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Marmorweiss - Rubine und Ebereschen -

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / MaleSlash
Caesar Flickerman Cashmere Gloss OC (Own Character)
20.03.2020
27.05.2022
15
43.196
5
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20.03.2020 4.630
 
Es war weich, es war warm. Er fuhr unbewusst über die Decke. Er genoss die Stille. Plötzlich ertönte ein Krächzen, dieses verhasste Krächzen. Er streckte sich nach dem Nachttisch, doch erreichte er den Wecker nicht, der munter anfing zu quasseln.
«Guten Morgen Marble! Es ist sieben Uhr morgens, die Sonne scheint über unserer glorreichen Nation und heisst uns in einem neuen Tag willkommen».
«Halt deine Fresse», murmelte Marble, doch der Wecker schien ihn nicht zu hören
«Dein Programm für heute lautet wie folgt: acht Uhr dreissig: Schule, zwölf Uhr fünfzig: Praktikum in der Diamantwerkstätte, siebzehn Uhr fünfundvierzig: Training mit Gloss.»
Er drehte sich im Bett und probierte den nervigen Ton mit seinem Kissen zu überdecken.

«Heute jedoch gibt es ein Spezialprogramm! Die Schule und folgende Aktivitäten fallen um zehn Uhr aus, denn es ist Erntetag und vielleicht bist du derjenige der die Ehre hat, Distrikt 1 dieses Jahr bei den 68. Hungerspielen zu repräsentieren! Auf auf nun!».
Langsam richtete er sich auf, jeder Muskel in seinem Rücken tat vom gestrigen Training weh.
«Was redet die da von Ernte», schoss es ihm durch den Kopf . «Es ist der ‘Jemand, der wir vorher ausgesucht haben, wird sich freiwillig melden Tag’ und leider bin ich derjenige.» Während er aufstand und zum Schrank ging, um seine Kleider für die Schule zu holen, ging ihm das Gespräch zwischen ihm und seinem Trainer durch den Kopf.
«Ich will aber nicht in die Spiele!», hatte er ihn angefleht.
«Ich kann nichts mehr dran rütteln, Marble, die Juroren haben deine Testergebnisse angesehen und meinten, dass du die besten Chancen hättest. Deine Waffentechnik, deine Überlebenskünste, dein Charman…»
«Ich bin erst siebzehn, Gloss! Sie können mich nicht zum Freiwilligmelden bringen» hatte er protestiert.
“Du hast jeden achtzehnjährigen geschlagen. Weisst du nicht mehr, Mahogany, wie du ihn ihm Dolchkampf auseinandergenommen hast?”
“Aber…”, wollte er protestieren
“Hör auf zu quengeln und sei ein Mann! Soweit ich weiss, ist deine Mittributin genauso alt wie du und meine Schwester hat mir gesagt, dass sie nicht so rumheult”, hatte ihm Gloss das Wort abgeschnitten.
“Wer?” hatte er bloss gefragt
“Ruby Westwood”
“Kenn ich nicht.”
“Ist ja auch egal” Gloss hatte geseufzt, ihm die Hand auf die Schulter gelegt und sein brüderliches Gesicht aufgesetzt: “Ja, ich war achtzehn als ich in die Spiele musste und ja, es ist nicht etwa, dass ich wieder tun würde. Es war die Hölle, aber weisst du, warum ich hier bin”
“Warum?”
“Um dir die Hölle leichter zu machen”
“Ja dann schick mir Giftpillen am ersten Tag”. KLATSCH Gloss schmierte ihm eine, nicht hart, aber auch nicht sanft, wie er es immer tat, wenn Marble einen dummen Spruch rausliess. “Hör auf” sagte er bloss knapp und fuhr dann fort “seit du acht bist trainierst du hier, weisst du noch, wie ich dir mit zehn das Messerwerfen beigebracht habe?” Marble musste schmunzeln, er wusste es noch als wäre es gestern gewesen.
“Und im selben Jahr musstest du ihn die Spiele”
“Und ich bin wieder herausgekommen. Wir sind nicht wie diese durchgeknallten Freaks aus Distrikt 2 hier und auch keine Memen wie die aus vier. Aber wir aus Distrikt 1, wenn wir gehen müssen, gewinnen wir oder tun das absolut beste, um dies zu tun. Ich hab die Jury schon letztes Jahr davon abgehalten dich zu wählen, dieses Jahr kommen wir nicht drum rum. Aber hey!”, sagte er als Marble bereits auf den Boden blickte “Ich bin jeden. Einzelnen. Schritt bis zur Arena. Bei dir”, mit jedem Satz drückte er ihm den Zeigefinger in die Brust.

