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Die Überlebenden

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Christine Daaé Erik - das Phantom der Oper Madame Giry Meg Giry Vicomte Raoul de Chagny
24.03.2020
29.12.2020
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28.040
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24.03.2020 1.017
 
Coney Island

„Hau mir einer aufs Maul, Vicomte sind das wirklich Sie?“ Konnte die Gestalt in dieser Bar auf Coney Island wirklich Raoul de Chagny sein? Ich stützte mich auf meinen Gehstock und mein steifes Knie und ich humpelten Richtung Vicomte, der sich überrascht umdrehte. „Charlene Desmarie, es ist mir eine Ehre.“ Steifer als ich beugte er sich über meine Hand um einen förmlichen Handkuss zu vollführen. Seine Umgangsformen waren perfekt wie immer, allerdings wirkten sie, als hätten sie paar Jährchen auf Eis gelegen.

Verstohlen musterte ich den Vicomte, der Gute sah reichlich gealtert im Gesicht aus und vielleicht hatte er nicht mehr ganz diese optimistische, jugendliche Frische. Nun, der Operngeist hatte an uns allen Spuren hinterlassen. Allein bei den Gedanken an OG, fing mein Knie zu pochen vor Schmerz. Ich tätschelte es, wie man auch einen krankes Kalb tätscheln würde. Es war kein Wunder, denn indirekt hatte ich ihn das zu verdanken. Ihn und vielleicht Christine.

Betroffen sah er auf meinen Gehstock, der auch das Ende meiner Tänzerinnenkarriere bedeutet hatte und ich konnte sehen wie seine freundlichen haselnussbraunen Augen mit Tränen füllten. Ich gab ihm einen Klaps auf die Schulter „Herrje, nenn mich Charlie, so wie die anderen damals auch und hör auf zu gucken wie eine kranke Kuh. Es gibt schlimmeres, als nicht mehr halbnackt auf einer Bühne rumhopsen zu müssen. Jetzt kann ich fressen was ich will. Und saufen.“

Ich bugsierte ihn an die Theke und knuffte ihn „So und jetzt gib mir was zu Trinken aus, oder ich mach auch mal Krieg.“ Ernst musterte er mich nach diesen Satz. Irgendwie konnte er nichts mit meinen Humor anfangen. Konnte mir doch  keiner erzählen, dass er nicht auch schon längst über diesen Operngeist hinweg war. Das ganze war zehn Jahre her. Der Gute hatte sich damals in Luft aufgelöst wie meine Karriere auch.  Der Barkeeper stellte uns zwei Getränke hin, grinsend kippte ich meinen Wein in mich hinein „Junge, Du solltest mal Dein Gesicht sehen. Du tust ja so, als könne er jede Sekunde vor uns auftauchen.“

Daraufhin meinte er wirklich nach Luft schnappen müssen. Gierig schnappte er sich seinen Brandy und kippte ihn hastig in sich hinein. Ich schüttelte den Kopf, dann sah ich auf die Gläser, die beide leer waren „Hey da Barkeeper, schenk mal nach.“ Ich wandte mich Raoul zu und wollte gerade bemerken, dass der Barkeeper wirklich nicht die hellste Kerze auf der Torte war, als ich noch ein bekanntes Gesicht erkannte. Ich schnappte nach Luft „Donnerlittchen, Isabelle Du?“ Ich starrte meine einstige Erzrivalin auf der Bühne an. Sie hatte immer noch wunderschöne blonde Haare und war dicker geworden, genau wie ich auch. Allerdings war ihr Knie nicht kaputt. Wir musterten uns eine Weile „Schlampe“ „Miststück“ Danach fielen wir uns in die Arme.

„Gott hast Du zugelegt“ sagte sie und kniff mich in meine frühere schmale Taille. „Na Dich möchte ich aber auch nicht mehr im Tutu sehen.“ Sie winkte ab „Was in Drei Teufels Namen treibst Du hier?“ Ich antwortete ihr, dass ich eine Einladung erhalten hatte und meine Gedanken schweiften ab und ich musste an die albernen, kichernden Ballettratten denken, die wir einmal gewesen waren.

