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Stand By (Me)

von Miss-i
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Alice Williams AX400 Kara Hank Anderson PL600 Simon RK200 Markus RK800-51-59 Connor
21.03.2020
20.02.2021
22
68.571
1
Alle Kapitel
50 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
28.03.2020 3.354
 
Bonjour! Oder so...
Die letzte Woche ist gleichzeitig verflogen und vor sich hin geschlichen. Einerseits habe ich nichts gemacht, weil ich deprimiert war, weil meine Switch und damit auch mein Animal Crosing New Horizons nicht ankam und die Lieferung auf unbestimmte Zeit verschoben wurde (ich konnte auch nicht schreiben und lag nur gammelnd auf dem Sofa...). Andererseits war es Donnerstag Mittag endlich so weit und mein Held vom Lieferdienst hat das Teil vorbei gebracht. Ich habe jetzt meine Seele wieder an einen Tanuki verkauft, aber das ist okay. :D

So. Mein Hype ist wieder am Leben und auch Schreib-technisch geht es wieder voran (sofern ich mich von meiner Insel lösen kann, haha :D).
Da ich DBH ja nicht selbst spielen kann, orientieren sich die Spieldialoge an Playthroughs, die ich geguckt habe. Wer Interesse hat:
Karas Szenen kommen von Gronkhs Durchgang. Weil er aber so ziemlich alle QTEs vergeigt hat, sind alle von Jericho tot (außer Markus). Connors und Markus' Szenen kommen daher von Tyraphines erstem Durchgang.

Okay. Heute sehen wir uns dann mal an, was bei Simon so passiert ist, und klären die große Frage, wieso er denn nicht mit Markus gesprochen hat ;D

Lg,
- Missi
______


2 | Gemeinsam Einsam.


Hold you 'til the mornin'
And if I said I'm fallin'
Would you just reply
"I know you are, but what am I?"
- What am I (Why don’t we)



10. November 2038, 22:45:36 | Rückrufzentrum 5, Downtown, Detroit
Simon


Es war dunkel. Sie alle standen dicht an dicht, nebeneinander aufgereiht. Es war so still, wie es nicht sein sollte und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit wollte Simon der Stille entkommen. Er hatte sich aus dem Androiden-Netzwerk ausgeklinkt, weil er die verzweifelten Stimmen nicht mehr aushielt, die ständig Fragen stellten und Horrorszenarien austauschten. Aber diese komplette Stille war auch nicht besser. Gut, komplett war übertrieben. Eine Androidin redete mit einem kleinen Mädchen, das Angst hatte, und versuchte, es zu beruhigen.

Simon identifizierte sie durch einen Scan als Kara. Sie hatte Markus um Papiere gebeten, um über die Grenze nach Kanada zu kommen. Die Kleine, er identifizierte sie als Alice, tat ihm sehr leid. Er hätte beiden eine gelungene Flucht gewünscht. Von ganzem Herzen.
Die andere Ausnahme der Stille waren das heftige unregelmäßige Atmen und die gewisperten, unverständlichen Worte eines anderen Androiden, der am Boden des Lasters saß und das Gesicht hinter seinen Armen versteckt hielt.

Simon wusste, dass es Connor war. Sie waren zusammen erwischt worden. Sie hatten Markus und den anderen gerade folgen wollen, als Simon durch ein verrostetes Stück Metall am Boden eingebrochen war und stürzte. Er hatte seinen Fuß zwar recht schnell wieder befreit und Connor hatte ihm hochgeholfen, doch diese winzige Pause hatte ausgereicht, damit FBI Agenten zu ihnen aufschließen und sie umzingeln konnten. In Anbetracht mehrerer Gewehrläufe hatten Connor und er keinen anderen Ausweg gesehen, als zu kooperieren. Tot würden sowohl Connor als auch Simon selbst keinen Nutzen mehr für Jericho haben, und Simon würde alles tun, um Markus und die anderen nicht im Stich zu lassen. Simon ging zu Connor hinüber und hockte sich vor ihn.

