Der letzte Auftrag

von Eisteufel
GeschichteKrimi, Thriller / P12
25.03.2020
27.03.2020
4
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Moskau 2002


Der rostige Schlüssel dreht sich scharrend im Schloss. Die Tür quietscht erbärmlich.
"Bist du noch wach?"
Es ist später geworden als sonst.
Hastig taumele ich in den düsteren Flur.
"Du bist ja klitschnass!“
Ich schüttle tadelnd den Kopf, während sich mein Bruder seine halbgerauchte, zerknitterte Zigarette fest zwischen die Lippen klemmt und sich seines nassen Mantels entledigt. Aus reiner Gewohnheit legt er ihn auf die Heizung. Er wird vergessen haben, dass er dort nicht trocknen wird, da wird die Gasrechnung nicht bezahlt haben.
Mit triefenden Haaren und einem matten Lächeln auf den schmalen Lippen, kommt Nikolai auf mich zu.
"Wo bist du so lange gewesen?"
Ich blicke fragend zu ihm auf. Die Erleichterung in meinem Innern macht langsam einer stummen Wut platz.
Lediglich mit den schmalen Schultern zuckend, geht er an mir vorbei in das ebenfalls dunkle Wohnzimmer. Widerwillig folge ih ihm. Surrend erwacht die Neonröhre über unseren Köpfen zum Leben, während sich Nikolai auf das durchgesessene Sofa fallen lässt und sich ächzend zurücklehnt.
"Danka, ich habe gute Nachrichten", dringt nach wenigen Sekunden seine müde Stimme durch den kalten Raum.
Schweigend gehe ich auf ihn zu und setze mich neben ihn. Augenblicklich bohren sich die Sprungfedern schmerzhaft in meine Oberschenkel.
Er legt den Kopf in den Nacken und lächelt.
"Ja, wirklich gute Nachrichten."
Er wendet sich mir zu und sieht mir strahlend in die Augen. Nikolai ist glücklich. Dieser Gefühlszustand ist so selten bei ihm, dass es mir Angst macht. Dementsprechend misstrauisch mustere ich ihn und versuche mir einen Reim auf sein merkwürdiges Verhalten zu machen. Und plötzlich durchfährt mich die Erkenntnis.
Kalte Finger verkrampfen sich in meinem Schoß.
"Sag es mir nicht", bringe ich es schließlich über meine Lippen und verschränke meine Finger noch fester. "Ich will es gar nicht wissen."
Der euphorische Ausdruck auf seinem Gesicht erstarrt und verschwindet. Binnen Sekunden legt sich seine hohe Stirn in tiefe Falten, doch er entgegenet nichts.
"Willst du dich nicht umziehen gehen?", frage ich, während er den letzten Zug Teer und Nikotin in sich hinein inhaliert.
"Zieh dich um, es ist nicht gerade warm hier."
"Das wird sich bald ändern."
Er stößt den Rauch in kleinen Wölkchen aus.
"Wir ziehen weg von hier."
Er sieht mich nicht an. Blickt nur stur geradeaus, auf die schmutzige Wand, mit der abblätternden Tapete.
"Von nun an, wird alles anders werden."

Das blasse, hagere Gesicht, zwischen dessen blutleeren Lippen der nur noch schwach glimmende Zigarettenstummel klebt, verzieht sich erneut zu einem grotesken Lächeln. Es krampft mir den Magen zusammen.
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