Im Badezimmer wählte er auf dem Monitor Pfirsiche und Pfefferminze als seinen Duft und trat dann in die Dusche. Das Wasser prasselte an seinem Körper runter und kurz darauf war das ganze Badezimmer voller Dampf und es roch intensiv nach Pfirsichen. Seine Eltern hatten ihn wie die meisten Kinder der oberen Schicht aus Distrikt 1 nur ihn diese Akademie geschickt für den Fall, dass er gezogen werden würde, nie hätten die gedacht, dass er sich freiwillig melden müsste. Seine Mutter hatte bittere Tränen geweint und auch bei seinem ach so beherrschten Vater erblickte er eine Träne im Auge. Seine Mutter hatte über zwei Stunden getobt und geschrien, wie sie es nicht könnten, nicht durften, nicht sollten. Doch selbst sein Vater, mit einem zittern in der Stimme, erklärte ihr, dass sie Akademie sowohl könne und auch dürfe.
“Er ist unser einziges Kind, Romulus! Was sollen wir nur ohne ihn tun!”
“Das müssen wir uns nicht überlegen! Unser Sohn wird zurückkommen!”
“Wir können ans Kapitol schreiben! An Snow persönlich…”
“Und ihnen einen Beweis geben, dass wir unseren Sohn in einer Akademie haben ausbilden lassen, die Tribute für die Spiele vorbereiten? Willst du uns alle umbringen?”
“Ich will doch nur dass unser Baby lebt…” und dann hatte sie wieder angefangen zu weinen. Diese Unterhaltung hatte er am Abend nach der Ankündigung erfahren, als sie dachten, er schliefe bereits, es hatte ihm das Herz gebrochen und auch jetzt noch wichen ihm tränen ihm die Augen als er an die letzten Worte seiner Mutter dachte
Ich will doch nur dass unser Baby lebt!
Er schaltete das Wasser aus und trat aus der Dusche in das von Dampf überfüllte Badezimmer. Er wischte den Dampf vom Spiegel weg und ihm blickte ein grünäugiger Teenager mit blonden Locken entgegen.
“Du bist der beste”, sagte er diesem Jungen, ohne es wirklich zu glauben
“Du schaffst das! Du ziehst es durch”, doch die Worte fühlten sich leer an und der Junge im Spiegel sah ihn ungläubig an. Als er wieder in sein Zimmer zurückkehrte, waren dort bereits sein weisses Hemd, eine schwarze Hose und seine schwarzen Schuhe.
“Mama!”, rief er durch die offene Türe und von unten kam ein
“Ja?! Marble Schatz?”
“Muss ich das in die Schule anziehen?!”
“Ja! Ihr geht wieder direkt nach dem Unterricht!”
“Ok!”
Als er sich fertig angezogen hatte, ging er die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, wo sie immer frühstückten. Beim grossen Tisch warteten bereits seine Mutter, fertig gestylt, mit ihren blonden Locken, die ihr den Rücken hinunterfallen und sein Vater mit einem gequälten Lächeln auf dem Gesicht.
“Ich habe ihnen gesagt, sie sollen dein Lieblingsfrühstück machen”, sagte seine Mutter mit einem traurigen Lächeln uns streckte die Hand nach ihm aus. Für sie und nur für sie lächelte, er setzte sich hin und begann zu essen als wäre es das letzte Mal. Was ihm an jedem anderen Tag geschmeckt hätte, schmeckte nun fade und leer. Als er alles hinuntergewürgt hatte, lächelte ihn seine Mutter abermals an. “Hast du genug gegessen?”, fragte sie ihn. “Willst du noch ein wenig Speck?”
“Nein Mama ist gut, ich hab keinen Hunger mehr”, bevor er den Satz überhaupt fertig gesagt hatte, wusste er, dass es ein Fehler war. Das Wort Hunger hatte etwas in seiner Mutter geweckt, woraufhin sie ihn Tränen ausbrach und nach oben stürmte. Hilfesuchend blickte er seinen Vater an, der ihn nur ebenso traurig ansah, bevor er aufstand und sagte “Ich kümmere mich darum, geh in die Schule”.
