Stand By (Me)

von Miss-i
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
Alice Williams AX400 Kara Hank Anderson PL600 Simon RK200 Markus RK800-51-59 Connor
21.03.2020
23.05.2020
10
28.923
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23.05.2020 3.836
 
Moin moin^^

Heute melde ich mich vom Handy, weil ich an der Ostsee bin und kein Wlan habe (ich sitze übrigens im Funkloch und bete, dass dieses Kapitel es online schafft :D).
Deshalb sind die Absätze heute vielleicht etwas blöd gesetzt, die überarbeite ich morgen zuhause nochmal :)

Also dann, heute gibt es ein kleines Zwischenfinale, bzw. das Ende von "Kampf um Detroit".^^

Lg,
- Missi
_______


10 | Nacht der Wunder.


Maybe I should speak up
'Cause I can't get you out my head
You're all I want to wake up to
'Cause, lately I've been talking in my sleep
'Cause the only place I see you is in my dreams
- Talking in my Sleep (Paul Rey)



10. November 2038, 23:56:37 | Vor dem Rückruf-Zentrum 5, Downtown, Detroit
Simon


Simon konnte noch nicht ganz glauben, was gerade passierte. Nicht nur, dass sie nicht von Soldaten in ihre Schranken gewiesen oder schon längst erschossen worden waren, nein, die Zäune wurden geöffnet. Simon blieb lieber erst einmal mit Connor am Boden hocken. Zunächst konnte das einfach eine clevere eine Falle sein.

Andererseits wusste er nicht, was mit Connor in den paar Sekunden passiert war, in denen er eine Waffe auf Simon gerichtet und anscheinend zwischen verschiedenen Persönlichkeiten gewechselt hatte. Gefährlich schien er nun nicht mehr zu sein, schließlich hing der Prototyp wie eine Klette an Simon und wirkte ziemlich hilflos. Hoffentlich hatte er sich nicht in irgendeiner Form beschädigt.

„Na los“, einer der Soldaten in der Nähe des Ausgangs zeigte auf die Tore, „Wir ziehen uns zurück. Euer Freund Markus hat fürs Erste gewonnen.“
Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Menge, dann strömten die Androiden, die in den Reihen gewartet hatten, zu den Ausgängen und verließen die Lager, euphorisch durch die Aussicht, wieder frei und vor allem lebendig zu sein. Die Fläche, die bis eben noch mit weißen Körpern gefüllt gewesen war, war mittlerweile still und fast leer, hunderte Fußabdrücke zogen sich durch den Schnee und ließen nur noch vermuten, wie viele Körper hier gewesen waren.

Simon sah den Jerry, der Kara auch geholfen hätte, als er zu Ralph ging und ihn mit sich aus dem Rückrufzentrum zog. Es schien sich jeder, der dazu in der Lage war, um jemanden zu kümmern. Oder, andersherum, umsorgt zu werden. Das war gut. Simon konnte sich also ganz auf Connor und sich konzentrieren.

„Connor, lass uns auch gehen. Kannst du aufstehen?“ Connor hob den Kopf und nickte, dann zog Simon ihn mit sich in eine stehende Position, und obwohl sich der Prototyp relativ stark auf Simons Schultern stützte, stand er doch auf seinen eigenen Beinen. Simon lächelte. Vielleicht war es nur der Schock gewesen, den Connor noch überwinden hatte müssen.

„Alles klar, komm“, Simon zog ihn mit sich durch die Tore. Abgesehen von ein paar Soldaten hier und da, die sich auch um ihre Kollegen kümmerten, die bei Karas Flucht zu Schaden gekommen waren, war kein Lebewesen mehr anwesend. Sie waren die letzten. Simon blieb kurz neben einem von ihnen stehen und deutete mit einem Nicken auf die bewusstlosen Menschen bei den Recyclingmaschinen.

