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24. März: Die Miko und ihr Hund [by littlejolie]

OneshotDrama / P16 / Gen
Inu-Yasha Kikyou
24.03.2020
24.03.2020
1
3.857
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Dieses Kapitel
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24.03.2020 3.857
 
Tag der Veröffentlichung: 24.03.2020
Zitat: "Leute können sich ändern … oder sie sterben, bevor sie es tun. Entweder das eine oder das andere." (Naruto)
Titel der Geschichte: Die Miko und ihr Hund
Autor: littlejolie
Hauptcharaktere: Kikyou & Inu Yasha
Nebencharaktere: Kaede, Shako, Lady Tausendfuß
Pairings: Kikyou x Inu Yasha
Kommentar des Autors: Je mehr ich schrieb, desto mehr habe ich mich von meinem ursprünglichen Konzept zu diesem Zitat gelöst. Manche Hintergründe wurden dabei von mir abgeändert, wie beispielsweise, dass Dämonen kein Licht aushalten - was nun so im Manga/Anime gar nicht vorkommt. Zum Schluss ist so eine ganz andere Welt entstanden, als ich es anfangs geplant hatte, aber ich hoffe, dass euch dieser Oneshot im AU trotzdem gefällt. :)

Die Miko und ihr Hund



Es geschah nur selten, dass Dämonen aus ihrer Dunkelheit hervortraten. Für gewöhnlich verbrachten sie ihr Leben im steinernen Inneren der nördlichen Gebirge. Es war einsam zwischen den vielen Stalagnaten, aber unter dem hellen Licht der Sonne konnten sie nicht leben. Es ließ ihre Haut zu Staub zerfallen, kaum dass sie mit diesem in Berührung kamen. Nur nachts krochen sie vereinzelt hervor.
Aber die Dämonen sehnten sich nach der Sonne und der Schönheit, die sich ihnen nur am helllichten Tag offenbarte. Sie wollten wissen, wie die Welt und ihre eigene Gestalt aussahen - unwissend, dass sie selbst keinerlei Anmut besaßen.
Wenn es nun aber an manchen Tagen stürmte und die Erde für einen Moment von Blitzen erleuchtet wurde, kamen die Dämonen zu Scharen aus ihren Höhlen. Sie wussten, dass das Licht zu kurz erstrahlte, als dass es sie in diesem Falle verbrennen könnte. Nur manchmal überschätzten sie sich und traten zu nah an einen der einschlagenden Blitze heran.

Ein Gewitter zog am Horizont auf.

Dunkle Wolken verdeckten die Mittagssonne, die sonst zu dieser Uhrzeit über ihrem Zenit stand. Kikyou beobachtete gelangweilt die Regentropfen, die gegen das dünne Fenster aus Papier fielen. Sie saß im Lotussitz auf zwei dünnen Kissen und lauschte, wie der Wind um das Dach des Schreins fegte. Ihr Brustkorb bewegte sich ruhig auf und ab.

Während eines Sturmes war es zu gefährlich, die vier Wände des Eigenheims zu verlassen, weswegen ihr nichts anderes übrigblieb, als die Stunden bis zum nächsten, sonnigen Morgen mit Meditationsübungen herumzuschlagen. Sie seufzte. Immerhin war sie zwischen dem Rauch der Sandelholzstäbchen sicher vor bösen Geistern.

Es klirrte plötzlich. Porzellan an Porzellan.

Kikyou hatte sich so auf das Zusammentreffen der einzelnen Wassertropfen konzentriert, dass sie nun erschrocken zusammenzuckte. Fast hätte sie befürchtet, dass das gute Porzellan des ehemaligen Shinshoku zerbrochen wäre, doch ihre Schwester hatte lediglich die keramischen Untertassen mit zu viel Schwung abgesetzt. Auf ihren mahnenden Blick stellte Kaede die zwei dampfenden Teetassen nun wesentlich vorsichtiger ab.
Es blitzte erneut. Das Gewitter war in der Zwischenzeit nähergekommen.

Kikyou verbeugte sich abschließend und faltete die Sitzkissen wieder sorgfältig zusammen. Ihre Schwester hatte sich neben sie gekniet und die restliche Meditation stumm beobachtet.

