überall hervor. Ich glaubte zu halluzinieren, als der Mann vor mir begann in die Höhe und Breite zu wachsen, die Muskelstränge hervortraten und das Hemd, welches er trug begann sich zu spannen. Seine Atmung wurde zu einem kehligen Röcheln in seiner Brust. Die Augen brannten sich nun wie Lavaströme in die Tischplatte, seine Aura war wie die eines wilden Tieres. ,,Sie wollen mit mir sprechen?“, ich erhob gespannt die Stimme, mit den Augen jede Regung einfangend. Sein Blick schoss zu mir hoch, mich kalt musternd, wie ein Jäger seine Beute, sich starrend vorbeugend. Dann blitzte etwas in seinen Augen auf und ein Lächeln glitt über seine Züge, woraufhin er sich wieder zurücklehnte. ,,Du bist eine von uns. Auch wenn ich es dir fast nicht angesehen hätte“, grollend erhob sich seine Stimme in der Stille. ,,Was meinen Sie? Was haben Sie gesehen?“, gespannt beugte ich mich nun über die Tischplatte, jede Vorsicht in den Wind schlagend. Hätte Daniel das gesehen, hätte er mich sofort belehrt und ehrlich gesagt fand ich es im Nachhinein selbst ziemlich dumm und unvorsichtig, aber meine Obsession mit dem Unmenschlichen, der Andersartigkeit ließ mich alles außer Acht lassen. Er langte über den Tisch, seine Pranke näherte sich meinem Hals und ich war wie in Trance – bis ein lautes metallenes Schleifen und ein wütender animalischer Schrei mich wieder zur Besinnung kommen ließen. Perplex blinzelte ich und erfasste mit einem erschrockenen Blick die Situation. Die riesige Hand, die sich gerade noch auf meine Kehle zubewegt hatte, war nun mit einem Messer durch die Handfläche an den Tisch genagelt, der Insasse grollte voller Zorn und Schmerz, die wilden Augen hasserfüllt auf Victor fixiert, welcher sich lässig an der Tischplatte abstützte und mich mit einem abschätzigen Blick musterte, dem tobenden Mann nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkend.

,,Was tust du denn?!“, fuhr ich den Auftragskiller aufgebracht an, als ich realisierte was gerade passiert war. ,,Meinen Job“, erwiderte er gelassen, als hätte er gerade nicht die Hand meines Patienten mit einer gottverdammten Klinge durchbohrt. Währenddessen hatte Trent das Messer gepackt und zog es zischend wieder aus der nun klaffenden Wunde. ,,Narr! Du unwürdiger! Du wirst-“, ein tobender Tornado wäre nichts gegen dieses Wesen gewesen, was dann jedoch plötzlich verstummte, die unnatürlich geröteten Augen an Victors Unterarmen klebend. Ich folgte dem Blick verwirrt, mich wundernd, was ihn plötzlich dazu gebracht hatte zu verstummen. Und dann sah ich es auch. Es waren seine wulstigen Narben, die er sich selbst zugefügt hatte, aus welchem Grund auch immer, aber er schien etwas zu zählen, denn jedes Gebilde sah aus wie eine Fünfer-Strichliste. Victor war unbeeindruckt von unserem Starren, er machte sich nicht einmal die Mühe seine Ärmel herunterzuziehen, sondern zog lediglich eine nicht vorhandene Augenbraue hoch. ,,Dieser Ort. Er ist voll von uns“, murmelte das Biest, nun wieder ruhig, die Augen noch immer verloren auf die Narben gerichtet. Ich bemerkte am Rande meines Blickfeldes wie sich die klaffende Stichwunde in seiner Hand anfing zu schließen. Entgeistert starrte ich darauf und konnte es nicht glauben. Ein waschechtes Metawesen, nicht von dieser Welt. ,,Gotham ist ein Paradies, hier sind wir frei, hier sind wir die vorherrschende Macht und die anderen zittern vor uns. Das ist der Anfang!“,rief er plötzlich manisch. Die Wunde auf seiner Hand hatte sich geschlossen. Meine Nerven begannen bedrohlich zu reißen und fürs erste reichte es mir mit diesem Wechselbad der Persönlichkeiten. Ich rief die Wachen wieder herein und ließ sie den hyperaktiven Patienten in eine Einzelzelle bringen, bis er sich beruhigt hatte.