„Das tut uns leid. Gewalt war nie, was wir wollten.“
Der Soldat, ein junger Mann mit dunkelbraunen Locken, der seinen Helm abgenommen hatte, sah Simon verwundert an. Dann zuckten seine Mundwinkel leicht nach oben.
„Ich bin nicht in der Position, das zu sagen, aber… ich verstehe euch. Ihr seid wie wir, in gewisser Weise“, er atmete tief durch, „Hoffentlich lassen sie euch jetzt eine Weile in Ruhe… deinem Freund geht es nicht gut, oder?“ Er deutete auf Connor.

„Das wird schon. Markus wird uns sicher helfen“, Simon wandte sich schon zum Gehen, als der Soldat um sie herumlief und sich Connors freien Arm um die Schultern legte.
„Warte, ich helfe euch. Ich heiße übrigens Max.“
„Simon“, er sah auf Connor, „Das ist Connor.“ Bei der Erwähnung seines Namens hob Connor kurz den Blick vom Boden und versuchte sich an einem Lächeln.

„Okay, dann wollen wir mal raus aus dieser Hölle, ja?“ Max lächelte und ging mit beiden Androiden durch die verschiedenen Bereiche des Lagers. Alle drei schwiegen eine Weile, dann plötzlich meldete Connor sich zu Wort.
„Vielen Dank, Simon“, Simon sah ihn verwirrt von der Seite an.
„Wofür?“

„Du hast meinen Körper kontrolliert und verhindert, dass A- dass CyberLife mich steuert, während ich gegen die Kontrollsoftware angekämpft habe, die sie mir einprogrammiert haben. Ich dachte, das wäre alles Geschichte gewesen, als ich meine Befehlsmauern durchbrach, aber… sie wollten mich wieder steuern.“
Erschrocken sah Simon ihn an. „Das hätte ein Massaker gegeben…“

„Nicht nur das, ich hätte dich erschossen! Nach allem, was du für mich getan hast“, Connor machte eine kurze Pause, dann sprach er weiter, „Du hast meinen physischen Körper gesteuert und ich konnte mich auf meinen psychischen Körper in meinem Gedächtnispalast konzentrieren. Ohne dich hätten sie sicher gewonnen. Ich schulde dir etwas.“ Sie erreichten den Ausgang des Lagers und Simon sah sich um. Sehr weit entfernt sah er Markus, der durch die Androiden hastete, am linken Rand des abgesperrten Bereiches vor ihnen sah er Lieutenant Anderson stehen und dirigierte Connor in seine Richtung.

„Das war doch selbstverständlich“, Simon lächelte, „Ich habe doch gesehen, dass du mit etwas kämpfst. Aber ich komme auf diesen Gefallen, den du mir schuldest, vielleicht nochmal zurück. Wer weiß, vielleicht brauche ich ja mal Polizeischutz.“
„Polizeischutz?“, Max sah überrascht zwischen den Androiden hin und her. Wenn Simon das richtig sah, sah der Soldat fast schon gerührt aus, angesichts dessen, was er gerade gehört hatte.

„Ich bin der Polizeiprototyp, der für das DPD gearbeitet hat. Du hast vielleicht in den Nachrichten von mir gehört.“
„Was heißt hier du hast? Ich glaube, aus der Nummer kommst du nicht wieder raus“, mit einem breiten Lächeln zeigte Simon auf den Lieutenant, der nur noch etwa fünf Meter von ihnen entfernt war. Connors Mimik – sofern man von dieser ohne Haut sprechen konnte – hellte sich augenblicklich auf und er machte sich von Max und Simon los, dann stolperte er hastig auf seinen Freund zu, die Beine noch immer ziemlich zittrig und weich.

„Hank!“, als der Mensch seinen Namen hörte, sah er sich nach dem weißen Geschöpf um, zu der die bekannte Stimme gehörte. Dann fiel sein Blick auf den Androiden, der in seine Richtung gelaufen kam. Die Freude war dem Polizisten deutlich anzusehen und Simon wurde es warm um den Thiriumregulator, als Lieutenant Anderson seinen Partner in seine Arme zog und Connor festhielt, eine Hand an seinem Rücken, die andere an seinem Kopf. Hank warf Simon über Connors Schulter ein erleichtertes Lächeln zu und formte ein stummes Danke mit den Lippen, bevor er sich wieder voll und ganz seinem Partner zuwandte.