Plötzlich stand Marble ganz alleine am Esszimmertisch. Es schienen Stunden zu vergehen, bevor er sich erhob, seine Schultasche packte und in die Schule lief. Auf dem Weg durch das Zentrum von Distrikt 1 sah er, wie auf dem Platz vor dem Justizgebäude bereits alles für die bevorstehende Ernte vorbereitet wurde. Die Absperrungen für die verschiedenen Altersgruppen waren bereits abgesteckt und grosse Banner des Kapitols neben dem Banner von Distrikt 1 wurden aufgestellt. Marble blieb einen kurzen Moment stehen und beobachtete, wie die Leute aus dem Kapitol eilig die riesigen Glaskugeln herbeischleppten, aus denen nachher die Zettel für die Kinder gezogen werden würden, was natürlich nicht darauf ankäme, weil er sich eh …
“Marble!”, etwas rempelte ihn von hinten an und der Stimme zu urteilen nach brauchte er keine zehn Sekunden, um zu wissen, wer es war. Er setzte ein gespieltes Lächeln auf und blickte in das Gesicht seines besten Freundes Silvan Woodville. Wie immer war er schmutzig gekleidet und roch nach Erde, doch das war, was Marble am meisten an ihm mochte, wenn man vom braunen Lockenkopf und dem schallenden Lachen abhielt. Silvan war aus der Unterschicht von Distrikt 1, deren Eltern arbeiteten in den Edelsteinminen und den Fabriken, die der Oberschicht, zu der Marble gehörte, arbeiteten. Er grinste ihn an, dabei tanzten die Grübchen über seine Wangen und wie immer zwickte es ihn im Bauch. “Was hast du ...”, fragte er in seinem hänselnden Ton und legte den Arm um seine Schulter “... wieder angegafft, oder soll ich fragen besser fragen wen?”. Er blickte in dieselbe Richtung wie Marble und sagte dann:
“Oh”
“Yup”, antwortete Marble knapp
“Also ich glaube nicht, dass ich mit Irgendeiner aus dem Kapitol ins Bett steigen würde, wenn du mich fragst”
“Was?!”, fragte Marble erschrocken und trat einen Schritt zurück, doch Silvan lachte nur in einem schallenden Ton und gemeinsam liefen sie in die Schule.
Auf dem Weg hob sich Marble Stimmung dank Silvan Witzen, Gesten und Lachen erheblich.
“Ich wette dieses Jahr ist Inkwood Wallace dran, der Typ ist ein Berg!”, sagte er und rollte beim letzten Wort die Augen nach hinten und legte den Kopf in den Nacken, woraufhin Marble in verdutzt ansah. Da grinste er nur, legte den Arm um ihn und klopfte ihm mit der rechten Hand auf die Brust. Er mochte Silvan, sehr sogar. Er war sein bester Freund, seit sie sich kannten, was ungewöhnlich war, den normalerweise blieben die Schichten in Distrikt 1 unter sich. Doch ihre ungewöhnliche Freundschaft hatte sich bereits im Kindesalter entwickelt, da ihre Väter selbst Freunde waren und sie miteinander in die Schule gingen. Er und Silvan hatten diese Verbindung, die er sonst mit niemandem spürte und auch nie vorher gespürt hatte, sie verstanden sich einfach, hatten den gleichen Humor und interessierten sich für die gleichen Dinge. Ihn zu sehen war eines der Highlights des Tages und jedes Mal als er seine Stimme hörte und bei seinem Lachen die Grübchen über seine Wangen tanzten, bekam er einen kleinen Zwick in den Bauch. Er wüsste nicht, ob er die Schule ohne ihn überleben würde, bei dem verblödeten Haufen, der sonst in seiner Klasse herumfleuchte. Den ganzen Weg zur Schule redete Silvan nur von den Spielen und wie sich Distrikt 1 dieses Jahr wohl schlagen wird. Er hat leicht zu reden, dachte sich Marble, ihn trifft es ja nie, und wenn doch, kommt irgendein Idiot und meldet sich freiwillig, bis er realisierte, dass dieses Jahr er dieser Idiot sein würde. Die Schule, die er besuchte, war nicht weit vom Justizgebäude entfernt, alle Kinder aus Distrikt 1 gingen in diese Schule, von sieben bis achtzehn. Silvan und Marble wollten gerade das Klassenzimmer betreten als ihn seine Lehrerin bei der Tür zur Seite zog.