"Man erzählt sich, dass die Dämonen im Wald kämpfen würden", berichtete Kaede von den Geschichten, die sie gestern in der naheliegenden Gemeinde erfahren hatte, "Einer ihrer Söhne habe ihr kostbarstes Kleinod gestohlen. Die Dämonen wären sehr darüber erzürnt, die Macht darüber verloren zu haben."

"Kaede, du solltest weniger den Märchen aus dem Dorf zuhören und lieber die Norito-Gebete üben. Diese kannst du noch immer nicht auswendig", antwortete Kikyou. Sie starrte während des Sprechens kontinuierlich auf den schmalen Spalt zwischen den Papierfenstern; wirkte ganz abwesend.
Kaede folgte dem besorgten Blick ihrer Schwester in die Richtung des angrenzenden Waldes. In den wenigen Sekunden, in denen ein Blitz auf die Erdoberfläche einschlug, konnte sie die Umrisse der Dämonen zwischen den Rotbuchen erkennen. Sie hatten nichts Menschliches mehr an sich. Ihr Aussehen erschreckte Kaede jedes Mal aufs Neue. Vorsichtig schob das junge Mädchen ihre Handflächen über die Augen, sodass sie nur noch zwischen den Fingern hindurchsehen konnte. Von draußen vernahm sie die bestürzten Schreie derjenigen Dämonen, die erstmals ihr abstoßendes Spiegelbild auf der Reflexion einer Pfütze sahen.

Kikyou hatte ihren Blick noch immer nicht von dem schauervollen Ereignis abgewandt. Dort draußen geschah etwas. Das konnte sie deutlich in ihren Fingerspitzen fühlen. Die Schwingungen hatten ihr harmonisches Gleichgewicht verloren und waren nun von Aggressivität gezeichnet. Böse Geister schienen am Werk zu sein. Ihre Schwester besaß unwissentlich Recht: Es wütete tatsächlich ein Kampf zwischen Dämonen. Aber Kaede war zu jung, um ihre eigenen Worte verstehen zu können.

Die Luft schien geradezu elektrisch geladen und Kikyou konnte das vergossene Blut in der klaren Nachtluft vernehmen. Zunehmend baute sich die Spannung auf. Mit jedem Donner stieg sie und entlud sich schlagartig in weiteren Blitzen.

Aber mit einem Mal war ein weiterer Schrei zwischen dem Rhythmus aus Groll und Licht war zu hören. Er hob sich deutlich von den vorherigen ab; war so menschlich, dass ihn kein Dämon ausstoßen konnte. Jemand bat um Hilfe mit der letzten Kraft, die er dazu aufbringen konnte.

"Hörst du das nicht, Kaede?", fragte Kikyou und öffnete das Fenster noch ein weiteres Stück, als könnte sie so die Hilferufe besser verstehen. Einige Regentropfen fielen in den Raum und bildeten eine Pfütze auf dem hölzernen Boden.

Doch Kaede konnte nichts Auffälliges außer dem Donnerschall und dem Lärm der Dämonen vernehmen. "Was meinst du?", erkundigte sie sich. Sie war sogar näher an das Fenster herangetreten und hatte ihr Ohr auf dessen Oberfläche aus Papier gelegt, musste sich jedoch eingestehen, dass sie nicht die geringste Ahnung besaß, wovon ihre Schwester sprach.

Wieder ertönte der Aufschrei und dieses Mal klang er noch verzweifelter als zuvor. Wie die Blitze, die draußen in der kalten Frühlingsnacht tobten, durchschnitt er die Luft. Er fuhr Kikyou regelrecht durch Mark und Bein. "Na, das!", sie zeigte in die Richtung, in welcher der Wald in die zerklüftete Felsenlandschaft des Nordens überging. Es war so deutlich zu vernehmen, dass sich Kikyou tatsächlich wunderte, wie Kaede dies entgehen konnte.
Aber Kaede schüttelte nur resigniert den Kopf. Inzwischen wägte sie sogar ab, ob Kikyous Sinne nicht doch schon von den unzähligen Räucherstäbchen vernebelt wären. "Das sind doch nur die Dämonen", antwortete sie daraufhin beschwichtigend und zog langsam den Spalt zwischen den Fenstern zu.