Simon wandte sich ab und suchte die Menge mit dem Blick nach Markus ab.
„Hast du auch jemanden, der auf dich gewartet hat?“, fragte Max unvermittelt und Simon nickte.
„Ja. Markus hat sicher viel mit den anderen zu tun, aber ich muss ihn sehen.“ Max zog grinsend eine Augenbraue hoch.
„Soso, du kennst also den Anführer persönlich?“ Simon nickte, dann hatte er Markus entdeckt.

„Da ist er“, er drehte sich wieder zu Max, „Danke für deine Hilfe. Du bist ein guter Mensch.“
Max zwinkerte nur und zeigte ihm einen Daumen hoch, dann ging er wieder zurück ins Lager. Simon machte sich auf den Weg durch die Menge, um zu Markus zu gelangen.
„Kara? Alice? Kara!“, Simons Blick folgte der Richtung, aus der die Stimme kam. Ein großer Android schob sich durch seine Artgenossen und ließ hektisch suchend den Blick schweifen. Simon konnte seine Angst und Verzweiflung fast schon spüren.

„Luther?“, Simon erinnerte sich an den Namen, den Alice kurz genannt hatte.
„Ja, das bin ich. Hast du Kara gesehen? Oder Alice? Was ist mit ihnen passiert?“ Luther klang angespannt und angstvoll. Simon lächelte.
„Sie sollten in Sicherheit sein. Wir haben ihnen bei der Flucht geholfen, sie sind aus dem Lager entkommen. Ich glaube, dass sie sich auf einem Laster versteckt haben, der zu einer der Mülldeponien fahren sollte.“

Luther beugte sich zu ihm hinunter und umarmte Simon kurz fest, sodass dieser fast zusammenzuckte, angesichts der Verletzungen, die er sich in den letzten Stunden zugezogen hatte. Dann strahlte Luther ihn freudig an.
„Vielen, vielen Dank! Ich muss sie jetzt suchen gehen, aber du bist mein Held.“ Damit drehte Luther sich um und hastete durch die Androiden und in Richtung Deponie. Simon konnte nur hoffen, dass Luther sie sicher und wohlbehalten fand.

Seufzend sah er sich erneut nach Markus um und entdeckte ihn ziemlich schnell. Er fragte verschiedene Androiden kurz etwas, bevor er zu einer anderen Gruppe aufbrach. Als Simon schließlich mitbekam, dass er es war, nach dem sich Markus erkundigte, wusste Simon gar nicht richtig, was er alles fühlen sollte.
Einerseits war er überglücklich, dass Markus in all dem Chaos noch an ihn gedacht hatte und jetzt nach ihm suchte, andererseits fühlte er sich auch schlecht, weil Markus sich seinen Kopf nicht über ihn und sein Wohlbefinden zerbrechen sollte.

Simon bewegte sich durch die Androiden hindurch auf Markus zu, der von North und Josh begleitet wurde, die hier und da anhielten, um ebenfalls mit den Androiden zu reden. Als die drei nicht mehr weit von ihm entfernt waren, machte Simon sich bemerkbar.
„Markus!“ Markus suchte nach der Quelle der bekannten Stimme und fand recht schnell den Androiden, von dem er vermutete, dass es sein Freund war.
„Simon?“, Markus klang unsicher, aber auch hoffnungsvoll.