“Mr Willington auf ein Wort bitte”, die anderen Schüler blödelten noch im Klassenzimmer herum, doch manche hatten ihn gesehen und beäugten ihn argwöhnisch. “Mir wurde gesagt, dass sie um neun Uhr im Trainingscenter erwartet werden, sie können nach dieser Stunde in der Pause gehen, damit sie kein Aufsehen erregen”.
“Gut, Danke”
“Und Marble”, sagte sie und hielt ihn an der Schulter zurück, als er sie ansah, hatte sie eine traurige Miene auf “sie sind ein guter Junge. Möge das Glück stets mit ihnen sein”.
Die ganze Stunde schien dahin zu kriechen. Silvan flüsterte andauernd mit ihm, doch war es eher ein Monolog und so musste er eher mit einem nicken oder einem “mhm” antworten, was alles um einiges leichter machte. Sein Magen fing sich an zu drehen und ein elendes Stechen ging durch ihn durch. Abgedämpft bekam er mit, dass die Glocken klingelten und die Schüler verliessen den Raum für die nächste Stunde. Auf den Gängen ging es wie immer laut zu und her und überall gab es nur einen Gesprächsstoff: die Spiele.
“Ich habe gehört, dass Ruby Westwood sich dieses Jahr freiwillig melden will”, hörte er ein vierzehnjähriges Mädchen beim Vorbeigehen sagen.
“Und der Junge?” fragte Ihre Freundin
“Das weiss noch niemand”
Sein Herz begann wieder zu klopfen und sein Bauch fing an zu stechen. Wie als könnte, er den Schmerz lindern, fing er sich an am Bauch zu kratzen.
“Hey, alter” meinte Silvan plötzlich und legte ihm die Hand auf die Schulter “Gehts dir gut? Du redest heute kaum”.
“Ich hab heute nur ein wenig Bauchschmerzen, ich glaub, ich geh besser nach Hause.” sagte Marble, was nur halb gelogen war, so erschien es ihm.
“Wenn du meinst”, sagte Silvan und sah ihn besorgt an. “Dann sehen wir uns also bei der Ernte?”
“Ja”, antwortete Marble und zwang sich zu lächeln “bis später”.
“Bis später”.
Marble ging so unauffällig wie möglich aus der Schule und durch die nun sehr belebten Strassen von Distrikt 1. Auf dem Weg zum Trainingscenter kam er wieder am Justizgebäude vorbei, bei dem nun alles aufgestellt war: die Bildschirme, die Banner, das Podium, sogar die grossen Glaskugeln, wo all die kleinen Zettel aufbewahrt wurden, waren schon gefüllt und aufgestellt. Er musste sich von diesem Anblick losreissen, um weiterzugehen. Im Trainingscenter angekommen legte er wie gewohnt seine Tasche und seine Jacke an den Haken und zog sich in der Umkleide in seine Trainingssachen um, es waren seine normale Sportkleidung, die er auch im Schulsport hatte, ein graues Tanktop, welches ihm viel zu eng war, ein paar rote Shorts und weisse Turnschuhe. Er blickte sich um beim Eingang, an der Tür standen Porträts aller Sieger aus Distrikt 1. Von dort drüben grinste Gloss in breit an und gleich neben ihm blickte seine Schwester Cashmere zu ihm herüber. Es schien so einfach für sie gewesen zu sein, da reinzugehen, alle zu töten und als Sieger triumphierend nach Hause zurückzukehren. Wird es für ihn auch so sein, wird er auch einfach nach Hause kommen können, wenn überhaupt, würde er diesen Raum je wieder sehen. Er stand auf und schloss seinen Spind, ihm grinste ein blonder Lockenkopf entgegen, der noch keine Ahnung hatte, was auf ihn zukam. Marble griff nach seiner Tasche und ging nach unten in den Trainingsraum. Als er die Tür öffnete, wurde er mit einem “Da ist er ja endlich”, von Gloss begrüsst. Er schmiss seine Tasche demonstrativ genervt bei der Tür hin und lief zur Mitte der Halle, wo Gloss bereits wartete. Bei ihm stand seine Schwester Cashmere und daneben ein wunderschönes, blondes Mädchen. Sie hatte kristallblaue Augen, rosa Lippen und lächelte ihn freundlich an als er sich zu ihnen gesellte.