Doch Kikyou hielt eifrig dagegen an und schob nun die Türen auf der nördlichen Stirnseite des Gebetsraumes auf. Das Gefühl, dass jemand nach ihr rief, wollte sie schlichtweg nicht verlassen. "Nein, das ist etwas anderes!"

Der Wind wurde stärker und riss beinahe die Fenster aus ihren Angeln. Es fiel Kaede schwer, diese noch an ihre ursprüngliche, geschlossene Position zu ziehen. Immer wieder schoben die Luftströme sie zurück. Wenn Kaede nicht bald alles schloss, würde der Sturm das Innere des Meditationsraumes verwüsten. Selbst die schweren Regale mit den geistlichen Niederschriften drohten gefährlich zu wanken. "Kikyou, bitte mach das Fenster zu! Es regnet schon rein", bemühte sich das junge Mädchen erneut, aber ihre Schwester hörte ihr schon gar nicht mehr zu. Sie rannte zu der Kommode, die für die Kleidung der Miko vorgesehen war und holte mit schnellen Griffen ihre schwarzen Tabi hervor, um sich diese über die nackten Füße zu ziehen.
Kurz hielt Kikyou inne. Da war noch etwas. Unter der Verzweiflung der Hilferufe lag eine andere, weitere Kraft, die sich in ihrer Reinheit von Jeglichem unterschied, was sie jemals gespürt hatte. Klar und anziehend, sodass man sie von sich aus begehren wollte. Wie ein roter Faden wand sie sich durch die jahrtausendalte Existenz der Welt, als bestände die irdische Entstehung selbst in dieser geheimnisvollen Kraft. Sie musste ihr folgen. "Ich werde nachsehen!"

Kikyou entzündete eine der in Öl getränkten Fackeln - in der Hoffnung, so Dämonen auf ihrem Weg durch den Wald fernhalten zu können. Ihren Bogen und einen Korb voll spitzkantiger Pfeile legte sie sich leichthändig über die rechte Schulter. Anschließend verbeugte sich die Miko und sprach ein leises Gebet aus, ehe sie die Türschwelle übertrat.

Ein letztes Mal drehte sich Kikyou um und versuchte dabei den Blick ihrer Schwester aufzufangen. "Ich passe schon auf mich auf. Kaede, bleib du aber hier und verlasse das Haus nicht. Hörst du?", sprach Kikyou ruhig und griff nach den Händen des jüngeren Mädchens, das ihr unweigerlich bis zur Türschwelle gefolgt war.

Kaede wollte ihre Schwester nicht in das unheilvolle Gewitter gehen lassen und umschloss ihre Finger ein Stück fester. Sie konnte wirklich nicht nachvollziehen, was Kikyou dazu bewegte, sich freiwillig in Gefahr zu begeben. Am liebsten hätte Kaede sie die ganze Nacht über festgehalten, doch im nächsten Moment stoß Kikyou sie unvermittelt von sich. Ihre Schwester hatte sich so heftig von ihr losgerissen, dass sie in das Innere des Schreins gestoßen wurde. Kaedes Rücken schmerzte von dem abrupten Sturz und sie musste sich sehr zusammenreißen, nicht in Tränen auszubrechen.
"Kikyou! Kikyou, komm zurück!", schrie sie ihr schluchzend hinterher, aber ihre Schwester hörte sie nicht mehr. Der Donner hatte Kaedes Rufe verschlungen.

Kikyou rannte immer weiter, bis letztendlich auch ihr roter Hakama zwischen den Rotkiefernstämmen verschwand. Sie wusste nicht, wohin genau ihr Weg führte, folgte lediglich der Kraft, die sie sicher durch den Sturm leitete.

Der Regen durchnässte ihre Kleidung und ließ die dunklen Haare unangenehm im Nacken kleben. Mit jedem Schritt, den Kikyou tat, drohte sie tiefer in den nassen Waldboden einzusinken. Sie hielt die Fackel noch immer fest in ihren Händen, obwohl diese schon wenige Minuten nach ihrem Aufbruch erloschen war. Nur ein glühender Strumpf blieb übrig, dessen Licht gerade noch dazu ausreichte, die animalischen Blicke in ihrer unmittelbaren Nähe zu erkennen. Dämonen versteckten sich hinter jedem Baumstamm und warteten auf eine Gelegenheit, in der Dunkelheit die junge Frau gänzlich umhüllen würde.

