Wächter der Klingen 2 - Zwillingsschwert

von Arno
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Ritter & Krieger Zauberer & Hexen
24.03.2020
29.05.2020
32
89.162
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23.05.2020 2.207
 
29

»Ist das…?«, fragte Zelf.
Ich nickte. »So scheint es. Eine Stadt.«
»Oder was von ihr übrig ist«, fügte Sarius an.
Wir waren dem Weg auf die Spitze des Berges gefolgt. Gerald war die ganze Zeit über recht schweigsam gewesen – anscheinend hatte ihn unsere Heilung sehr viel Kraft gekostet. Nicht einmal als wir die Spitze erreicht und die zerstörte Ruine einer ehemaligen Stadt gesehen hatten, hatte er etwas gesagt.
Eingefallene Häuser, zerstörte Gebäude und beschädigte Straßen…Wir konnten uns nicht erklären, was hier oben vorgefallen war.
»Schaut euch um«, wies ich die anderen an. »Sucht nach einem Eingang zu einer Höhle oder irgendetwas, das verdächtig aussieht. Wenn wir getrennt suchen, ist unsere Chance größer, den Zauber zu finden. Wenn ihr etwas entdeckt, ruft laut.«
Sie nickten und wir trennten uns.    
Ich wanderte durch die Straßen und blickte in die Häuser, doch die Zerstörung hatte auch im Inneren Einzug gehalten. Man konnte kaum noch etwas von der einstigen Einrichtung ausmachen. Es war still – nur ab und zu hörte ich einen der anderen. Der Wind pfiff durch die zerstörten Wände und zerschlagenen Fenster. Doch nicht nur hier draußen herrschte Stille. Auch in meinem Inneren war es ruhig. Gerald schien zu erschöpft zum Reden. Doch war das wohl auch kein Wunder. Er hatte uns vor Verwundungen gerettet, die jeden anderen Menschen getötet hätten. Und da ich ihm seine Erholungspause gönnen wollte, begann auch ich kein Gespräch.
Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Doch egal wie oft ich auch die Wege hin- und herlief, nichts konnte ich erkennen, was auf das Versteck des Zaubers hindeutete – weder mit dem bloßen Auge noch mit dem Blick für Magie. Doch würde dieser Zauber überhaupt eine magische Spur hinterlassen? Schließlich löste er jeden anderen Zauber auf.
Warum hatte der Dorfvorsteher allen verboten, hier hochzugehen? Was gab es auf diesem Berg, außer alten Ruinen?
»Hier!«, ertönte mit einem Mal Sarius´ Stimme.
Ich eilte durch die Straßen, auf der Suche nach dem Magier. Auf dem Weg zu ihm traf ich Zelf, der aus einem der Häuser kam. Auf meinen fragenden Blick hin, ob er denn etwas gefunden hätte, schüttelte er den Kopf.
Wir fanden Sarius schließlich ein Stück außerhalb der Ruinen, an einer Nische in der Felswand.
»Hier ist es, glaube ich. Folgt mir.« Der Magier zwängte sich unter Ächzen seitlich durch den Riss in der Felswand. Dahinter wurde die Nische breiter, sodass wir drei gemütlich reinpassten. Direkt vor uns befand sich das erhoffte Versteck. Es musste einfach richtig sein.
Eine steinerne Platte versperrte einen Durchgang in der Felswand. Fremdartige Zeichen waren darauf eingelassen, die entfernt an die Zeichen der Hüter erinnerten.
»Wie kommen wir jetzt da durch?«, fragte Zelf.
Sarius zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Diese Platte sieht nicht so aus, als würde sie sich auch nur ein Fingerbreit bewegen.«
»Glaubst du, es gibt einen versteckten Schalter?«, wollte der ehemalige Prinz wissen. »Oder ein Geheimwort, das man zum Passieren benötigt?«
Das Gespräch der beiden ging weiter, doch trat es für mich in den Hintergrund, denn mit einem Mal überkam mich ein seltsames Gefühl. Das Gefühl, dass wir nicht länger alleine waren. Ich blickte mich um, doch da war niemand. Die fremde Präsenz jedoch nahm immer mehr zu, bis ich ein Raunen vernahm.
