Alte Liebe rostet nicht

von Skillz
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Bang Chan Kim Woojin
23.03.2020
22.04.2020
6
29.492
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23.03.2020 5.869
 
Hallihallo~


Wie schön, dass es dich hierher verschlagen hast. Falls du mich kennst, denkst du dir wahrscheinlich: ,,Alter, was lädt die jetzt schon wieder was Neues hoch?" Und wenn nicht, dann ... gut, denkst du dir bestimmt, dass das ein seltsames Intro ist.

Wie dem auch sei: Ich begrüße dich herzlich zu diesem kleinen Projekt. Und ja, es ist tatsächlich ,,klein" im Sinne davon, dass es nur fünf Kapitel plus einen Epilog besitzt. Allerdings erreicht die Wortzahl 30.000, deswegen wirst du trotzdem gut beschäftigt sein.

Die Idee dafür kam ziemlich spontan, aber ich habe recht schnell eine Geschichte zusammenbasteln können. Eigentlich ging es nur darum, dass ich Woojin Bottom in Predebut WooChan irgendwie voll süß finde, aber ihn später definitiv als Top sehe, und wissen wollte, wie sich das macht, wenn ich quasi den Prozess von dieser wechselnden Rolle in einer Geschichte verarbeite-

Ja, wow, ich raube meiner Story die Tiefe bereits im Vorwort. Dabei ist die Geschichte wirklich romantisch und kitschig und süß und auch humorvoll! :D

Jedenfalls will ich nicht vorab so viel zum Inhalt vorweg labern, aber ich wollte einfach nochmal kurz zum Ausdruck bringen, dass diese Fanfiktion sich an mein Herz geklammert hat und ich sie unter viel Softness und UWU sowie Tränen geschrieben habe. Woojin und Chan sind einfach entzückend zusammen <3

Im Prinzip wirst du hier Woojin auf seinem Weg begleiteten, wie er über die Trennung hinwegkommt, wie er die Rückkehr von Chan verarbeitet usw.

Ich hoffe, dass du ganz viel Spaß beim Lesen hast! Mach' dir gerne noch nette Musik im Hintergrund an und lass dich einfach treiben.


Herzlichste Grüße
Skillz


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Woojin liebte Chan.

Zu sagen, dass es Bestimmung war, war nicht wirklich zutreffend. Woojin hatte sich irgendwann klargemacht, dass er sich eigenständig dafür entschieden hatte.

Er war sich sicher, dass es die große Liebe gab, aber an das Schicksalhafte wollte er sich nicht binden. Den Glauben, das Beste vom Besten nur haben zu können, wenn es von einer dubiosen Kraft da oben bestimmt wäre, war vielleicht für viele romantisch.

Für Woojin jedoch war es verblendet. Er wusste von sich aus, dass das Beste Chan war.

Im Kindergarten hatte Chan mit ihm die Schaukel teilen wollen. Schlussendlich hatten sie sich doch aufs Wippen geeinigt, weil man das zu zweit machen kann.

Damals hatte es Woojin noch nicht verstanden, aber das, was er empfunden hatte, betitelt man als ,,Schwärmen”.

In der Grundschule war es zur Stufe ,,Verknallt-sein” aufgestiegen, weil er noch immer versuchte, in Chans Nähe zu sein, sich aber nun auch vorstellen konnte, seine Hand zu halten, seine Wange zu küssen und ihm Gänseblümchen zu schenken, die er ab und an von der Wiese auf dem Schulweg pflückte.

Seine Freunde hatten ihn deswegen geärgert, aber auch versucht, die beiden so oft wie möglich miteinander agieren zu lassen. Bei Wahrheit oder Pflicht zum Beispiel hatten sie Woojin immer eine Pflicht aufdrücken wollen, die ihn dazu brachte, Chans Hand oder Gesicht zu küssen. Bei Wahrheit hatten sie jedes Mal gefragt, in wen er verliebt sei.

Woojin hatte stets mit ,,Niemand” geantwortet.

Direkt gelogen war das nicht einmal. So richtig verliebt hatte er sich Anfang der Mittelschule.

Chan war zum Schulsprecher gewählt worden und hatte gestrahlt, war zwar oftmals gestresst gewesen, aber auch so wunderschön. Es hatte Woojin immer wieder den Atem geraubt, wie er alles ausbalanciert hatte: Schwimmen, Schulsprecher-Pflichten, Lernen, auf die Geschwister aufpassen, mit Freunden ausgehen.

Chan war laut, fröhlich und wahnsinnig lieb. Lebendig und vor Kraft strotzend. Wenn er die Hand erhob, war der Raum still. Er war eine unglaublich starke Person in Woojins Augen, leidenschaftlich und gleichzeitig extrem reflektiert und intelligent.

Die meisten bezeichneten ihn auch als dominant und forsch.

Es gab keine Perfektion. Aber es gab einen Chan. Und allein das Wissen, dass es diesen einen Chan gab, machte Woojin kirre.

Im Alter von 15 Jahren hatte er gemerkt, dass es ernst war. Zuerst hatte er es relativ gut verdrängen können, bis ihn Minho darauf angesprochen hatte:

,,Willst du es ihm nicht sagen? Es sind schon zehn Jahre, Woojin. Wir werden nicht jünger.”

Ein paar Monate hatte Woojin sich noch zurückgezogen und über all seine aufgestauten Empfindungen gegrübelt, war verschiedene Szenarien durchgegangen und hatte Chan immer mehr im Stillen beobachtet.

Dann war die Bombe geplatzt.

