The color of your eyes

KurzgeschichteAngst / P12
23.03.2020
23.03.2020
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Huhu^^
Da ich mitten in den Abiprüfungen stecke, komme ich leider nicht dazu an meinen "größeren" Projekten aka Multichapter Geschichten weiterzuschreiben. Stattdessen ist mir aber komischerweise das aufs Papier gerollt und zugegebenermaßen... mag ich es sogar :D
Ich hoffe, dir gefällt es auch! ^^

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Braun ist eine schmutzige Farbe.
Es ist die Farbe des Drecks unter den Schuhen der Leute, der Katzenscheiße in den verwinkelsten Hinterhöfen und der Erde an den dreckigen Fingern der Armen. Man kann sie am Rost des alten Blechs der Dächer von Suribachi City und dem Eisen unzähliger Gullideckel auf dem Boden des Slums entdecken.
Braun ist eine undankbare, langweilige, hässliche Farbe, auf die Chuuya gut hätte verzichten können. Und doch war es die einzige und damit unvermeidlicherweise die schönste Farbe, die seine Augen zu sehen imstande waren. Alles andere war weiß, hellgrau, schiefergrau, anthrazit, schwarz.
Er hätte genauso gut in einer monochromen Welt leben können. Selbst wenn es für immer sein sollte, denn er glaubte nicht daran, dass jemand wie er jemals seine zweite Hälfte würde finden können. Ganz zu schweigen davon, dass er überhaupt eine besitzen könnte. Er fühlte sich doch selbst schon mehr als genug, vollgestopft bis oben hin mit Zorn, Frust und Verzweiflung, die ihm alle drei sowieso jeden freundlichen Kontakt zu anderen Menschen verwehrten.
Chuuya Nakahara war ein Einzelgänger, ein Niemand, ein Jäger, ein Teufel, der den noch ärmeren Teufeln das Geld aus den Taschen zog, was er zum nackten Überleben benötigte.
Oder eben reichen Säcken wie jenen, die in ihren maßgeschneiderten Anzügen über Shibuya Crossing schritten und bedenkenlos die weiß bis schwarz glitzernden Rolexuhren an ihren Handgelenken aufblitzen ließen. Es war beinahe zu einfach sie ihnen lautlos mit geübtem Fingerspitzengefühl vom Gelenk zu streifen, in der Menge zu verschwinden und sie auf dem Schwarzmarkt zu verschachern. Jedes Kind aus Suribachi kannte den Mechanismus jeder einzelnen Uhr, die über diese fünf Zebrastreifen hinwegflog und jedes einzelne besaß den berühmten siebten Sinn, der Chuuya scheinbar fehlte.
Er stellte dies fest, als sich wider erwarten eine Hand um sein diebisches Gelenk schloss und ihn zum abrupten Stehenbleiben veranlasste. Und wäre sein Diebesgut nicht bereits in diesem Moment vor Schreck aus seiner Hand gefallen, so wäre es doch spätestens dann passiert, als er den Blick hob und geradewegs in ein Paar Augen vom reinsten, dunkelsten und klebrigsten Braun blickte, das er je zu Gesicht bekommen hatte. Er blieb an ihnen Hängen wie an flüssigem Bernstein. Sein Fluchtinstinkt setzte aus. Sein Herz ebenfalls.
Das konnte nicht sein. Chuuya blinzelte einmal, zweimal, zehnmal, doch er konnte es immer noch sehen.
Braun.
Deshalb sah er Braun.
Es hieß, dass die Augen das Tor zur Seele seien und dass ihre Farbe einem den Weg zu seinem Seelenverwandten wies.
Aber warum hatte er dann das Gefühl geradewegs ins Tor zur Hölle zu blicken?
Ach ja, richtig. Weil er den Namen dieses unbekannten Mannes kannte. Weil ganz Yokohama, Tokio, Japan und die Welt ihn kannte: Dazai Osamu. Der gefürchtete, skrupellose Boss der Port Mafia.
Chuuya schluckte schwer und die winzig kleine Regung schien auch sein Gegenüber aus seinem Bann zu reißen.

"You... boy, which color are my eyes?"

fragte ihn Dazai Osamu und seine Stimme jagte mit jedem Wort einen Schauer über Chuuyas Rücken. Es war ein Wunder, dass seine Stimme nicht zitterte, als er rasch entgegnete:

"I wouldn't know, Sir. I'm sorry, Sir."

"Right...
Das hätte ich mir denken sollen...
Seems like I mistook you for another person."

Er ließ ihn los und Chuuya nickte bloß, angestrengt kein Wort über seine Lippen zu lassen, welches dem Braunäugigen verraten könnte, dass er trotz seiner ausländischen Züge Japanisch verstand.
Besser, dieser Mann hielt ihn für einen gestrandeten Touristen und vergaß ihn so schnell wie möglich wieder. Denn wenn Chuuya die Wahl zwischen der Möglichkeit hätte, seinen Seelenverwandten in den Augen Dazai Osamus zu erblicken oder seine zweite Hälfte niemals auch nur anzutreffen, er würde sich für letzteres entscheiden. Genauso wie er sich in diesem Moment dafür entschied endlich die Beine in die Hand zu nehmen und zu rennen, anstatt seiner Neugier nachzugeben und sich mit der Frage, welche Farbe seine eigenen Augen wohl hatten, doch noch zu verraten.
Als er sich jedoch weiter über den schwarzweißen Zebrastreifen schob und sah, wie die grüne Fußgängerampel auf Orange wechselte, als er den sicheren Bürgersteig erreichte, dämmerte es ihm. Er drehte sich auf dem Absatz um und sah zurück zur anderen Seite der Straße, wo Dazai stand und ihm immer noch nachschaute.
Natürlich wusste dieser Mann, dass er gelogen hatte. Genauso wie er wusste, welche Farbe Chuuyas Augen hatten und genauso wie sie beide wussten, dass die jeweilig gegenüberliegende Ampel gerade Rot anzeigte. Und am allerwichtigsten: Warum sie das plötzlich beide taten.

