Temple of Thought

von AnjaAve
KurzgeschichteRomanze / P12 Slash
20.03.2020
29.03.2020
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20.03.2020 1.536
 
Liebe Leser,

Ich freue mich über jeden, der sich hierher verirrt!
Hier findet ihr eine echte Rarität... eine Geschichte über Mitglieder einer unglaublichen finnischen Band namens Poets of The Fall.
Wenn ihr die Band nicht kennt, hört sie euch unbedingt an!!!

Durch die plötzlich vorhandene Freizeit kam ich endlich mal dazu, ein paar bereits verfasste Texte zu lesen. Eigentlich wollte ich diesen hier überarbeiten, doch ich wüsste nicht, wie ich ihn noch verbessern soll. Also habe ich ihn jetzt offiziell als fertiggestellt deklariert und bin bereit, ihn mit euch zu teilen.

Wie immer gehören die Mitglieder der Band nicht mir sondern zum Glück immer noch sich selbst. Und ich verdiene hiermit auch kein Geld.
Ich gebe nich lediglich gelegentlich meiner Kreativität hin und möchte die Ergebnisse gerne mit jemandem teilen, der hoffentlich etwas Freude daran findet...
Sollte dies der Fall sein, dann lässt mir doch bitte einfach einen kurzen Kommentar da. Ich würde mich sehr freuen!
Natürlich freue ich mich über jede Form von Kritik. Nicht nur guter.  Lässt mich einfach wissen, was ihr von meinen Texten haltet.

Der Titel der Story ist der Titel des fünften Studioalbums der Band und zusätzlich auch der des dazugehörigen Titelsongs. Ich empfehle euch wirklich sehr, den Song anzuhören. Es ist einer meiner All Time Favourites!

Wenn ihr in den Text hineinlest, werdet ihr lesen, wie ich eine Art Gedankenpalast von Marko beschreibe. Wenn ihr euch ein Bild davon verschaffen wollt, wie ich mir diesen vorstelle, braucht ihr nur in eines der zuletzt veröffentlichen Videos der Band zu schauen...
https://www.youtube.com/playlist?list=PLf036d2aMIZ6D3wokATNETvpqszodvK8p

So, damit ist jetzt eigentlich erstmal alles gesagt.
Ich wünsche euch viel Vergnügen.

Wir lesen voneinander,
eure Anja
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Temple of Thought

Mökki, Mittsommer 2011


Im Schneidersitz sitzt Marko auf einem bequemen Hocker vor dem großen Fenster, das den Blick aus seinem Mökki hinaus auf den See freigibt. Seine Gitarre liegt locker in seinem Schoß. Sein rechter Arm hängt über den Korpus, doch seine Finger berühren keine der sechs straff gespannten Saiten. Seine linke Hand hält noch immer den Gitarrenhals fest, doch seine Finger haben ihre Spannung verloren. Würde er jetzt die Saiten anschlagen, würde nichts als ein unharmonisches Schnarren der Saiten erklingen. Das wird jedoch nicht passieren, da er mit seinen Gedanken wohl kaum ferner von seinem Instrument entfernt sein könnte.

Er ist nicht allein an dem See. Rund herum sind etwa ein Duzend kleiner Mökkis angeordnet und zum Mittsommerfest sind diese auch immer alle belegt. Am anderen Ufer wurde bereits ein großes Feuer entfacht, dessen Flammen er selbst aus seinem Fenster heraus noch als angenehm warm leuchtenden orangen Fleck wahrnehmen kann. Um das Feuer herum haben sich alle anderen Mökkibewohner versammelt. Das weiß er, weil es jedes Jahr so ist.
Die meisten dieser Leute kennt er. Nur zwei der Mökkis werden von ihren Eigentümern an Touristen vermietet. Die anderen nutzen die kleinen Häuser selbst für sich und ihre Familie.

Da wäre zum Beispiel Juha, der kräftig gebaute, bärtige Mann von nebenan. Von ihm kann Marko sich jederzeit Feuerholz holen, denn er fällt selbst Bäume und hackt die Stämme für sein Leben gern klein. So hat er immer viel zu viel Feuerholz für sich allein. Seine Frau hat ihn vor einigen Jahren verlassen und seitdem könnte man meinen, er sei verbittert, da er kaum und wenn dann scheinbar nur ungern mit anderen Leuten redet.
Marko und er jedoch mochten sich von Anfang an. Juhas andere Nachbarn sind eine sechsköpfige Familie. Jussi und Anni haben vier reizende Kinder, die jedoch sehr wild sein können und Juha in seiner Ruhe stören. Marko dagegen kommt immer allein hierher und macht keinen Krach. Selbst wenn er abends allein mit seiner Gitarre auf dem Steg sitzt und singt, ist das kaum laut genug, damit Juha etwas davon mitbekommt. Und wenn der Wind doch mal günstig steht und die Gitarrenmusik und den passenden Gesang bis zu Juha trägt, wenn er mit einem Bier auf seiner kleinen Veranda sitzt, dann lässt er es zu, sich von der Melodie weit forttragen zu lassen.
Die Stimme des blonden Sängers hat nicht selten diese Wirkung.
Folgt man dem Ufer des Sees in die andere Richtung, wohnen von Marko aus gesehen ihm nächsten Mökki Enno und Kaisa mit ihrem zehnjährigen Sohn Oskari. Die drei kommen wie er aus Helsinki und verbringen jede freie Minute als Familie gemeinsam hier. Oskari liebt das Angeln und oft rudert Marko mit ihm am frühen Morgen hinaus auf den See. Während der Junge begeistert und geduldig seine Angeln auswirft, lässt Marko in diesen Stunden nur zu gerne die Natur auf sich wirken. Sie gibt ihm so viel Kraft und Inspiration. Oftmals greift er, nachdem sie beide zurück am Ufer angekommen sind, sofort nach seiner Gitarre und seinem Notizbuch. Das ist die Zeit, wenn die Worte und Melodien förmlich aus ihm und seinem Herzen herausströmen.