Die bösartige Energie verdichtete sich schlagartig vor ihr. Kikyou trat auf eine Lichtung inmitten des Waldes. Die ersten Ausläufer des nördlichen Gebirges waren zu sehen. Sie schien ihr Ziel gefunden zu haben. Überall waren Dämonen. Sie wetzten ihre Krallen aneinander, bohrten ihre Kiefer tief in das Fleisch der anderen. Im feuchten Gras lagen zerstückelte Gliedmaßen.

Doch auf einmal ging es ganz schnell.

Einer der Dämonen hatte die Miko am Rande der Lichtung entdeckt. Kikyou wollte nach ihrem Bogen greifen, doch wurde schmerzhaft zu Boden gerissen. Sie spürte, wie Blut auf ihr weißes Hemd fiel und konnte noch nicht einmal sagen, ob es sich dabei um ihr eigenes handelte. Ein Yōkai hatte sich auf sie gestürzt und begrub sie gänzlich mit seinem insektenartigen Chitinpanzer. Tausend Arme schienen um ihren Körper zu greifen und sie ersticken zu wollen. Kikyou bekam keine Luft mehr und ihre Sicht verschwamm bereits. War dies ihr Ende? Starb man so leicht durch Dämonenhand?

Plötzlich schlug ein Blitz auf die Lichtung ein. Es wurde für einen Moment still, als wollte die Zeit nicht länger fortschreit.

Donner folgte. Der Geruch von versengtem Fleisch erfüllte die Luft.

Nur langsam lösten sich die Dämonen aus ihrer Starre, als würde der Schmerz nicht sofort ihre Nervenbahnen hinaufwandern. Sie ließen von der jungen Miko ab und flüchteten eilend in die Richtung des Shinan-Flusses, um ihre verbrannte Haut im kalten Nass abzukühlen.
Das Feuer züngelte allmählich durch das Geäst und kämpfte rauchend gegen den Regen an. Die Schreie der Dämonen wurden lauter, erbitterter. Nur ein weißer Körper blieb leblos im Gras liegen.

Langsam versuchte Kikyou, wieder aufzustehen, benötigte allerdings einige Anläufe. Sie rang noch immer nach Atem und so fiel ihr jede Bewegung schwerer als sonst. Es fühlte sich so an, als lägen die Hände der Dämonin noch immer an ihrer Kehle.

Kikyou näherte sich dem Körper schwerfällig und erkannte einen Hund, der starr auf dem Boden lag. Sein Fell war blutverschmiert und eine klaffende Wunde zeichnete sich über seiner Bauchdecke ab. Zuerst dachte Kikyou er wäre bereits tot, doch sein Brustkorb hob sich bei genauerem Hinsehen unscheinbar. War er es, der sie gerufen hatte? Ein Hund? Diese anziehende Kraft strahlte noch immer, schien so nah wie nie. Er musste es gewesen sein.

Kikyou beugte sich über den Hund, um seine Verletzungen genauer betrachten zu könne. Sie musste ihn so schnell wie möglich zum Schrein bringen, ehe er vor ihr auf dem feuchten Waldboden verstarb.

Als Kikyou den Hund vorsichtig hochhob, fiel ein Stein auf den Erdboden. Sein violetter Glanz spiegelte sich auf den Wassertropfen, die seine Oberfläche bedeckten. Das Shikon no Tama.


xXx



Als sich der Sturm gelegt hatte, kehrte die Ruhe zum Higurashi-Schrein zurück. Nun hüllte ihn die Dunkelheit gänzlich ein. Einsam zirpten die Sommergrillen nicht unweit im meterhohen Gras. Aber keiner leistete ihnen Gesellschaft. Selbst Mondlicht hatte sich in den Schatten der Erde zurückgezogen. Es war eine klare Nacht, die die vergangenen Ereignisse mit tiefer Finsternis begrub, als hätten sie nie stattgefunden.