“Da haben wir euch beide also”, meinte Gloss strahlend. “Ruby, Marble. Marble, Ruby. Kommt, stellt euch nebeneinander, damit wir euch ansehen können!”. Ruby war etwa einen halben Kopf kleiner als er, sie war kräftig, aber nicht bullig und hatte immer noch eine gewisse Weiblichkeit an ihr.
“Mir gefällt deiner, du hast ihn gut hergerichtet”, meinte Cashmere und sah ihn von oben bis unten an “Und hübsch ist er auch, das können wir gut verkaufen”.
“Das kommt erst später Schwesterherz, wir müssen nun andere Dinge besprechen, setzt euch!”
Sie setzten sich in der Mitte des zentralen Kreises hin. Marble mochte es ganz und gar nicht. Nicht nur der Fakt, dass er hier war, sondern auch die Stille, die sie umgab, normalerweise würden nun um die dutzend Kinder und Jugendliche um ihn herum mit ihren Mentoren trainieren. “Also”, begann Gloss und klopfte auf den Boden. “Was sind eure bevorzugten Waffen”.
“Schwert, Kurzschwert, umso besser”, meinte Ruby wie aus einer Kanone gefeuert. Marble wollte mit den Augen rollen, wie euphorisch sie auf diese Spiele zuging, beunruhigte ihn, sie wird sich wohl gut mit denen aus Distrikt zwei verstehen, so viel war sicher.
“Und du Marble?”, weckte ihn die sanfte Stimme von Cashmere aus der Tagträumerei.
“Hm? Ah...ja. Bogen würd ich sagen, Dolche vielleicht”
“Gut”, meinte sie und blickte sie beide an, “Ihr könnt jetzt noch ein wenig trainieren. Das ganze Taktikzeug werden wir besprechen, sobald wir im Kapitol sind. Nutzt die Gelegenheit noch, um hier zu trainieren.”
“Hier könnt ihr noch Fehler machen”, meinte Gloss und hatte plötzlich einen dunklen Blick. “Doch im Trainingscenter werdet ihr andauernd unter der Beobachtung der Spielmacher sein und in der Arena kann jeder Fehler tödlich sein”. Sie teilten sich auf und komischerweise kam Cashmere mit ihm zum Stand fürs Bogenschiessen. Sie hielt sich anfangs noch im Hintergrund, als Marble ruhig den Köcher umlegte. Er nahm den silbernen Bogen in die linke Hand, griff nach hinten zum Köcher, legte den Pfeil in einer Bewegung auf die Sehne, zog nach hinten und schoss. Der Pfeil surrte durch die Luft und direkt in den Schädel der Übungspuppe.
“Sehr gut. Lass mich noch etwas bei deiner Haltung korrigieren. Leg einen Pfeil auf und zieh ihn nach hinten.” Marble tat wie getan und sie trat an ihn ran und richtete seine Körperhaltung und seinen Ellenbogen.
“Du kannst auch schnell Schiessen, hm?”, fragte sie ihn, während sie seinen Arm richtete und Marble nickte als Antwort. “Gloss hat mir gesagt, dass du nicht allzu erpicht auf die Spiele bist. Ist das wahr?”, fragte sie ihn leise, abermals mit einer sanften Stimme. Marble nickte wieder.
“Das kann ich verstehen”, sagte sie und Marble entspannte den Bogen.
“Die Jury hat mich auch einfach ausgewählt, sie dachten, ich hätte wohl die besten Chancen, weil Gloss im letzten Jahr gewonnen hat. ‘Die Schwester des Siegers’ war meine Rolle in den Spielen, dass ich nicht lache”, sie lachte höhnisch. “Es hat mir mehr ein Ziel auf den Rücken gezeichnet als, dass es mir geholfen hat. Ja ich hab viele Sponsoren gehabt, doch die anderen Tribute hassten mich deswegen”, es war so viel Schmerz in ihrer Stimme als hätte sie das nie jemandem erzählt. “Wie du weisst, musste ich als Erstes meinen Distriktpartner töten. Mein erstes Opfer.”