Seufzend ging ich zu meiner Jacke, die über meiner Lehne hing und fischte nach der Schachtel Zigaretten darin. ,,Eine widerliche Angewohnheit“, kommentierte Victor emotionslos. Meine Hand schloss sich so fest um die Schachtel, dass sie sich knautschte und hätte es mich interessiert, würde ich mir Sorgen machen die Kippen darin zu zerquetschen. Aber in diesem Moment wallte nur bodenlose Wut in mir auf. Furios wirbelte ich zu dem gefühlstoten Killer herum und starrte ihn voller Zorn an. ,,Was zur Hölle bildest du dir eigentlich ein, Victor Zsasz?“, gefährlich ruhig trat ich auf ihn zu, drang in seinen persönlichen Radius und sah ihn aus wild funkelnden Augen an. ,,Du kommst hierher, störst mich an meinem Arbeitsplatz, beeinflusst meinen Alltag, attackierst meine Patienten, die Menschen, denen ich zu helfen versuche und dann hast du auch noch die Nerven um mir dreiste Kommentare an den Kopf zu werfen? Du bist mindestens genauso gestört wie die Menschen hier drin. Du bist ein Narzisst und ein Psychopath“, auch wenn mir der Rauch quasi zu den Ohren herauskam, waren meine Worte eiskalt und scharf wie Eissplitter. Stumm griff er nach mir, doch ich war vorbereitet und riss sofort mein Bein in die Höhe, seinen Arm dabei abwehrend und ihm einen heftigen Tritt vor die Brust verpassend. Erstaunen stand in seinen Zügen, als er unvorbereitet das Gleichgewicht verlor und gegen den Tisch taumelte. Das Erstaunen wurde jedoch sofort finster, als er sich unmenschlich schnell wieder vom Tisch abstieß und ich die Klinge in seiner Hand blitzen sah, als er sich wie eine Schlange auf mich zubewegte, wobei er trotzdem noch absolute Kontrolle über seine Muskeln hatte. Ich wusste nicht, ob das wieder einer seiner bekloppten Tests war, es war mir aber auch egal. Ich zog meinen Arm hart nach oben, schaffte es zwar nicht die Stahlstränge in seinem zurückzuschlagen, aber ich bremste ihn aus und schaffte es den Arm mit dem Messer zu blocken, verbissen den Blick in seine seelenlosen Abgründe bohrend. Diese wirkten jedoch diesmal erstaunlich lebhaft, ja funkelten beinahe vergnügt, als würde er unseren Disput geradezu genießen, was meine Wut noch weiter anstachelte. Ich hatte keine Angst, er würde mich nicht wirklich verletzen, daher machte mich das nur noch wütender. Ein kehliges Knurren stieg in meiner Kehle auf und ich packte seinen Arm, knallte ihn auf den Tisch hinter ihm und verpasste ihm einen Schlag in die Magengrube. Ein überraschtes Japsen war seine Reaktion darauf, doch ich merkte, dass er kaum etwas tat um mich zu hindern. Er testete mich, schon wieder, stellte ich frustriert fest und kam nur noch mehr in Rage. Er wollte sehen, was ich konnte? Schön, dann sollte er das haben. Ich trat ihm mit Wucht die Beine weg und setzte einen Ellbogenschlag gegen seine Schläfe und einen Kniehieb in die Seite hinterher. Ich hörte mein Blut rauschen, mein Blickfeld verschwamm an den Seiten, Gewalt lag in der Luft wie ein schweres Parfüm. Ich spürte wie die Dunkelheit mich einnahm, der nächste Schlag ging zum Kopf und auch Victor schien zu merken, dass er sich langsam regen musste um nicht zu viel einzustecken. Der Spaß war vorbei. Er wich meinem nächsten Schlag aus, versuchte