Meg Ghiry, die kleine Jammes, die sich vor ihren eigenen Schatten fürchtete, Isabelle und ich, wie wir uns meist für jeden Quatsch an die Gurgel gingen und Madame Giry, die die übermenschliche Aufgabe bewältigen musste uns zumindest so  zu bändigen, dass wir wenigstens nach außen nach einer seriösen Tanzgruppe aussahen und nicht nach den irren Harpyien, die wir tatsächlich waren. Unwillkürlich zählte ich die Namen auf und ließ bewusst einen weg. Christine Daee.

Raoul sah mich aus schimmernden Augen an „Du hast Christines Namen vergessen. Bist Du immer noch böse auf sie? Sie ist auch hier, weißt Du?“ Unwillkürlich hielt ich den Atem an. War ich wütend auf Christine? Ich zuckte mit den Schultern, ich war schon der Meinung, dass ihr das hätte irgendwie auffallen müssen, dass unser Operngeist, doch vielleicht mit etwas mit ihren Engel zu tun hatte  und vielleicht paar Fragen mehr stellen hätte müssen. Lange bevor alles außer Kontrolle geriet. Die Massenpanik auf der Bühne, als wir herausfanden, dass er zusammen mit uns auf der Bühne stand. Meine Kollegen, wie sie über mich trampelten… ich schloss die Augen und versuchte meine Gefühle zu verdrängen.

„Charlene, Isabelle, Vicomte????“ Eine hohe Stimme riss mich aus meinen düsteren Überlegungen, als eine zierliche Blondine um uns herumtanzte uns herzte und küsste. „Meg Giry? Was zur Hölle soll das werden, ein gottverdammtes Ehemaligentreff?“ Neidisch musterte ich ihre schmale Figur und ihre gesunden Knie, die konnte bestimmt noch Spitze tanzen. Ich umarmte sie stürmisch, als ich bemerkte, dass Raoul immer noch auf eine Antwort wartete. „Nun Madame…“ ich seufzte tief. Bei meiner Leidenschaft für guten Wein und Essen wäre meine Karriere eh schon lange am Ende gewesen.

„Nein,“ sagte ich und seufzte noch tiefer „aber sag ihr um Himmels Willen, wenn ihr das nächste jemand verklickert er sei irgendein einen dämlicher Musenengel aus dem Himmel, dann soll sie ein paar Fragen mehr stellen.“ Zu meiner Verblüffung starrte er mir in die Augen und in seinen Atem lag der Geruch von Brandy, als er mir rau antwortete „Das ist schön. Aber ich bin es.“ Damit winkte er unwirsch den Barkeeper herbei und stürzte sich wie blöde über seinen nächsten Brandy. Da ich nicht wusste, wie darauf antworten sollte, nippte ich nur an meinen Wein.

Eine peinliche Stille entstand und ich glitt endgültig in unsere gemeinsame Vergangenheit zurück.

In Gedanken konnte ich die kleine Jammes weinen hören „Er ist hier, ich schwöre er ist hier.“ Ach, es war solange her. Und in meinen Kopf wurde die Vergangenheit wieder lebendig. Oh verdammt. Irgendwas störte mich an der Haltung des Barkeepers. Er wirkte abwartend, irgendwie lauernd. Ich schüttelte das Unbehagen ab. „Hey Du da, Kumpel“ Aber obwohl wir uns zu prosteten und hastig tranken, hörte ich in Gedanken die kleine Jammes immer. Mist.

Ich hörte mich sie anraunzen, "Wo zum Teufel soll er jetzt wieder sein? Kinder, er kann nicht überall sein." Nein kann er immer noch nicht, dachte ich und leerte gedankenverloren das Glas
 
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