“Ich kann mich noch daran erinnern”, meinte Marble ruhig, “wird es … wird es nach den Spielen besser?”
“Nein. Das schlimme kommt danach” und sie griff sich fast schon intuitiv an den Bauch “Danach beginnt die wahre Hölle”.
“Cashmere, was ist passiert?” wollte er sie voller Mitgefühl fragen.
“Das ist irrelevant”, antwortete sie mit einer ungewohnten Kälte “Weisst du, warum ich alles überstanden habe? Weil ich zu ihm zurückwollte”, sagte sie und nickte zu Gloss hinüber, der sich gerade voller Freude in einem Schwertkampf mit Ruby mass, “Ich hoffe, du hast auch jemanden, für den du kämpfst, sonst wird es wohl kaum gut für dich enden. SCHIESS!”, wie aus Reflex spannte, er den Bogen, zielte in einer Millisekunde und liess los. Der Pfeil traf direkt ins Herz.
Sie trainierten noch etwa eine Stunde weiter. Er übte weiter Bodenschiessen mit Cashmere, aber muss sich dann auch mit Gloss in einem Schwert und Dolchkampf. Als sie fertig waren, zogen sie sich alle in die Umkleidekabinen zurück. Wieder hüpfte Marble unter die Dusche, diesmal war es jedoch weniger luxuriös als bei ihm zu Hause. Als er fertig war, zog er wieder sein Hemd und die Hosen an. Vor dem Trainingscenter warteten bereits seine Eltern bei ihrem Auto. Als Marble auf sie zukam, nahm ihn seine Mutter in den Arm und auch sein Vater scheute nicht davor zurück. Sie sagten kein Wort. Stumm stiegen sie in das Auto ein. Sein Vater vor dem Lenkrad, seine Mutter auf dem Sitz daneben und Marble auf dem Rücksitz, seine Tasche neben ihn. Er erinnerte sich an Gloss Worte nach dem Dolchtraining. “Wenn du dich nachher freiwillig meldest, musst du glücklich aussehen, aufgeregt und voller Feuer”
“Weshalb, kommt es darauf an?”
“Weil das alles schon im Fernsehen übertragt wird und du bist die zweite Person im ganzen Land, die gezogen wird, die Leute müssen sich an dich erinnern. Du kannst nicht einfach der Junge aus Eins sein”.
Auf dem Weg zum Justizgebäude wurde die Strasse dichter und zwei Querstrassen vorher wurden sie von einem Friedenswächter angehalten.
“Sie können hier nicht weiterfahren Sir, die Strasse vorne ist zu dicht”
“Gut” antwortete sein Vater knapp “Marble steig aus, lass deine Tasche hier”. Marble tat wie getan und stieg aus dem Auto in die gefüllte Strasse aus. Zwischen seinen Eltern bahnte er sich durch die Menge, bis sie zu der Reihe der kleinen Pulte kamen, wo die Kinder registriert wurden.
“Also Junge, wir sehen uns später” sagte sein Vater und probierte zu lächeln, doch sein Gesicht war voller Schmerz.
“Wir sehen uns später”, drückte er heraus, wohl wissend, dass, wenn er sie das nächste Mal sehen würde, er der männliche Tribut aus Distrikt 1 sein würde. Er reihte sich ein hinter einem kleinen Jungen, er konnte nicht älter als 13 sein.
