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Stand By (Me)

von Miss-i
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
Alice Williams AX400 Kara Hank Anderson PL600 Simon RK200 Markus RK800-51-59 Connor
21.03.2020
21.11.2020
17
50.162
1
Alle Kapitel
41 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
21.11.2020 3.151
 
Hallöchen Popöchen ;)

Was bin ich stolz auf dieses Kapitel, oh mein Gott :D Nein wirklich, die zweite Hälfte ist so viel besser geworden, als ich es mir erhofft hatte (und ganz anders und meine ganze Planung für den Rest der Story geht den Bach runter, aber egal :D). Ich liebe es, so zufrieden war ich ewig nicht mit einem Kapitel^^
Ich hoffe natürlich, dass sich das Warten jetzt gelohnt hat!
Sagen wir es so: Ich habe mit meiner Freundin zusammen Hamilton geguckt und bin in eine leichte Obsession verfallen. Ich kann jetzt ca. 80% auswendig und schäme mich nicht dafür. Lol. Bereitet euch schon einmal auf eine Verschmelzung mit Detroit vor haha :D
So, jetzt viel Spaß mit Drama und einigem Hurt/Comfort :)

Lg,
- Missi
____


17 | Ein Gedächtnis für die Zukunft.


Now, I need somebody to know
Somebody to heal
Somebody to have
Just to know how it feels
It's easy to say but it's never the same
I guess I kinda liked the way you helped me escape.
- Someone You Loved (Lewis Capaldi)



19. November 2038, 10:24:39 | Canaan, Detroit
Jonathan


Besorgt musterte Dr. Jonathan Fraser Iris, die an Connors Seite stand und auf den Androiden sah. Er konnte sehen, dass es ihr in den Fingern juckte, sich mit dem RK800 zu verbinden, allerdings wusste sie auch, dass keiner von ihnen die Konsequenzen einer möglichen Verbindung abschätzen konnte. Simon stand ebenfalls neben dem Tisch, auf dem sie Connor aufgebahrt hatten und schien nicht ganz zu wissen, was er mit sich anfangen sollte.

„Was machen wir jetzt?“, Iris sah auf, direkt in Jonathans Augen, und der Wissenschaftler verfluchte Elijah Kamski dafür, den Androiden Tränendrüsen eingebaut zu haben. Sein Herz brach bei all dem Schmerz und der Hoffnungslosigkeit in ihren Augen.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Jonathan ehrlich, „Die Proben, die du geholt hast, laufen noch immer durch die Testmaschinen. Bis die Ergebnisse da sind, können wir nur warten.“

„Was ist mit meinem Stand-By und Wiedererwachen? Können wir aus meinen Datenspuren etwas ableiten?“ Iris ging um den Tisch herum zu Dr. Fraser. Ihre LED verfärbte sich gelb, was auf einen erhöhten Stresslevel und stärkere elektrische Ströme in ihrem Gehirn hindeutete.
„Das hat sicher nichts mit den anderen Androiden zu tun, die sich hinunterfahren.“

„Wie können Sie da so sicher sein?“, Simon sah ihn angespannt an, „Soweit ich das gehört habe, hat sich Iris nach einer Stresssituation in den Stand-By geschaltet. Bei Connor war es dasselbe. Und ich bin daran schuld, weil ich ihn mit Fragen gelöchert habe, die er nicht beantworten wollte oder konnte. Was, wenn Markus der nächste ist? Wenn Markus durch seine Verhandlungen genauso gestresst ist, und sich in den Stand-By schaltet?“

„Simon…“ „Nein“, unterbrach der Android den beschwichtigenden Versuch des Wissenschaftlers, „Wenn wir durch Iris Neues erfahren können, sollten wir die Chance nutzen.“
„Iris, was ist passiert, bevor du dich heruntergefahren hast?“, gegen seinen eigenen Instinkt folgte er Simons Gedankengang mit einem Seufzen.