»Hört ihr das?«, fragte ich die anderen.
Sie blickten mich fragend an. »Was?«
»Dieses…Flüstern«, suchte ich nach den richtigen Worten.
»Ich höre nichts«, meinte Zelf. »Du etwa?«, wandte er sich an den Magier. Dieser schüttelte den Kopf.
»Also hört ihr es nicht«, murmelte ich leise.
Das konnte eigentlich nur eins bedeuten.
Ich schloss die Augen und konzentrierte mich. Als ich sie öffnete, waren die beiden verschwunden. Die Welt hatte all ihre Farben verloren. Einzig ein helles Blau war geblieben. Ich war zurück in der Welt der Geister – der Astralwelt.
Tatsächlich schien ich den stummen Beobachter gefunden zu haben. Eine leuchtende Kugel flog vor mir in der Luft, direkt vor der steinernen Platte, die unseren Weg versperrte. Ich spürte, dass es sich dabei nicht um Gerald handelte.  
»Wer…bist du?«, fragte ich vorsichtig.
»Ich habe keinen Namen, denn ich brauche keinen«, antwortete das Wesen. Seine Stimme war die eines alten Mannes.  
»Was tust du hier?«, fragte ich weiter. Es war das erste Mal, dass ich mit einem anderen Geist als Gerald sprach.
»Ich beschütze diesen Eingang«, antwortete er, um sich danach wieder in Schweigen zu hüllen. Wie es aussah, war dies nicht gerade ein gesprächiger Zeitgenosse.
»Lässt du uns passieren?«, wollte ich wissen.
»Vielleicht.«
Ich zögerte kurz. »Wundert es dich denn gar nicht, dass ein Mensch dich sehen kann?«
Dieses Mal brauchte er etwas, bis er antwortete. »Ein wenig«, gestand er. »Auch überrascht es mich, die Anwesenheit eines weiteren Geistes zu spüren. Doch interessiert mich das alles eigentlich nicht. Es ist nicht wichtig für meine Aufgabe.«
»Deine Aufgabe ist dir sehr wichtig, oder?«, versuchte ich das Gespräch mit dem Geist am Laufen zu halten.
»In der Tat, das ist sie.«
»Dann geht es dir so wie mir«, sagte ich. »Und um meine Aufgabe zu erfüllen, brauche ich das, was dort hinter der Tür ist. Deshalb frage ich dich erneut: Lässt du uns passieren?«
»Wärt ihr denn bereit, eine Aufgabe zu übernehmen?«, beantwortete er meine Frage mit einer Gegenfrage.
Das brachte mich etwas aus der Fassung. »Was für eine Aufgabe?«, wollte ich wissen. Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit.  
»Dieser Ort ist seit einigen Jahren von einem Übel befallen«, erzählte der Geist. »Untote streifen durch die Ruinen dieses Ortes. Es ist ein Wunder, dass ihr auf keinen von ihnen getroffen seid.«
Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ich daran dachte, was hätte passieren können, wäre uns das Glück nur etwas weniger hold gewesen.
»Ist das etwa eine Siedlung der Untoten?«, fragte ich ungläubig.
»Natürlich nicht, törichter Mensch.« Der Stimme des Geistes konnte ich entnehmen, für wie dumm er mich hielt, dass ich diese Frage überhaupt gestellt hatte. »Diese Wesen lassen sich nirgendwo nieder. Sie durchstreifen die Gegend. Aber diese hier wollen diesen Ort einfach nicht verlassen. Da es dich zu interessieren scheint: Dies war die Stadt einer uralten Zivilisation, die heute allerdings verloren und ausgelöscht ist. Lange Zeit haben sie hier oben gelebt, versteckt vor dem Rest der Welt. Nur die Bewohner am Fuße des Berges schienen von ihnen gewusst zu haben. Ab und zu kam einer von ihnen auf den Berg hoch, um sich mit ihnen zu unterhalten. Doch dann kamen diese Wesen«, er legte all seine Abscheu in dieses Wort, »und haben sie getötet.«
»Ich bin ein Kind dieser Menschen vom Fuße des Berges«, klärte ich den Geist auf, in der Hoffnung, dies möge mir nützlich sein. »Mein Vater hat diese Leute hier beschützt.«
»Dann gebührt ihm Dank. Bitte richtet ihm das aus.«
»Das geht nicht«, meinte ich. »Er ist tot – so wie alle aus dem Dorf. Sie wurden getötet von…«, ich zögerte. Waren es letzten Endes doch keine Banditen gewesen, sondern diese Untoten? Ich war damals noch ein Kind gewesen, hatte nichts von solchen Wesen gewusst. Hatte ich die Angreifer überhaupt gesehen? Ich war mir nicht sicher. »…Sie sind alle seit Jahren tot.«
»Das tut mir leid. Doch zurück zu meinem Anliegen und der Aufgabe, die ich dir stellen möchte. Töte all die Untoten, die sich in den Ruinen eingenistet haben. Und damit meine ich töten, nicht vertreiben.«
»Wie viele sind es?«, wollte ich wissen.