Kikyou traute der trügerischen Ruhe nicht. Es schien zu still für eine Welt, in der Dämonen nur bei Dunkelheit heraustraten. Etwas sagte ihr, dass bald ein neuer - wesentlich verheerender - Sturm heraufziehen würde. Immer wieder sah sie aus dem Fenster, um sich zu versichern, dass sich keine fremde Gestalt dem Schrein näherte. Doch inzwischen fielen ihre Augenlider im Sekundentakt zu und sie musste sich regelrecht dazu zwingen, länger wachzubleiben. In den letzten Tagen schlief Kikyou kaum, sondern reinigte noch zur späten Stunde die Wunden des Hundes, den sie inmitten der Dämonenschar fand.

Vorsorglich zündete Kikyou wieder ein Räucherstäbchen an, obwohl dieses inzwischen fast ganz heruntergebrannt war. Die Miko begann, leise ihre Gebete aufzusagen, um so böse Geister forthalten zu können. Bald würde das Morgenlicht sie in seine strahlende Sicherheit wiegen, aber bis dahin durfte sie sich keine Fahrlässigkeit erlauben.

Ein tiefes Knurren riss sie aus ihren Gedanken. Kikyou wand sich an den Hund, den sie hinter sich auf eine niedrige Holzpritsche gebettet hatte: "Entweder du hörst auf, zu meckern oder aber ich werde den Weihrauch-Bann gegen die vollwertigen Dämonen aufheben." Sie war zu übermüdet, als dass sie ihren Unmut verstecken wollte. Der Hund knurrte ständig, sobald sich die Miko in seiner Nähe befand.

Konsequent zündete Kikyou weitere Weihrauchkerzen an und bemerkte erst jetzt - als mehr Licht das Zimmer erhellte - dass sich rote Flecken auf dem Verband des Hundes gebildet hatten. Die Wunde musste sich erneut geöffnet haben. Kikyou seufzte und griff nach den Ölen aus Johanniskraut wie auch schon die vielen Nächte zuvor. Wieder knurrte der Hund und zeigte keinerlei Einverständnis, als sich sie ihm näherte. Immer wieder wand er sich aus dem Griff der Miko und versuchte, von der Holzliege aufzuspringen, brach jedoch vorher kraftlos zusammen.

"Halt still, du dummer Köter!", entgegnete Kikyou gereizt und löste langsam den Verband, "Oder du wirst an den Folgen einer Blutvergiftung sterben."
Vorsichtig tropfte sie die ätherischen Öle auf ein abgekochtes Stück Stoff, ehe sie dieses auf die Wunde legte und mit weiteren Tüchern festband. Der Rüde schien deutliche Schmerzen zu haben, hielt nun aber still. Er presste sein Gebiss starr zusammen.

Kikyous Fingerspitzen strichen durch sein weiches Fell. "Inu Yasha. Ein Halbdämon, der das Shikon no Tama seines Vaters stahl", begann sie leise, "Was macht er wohl im Wald des Higurashi-Schreins? Ist er wirklich so töricht, dass er das letzte bisschen Menschlichkeit aufzugeben versucht, das ihm bleibt? Will er zu so einem Monster werden, das sein eigenes Aussehen im Licht des Blitzes nicht ertragen kann?"

Seine Iriden wirkten so traurig in diesem Moment, dass sie unmöglich einem Tier entstammen konnten. "Kennst du die Antwort, Hund?", fragte Kikyou. Sie sah noch etwas, in diesen dunklen Augen. War es etwa Angst?

Kikyou wollte die Geschichte hinter dem Juwelenraub erfahren und es sah fast so aus, als wäre der Hund bereit, seine tierische Gestalt abzulegen, um die Wahrheit zu erzählen – doch sie wurden jedoch jäh unterbrochen.

Kaede stürzte atemlos in das Zimmer und lies die Tür hinter sich laut ins Schloss fallen. "Kikyou! Kikyou, komm schnell!", rief sie hektisch, "Die Dämonen haben das Dorf angegriffen." Sie stützte sich auf ihren Unterbeinen ab, um so besser nach Luft ringen zu können, allerdings vergingen schier endlos lange Sekunden, ehe sie weitersprechen konnte: "Shako wurde schwer verletzt ... Alle Häuser sind zerstört ... "

Da war er. Ihr Sturm kehrte zurück.

"Die Dämonen sind völlig außer sich, weil sie den Halbdämonen, der Shikon no Tama stahl, nicht finden können", fügte Kaede hinzu, doch ihre Schwester war bereits aus dem Zimmer gerannt. Sie griff nach einer Feuerfackel und der Schatulle, in der sie ihre Heilkräuter aufbewahrte. Nur der Hund auf der Holzpritsche hatte die Worte des kleinen Mädchens gehört.


