Stirb und Werde

von Minnesota
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16 Slash
Dr. Hannibal Lecter Will Graham
22.03.2020
09.04.2020
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S t i r b  u n d  W e r d e

Teil I

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„Sprich zum Leben so:
Verlier ich dich, so geb ich hin, was nur ein Narr festhielte.“
William Shakespeare


Das Meer war ihnen gefolgt.
Mit großer, rauschender Rührung eilten die weißen, schaumigen Wogen der bewegten, opalblauen Legion gen Küste, brachen, zogen ab, zurück und weiter fort – auf ewig dazu verdammt, sich dem Strudel der Gezeiten zu unterwerfen und an der einzigen Grenze zu bersten, die ihnen vorherbestimmt war…Weiß, flaumig und aufgepeitscht wie wollige, behütete Lämmerherden, die vom Lied des Hirtenjungen nach Hause gelockt werden. Er hörte die Herde blöken. Er sah sie mit zitternden Hufen und sabbernden Lefzen im Blut der Bande stehen, hörte das Schlachtermesser seufzen, stoßen, zurren und teilen, während die wachen Augen der lebenden Jungtiere das Ende mit menschlichem Urteilsvermögen vorausschauten. In der aufgeblähten Brandung schwebte das satte Rot all ihrer Lebenssäfte. Er konnte es sehen, riechen, bestaunen und davor zurückweichen. Die azurblauen Iriden seiner verdunkelten Augen warfen das Elend der blökenden Schar stumm zurück, ließen die alte Ordnung brechen, versinken und seine eigene Bestimmung in den Tiefen der See ersaufen, dort, wo er hätte sterben sollen…doch stattdessen war er dem Ruf des Hirten gefolgt. Er fühlte, wie sein Trachten, seine Bemühungen und das leise Schaudern in seinen Gliedern nahe an Narrheit streiften, wie seine Gedanken zerstreuten und sein angeschlagener Verstand das dämmrige Bewusstsein mit verschwommenen, einander abstoßenden Bildern infiltrierte, die jene Zukunft zeichneten, vor der er eigentlich hatte fliehen wollen. Und das Meer folgte ihm.
„Das Wasser schwebt, obwohl es schwer zu tragen hat.“
Ganz im Anblick der beißenden Fluten verloren, schwappte die herbe, durchdringende Stimme über die Ränder seines Geistes und flutete seinen bewegungslosen, unterkühlten Körper, der sich in der törichten Zuversicht, vielleicht doch sterben zu dürfen, dem kalten Gewoge verräterisch langsam entgegen wölbte, bis das helle, seifige, blutdurchzogene Gewühl über seine nackten Füße spülte. Die Lämmer blökten unverwandt. Und er folgte dem Hirten.
„Sagen Sie mir, Will, woran haben Sie schwer zu tragen?“
Der Unmut seiner enttäuschten Hoffnung war ganz wunderbar klar, nahezu übergewichtig wirklich, unbeschränkt und greifbar – wie die warme Hand, die den Weg auf seine Schulter fand. Das unwidersprochene Selbstverständnis, das in dieser simplen Berührung ankerte, ließ ihn hastig Atem holen. Durch seine ernsten Züge ging ein seichtes Lächeln, doch er spürte es kaum. Die Sehnsucht trieb ihn hinaus, einen zögerlichen Schritt voran, immer der Seele nach, die so tief im Zerwürfnis lag.
„Sie setzen sich als einen Gegenstand in Ihr Ringen um Vernunft, Will – wie eine leere, beeiferte Hülle, die sich als Schlachtvieh in das Kesseltreiben ihrer eigenen Urkraft schickt.“
Seine Augen tauchten in die tiefe, furchtbare Gewalt des aufbrausenden Gewässers, das ihm plötzlich eigenartig leise erschien, obwohl es peitschte, plätscherte und in zügiger Strenge summte. Die ungesuchten, aber eindringlichen Fragen drängten hinter seinen Lippen zurück, als sich die hohe, ruhende Gestalt, die ihn unweigerlich an die verblichene Eleganz längst vergangener Jahrhunderte erinnerte, vor das nachtblaue, tosende Panorama schob. Was zuvor in der Ferne gelegen hatte, war plötzlich ganz nahe.
