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20. März: Neue Wege [by Missing Tales]

OneshotDrama / P12 / Gen
Nala Rafiki
20.03.2020
20.03.2020
1
2.205
8
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4 Reviews
Dieses Kapitel
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20.03.2020 2.205
 
Tag der Veröffentlichung: 20.03.2020
Zitat:„Woher willst du wissen, dass ein Weg schwerer ist, wenn du ihn noch nie gegangen bist?“ - Naruto
Titel der Geschichte: Neue Wege
Autor: Missing Tales
Hauptcharaktere: Nala, Rafiki
Pairings: keine
Kommentar des Autors: Liebe Leserinnen und Leser des Jahreskalenders,
ich wünsche euch viel Freude mit diesem kleinen Ausflug in eure Kindertage. Im Folgenden erzähle ich euch eine fehlende Szene aus Disneys Zeichentrickfilm „Der König Der Löwen“. Zur Vorgeschichte: Mufasa, der alte Löwenkönig des Geweihten Landes, wurde vor vielen Jahren von seinem Bruder Scar ermordet. Der junge Prinz Simba konnte zwar fliehen, doch auch er wird für tot gehalten. Mit Scar als dem neuen König aber ergeht es dem Löwenrudel schlecht und vor allem die junge Löwin Nala, Simbas Freundin aus Welpentagen, leidet unter den veränderten Zuständen. Die Szene setzt bei einer adoleszenten Nala auf der Schwelle zur erwachsenen Löwin ein.
Ich wünsche euch allen einen schönen Frühlingsanfang. Denn egal wie lang ein Winter war, egal wie dunkel die Tage waren, irgendwann wechselt der Wind und überall beginnt es erneut zu wachsen und zu gedeihen. Ein ewiger Kreis des Lebens.
Eure Missing Tales


Neue Wege

Die Sonne schien erbarmungslos vom kahlen Himmel über dem Geweihten Land. Keine Wolke war in Sicht, einsam und verloren stand der Königsfelsen in der einstmals fruchtbaren Savanne. Flüsternd hatten die Löwinnen begonnen, es das Entweihte Land zu nennen. Denn entweiht war es. Die Zebrafamilien waren verschwunden. Die Gnuherden waren weitergezogen. Und selbst der allgegenwärtige Rhythmus der Steppe, das hastige Trappeln der scharfen Springbock-Hufen, war verstummt. Nur eine einsame Giraffe reckte ihren schlanken Hals noch über die graue Linie des Horizonts und rupfte träge die letzten grünen Blätter von einem kümmerlichen Kapok-Baum.