Die Miko und ihr Hund



"Ich mag ihn nicht", entgegnete Kaede und schob beim Sprechen die Unterlippe hervor, als wäre sie noch immer ein Kleinkind. Sie nippte an ihrer Teetasse. "Der Hund ist gruselig."

"Wieso das?", fragte Kikyou und packte abwesend ein paar getrocknete Kräuter in eine Holzschatulle, die sie später ins Dorf mitnehmen würde. Shakos Wunden bereiteten ihr noch immer Sorgen und selbst die seltenen Ringelblüten aus den nährstoffreichen Böden des südlichen Landes halfen nur bedingt. Glücklicherweise hatten die Dämonen schnell begriffen, dass sich Inu Yasha nicht im Dorf befand, sodass nicht noch weitere Bewohner verletzt wurden. Die Schäden an den Hausdächern und die Ängste in den Herzen der Menschen blieben dennoch.

"Schwester, hast du seinen Blick gesehen? Er starrt einen immer direkt an", begann Kaede erneut und deutete mit zwei Fingern auf ihre eigenen Augen, "Nicht wie ein Hund, der sein Herrchen beobachtet - sondern wie ein Mensch seine Gegenüber."

"Kaede, du hast zu viel Fantasie!", Kikyou lachte, doch ihre Stimme klang belegt. Kaede spürte das etwas mit diesem Hund nicht stimmte. Da aber ihre Schwester einen guten Grund besitzen musste, warum sie keine nähere Auskunft über das Tier gab, beließ sie es dabei. Sie wollte ihr noch nicht einmal erzählen, wo sie den Hund in jener stürmischen Nacht gefunden hatte.

Ein dumpfer Laut unterbrach ihr Gespräch abrupt. Es klang, als würde man die Fenster mit einem Griff zu hektisch aufziehen wollen.

Sofort hörte Kikyou damit auf, die getrockneten Kräuter zu sortieren und sprang auf; zog sich noch nicht einmal ihre Tabi an, obwohl man sich in dem alten Holzboden leicht Splitter in die Fußsohlen einziehen konnte. Sie eilte zu dem kleinen Zimmer, das sich an der nördlichen Stirnseite des Schreins befand und in dem sie den Hund untergebracht hatten. Kaede schüttelte nur den Kopf. Seit der vergangenen Mondfinsternis schien ihre Schwester geradezu paranoid.

Doch als Kikyou das Abstellzimmer betrat, lag nicht länger ein Hund mit langem, weichem Fell auf der Holzpritsche. Sie sah kein Tier, das jämmerlich aufheulte, weil der Schmerz seinen Körper lähmte und dessen Augen so traurig wirkten, dass Kikyous Herz einen Moment aussetzte.

Ein Mann stand nun vor ihr.

Er füllte den Raum mit seiner kräftigen Statur so sehr aus, dass die vier Wände noch enger wirkte, als sie es ohnehin schon waren. Sein weißes Haar wirkte ein wenig zerzaust und aus golden leuchtenden Augen starrte er sie an. Obwohl – er besaß noch immer diesen traurigen Blick. Kikyou konnte selbst jetzt den verletzten Hund in ihm sehen.

"Es ist dort in der Schatulle, Inu Yasha", sie wusste, wonach er suchte. Kikyou zeigte auf eine hölzerne Truhe, in die in filigraner Handarbeit kleine Kirschblüten geschnitzt waren.

Im nächsten Moment war Inu Yasha schon an das Regal herangetreten, in der sich die kleine Schatulle befand und wollte diese öffnen, doch schreckte zurück. Einige Male pustete er auf die Finger, mit denen er das Holz berührt hatte und versuchte es dann erneut. Wieder musste er zurücktreten, weil der Schmerz nicht zuließ, dass er die Schatulle öffnen konnte. Inu Yasha fluchte laut. Der Ärger schien ihm ins Gesicht geschrieben.

