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Versprochen

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Captain Jack Sparrow Lord Cutler Beckett OC (Own Character)
19.03.2020
25.07.2020
6
42.416
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25.07.2020 9.194
 
*Vorsichtig anschleichen, mit gesenktem Kopf*
Bestimmt haben einige unter euch schon geglaubt, diese Geschichte würde nicht mehr weitergehen...
Was ist also passiert?
Mein Herz bricht noch immer, aber leider hat mein alter Laptop (kann es ihm nicht verübeln, immerhin war er gute acht Jahre alt) den Geist aufgegeben... Mitten in einer Schreibsession.
Es war nicht nur mein fast fertiges Kapitel das sich plötzlich in Luft aufgelöst hat, sondern auch eine Sammlung von Ideen, Songtexten und angefangenen Geschichten die ich über sechs Jahre gesammelt habe... Von den vielen Bildern mal ganz zu Schweigen...
Auf einmal war dort nur noch ein schwarzer Bildschirm.
Ich versank bestimmt zwei Wochen im puren Selbstmitleid und ärgerte mich grün und blau... Irgendwann habe ich meinen Freund gefragt, ob ich seinen Laptop nutzen kann, aber das ging natürlich nur, wenn wir uns gesehen haben... Also hat sich auch das ziemlich in die Länge gezogen und das Kapitel noch einmal komplett neu schreiben zu müssen, hat auch nicht gerade an meiner Laune gezerrt...

Nach fast zwei Monaten geht es aber endlich weiter!
Normalerweise wäre es viel länger und unser Jack wäre aufgetaucht, aber um euch nicht noch länger warten zu lassen, habe ich mich für einen groben Cut entschieden und dafür erwartet euch Jack dann im nächsten Kapitel und dieses Mal wird es mehrfach gespeichert und schneller hochgeladen!

Bitte verzeiht die lange Warterei! :(

Ich wünsche nun viel Spaß beim Lesen!

♒︎

Kapitel 4



everything's about to change
I feel it in my veins
it's not going away
everything's about to change



Sie weinte. Bitterlich.
Waren es zu Anfang doch nur ein paar Tränen, die sie mit einer hektischen Handbewegung von der Wange wischte, doch es dauerte nicht länger als ein paar Minuten (Ein paar Minuten, in denen sie über ihre Situation nachdachte und das, was Geschehen war, Revue passieren ließ...) und plötzlich begann sie herzzerreißend zu schluchzen und ohne weitere Scham zu weinen, bis ihre Augenlider irgendwann ganz schwer und träge wurden und sie sich dann in den frühen Morgenstunden, während sie ihr Gesicht zwischen die Stangen gedrückt hielt, in den Schlaf weinte.
Ihr letzter klarer Gedanke, der sie besonders laut schluchzen ließ, galt allein dem ersten Offizier und treuen Freund James Norrington, dem sie still und heimlich in dieser Nacht Lebewohl sagte.
Der Gedanke, dass James Norrington tot sein sollte, brachte die junge Frau zur Verzweiflung.
Still und heimlich hatte sie als Kind in ihre Kissen geweint, denn gehört werden durfte sie nie, doch in dieser Nacht übermannten ihre Gefühle ihr kleines Herz und sie vergaß allerlei Sitten und weinte, so laut, dass, würden die schweren Stiefel nicht so laut über das Deck über ihr trampeln und die elendigen Piraten keine johlenden Lieder singen, jeder an Deck sie hätte hören können.

Sie griff nach den kalten Eisenstangen, hielt sich Stunden lang an diesen fest, um nicht in sich zusammen zu fallen.
James Norrington war Teil ihrer Familie gewesen. Er hatte sie aufgezogen, wenn ihr Vater mal wieder auf Reisen war und sie immer wieder in den Arm genommen, wenn das Loch in ihrer Brust wieder zu brennen begann und sie sich nach ihrer Mutter sehnte. Er hatte sie so vieles gelehrt und bis zu ihrer letzten Begegnung hatte er immer eine gewisse Ruhe ausgestrahlt, die sie einhüllte, wie ein Mantel.
Jetzt sollte auch er fort sein.
Ermordet.
Irgendwo, ganz tief in ihrem Herzen, flammte jedoch ein Hoffnungsschimmer, zwischen all der Trauer, in das so stürmische Blau seiner Augen blicken zu können.. Noch ein aller letztes Mal.
Selbst, wenn es bei seiner Beisetzung sein sollte... Sie wollte ihm Lebewohl sagen, doch vor allem sich bedanken für seine treue und aufrichtige Freundschaft...

