In Another Time

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Christopher "Woody" Wood Daniel "Dan" Campbell Smith Kyle Jonathan Simmons OC (Own Character) William "Will" Farquarson
23.03.2020
23.05.2020
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30.239
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23.05.2020 3.194
 
„So Leute, das war doch ein erfolgreicher Tag!“, rief der Dirigent und strahlte in die Runde. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir heute schon so viel absprechen und proben würden und ich finde, wir können wirklich alle wahnsinnig stolz auf uns sein! Wenn ihr mich fragt, dann wird diese Show der Hammer! Ich freue mich schon total, das Ganze dann in voller Besetzung zu hören!“
Ich hatte den restlichen Nachmittag während der Proben die meiste Zeit einfach dagesessen und fasziniert zugeschaut, wie alles koordiniert wurde und wie sehr sich alle ins Zeug legten. Dan hatte mich noch einmal auf die Bühne geholt und uns wurde erklärt, wie genau wir uns während unseres Songs positionieren sollten. Mir wurden noch einige wertvolle Tipps in Sachen Bühnenpräsenz gegeben und alle hatten mir immer wieder versichert, dass ich bloß nicht zu schüchtern sein sollte und mit Sicherheit eine gute Performance abliefern würde.
„Bevor wir jetzt zum gemütlichen Teil übergehen und diesen Saal wieder den Klassik-Fans überlassen“, fuhr der Dirigent fort, „hat irgendjemand noch Fragen, Wünsche, Kritik?“
Für einen Moment tat sich nichts, doch dann ergriff Corinna das Wort. Ich hatte sie heute Nachmittag oft dabei beobachtet, wie sie Dan mit Blicken förmlich verzehrt hatte und immer wieder versucht hatte, in seine Nähe zu kommen und noch einmal mit ihm proben zu dürfen.
„Können wir vielleicht noch einmal über mein Solo reden?“, fragte sie nun.
„Gerne, aber was gibt es denn da noch zu bereden? Ich finde, das können wir genauso lassen“, antwortete der Dirigent mit seiner unbekümmert freundlichen Art.
„Ich will einen anderen Song“, sagte sie trotzig und erinnerte mich dabei irgendwie an ein kleines Kind, das doch lieber Schoko- und nicht Vanilleeis wollte. „Das ist total unfair! Klar, Liv wurde zuerst ausgewählt, das hab ich mittlerweile verstanden. Aber es kann doch nicht sein, dass sie eine so lange Strophe hat und mein Part nach ein paar Atemzügen schon wieder vorbei ist. Da lässt sich doch bestimmt noch etwas machen, oder? Könnt ihr nicht noch irgendeinen Song einbauen, der meinem Niveau eher entspricht? Ich will nicht der Abschaum sein, während sie sich voll in Szene setzen kann! Und schaut sie euch doch an, sie gehört nicht auf die Bühne!“
Schweigen. Kyle hatte mich ja vorgewarnt, aber ich musste zugeben, dass ihre Worte mich härter trafen als es mir lieb war. „Sie gehört nicht auf die Bühne!“ „Du bist nicht gut, Liv, du bist beschissen!“ Hilflos sah ich mir selbst dabei zu, wie ich mich schon wieder in der Gedankenschleife verfing. Warum gab sie so etwas vor allen anderen von sich? Warum konnte sie nicht mit dem zufrieden sein, was der Manager und die Jungs ihr ermöglicht hatten?
