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Mut zur Liebe

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
23.03.2020
08.04.2020
17
26.686
3
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24.03.2020 567
 
Tonio's POV (Point of View)

„Herr Niederegger, ich habe mich entschieden mein Amt niederzulegen und öffentlich zu meiner Partnerin zu stehen. Daher bitte ich sie – vorübergehend natürlich – meine Gemeinde mit zu betreuen. Könnten sie sich das vorstellen ?“
Ich saß im Büro von Gottfried Semmer, dem Pfarrer unserer Nachbargemeinde, der mich  zu einem Gespräch gebeten hatte. Ich hatte keine Ahnung gehabt, was er mit mir besprechen wollte und war von seinem Entschluss mehr als überrascht.
„Sind sie sicher, dass sie diesen Schritt gehen wollen ? Haben sie denn schon mit dem Bischof darüber gesprochen ?“
Er schüttelte den Kopf: „Ich wollte zunächst sicher gehen, dass die Menschen in meiner Gemeinde auch weiterhin einen Ansprechpartner haben. Sobald sie zustimmen, werde ich den Bischof über meinen Entschluss in Kenntnis setzten.“
„Ja selbstverständlich. Ich übernehme die Gemeinde gerne ... also vorübergehend. Was wollen sie denn dann jetzt machen ?“

Da ich ohnehin schon die größte Gemeinde in Bad Tölz leitete und die Nachbargemeinde deutlich kleiner war, machte es mir nichts aus einzuspringen. Viel mehr interessierte mich jedoch die Geschichte hinter dem Entschluss des Pfarrers. Er war einige Jahre älter als ich – Mitte Fünfzig schätzte ich – und von einer Frau hatte ich nie etwas mitbekommen. Wir hatten jedoch auch nie privat, sondern immer nur beruflich Kontakt miteinander gehabt.
„Es gibt da tatsächlich verschiedene Möglichkeiten. Ich könnte mir gut vorstellen weiterhin als Seelsorger zu arbeiten oder mich als Redner für freie Trauungen selbstständig zu machen. Religionslehrer wäre definitiv auch eine Option. Lehrer werden momentan ja ohnehin händeringend gesucht. Wir wollen auf jeden Fall hier in der Gegend bleiben. Meine zukünftige Frau ist verwitwet und familiär sehr verwurzelt in der Gegend hier.“
„Sie wollen heiraten ?“. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
„Ja, auf jeden Fall. Marion hat sich jetzt schon mehr als drei Jahre geduldet und musste immer zurückstecken, weil natürlich niemand von unserer Beziehung etwas mitbekommen sollte. Sie ist sehr gläubig und würde wahnsinnig gerne auch vor Gott mit mir verbunden sein.“

Ich nickte verständnisvoll. Über die offenen Worte des Pfarrers war ich sehr dankbar, aber sie rückten die Zweifel am Zölibat, die in letzter Zeit immer stärker geworden waren, wieder mehr in den Vordergrund. Während mein ehemaliger Lehrer am Priesterseminar, dem ich Anfang des Monats von meinen Zweifeln berichtet hatte, mir dazu riet, mich für das Priesteramt zu entscheiden, machten die Worte heute mir Hoffnung, dass es vielleicht doch möglich war, meinen Beruf aufzugeben ohne der Kirche komplett den Rücken zu kehren. Ein Bild von Julia in einem wunderschönen weißen Hochzeitskleid schlich sich in meinen Kopf, doch ich schüttelte den Kopf bevor ich den Gedanken weiterspinnen konnte.
„Sie wirken so nachdenklich ?“. Pfarrer Semmer schien mitbekommen zu haben, dass das Thema mich beschäftigte.
„Und sie wirken so sicher in ihrer Entscheidung“, entgegnete ich ohne dabei auf meine eigene Situation einzugehen.
Er lächelte: „Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Pfarrer war für mich nie nur ein Beruf, sondern meine Berufung und es fällt mir wahnsinnig schwer diese Stellung, für die ich so lange studiert und gearbeitet habe, aufzugeben. Ich will ihnen nicht zu nahe treten, aber sollten sie sich in einer ähnlichen Situation befinden, kann ich ihnen nur raten, sich zu fragen, ob das, was sie empfinden, Verlangen ist oder Liebe. Ein kurzfristiges Verlangen können sie unterdrücken oder ihm nachgeben und danach wieder zur Normalität zurückkehren. Wenn Sie Jemanden wirklich lieben, wird sie das ihr Leben lang nicht mehr loslassen.“
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