„Ich habe die Proben gefunden und in den Koffer gelegt, damit wir sie transportieren konnten, ohne die Reagenzgläser zu beschädigen. Ich wollte gerade zurück zu Max, um mit ihm zu verschwinden, als uns ein Android aufgehalten hat“, sie sah zu dem Tisch hinter sich, „Er sah fast aus wie Connor.“

„Was ist dann passiert?“, drängte Simon.
„Er sagte, ich soll ihm die Proben geben“, mit gerunzelter Stirn sah sie wieder zu Simon und Jonathan, „Und ich hätte es auch fast getan… bis Max wollte, dass ich es nicht mache. Und danach erinnere ich mich an nichts mehr.“
Mit einem weiteren Seufzen setzte Jonathan sich auf einen der Klappstühle neben der Tür und fuhr sich mit den Händen durch die kurzen Haare.

„Das liegt nicht am Stress“, gab er schließlich von sich, seine Stimme matt.
„Woran dann?“, fragte Iris.
Jonathan schwieg. Die Worte schienen in seinem Hals stecken zu bleiben.
„Jonathan.“ Ihre Stimme schnitt durch die Luft wie eine Rasierklinge. Er sah auf. „Du hast lang genug geschwiegen. Was auch immer es ist, wir müssen alles wissen, damit wir die Situation verstehen können.“

„Iris, es wird sicher nicht gut für dich sein, wenn-“
„Ich habe so viel erlebt, besonders in den letzten Tagen. Ich kann das aushalten. Also?“
Er zögerte noch einen Moment, dann nahm er ein Tablet vom Tisch neben dem, auf dem Connor lag, und schaltete es ein. „Es hat etwas mit deinen bisherigen Resets zu tun.“
„Was denn? Du weißt, dass ich mich nicht mehr an die Resets erinnern kann.“

Jonathan schluckte. „Ich werde die Verschlüsselung in deinem Speicher aufheben, dann kannst du die Erinnerungen selbst durchsehen. Glaubst du, du schaffst das? Es ist in Ordnung, wenn das zu viel für dich ist.“
„Ich muss es tun“, sie sah auf Connor, „Alles, damit wir androidische Schaltkreise besser verstehen können.“ Er nickte.
„Okay. Dann verbinde ich mich jetzt mit dir und gebe die Erinnerungen frei. Wenn es zu viel wird, verstecke ich sie sofort wieder.“

Sie nickte und atmete tief durch, hielt den Wissenschaftler die ganze Zeit aber fest im Blick. Simon beobachtete aus seiner Position neben Connor, wie sich Iris‘ LED erst gelb und schließlich rot verfärbte. Als sie schließlich blinkte, stand Iris mit geweiteten Augen und blinkender LED schwer atmend vor ihnen.

Jonathans besorgt fragender Blick ruhte auf der Androidin, doch sie hielt nur eine Hand hoch, dass er warten sollte. Mit zitternden Händen hielt sie sich an einem der Stühle fest und schluckte, dann sah sie zu den anderen.
„Ich glaube nicht, dass mein Blackout was mit den Stand-Bys zu tun hat“, wisperte sie schließlich.
„Bist du sicher?“, Simon traute sich kaum, richtig nachzufragen.

„Ja“, sie sah Jonathan an, „Es waren die Befehle, oder?“
Er nickte. „Ich denke, dass es das war, das deinen Blackout ausgelöst hat.“
„Die Befehle?“, Simon sah beide verwirrt an und Iris wandte sich in seine Richtung, sah aber zu Boden.
„Als CyberLife herausfand, dass ich ein Abweichler geworden bin, haben sie meinen Reset durchgeführt. Aber das hat nicht viel gebracht, spätestens nach ein paar Wochen war ich wieder ich selbst. Also wurde ich wieder und wieder zurückgesetzt.“

„Wie ist das möglich? Ich dachte ein Reset würde jeden wieder zur Maschine machen. Für immer.“
„Starke menschliche Emotionen können einen Androiden genauso schnell wieder zum Abweichler machen wie schon vor dem Reset“, Jonathans Blick ruhte auf Iris, „Ich habe Iris jedes Mal die Erinnerung gelassen. Bis auf die an den letzten Reset.“