„Will, sehen Sie mich an!“
Als sähe er ihn zum ersten Mal, bewunderte er jäh die Harmonie in Bewegung, Miene und Stimme dieser eigenartig überirdischen Präsenz, die von einem geheimnisvollen Zauber umwölkt schien. Die feststehenden, topasfarbigen Höfe, die ihn in ganzer Spanne umfassten, ruhten prüfend auf seinem entblößten Gesicht, das sich ihm nun in ganzer Aufmerksamkeit zuwandte. Er schmeckte Salz auf seinen trockenen Lippen.
„Will!“
„Hannibal“, war alles, was er hervorbringen konnte, als die flackernden, tanzenden Zirkel dieser inständigen Augen sein Bewusstsein mit der Gegenwart verflochten, die eine unsichtbare, kaum fühlbare Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft spann. Er spürte die warme, fordernde Hand, die von seiner Schulter zu seinem Nacken wanderte, verzurrte und wie ihn eine sanfte, aber entschiedene Bewegung in absoluten Augenkontakt zwang. Er fühlte ihn, er fühlte sich in ihm, er fühlte sich durch ihn hindurch. „Wo bin ich?“, fragte er träge.
„Sie sind zu Hause. Sie sind bei mir.“
Die unbefangene, dennoch ungesuchte Überzeugung, die in diesen Worten lag, ließ ihn einen Augenblick vergessen, dass die Sicherheit, die ihm angeboten wurde, eine endlose Fehde zweier Naturgewalten war: Leben und Tod.  
„Sie sind im Schlaf umhergegangen.“
„Nicht im Schlaf, Hannibal.“ Die Maske, in die er zu blicken genötigt war, bewegte sich kaum merklich. Unter dem besonderen Schutz dieses marmornen Profils, das den Geist eines Gelehrten, Arztes, Mörders und Freundes beherbergte, zerteilte sein Verstand. Es war unerträglich.
„Lockt das wütende Meer mit Versprechungen, die es doch nicht einhalten kann?“
Er nickte nur, langsam, zurückhaltend, befremdend verlegen.
„Es hat seine Schuldigkeit getan.“
„Wir leben noch“, brachte er mit bitterer, trockener Stimme hervor.
„Wer Sie waren, Will, ist in den Fluten ertrunken. Sie haben das alte Ich zu Wasser getragen. Nun, da Sie frei sind, können Sie zu voller Größe erblühen.“
„Ich bin nicht frei, Hannibal.“ Er spürte, wie der fremde Körper näher kam, wie die breite Brust gegen seine stieß, roch den süßlich heißen Atem, der auf seiner Stirn verglomm und das zarte Bouquet dieser herben, eindringlichen Komposition, die ihm mittlerweile so vertraut war, dass es tatsächlich wie Heimat anmutete, das schwere Wesen dieses veredelten Arrangements zu inhalieren, ihn zu inhalieren, zu riechen, zu sehen und seine Stimme zu hören. Hannibal war Heimat geworden. Jenes unausgesprochene, unabweisliche Faktum ließ das Blut in seinen Venen etwas schneller zirkulieren, als es ihm angenehm war.
„Sie halten sich an der kurzen Leine. Erlauben Sie sich etwas mehr Bewegungsfreiheit.“
Er sah ihn lange an, direkt und unerschrocken. „Sie sind es, der die Leine hält, Dr. Lecter“, sagte er dann, zog sich von ihm ab, drehte um und lief gemächlich davon. Meer, Wald, Berge und Dunkelheit flankierten ihn. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Hannibal ihm folgte.