Das Erste, was sie sah, als sie ihre Augen wieder aufschlug, waren die Zellenstangen, an die sie sich mit ihrer Stirn voran angelehnt und selbst im Schlaf nicht losgelassen hatte.
Nun zierten zwei lange roten Striemen ihr Gesicht und ihre Zähne fühlten sich so an, als hätte sie die Nacht über auf Stein gebissen.
Schlaftrunken rieb sie sich über die Wangen, murrte und richtete sich langsam auf.
Ihre Augenlider waren ganz schwer und aufgequollen, sodass es eine ganze Zeit dauerte, bis sie etwas erkennen konnte.
Erst als sie sich mehrmals über die verklebten Wimpern rieb, unter ihren Fingern pochte es augenblicklich, erkannte sie Sonnenlicht, dass sie blendete. Neugierig und ständig am Blinzeln, wanderten ihre Blicke durch den merkwürdigen Raum, der aus Zellenstangen und schwarzem Holz bestand und durchflutete wurde von Unmengen an Wasser... Außerdem bewegte er sich.
Sie war so schlaftrunken, dass sie für einen kleinen Augenblick vergaß, wo genau sie sich befand. Erst nachdem die Stangen um sie herum mehr und mehr ihre Form annahmen und das schwarze Holz um sie herum immer lauter ächzte, erinnerte sie sich plötzlich.

Der Raum war in Wirklichkeit ein Schiff, die Wände aus Holz und das Wasser, in dem sie saß, war die See.

Ein Wimpernschlag verging, da tauchten auch schon Bilder der vergangenen Nacht in ihrem Kopf auf...
Zwei Piraten in der Stallgasse, eine Faust in ihrem Gesicht, leblose Körper auf den Wegen und Feuer, überall Feuer. Harmonie, die sich in die Dunkelheit flüchtete, die Verzweiflung in dem Gesicht von Eva und James Norrington, wie dieser sie an der Hand packte und fort zerrte... Das Blut was an dem Schwert des Piraten klebte und das Glitzern in deren Augen, während sie in ihren Busen stierten...

Reflexartig drückte sie sich gegen die Wand, als würde jeden Moment etwas nach ihren Füßen greifen und sie fort schleifen. Sie kauerte sich zusammen, schüttelte immer wieder ihren Kopf, wollte ihre eigenen Erinnerungen nicht wahrhaben, nicht trauen. Hoffte, nur auf einen bösen Traum.
Es dauerte, ziemlich lange sogar, bis sie realisierte, dass all das tatsächlich geschehen war.
Nein. Sie hatte nicht geträumt.
Sie war mittendrin, in ihrem ganz persönlichen Alptraum.

Automatisch fuhren ihre Finger weiter durch ihr Gesicht, über Nase und Kinn und schließlich über ihr Auge. Da war wieder dieses ungewöhnliche Pochen und ein Druck, der sich durch ihre linke Gesichtshälfte zog.
Sie zog sofort ihre Hand zurück, presste die Lippen aufeinander und verkniff sich ein Jammern.

Ein Veilchen zierte ihr sonst so makelloses Gesicht, in einem dunklen Violett, tief in ihrer Augenhöhle und legte ihre linke Gesichtshälfte in einen purpurroten Schatten. Einmal rundherum, verlief sich dann in einem ungesunden Gelb, bis hoch zu ihrer Augenbraue.
Ihr Kinn war noch immer ganz rot, brannte bei der kleinsten Berührung, doch schon in den nächsten Tagen würde Schorf sich ausbreiten und es bliebe nur noch eine kleine Narbe, die sie immer daran erinnern würde, was geschehen war.
Es waren keine Kriegsverletzungen, gewiss nicht, jedoch für eine Gouverneurstochter, die bis zu diesem Zeitpunkt bloß einen einfachen Papierschnitt oder einen Stoß gegen Mobiliar erfahren hatte, (im schlimmsten Fall einen Sturz vom Pferd) war es eine ganz neue Art von Schmerz. Eine ganz andere Geschichte.
Sie war nicht gewohnt zu leiden, weswegen sie abermals zu wimmern begann, immer wieder und sie tastete mehrmals durch ihr Gesicht, über dieselben Wunden, doch sie heilten nicht und ja, sie waren echt und würden nicht so schnell verschwinden.
Es war nicht der Schmerz, der Fiona ein Wimmern entlockte, sondern die Tatsache, dass sie allein war. Niemand war da um ihr zu helfen und niemand würde kommen.