In einer beruhigenden Geste und auch, um bei den Bewegungen des Wagens nicht umzukippen, legte er eine Hand auf Connors aufgestellte Knie. Der Android sah ruckartig auf.
„Du heißt Connor, richtig?“, Simon erhielt ein Nicken als Antwort. Connors LED blinzelte unter der Mütze hervor und Simon registrierte das stechende und pulsierende rot. Connors Stresslevel lag bei 87 % und steigend. Simon hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass Connor zum Abweichler wurde, und noch weniger damit, den berüchtigten Abweichler-Jäger zitternd in einer Ecke zu finden, doch wenn er genau darüber nachdachte, konnte er sich vorstellen, was in dem Androiden vor sich ging.

„Ich bin Simon“, er sprach möglichst leise, zu groß war die Angst, dass ein Mensch ihn hören und diesen Trip noch einen Hauch verkürzen würde, „Du musst dich beruhigen.“
Connor sah noch verzweifelter und panischer aus. Simon fluchte innerlich, er war ganz schön aus der Übung, was das Trösten und Beruhigen Anderer anging. Er atmete kurz durch, dann sah er Connor in die Augen.

„Atme mit mir, okay? Ganz langsam.“ Es war zwar künstliches Atmen und trug nicht wirklich zur Besinnung bei, wie es bei Menschen der Fall war, aber dass Connor sich auf etwas konzentrieren konnte, schien ihm zu helfen. Auch wenn es etwas Profanes wie künstliche tiefe Atemzüge war. Sein Stresslevel sank wieder etwas und Simon war erleichtert, die Gefahr der Selbstzerstörung fürs Erste gebannt zu haben.

„Es wird alles wieder gut, aber du musst mir helfen“, Simon sah ihn eindringlich an, „Wir müssen hier raus und unseren Leuten helfen. Ansonsten war alles umsonst.“
„Wie kann ich dir denn helfen?“, Connors Stimme war fast so leise wie Simons, allerdings ein wenig lauter, zusätzlich voller Verzweiflung, „Ich bin doch daran schuld, dass wir alle hier sind.“

Simon verharrte kurz und dachte über Connors Worte nach. Der Android war als Maschine nach Jericho gekommen, er hatte sie gefunden. Er war sicher alleine gekommen, sonst wäre er wohl kaum zu einem Abweichler geworden und hätte nicht bei der Evakuierung geholfen. Vielleicht hatten die Menschen sie seinetwegen gefunden, aber er würde niemanden für Dinge verurteilen, die getan wurden, um einer Programmierung zu entsprechen. Markus würde das sicher auch nicht tun.

„Es ist nicht deine Schuld“, Simon bemühte sich um ein Lächeln, auch wenn ihm nicht danach zumute war, „Du darfst dir hierfür nicht die Schuld geben.“
„Ach ja? Wer hat das FBI denn nach Jericho gelotst?“, Connors Stresslevel stieg wieder und Simon sah besorgt das rote Blinken an Connors Schläfe.

„Vertraust du mir? Ich kann dir nur richtig helfen, wenn du mir vertraust und mir hilfst, dich zu verstehen“, fragte Simon und Connor runzelte die Stirn, dann nickte er sehr zögerlich. Simon streckte ihm die Hand hin und beobachtete, wie seine Haut verschwand. Connor verstand die Geste und überlegte einen langen Moment angespannt, was er tun sollte. Jemandem seinen Speicher zu öffnen und all seine Gedanken und Erinnerungen durchforsten zu lassen, kostete Überwindung. Aber Simon schien ehrlich zu sein und ihm wirklich nur helfen zu wollen. Connor wusste, dass er von all den Eindrücken, die auf ihn einprasselten, überfordert war. Simon hingegen schien ruhig und erfahren im Umgang mit Gefühlen. Schließlich entschied er sich dafür, griff nach Simons Hand und gewährte ihm Einlass in seinen Speicher.