Die ungezähmten Kronen und Stämme alter, dichter Hemlocktannen, Fichten und Lärchen drängten um das unebene, steinige Plateau, auf dem das herrschaftliche Domizil ruhte, das sie seit einigen Tagen bewohnten. Das imposante Blockhaus ruhte in anspruchsloser Anmut in der kanadischen Wildnis des British Columbia, als wäre es ein Ertrag der natürlichen Genese. Die massige Hütte erstrahlte in der falben, seichten Illumination des brennenden Kamins, der die holzpfostengetragene Gewölbedecke des offenen Wohnbereichs mit tanzenden Schemen zierte. Die trockene, rauchige Wärme des offenen Feuers hatte die Schieferbodenplatten erwärmt. Das Zentrum, der weite, hohe Raum, war von großen Panoramafenstern eingefasst, die einen freien Blick in die idyllische Landschaft der unberührten Natur Kanadas ermöglichten. Neben der modernen, geräumigen Küche verfügte das Haus außerdem über drei Schlafzimmer, zwei Bäder und eine umfangreiche Bibliothek, die vom Erdgeschoss bis in das erste Obergeschoss reichte. Auf dem weitläufigen Grundstück, hinter der überdachten Terrasse, lag ein wilder Forellenteich, dessen schmaler Zulauf direkt im Meeresarm des Queen Charlotte Sound mündete. Das leise Prasseln des Flusses war manchmal alles, was man dort draußen hörte.
Will Graham konnte nicht umhin, die Kulisse, vor der er um die Erhaltung seiner Menschlichkeit kämpfte, aufrichtig zu bestaunen. Fernab jeder Zivilisation, in roher, entvölkerter Natur, entdeckte er, trotz aller Zweifel, einen Funken seines Selbst, den er bereits für erloschen, verflogen, gar vernichtet gehalten hatte. Mittlerweile war er davon überzeugt, dass Hannibal diesen Ort nicht grundlos ausgesucht hatte. Das Haus und die Umgebung vereinheitlichten in rätselhafter, harmonischer Symbiose die persönlichen Vorlieben ihrer ungefärbten Wesensarten, als bestünde die gegenwärtige Welt aus Spiegelflächen, die ihr Inneres nach außen kehrten. Vielleicht, überlegte Will, als er das Haus betrat, konnte er dort wirklich heilen, seine Wunden lecken, sich konstruieren oder ausmerzen und aufbrechen, was überlebt hatte. Zusammensetzen oder neu entwerfen? Er war sich nicht sicher. Immerhin hatte er zu keiner Zeit die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass Hannibal und er den Sturz von der Klippe tatsächlich überleben würden. Diese Alternative hatte sich ihm erst offenbart, als er seine salzverkrusteten Augen geöffnet, Luft errungen und das tropfende Antlitz der mächtigen Statue erblinzelt hatte, die, über ihn gebeugt, sorgsam seine Atemzüge überwacht hatte. Er erinnerte sich noch an den Ausdruck in diesen wachsamen, alleserfassenden Augen, die ihm einen Moment eigenartig ratlos, fragil, nahezu menschlich erschienen waren, bevor sie allmählich die Kontenance zurückerlangt hatten, die alle kostbaren Gemächer jenes gewaltigen Gedächtnispalastes, der dahinter verborgen lag, vor aller Welt verschloss. Aber Will hatte genug gesehen, genug gelesen, erkannt und erfühlt, um keinen Moment zu zögern, als Hannibal seine Hand nach ihm ausgestreckt, ihn auf die Beine gezogen und so vorsichtig in seine Arme geschlossen hatte, als wäre er wahrhaftig eine zerbrechliche, ungeschützte und neugeborene Kreatur seines väterlichen Schoßes. Und er war ihm gefolgt, freiwillig, mit aller Konsequenz. Am Ende, schlussfolgerte er nüchtern, ganz bei sich, konnte er niemand anderen für sein Handeln verantwortlich machen, als sich selbst.
„Hier draußen wird uns niemand finden“, murmelte er, noch ganz in Gedanken, als er hörte, wie Hannibal den mollig warmen, geräumigen Salon betrat. Er bewegte sich leise, sehr aufrecht und überirdisch gewandt. Die Passivität, mit der er Will in den letzten Tagen umgarnt hatte, erinnerte den jüngeren Mann an die lauernde, abwägende Wache eines alten, raubtierhaften Jägers, der die auserkorene, begehrte Beute mit funkelnden, verheißungsvollen und sonderbar schönen Beigaben zu locken gedachte, um sie ganz in Besitz zu nehmen, von ihr zu kosten, sich von ihr zu nähren, sie sich einzuverleiben, zu wandeln und zu verändern.