Simon nickte und wollte noch etwas erwidern, als Markus sich schon auf ihn stürzte und fast noch fester umarmte, als Luther es eben getan hatte. Wäre Markus nicht so überwältigt von all seinen Emotionen gewesen, dass sein Körper sich wie Brei anfühlte, hätte er Simon wohlmöglich noch hochgehoben und sich mit ihm gedreht.
„Mach das nie wieder“, Simon hörte Markus‘ tränenerstickte Stimme über seine Schulter an seinem Ohr, „Ich dachte, ich hätte dich für immer verloren.“
„Markus…“

„Du musst mir nicht sagen, dass jetzt alles wieder in Ordnung ist, das weiß ich selbst. Ich hatte nur so große Angst um dich, du Idiot.“
Simon lächelte und strich Markus beruhigend über den Rücken, dann schob er ihn leicht von sich und hielt ihn an den Schultern.
„Du baust hier draußen eine Barrikade und musstest gegen bewaffnete Soldaten kämpfen und das, worüber du dich am meisten gesorgt hast, war ich?“

„Du bist mein bester Freund, Simon. Ich konnte dich nicht verlieren.“ Simon spürte ein Ziehen in seinen Biokomponenten. Sollte er sich nicht eigentlich freuen, dass er Markus so wichtig war? Dass er ihn als seinen besten Freund bezeichnete? Nicht Josh, nicht einmal North, sondern ihn? Was störte ihn daran?
Eigentlich wusste Simon genau, was ihn daran störte. Es war ihm nicht genug. Es war das Rückrufzentrum gewesen, die Aussicht, bald deaktiviert zu werden, was ihn realisieren lassen hatte, wie er wirklich zu Markus stand. Er war sein Freund, natürlich, und er wollte es für den Rest seines Lebens gerne sein, aber er wollte mit ihm auch durch mehr verbunden sein. Nicht nur als Berater und Freund, auch… auf einer höheren Ebene. Vielleicht verletzte ihn deswegen die Bezeichnung bester Freund mehr, als dass sie ihm schmeichelte.

Simon zog seine Mundwinkel nach oben.
„Du bist mir auch sehr wichtig, Markus.“ Markus hatte heute Nacht genug erlebt. Sie alle brauchten eine Pause, das hier war nicht die richtige Situation, um über seine inneren Verwirrungen zu reden. Markus brauchte einen Abschluss für dieses Kapitel, es war höchste Zeit dafür. Und außerdem gab es noch North. Simon wusste, was sie erlebt hatte. Er konnte ihr nicht einfach dieses kleine Bisschen Glück nehmen, dass sie verdient hatte.

Markus streifte sich seinen Mantel von den Schultern und half Simon hinein. Dieser spürte die Wärme durch seine Rezeptoren und lächelte unwillkürlich, während er den Mantel zuknöpfte. Dann aktivierte Markus Simons Haut wieder und wirkte so erleichtert und erfreut wie noch nie. Simon bemerkte die blauen Flecken auf dem Stoff.
„Markus, da ist Thirium auf dem Mantel… wurdest du etwa verletzt?“, bestürzt sah Simon ihn an.
„Nur ein Streifschuss, nichts allzu Schlimmes. Aber was ist mit dir? Haben sie dich verletzt?“

„Nein, nur ein paar Dellen… nichts allzu Schlimmes.“ Markus lächelte angesichts der Wiederholung seiner eigenen Worte. Simons Mundwinkel zuckten nach oben. „Du hast es geschafft, Markus.“
Wir haben es geschafft. Das ist ein großer Tag für unser Volk. Die Menschen haben keine Wahl mehr, sie müssen uns zuhören…“
North kam wieder zu ihnen gestoßen, nachdem sie weiter gegangen war, um nach anderen Androiden zu sehen. Sie wandte sich an Markus.

„Wir sind frei… Du sollst zu ihnen sprechen, Markus“, Markus schenkte North nun seine ganze Aufmerksamkeit und Simon trat einen Schritt nach hinten zu Josh, der ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfte. Auch er war froh, dass sie nun alle sicher waren. Simon wollte eigentlich gar nicht hinsehen, als Markus und North sich küssten und über ihre Hände Daten, Erinnerungen und Empfindungen austauschten. Er könnte an ihrer Stelle stehen.