„Ich glaube, da lässt sich leider nichts machen.“ Der Dirigent war der Erste, der sich wieder gefangen hatte und klang nun ungewohnt sachlich. „Also, wie du siehst, ist die Show ja schon von Anfang bis Ende durchgetaktet und alle Soli sind zugeteilt. Es tut mir wirklich leid, aber wenn wir jetzt noch einmal tauschen würden, würde das nur für Verwirrung und Mehraufwand sorgen…“
„Aber es wäre doch kein Mehraufwand, sie gegen mich zu ersetzen. Es wäre für die Show nur ein Gewinn, wenn wir einfach tauschen würden: Sie singt Bad Blood und ich Another Place – ist doch ganz einfach! Und es muss euch doch einleuchten, dass ich besser bin als sie!“
Wie viel Missgunst und fieser Charakter konnte eigentlich in einem Menschen stecken? Merkte sie denn gar nicht, dass sie sich gerade wahnsinnig unbeliebt machte? Und dass sie mir mit ihren Worten einen tiefen Stich versetzte? Wie sollte ich jetzt am besten reagieren? Irgendwelche ungewohnt starken Kräfte in mir wollten auf sie zurennen, sie packen und schütteln, während ein anderer Teil von mir am liebsten weinend aus dem Raum gerannt wäre, weg von hier, weg von dieser Show, in der ich wahrscheinlich sowieso nicht richtig war. Weil ich nicht gut genug war und nicht auf eine Bühne gehörte.
„Jetzt pass mal auf!“ Will meldete sich zu Wort und allein die Tatsache, dass er sich einmischte, überraschte mich. Der scharfe Unterton in seiner sonst so entspannten Stimme überraschte mich jedoch noch um einiges mehr. „Was denkst du eigentlich, wer du bist? Wir wollten mit dieser Aktion jemandem eine Bühne bieten, der es verdient hat, sein Talent mit dieser Welt zu teilen. Wir wollten einen Fan näher kennenlernen, gemeinsame Zeit verbringen, Spaß haben. Aber das, was du gerade abgezogen hast, hat mir sämtliche Freude auf eine weitere Zusammenarbeit genommen. Wie kannst du nur glauben, allein du seist wichtig und hättest das Sagen? Hinter so einer Show steckt verdammt viel Arbeit und man kann nicht mal eben irgendwas umschmeißen! Aber wie du gerade über Liv geredet hast, ist wirklich das Letzte!“
Ich war überwältigt. Will hatte gerade seinen Wochenvorrat an Worten so ziemlich aufgebraucht, um seiner Wut – natürlich eloquent wie immer – Ausdruck zu verleihen und um mich zu verteidigen. Ich sah zuerst zu Corinna hinüber, die immer noch zuckersüß lächelte und dann zu Dan, dessen Blick ich nicht deuten konnte. Was ging wohl in ihm vor? Pflichtete er seinem Band-Kollegen bei oder wollte er den Auftritt mit Corinna um keinen Preis hergeben?
„Meinst du nicht, dass du gerade ein bisschen überreagierst?“, wandte sich Corinna an Will. „Man muss den Tatsachen doch einfach mal ins Auge sehen! Ich will dieses Solo oder wenigstens ein anderes, das meinen Erwartungen gerecht wird – ist das so schwer zu verstehen?“
„Ist es so schwer zu verstehen, dass man andere Leute nicht vor versammelter Mannschaft beleidigt? Das lernt man doch schon im Kindergarten“, mischte Kyle sich ein. „Es tut mir leid, dir das zu sagen… Obwohl, warum sollte mir das eigentlich leid tun – du hast ja auch keine Skrupel, einfach das zu sagen, was du denkst. Aber wenn ich über das Line-Up zu entscheiden hätte, dann würde ich dich nicht länger in der Show behalten!“
„Dann bin ich ja froh, dass du die Entscheidung nicht treffen musst“, entgegnete Corinna, jetzt schon etwas leiser, aber immer noch gefasst und halbwegs lächelnd. Wie konnte man so schlagfertig und so von sich überzeugt sein? Diese Frau war mir ein Rätsel! Ein Rätsel, das die Therapieerfolge der letzten Wochen mit ein paar Sätzen zunichte gemacht hatte.
„Sind die Namen der Solisten schon in der Öffentlichkeit?“, fragte Woody den Manager.