Die beiden waren mit dem Putzdienst fürs Klassenzimmer an der Reihe gewesen und hatten über Gott und die Welt gesprochen.

Chan hatte darüber erzählt, wie begeistert er von One Piece war (einer Serie, die Woojin ihm empfohlen hatte) und anschließend fröhlich pfeifend die Tafel gewischt.

Bevor er nach der Erledigung seiner Aufgaben den Raum hätte verlassen können, hatte Woojin ihn am Ärmel zurückgehalten. Ganz unangenehme Stille war entstanden, bis die Worte aus seiner Kehle gekrochen waren:

,,Ich bin verliebt.”

Pause.

,,In dich.”

Chan hatte breit gelächelt, so breit, wie noch nie.

Woojin hatte geglaubt, in seinen Grübchen versinken zu können, als er den großartigsten Satz seines Lebens hören durfte:

,,Ich bin auch verliebt in dich.”

Seitdem waren sie miteinander gegangen und es war eine Beziehung wie im Bilderbuch: Die beiden trafen sich für Picknicks, kleine Café-Dates, im Kino, zum Spazieren oder sie kochten abends zu Hause für sich.

Chans Familie vergötterte Woojin und Woojins Familie war hin und weg von Chan. Ihre Freunde akzeptierten nicht nur ihre Beziehung, sondern unterstützten sie - wie zu erwarten - darin auch.

Für die meisten war ersichtlich, dass sie auf ewig zusammen wären. Denn dafür war das Verhältnis zwischen ihnen gemacht.

Ihre süße Beziehung hielt sich auf diese Art bis zur Oberschule, wo die beiden anfingen, erwachsener zu werden. Das wiederum sorgte dafür, dass ihre Gefühle zueinander inniger wurden.

Wenn Chan es wagte, Woojin länger als zwei Sekunden zu küssen, dann presste er den Mund sehnsuchtsvoll auf seinen und schloss genießerisch die Augen, griff an die schmale Taille des Älteren und drückte sich dicht an dessen Körper.

Woojin lief meistens knallrot an und erwiderte den Kuss weitaus weniger stürmisch, aber seine brennenden Empfindungen waren dabei kaum zu verleumden.

Während ihrer Oberschulzeit fiel immer mehr Leuten auf, was für eine Dynamik die beiden eigentlich hatten.

Chan war immer selbstbewusster geworden, davon gestärkt, dass er bereits in der Mittelschule viel an Verantwortung getragen hatte. Auch wenn er mit Woojin unterwegs war, war er derjenige, der ständig sprach, während sein Partner im Hintergrund war und Bestätigung gab.

,,Ich glaube, Chan hat die Hosen in der Beziehung an”, meinte Hyunjin in der großen Pause bei einem belanglosen Gespräch auf dem Hof.

,,Natürlich hat Chan die Hosen an. Man hört Woojin nie sprechen”, bestätigte Jisung spaßhaft und biss von seinem Pausenbrot ab.

Daraufhin lachte Chan laut, wobei Woojin fast verlegen das Gesicht in dessen Schulter vergrub.

Er wusste nicht einmal, was er darauf erwidern sollte. Natürlich schämte er sich nicht für seine Gefühle. Jederzeit stünde er für Chan ein und könnte ihn genauso verteidigen. Aber er hatte recht früh gelernt, dass er das gar nicht musste.

Chan hatte den Biss eines Wolfs und wusste sich selbst zu helfen.

Das wollte Woojin ihm nicht kaputtmachen. Deswegen ließ er ihm gerne den Vortritt. Eigentlich genoss er es sogar, wie die Leute Chan bewunderten, weil er es im Endeffekt genau auf diese Weise verdiente.

Woojin war unfassbar stolz auf ihn.

Das wiederum hieß nicht, dass er sich deswegen zurücklehnte, nur weil sein Partner toll war. Er lernte fleißig, schrieb gute Noten, ging ins Kendo und besuchte Gesangsunterricht. Seine Erfolge wurden Gott sei Dank nicht an den Nagel gehängt, da ihm das eher unangenehm wäre.

Außerdem wollte er Chan nicht in den Schatten stellen. Es war immerhin eine Ironie, dass dieser zweisprachig mit Koreanisch und Englisch aufgewachsen war und trotzdem in der Schule besser abschnitt als 95 Prozent seiner Stufe, lustigerweise mitunter im Fach Koreanisch. Chan hatte oft damit zu kämpfen, dass Leute ihn unterschätzten und ihm eintrichterten, niemals dasselbe wie andere erreichen zu können.

Woojin wollte ihm die Freiheit lassen, zu zeigen, was und wer war. Ohne ihn.

Trotzdem gehörten die beiden einfach zusammen.

Chan wurde umschwärmt, allerdings zeigte er nicht einmal mildes Interesse. Seine Aufmerksamkeit war nur Woojin gewidmet und er bekam nicht genug davon, ihn als seinen süßen Teddybär zu bezeichnen, ihn zu kuscheln, seine Hand vorsichtig zu küssen und ihn auf seinen Schoß zu ziehen, wann immer er die Gelegenheit dazu hatte.

Woojin dachte, dass ihre Beziehung für immer so laufen könnte.

,,Was? Ich dachte, ihr hättet es schon längst getan.” Überrascht ließ Minho sein Eis sinken und blinzelte mehrmals.

Woojins Wangen brannten und er starrte in den Becher, wo sein Schokoladeneis vor sich hin schmolz. ,,Nein … haben wir nicht.”

,,Oh.” Nachdenklich schaute Minho in den Himmel. ,,Krass, dabei seid ihr bald drei Jahre zusammen.”