Nala, Tochter Sarafinas, war hungrig. Nala war durstig. Doch Beutetiere gab es nicht mehr und das einzige schlammige Wasserloch war belagert von den Hyänen ihres Königs. Von Scar, dem schwarzen Löwen, dem verdorbenen Löwen, dem letzten Löwen. Scar, der die Hyänen ins Geweihte Land gelassen und die großen Herden damit vertrieben hatte.
Die anderen Löwinnen waren erneut aufgebrochen zu einer Jagd, doch immer häufiger kehrten sie ohne Beute zurück. Wenn keine Giraffe dem Hunger erlag, weil selbst das hohe Grün der Savannenbäume verschwunden war, wenn kein Elefant sich zum Sterben legte, weil die großen Wasserläufe versiegt waren, dann würden sie auch heute hungrig bleiben. Aasfresser, das waren sie geworden unter Scars Herrschaft. Auf einer Stufe mit den abscheulichen, bösartig keckernden, falschen Hyänen. Geringer, eigentlich. Die Löwinnen jagten, die Hyänen fraßen sich satt. So war die neue Ordnung und Nala hasste es. Eines Tages würde auch sie sich wie Zira und die anderen ihrem König unterwerfen müssen, es gab längst keine andere Wahl mehr.
Hungrig durchstreifte die junge Löwin die kahlen Felsen und spitzte die Ohren nach jeder noch so kleinen Beute. Ja, selbst eine winzige Streifengrasmaus, mit ihrer rosa Nase und ihren Knopfaugen, klang nun wie ein äußerst begehrenswerter Leckerbissen. Auf ihrer Suche entfernte sie sich weit, sehr weit vom Königsfelsen. Rot stieb der Sand unter ihren Pfoten und rot und leer und tot lag die einst fruchtbare Savanne vor ihr.
Hier war sie noch niemals zuvor gewesen. Diesen gewaltigen Baobab-Baum, der einsam in der roten Wüste stand, hatte sie noch niemals zuvor gesehen. Doch das leise Rascheln darin, das feine Klimpern und Klappern und Klopfen, das hatte sie schon viele Male zuvor gehört. So klangen sorglose Affen. So klang unvorsichtige Beute. Und ihr Körper reagierte.
Leise, ganz leise.
Sachte, ganz sachte.
Klein, ganz klein.
Nur ihre Schwanzspitze zuckte vor Erregung, als sie näher schlich, den Bauch flach auf den Boden gepresst.
Näher, näher, ganz nah.
Der bizarre, überbreite Stamm des Baumes, beinah so breit wie die Baumkrone selbst, öffnete sich rasch in eine niedrige Krone, niedrig genug, dass selbst eine Löwin mit einem Sprung auf die ersten Äste in jenen Raum eindringen könnte, in welchem der noch unsichtbare Affe so sorglos spielte. Vorsichtig hob Nala ihre Nase in den Wind und schnupperte. Es roch nach einem alten Exemplar, hart und zäh, doch immer noch besser als Elefanten-Aas. Sie legte eine Pranke an die gefurchte Rinde und ...
Ein heftiger Schlag auf ihre Pfote entlockte ihr ein wütendes Fauchen und sie sprang zurück, die schmerzende Pfote schützend an den Körper gezogen.
„Uhahahahahaha!“, lachte der Baum.
Mit angelegten Ohren suchte sie nach dem Urheber des Geräusches. Ein alter Mandrill hockte auf den niedrigen Zweigen. In seinen Händen hielt er einen langen Stock mit rasselnden, klappernden Früchten am oberen Ende wie eine Keule über dem Kopf. Obwohl bereit, den Stock erneut auf Nalas empfindliche Pfoten heruntersausen zu lassen, stand ein breites, seliges Lächeln in dem bunt gezeichneten Affengesicht.
„Rafiki!“ Nalas Körper entspannte sich, doch ihr Magen knurrte lauter als zuvor. „Ich hätte dich beinah getötet!“
„Uhahahaha!“, gackerte der alte Affe und stützte sich schmunzelnd auf seinen Bakorastab, das Zeichen des obersten Schamanen des Geweihten Landes. „Das glaube ich nicht, junge Nala!“, lachte er, „da hätte der alte Rafiki doch ein Wörtchen mitzureden, nicht wahr?“ Schnatternd schüttelte er sich und die Blätter seines Zweiges, ehe er herabsprang, um Nala in Augenschein zu nehmen.
„Es ist lange her, dass mich hier jemand besucht hat“, sagte er. „Und dünn siehst du aus, viel zu dünn.“ Mit seinem Stock stieß er sie schmerzhaft in die viel zu deutlich sichtbaren Rippen.
Nala fauchte mehr aus Überraschung als durch den Schmerz und ließ den Kopf hängen. „Ich weiß“, seufzte sie, „aber es gibt keine Beute mehr und Scar will den Königsfelsen nicht verlassen.“
