In Another Time

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Christopher "Woody" Wood Daniel "Dan" Campbell Smith Kyle Jonathan Simmons OC (Own Character) William "Will" Farquarson
23.03.2020
29.03.2020
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Becci reagierte mit einer Mischung aus Erstaunen und Triumph, als ich sie auf dem Rückweg zum Büro anrief und kurz berichtete, was eben passiert war. Immerhin machte sie mir keinen Vorwurf, dass ich das Missverständnis aufgeklärt hatte und meinte stattdessen, ich solle das Ganze einfach als gut gemeintes Lob ansehen.
Der Nachmittag zog sich schleppend dahin und es fiel mir mit jeder Minute schwerer, mich auf die Akten auf meinem Schreibtisch zu konzentrieren. Vor allem aber fiel es mir schwer zu realisieren, was gerade geschehen war. Will war der Bassist der Band – das hatte ich in der Mittagspause schnell gegoogelt. Und dieser Bassist hatte mich gerade angerufen, um mir mitzuteilen, dass die Band sich meinen Song angehört hatte, ihn sogar gut fand und es bedauerte, dass ich nicht mitmachen würde. Jemand außer Becci und meinen Eltern hatte meiner Stimme gelauscht und mich gelobt! Wenn man die paar Wochen in London außer Acht ließ, war es Jahre her, dass ich so etwas das letzte Mal gehört hatte. War es möglich, dass er das tatsächlich ernst gemeint hatte? Und warum dachte ich gerade über die Meinung eines völlig fremden Mannes nach? Über die Meinung einer Band, die für den Song verantwortlich war, der mir Übelkeit bereitete? Es war doch sowieso vorbei: Ich hatte ihm erklärt, dass es ein Missverständnis war! Es lohnte nicht, noch weitere Gedanken daran zu verschwenden! Ich musste mich auf meinen Job konzentrieren und durfte nicht wieder in sinnlose Träumereien zurückfallen!

Doch irgendwie ließ mich der Gedanke an das Telefonat mit Will nicht los. Warum hatte er von einem Zufall gesprochen, als ich ihm erzählt hatte, woher meine Eltern kamen? Als ich zu Hause angekommen war und mir ein schnelles Abendessen gemacht hatte, ließ ich mich mit einer Tasse Tee auf mein Sofa fallen und fuhr meinen Laptop hoch. Ich googelte Bastille und stieß auf viele Bilder der Band. Wenn ich ganz ehrlich war, wirkten die vier Typen, die mich aus den verschiedensten Perspektiven anlächelten, nicht wie arrogante Weltstars, sondern eher wie ein paar verpeilte Jungs, mit denen man gerne mal in den Pub ging und einen lustigen Abend verbrachte. Die Bilder bestätigten, was ich mir schon vorher gedacht hatte: Die vier schienen tatsächlich immer noch Spaß an dem zu haben, was sie taten! Sie wirkten auf der Bühne so euphorisch und energiegeladen, dass ich selbst am liebsten aufgesprungen wäre und mich sofort wieder ans Klavier gesetzt hätte. Auch auf den Bildern mit Fans, die ich hier und da fand, sahen sie nicht verkrampft oder gespielt höflich aus, sondern offen und warmherzig. Aber das waren ja nur ein paar Bilder, die rein gar nichts aussagten und in denen man sich auch wunderbar täuschen konnte… Es war doch sowieso vorbei – warum verschwendete ich immer noch meine Zeit damit?
Ich schob die zweifelnde Stimme in meinem Kopf beiseite und überflog den Wikipedia-Artikel der Band. Je mehr ich las, desto mehr wurde mir klar, mit welchem Ausmaß ich es hier zu tun hatte: Drei Alben, die weltweit regelrecht die Charts gestürmt hatten, zahlreiche Auszeichnungen, Auftritte auf der ganzen Welt und Zusammenarbeit mit Größen wie James Arthur, Marshmello und Lizzo. Diese Tragweite hätte mir eigentlich schon viel eher bewusst sein müssen, schließlich wusste ich ja, wie erfolgreich Pompeii gewesen war und kannte auch bestimmt noch ein paar andere Songs aus dem Radio. Aber trotzdem fiel es mir schwer zu glauben, dass ich vor ein paar Stunden ein so nettes, positives und unbeschwertes Gespräch mit einem Mitglied dieser Band gehabt hatte. Und dann auch noch diese Bemerkung, das was ich machte, sei krass und ich solle so weitermachen…
Über Wikipedia erfuhr ich auch, dass die Band häufig Songs coverte und im ganz eigenen Stil interpretierte und miteinander vermischte. Sie schienen durchaus eine Vorliebe für ältere Songs zu haben, denn unter den gelisteten Coverversionen fanden sich auch ein paar Klassiker aus den 80ern und 90ern. Außerdem traten sie häufiger mit Orchestern auf, hatten sogar schon eine ganze „Orchestrated Tour“ in Großbritannien veranstaltet. Es half einfach nichts: Je weiter ich las, desto schneller wollte ich mir auch musikalisch ein Bild davon machen, mit wem ich es heute Mittag zu tun gehabt hatte.
Ein paar Klicks später stieß ich dann endlich auf die Info, die den „Zufall“ erklärte, von dem Will gesprochen hatte. Alle Bandmitglieder, außer Will selbst, hatten an der University of Leeds studiert. Dan, der Sänger und Songwriter, hatte dort einen Abschluss in Sprache und Literatur gemacht und nebenbei Berichte über Musik und Filme für ein Studentenmagazin geschrieben. Dieser Mann schien wirklich kreativ zu sein! Ich dachte zurück an meine Jugend, an die Zeit, als wir die Familie meiner Mutter alle ein bis zwei Jahre in Leeds besucht hatten. Ich erinnerte mich dunkel, wie ich als Kind mit meinen Eltern im weitläufigen Park von Leeds Castle spazieren gegangen war und die vielen Tiere beobachtet hatte, die dort lebten. Und als ich älter gewesen war, vielleicht 15 oder 16, war ich an diesen schönen Ort zurückgekehrt und hatte das Schloss und die Parkanlagen mit meiner Kamera eingefangen. Eins dieser Fotos von damals hing heute noch über meinem Bett und war eins der ersten Dinge, die ich morgens sah. Der Gedanke an diese Zeit ließ mich wehmütig werden – damals war alles noch so unbeschwert gewesen… Die University of Leeds hatte ich mal von Weitem gesehen, sie aber nie betreten. Eine meiner Cousinen, mit der ich über Facebook losen Kontakt hielt, hatte dort studiert. Es gab also eine Verbindung zu Leeds. Aber gab es auch einen Bezug zu Südafrika?

