Monster

GeschichteFamilie / P12
Lincoln Borrows Michael Scofield
23.03.2020
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„Linc! Liiinc!“Seufzend drückte Lincoln sich das Kissen auf den Kopf, die Augen fest zusammengekniffen. Wenn er nur lange genug so tat, als würde er die Rufe nicht hören, hörten sie vielleicht auf… nicht, dass das bisher jemals geklappt hatte, aber er gab die Hoffnung nicht auf. Er hatte nicht wochenlang mit seiner Mutter darum gekämpft, in das jetzt leerstehende Arbeitszimmer ziehen zu dürfen, nur um gleich wieder alles mit dem Kleinen zu teilen. Er war vierzehn Jahre alt, er brauchte und verdiente Privatsphäre. Leider sahen das manche Familienmitglieder anders.

Nach einer halben Minute Jammern bemerkte Lincoln seinen Fehler: Wenn er Michael hörte, tat es seine Mutter sicher auch.
Als hätte sie auf diese Erkenntnis gewartet, klopfte es an die nur angelehnte Tür. „Lincoln?“ Die Stimme seine Mutter war so leise, dass er sie kaum hörte. Lincoln grummelte etwas Unverständliches.
„Es tut mir leid, mein Liebling. Ich habe versucht, ihn zu beruhigen, aber er...“
„…hat schon wieder Angst vor den Monstern!“, beendete Lincoln entnervt den Satz – nicht sicher, was ihn im Moment mehr aufregte: sein kleiner Babybruder oder die Tatsache, dass seine Mutter ihn „Liebling“ genannt hatte.
„Er hört nicht auf mich, er will dich. Es tut mir leid.“ Tat es wirklich, das spürte er. Unter der Sanftheit ihrer Stimme lag ein Zittern, das Wut bedeutete – Wut nicht auf ihn oder auf Michael, nicht einmal auf ihren Vater, sondern auf sich selbst. Mum fühlte sich schuldig, weil sie ihren ältesten Sohn um Hilfe bitten musste, und so unerträglich Lincoln seine Familie auch fand (nicht immer, aber doch häufig, gerade in dieser Zeit) – er hasste es, dass seine Mutter sich schuldig fühlte. Nichts an der gegenwärtigen Situation war ihre Schuld.
Und schon gar nicht Michaels, dessen Stimme ängstlicher, aber nicht leiser geworden war. Er verdiente etwas Besseres.
Lincoln setzte sich auf und rieb sich die Augen. „Schon okay, Mum. Ich rede mit ihm.“

„Linc!“ Michael sprang auf, ein erleichtertes Lächeln auf den Lippen, das seine Augen noch nicht erreichte. „Es ist wieder da, ich habe es gesehen…“„Es gibt keine Monster, Michael!“ Ohne seinen kleinen Bruder anzusehen, schaltete Lincoln das Licht an und riss Lincoln die Türen des Kleiderschranks auf, so heftig, dass sie gegen Wand und Schreibtisch knallten. „Siehst du? Keine Schatten, keine Bewegung, kein Monster. Es war nie eines da, und es wird auch keines kommen, denn es gibt keine Monster. Geht’s dir jetzt besser?“
Sein verärgerter Tonfall tat ihm sofort leid, als er das Gesicht seines kleinen Bruders zittern sah. Michaels Augen schienen noch größer als sonst, sein Kiefer mahlte heftig – es war offensichtlich, dass er noch Angst hatte, diese aber zurückkämpfte.
Lincoln seufzte. Es war nicht Michaels Schuld, rief er sich noch einmal ins Gedächtnis. Der Kleine war erst vier und hatte gerade miterleben müssen, dass sein Vater ihn verlassen hatte – er verstand es nicht, verstand die Welt noch nicht, und wie sollte er auch?
Lincoln wusste, was passiert war, aber das änderte letztlich auch nicht viel. Er würde es vor niemandem zugeben, aber tief drinnen fühlte er sich genauso hilflos und verängstigt wie Michael.
Er wollte Dad vergessen, ihn einfach aus seinem Herz streichen. Sollte er bleiben, wo der Pfeffer wuchs, wen interessierte es? Ihn interessierten seine Söhne ja auch nicht.
Und wenn er zurückkam, würde Lincoln ihn vielleicht umbringen.