Plötzlich ernst geworden sah der alte Schamane in die Ferne. „Oh ja“, murmelte er in Gedanken, „ein König sollte den Königsfelsen nicht verlassen.“
Nala folgte seinem Blick, doch am Horizont gab es nichts als Sandwüste, trockene Sträucher und einen dichten Dschungel in der Ferne. Sie war schon viel zu weit gelaufen. Ein Löwe gehörte nicht in den Dschungel. Ein Löwe gehörte nicht in die Wüste. Ein Löwe gehörte in die Savanne, gehörte zu seinem Rudel, und sie gehörte zum Königsfelsen. Zum König.
„Ich sollte zurückgehen“, sagte sie. „Man wird schon nach mir suchen.“
Rafiki nickte langsam. „Ja, Zurückkehren ist eine gute Sache“, stimmte er ihr zu. Jedenfalls glaubte sie, dass es eine Zustimmung war. „Aber um zurückkehren zu können, muss man ja erst fortgegangen sein, glaubst du nicht?“
Nala leckte sich verwirrt über die Lefzen. „Ich bin doch fortgegangen?“, erinnerte sie ihn. Schließlich befand sie sich gerade hier, ganz am äußersten Rand der zur Wüste verwandelten Savanne.
„Bist du das?“, fragte Rafiki zurück und zwinkerte listig. „Vielleicht bist du das, und vielleicht bist du das nicht. Ich aber habe das Gerücht gehört, dass du nach einem neuen König suchst. Ist das nicht so?“
Die Löwin starrte ihn an. „Das ist lange her“, sagte sie. „Nun wird kein fremder Löwe sich mehr hierher wagen. Keiner wird um dieses von der Dürre und den Hyänen verfluchte Land mehr mit Scar kämpfen wollen.“
Der alte Affe lachte laut und das Echo seines Lachens schallte weit über die Ebene. „Wer redet denn von einem fremden Löwen, junge Nala? Hm?“
Nun war es an ihr, aufzulachen, in einem einzelnen, lauten und äußerst sarkastischen „Ha!“, das sie schmerzhaft an den Freund aus ihren Jugendtagen erinnerte. Simba, der gestorben war, noch bevor er die Mähne tragen konnte, die er sich stets erträumt hatte. Simba, der ihr die Welt jenseits des behütenden Schutzes des Rudels gezeigt hatte. Simba, der hätte König werden sollen nach Mufasa. Er hatte so gelacht, wann immer man ihm sagte, dass etwas unmöglich sei. Dass er etwas nicht tun dürfe. Er hatte gelacht und hatte es trotzdem gemacht und es hatte ihn stets in Schwierigkeiten gebracht. Schwierigkeiten, die er immer überwunden hatte. Immer, außer dem einen, dem letzten Mal.
„Mufasa ist tot und Ziras Sohn Nuka ist ein törichter, plumper Welpe. Welchen anderen König gibt es?“, fragte sie verbittert.
„Den wahren König“, antwortete Rafiki geheimnisvoll und zog sie am Ohr, um ihren Blick in Richtung des Dschungels zu lenken. „Den rechtmäßigen König.“
Die Erinnerungen, die der Schamane in ihr heraufbeschwor, waren schmerzhafter als es seine Stockschläge jemals hätten sein können und Nala knurrte böse. „Dort im Dschungel findet sich gewiss kein Löwe, geschweige denn ein König“, fauchte sie ungehalten und befreite ihr Ohr mit einem heftigen Kopfschütteln aus dem kneifenden Griff des Affen. „Und jagen kann man dort auch nicht, der Dschungel ist zu unwegsam für Löwen.“
„So warst du schon oft im Dschungel, richtig?“
„Ich muss nicht dort gewesen zu sein, um zu wissen, dass es so ist.“
„Falsch! Haha!“, lachte Rafiki und hüpfte wie von Sinnen um Nala herum. Die harten Früchte seines Bakorastabes klapperten wild und unbändig und schienen sie ebenso auszulachen wie ihr Träger. „Woher aber weißt du das, hm?“, lachte er in völlig deplatzierter Euphorie.
Sein Gehopse weckte Nalas Jagdinstinkte und sie hatte auf einmal das heftige Verlangen, diesen nervtötenden, albernen, verrückten alten Affen zu Boden zu werfen, ihn festzunageln und ihm sein blödes, affiges Grinsen aus dem Gesicht zu kratzen. Als der Bakorastab sie auch noch an der empfindlichen Löwennase traf, war es um ihre Selbstbeherrschung geschehen und sie sprang ihn an. Doch als hätte er es erwartet, schwang sich Rafiki über seinen Stab außerhalb der Reichweite ihrer Pranken und hangelte sich hinauf in die Zweige.
„Manche Dinge weiß man einfach!“, fauchte Nala ungehalten. „Genauso wie du weißt, dass du nicht fliegen kannst!“