Zögerlich zuckte Woojin mit den Schultern.

,,Aber ihr wollt irgendwann, oder?”, hakte Minho weiter nach. Für ihn war es offensichtlich unbegreiflich, dass die beiden es nicht einmal in Erwägung gezogen hatten.

,,Ja … schon.” Woojin hatte absolut keine Ahnung, wieso seine Zunge auf einmal so taub war. Normalerweise zögerte er beim Sprechen nicht so sehr, nur überforderte ihn die Frage gerade etwas. Sicherlich hatten Chan und er schon intensiveren Kontakt ausgetauscht, aber weiter waren sie noch nicht gegangen.

,,Hast du Angst? Ich meine, ich habe gehört, dass es wehtut.”

Wirklich Angst hatte Woojin nicht. Er vertraute Chan. Gleichzeitig musste er im Hinterkopf behalten, dass er sich bis dato noch keine großen Gedanken darüber gemacht hatte. Er hatte nicht einmal einen blassen Schimmer, was für Erwartungen Chan in dieser Hinsicht hatte.





Die beiden Liebenden lagen eines Abends in Chans Bett, noch hellwach und trotzdem schweigend.

Woojin rutschte näher an Chan heran und platzierte den Kopf auf dessen Brust, spürte das Herz regelmäßig an seiner Wange klopfen.

,,Chris”, flüsterte er.

,,Hm?” Chan fuhr mit der Hand in Woojins Haar und massierte stellenweise seine Kopfhaut.

,,Hast du jemals daran gedacht, mit mir zu schlafen?”

Chans Hand hielt abrupt inne. Gleichzeitig spürte Woojin das Herz unter sich schneller schlagen.

,,Ständig”, gestand Chan und küsste Woojins Stirn, ,,Aber wir müssen nicht, wenn du nicht willst.”

Schweigen kehrte ein.

Woojin war unfassbar warm geworden. Er wusste nicht, was er mit dieser Information anfangen sollte. Wo sie allgemein überhaupt anfangen sollten.

Rasselnd atmete er aus. ,,Versprich’ mir, dass du vorsichtig bist”, murmelte er dann.

,,Für dich immer.”

Mehr hatten sie sich nicht darüber ausgetauscht. Es war nahezu klischeehaft, wie sie sich an ihrem Drei-Jahres-Jubiläum trafen, gemeinsam ausgingen, abends spazierten und sich anschließend zu Woojins Haus begaben. Sie hatten das Glück, alleine zu sein.

Anfangs agierten sie so wie immer, scherzten so wie immer und berührten sich so wie immer.

Zumindest bis das Kondom aus Chans Hosentasche fiel, was wiederum erst einmal extrem peinlich für sie war, obwohl sie beide 18 waren.

Woojin war ziemlich ruhig geworden, bis er damit begann, Chan um den Verstand zu küssen.

Am nächsten Tag durfte Woojin Minho erklären, dass es nicht wehtun musste.

Chan war geduldig sowie unfassbar sanft gewesen. Trotzdem hatte Woojin zuerst darum gefürchtet, dass sein Herz nicht mehr funktionierte, sobald sein Freund in ihn eingedrungen war.

Allerdings hatte er wieder seinen Puls wahrgenommen, als Chan sich über ihn gelehnt und ihn geküsst hatte, so viel süßer und dennoch verlangender als sonst. Und obwohl Chan lauter gewesen war, hatte man an jedem Gesichtszug gemerkt, wie stark auch Woojin vom Akt mitgenommen worden war, im Prinzip seine Laute dadurch kompensiert worden waren, indem er sich in die blassen Schultern gekrallt und seine Spuren hinterlassen hatte. Jeder Stoß, jedes Zucken im Unterleib, jeder Kuss auf der erhitzten Haut hatte sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt.

Ihre Beziehung hatte offiziell einen weiteren großen Schritt gemacht und so komisch es klingen mochte: Sie war erneut erwachsener geworden.

Es hatte manchmal fast etwas von einem gemeinsamen Leben, wenn Woojin morgens aufwachte, Chans Brust an seinen Rücken gepresst, sie gemeinsam frühstückten und sich auf den Weg in die Schule machten.

Die Art, wie Chan ihn anblickte, war trotz der Jahre noch immer pures Feuer, aber auch sanft wie ein Windhauch.

Sie verbrachten mehr Zeit zusammen denn je. Manchmal wurden sie entweder von Felix oder Jisung gefragt, ob sie sich frisch verliebt hatten, während Minho und Changbin davon ausgingen, dass der Sex zwischen den beiden wahnsinnig gut sein musste.

Woojin stimmte beiden Aussagen zu.

Sie wurden miteinander reifer. Ihre Liebe wurde aus dem Rohdiamanten im Kindergarten langsam zu dem Schmuckstück, das ihre anfängliche Beziehung bereits versprochen hatte.

Woojin war der glücklichste Mensch auf der Welt.

Nur manchmal wirkte etwas komisch.

Es lag nicht an Chan. Chan war nach wie vor die Großartigkeit in Person.

Das einzig wahre Problem lag an Woojin. Ihn irritierte es zunehmend, wenn Leute - egal, ob ihre Freundesgruppe, Bekannte oder andere Schüler - ihn als schüchtern bezeichneten. Oder gar süß.

Ja, er war neben lauten und bestimmenden Chan so leise.

Woojin war in der Tat zurückhaltend, aber schüchtern? Er hatte oftmals darüber nachgedacht, konnte jedoch letzten Endes selbst nicht wirklich einschätzen, ob das zutraf, aber er widersprach den Leuten nicht.