Heute jedoch… heute sitzt er bereits seit Stunden vor dem Fenster. Tausend Gedanken schwirren durch seinen Kopf. Erinnerungen, Textzeilen, einzelne Worte, Melodiefetzen… und nichts davon kann er wirklich greifen. Nur eine Sache weiß er. Eine Sache bleibt immer gleich. In diesem Gebilde, ja fast schon Palast aus Gedanken, in dem er sich in letzter Zeit so oft verliert… In dessen Mitte befindet sich immer die gleiche Person.
Ein schlanker blonder Mann mit markanten Gesichtszügen und blauen Augen, fast das gleiche Blau wie seine eigenen. Er sitzt lässig auf einem hohen Barhocker, seine Lieblingsgitarre auf dem Schoß und zwei weitere Gitarren neben sich auf dem Boden aufgestellt. Neben ihm befindet sich ein zweiter, leerer Hocker mit einem Mikrofon davor. Das ist sein Platz, das weiß Marko. Es ist seine Bestimmung mit ihm gemeinsam zu spielen, zu singen, zu performen.
Wenn er sich umschaut, sieht er Publikumssitze mit rotem Samt überzogen, die sich in alle Richtungen ausbreiten. Die Decke ist hoch und reich mit Stuck verziert. Es gibt zwei Galerien, ebenfalls mit roten Sitzen bestückt. Von allen Richtungen sind Scheinwerfer auf die beiden Hocker gerichtet, doch ihm wird unter all dem Licht nicht heiß. Es bildet sich keine eklige Schweißschicht unter seinem Shirt, sondern es breitet sich nur eine angenehme Wärme auf seiner Haut aus.
Schon seit einiger Zeit ist es dieses Bild, was er vorfindet, wenn er sich in seinen Gedanken verliert. Anfangs ist es immer ganz klar und Marko kann es kaum erwarten den Raum mit seiner Stimme und dem Klang einer perfekt gespielten Akustikgitarre zum Klingen zu bringen. Doch mit der Zeit füllt sich all der Raum über der Bühne und um sie herum mit all den wirren Gedankenfetzen, die er so schwer ordnen kann. Zu gern möchte er sie sortieren, ihnen Plätze zuweisen, an denen es ihm ja in diesem Raum nicht mangelt, doch es will ihm einfach nicht gelingen. Irgendwann verschwimmt das Bild und alles, was er noch scharf wahrnehmen kann ist der blonde Gitarrist auf seinem Hocker, der ihn aufmunternd anlächelt. Seine Augen rufen ihn zu sich, neben sich.

Auch jetzt befindet sich Marko in diesem Raum, doch dieses Mal hat er sich fest vorgenommen, das Chaos um ihn herum zu bekämpfen. Jedes Mal, wenn er einen Song schreibt, lichtet sich das Chaos um ihn. Also ist es das, was er versucht zu tun. Er versucht sich von der Natur, dem See, dem Wald, der Mittsommersonne, dem Feuer, von allem inspirieren zu lassen, was sein Auge erblickt. Doch es will ihm einfach nicht gelingen. Mittlerweile steht er wieder mitten auf der Bühne, wenige Meter von dem Gitarristen entfernt, und um ihn herum herrscht ein regelrechter Sturm. Er befindet sich mittendrin, jedoch nicht im Auge. Seine Gedanken zerren an ihm, an seinen Haaren, an seinen Kleidern, einfach an allem. Der Gitarrist dagegen sitzt seelenruhig da, winkt ihn nun sogar zu sich.
Tief atmet Marko durch, dann tritt der nach vorn, auf ihn zu. Nach wenigen anstrengenden Schritten spürt er eine Art Barriere. Es kostet ihn viel Kraft sie zu durchbrechen, doch es gelingt ihm. Plötzlich ist es still. Er hatte gar nicht gemerkt, wie laut zuvor das Rauschen in seinem Kopf geworden war. Das Rauschen seiner Gedanken… Nun ist es verstummt. Auch zieht nichts mehr an ihm.
Der Gitarrist lächelt und streckt eine Hand nach ihm aus. Erstaunt schaut Marko sich um. Alles um ihn herum ist zum Stillstand gekommen. Ganz klar sieht er nun seine Gedanken. Zögernd ergreift er die Hand des Gitarristen und lässt sich von ihr zu dem freien Hocker führen. In dem Moment, in dem er sich setzt, beginnen seine Gedanken sich zu einem Song zusammenzufügen. In seinem Kopf entsteht eine Melodie, die Momente später vom Gitarristen zum Leben erweckt wird. Schauer laufen über seinen Rücken…

Es geht ein Ruck durch Markos Körper. Sein Blick, der zuvor ins Leere gestarrt hat, wird mit einem Mal wieder klar. Er dreht die Gitarre mit dem Rücken nach oben, greift nach Notizbuch und Stift und beginnt zu schreiben. Die Worte fließen aus ihm heraus wie ein Fluss ins Meer. Es ist komplett still im Raum. Nur das Kratzen des Bleistift über das Papier und das gelegentliche Knarzen des Gitarrenrückens sind zu hören, doch in Markos Kopf spielt noch immer der Gitarrist auf seiner Gitarre. Leise beginnt Marko zu summen, dann zu singen.
Es ist ein Liebeslied. Natürlich. Denn das und nichts anderes ist es, was er für den Gitarristen empfindet. Liebe.
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