“Hand”, sagte die Frau knapp und der Junge hielt seine Hand hin, woraufhin sie mit einem Gerät in seinen Finger stach. Es piepste kurz und sie sagte “Weiter”, bevor sie zu Marble “Hand” sagte. Zum sechsten Mal wurde ihm in den Finger gestochen, um seine Anwesenheit zu vermerken, das Einzige, was ihm in diesem Moment Freude bereitete, war der Fakt, dass er es so oder so niemals wieder tun müsste. Als er an der unsympathischen Schnepfe vorbeiging, drehte sich abermals sein Magen. Er blickte sich in der Menge um, doch konnte er Silvan nirgends sehen, ob er schon hier war oder noch hinter ihm war, sah er auch nicht. Er wurde von der Menge weiter nach vorne gedrückt, ohne jegliche Kontrolle zu haben, schaffte er es gerade noch sich in die zweitletzte Reihe hineinzudrücken. Langsam füllte sich der Platz, es gab ein grosses Gemurmel sowohl unter den Jugendlichen wie auch den Erwachsenen dahinter. Der ganze Platz war mit Kameras, die von jedem ersichtlichen Winkel das Geschehen verfolgten. Das Gemurmel wurde unterbrochen als die schrille Stimme durch die Lautsprecher tönte:
“Willkommen, Willkommen, zu den 68. Alljährlichen Hungerspielen”, es war die Eskorte aus Distrikt 1 Dona Willhouse. Immerzu euphorische kündigte sie die Hungerspiele nun an, seit Marble denken konnte. Donas Kostüme waren legendär und selbst in Distrikt 1, einem dem reichsten und dem Kapitol am nächsten Distrikt galten sie als lachhaft. Dieses Jahr trug sie ein purpurrotes knielanges, mit gläsernen Rüschchen, dazu eine tiefrote Perücke, mit Marienkäfer bestickt. Donas Begrüssung wurde mit einem milden Applaus entgegengenommen.
“Nun, bevor wir beginnen, hab ich euch einen speziellen Film aus dem grossen Kapitol mitgebracht”. Sie wies mit ihrer Hand dramatisch auf den grossen Bildschirm, der neben dem Podium aufgebaut wurde. Es war jedes Jahr der gleiche Film: Die Distrikte hatten sich gegen das Kapitol erhoben, das Kapitol hatte die Rebellen niedergeschmettert und die Hungerspiele ins Leben gerufen. So oft hatte er diesen Film schon gesehen, dass er ihn schon fast auswendig konnte. Was er jedoch nie verstand war, weshalb sie auch an den Hungerspielen teilnehmen mussten, Distrikt 1, 2 und vier hatten sich nicht den Rebellen angeschlossen, dennoch gab es in diesen Distrikten jedes Jahr eine Ernte. Man könnte sagen, dass unsere Belohnung wäre, dass wir im geheimen Ressourcen zum Trainieren vom Kapitol zur Verfügung gestellt bekommen, dennoch dutzende tote Kinder aus Distrikt 1 waren bis jetzt in den Hungerspielen gestorben, deren Vorfahren ihre Schuld war dem Kapitol loyal ergeben zu sein. Distrikt 1 war Rang 2, wenn es um das Gewinnen in den Hungerspielen ging. An erster Stelle war natürlich Distrikt 2 dann kam Distrikt 1, dann vier und dann sieben, die für einen Mittelstanddistrikt ziemlich viele Sieger hervorgebracht hatten, wenn er sich richtig entsandte. Als der Film zu Ende war, sagte Dona (abermals schrill)
“Nun. Es ist der Zeit gekommen, um einen mutigen jungen Mann und eine mutige junge Frau zu erwählen, die die Ehre haben werden, Distrikt 1 bei den diesjährigen Hungerspielen vertreten” abermals wurde geklatscht “Wie immer. Ladies first”. Mit ihren Stöckelschuhen schritt sie zu ihrer linken, schwebte mit ihrer Hand in der Glaskugel und zog dann einen Zettel. Wieder dramatisch hob sie ihn in die Höhe und schritt wieder zu ihrem Mikrofon.
“Alice Quinn”, ertönte es über den Platz. Ein Mädchen aus der Reihe der fünfzehnjährigen löste sich aus der Gruppe und schritt den Gang entlang zum Podium. Marble kannte sie, sie trainierte mit ihm im Trainingscenter und war mit Wurfmessern unschlagbar.
“Ich melde mich freiwillig!” ertönte jedoch Rubys Stimme über den Platz, was mit einem grossen Jubel in Empfang genommen wurde. Dona liess ein entzücktes quicken heraus und sagte voller Freude: “Es sieht so aus als hätten wir eine Freiwillige” als wäre dies etwas Besonderes. Unter Geklatsche schritt Ruby in ihrem saphirblauen Kleid und wallendem, blondem Haar den Gang zwischen den Jungen und den Mädchen hinaus zum Podium.
“Wie heisst du?” fragte Dona sie breit lächelnd.
“Ruby Westwood”, antwortete sie und schien dennoch sichtlich nervös und dennoch aufgeregt.
“Und wie alt bist?”