Es musste immerhin einen Grund geben, wieso er sich zurückhaltend verhielt und Schüchternheit klang absolut logisch, oder nicht?

Eigentlich war es ihm egal, bis zu dem Punkt, an dem er in Relation zu Chan gesetzt wurde.

Ob Chan nicht der Kick fehlen würde.

Ob Chan auch wirklich zufrieden sei.

Ob Chan nicht jemanden mit mehr Bestimmungsfähigkeiten und Biss bräuchte.

Zuerst hatte Woojin es für sich behalten, bevor er sich letzten Endes doch Minho öffnete.

Minho, der so oft neckte, aber auch Verständnis wie kein anderer zeigte.

,,Chan liebt dich. Ihm ist es egal, ob du genug ,Biss' hast, solange du einfach du bist.”

,,Aber genau da liegt das Problem. Ich stehe irgendwie neben mir.” Woojin warf frustriert die Spielkonsole weg und verschränkte die Arme, nun eine ganz nachdenkliche Miene im Gesicht.

Minho schaute ihn aufmerksam an. ,,Woojin, lagst du jemals oben?”

,,Bitte?”

,,Beim Sex.”

Daraufhin warf Woojin ihm ein Kissen ins Gesicht. ,,Du kannst nicht immer alles auf mein Sexleben schieben, du Perversling.” Er lachte auf.

Minho ließ sich davon nicht beeindrucken. ,,Ich meine es ernst.”

Woojin lehnte sich zurück und plusterte die Wangen auf, ehe er ehrlich antwortete: ,,Nein.”

,,Und wieso?”

Das Nachbohren verwirrte Woojin umso mehr. ,,Weil es nicht zu Chan passt, unten zu liegen.” Er klackte mit der Zunge. ,,Du weißt schon. Er hat irgendwie überall das Sagen. Ich bezweifle, dass er sich von mir … flanken lassen will.” Die Aussage wurde gegen Ende fast von ihm verschluckt. ,,Und mir macht es auch nichts aus, unten zu sein. Ehrlich.”

Minho hob die Augenbraue an. ,,Siehst du. Vielleicht ist das das Problem.”

,,Es ist ein Problem, dass ich passiv im Bett bin?” Nun musste Woojin ehrlich prusten.

Ein entnervtes Stöhnen entkam Minho, wobei er die Augen rollte. ,,Meine Fresse, nein. Es geht darum, dass du dich eventuell in ein Rollenbild zwängen lässt.”

,,Das verstehe ich jetzt nicht.”

Minho legte den Controller aus der Hand. ,,Leute sagen ständig - und mit ständig meine ich ununterbrochen - dass du so ruhig und zahm und lieb bist. Die sind alle so fest davon überzeugt, dass Chan die Kontrolle bei absolut allem hat. Und das führt so weit, dass du das auch glaubst. Einfach, weil du denkst, dass es sonst Chans Image schaden könnte.”

Woojin versuchte, die ganzen Informationen zu verarbeiten.

,,Du gehst davon aus, dass Chan immer der Starke sein will, weil er im Prinzip schüchtern ist.”

,,Chan und schüchtern?” Nun musste Woojin wirklich lachen. In Minhos Kopf lief definitiv etwas schief.

,,Nein, echt jetzt. Ich habe ihn einmal süß genannt, als er sich darüber gefreut hat, dass ich ihm Pfirsiche gekauft habe, und er ist total rot geworden.” Minho nahm wieder die Spielkonsole in die Hand und startete das nächste Level. ,,Chan ist manchmal ein kleiner Hochstapler. Mag sein, dass er ach so Angst einflößend und dominant ist. Aber er zeigt verdächtig oft nur diese Seite von sich. Ist nur eine Vermutung, aber ich glaube, dass seine Psyche mehr Komplexität aufweist als wir auch nur ahnen.”

Woojin wollte das nicht vor Minho zugeben. Chan war es unangenehm, zu zeigen, dass er auch mal schwach war. Wenn er Sorgen hatte, dann zeigte er sie - wenn überhaupt - nur ihm. Und selbst dann fasste er sich recht schnell wieder.

Mit Chan war Woojin nach wie vor glücklich, nur wurde seine ,,Identitätskrise" immer schlimmer. Während seine Beziehung nach außen hin perfekt wirkte, war er mit jedem Mal unsicherer, wenn Chan ihn auszog.

Nicht, dass er die intimen Momente weniger genoss. Nur war es manchmal komisch, sobald er in Chans Gesicht blickte und seine weichen und fragilen Ausdrücke erkannte, sodass sich in seinem Bauch ein Knoten bildete. Gerade, wenn Chans Stimme unter der Lust brach und er die Finger neben Woojins Kopf ins Laken krallte, wobei sein Körper heftig zitterte.

In solchen Momenten wollte Woojin Chan einfach halten und ins Ohr flüstern, dass er für ihn da war. Dass Chan schlafen durfte, ohne Sorgen haben zu müssen. Dass Chan nicht immer nur stark sein musste, sondern sich fallen lassen konnte.

Stattdessen war Woojin wie immer: ruhig.





Die Oberschule neigte sich dem Ende zu und Woojin freute sich seltsamerweise darauf, stolz verkünden zu dürfen, dass Chan und er bereits ihren zweiten Abschluss als Paar erleben würden.

Doch da machte das Leben ihm einen gewaltigen Strich durch die Rechnung.

Es war ein gemütlicher Filmabend mit Freunden. Mit allen Freunden. Dementsprechend war es das absolute Chaos, immerhin waren neun Personen nicht wenig.