„Es war… furchtbar“, Tränen liefen nun über ihre Wangen, „Sie wollten mich nicht zurücksetzen sondern zerstören.“ Simon schwieg geschockt und wartete darauf, dass Iris fortfuhr, „Sie wollten meinen Prozessor zerstören, also schlugen sie auf meinen Kopf ein… danach weiß ich nichts mehr, bis Jonathan mich wieder hochgefahren hat.“

„Ich konnte die Software neu starten und die Hardware so gut es ging retten“, der Wissenschaftler fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht, die emotionale Belastung und der Stress der letzten Wochen sichtbar auf seinen Zügen, „Allerdings wurde das Befehlszentrum stark beschädigt. Widersprüchliche Befehle führen bei Iris zum Stillstand. Ihr fehlt die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen.“

„Das heißt, als der Android und Max dir verschiedene Dinge aufgetragen haben…“
„War mein System überlastet, genau“, Iris sah Jonathan fragend an, „Vergesse ich deswegen ständig Dinge?“
„Ja“, er schluckte und nickte, „Dein Speicher wurde nicht beschädigt, doch kurzzeitige Befehle oder Aufträge werden durch neue Impulse komplett verdrängt.“
„Verstehe“, sie schwieg eine ganze Weile, ihre LED drehte sich konstant mit gelbem Licht, während sie alles verarbeitete, „Ich erinnere mich an das ganze Thirium… sieht man noch etwas? Von dem Loch in meinem Kopf, meine ich?“

„Du liebe Güte“, murmelte Simon und schloss kurz die Augen.
„Ich habe es natürlich verschlossen“, versicherte Dr. Fraser, „Aber ich konnte nicht alles sauber miteinander verschweißen.“ Iris nickte und ging zu dem kleinen Spiegel auf einer der Kommoden im hinteren Teil des Raumes.

Nach manchen Behandlungen zeigten sie ihren Patienten gerne die Ergebnisse ihrer Arbeit, vor allem wenn es darum ging, Verletzungen im Gesicht wiederherzustellen. Ein Android Namens Ralph war auch bei ihnen gewesen, doch sein Gesicht war so stark beschädigt gewesen, dass sie nicht viel für ihn hatten tun können. Zudem war er zusammengezuckt, jedes Mal, wenn Jonathan sich ihn hatte genauer ansehen wollen. Am Ende konnte er Ralph nur versprechen, sich um einen neuen visuellen Prozessor zu kümmern, damit das dreidimensionale Sehen für den Androiden wieder möglich sein könnte.

Jetzt stand Iris davor und ließ die Haut und die Haare von ihrem Kopf verschwinden. Beim Anblick der dunkelblauen Narbe, die sich von ihrer nun nicht sichtbaren rechten Augenbraue bis zur Mitte ihres Hinterkopfes zog, drehte sich Dr. Frasers Magen um.
CyberLife hätte ihn nicht härter treffen können, und doch bereute er nicht die Reise, die er mit seinem besten Freund vor fast zwei Jahrzehnten angetreten hatte.


19. November 2038, 16:38:26 | CyberLife Tower, Stockwerk 43, Detroit
Markus


Mit einem müden Seufzen stieg Markus in die Aufzugkabine und löste seine Krawatte. Die Verhandlungen hatten in der letzten Woche praktisch jede Minute seines Lebens übernommen und die Vertreter der Präsidentin waren nicht gerade einfache Gesprächspartner. Wenigstens schien Kamski auf Jerichos Seite zu stehen, er und andere CyberLife Berater saßen ebenfalls mit am Tisch, wenn es um die Zukunft der Androiden ging. Während Vertreter der Firma allerdings eher auf ökonomischen Profit und das Erhalten von Arbeitsplätzen in Detroit aus waren, schien Kamski andere, eigene Ziele zu verfolgen. Was genau im Hirn dieses Mannes vorging, konnte Markus allerdings nicht sagen.