Ich beschloss, der Frage nicht weiter nachzugehen und etwas mehr über den Sound der Band herauszufinden. Als Erstes wollte ich mir den Song anhören, für den sie Solisten gesucht hatten. Schließlich sollte ich ja wissen, welche Gelegenheit ich verpasst hatte. Another Place war ein Upbeat-Popsong über einen One-Night-Stand – zumindest ließ der Text diesen Schluss zu. Ziemlich catchy, aber für meinen Geschmack auch ziemlich überproduziert. Ehrlich gesagt hatte ich nichts Anderes erwartet. Dans Stimme erkannte ich natürlich sofort wieder. Sie war sowieso sehr markant und hatte sich durch Pompeii fest in mein Hirn eingebrannt. Doch zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass diese Stimme mit diesem Song keinerlei negativen Gefühle in mir auslöste. Ich schaltete nicht weg, sondern hörte bis zum Ende zu und dachte darüber nach, wie schön es doch wäre, aus Another Place eine emotionale Klavierballade mit Streichern zu machen – ohne die nervigen Beats. Vielleicht sollte ich auch Pompeii noch eine zweite Chance geben. Doch allein bei dem Gedanken wurde mir übel.
Stattdessen suchte ich nach Acoustic-Auftritten der Band und stellte fest, dass es davon auch schon einige gab. Das erste Video war die Acoustic-Version eines Songs namens Torn Apart. Schon in den ersten Sekunden war mir klar, dass das die Musik war, die ich suchte. Die Streicher und Gitarren harmonierten perfekt miteinander und das Arrangement, das ruhig begann und sich immer weiter aufbaute, faszinierte mich total. Und dann Dans Stimme… So emotional und einzigartig! Mit geschlossenen Augen saß ich da, lauschte und konnte einfach nicht glauben, was ich da für ein Meisterwerk hörte. Es folgten weitere Acoustic-Versionen - von der ganzen Band vorgetragen, mit zusätzlichen Streichern oder nur Dan allein am Klavier: Warmth, Good Grief, Oblivion, Blame, World Gone Mad. Ich hörte einfach nur zu, ließ die Songs an mir vorüberziehen und genoss jeden einzelnen von ihnen. Diese Kompositionen, die sich zwar am Popschema orientierten, aber trotzdem so einzigartig und abwechslungsreich waren. Diese Texte, die so vielschichtig waren und die verschiedensten Interpretationsmöglichkeiten zuließen. Dieser kritische Blick auf die Welt und die Gesellschaft, mit dem sie mir einfach aus der Seele sprachen. Und diese Stimme, die so viel Gefühl ausstrahlte und einfach perfekt war. Warum hatte ich meinen Erinnerungen bloß immer freien Lauf gelassen und meine Ohren so lange vor dieser Band verschlossen? Und warum hatte ich diese kleine Recherche nicht schon vor zwei Tagen angestellt? Dann wäre mein Telefonat mit Will vielleicht anders verlaufen… Nicht, dass ich auf eine Bühne wollte, aber ich hätte ihm wenigstens sagen können, wie gut mir die Songs mit diesem leichten Hang zur Dramatik gefielen.