„Sie werden uns nicht suchen“, entgegnete Hannibal schließlich, setzte sich an den offenen Kamin, überkreuzte die Beine und legte eine Hand an die entspannte, stark durchblutete Kontur seiner geduldigen Lippen. „Wir wurden offiziell für tot erklärt.“
„Offiziell“, spottete Will. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen seiner schwarzen, für seinen Geschmack etwas zu engen, schmalen Jeans und schlenderte barfüßig, mit gedämpften Sohlentritten zum Fenster. „Ich bezweifle, dass Jack jemals aufhören wird, nach Ihnen oder mir zu suchen. Er verlangt Gewissheit. Der lückenhafte, verfälschte Bericht einer zweitklassigen Reporterin reicht nicht aus, um ihn zu überzeugen.“ Seine unruhigen Augen wanderten in die Ferne, verloren sich in der baren, tiefschwarzen Dunkelheit, die das Anwesen umfächerte und zogen dann zurück zu der undeutlichen, schattenhaften Spiegelung des Doktors, dessen graziöser, beständiger Umriss vom Fensterglas zurückgeworfen wurde. Er erfasste mit wachsendem Interesse, wie Hannibal mit einer flinken, übergangslosen Bewegung die obersten Knöpfe seines bordeauxfarbenen Hemdes öffnete, die Ärmel überschlug, aufrollte und damit seine festen, muskeldurchzogenen Unterarme freilegte, und bemerkte nebenbei, dass die gelassene, über alles erhabene Natürlichkeit, mit der er diese banalen Handschläge vollführte, die würdevolle Feinheit von Manier, Haltung und Eleganz trug, die ihn in den allesumfassenden Nimbus gottähnlicher Unfehlbarkeit hüllten.
„Will?“
Die tiefe, angenehme Stimme holte ihn aus seinen flatterhaften, befremdlichen, fortreißenden Gedanken und ließ ihn verwirrt herumfahren. „Wie bitte?“, fragte er mit belegter Stimme.
„Ich habe Sie gefragt, ob Sie Jack die Auflösung gewähren möchten, die Sie ihm seit jeher zusprachen.“
Will lächelte humorlos, fing Hannibals Blick, penetrierte und sah jäh weit über sich hinaus. „Die eigentliche Frage lautet doch, Hannibal, ob ich Sie verlassen werde, um in mein altes Leben zurückzukehren.“
„Nun, ist es das, was Ihnen vorschwebt?“ Hannibals fleischige Zungenspitze fand den Weg auf seine geöffneten Lippen, streichelte, benetzte, verweilte einen Moment und verschwand, noch ehe der Doktor seine Gedankengänge mit faltenloser, reservierter Stimme vertonte. „Wollen Sie zurück? Zurück zu Jack, Alana, zurück in den Hörsaal des FBI oder dem monotonen, berechenbaren Zirpen der Bootsmotoren...zurück zu Ihrer Frau?“
„Dieses Zurück, von dem Sie sprechen, gibt es nicht mehr.“ Sein Herz erwachte wie ein Wolf, als Hannibal federartig hochkam und, ohne ihn aus den Augen zu lassen, einen langsamen, bedrohlich engen Kreis um seine bewegungslose Achse schlug. Die begrenzten Einfassungen seines Sichtfeldes verschwommen, zogen zusammen, verdunkelten und rückten schließlich ab. „Sie haben bekommen, was Sie wollten“, fügte er heiser hinzu. „Der Drache ist tot, Jacks Reputation ist unwiderruflich beschädigt und –“
„Sie“, vervollständigte Dr. Lecter, „sind bei mir. Hier, auf der anderen Seite.“
Will hörte sein unnachgiebiges Herz in der wortlosen Stille schlagen. Die magische, allgewaltige Aura des Doktors durchdrang ihn plötzlich stärker, als er hinter ihm, in ausgesprochen schmaler Distanz, stehen blieb. Aus seinen Gedanken floss in irren, schwächer werdenden Seufzern das Leben fort.