Die Kabine bewegte sich zügig in Richtung Erdgeschoss und Markus freute sich schon darauf, in Jericho eine kurze Atempause machen zu können. Vielleicht würde er heute Abend sogar Carl besuchen.
Im Erdgeschoss angekommen stieg Markus aus, durchquerte die leere Eingangshalle und trat aus dem Tower in die kalte Novemberluft. Nach einem Moment, in dem er die Ruhe und Einsamkeit genossen hatte, stieg Markus in eines der bereitstehenden Autos. Ein Vorteil der Verhandlungen war, dass er bis zu deren Ende in jedem Fall garantiert bekommen hatte, dass gegen die Androiden keine weiteren Schritte eingeleitet werden würden. Trotzdem war er jedes Mal vorsichtig, wenn er in ein Taxi stieg, um nach Ferndale zu fahren.

Wie an jedem Tag der Woche kam er ohne Probleme an seinem Ziel an und ging die kurze Strecke zu ihrem Hauptquartier zu Fuß. Es schneite mal wieder und Markus war dankbar, seine Kälteempfindlichkeit runterschrauben zu können, als ein eisiger Wind ihm die Schneeflocken direkt ins Gesicht blies.

Er erreichte die schützenden Mauern von Jericho und ging durch die Gänge des alten Gebäudes zum Hauptraum ihrer Gruppe. Zu seiner Verwunderung stand Simon bereits an eine Wand gelehnt da, die Nase in einem Buch vergraben. Als er Markus bemerkte, sah er auf und steckte das Buch in die Innentasche seiner Jacke. Er wirkte sehr nervös und bei Markus läuteten sofort die Alarmglocken.

„Simon, was ist los? Ist was passiert?” Simon sah ihn mit großen Augen an und bewegte sich nicht, als würden seine Schaltkreise die Informationen viel zu langsam an seine motorischen Funktionen weitergeben.
„Es tut mir leid, Markus“, als Simon schließlich sprach, war seine Stimme nur ein Hauch, ein über den pfeifenden Wind kaum hörbares Wispern. Markus runzelte die Stirn und bedeutete seinem Freund, ihm zu dem Raum zu folgen, in denen Markus sich eingerichtet hatte. Er hatte im Gefühl, dass Simon lieber in einer privateren Atmosphäre reden wollte.

„Wofür entschuldigst du dich, Simon? Wenn es um neulich Abend geht, verzeihe ich dir natürlich. Ich finde es zwar nicht gut, dass du verschwunden bist, ohne etwas zu sagen, vor allem, weil ich mir schreckliche Sorgen gemacht habe“, Markus neigte den Kopf, als er Simons leicht abwesenden Blick sah, der an ihm vorbei aus dem Fenster und auf die draußen tanzenden Schneeflocken starrte, „aber es ist ja schließlich alles in Ordnung gewesen. Dich bedrückt noch etwas anderes, oder?“, Simons Blick schnellte zu Markus, sodass sie nun Blickkontakt hielten, „Was ist passiert?“

Es war wie ein Damm, der unter der Wucht einer gigantischen Wassermasse zusammenbrach. Aus Simon sprudelten die Worte nur so hervor, er erzählte von Androiden, die sich in den Ruhemodus schalteten und nicht wieder aufwachten, von Connor, der nun ebenfalls im Stand-By lag und nicht zurückgeholt werden konnte, von seiner Familie, die an jenem Abend in Jericho aufgetaucht war. Simon ging dann dazu sich über, sich wieder und wieder zu entschuldigen, dass er nicht schon viel früher mit Markus geredet hatte, während seine Tränen im gleichen Tempo wie seine Worte aus ihm herausströmten.