Die Röcke, die sie trug, hatten sich über Nacht mit Meerwasser vollgesaugt, sodass ihr Hintern zwickte und ihre Zehen bereits ganz blau wurden. Sie wackelte regelmäßig mit ihren Füßen, doch das Gefühl in ihnen ging immer weiter verloren, bis sie nur noch ganz schwach kribbelten und irgendwann schließlich ganz taub wurden, da half auch das viele Schütteln nicht.
Der voll gesogene Stoff klebte an ihrer Haut, war ganz kalt und sie wollte raus aus diesen Röcken, raus aus diesem Korsett, dass ihren Brustkorb einengte und sich so anfühlte, als läge sie in Ketten.
Zittrig fummelten ihre Finger vorne in ihrem Dekolleté herum, rissen am Stoff, versuchten es irgendwie zu weiten, sodass sie besser Luft bekäme. Als alles Zerren nicht half, rutschte sie etwas nach vorne, verdrehte ihre Arme und versuchte dann die Schlaufen am Rücken zu lösen, kam jedoch nur an eine Einzige und es dauerte ewig, bis diese sich lockern wollte.
Also gab sie es schließlich auf.

Sonnenlicht fiel durch die zahlreichen Einschusslöcher ehemaliger Kanonen und tunkte die Brig in Farbe, doch Fiona konnte kaum etwas erkennen, da ihr eines Auge wie verrückt tränte und sie wie durch einen Schleier spähte.
Durch die Einschusslöcher gelangte nicht nur Tageslicht, sondern auch eine beachtliche Menge Wasser, dass den ganzen unteren Teil des Schiffes bis zu den Fußknöcheln überflutete und es plätscherte, aus allen Ecken.

Hektisch tauchten Fionas Hände ein in die Nässe, welche mittlerweile ihre ganze untere Körperhälfte bedeckte. Eine Tatsache, die sie nicht gerade ruhiger stimmte.
Als sie sich eilig die Hände wusch, den ganzen Dreck von ihren Fingern schrubbte und selbst unter ihren Fingernägeln buddelte, ganz so, als versuche sie das Geschehene damit loszuwerden, bemerkte sie die Stille um sich herum.
Es waren nur die leeren Zellen, vier davon, die ihr Gesellschaft leisteten und eine gespenstische Stille umgab sie, ganz so, als flüsterten die vergangenen Opfer. Ganz so, als spukten die verlorenen Seelen in ihnen und würden nun mit ihr warten, bis sie das gleiche Schicksal ereilen sollte.
Dann war da noch das Holz unter ihrem Körper, pechschwarz, welches bei jeder Welle ächzte und knarrte. Es wirkte verbrannt. Oft genug musterte Fiona dieses eigenartige Holz, fuhr einmal sogar mit ihren Fingern über die rauen Dielen, mit der Erwartung, dass Farbe abbröckelte, so, wie es einst bei einem königlichen Schiff zu beobachten gewesen war. Wo einst ein Marinen blau über die Jahre abblätterte und bei jedem Sturm mehr Farbe fortgetragen wurde.
So wie die Zellen aussahen, morsch und bewachsen mit allerlei Algen, glaubte Fiona, dass dieses Schiff schon lange Zeit über die See segeln musste. Umso verwirrter war sie, als die Farbe unter ihren Fingern nicht blätterte, auch nicht verwischte und anders als erwartet, ihr Finger nicht schwarz war.
Misstrauisch drehte sie ihren Zeigefinger, rubbelte nochmal übers Holz, doch es passierte nichts.