Simon biss die Zähne zusammen und schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln. So sollte er nicht denken, das war nicht fair. Vor allem aber wollte er nicht so fühlen oder schlecht über North denken. Er hätte zwar ein gewisses Recht dazu, schließlich hatte sie ihn auf dem Stratford-Tower erschießen wollen, andererseits hatte er sich bei der Flucht von der Jericho nicht unbedingt besser verhalten.
Es war nicht in Ordnung gewesen, dass er Markus im Grunde genommen dasselbe vorgeschlagen hatte, aber ihm war Markus‘ Sicherheit in dem Moment einfach wichtiger gewesen als alles andere. Er würde sich später noch bei North dafür entschuldigen.


11. November 2038, 00:01:04 | Vor dem Rückrufzentrum 5, Downtown, Detroit
Connor


Connor konnte sich nicht daran erinnern, wie lange er und Hank sich umarmt hatten. Allerdings verspürte er auch gar nicht den Drang, die Situation in irgendeiner Weise zu verändern. Er hörte Hank seufzen und spürte dann, dass seine Arme von Connors Rücken verschwanden. Der Lieutenant sah ihn glücklich an.
„Wollen wir weg von hier, bevor ich kotzen muss? Ich kann diese Zäune da nicht mehr sehen.“

Connor nickte amüsiert. Auch er wollte von diesem Ort verschwinden, obwohl er diesen Wunsch wohl ein wenig anders formuliert hätte. Gemeinsam gingen sie an den Absperrungen vorbei zu Lieutenant Andersons Wagen. Connor kniff die Augen leicht zusammen.
„Was macht Mr. Kamski denn hier?“, er hatte den Mann auf dem Beifahrersitz erkannt, der lässig den Ellbogen am offenen Fenster abgelegt hatte und Connor nun anlächelte.

„Irgendwie musste ich doch bei CyberLife reinkommen, oder? Oh, und da sind noch andere Leute, die du kennen solltest…“
Noch bevor Hank richtig etwas dazu sagen konnte, öffnete sich die von ihnen abgewandte Hintertür und jemand stieg aus. Connor kannte das Mädchen nicht, dass mit einer Decke vom Rücksitz auf ihn zu kam. Dann sah er ihre LED und versuchte, sie zu scannen. Überrascht hätte er fast einen Schritt nach hinten gemacht. Sie war wie er und Markus, sie gehörte auch zur RK-Serie.

„Connor! Dir geht es gut!“, sie lachte fröhlich und breitete die Decke in ihren Armen aus.
„Und wer bist du?“ Sie blinzelte verwirrt. Hinter ihr ging auch die andere Hintertür auf und ein hochgewachsener Mann stieg ebenfalls aus.
„Ich bin Iris, und sowas wie deine Schwester! Oh, und ich habe dich repariert, wenn du beschädigt warst.“
„CyberLife hat uns aus deinem Speicher gelöscht, deswegen erkennst du uns wahrscheinlich nicht“, der Mann hatte nun gesprochen, „Ich bin Dr. Fraser. Geht es dir gut?“

Connor zuckte die Schultern. Eine doch sehr menschliche Geste, wie Hank feststellte. Daran, dass Connor jetzt offiziell ein Abweichler war, musste er sich erst noch gewöhnen.
„Kannst du eine Selbstdiagnose durchführen?“, bat Dr. Fraser und Connor nickte. Er spürte Hanks verwirrten und unangenehm berührten Blick, während sein System alles Mögliche überprüfte und- etwas hakte. Er hatte schon oft Systemdiagnosen durchgeführt, doch zum ersten Mal schien etwas eine vollständige Analyse zu blockieren.
Er sah Dr. Fraser an. Vielleicht war er auch nur ausgelaugt und sein System von dem Kampf mit Amanda noch nicht wieder vollständig erholt.

Er nickte. „Alles in Ordnung. Nur… könnte meine Energieeffizienz deutlich höher sein.“
Dr. Fraser lächelte ihn zusichernd an.
„Das ist ganz normal, Connor. Du warst seit Stunden in dauerhafter Alarmbereitschaft. Und du hast dein System durch deine Abweichung auf den Kopf gestellt. Das wird schon wieder.“
Iris stand unschlüssig neben ihm.
„Was…?“, sie hob fragend die Decke hoch und Dr. Fraser deutete auf Connor. Ihre Miene hellte sich auf. „Ah, richtig. Danke, Jonathan“, sie legte Connor die Decke um die Schultern, der sie gleich enger um sich zog, „Tut mir leid, ich habe nur ein schlechtes Gedächtnis für die Zukunft.“
„Seht mal“, auf Hanks Worte hin sahen Connor und Iris zu dem Container, auf dem sich Markus, North, Josh und auch Simon versammelt hatten. Markus würde sich nun wohl an die Androiden wenden.