„Sieh mich an!“, lachte er. „Glaubst du nicht, ich kann fliegen?“
Irritiert und beunruhigt verfolgte sie sein Gehampel. Dieser Affe war verrückt. Vollkommen und unwiederbringlich verrückt. „Natürlich kannst du nicht fliegen!“, antwortete sie.
„Nun, ich hab es noch nie probiert. So schwer kann es nicht sein ...“ Rafiki hing mit einer Hand vom Zweig, und legte sich einen Fuß in Denkerpose an sein runzliges Kinn. „Finden wir es doch heraus! Hahaaaa!“
„Rafiki! Nein!“
Doch bevor Nala ihn an seinem Stab hätte zurückhalten könnte, sprang Rafiki bereits mit einem gewaltigen Satz vom Baum, hüpfte auf einen Felsen, machte einen Satz und --- war verschwunden. Nala hechtete mit einem gewaltigen Sprung hinterher und krallte sich erschrocken in den harten Fels. Vor ihr brach das Plateau der Savanne ab in eine tiefe, grasbestandene Ebene. Die Bäume sahen winzig aus von hier oben und das Glitzern eines trägen Flusses erinnerte Nala an ihren Durst. Aus der Tiefe hörte sie einen Affen kreischen.
Hastig, aber deutlich langsamer als Rafiki, kletterte sie in die Tiefe, jeden Ritz und Vorsprung nutzend. Jeder Leopard wäre neidisch gewesen, doch Nala hätte wirklich drauf verzichten können. So ein törichter Affe! Wahrscheinlich lag er irgendwo in der Tiefe mit gebrochenem ...
„Da bist du ja endlich!“
Quietschfidel tauchte Rafiki vor ihr im Gras auf, als sie den letzten Sprung herab gewagt hatte, pitschnass aber unversehrt. Er musste in einem Teich oder Fluss gelandet sein.
„Wir haben gelernt: Ich kann fliegen und du kannst klettern“, lachte er. „Ahahahaha! Asante sana, Matsch Banana, wewe ndugu mimi hapana!“ Fröhlich und völlig sinnfrei singend hopste der alte Affe vor ihr auf und ab, sein wahres Alter Lügen strafend.
Nala aber war nicht in der Stimmung zu Späßen. „Wie soll ich da jetzt je wieder hochkommen, hm? Ich bin eh schon spät dran“, stöhnte sie und bei dem Gedanken daran, diese Steilwand wieder empor klettern zu müssen, knurrte ihr Magen noch lauter als je zuvor.
„Ist doch egal! Geh doch durch den Dschungel!“
„Du machst mir Spaß, der Weg durch den Dschungel wäre noch viel schwerer. Genauso gut könnte ich probieren, Simba wieder zum Leben zu erwecken!“
Urplötzlich angelte der Schamane ihren Kopf mit seinem Stab und zog sie dicht an sein Gesicht heran. Ernst sah er ihr in die Augen und flüsterte mit rauher Stimme: „Woher willst du denn wissen, dass ein Weg schwerer ist, wenn du ihn noch nie gegangen bist?“
Nala sah die Steilwand hinauf. Sie hatte den ersten Schritt gemacht. Genauso gut könnte sie jetzt auf dem Rückweg auch noch durch die Grasebene und den Dschungel streifen, wenn es denn Rafiki glücklich machte. Zumindest wäre sie eine Zeit lang nicht mehr durstig und vielleicht fand sich doch die ein oder andere unvorsichtige Beute dort.
„Der Dschungel, also“, seufzte sie ergeben. „Aber sei nicht zu enttäuscht, wenn ich zurück bin. Das mache ich nur, damit du aufhörst zu nerven.“
Als sich die junge Löwin abwandte und neue Wege einschritt, sah ihr der weise Rafiki hinterher und stützte sich leise summend auf seinen Stock. Tief sog er die frische Luft ein. Oh ja, diese Luft roch nach Wasser, nach Wachstum, nach Wandel. Es lag eine Erneuerung in der Luft, ein Hauch von Frühling in einer Welt ohne Jahreszeiten. Der Wind würde sich drehen. Die Löwin würde eine Entdeckung machen, die das Schicksal des Geweihten Landes wenden könnte. Wenn Simba noch immer der war, als der er geboren wurde. Ein Prinz, ein Löwe, ein König. Der wahre König des Geweihten Landes.





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Der König der Löwen. Ich habe zu meinem Bedauern den Film nie ganz gesehen. Das muss ich unbedingt mal nachholen.
Diese Geschichte war wirklich sehr schön. Tales entführt einen in eine Welt voller Missgunst und Gefahren, aber auch in eine Welt voller Hoffnung. Das war eine wirklich sehr schön beschriebene Szene, zu der das Zitat wirklich gut gepasst hat.

Eure lula-chan
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