Es war keine Farbe.
Die Dielen waren verbrannt, denn das ganze Schiff stand einst in Flammen, doch das wusste sie nicht.
Das plätschernde Wasser zwischen ihren Fingern und die Wellen um sie herum, gaben ihr Gewissheit, dass dieses unheimliche Schiff zwar besonders sein musste, jedoch trog es. Der Gedanke an Kohle und Asche verflog sofort, als ihr Körper plötzlich nach links und rechts gewogen wurde und sie plötzlich von allen Seiten die rauschende See vernahm; denn ein verbranntes Schiff konnte nicht schwimmen.

Meerwasser sammelte sich in ihren Handinnenflächen und sie wusste, dass es ungenießbar sein würde und doch sah sie in diesem Moment keine andere Wahl, als es wenigstens zu probieren.
Sie hatte so einen schrecklichen Durst. Das Letzte, was sie getrunken hatte, war diese goldschimmernde, pricklige Brause und die war noch nicht einmal besonders lecker gewesen, stattdessen schien sie ihre Zunge an den Gaumen haften und ihre Lippen austrocknen zu lassen.
Sie ächzte nach Wasser.

Angewidert verzog sie den Mund, kaum hatte sie etwas Salzwasser geschlürft, hustete und fuhr sich dann mit ihren Armen über die Lippen.
Danach wusch sie vorsichtig ihr Gesicht, spritzte ihr Veilchen ab und kniff dabei die Augen zusammen. Es war ein zuckender Schmerz, der sich augenblicklich durch die eine Hälfte ihres Gesichtes zog.
Etwas, woran sie sich erinnern würde.

Ihr Magen rumorte.
Dann übergab sich Fiona plötzlich.

Hektisch beugte sie sich vorne über, spie ihr Magen inneres direkt auf den Boden der überfluteten Zelle und würgte, wie eine Vogelmutter, ganz oft hintereinander. Sofort kniff sie die Augen zusammen - da war dieser zuckende Schmerz auch schon - kaum schwamm das Erbrochene direkt vor ihr und sie sah noch die gelbliche Farbe und braune Brocken, die sie sich nicht erklären konnte.

Auch etwas, womit sich die Gouverneurstochter niemals herumplagen musste.
Ging es ihr schlecht, war immer jemand an ihrer Seite.

Beißender Gestank von Magensäure stieg augenblicklich in ihre Nase und sie verzog das Gesicht, angeekelt und es schüttelte sie. Direkt neben ihr schwappte ihr Mageninneres, hin und her, bis sie erneut würgte und erneut ins Wasser spuckte und sich wimmernd Haarsträhnen aus dem Gesicht strich, kaum rang sie wieder nach Luft.

Schniefend hielt sie sich ihren Bauch, folgte dem Wellengang mit wippenden Bewegungen, beugte sich dann abermals vorne über und begann erneut zu würgen. In der Hoffnung jemand würde kommen und ihr neue Klamotten geben, das Erbrochene aus der Zelle schaufeln, rutschte sie anschließend in eine andere Ecke.

Niemals wieder würde sie Meerwasser trinken.

♒︎

Das Tageslicht war bereits so schwach geworden, dass Fiona nur noch ganz vage die Zellenstangen erkennen konnte, als Pintel und Ragetti die Treppen runter gestolpert kamen, sich gegenseitig schubsend.
In jeder der beiden Hände loderte eine Fackel, die, unten angekommen, durch die Zellenstangen gehalten wurden, um die Frau besser erkennen zu können, welche nun am anderen Ende der Zelle kauerte und in den letzten Stunden mehrfach ihrem eigenen Erbrochenem ausgewichen war.
Fionas Gesicht wurde ganz heiß, kaum hob sie ihr Gesicht und blickte den Flammen entgegen.
Ragetti, der ziemlich sensibel auf Gerüche reagierte, trotz seines Piraten Daseins, hatte sofort den säuerlichen Geruch erkannt, der in der Luft hing. Nachdem dieser dann das bleiche Gesicht der Frau erkannt hatte, schnitt dieser eine Fratze, ekelte sich vor dem Gestank und wedelte kurz vor seinem Gesicht herum, in der Hoffnung, den Gestank damit zu vertreiben.
Pintel hingegen lachte nur schallend, als auch er dann das jämmerliche Fräulein musterte, denn wer nicht seefest war, galt als Schwächling. Sie war eine Frau. Natürlich war sie nicht seefest oder eher: Natürlich war sie ein Schwächling.