Markus stand etwas überfordert vor seinem besten Freund und Berater. Simon war immer derjenige von ihnen allen gewesen, der am meisten in sich gekehrt war. Noch nie hatte Markus ihn so aufgelöst gesehen und die schnellen Atemzüge, die sein System dem Androiden befahl, waren wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, den künstlichen Körper vor Überhitzung zu schützen.

Markus löste sich aus seiner Schockstarre und schloss die Distanz zu Simon, indem er ihn in seine Arme schloss. Simon erwiderte die Umarmung fast sofort und klammerte sich an Markus‘ Anzugjacke fest, als würde er sonst ertrinken. In beruhigenden Kreisen strich Markus seinem Freund über den Rücken und ließ ihn all die negativen Emotionen von sich laden.

Es vergingen sicher einige Minuten bis Simon sich ein wenig beruhigt hatte und wenigstens nicht mehr von Schluchzern geschüttelt wurde. Vorsichtig löste Markus sich leicht von ihm und führte ihn zu dem alten Sofa, das sie in der Nähe des Hauses gefunden und zusammen mit anderen Möbeln im Gebäude verteilt hatten, um ihre Umgebung wenigstens ein wenig wohnlicher zu machen. Nachdem er Simon auf dem Sofa platziert hatte, kniete Markus sich vor ihn und suchte seinen Blick. Simon schwieg noch einen Moment, bevor er wieder sprach.

„Es ist heute mit Josh passiert. Er ist jetzt auch im Stand-By. Wenn ich früher mit dir geredet hätte, hätten wir das vielleicht verhindern können.“
„Wie ist das passiert?“
„Ich weiß nicht, wir haben miteinander gesprochen und plötzlich war er… nicht mehr da“, Simon sah Markus mit großen Augen an, „Liegt es an mir? Lasse ich die ganzen Androiden einschlafen?“

„Das kann nicht sein“, Markus bemühte sich um ein Lächeln, „Du sagtest doch, dass auch andere Androiden im Stand-By sind, mit denen du gar keinen Kontakt hattest.“
„Ja, stimmt. Okay. Dann muss es etwas anderes sein.“
„Wieso hast du denn nichts gesagt?“
„Du warst ständig bei den Verhandlungen und wenn du hier warst habe ich doch gesehen, dass du gestresst warst. Ich wollte nicht noch dazu beitragen. Deshalb übernehmen wir anderen doch verschiedene Aufgaben.“

„Simon“, Markus hielt sich an Simon knien fest und suchte weiterhin Blickkontakt, auch wenn Simon ständig versuchte, ihm auszuweichen, „Egal wie viel ich zu tun habe oder wie anstrengend ein Tag war, ich würde mir doch immer Zeit nehmen, dir zuzuhören. Du bist mir wichtig und ich hätte dir nicht einfach die anderen Androiden überhängen sollen. Das war zu viel. Ich denke immer noch, dass es besser ist, wenn jemand auf sie aufpasst, der dasselbe erlebt hat, aber ich kann dich nicht alleine mit ihnen lassen. Es tut mir leid.“

„Nein, mir tut es leid.“
Markus lächelte versöhnlich. Simon war einfach zu liebenswert.
„Hast du denn schon versucht, deine alte Familie wieder zu treffen?“
Simons Augen weiteten sich und er versteifte sich.
„Nein. Ich denke nicht, dass es eine gute Idee ist.“

„Möchtest du darüber reden, was damals passiert ist?“, fragte Markus leise und Simon schien die Option in Betracht zu ziehen.
„Ich… habe auf ein Mädchen aufgepasst“, fing er langsam an und sah Markus unsicher an. Der Jericho-Anführer nickte nur zusichernd. „Eines Abends hat ein… Junge aus ihrer Schule sie bedroht. Ich habe ihn verletzt.“

Markus‘ Augenbrauen zogen sich zusammen. Es musste eine furchtbare Situation gewesen sein, um Simon zu so einer Reaktion zu bewegen. Er kannte den Androiden und sein sanftes Gemüt.
„Was ist dann passiert?“
„Ich bin gegangen… ich wollte nicht, dass CyberLife mich… einsammelt, verstehst du?“
„Ja… besser als du dir vorstellen kannst.“
„Was meinst du?“