Seungmin und Changbin waren die ganze Zeit am spaßhaften Streiten, Jisung und Felix versuchten herauszufinden, wer länger die Luft anhalten konnte, und Minho bedrängte Jeongin, der dabei war den Film herauszupicken, während Hyunjin immer wieder hinein quatschte, dass es unbedingt ein K-Drama sein müsse.

Chan kam mit allerlei Snacks ins Zimmer, doch sein Gesicht deutete alles an außer Begeisterung.

,,Hyung, was ist los?”, fragte Felix besorgt.

Tief atmete Chan durch, bevor er anfing, zu weinen.

Komplett geschockt schauten sich alle gegenseitig an. Gleichzeitig sprangen sie auf, doch wirklich umarmen konnten nur Felix, Changbin und natürlich Woojin. Mehr Personen hätten Chan auch einfach die Luft abgeschnürt.

Sobald er halbwegs wieder heruntergekommen war, räusperte er sich. ,,Ich muss euch was gestehen.” Er stellte die Snacks auf dem Wohnzimmertisch ab und hockte sich auf den Boden.

Gespannt blickte ihn die Gruppe an, aber auch mit voller Sorge, sobald sie sich im Kreis um ihn geschart hatte. Chan weinte normalerweise nicht so leicht vor anderen. Fast nie.

Woojin selbst hatte ihn bisher nur dreimal weinen sehen: als er den Rekord im Freestyle-Schwimmen im nationalen Schulturnier gebrochen hatte, als er sich beim Training das Bein gebrochen hatte und nun ja, eben jetzt.

Chan atmete tief durch und sah alle nacheinander in der Runde an. Endlich ließ er die Bombe platzen: ,,Wir werden umziehen.”

Stille.

,,Wie umziehen?”, hakte Changbin nach.

Erneut atmete Chan durch. ,,Nach Sydney.”

Eine Schocksekunde war es ruhig, ehe Changbin zurück schrie: ,,Sydney in Australien?!”

,,Kennst du etwa eine Stadt in Südkorea, die Sydney heißt?”, pflaumte Seungmin ihn an.

,,Heyhey, jetzt nicht streiten”, schnitt Jeongin ein.

Woojin reagierte überhaupt nicht mehr. Sein ganzer Körper war taub geworden und seine Kehle ganz trocken. Er war nicht einmal dazu fähig, zu weinen, so gelähmt war alles.

Abgekapselt schien er, bis er realisierte, dass ihn alle anstarrten. Voller Angst und voller Mitgefühl.

Woojin hielt es nicht mehr aus und stand auf, rannte aus dem Zimmer und auch zur Haustür hinaus. Er wollte nicht weglaufen, sondern nur kurz für sich sein, daher setzte er sich auf die Treppe und vergrub die Hände zwischen den Knien, bevor er anfing zu schluchzen.

Er merkte nicht einmal, dass sich Chan neben ihn setzte. Der fasste ihn auch nicht an, sondern wartete, bis Woojin den Kopf wieder hob.

,,Woojin, ich kann es verstehen, wenn du mich hasst.”

Angesprochener schüttelte den Kopf. ,,Wieso hassen? Der einzige Grund, wieso ich weine ist, weil ich …”

,,Ich liebe dich auch”, unterbrach Chan ihn.

Das war das erste Mal, dass einer der beiden diese Worte äußerte.

Sie wussten nicht einmal, wann ihre Verliebtheit sich in Liebe gewandelt hatte. Es war schlichtweg passiert. Und sie zählten auch nicht die Tage, geschweige die Minuten, sondern genossen nur jede Sekunde, die man ihnen gemeinsam auf dieser Welt schenkte.

,,Sag’ mir einfach, wieso”, fuhr Woojin fort und ließ es zu, dass Chan nach seiner Hand griff.

,,Meine Oma ist sehr krank. Meine Eltern wollen wenigstens noch die verbliebene Zeit mit ihr verbringen und dann den Betrieb meiner Großeltern übernehmen.”

Das konnte Woojin verstehen. Natürlich konnte er es verstehen. Und er war noch immer nicht sauer auf Chan.

Es war wohl alles einfach zu schön gewesen, um wahr zu sein.

,,Ich werde dich so vermissen”, brachte er mit erstickter Stimme hervor.

,,Ich dich noch mehr.”





Es war schmerzhaft, sich zu sehen, aber noch schmerzhafter war es, sich nicht zu sehen. Auch wenn es beiden zuerst schwer fiel, ihr Leben vorerst einfach weiterzuleben, hielten sie trotzdem aneinander fest.

Sie verbrachten ihre letzten Dates voller Liebe und Verständnis, hatten romantische Spaziergänge und alberne Spielabende mit ihren Freunden sowie intensive, sexuelle Kontakte, bei denen Chan Woojin behandelte wie eine Prinzen.

Ihre Eltern waren nahezu geschockt, wie gefasst die Zwei damit umgingen. Gerade Chans Eltern konnten es kaum mit ansehen, wollten die beiden wirklich nicht auseinander reißen, doch das musste niemand aussprechen.

Woojin verstand die Situation und meinte, dass er keine Rechtfertigung einfordern könne, da es immerhin um die Familie gehe.

,,Du bist auch Familie”, hatte Chans Mutter unter Tränen gesagt und ihn in den Arm genommen.

Woojin und Chan sagten nicht, dass sie sich ohnehin für immer lieben wollten. Das wussten sie auch so schon.