“Ich bin siebzehn Jahre alt”
“Nun. Einen grossen Applaus für Ruby Westwood, die diesjährige Tributin aus Distrikt 1!”, die Menge ging abermals in lautes Geklatsche und Gejohle auf. Als sich die Menge wieder beruhigte sagte Dona “Und jetzt zu den Jungs”. Marbles Herz begann zu schmerzen und zu klopfen. Ihm wurde schwindelig und seine Knie wackelten wie verrückt, sein Kopf pumpte und doch probierte er sich an Glosses Worte zu erinnern: “Wenn du dich nachher freiwillig meldest, musst du glücklich Aussehen, aufgeregt und voller Feuer”
“Weshalb kommt es darauf an?”.
Dona schritt nun auf die Glaskugel zu ihrer rechten, schwebte abermals darin umher und zog dann einen Zettel. Sie schritt zum Mikrofon und verkündete:
“Pearlston Wallace”. Ein Junge eine Reihe vor ihm löste sich aus der Reihe und schritt langsam auf den Zwischengang zu. Marbles Herz schlug nun so fest, dass er es in seinen Ohren hören konnte, seine Hände schwitzen und seine Sicht wurde unklar. Er musste das nicht tun, er musste sich nicht freiwillig melden und dennoch musste er es tun. Er wollte es nicht tun, das Gesicht seiner lächelnden Mutter erschien ihm und der stolze Blick seines Vaters und am längsten erschien ihm das Gesicht von Silvan, lachend, mit seinen süssen Grübchen und weissen Zähnen und braunen Locken, die man nur so zerstrubbeln wollte.
Wieso das alles hinter sich lassen”, fragte eine Stimme in seinem Kopf
Weil Gloss es gesagt hat, weil die Jury es gesagt hat”, antwortete eine andere. Der Junge war nun beim Gang angekommen.
Warum kann die Jury bestimmen, wenn ich zu sterben habe. Wieso können sie entscheiden, dass ich nicht den Rest meines Lebens hier in eins verbringen kann”. Der Junge war nun in der Mitte.
Die Jury hat dich erwählt, weil du am ehesten überleben wirst, du Dummkopf. Wenn du jetzt nicht gehst, wird dieser Junge sterben, obwohl du überleben könntest”
“Wenn ich nicht gehe, überlebe ich ganz sicher”. Der Junge war schon zwei Drittel des Weges gelaufen und um ihn herum erhob sich leises Gemurmel, würde sich dieses Jahr kein Junge freiwillig melden?
Und wie würdest du damit leben, heh?
“Wahrscheinlich länger”
“Geh”
“Nein!”
“Geh!!”
“Nein!!”
Nun war er beim Podium angekommen.
Geh jetzt!!!”. Er musste sich dazu überwinden, den ersten Schritt zu machen, welcher von allen der härteste war. Eilig lief er zum Gang, worauf ein erschrockener Laut von der Menge kam.
“Ich melde mich freiwillig als Tribut!”, die Worte waren aus ihm herausgerutscht, bevor er sie überhaupt wählen konnte und die Menge explodierte. Mit wackeligen Beinen schritt er den Gang entlang, der ihm nun meilenweit erschien. Ein paar Jungen klopften ihm auf die Schulter, andere riefen seinen Namen. Nach hundert Jahren, so schien es, kam er an der Treppe zum Podium an.
Nur nicht hinfallen
Er lief die Treppe hinauf und stellte sich neben Dona. Die Menschenmasse unter ihm hatte kein Gesicht. Alle waren sie gleich, sowohl die Kinder wie auch die Erwachsenen, sie alle klatschten und jubelten ihn an, doch sehen konnte er sie nicht.
“Was für eine Spannung das war!” meinte Dona theatralisch “Wie heisst du, junger Mann?”
“Marble Willington”
“Und wie alt bist du Marble”
“Siebzehn” sagte er und probierte ein aufgeregtes Lächeln aufzusetzen.
“Wie aufregend! Nun unsere diesjährigen Tribute aus Distrikt 1. Ruby Westwood und Marble Willington”. Dann, wie abgesprochen, griffen sie sich an der Hand und streckten sie in die Höhe, breit lachend.


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Das wars auch schon mit diesem Kapitel. Lasst mir doch ein Review da falls ihr Verständnisfragen habt oder etwas unklar ist. Bin dankbar für jede Form von Kritik und wünsche euch noch einen schönen Tag! <3
~ Noah
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