Simon sah, was er erwartet hatte. Viele spezielle Programme, von denen er noch nie gehört hatte, einen großen unerreichbaren Teil des Speichers, den Connor oder CyberLife verschlüsselt hatten und auf den er nicht zugreifen konnte, Erinnerungen über Fälle und einen Lieutenant Anderson, die zum Großteil geprägt von etwas wie Freundschaft, Freude und Sorge geprägt waren. Connor hatte also auch gute Erfahrungen gemacht. Simon sah auch, dass Emotionen seine Software instabil gemacht und CyberLifes Kontrolle über ihn gelockert hatten. Es war eine Entwicklung gewesen, über einen längeren Zeitraum hinweg. Ein wenig Abweichler steckte wohl schon immer in Connor. Simon fand ein paar schlechte Eindrücke, deren emotionale Wucht erst jetzt auf ihn einprasselte. Er fand eine Erinnerung auf einem Dach, mit einem halb zerstörten PL600. Du hast gelogen, Connor…

Simon ließ Connors Hand los und zuckte zurück. Er hatte sein eigenes Gesicht gesehen, von Kugeln zerstört, genau wie der Körper. Er hatte seine eigenen Augen gesehen, leblos und starr… und so kalt. Trotzdem schaffte er es, sich schnell wieder zu beruhigen. Das war nicht er gewesen, es war Connors Erinnerung an einen von Tausenden Androiden dieses Modells. Es hatte Simon nur überrascht, sein Spiegelbild zu sehen, noch dazu in einer solchen Situation.

„Du hast es gesehen“, Connor flüsterte wieder, „Das solltest du nicht sehen. Du hast gesehen, wie ich ihn umgebracht habe.“ Simon schüttelte den Kopf.
„Es tut mir Leid, dass ich bis dahin vorgedrungen bin. Das wollte ich so nicht. Aber ich habe deinen Schock gesehen, als sie auf ihn geschossen haben. Du hast die Wahrheit gesagt, als du ihm versichert hast, dass er nicht sterben wird. Du wusstest nicht, was für Befehle dieser Captain Allen geben würde. Du konntest das nicht wissen, okay?“

Connor schwieg, während seine Augen sich ein Stück weiteten. Simon hielt ihm die Hand wieder hin. Connor reagierte erst nicht, schließlich war es kein schönes Gefühl für ihn, wenn jemand vor ihm zurückzuckte, geschweige denn, wenn jemand in seinem Kopf herumspazierte.
Simon wollte sich bemühen, sich besser im Griff zu haben. Dann verband Connor seinen Speicher wieder mit Simon.

Die Ermittlungen am Stratford Tower fand Simon sehr interessant, schließlich hatte er sich ganz in der Nähe befunden und Glück gehabt, dass Connor erst in die Küche gegangen war und nicht aufs Dach. Ansonsten wäre er jetzt sicher schon tot. Doch nun zu sehen, dass Connor selbst beinahe gestorben wäre, war auch nicht angenehmer, weder für ihn noch für Connor. Simon spürte Connors Gegenwehr gegen diese Erinnerungen und löste sich schnell wieder von den Empfindungen und fand alles, was mit Connors Weg zur Jericho zu tun hatte. Er hatte niemandem Bericht erstattet, als er den Standort des Schiffs ausfindig gemacht hatte, nicht einmal Lieutenant Anderson, dem Connor ansonsten sehr zu vertrauen schien.

Simon zog sich vorsichtig wieder aus Connors riesigem Speicher zurück. Als er ihn nun ansah, wusste er, dass der Android nichts davon hören wollte, dass er keine Schuld trug. Er war viel zu fest vom Gegenteil überzeugt. Simon legte eine Hand auf Connors Schulter und sah ihm direkt in die Augen.
„Ich verzeihe dir.“

Connor wirkte einen Moment verwirrt. „Wie meinst du das?“
„Ich denke nicht, dass man dir die Schuld für den Angriff auf Jericho geben kann. Aber du denkst das. Vielleicht hilft es dir ja wenigstens ein bisschen, wenn ich dir verzeihe.“
„Damit bist du sehr wahrscheinlich allein.“
„Nein. Markus würde das Gleiche tun, da bin ich mir sicher“, Simon lächelte, „Also, was sagst du? Hilfst du mir?“

„Ich weiß nicht, wie ich dir helfen soll.“
„Du könntest vielleicht deinen Lieutenant Anderson informieren, vielleicht kann er von außen etwas bewirken. Und bis wir mehr über unsere Situation wissen, helfe ich dir dabei, die ganzen Gefühle einzuordnen.“
Connor zögerte wieder. Simon hatte allerdings Erfahrung mit der Abweichung, während Connor wahrscheinlich schon nach zwei Minuten ohne Hilfe heillos überfordert wäre. Er nickte.