„Nachdem ich… nicht mehr bei Carl war“, Markus konnte es nicht aussprechen. Er konnte Simon nicht davon erzählen, dass man ihm ins Gesicht geschossen hatte, der Rest seiner Geschichte war schon furchteinflößend genug. „Ich wachte wieder auf einer Deponie auf“, er deutete auf sein linkes Auge, „und musste mir Ersatzteile besorgen, deshalb die zwei Augenfarben. Ich habe dort gesehen, was mit zerstörten Androiden gemacht wird.“

„Das ist furchtbar, Markus, wieso hast du nie was gesagt?“
„Es gab wichtigere Dinge, um die wir uns kümmern müssen. Bist du deswegen weggegangen? Wegen der Menschen aus deinem alten Leben?“
Simon schien mit sich zu ringen und sah Markus dann entschlossen an.

„Nicht nur. Ich musste irgendwo hin, wo es ruhig ist.“ Markus erinnerte sich sehr gut daran, dass North und er sich lautstark und ununterbrochen gestritten hatten. Es gab mittlerweile nicht mehr viel anderes, was sie taten, wenn er denn mal in Jericho war.
„Wegen der Streitereien mit North? Es war wirklich ein bisschen viel, ich verstehe, wenn dir das zu viel war. Aber du weißt ja, wie sie ist.“

„Es geht nicht um die Menge oder Lautstärke, Markus“, Simon hatte die Augen geschlossen, als müsste er sich jetzt konzentrieren, dann fuhr er mit leiser schwankender Stimme fort, „Ich mag es nicht, wie ich mich fühle wenn ich dich mit ihr sehe. Und ich mag es noch weniger, wie ich mich fühle, wenn du dich mit ihr streitest und am Ende klein beigibst.“ Simon öffnete seine Augen wieder und sah Markus an, anscheinend erleichtert, diese Gedanken endlich ausgesprochen zu haben. Markus sah überrascht hoch in Simons Gesicht.

„Ich weiß, dass du Konflikte nicht sonderlich magst, aber-“
„Es geht nicht um die Konflikte, sondern um dich, Markus.“
Markus runzelte die Stirn. „Ich bin nicht ganz sicher, was du meinst, Simon. Habe ich etwas falsch gemacht?“ Simon seufzte angespannt.
„Manchmal bist du wirklich ein riesiger Trottel.“

Markus stand auf und trat einen Schritt zurück. „Was soll das denn bitte heißen?“ Er verstand die Welt nicht mehr. Er hätte nie gedacht, so eine Art von Kritik von Simon zu hören. Simon stand ebenfalls auf und kam auf Markus zu.
„Dass du Verhandlungen mit der verdammten Präsidentin führen kannst und gleichzeitig von mir buchstabiert bekommen musst, dass ich dich liebe.“

Bevor Markus‘ Hirn Simons Worte richtig registriert hatte, hatte Simon einen Schritt auf ihn zugemacht und küsste ihn vorsichtig. Perplex stand Markus da und versuchte, die Situation einzuordnen. So schnell wie Simon sich auf ihn zubewegt hatte, ließ er auch schon wieder von ihm ab. Fast schon fluchtartig stolperte Simon in Richtung Tür.

„Ich hätte nicht- es tut mir-“, er sah panisch aus und Markus würde ihn liebend gerne wieder auf das Sofa setzen, um über alles zu reden, doch Simon hatte andere Pläne, „Ich bringe Josh zu Iris nach Canaan, vielleicht können sie durch seine Daten neue Erkenntnisse gewinnen.“ Ruckartig riss Simon die Tür auf und verschwand.
In Markus‘ Kopf tobte ein Hurricane. Zu viele Gedanken, zu viele Emotionen, und zu viele Realisationen. Und was ihn mehr als alles verwirrte war, dass er es gemocht hatte, Simon so nah zu sein.
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