»Etwa drei Dutzend.«
Ich schluckte hart. Drei Dutzend Untote gegen vier von uns. Oder drei – schließlich wusste ich nicht, ob Gerald bereit für einen Kampf war.
»Und dann öffnest du uns das Tor?«, versicherte ich mich.
»Wenn alle Untoten ihr Ende gefunden haben, werde ich diesen Eingang öffnen. Aber nur einmal, danach verschließe ich ihn wieder und werde ihn nicht mehr öffnen, egal wie oft ihr dagegen klopft. Aber seid unbesorgt. Es gibt noch einen anderen Weg, um diesen Ort wieder zu verlassen. Vielleicht werdet ihr auch auf dem Weg dorthin sterben, denn diese Gänge sind von Monstern und anderen, noch schrecklicheren Wesen erfüllt. Und der Wächter des Schatzes ist der schlimmste von allen. Wie du sicherlich schon weißt, handelt es sich bei diesem Schatz um einen Zauber. Dir sei gesagt, dass du ihn nur ein einziges Mal einsetzen kannst, danach wird er verschwinden – und ich werde mit ihm gehen. Willst du trotz allem diesen Weg beschreiten?«
Ich nickte entschlossen. »Ich muss. Und wenn ich ihn alleine gehen muss – ich werde ihn gehen.«
»Das sagst du so leicht. Dieser Ort kann die Hölle sein.«
Ein Bild blitzte in meinem Kopf auf. Ein Bild aus meiner Vergangenheit, das ich am liebsten vergessen würde. Das Bild von erschlagenen und halb verbrannten Leichen, von unschuldigen Menschen, die grundlos niedergemetzelt  wurden. Das Bild eines aufgespießten Neugeborenen.
»Die Hölle habe ich schon gesehen.«
Mit diesen Worten verließ ich die Astralwelt.
»Was sollen wir jetzt…?«
»Ich weiß, wie wir den Eingang öffnen können«, unterbrach ich Zelf.
Die beiden blickten mich fragend an.
»Ich hatte ein Gespräch mit dem Wächter dieser Tür«, berichtete ich. »Er hat uns eine Aufgabe gestellt. Dieser Ort ist von Untoten befallen. Wenn wir alle töten können, dann wird er uns den Eingang öffnen.«
Die zwei schienen sich nicht weiter zu wundern. Vermutlich hatten sie selbst auch schon genug Seltsames erlebt.
»Wie viele sind es denn?«, wollte Zelf wissen.
»Drei Dutzend.«
»Drei…?!«, Sarius verschluckte sich am letzten Wort.
Ich werde mich um sie kümmern, ließ sich Gerald wieder vernehmen, so dass wir alle ihn hören konnten.  
Wie willst du das anstellen?, fragte ich meinen Gefährten.
Treibt sie einfach auf einen Haufen, meinte er zu mir. Dann kann ich sie erledigen. Doch danach werde ich für einige Zeit nichts mehr bewerkstelligen können. Das heißt, ihr müsst diese Höhle alleine meistern.
Wir können auch versuchen, gegen all die Untoten zu bestehen, bot ich an.
Ob ihr im vollen Besitz eurer Kräfte seid oder nicht, könnte über Leben und Tod entscheiden, wenn ihr die Höhle betretet, wehrte Gerald meinen Vorschlag ab. Nach den Worten dieses Geistes werden euch einige Gefahren dort drinnen erwarten.