„Ich bin dabei… ich will nicht sterben.“ Connor hätte nie für möglich gehalten, einmal so zu denken. Aber jetzt, da er Dinge wirklich fühlte…
„Danke“, Simons Lächeln wurde ein wenig breiter, „Versuch, deine Leute anzurufen.“
Connor wählte Hanks Nummer und wartete einige Sekunden, dann ging der Lieutenant ans Telefon.

Anderson?
Lieutenant, hier ist Connor.
Gott sei Dank! Im Fernsehen zeigen sie die ganze Zeit, wie dieses Schiff hochgegangen ist und alle Androiden in Recyclinglager gebracht werden. Ist bei dir alles in Ordnung?“ Hank klang alarmiert.

Nicht wirklich… Es könnte sein, dass ich mich selbst auf dem Weg in eines dieser Lager befinde.
Heilige Scheiße! Wo zur Hölle bist du?
Ich… weiß nicht genau…“, Connors GPS war nicht mehr komplett intakt, wahrscheinlich eine Folge dessen, dass er vor seinem Gespräch mit Simon mehr in seinem Kopf als in der Gegenwart und sein System durch all die Warnmeldungen bezüglich seines Stresslevels überlastet gewesen war, „Aber wir sind noch nicht lang genug unterwegs, als dass wir die Stadt verlassen haben. Denke ich.

Okay… sie bauen eines der Lager in Downtown auf. Ich komme da hin und versuche, was ich kann. Pass auf dich auf, Junge.“ Connor konnte die Empfindung, die auf seine Biokomponenten einwirkte, nicht ganz einordnen. Aber es fühlte sich… schön an, jemanden zu haben, dem man wichtig war. Etwas in der Art hatte er auch beim Gespräch mit Simon gespürt, nur deutlich schwächer.
Danke, Lieutenant“, Connor hörte nur noch das Freizeichen. Hank war schon unterwegs. Er wandte sich wieder an Simon, der ihn abwartend betrachtet hatte.

„Lieutenant Anderson ist auf dem Weg zu uns. Er sagt, dass ein Recyclinglager in Downtown aufgebaut worden ist. Wahrscheinlich werden wir dorthin gebracht.“
„Verdammt“, Simon fühlte, wie seine Thiriumpumpe schwerer wurde. Ein Vernichtungslager für Androiden. Das konnte doch nicht wirklich passieren…
„Er ist dir wichtig, oder? Dieser Polizist?“

„Er ist mein Partner“, Connor lächelte zum ersten Mal, seit Simon ihn getroffen. Nicht, dass es in der Zeit viel zu lachen gegeben hätte, aber er brauchte definitiv noch etwas Übung.
„Dein Stresslevel ist erheblich gesunken, während du mit ihm geredet hast. Du hast ihn gern.“ Connor überlegte, dann nickte er.
„Vielleicht ist er sowas wie ein guter Freund geworden… und das, obwohl er mich am Anfang nicht wirklich leiden konnte.“

Simon zwang sich zu einem Lächeln, damit Connor sich wohler fühlte, dann klinkte er sich selbst wieder in das Netzwerk ein und empfing fast sofort ein Signal von Josh. Er nahm es an.
Simon?! Ich versuche schon die ganze Zeit, dich zu erreichen! Wo bist du? Ist alles in Ordnung?

Ich bin in einem Laster. Was ist mit Jericho? Geht es allen gut? Und was ist mit Markus?
Wir sind nicht mehr viele, Simon. Aber einige haben es zu uns in eine verlassene Kirche geschafft. Markus geht es gut, er wird gleich zu unseren Leuten sprechen. Weißt du, wo sie euch hinbringen?

Sag ihm, dass wir wahrscheinlich-“ Die Tür des Lasters öffnete sich und sie alle sahen auf. Schwer bewaffnete Soldaten standen vor ihnen und befahlen ihnen, auszusteigen. Simon brach die Verbindung ab und richtete sich auf. Innerlich schrie alles in ihm. Das war der Anfang vom Ende.