"Du wirst sie nicht berühren können. Sie ist aus Sandelholz. Das wirkt auch bei Halbdämonen", fügte Kikyou hinzu - erst nach dem er seine Hand einige Mal hin und her schüttelte, als hätte er sich an der Truhe verbrannt. Sie sah wehleidig auf jenen Halbdämonen, der vergeblich versuchte an das Shikon no tama zu gelangen, um seine Menschlichkeit endgültig zu verlieren.

"Kannst du dich noch an die Frage erinnern, die du mir in der Nacht der Mondfinsternis gestellt hast?", fragte er nun. Der Zorn schien aus Inu Yashas Zügen verschwunden. Aber Kikyou schwieg weiterhin. Sie konnte sich daran erinnern – klar und deutlich - dennoch wollte sie die Worte noch einmal aus seinem Mund hören.

Weil Kikyou noch immer keine Antwort gab, wiederholte Inu Yasha nun selbst ihre Frage: "Was macht ein Halbdämon, der das Shikon no Tama gestohlen hat, im Wald des Higurashi-Schreins?"

In den Nächten, in denen Kikyou bei ihm saß, hatte sie sich oft vorgestellt, wie seine Stimme klingen mag. War sie genauso menschlich wie der Blick in seinen Iriden? Jetzt war es merkwürdig, diese tatsächlich zu hören.

"Ich schätze, der Halbdämon hat seinen naiven Wunsch, ein vollwertiger Yōkai zu werden, aufgegeben", fuhr Inu Yasha fort und schob die Fenster so weit auseinander, dass er leicht hinaussteigen konnte.

Vor wenigen Wochen lag er noch im Gras einer Waldlichtung und sah den Tod heraneilen. Kikyou hatte ihn gerettet und verbrachte seitdem jede Nacht an seiner Seite, um über ihn zu wachen. Wenn sie dachte, er würde schlafen, fuhr sie mit ihren feinen Fingern durch sein Fell. Inu Yasha erinnerte sich auch an das kleine Mädchen, das ihm trotz ihres Argwohns jeden Morgen eine Schale mit sauberem Brunnenwasser hinstellte. Er konnte die Menschlichkeit, die man ihm schenkte, nicht vergessen. Inu Yasha wollte sie nicht länger ablegen. Viel mehr wuchs in ihm Stolz, dass er sich von jenen Dämonen aus dem nördlichen Gebirge unterschied. "Behalt du es. In deinen Händen wird es Gutes tun können."

"Wieso?", fragte Kikyou und griff nach seinem Arm. Sie zog so fest daran, dass Inu Yasha fast über den Fensterrahmen zurück ins Zimmer stolperte. Kikyou wollte ihn unter keinen Umständen gehen lassen, auch wenn sie gewusst hatte, dass dieser Tag einmal kommen würde.

Doch Inu Yasha hielt dagegen an. Er musste an die Dorfbewohner denken, deren Häuser zerstört wurden. Die Menschen, die wegen seiner Torheit verletzt wurden. Nein, er konnte nicht auch noch Kikyou in Gefahr bringen, wenn er länger im Higurashi-Schrein verharrte.

Er löste ihre Hände, die sich in sein rotes Kariginu gekrallt hatten - ganz vorsichtig, um sie dabei nicht zu verletzen. Kikyou hatte inzwischen zu weinen begonnen und so strich der Halbdämon die Tränen, die sich ihre Wangen hinabbahnten, mit seinem Daumen behutsam weg. Sie schluchzte laut, als Inu Yasha auch den letzten Finger von sich löste und endgültig aus dem Fenster stieg.

"Bleib hier, du wirst dort draußen sterben, wenn dich die Dämonen finden!", rief sie ihm panisch hinterher. Kikyou erinnerte sich selbst ein wenig an Kaede während des Gewitters. Aber nun konnte sie die Angst, die ihre Schwester damals um sie gehabt haben musste, verstehen. Kikyou schrie weiter, bat ihn zurückzukehren.

Doch Inu Yasha zog weiter.

Er war nicht gestorben. Er hatte sich geändert. Inu Yasha wollte menschlich werden, bevor er zu Kikyou zurückkehren würde.





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Eine schöne Geschichte von littlejolie. Das Zitat wurde hier sehr gut eingebaut.
Zur Abwechslung kenne ich das Fandom mal. Zwar nicht wirklich gut, aber ich kenn's. Das ist doch wenigstens etwas. ^^

Eure lula-chan
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