»Das ist ja mal was!« Gluckste Ragetti als Erster, legte seinen Kopf schief und kniff sich die Nase zu.
Pintel presste sein Gesicht grinsend zwischen die Stangen durch, um noch besser sehen zu können und sog dann den Gestank auf, übertrieben lange, sodass Fiona alarmiert ihre Beine an den Körper zog, um sich ganz kleinzumachen.
»Sie ist ja wieder putzmunter.«
Pintels Gesicht, dass durch die Stangen ganz platt gedrückt wurde und dadurch bloß umso unheimlicher wirkte, wanderte gleich darauf wenige Zentimeter nach rechts, behielt stets die Frau im Blick. Er genoss offensichtlich diesen Anblick.
»Ihr werdet mit dem Captain speisen,« Verkündigte er dann stolz und es ertönte ein Klicken, als sich der Schlüssel im Schloss drehte und Pintel brauchte nur einen kräftigen Ruck zu tun, da gab die Tür nach außen hin nach und plötzlich gab es keine Eisenstangen mehr zwischen der Gouverneurstochter und den Piraten.
»Er bittet Euch, das hier zu tragen.«
Fiona musterte das Kleid, welches Pintel unter den Armen klemmte, rutschte zumal unbewusst ein Stückchen weiter in die Dunkelheit hinein.

Es war gelb, nein, golden, wirkte so unschuldig, wie es in dem Licht der Fackeln schimmerte, doch der Pirat der es in den Händen hielt, wie eine Trophäe, verpasste dem Kleid einen düsteren Beigeschmack.
Verwirrt sah sie dann zu den beiden Piraten, die bloß da standen und dämlich grinsten. Beinahe schon schnippisch klang sie, denn einen ganzen langen Tag saß sie schon in dieser Zelle fest, ohne eine Mahlzeit und vor allem ohne Wasser, saß in ihrer eigenen Spucke und es hatte Stunden gedauert, bis sie endlich nichts mehr im Magen gehabt hatte, dass herauswollte und ihr Magen drehte sich bereits mehrmals im Kreis, drückte ihre Gedärme zusammen und verlangte nach etwas Essbaren.
Es kribbelte in ihrem ganzen Gesicht bis hin zu den Ohren, ihr war so schummrig, dass sie die Zellenstangen teilweise schon doppelt und dreifach sah und sie glaubte stetig, sie müsse sich jeden Moment erneut übergeben und das war das Schlimmste.
Nun lud sie der Captain zu einem Abendessen ein, ganz so, als wäre sie Gast auf diesem unheimlichen Schiff und keine Gefangene und vielleicht glaube er sogar, sie würde sich über dieses Kleid freuen und mit ihm Speisen als wäre er nur ein alter Freund.