Es knackte heftig auf der Straße zwischen ihnen beiden, als ein gelber Lastwagen die Armbanduhr des Bosses der Port Mafia unter dem Gewicht seines Reifens zerschmetterte.

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Als der Lastwagen vorüber war, war der Junge mit dem feuerroten Haar und den ozeanblauen Augen bereits verschwunden. Dazai blieb trotzdem eine ganze Weile an ein und demselben Punkt stehen, völlig überrumpelt von den vielen neuen Eindrücken, die sein Gehirn zu verarbeiten hatte.
Er hatte Blau schon immer für recht hübsch gehalten. Nicht umsonst hatten sowohl Meer, als auch Himmel diese Farbe inne. Aber mit DIESEM Blau hatte er nicht gerechnet. So weit hatte seine Vorstellungskraft einfach nicht gereicht. Er fühlte sich von diesem einzelnen Sinneseindruck stärker aus der Bahn geworfen, als von allen anderen, ganz neu erfahrbaren Pigmenten zusammen.

Erst eine verjährte runzlige Hand, die ihn am Kragen packte und vom Rand des Bürgersteigs wegzog, wo ihm der Verkehr nicht einmal 30 Zentimeter vor der Nase vorbeiraste, riss ihn aus seiner Trance.

"Alles okay, Boss?"

Dazai wandte sich ab, steckte seine Hände in die Taschen seiner Anzugshose und nahm seinen ursprünglichen Weg wieder auf.
Armer Junge, ausgerechnet ihn als Seelenpartner zu haben, dachte er sich.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis selbst sein nun erweitertes Sehspektrum ihn zu Tode langweilen würde. Und das würde der Zeitpunkt sein, an dem das Schicksal den kleinen Rothaar einholen würde. Denn die Mafia vergaß nie. Ganz besonders nicht, wenn sie etwas haben wollte. Und das wollte sie. Dazai Osamu begehrte diese blauen Augen bereits jetzt.
Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen.
Genauso hatte er auch seinen Lieblingsrevolver gefunden. Im Waffengurt eines sterbenden Mannes. Der Teint seiner leichenblassen Haut und die Farbe seiner besorgten, bittenden Augen verblassten allmählich in Dazais Erinnerung. Gelinde gesagt missfiel ihm dies. Hätte der Tote ihn gefragt, hätte er vielleicht sogar zugegeben, dass es ihn quälte.
Aber diesmal würde er es besser machen. Diesmal würde er sich für das richtige Andenken entscheiden. Denn er hatte keine Angst mehr vor der Qual sich zu deutlich zu erinnern. Er hatte Angst vor dem Sich-nicht-erinnern, vor dem Vergessen, vor der Leere, die bereits in seiner Brust Einzug gefunden hatte.
Er würde es sich holen. Das Blau. Vielleicht würde er es als Amulett um den Hals tragen.

"Boss?"

"Ja, keine Sorge, Hirotsu-san. Nur ein wenig Kopfschmerzen. Aber hast du den jungen Mann eben gesehen?"

Dazai hob die Hand, um dem Älteren sein blankes Handgelenk zu zeigen.

"Er hat mich gerade um 120.000.000 Yen erleichtert. Findet ihn."

"Aber mit Verlaub, Boss, bei unserer wartenden Lieferung geht es um das Zehnfache."

"Ist mir egal! Findet ihn oder sammelt jedes einzelne Glied meiner verdammten Uhr wieder auf! Mit einer Pinzette!"

Hirotsus Blick glitt über die Kreuzung hinter ihnen, die er vollkommen hätte abriegeln müssen, um den zweiten Befehl erfolgreich ausführen zu können. Und er war alt, sich bücken nicht besonders seine größte Stärke. Dem Bengel jedoch konnte er einfach nachstellen lassen. Als er sich entschieden hatte, war sein Boss bereits mit den Schatten verschmolzen und auf dem Weg zu ihrem nächsten Deal. Vollkommen überzeugt davon, dass er den Rotschopf bis zum Abend Blut spuckend auf seinem Parkett knien haben würde.
Und so war es auch.

Das nächste Mal, das sie sich wieder sahen, befand sich Dazais Hand in einem Schopf aus Flammen. Doch er verbrannte sich weder an dem feurigen Rot, noch an dem stechenden Blick, der ihm begegnete. Obwohl es ihm schien, als wäre es der erste Blick, der ihn wirklich zu durchdringen wusste. Aber nein, es war Chuuya, der sich verbrannt hatte. Und zwar an der Freiheit, denn Dazai war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er diesen temperamentvollen Blick verewigt um den Hals tragen, oder doch lieber an der Leine führen wollte.
Ein Haustier war zu mehr gut, als bloß hübsch auszusehen.
Ein Grinsen zierte die Lippen des Bosses der Port Mafia.
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