Na gut, willigte ich schließlich ein. Dann erklärte ich den anderen unser Vorhaben.
»Das klingt nach einem Plan«, meinte Sarius. Zelf nickte zustimmend.
»Dann los!«
Wir teilten uns auf und rannten durch die Straßen, dabei möglichst viel Lärm verursachend. Es dauerte nicht lange, bis sich die Ersten blicken ließen. Auf dem aufgeweichten Boden hörte man ihre schmatzenden Schritte. Im Schatten, den der Berggipfel durch die langsam versinkende Sonne warf, konnte man sie schemenhaft erkennen. Sie schienen aus den Felsspalten und den zerstörten Häusern zu kommen.
Ich blieb stehen, drehte mich zu ihnen herum und brüllte ihnen entgegen. »Na kommt! Kommt und fangt mich!«
Als ich mich versichert hatte, dass alle in der Nähe mir folgten, schlug ich einen Bogen und rannte zurück zu der Felspalte, hinter der unser Eingang lag.
Auf dem Weg durch die Straßen schlossen sich mir Zelf und Sarius an, beide verfolgt von einer Horde der Monster.
»Wenn das nicht funktioniert«, meinte der Magier keuchend, »wird das schlecht für uns enden.«
»Dann muss es eben funktionieren«, gab ich zurück.
Wir ließen die Ruinen hinter uns und kamen auf das freie Stück zwischen der Felswand und den Häusern. Die Untoten hatten sich zu einer großen Gruppe zusammengeschlossen – drei Dutzend gierige Gesichter, die am liebsten ihre Zähne in unserem Fleisch vergraben hätten.
Wir drehten uns erst um als unser Weg an der Wand endete. Mit dem Rücken drückte ich mich gegen den Fels.
»Geht rein!«, wies ich die anderen an.
Sie wechselten einen kurzen Blick, dann drückte sich Zelf durch den Spalt. Ihm folgte Sarius.
»Komm!«, rief er mir zu, doch ich rührte mich nicht von der Stelle.
Die Untoten kamen langsam näher, jetzt, da wir in der Falle saßen.
Gerald…
Warte noch, kam seine Antwort.
Stück für Stück rückten sie auf mich zu. Das Verlangen, wegzurennen, wurde immer größer, doch es gab für mich keinen Fluchtweg, keinen Ort, an den ich mich vor ihnen verstecken konnte.
Gerald…
Warte noch!
Die Wesen hatten mich fast erreicht. Ihre krallenartigen Hände zuckten. Dann stürzten sie mit einem Satz auf mich zu.
Gerald! Ich riss schützend die Arme nach oben.  
Jetzt!
Mit diesem Wort fegte eine Welle purer Energie von mir weg, viel stärker als alle bisherigen. Die Untoten, die mit ihr in Verbindung kamen, wurden in der Luft zerrissen, sodass nichts mehr von ihnen zurückblieb.
Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, dann war alles vorbei. Kein einziges dieser schrecklichen Wesen war noch zu sehen. Sie alle waren tot. Endgültig.  
Gerald amtete erschöpft aus. Ich spürte, wie viel Kraft ihn das gekostet hatte.
Brauche…Ruhe…, keuchte er.
Die hast du dir auch verdient, meinte ich. Von jetzt an übernehme ich.
Ich zwängte mich durch den Spalt zu meinen beiden erstaunt dreinblickenden Gefährten.
»Das war…«, Sarius schluckte.
»…unglaublich«, beendete Zelf seinen Satz.
Mit einem Rumpeln erhob sich hinter uns die Steinplatte und offenbarte einen Gang, der von einer einzigen Fackel am Eingang erleuchtet wurde. Außerhalb dieses Scheins verlor sich alles in Finsternis.
»Und da wollen wir rein?«, fragte der ehemalige Prinz.
»Ihr müsst nicht mitkommen«, meinte ich nur.
»So war das nicht gemeint!«, erwiderte er.
»Wir begleiten dich«, fügte Sarius an.
»Dann kommt.«
Ich lief voraus, nahm die Fackel in die Hand und ging, mit ihrem Licht das Dunkel vertreibend, tiefer hinein in die Finsternis.
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