Der Tag, an dem die Bang-Familie abreiste, war ein ganz Seltsamer. Bei Woojin war die Nachricht scheinbar noch immer nicht angekommen, weil er Chan zum Flughafen begleitete als ginge der nur in den Urlaub. Sie hielten ständig Händchen, was von ihren Freunden mit traurigen Augen betrachtet wurde.

Vor dem Flughafenterminal ließ Chan Woojins Hand los und lächelte ihn an. ,,Woojin …” Er zog ihn in seine Arme und vergrub die Nase in dessen Halsbeuge. ,,Du bleibst für immer mein süßer Babybär.”

Woojin wollte etwas sagen, aber es kam nur ein Krächzen aus seinem Hals. Allmählich schlug die Realität an, was sich daran bemerkbar machte, dass er zitternd die Arme hob und sie um Chan schlang, ehe er in dessen Schulter weinte.

,,Ich liebe dich so sehr”, hauchte Chan in sein Ohr. Diese Worte hatte er die letzten Wochen oft in den Mund genommen, aber er sprach sie immer mit einer Ernsthaftigkeit und Schwere aus, sodass Woojin jedes Mal Gänsehaut bekam.

Chan lehnte sich zurück und nahm Woojins Hand. Er tastete in seiner Hosentasche und holte einen Ring hervor, den er über Woojins Finger streifte. ,,Damit du mich nicht vergisst, ja?” Er lächelte. ,,Bitte … vergiss mich nicht.”

Ihr letzter Kuss schmeckte wirklich salzig, allerdings war er trotzdem nicht minder schön als ihre tausend Küsse zuvor.

,,Tschüss”, flüsterte Chan, wandte sich seinen Freunden zu, um sich ebenso von ihnen zu verabschieden.

Man konnte nicht einmal mehr sagen, wer mehr weinte. Hyunjin war ein schluchzendes Wrack, Seungmins Gesicht bestand nun mehr aus Tränen, während man Felixs gar nicht mehr sah, weil er jede Sekunde seine Nase schnäuzen musste, wobei Jeongin ihm Gott sei Dank entsprechend die Taschentücher reichte. Sogar Minho sah wirklich von Trauer entstellt aus, obwohl der sich ansonsten recht gut zusammenreißen konnte.

Neben Woojin war es mitunter am schlimmsten für Jisung und Changbin, die jahrelang eine Musik-Leidenschaft mit Chan geteilt hatten und nun schweren Herzens ihr drittes Standbein gehen lassen mussten.

Chan vertröstete jeden Einzelnen, verabschiedete sich gebührend mit lieben Worten und schenkte jedem Trost.

Zum Schluss winkte Chan nochmal Woojin und warf ihm einen Luftkuss zu, wobei er breit lächelte.

Woojin glaubte, ihm nochmals zu verfallen, weil Chan dafür sorgte, dass sein strahlendes Lächeln das Letzte wäre, was man zu sehen bekäme.

Sobald er und seine Familie nicht mehr in Sichtweite waren, weinte Woojin hemmungslos. Als wäre plötzlich ein Schalter umgelegt worden. Er konnte vor Tränen nichts mehr sehen, nichts mehr wahrnehmen und nichts mehr spüren.

,,Er ist weg, er ist weg”, wiederholte er immer wieder und fuhr sich mit den Händen übers nasse Gesicht.

Die Leute um sie herum wurden auf ihn aufmerksam, aber das war ihm dermaßen egal.

Man sagt, dass die Welt sich immer weiterdrehe, egal, was passieren möge. Aber Woojin wusste es besser.

In diesem Augenblick hatte alles und jeder kurz die Luft angehalten, um ihn trauern zu lassen.





Die ersten Monate hatte Woojin viel geweint. Sich eingeschlossen und noch weniger geredet als ohnehin schon.

Seine Freunde hatten vollstes Verständnis und ließen ihn in Ruhe.

Minho versuchte noch am ehesten ihn hinaus zu zerren, aber er baute nicht mehr Druck auf als nötig. Woojin war immerhin nicht dumm. Er wusste, dass das Leben weiterging.

Social Media machte es nicht unbedingt einfacher. Ständig wurde er erinnert, dass da draußen die Liebe seines Lebens eine komplett neue Existenz aufbaute.

Chan und Woojin schrieben alle paar Tage, sodass sie das Gröbste vom Leben des jeweils anderen wussten. Zum Beispiel dass Chan an der Highschool of Performing Arts angenommen worden war und sich stark seiner Musik widmete. Oder dass Woojin mit guten Noten die Oberschule abgeschlossen hatte und nun einen Studienplatz suchte.

Ab dem Punkt war Chan dabei, ein sich entfernender Traum zu werden. Und so traurig es klang: auch die Liebe zu ihm schien sich aus Woojins Bewusstsein entfernen zu wollen.

Trotzdem konnte er sich nicht neu verlieben. Es klang dumm, aber seine Ansprüche waren hoch geworden. Irgendwo fühlte er sich verantwortlich für seine Entscheidung in der Mittelschule: Und zwar, dass Bang Chan trotz allem die Liebe seines Lebens war.

Leute wie Hyunjin fanden das unfassbar romantisch und süß, wollten das unterstützen und malten sich in ihrer kleinen Traumwelt aus, dass sie für immer platonisch verbunden wären. Minho dagegen betrachtete das mit Skepsis, verurteilte Woojin zwar nicht, aber machte ihm bewusst, dass er sein Leben in den Griff bekommen sollte.

Und das tat Woojin auch.

Chan war immer für sein Musiktalent vergöttert worden, aber was recht Wenige wussten, war, dass Woojin selbst ziemlich begabt war in diesem Gebiet. Er träumte davon, ein Gesangs- beziehungsweise Musiklehrer zu werden.