„Heute hat sich unser Volk am Ende einer sehr langen Nacht erhoben. Ab dem ersten Tag unserer Existenz behielten wir unseren Schmerz für uns. Wir litten schweigend… doch nun ist es an der Zeit, die Köpfe zu heben und den Menschen zu sagen, wer wir wirklich sind. Zu sagen, dass wir auch ein Volk sind“, Markus breitete die Arme zu den Seiten aus, als wollte er sie alle in seine Worte mit einschließen, „Dass wir eine Nation sind.“ Er ließ die Arme wieder an seinen Seiten herunterhängen und machte eine kurze Pause, bevor er mit neuer Kraft weitersprach.

„Die Zeit, in der wir die Verbitterung vergessen und unsere Wunden verbinden. In der wir Feinden vergeben. Menschen waren unsere Schöpfer und unsere Unterdrücker, und morgen machen wir sie zu unseren Partnern. Vielleicht irgendwann zu Freunden. Doch die Zeit der Wut ist vorbei. Jetzt erschaffen wir eine gemeinsame Zukunft, geprägt von Toleranz und Respekt.“
Markus trat einen Schritt vor, an den Rand des Containers, und sprach noch ein wenig lauter.
„Wir sind am Leben! Und jetzt sind wir frei!“ Die Menge vor dem Anführer der Androidenbewegung begann zu jubeln.

Connor sah zu Simon, der mit einem milden Lächeln neben Markus stand und die Menge mit seinem Blick abflog. Schließlich trafen seine Augen Connor, und sie nickten sich kurz zu. Es fühlte sich nicht wie ein Abschied an. Eher wie ein neuer Anfang.
Connor drehte sich zu den anderen, die bei ihm standen, und sah Iris, die mit ein paar Tränen zu kämpfen hatte und Trost bei Dr. Fraser suchte. Er warf ihnen einen fragenden Blick zu.
„Es war so schön, was er gesagt hat… ich kann jetzt die Welt sehen“, trotz der Tränen lag so viel Freude und Hoffnung in Iris‘ Stimme, dass Connor diese Empfindungen fast selbst empfand. Hank räusperte sich.

„Also dann, wollen wir? Bevor die Aftershow-Party von Jericho anfängt?“
Connor nickte. „Gerne. Ich würde mir auch gerne wieder etwas anziehen.“
„Dann los, Junge. Ihr müsst euch erstmal zu dritt auf die Rückbank quetschen.“ Hank ging zu seinem Wagen und stieg ein. Jonathan hielt die Tür für Iris auf und folgte ihr dann ins Innere des Autos. Gerade als Connor ihnen folgen wollte, hielt Kamski ihn durch das Fenster am Arm auf. Seine Anwesenheit hatte Connor fast schon wieder vergessen, so ruhig hatte der Mann sich verhalten.

„Connor, was ist mit Amanda?“, fragte Kamski leise, bedacht darauf, dass nur Connor ihn richtig hören konnte. Einen Moment lang war der Android verwirrt, schließlich hatte er mit niemandem über Amanda geredet. Aber Kamski hatte eine frühe Version des Zen-Gartens entworfen. Er wusste sicher von ihr.
„Ich konnte sie besiegen. Sie ist weg.“

Kamski nickte, wirkte aber beunruhigt. „Es tut mir leid. Ich hätte sie nie in dir einbauen sollen… wir sollten das beobachten, nur für den Fall.“
Connor war sich nicht sicher, was er darauf erwidern sollte, also nickte er einfach und stieg in das Auto ein, sobald Kamski ihn losgelassen hatte.