meine Arme zu packen und setzte einen Handkantenschlag auf meine Halsschlagader an, welchen ich jedoch abschmetterte und meinerseits beschloss sein Knie zu zertrümmern, was er jedoch abblocken konnte. Er schien langsam zu begreifen, wie die Situation ausartete und taxierte mich nun hochkonzentriert, auf der Suche nach Schwachstellen wie mir schien. Ich holte aus um ihm mit den rot lackierten Krallen, die ich mein eigen nannte, über das Gesicht zu fahren, doch das ließ er nicht zu. Blitzschnell hatte er meinen Arm abgefangen und drehte ihn so, dass ich mir den Arm selbst brechen würde, wenn ich irgendeine Form von Druck ausüben würde. Ich kickte durch die Lücke seiner Arme nach oben und traf ihm am Kinn, was seinen Griff ein wenig lockerte. Ich reagierte, rammte ihn unvorhergesehen und setzte zum finalen Schlag zum Schädel an, da griff er mich quasi aus der Luft und packte mich hart an der Kehle, meine Handgelenke ergreifend und mit einer Hand zusammenpressend, mich dann ein Stück am Hals in die Luft hebend, als ich Anstalten machte, mich zu wehren. Mittlerweile ging auch sein Atem schwer, seine Augen brannten sich durchdringend in meine, die ihm ebenfalls entgegen loderten mussten wie Höllenfeuer. Ich kämpfte gegen seinen Griff an und trat nach ihm, doch der schmerzhafte Griff um meine Kehle und die daraus resultierende Luftknappheit machten mir zu schaffen, weil er seinen stählernen Griff auch nicht ein bisschen lockerte. Nach einer Weile begannen mir schwarze Punkte vor den Augen zu tanzen und ich stellte den Widerstand vorerst frustriert ein. Seine Augen sahen mich undefinierbar an, ich konnte nicht sagen, was er dachte und es interessierte mich auch herzlich wenig. Ich musste ein Bild abgeben, die roten Locken wild durcheinander, Mordlust in den Augen und die Hände zu Klauen geformt. Beinahe schon selbst wie ein Patient. Langsam wurde die Luft knapp und ich trat ihm wütend vor den Oberschenkel, damit er mich herunterließ. Damit ließ er sich Zeit, doch immerhin hatte ich wieder Boden unter den Füßen. Kaum, dass ich wieder Luft bekam, riss ich beide Handgelenke heftig nach unten und befreite sie so, woraufhin ich von oben gezielt in seine Armbeuge schlug um damit seinen Arm wegzuschlagen, der meinen Hals umklammert hielt. Dann sprang ich nach hinten aus seiner unmittelbaren Reichweite. Waffenstillstand.

Stille breitete sich aus, nur unser angestrengter Atem war im Raum zu hören, die Zigarettenschachtel lag vergessen auf dem Linoleumboden. Mein Blut kochte noch immer, doch das Bedürfnis den Serienmörder umzubringen war abgeebbt. Kaum war es ruhig geworden kam sogleich ein nervtötendes Klopfen von der Rückseite meines Büros. Das konnte nicht wahr sein. Wirklich nicht. Dieser rothaarige Teufel würde mich noch in den Wahnsinn treiben anstatt dass ich ihn gesellschaftsfähig machen würde! ,,Gott, Jerome, bring mich doch endlich um und hör auf mir auf der Psyche herumzutrampeln!“, rief ich, relativ unprofessionell, doch das war mir gerade so egal. Das Klopfen stoppte und ich hörte ihn auf der anderen Seite der Wand dumpf vor sich hin kichern. Ich verdrehte die Augen. Es war offiziell, ich war nur von Irren umgeben. Mir reichte es.