„Linc?“ Wie immer schien Michael es zu merken, wenn sein großer Bruder traurig war. Er rutschte zum Kopfende des Betts, eine Einladung an Lincoln, sich zu setzen. Seufzend folgte der, ahnend, dass er diese Nacht nicht mehr in seinem eigenen Bett schlafen würde.
„Tut mir leid, dass ich dich aufgeweckt habe.“
„Ist schon okay, Michael. Dafür sind große Brüder schließlich da.“ Er legte einen Arm um den Kleinen und spürte, wie er sich entspannte. „Aber wir hatten das Thema schon. Du weißt, dass es keine Monster gibt, du bist schlau genug. Stimmt’s?“
Er schaute seinen Bruder prüfend an, und nach einem kurzen Moment nickte Michael schuldbewusst: „Ja.“
„Gut.“ Warum kannst du dann nicht schlafen wie ein normaler Mensch? Er hielt die Frage zurück. Michael zu einer schnellen Antwort auf logische Fragen zu zwingen, würde ihm nur Angst machen. Und wenn er eines gelernt hatte in den letzten Wochen, dann das: Sich vor der eigenen Familie zu fürchten, war das schlimmste auf der Welt. Angst davor zu haben, nachhause zu kommen – weil er nicht wusste, ob Dad da war.
Ob er high war oder betrunken und seine friedlichen Momente hatte, oder ob er zornig war.
Ob Mum wieder die Bratpfanne versteckt hatte, und ob Dad andere Gegenstände gefunden hatte, mit denen er sie schlagen konnte.
Unwillkürlich zog Lincoln Michael näher zu sich. Ihre Mutter hatte alles getan, um den Schrecken von ihren Söhnen fernzuhalten, aber sie konnte ihre Angst nicht verstecken – auch Michael bemerkte sie.
Angst, die sich in blanke Wut verwandelt hatte, als sein Vater eines Tages nicht sie, sondern Lincoln schlug.

Der blaue Fleck auf seiner Wange war längst verschwunden – wie der Mann, der dafür verantwortlich war. Er konnte ihm nichts mehr tun, der größte Teil von Lincoln wusste das.
Und trotzdem: Als Michael ihm gestand, dass er Angst hatte, obwohl er wusste, dass es keinen Grund dafür gab, verstand Lincoln. Nur zu gut.
„Du musst daran denken, dass es die Angst ist, vor der du Angst hast.“
„Was?“
„Das Monster im Schrank ist deine eigene Angst. Kein böses Tier mit Hörnern oder Flügeln oder…“
„Oder einem Drachenschwanz!“, rief Michael, jetzt mehr begeistert als ängstlich.
„Oder einem Drachenschwanz, genau.“ Lincoln unterdrückte ein Gähnen. „Nichts davon. Da drin steckt nur deine Angst. Sie hält dich davon ab, klar zu denken. Oder zu schlafen. Weißt du, eigentlich solltest du froh darüber sein, dass sie dort im Schrank sitzt. So ist sie weit weg von dir und kann dir nichts anhaben.“ Eine sehr dünne Logik, aber mehr brachte er nicht zusammen, und sie wirkte: Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens lächelte Michael.
„Alles klar?“
Der Kleine nickte eifrig.
„Kann ich dann schlafen gehen?“ Er schubste seinen Bruder leicht, sodass dieser zurück ins Bett fiel, und deckte ihn zu. „Weißt du, manche von uns müssen morgen in die Schule!“ Wo es andere Monster gab – aber die waren seine Sache.
„Danke, Linc!“
„Kein Problem, Kleiner.“ Gähnend wandte er sich zur  Tür, wo er seine Mutter stehen sah. Sie lächelte stolz. Lincoln drehte sich um. „Michael? Ich bin immer für dich da, das weißt du.“
Die Antwort war ein leises Schnarchen. Grinsend drehte er Lincoln sich wieder zu seiner Mutter um.
„Danke“, flüsterte sie. „Du bist ein wunderbarer Bruder. Und ein wunderbarer Sohn. Jetzt geh schlafen.“ Sie legte ihm kurz eine Hand auf den Arm, und Lincoln erschrak. War er so kräftig geworden oder sie so dünn? Er schaute ihr ins Gesicht und sah Falten, die ihm unbekannt schienen, aber nach einem Moment schob seine Mutter ihn zu seinem Zimmer. „Manche von uns müssen morgen in die Schule, habe ich gehört.“ Schnell drehte sie sich um, zerbrechlich im Mondlicht.
Mit einem Gefühl, das er nicht genau benennen konnte – Sorge, Angst, und noch etwas Schlimmeres, etwas Größeres, als wäre da vor ihm ein Abgrund, den er noch nicht sehen konnte und in den er fallen würde –, schaute Lincoln ihr nach.

Er erinnerte sich an das Gefühl, als er sechs Monate später im Wohnzimmer der Donovans saß und sich fast so fest an Veronicas Hand klammerte wie Michael an seine, seit Mum zusammengebrochen und ins Krankenhaus gebracht worden war. Er erinnerte sich an das Gefühl, als sie drei Wochen später beerdigt wurde.
Lincoln schwor sich, dieses Gefühl nie wieder zu ignorieren.

Er hielt sich an sein Versprechen in den nächsten Jahren, während er versuchte, seinem kleinen Bruder das Leben zu bereiten, das er verdient hatte. Es mochte nicht immer so aussehen, aber hatte einen Plan. Er wusste, wie weit er gehen konnte und musste, um die Welt aufrechtzuerhalten – für Michael, für Lisa, selbst wenn sie ihn hasste, für LJ  - Lincoln würde niemals so werden wie sein eigener Vater, das war das zweite Versprechen an sich selbst.  Und er hielt sich an sein Versprechen – bis zu jener Nacht, als man ihn in eine Garage schickte, um einen toten Mann umzubringen.
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