„Nein, das wollten wir Anfang nächster Woche in den sozialen Netzwerken posten.“
„Okay“, sagte Woody, nun an Corinna gewandt. „Dann treffe ich jetzt mal eine Entscheidung. Ich denke, ich spreche im Namen der gesamten Band, wenn ich sage, dass wir wegen deines Verhaltens nicht länger mit dir zusammenarbeiten wollen. Schlimm genug, dass du gegenüber Dan irgendwelche sexuellen Andeutungen gemacht hast. Aber diese Aktion gerade war wirklich unterste Schublade! Ich bin eigentlich der Letzte, der irgendwelche Leute rauswirft oder sich gegenüber Fans so verhält, aber bei deinem Benehmen habe ich wirklich keine andere Wahl! Sorry, aber wenn jetzt niemand Einspruch erhebt, dann bist du nicht länger dabei!“
„Wie bitte?“ Corinnas Augen blitzten. „Ist das dein Ernst? Wie kannst du nur…? Dan, hast du das gehört? Sie wollen mich nicht mehr dabei haben! Unser Song, unser Auftritt… Mensch, jetzt sag doch was!“
„Ja, ich bin nicht taub“, ergriff nun endlich auch Dan das Wort und war dabei auch ungewohnt gefasst. „Meine Kollegen haben ziemlich gut auf den Punkt gebracht, was ich mir gerade denke. So wie du dich verhälst, habe ich wirklich keine Lust mehr auf einen gemeinsamen Auftritt!“
„Aber Dan…“
„Muss ich noch deutlicher werden?“
Nun schwieg sie und zum ersten Mal verzog sich ihr Gesicht. Man sah ihr förmlich an, dass in ihr etwas zerbrochen war, dass ein Traum geplatzt war. Sie versuchte natürlich weiterhin, diese Gefühle wegzulächeln, konnte aber nicht verhindern, dass sich die ein oder andere Träne aus ihren Augen löste, was die anderen unbeteiligt zur Kenntnis nahmen. In mir spalteten sich die Emotionen: Einerseits hatte ich ein schlechtes Gewissen und es tat weh, sie so zu sehen. Andererseits war ich froh, sie in Zukunft nicht mehr sehen zu müssen, wenn die Jungs es jetzt wirklich durchzogen. Und natürlich wäre Dan seine Klette los!
„Moment!“, rief Kyle und alle Augen richteten sich überrascht auf ihn. In Corinnas Gesicht blitzten Hoffnungsschimmer auf. „Ich bin mir gerade doch nicht sicher, ob das die klügste Entscheidung ist. Was, wenn sie zum nächsten Klatschblatt rennt, die Tatsachen verdreht und uns richtig durch den Dreck zieht? Klar, mit Kritik kann ich umgehen, aber eine Rufschädigung wäre schon bitter und ein echter Schlag ins Gesicht für die wahren Fans, die sich nicht so respektlos verhalten! Die fallen doch aus allen Wolken, wenn sie eine unvollständige Version der Geschichte hören und würden glauben, wir würden mit jedem so umgehen!“
„Ganz ehrlich, das würde ich in Kauf nehmen“, entgegnete Dan, woraufhin Corinna leise zu schluchzen begann.
„Nein, das lässt sich regeln“, meinte der Manager und wandte sich an Corinna. „Ich schlage vor, du kommst mit mir mit. Dann wirst du eine Schweigepflicht unterschreiben, damit du zumindest alles Private und Interne, was du heute gesehen hast, für dich behälst. Zu vollumpfänglichem Schweigen können wir dich leider nicht zwingen – Meinungsfreiheit und so. Aber ich schätze mal, die Bastille-Fans oder Stormer sind schlau genug, qualifizierte von unqualifizierten Aussagen zu unterscheiden.“
Die Überraschung stand allen ins Gesicht geschrieben. Der Manager, der sie angeschleppt und so viel Interesse an ihr gezeigt hatte, hatte sich anscheinend umentschieden.
„Aber… Aber das könnt ihr mir doch nicht antun!“ Sie schluchzte nun hemmungslos. „Ihr seid alles für mich! Ich wollte doch nur… Ich… Es tut mir so leid…“
„Ich glaube, dafür ist es zu spät“, sagte Dan leise.