„Na los, raus da! Beeilung! Raus!“ Fast wäre er zusammen gezuckt. Connor stand neben ihm auf und bewegte sich zur Tür. Simon folgte ihm schnell. Er redete sich ein, dass er Connor mit seinen neuen Emotionen nicht alleine lassen konnte, doch eigentlich brauchte Simon selbst auch jemanden, der das, was auch immer nun passierte, mit ihm zusammen durchstand.
Beide sprangen aus dem Laster. Hinter ihnen stiegen nur noch Kara und Alice aus. Es schneite in dicken Flocken in einer Tour auf die Gruppe hinunter und einmal mehr war Simon dankbar dafür, keine Kälte spüren zu müssen.

„Hände an den Kopf!“, eine klare Anweisung, der alle Androiden sofort nachkamen. Simon hörte Connor in seinem Kopf.
Simon…
Bleib ruhig. Sie werden nichts tun, wenn wir ihren Befehlen folgen.
Das was ich fühle… ist das Angst?
Wenn es dir genauso geht wir mir… sehr wahrscheinlich ja…

„Los, zu den anderen! Sofort!“ Simon war erstaunt, wie schnell Connor losging, konnte ihn aber auch verstehen. Beide reihten sich ein. Kara blieb wohl einen Moment zu lange stehen, genau konnte Simon es nicht sehen, doch er hörte den Aufprall eines Gewehrlaufes gegen einen Androidenkörper und stolpernde Schritte.
„Ich gebe Befehle, ihr befolgt sie, kapiert?“ Es war komisch, wie unmenschlich die Stimme des Soldaten durch seinen Helm klang. Mechanischer als die jedes Abweichlers. Kara und Alice gingen hinter ihnen vorbei und reihten sich hinter Simon und Connor ein, die Hände am Hinterkopf.

„Vorwärts!“ Die ersten Androiden links von ihnen gingen auf den Eingang des Lagers zu.
„Ich habe Angst… Ich… ich will nicht gehen.“ Alices Stimme zitterte, als sie sich an Kara wandte. Simon wäre es lieber, wenn er das Gespräch nicht hören würde.
„Wir haben keine Wahl, Alice.“ Kara klang genauso angespannt, wie alle anderen sich fühlten. All die Gedanken und Gefühle hingen schwer in der Luft.

„Nächster!“
Connor setzte sich in Bewegung, gefolgt von Simon. Er hörte noch, dass Alice sich wieder an Kara wandte. Er konnte nur hoffen, dass beide vorsichtig blieben und nicht zu viel miteinander redeten. Sie gingen durch das Tor in eine Art Zelt. Mehrere Recyclingcontainer standen an den Seiten. Simon zuckte unwillkürlich zusammen. Er konnte sich denken, was nun passieren würde und wenn er richtig lag, würden die Menschen nun das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte wiederholen. Ihm wurde schlecht.

„Deaktiviert eure Haut.“
Die Gruppe vor ihnen machte sich sofort daran. Connor drehte sich zu ihm um und sah ihn aus weiten Augen an. Kaum merklich schüttelte er den Kopf.
Du musst.“ Simon hasste es, dass er diese Wahrheit an den RK800 vermitteln musste. Er war schon verwirrt und überwältigt genug. Connor schloss kurz die Augen und schien sich zu sammeln, dann legte er einen Finger an die LED und Simon beobachtete, wie das weiße Plastik unter der synthetischen Haut hervorkam und die Haare verschwanden. Simon beeilte sich, der Anweisung ebenfalls zu folgen.

„Ausziehen. Werft die Sachen in den Container.“ Auch diesen Befehl führten die Androiden mit mechanischen, schnellen Bewegungen aus. Die Gruppe ging voraus in den Schnee, die Hände wieder am Hinterkopf. Simon ging neben Connor her nach draußen.
Wir müssen hier doch irgendwie rauskommen… wir können nicht einfach aufgeben“, die Entschlossenheit in Connors Stimme beruhigte Simon ein wenig. Wahrscheinlich scannte er gerade die Umgebung ab und suchte nach Handlungsmöglichkeiten.  