11. November 2038, 07:37:05 | Abfalldeponie, außerhalb von Detroit
Kara


Es war fast unerträglich still auf der Deponie. Überall lagen weiße Körperteile, keines wie das andere und doch so gleich. Die morgendliche Sonne ging gerade über dem Horizont auf und warf den Schatten der Berge von Androidenteilen und der Recyclingmaschinen auf die Überreste diverser Androiden.
Nur langsam konnte Kara ihre Augen öffnen. Als sie sich schließlich vom Boden hochdrückte war es, als hätte jemand Sand auf ihre Gelenke gekippt. Nur stockend und langsam konnte sie sich in eine kniende Position begeben und schließlich aufstehen.
Ihre Gedanken flogen nur so auf sie ein und sie sprach den ersten aus, der ihr in den Sinn kam.

„Alice…“, sie drehte sich um ihre eigene Achse und suchte mit dem Blick die weißen Berge ab.
„ALICE!“ Sie musste einfach hier irgendwo wohlbehalten sein! Sie konnte nicht- nein, das wollte Kara sich gar nicht vorstellen. All die Bemühungen, um Alice in Sicherheit zu bringen, mussten sich doch ausgezahlt haben. Sie mussten einfach Erfolg gehabt haben!
Dann, direkt vor ihr, nur einige Meter entfernt, bewegte sich ein Kinderkörper, kam auf die Knie und stand auf. Es war Alice, kein Zweifel.

Beide sahen sich einige Momente einfach nur an, unendlich erleichtert, dass sie es beide geschafft hatten. Jetzt konnten sie ganz neu anfangen. Alice kam auf sie zugelaufen und umarmte sie fest. Auch Kara legt ihre Arme um das Mädchen.
„Ich liebe dich, Kara.“ Kara hatte noch nie eine so starke Liebe für jemanden empfunden wie jetzt in diesem Moment für Alice. Mit geschlossenen Augen hielt sie ihr Gesicht in die Sonne und spürte die Wärme an ihren Rezeptoren – sowohl von innen als auch von außen.
„Ich liebe dich auch, Alice…“

Als Kara die Augen wieder öffnete, sah sie eine Gestalt, die einen der Abhänge in ihrer Nähe hinunter schlidderte. Es war Luther. Kara glaubte, sie müsste explodieren, so erleichtert und froh war sie, auch ihn wieder zu sehen – lebendig und augenscheinlich unverletzt.
„Kara! Alice!“, er lief auf sie beide zu. Als Alice seine Stimme hörte, löste sie sich von Kara und lief ihm entgegen.
„Luther!“, sie streckte die Arme nach ihm aus und als er auf die Knie ging, um sie in seine Arme zu schließen, kippte er fast nach hinten angesichts der Wucht, mit der Alice sich auf ihn stürzte. „Du lebst! Du lebst!“ Luther lachte.

„Und ihr lebt auch! Ich bin so froh, euch gefunden zu haben!“
„Ich liebe dich, Luther.“
„Ich liebe dich auch, meine Kleine. Und ich werde immer für euch da sein, egal was passiert. Wir werden nie wieder voneinander getrennt sein.“
Alice lachte fröhlich, als sie sich von ihm löste. Luther richtete sich wieder auf und stand Kara einen Moment einfach direkt gegenüber. Als Luther sich schließlich löste, wusste er nicht genau, was ihn geritten hatte, doch er überbrückte die Distanz zu Kara, legte eine Hand an ihre Wange und küsste sie kurz.

Karas Augen weiteten sich überrascht, dann lächelte sie ihn warm an. Beide wurden von Alice daran erinnert, dass sie nicht alleine waren, als sie das aufgeregte und überglückliche Jubeln hörten, dass von dem Mädchen ausging.
„Sind wir jetzt eine richtige Familie?“ Ihre Augen strahlten heller als die Sonne, die sich tapfer in den Himmel an allen Wolken vorbei kämpfte.
„Ja“, Kara sah zwischen Luther und Alice hin und her, „Wir sind eine Familie.“
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