„Dann ist es jetzt wohl leider Zeit zu gehen“, erklärte der Manager und gab ihr ein Zeichen, ihm zu folgen. Anscheinend hatte sie begriffen, dass Widerstand zwecklos war. Sie ließ ihren Blick noch einmal durch die Runde schweifen, funkelte mich böse an und trottete ihm dann, von regelmäßigen Schluchzern geschüttelt, hinterher. Die Stille war drückend. Alle starrten vor sich hin, niemand wollte etwas sagen.
„Ob das die richtige Entscheidung war… Vielleicht waren wir doch ein bisschen gemein zu ihr“, bemerkte Will zweifelnd.
„Nein, das war absolut richtig so“, antwortete Woody sofort. „Wir haben ja schon durchgeknallte Fans erlebt! Aber sowas… Echt unfassbar! Sorry, Liv, es tut mir wirklich leid, dass es soweit kommen musste. Aber nimm dir nichts davon an, was sie gesagt hat!“
„Ist schon okay“, sagte ich leise. In mir tobte immer noch das Gefühlschaos. Ja, ich hatte Dan jetzt quasi wieder für mich alleine, aber war es das, was ich wollte? Der Traum eines Fans war gerade endgültig zerstört worden – konnte ich mich da überhaupt noch über die gemeinsame Zeit mit Dan freuen? Konnte ich ruhigen Gewissens das Duett mit ihm singen? Gehörte ich auf diese Bühne?
„Aber was ist jetzt mit Bad Blood?“, fragte ich zögernd. „Sie hätte das Solo ja wirklich gut gesungen und von daher…“
„Ach, mach dir darum keine Gedanken“, meinte der Dirigent, der die ganze Szene bis jetzt eher unbeteiligt und professionell verfolgt hatte. „Ich werde mich mal im Gospelchor umschauen. Da gibt es einige gute tiefe Frauenstimmen und ich bin mir sicher, dass wir einen Ersatz finden werden. Wo wir das jetzt geklärt haben… Hat noch irgendjemand ein Anliegen oder können wir jetzt in die Kneipe umziehen?“
Kurzes Schweigen, dann hob Dan die Hand.
„Ich weiß, ihr könnt den gemütlichen Teil kaum abwarten, aber da wäre tatsächlich noch eine Sache. Ich glaube, für Liv war das gerade ein ziemlich starker Schock. In den letzten Wochen habe ich ihr so oft gut zureden müssen, damit sie sich endlich auf die Bühne traut! Und es darf nicht sein, dass diese mühevolle Arbeit jetzt womöglich umsonst war. Wie gesagt, ich bin echt kein Therapeut – sonst wär ich jetzt nicht hier. Aber ich glaube, es würde dir ganz gut tun, wenn wir unser Duett noch einmal singen, falls das zeitlich möglich ist…“
Das war es. Und so stand ich an diesem Tag schon das dritte Mal neben Dan auf der Bühne. Vielleicht hatte Corinna ja Recht. Vielleicht gehörte ich nicht hierher. Doch im Moment war mir das egal. Denn auch wenn ich am Anfang wieder etwas unsicher und zweifelnd war, ließ ich mich irgendwann einfach fallen und genoss den Moment.