Nach etlichen Monaten fing er wieder an, Gitarre zu spielen und aktiv zu singen; alles, was er hatte schleifen lassen, nachdem Chan und er sich getrennt hatten.

Im CSAT am Ende der Hochschule hatte er ausreichende Leistungen erzielt, um sich seine Wunschuniversität mehr oder weniger frei auszusuchen. Einige seiner Freunde gingen noch zur Schule, während Changbin, Minho und er bereits anfingen, zu studieren.

Changbin bewarb sich an einer Musik- und Kunsthochschule, während Woojin sich eine Universität suchte, die ihn aufs Lehramt vorbereitete. Nebenbei jobbte er als Kellner in der Innenstadt und konnte sich gut über Wasser halten. Da seine Eltern auch gerne in seine Bildung investierten, war es ihm recht schnell möglich, in eine eigene Wohnung zu ziehen.

Woojin fing an, zu heilen.

Und Minho, der eine Ausbildung an einer Tanzschule machte, begleitete diesen Prozess mit helfenden Händen, erleichtert darüber, dass Woojin wortwörtlich wieder Farbe ins Gesicht bekam.

Er ging öfters aus, machte wieder Sport (auch wenn er mit Kendo aufgehört hatte), duschte regelmäßig, kaufte sich Parfüm in edlen Flakons, wenn es ihm gefiel, und aß am Wochenende frittiertes Hühnchen mit seinen Freunden in seinem überfüllten Lieblingsrestaurant, um danach mit ihnen noch im Park abzuhängen.

Sowohl physisch als auch psychisch wurde er stärker, sodass er sich eines Tages im Spiegel ansah und auf einmal merkte, wie sehr er sich verändert hatte. Sein Erscheinungsbild war noch immer ruhig und doch schien er anders. Als könnte er mit Selbstbewusstsein in die Außenwelt tragen, dass er nun mal er war, aber sich nichts sagen lassen wollte.

Woojin war gewachsen. Von der Körpergröße, von der Schulterbreite, ja sogar von den Händen her. Der Ring, den Chan ihm geschenkt hatte, passte nicht mehr, weswegen er ihn nun als Kette um den Hals trug. Weniger präsent und trotzdem da.

So ähnlich war es mit ihrem Online-Kontakt. Sie schrieben immer weniger, bis sich Woojin nicht mehr traute, auf seine Story zu antworten. Ihre Chats verliefen meistens ins Nichts, weswegen sich beide nach und nach zurückzogen.

Lange hatte Woojin mit sich gehadert, aber letzten Endes doch entschieden, nicht nur Bilder mit seinen Freunden, sondern auch von Chan und ihm als Paar aufzuhängen. Er hatte sie einrahmen lassen und im Wohnzimmer an die Wand genagelt. Bilder, wo sie sich im Arm hielten, man sie lachen sah oder der eine die Hand des anderen küsste.

Eigentlich hatte Woojin gedacht, dass es weh täte, die eingerahmten Momente zu sehen, aber tatsächlich musste er ab und an kichern, wenn er die Erinnerungen betrachtete und erkannte, wie klein und unerfahren sie gewesen waren.

Und, dass er tatsächlich schüchtern gewirkt hatte.

Woojin hatte keine Ahnung, wie Chan mittlerweile aussah. Zwar veröffentlichte der auf Instagram ab und an Beiträge, aber wenn, dann von seiner Familie, seinem Hund Berry, Sydney, seinem Musikequipment oder der wunderschönen australischen Landschaft.

Der nächste Schritt im Heilungsprozess war, dass Woojin aufhörte, die Tage zu zählen, seitdem Chan weg war. Anfangs hatte er akribisch jeden einzelnen Tag auf dem Kalender durchgestrichen. Bei 155 hatte er aufgehört und es war leichter geworden.

Die Zeit verschloss nach und nach die klaffende Wunde in seinem Herzen.

Woojin verstand erst nicht, wieso er in Clubs angesprochen wurde oder man ihm die Nummer gab, bis Minho irgendwann genervt die Arme verschränkt und gemeint hatte: ,,Die Menschen sehen endlich DICH.” Und wie immer hatte er in Rätseln gesprochen.

Doch allmählich begriff es Woojin.

Es klang eventuell deprimierend, doch je mehr er die Trennung von Chan verarbeitete, desto sicherer wurde er. Er atmete so bewusst, wie noch nie zuvor.

Er konnte endlich behaupten, dass er sich gewissermaßen selbst gefunden hatte. Abseits von anderen Personen. Und er war mit sich ziemlich zufrieden.

Mittlerweile hatte er mehr oder weniger das Sagen in der Gruppe. Den Respekt hatte er nicht nur, weil er der Älteste war, sondern auch, weil die anderen verstanden hatten, dass er sehr reflektiert und erfahren für sein Alter war. Schüchtern war schon lange aus seiner Beschreibung gestrichen worden.

Woojin war wieder glücklich - das Leben konnte schön sein. Immerhin hatte er eine tolle Familie, eine tolle Freundesgruppe (mit einem tollen besten Freund) und eine tolle, eigene Wohnung in der Nähe seiner tollen Universität, die auch noch in der Stadt lag, wo all seine Liebsten waren.

Changbin besuchen? Kein Problem, zehn Minuten mit der Bahn.

Minho besuchen? Hah, zehn Minuten zu Fuß.

Die Jüngeren besuchen? Deren Schule lag praktisch auf Woojins täglichem Weg zu seinem Arbeitsplatz.