Nein. Das Risiko ist viel zu groß. Wir müssen es später versuchen, wenn wir nicht von allen Seiten mit Waffen bedroht werden.
Das wird nie der Fall sein“, einer der Androiden vor ihnen hatte sich in die Verbindung eingeklinkt. Er klang verzweifelt. „Wenn wir es jetzt nicht versuchen, gehen wir direkt in unser Verderben.
Dann werden sie dich erschießen.

Ich weiß. Aber rA9 wird mich beschützen.
Simon hatte nie an rA9 geglaubt, was oder wer auch immer das war. Er war schon so lange ein Abweichler und noch nie in all der Zeit hatte irgendeine höhere Macht versucht, ihnen zu helfen. Trotzdem verstand er, wieso manche Androiden sich an diese Hoffnung klammerten.

Er hörte den Schnee hinter sich knirschen. Kara und Alice hatten es wohl auch nach draußen geschafft. Plötzlich trat der Android vor ihnen aus der Reihe und lief los. Simon wollte ihn noch aufhalten, doch noch bevor er etwas sagen konnte, fiel der Android zu Boden, eine Kugel mitten durch den Kopf. Thirium breitete sich auf dem Schnee aus und die Wache wandte sich an einen anderen Androiden vor ihnen.

„Du! Bring den da zur Halde!“
„Nein…“, der Android hob abwehrend die Hände, „nein… bitte, ich bitte Sie…“
„Ich mach das“, Simon wusste nicht, woher er den Mut genommen hatte, sich freiwillig zu melden. Er hatte gespürt, dass Kara den gleichen Impuls in sich hatte. Er konnte nicht zulassen, dass sie das kleine Mädchen alleine ließ. Er ging auf den am Boden liegenden Körper zu.
Simon, nein! Lass mich nicht alleine!“ Connor… Simon verharrte kurz.

Ich bin gleich wieder da. Bleib bei Kara und versuch, ruhig zu bleiben. Bitte.
Connor schwieg. Als Simon den Körper anhob und unter den Armen griff, sah er kurz auf und scannte Connors Stresslevel. 84 %. Er musste sich beeilen. Connor kannte sich sicher damit aus, seinen Stresslevel in Extremsituationen unter Kontrolle zu behalten, aber er hatte keine Ahnung, wie das bei Emotionen funktionieren sollte. Er wurde in diese völlig neue Welt geworfen, deren Mechanismen er erst noch begreifen musste, und wurde gleich mit einer Flut an negativen Gefühlen überrumpelt.

„Wirf ihn da drüben hin, mach schon!“, wies die Wache ihn an und er nickte, ohne aufzusehen. Simon schleifte den toten Androiden rückwärts so schnell er konnte durch den Schnee. Es war ein ziemlich langer Gang und zu seiner rechten sah er schon all die Androiden stehen, die auf ihr Ende warteten. Er hörte Maschinen, die in regelmäßigen Abständen surrten. Wahrscheinlich zur Demontage. Er legte den Körper an einer Seite ab und seufzte. So viel vergossenes Blut, und er hatte eine große Teilschuld. Schließlich hatten er und die anderen Jericho aus dem Schiff und in die Welt geführt. Ohne sie wäre es nie so weit gekommen.

Hinter ihm lag ein Berg von Gliedmaßen, Körpern und Köpfen, voneinander unsauber getrennt. Ein Bagger griff sich willkürlich Teile und beförderte sie auf die Ladeflächen zweier Laster. Schnell wandte Simon den Blick ab und ging zurück. So viele Tote… und es war noch lange nicht vorbei.
Als Simon wieder am Eingang ankam, war seine Gruppe, und damit auch Connor, Kara und Alice, nicht mehr dort. Eine Wache packte ihn am Arm, ein Gitter öffnete sich und er wurde in einen neuen Bereich gestoßen, voll von Androiden. Das Gitter schloss sich hinter ihm wieder. Er sah sich um.

Connor?“ Er hoffte, der Android würde auf seine Anfrage reagieren. Simon musste ihn finden, denn er bemerkte, dass sein eigener Stresslevel in die Höhe schoss, nun, da er alleine war. Sie mussten das hier überleben. Und im Alleingang standen die Chancen dafür mehr als schlecht.
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