„Sie haben tief und wild einatmend das Leben gekostet, das Sie genommen haben, langten in lauter Blut und Energie, als Sie das Messer durch den sich windenden Leib zogen und staunten, wie leichtfüßig und still der Tod über ihre Seele tanzte, während der Drache sich zu Ihren Füßen ergoss.“
Der warme, flüsternde Atem brach sich an seinem blanken Nacken und jagte eine beißende, anschwellende Vibration durch seine starren Glieder, die bis an seine nackten Knochen stieß. Er stolperte in einen übereilten Schritt, sprang förmlich zur Seite und brachte größtmöglichen Raum zwischen sich und Hannibal. „Der Tod triumphiert über das Leben. Das unabweisbare Ende, der Hohlspiegel aller Existenzen, ist in sich selbst sinnvoll. Ist es nicht so?“ Die Worte schmeckten aufreizend scharf in seinem ausgedörrten Mund. Er schluckte hart.
„Nicht der Mörder, sondern das Opfer rechtfertigt den Mord, Will.“
Hannibals Augen lasteten schwer auf seinem Gesicht. Seine Miene war undurchdringlich, fast starr, ehe sein Blick mit unsichtbarem Zug den Weg nachzeichnete, den Will kurz zuvor so überstürzt zurückgelegt hatte. Er lächelte knapp, nickte es gelassen ab und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Das Leben offenbart sich in der Nähe zum Tod. Die Miene des Sterbenden, Will, ist der einer Gebärenden nicht unähnlich.“
„Was haben Sie in meiner Miene gelesen, als der Drache starb?“
„Lust.“
Das stolze Gesicht, in das Will blickte, zeigte bei diesem Wort einen Ausdruck verschwenderisch üppiger, herausfordernder Genugtuung, die sich ganz offen in der entspannten Mimik des älteren Mannes ausbreitete. Die wachsenden, schwarzen Aureolen seiner Augen stießen bald in voller Größe an den Saum der bernsteinfarbenen Regenbogenhaut. Das Licht, das sich in ihnen brach, kehrte nicht mehr zurück. Will zog sich aus diesen Augen zurück, schickte seinen Blick über die Umgebung und ließ sich von der Erinnerung an jene Nacht, in der alles zu einem sonderbaren Einklang gefunden hatte, fortreißen. Die hünenhaften Schwingen des Drachen trugen ihn dahin. „Es war wundervoll“, hörte er sich leise sagen, als sein Gedächtnis mit bildhafter Kraft die blutüberströmte, in die Knie gesunkene Gestalt heraufbeschwor, die ihn die prachtvolle Zähflüssigkeit des Lebens hatte spüren lassen. Das Ungeheuer, das in den Tiefen seiner Seele nistete, spuckte ihm grinsend vor die Füße. Der Wahnsinn, vor dem er hatte fliehen wollen, war ihm gefolgt – wie das Meer, wie der Tod, wie Hannibal.
„Versagen Sie sich nicht das Leben, das Sie im Tod finden.“ Er bewegte sich langsam auf Will zu und betrachtete sein gedankenvolles Gesicht. „Ihre Seele ist rein gestimmt, Will, obwohl Ihnen Schmerz und Tod nicht unbekannt sind.“
Die innere Unordnung in Will hatte einst mit der Betrachtung des Todes begonnen und endete nun mit dem klaren, unverschleierten Bild eines Mörders, der den Samen seiner inneren Substanz in seinen offenen Geist gepflanzt hatte. Diese sonderbar schönen, geistigen Augen, die wie in stiller Andacht auf ihm ruhten, enthoben ihn jeder Befehlsgewalt, die er jemals über seinen Verstand errungen hatte. „Sie haben mich damals in Ihrer Küche gefragt, ob ich ein Mörder sei, Dr. Lecter“, sprach er matt. „Sie mögen die Antwort kennen. Ich tue es nicht!“ Er wandte sich von ihm ab und stieg müde, bleiern und vielleicht besiegt, auf der Suche nach Ruhe, die Treppen zu seinem Schlafzimmer empor.
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