»Sagt dem Captain, ich bin gänzlich abgeneigt, dieser Bitte nachzukommen." Noch immer hielt sie sich den Bauch, konnte sich nicht vorstellen, in ein Kleid wie dieses gesteckt zu werden, dass zumal ein Pirat für sie ausgesucht hatte. Selbst, wenn sie ihr Korsett endlich loswerden würde und die schweren Röcke, die an ihrer Haut klebten.
Pintels Grinsen wurde viel breiter. Viel dreckiger.
»Er hat gesagt, Ihr würdet das sagen.«
»Er hat auch gesagt,« Fügte Ragetti kichernd hinzu, »Wenn das der Fall sein sollte, dann speist Ihr mit der Crew.«
»Und zwar nackt.« Gierig leckte sich Pintel über die Oberlippe. Sein ungepflegter Bart schimmerte im Schein der Fackel entweder von zu viel Rum oder seiner eigenen Spucke wegen. Er musterte die in sich zusammengekauerte Frau so intensiv, als wäre diese bereits nackt.
Ohne lange nachzudenken, sprang Fiona auf, wankte stark und wedelte mit den Armen um ihr Gleichgewicht zu suchen, denn ihre Beine waren ganz wackelig und der Seegang ließ sie unkontrolliert nach links und rechts taumeln. Trotzdem stolperte sie fest entschlossen den Piraten entgegen, verdrängte ihre Furcht, für einen ganz kleinen Moment und ohne ein weiteres Wort griff sie schließlich nach dem Kleid und drückte es dann so fest an ihre Brust, wie sie nur konnte. Es war wie ein Schutzschild.
Kaum schmiegte sich der goldene Stoff an ihr durchnässtes Kleid, wich sie auch schon unsicher zurück in die Dunkelheit, war sie den beiden Piraten doch viel zu nahe gekommen und wollte nun am liebsten, dass diese wieder verschwinden würden.
Augenblicklich erlosch Pintels Grinsen und auch Ragetti verging das Lachen. Düster starrten die Piraten in ihr Gesicht, Ragetti kreuzte sogar die Arme und schien zu tiefst beleidigt. Schon wieder.
»Wie schön.«

Einen kleinen Moment rührte sich keiner mehr.
Fiona klammerte sich an das Kleid und Pintel und Ragetti warteten, starrten dabei, als erwarteten sie, wie sie ihre Hülle fallen lassen würde, jedoch vergebens.
»Wenn Ihr erlauben würdet...« Ihre Fingernägel gruben sich in ihre Haut, während Fiona verzweifelt versuchte in der Dunkelheit Schutz vor ihren hungrigen Blicken zu finden.
»Der Captain hat auch gesagt,« Da war wieder das breite Grinsen von Pintel, »Das wir sicherstellen sollen, dass Ihr Euch auch wirklich umzieht.«
»Hat er?« Schräg schielte Ragetti zu Pintel rüber, brummte gleich darauf ein »Ich meinte: Hat er!«, nachdem er Pintels Ellbogen in seinen Rippen gespürt hatte.

Einige Zeit stand Fiona einfach nur regungslos da, verlor nun gänzlich allerlei Gefühl in ihren Knien, doch vor allem entsetzte sie der Gedanke, dass diese beiden schäbigen Piraten die ersten Männer in ihrem Leben sein sollten, die die Frau bloß in ihrem Mieder zu Gesicht bekämen.
Natürlich klebte auch ihr Mieder auf ihrer Haut, juckte wie verrückt, doch sie würde sich weigern, wie eine trotzige Göre, auch dieses abzulegen.
Langsam erlosch das Grinsen in Pintels Gesicht, stattdessen machte er einen großen Schritt in die Zelle, hielt die Flamme der Frau entgegen, mit so einem Schwung, dass Funken vor ihre Füße segelten.
»Meine helfende Hand steht gerne zu Euren Diensten, Püppchen.«
Die Schiffswand drückte sich gegen ihren Hintern, so weit war sie bereits zurück getaumelt.
Sie wusste, alleine würde sie niemals aus diesem Kleid herauskommen. Sie wusste ebenfalls, dass kein Platz mehr war, um weiter zurückzutaumeln.
»Ich bin auch ganz sanft, Püppchen...« Das spitze Grinsen auf Pintels Lippen war das Letzte was Fiona noch erkennen konnte, bevor sie wie ein kleines Kind die Augen zukniff, um das Monster vor sich zu vertreiben.
Nur das das Monster mit einer ausgestreckten Hand immer weiter auf sie zu kam...

♒︎

Die Kajüte von Barbossa war in Kerzenschein getunkt und eine Woge von Hitze strömte hinaus in den anbrechenden Abend, kaum wurde die Tür geöffnet und das Gouverneurstöchterchen achtlos und mit einem blöden Spruch hineingeschubst.
Ganz klein machte sich die sonst so stolze Gouverneurstochter, als in ihrem Rücken die schwere Tür zurück in die Angeln gezogen wurde und ja, da war wieder das vertraute Klicken von dem Schlüssel im Schloss.