Doch der Moment, in dem sich für mich noch einmal alles grundlegend veränderte, kam erst etwas später, als ich bereits eine Dreiviertelstunde in der Musik versunken war und einfach nicht mehr damit aufhören wollte. Mich ließ diese Bemerkung von Will über den Zufall nicht los, sodass ich „Bastille South Africa“ googelte. Es sprang mir sofort ins Auge: Durban Skies. Was? Es gab einen Song von dieser Band über unsere Stadt? Über meine Vergangenheit, über das Leben meiner Eltern? Über den Himmel, den ich vor ein paar Tagen noch auf dem Foto im Wohnzimmer meiner Eltern gesehen hatte? Durch eine kurze Suche fand ich heraus, dass Dans Eltern aus Südafrika kamen und sich dort kennengelernt hatten. Ich atmete ein paarmal tief durch, dann klickte ich den Song an. Und fand mich wenig später als schluchzendes Bündel neben meinem Sofa wieder. Es war einfach so unbeschreiblich schön und passend, dass es dafür gar keine andere Reaktion gab. Die seichte Instrumentierung, die Glocken im Hintergrund… Und vor allem dieser Text. Wie gerne würde ich mit meinen Eltern durch diese Stadt fahren, unter dem Himmel Durbans, und dadurch ihr Leben und mein eigenes besser verstehen und lebendiger werden lassen. War das nicht immer mein größter Traum gewesen? Noch einmal mit meinen Eltern dort hinzufahren und mir von ihnen die Stadt zeigen zu lassen, in der ihre gemeinsame Zeit begann? In der auch für mich alles begann? Und Dan Smith, dieses Genie, hatte meine Gedanken und sehnlichsten Wünsche in diesem wunderschönen Song niedergeschrieben.
Ich hörte den Song bestimmt fünf Mal, bevor ich kommentarlos einen Link an Dad schickte. Ich war mir sicher, er würde genauso emotional reagieren wie ich und wäre enttäuscht, wenn ich ihm erzählte, welche Gelegenheit ich sausen gelassen hatte. Es gab aber für mich keinen Zweifel daran, dass ich meine Gedanken nicht für mich behalten konnte. In einem Strudel aus Wärme und Dankbarkeit rief ich das Foto auf, das Becci mir geschickt hatte. Ohne zu zögern gab ich die dort stehende Mailadresse ein und begann zu tippen.

Hallo,
ich weiß gar nicht, wie ich das hier formulieren soll… Heute Mittag hast du, Will, mich angerufen und mir gesagt, es sei so ein Zufall, dass meine Mutter aus Leeds und mein Vater aus Durban kommt. Ich kenne eure Band wirklich nicht gut – also ich kannte bis vor einer Stunde nur Pompeii und wenn ich ganz ehrlich bin, mochte ich den Song nie besonders. Aber es hat sich einiges geändert, denn ich habe Durban Skies gefunden!
Ich will nicht auf die großen Bühnen dieser Welt. Und deshalb bleibt es auch dabei, dass das alles ein großes Missverständnis war und ich keine Solistin sein möchte. Ich möchte mich bei euch einfach nur für diesen Song bedanken! Ihr habt meine Lebensgeschichte und meine sehnlichsten Träume vertont und mich damit zu Tränen gerührt! Meine Eltern haben sich in Durban kennengelernt und dort geheiratet. Ich wurde dort geboren, kann mich aber nicht mehr an die Stadt erinnern, weil ich mit vier Jahren das letzte Mal da war. Es ist für meine Eltern nicht mehr möglich, dort hinzufliegen, aber ich hatte immer diese Sehnsucht, mit ihnen zusammen noch ein einziges Mal die Stadt zu erkunden und ihre Spuren nachzuvollziehen.
Ich bin einfach nur dankbar – ihr habt den neuen Soundtrack meines Lebens geschaffen!
Liebe Grüße aus Deutschland
Liv

Ich schlief unruhig in dieser Nacht. Der Song ging mir nicht aus dem Kopf und ich konnte einfach nicht fassen, dass jemand das, was ich jahrelang gefühlt hatte, so treffend beschreiben konnte. Jemand, der so verdammt talentiert war, so tiefgehende Texte schrieb, aber gleichzeitig für den einen Song verantwortlich war, der mich an die dunkelsten Zeiten erinnerte. Würden sie die Mail lesen? Würde es Dan freuen, dass es da draußen eine Frau gab, die dieses Gefühl, etwas über die Vergangenheit der Eltern erfahren zu wollen, teilte? Und warum steigerte ich mich so sehr in etwas hinein, das niemals sein würde? Ich würde diesem Menschen nie begegnen. Ich hatte die Chance verpasst und selbst wenn ich den Song im Vorfeld gekannt hätte, hätte ich sie nicht wahrgenommen. Ich war nicht gut, nicht gut genug, und das würde auch so bleiben.
Ich musste doch eingeschlafen sein, denn das Klingeln meines Handys riss mich unsanft aus einem unruhigen Traum. Verwirrt sah ich auf die Uhr. Es war kurz nach halb zwei, tief in der Nacht. Und die Nummer hatte die englische Vorwahl.
„Hallo?“, sagte ich verschlafen.
Schweigen. Dann eine Stimme, zaghaft und schüchtern.
„Hey, sorry, ich weiß, es ist spät… Und ich will dich nicht stören… Hier ist Dan. Dan Smith von Bastille.“