„Endlich wieder Currywurst!“, rief Woody und machte sich mit großem Appetit über seinen Teller her. „Ach Leute, allein deshalb hat es sich schon gelohnt, diese Show nicht in Frankreich oder Spanien oder sonst wo stattfinden zu lassen!“
Wir saßen in einer Kneipe in der Hamburger Innenstadt alle um einen langen Tisch herum. Links von mir saß Dan, rechts eine Sängerin aus dem Gospelchor, mit der ich bereits ein interessantes Gespräch darüber geführt hatte, was sie mit dem Chor schon alles erlebt hatte. Nach dem „Rausschmiss“ von Corinna war die Stimmung zunächst noch etwas gedämpft gewesen. Man sah den Jungs an, dass ihnen die Entscheidung wirklich nicht leicht gefallen war, weil ihnen viel an den Fans lag und sie nicht als Band dastehen wollten, die mit ihren Fans so umging. Aber Corinnas Verhalten hatte ihnen keine andere Wahl gelassen. Auf dem Weg in die Kneipe hatten die Ersten wieder angefangen, Witze zu reißen und nun saßen wir schon eine ganze Weile hier, lachten und redeten ausgelassen über alles Mögliche. Dan hatte Recht gehabt: Noch einmal mit ihm zu singen hatte mir gut getan. Klar, ganz ignorieren konnte ich Corinnas Worte nicht und sie würden mich mit Sicherheit noch lange begleiten. Aber das Gefühl, gemeinsam mit Dan auf dieser Bühne zu stehen und mit ihm Musik zu machen, war einfach unbeschreiblich und überwog alles, was davor vorgefallen war.
„Jungs, ihr bremst mich aber, wenn ich heute Abend zu tief ins Glas gucke?“, witzelte Kyle gerade. „Wenn ich mir überlege, wo ich die meisten Hangover hatte, ist Deutschland auf jeden Fall auf der Eins! Und wir haben morgen um neun ein Radio-Interview! Um NEUN!! Wie lebensfremd sind die eigentlich?“
„Oh ja! Wisst ihr noch, wie wir mal in Berlin waren und ihr dann völlig verkatert in irgendeine Morning-Show musstet?“, erinnerte sich Charlie und erntete dafür zustimmendes Gelächter.
„Ihr solltet euch mal zusammenreißen“, scherzte die Gospel-Sängerin neben mir. „Zu viel saufen ist absolut nicht gut für Stimme und Kondition!“
„Ja ja, und zu viel Ernsthaftigkeit ist auf Dauer auch schädlich“, lachte Kyle und hob sein drittes oder viertes oder wievieltes auch immer Glas Bier.
„Liv!“ Dan berührte mich kurz an der Schulter und ich wandte mich zu ihm, während die anderen weiterredeten. „Das, was gerade passiert ist, tut mir echt leid! Ich weiß nicht, wie wir das wieder gutmachen sollen! Aber Woody hat Recht: Hör nicht auf sie! Sie hat einfach absolut keine Ahnung!“
„Ach, das ist halb so wild“, entgegnete ich und versuchte den Vorfall herunterzuspielen. „Ich bin einfach froh, jetzt hier zu sein und so viele tolle Menschen kennen gelernt zu haben. Wenn ich ehrlich bin, will ich gar nicht weiter drüber reden.“
„Na ja, wenn du meinst… Vielleicht ist das auch die richtige Einstellung! Ich wollte es nur nicht so stehen lassen! Ich habe das Gefühl, dich nicht ausreichend verteidigt und in Schutz genommen zu haben.“
„Quatsch, du hast alles richtig gemacht“, erwiderte ich beschwichtigend und wechselte das Thema. „Wie sind eigentlich die Pläne für morgen? Ihr habt ja noch ein paar Interviews und Meetings. Aber besteht die Chance, dich morgen noch zu treffen?“
Ich war selbst überrascht über meine Offenheit. Vielleicht hatte auch bei mir das Bier schon Wirkung gezeigt.
„Klar, das wollte ich dir auch noch sagen! Morgen früh sind wir noch ziemlich beschäftigt, aber den Nachmittag und Abend haben wir frei. Die Jungs wollen auf den Weihnachtsmarkt, Glühwein und so. Aber falls du Lust hast, könnten wir auch was zu Zweit machen. Vielleicht ein bisschen Hamburg erkunden, essen gehen oder so – was immer du willst.“
„Gerne“, lächelte ich ihn an und schon wieder wurde mir ganz warm – und diesmal ganz bestimmt nicht vom Alkohol. „Wenn du wirklich auf den Glühwein verzichten willst…“
„Klar, die anderen schaffen das schon ohne mich“, grinste er und wurde durch sein klingelndes Handy unterbrochen. Er zog es aus der Tasche und warf einen schnellen Blick auf das Display. „Sorry, ich muss kurz weg!“
Schon war er aufgesprungen und bahnte sich einen Weg in Richtung Ausgang.