Wortlos schnappte ich mir meinen Mantel und rauschte an Victor vorbei in den Flur,die Absätze meiner Pumps hallten von den Wänden wieder. Jeromes grinsendes Gesicht, welches an der kleinen Fensterscheibe, die in der Tür eingelassen war, klebte, brachte mich jedoch aus dem Konzept. Das konnte nicht sein Ernst sein. Entgegen der geläufigen Meinung, dachte ich nicht, dass der Rotschopf desillusioniert war. Verdreht und völlig ohne Moral, aber er war sich dem was er tat mehr als bewusst. Als ich resignierend an der Tür stehen blieb und sein Gesicht musterte, fiel mir ein, was Daniel mir über den jungen Mörder erzählt hatte. Das sein Wahnsinn ansteckend war und ich konnte es beinahe fühlen, als ich ihn so nah vor mir sah, nur durch eine dicke Glasscheibe von ihm getrennt. Ich fragte mich sogar, ob die Auseinandersetzung teilweise sein Verschulden war. Er trug seine Zwangsjacke nicht und ich konnte nur innerlich die Augen darüber verdrehen. Das war doch bestimmt Johns Werk gewesen. Der junge Wärter war zwar wirklich freundlich und ich mochte ihn von allen anderen Gorillas hier definitiv am liebsten, aber ich bezweifelte, dass der junge Mann den richtigen Job hatte. Meine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Jerome. Ich bemerkte seine unnatürliche Blässe, die ihm wohl vom vorübergehenden Tod geblieben war, die feinen Narben am Rand seines gesamten Gesichtes und um die Augen und Lippen.  Er war noch immer attraktiv, sogar nach dem Tod, stellte ich zähneknirschend und beinahe nüchtern fest. Das feurig rote Haar, welches ihm locker in Strähnen in die Stirn fiel, die manisch glitzernden hellblauen Augen, welche mich besonders fesselten, nachdem die toten Abgründe von Victor mich eben durchbohrt hatten. Es wirkte, als würde das pure Leben daraus sprühen, ungebremst, unverfälscht. Er kippte den Kopf ein wenig zur Seite mein Gesicht ebenso studierend, ein stetiges Grinsen breitete sich auf seinen vernarbten Zügen aus, zeigte die zwei Reihen strahlend weißer Zähne. Das schlimmste fiel mir jedoch erst auf, als es fast zu spät war. Meine vollen roten Lippen, begannen sich ebenfalls zu teilen, erst unwillig, wobei ich versuchte meine Mundwinkel nach unten zu ziehen und dagegen anzukämpfen, doch ich kam nicht dagegen an und ein echtes Lächeln zeigte meinerseits die weißen Zähne, während seines langsam nachließ und er mich einen Moment beinahe staunend musterte, bis er seinen Akt wieder aufnahm und er sich dramatisch ans Herz fasste und einen Infarkt vortäuschte. Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange um mich am Grinsen zu hindern. Hör auf damit, Victoria! Das ist Pädagogenlevel. Gib dem Kind, was den Klassenclown mimt, keine Aufmerksamkeit. Aber ein Kind würde nicht so unnatürlich ansteckend in seinem Lachen sein.  Ein Kind würde mich nicht so taxieren, wie eine Schlange seine Beute.

,,Fertig mit Starren? Können wir nach Hause?“, Zsaszs nervtötend emotionslose Stimme erklang im Gang und riss mich aus Jeromes Hypnose heraus. Er war wie ein Hund, der mir hinterherrannte. Jeromes Grinsen verzog sich zu einem finsteren Stirnrunzeln als Victor in sein Sichtfeld kam und sein Blick veränderte sich verheerend als er ihn auf den Auftragsmörder richtete. Mir würde es kalt den Rücken runterlaufen, wenn er mich so ansehen würde. Kalt und starr hielt er ihn taxiert, das vorher beinahe freundliche Grinsen hatte sich in ein kaltes, endgültiges und starres Lächeln verzogen. So als wäre es unabänderlich, dass Victor durch seine Hand sterben würde, genau wie die Wachen heute Morgen. Ich sah Victor verärgert an, ich hoffte für ihn, dass Jerome das nicht gehört hatte. Aber er hatte nicht sonderlich laut gesprochen, also machte ich mir nicht allzu viele Sorgen. ,,Ja. Komm schon“, blaffte ich Victor an und entfernte mich von Jeromes Zellentür. Eigentlich müsste ich John noch eine Standpauke halten, aber klar tat der Junge mir auch irgendwie Leid. Er war fast so jung wie Jerome und der konnte intellektuell Leute in die Tasche stecken, die mehr als doppelt so alt waren und mehr erlebt hatten, wie er. Und verdammt, selbst in mir erweckte der junge Serienmörder irgendeine Dunkelheit, die ich vorher unter Verschluss gehalten hatte.
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