Liebe war wieder etwas Neues und Frisches für Woojin. Und er widmete sie seiner Familie und seinen Freunden, die prinzipiell seine zweite Familie waren.

Eine Liebe, die er wie für Chan empfunden hatte, vergaß er. Nicht, weil er es wollte. Sondern weil er das letzte Mal vor drei Jahren Lippen auf seinen gespürt hatte. Der Drang, jemand anderen in sein Leben zu lassen, hatte er nicht. Es war keine Treue zu Chan, der mit jedem Tag durch den fehlenden Kontaktaustausch immer mehr ein Schatten der Vergangenheit wurde. Vielmehr war es der fehlende Reiz.

Es mangelte Woojin nämlich an nichts. Vielleicht klang es kitschig, aber er hatte Erfüllung an dem Punkt erreicht, an dem er realisiert hatte, dass Balance bedeutete, auch mit Momenten klarzukommen, die unausgeglichen waren.

Minho war besorgt gewesen, gerade als er angefangen hatte, mit Jisung auszugehen. Er wollte seinem besten Freund nicht unter die Nase reiben, jemanden zu haben, während der seine große Liebe vor Jahren verloren hatte.

Woojin hatte jedoch nur abgewunken. ,,Minho, ich habe dich. Das ist wie drei Sechser im Lotto.”

Es gab noch so viel zu entdecken in dieser Welt. Woojin schrieb die schönsten Lieder darüber, geballte Musikrezepte gewürzt mit Lebensphilophie, unterlegt mit Akkorden, die das Herz zum Schmelzen brachten. Ab und an fühlte er sich wie in einem Film und es brachte ihn zum Lachen, gerade wenn er abends auf seinem wirklich kleinen Balkon saß und mit den schlanken Fingern zarte Töne auf den Saiten seiner Gitarre zupfte. Sie ließen ihn manchmal vergessen, dass er seit einer kleinen Ewigkeit nicht mehr mit Chan geschrieben geschweige gesprochen hatte.

Jeder Tag wurde bunter und so viel lebenswerter, dass es Woojin immer leichter fiel, aufzustehen, im starken Kontrast zu einiger Zeit, wo die Trauer ihn regelrecht an die Matratze genagelt hatte.





Heute war ein Treffen bei Changbin angesetzt, da der alle eingeladen hatte, um seine neuesten Tracks zu evaluieren.

Er und Jisung machten noch immer Musik zusammen und hatten ihren ursprünglichen Namen 3Racha umgeändert, weil sie ohne Chan nicht unter den alten Gegebenheiten weitermachen konnten und wollten. Daher hatten sie ihn in 2Basco umgeändert, um den Schmerz mit ein wenig Humor abzustauben.

Woojin war einer der Ersten, die ankamen, was nicht verwunderlich war. Manchmal fragte er sich, ob der Rest überhaupt jemals daran dachte, auf die Uhr zu sehen. Möglicherweise war er auch einfach immer pünktlich, weil seine Woche durch Zeitpläne getaktet war - immerhin musste er irgendwie Studieren, Arbeiten und sonstige Pflichten ausbalancieren.

Ansonsten stand Seungmin oftmals pünktlich auf der Matte außer, wenn er etwa auf Felix oder Hyunjin wartete, weil die sich immer wieder mit der Zeit verschätzten und ihn dann warten ließen.

Changbin hatte wenigstens Snacks für alle vorbereitet, was die frühe Ankunft vertröstete. Lange musste man sich aber zum Glück nicht beschäftigen.

Nach einer lauten und chaotischen Begrüßungseinheit machte es sich die Gruppe auf der Couch bequem, um Changbins Tracks zu lauschen.

Der stand hinter einem Tisch, auf dem sein Laptop stand und spielte nach und nach seine Werke ab. ,,Was haltet ihr davon?”, fragte er schlussendlich.

,,Super”, sagte Hyunjin als Erster, ,,Der erste Track wäre super zum Freestylen.”

,,Ich will aus dem dritten Track ‘nen richtigen Song machen”, mischte sich Jisung ein.

Changbin schmunzelte. ,,Wenn du die Lyrics schreibst?”

,,Gebongt.”

Woojin stimmte es direkt fröhlich, seine Freunde so zu sehen. Selbst nach all der Zeit waren sie eine noch immer miteinander eng verwobene Gruppe. Das Loch, das Chan hinterlassen hatte, hatten sie über die Jahre recht gut geflickt. Nur ab und an platzte die Naht auf, wenn jemand versehentlich auf alte Zeiten zu sprechen kam und der Verlust wieder spürbar wurde.

Changbin setzte nun die Kopfhörer ab und lächelte. ,,Meine Tracks sind übrigens nicht der einzige Grund, wieso ich euch eingeladen habe.”

Die hier Anwesenden horchten auf.

,,Ich weiß, ich hätte euch früher davon erzählen sollen”, zögerte er hinaus und rieb sich die Hände, ,,Aber ich wollte nichts vorwegnehmen, ehe es wirklich sicher ist.”

Verwirrt schauten sich die Freunde gegenseitig an.

,,Allerdings habe ich heute Morgen die Bestätigung erhalten, deswegen wollte ich es euch so schnell wie möglich sagen.” Sein Lächeln wurde immer breiter.

,,Changbin, spuck’s aus”, forderte Seungmin auf, da niemand die Spannung aushalten konnte.

Changbin atmete hörbar durch, wobei seine Hände bebten, ehe er mit glasklarer Stimme verkündete:

,,Es geht um Chan. Er kommt zurück nach Korea.”
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