„Ganz der Business-Man“, witzelte Kyle. „Immer auf dem Sprung und lässt sogar die Liebe seines Lebens für einen wichtigen Anruf links liegen.“
Die Liebe seines Lebens? Klar, Kyle war schon angetrunken und redete nur so vor sich hin. Aber was bedeutete ich Dan wirklich? Morgen würde ich versuchen, es herauszufinden. Bei einem Treffen zu Zweit. Der Gedanke machte mich schon jetzt ganz kribbelig.

Als Dan nach fünf Minuten zurückkam, strahlte er wie ein kleines Kind.
„Leute, es gibt News!“, rief er und brachte damit alle Gespräche am Tisch zum Verstummen.
„Na hoffentlich keine bad_news“, murmelte Charlie und ich grinste über das schlechte Wortspiel.
„Ralph hat gerade angerufen! Ich wollte ja immer, dass es in der Show ein Annie Oakley Hanging Revival gibt. Aber das hat er ja immer vehement abgelehnt – ihr kennt die Story! Und plötzlich ruft er mich heute an und sagt, dass er noch mal darüber nachgedacht hat, weil eine gewisse Liv aus Deutschland ihn angerufen und überredet hat…“
Dan grinste bis über beide Ohren und ich hielt die Luft an. Hatte er sich tatsächlich umentschieden? Hatte mein Anruf doch etwas gebracht?
„Moment mal“, schaltete sich der Dirigent mit leicht ironischem Unterton ein. „Du willst mir jetzt, wo das gesamte Line-Up steht und alle Arrangements fertig sind, doch nicht etwa erzählen, dass wir noch einen neuen Song mit ins Programm nehmen? Mensch Dan, das ist ja fast schlimmer als bei eurem letzten Album, als du eine Woche vor der Abgabe gesagt hast, dieser neue Song namens Doom Days müsste unbedingt noch auf die Platte!“
„Sorry Kumpel!“, entgegnete Dan gespielt schuldbewusst. „Aber da müssen wir jetzt wohl durch! Und so kompliziert ist es nicht: Wir nehmen Laura Palmer aus der Setlist und dafür Falling rein! Wir haben uns darauf geeinigt, keinen Annie Oakley Hanging Song zu nehmen, weil Ralph meinte, es sei ja schließlich unsere Show…“
„Oh krass! Dass wir Falling noch mal rauskramen, hätte ich echt nie gedacht!“, rief Will. „Aber ich find´s super!“
Falling? Es dauerte ein bisschen, bis ich mich erinnerte, doch dann fiel es mir wieder ein. Es war eine langsamere und tiefere Version von Laura Palmer, die auf dem ersten Mixtape der Band zu finden war. Die Twin Peaks Titelmusik am Anfang und Ralphs tiefe Stimme hatten mir beim ersten Hören vor ein paar Wochen sofort gefallen. Zusammen mit dem Orchester würde das bestimmt episch werden! Und das alles nur, weil ich meinen Mut zusammengenommen und Ralph angerufen hatte? Wirklich unfassbar!
„Okay, wenn ihr das wirklich wollt, müssen wir uns in den verbleibenden Wochen einfach ein bisschen ranhalten und dann kriegen wir das schon hin“, meinte der Dirigent zuversichtlich. „Für die Fans der ersten Stunde ist es bestimmt toll, so einen alten Song zu hören.“
„Also ich find´s auch gut“, stimmte Kyle zu und hob sein Glas. „Lasst uns darauf trinken! Cheers!“
„Ja, auf Ralph und Dan und euren vielleicht doch nicht letzten gemeinsamen Auftritt!“, rief Woody und prostete in die Runde. „Und auf die deutsche Currywurst!“
„Und auf Liv!“, fügte Dan hinzu und strahlte mich an.
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