Stocksteif stand sie dort, hielt ihre Fäuste hocherhoben, direkt vor ihrer Brust, die in diesem Kleid fast heraus plumpste. Ihre zitternden Fäuste drückten sich gegen ihre nackte Haut, ihr Blick blieb jedoch stets gesenkt, ganz gleich wie gerade ihr Rücken auch war.
Am liebsten wollte sie sich ganz klein machen, womöglich in dem Holz unter ihren Füßen verschwinden, dennoch wusste ihr Körper nicht anders zu reagieren, als sich groß zu machen.
Für eine Gouverneurstochter gehörte sich ein solches Benehmen nun eben, ganz gleich, wer auch vor ihr stehen würde. Trotz alledem zwickte ihr Nacken schon, denn das saß seit klein-auf ganz tief in ihren Knochen, ja, damals wurde sie immer von ihrem Vater ermahnt:
Heb' dein Kinn, Fiona, heb' dein Kinn... Schau nicht immer zu Boden, mein Kind, das gehört sich nicht für eine stattliche Dame.

Für Fiona dauerte es noch nicht lange genug, für den anwesenden Piratenkapitän jedoch eine kleine Ewigkeit.
Dabei rang Fiona in diesem Moment mit sich, endlich einen Schritt vorwärts zu machen und doch waren es noch immer die unsichtbaren Fingerabdrücke, Pintel und Ragettis, die sich in ihre Haut brannten und sie daran hinderten, auch nur einen einzigen Muskel zu bewegen. Sah man genauer hin (und das tat Barbossa) konnte man erkennen, wie ihre Fäuste zitterten.

Irgendwann, als der Wind besonders laut gegen das Holz peitschte, schlürften ihre nackten Füße, Ragetti hatte ihre Schuhe weggenommen, über die Dielen, ganz langsam, wie ein scheues Reh. Ihre Hände griffen nach der Stuhllehne und als sie schließlich Platz nahm, erkannte sie die Wärme, überall um sie herum.
Kerzen brannten, in jeder Ecke.

Es dauerte eine kleine Weile, bis sie sich traute über den Tisch zu spähen, der so lang war, dass sie einmal ihren Kopf nach rechts und links neigen musste, um auch wirklich alles erkennen zu können.
Schüsseln mit reifen Früchten prangten an beiden Enden, von Kokosnüssen, Bananen, Ananas, bis hin zu Melonen und Äpfeln.
Gemüse war aufgeschnitten, teilweise auch eingekocht und bunt auf dem Tisch verteilt. Gekochte Süßkartoffeln, Eier, selbst Milch wurde aufgedeckt, außerdem Brot mit Schinken und einem großen Klumpen Käse.
Ein gebratener Vogel, womöglich eine Gans, auf einem Silbertablett, stand direkt gegenüber von ihr, war die einzige Grenze zwischen dem Piratenkapitän, welcher im Schein der vielen Kerzen leuchtete wie eine Laterne und der Gouverneurstochter, die noch immer ihre Fäuste vor der Brust hielt, wie ein Schutzschild oder eine Waffe; das lag im Auge des Betrachters.
Die Kruste des Bratens war goldbraun und der Duft so himmlisch, dass Fiona dazu versucht war, nach ihm zu greifen und ihre Zähne in das Fleisch zu graben.

»Fiona, aye?«
Barbossa saß in einem großen Stuhl, der größer war als alle anderen in der Kajüte. Sein linker Arm hing über der Lehne und seine langen Fingernägel tippten hin und wieder gegen das schwarze Holz. Er hatte sich zurückgelehnt, machte sich ganz breit.
Zwischen seinen Fingerspitzen rollte der Kapitän eine kleine Kartoffel, während er seine Blicke neugierig auf seinen Besuch haftete. Er erkannte sofort ihre verkrampfte Haltung, bedachte ihre hocherhobenen Fäuste zuerst kritisch, sah dann jedoch in ihr kreidebleiches Gesicht, wie es zur Hälfte in ein purpurrot getaucht wurde und auch noch diese blanke Angst darin. Ihre Unterlippe zitterte und ihre Augen waren ganz aufgequollen. Als er ihre Furcht erkannte, zuckten seine Mundwinkel.

»Richtig ist... Miss Swann...«, Sie schniefte, womöglich um ihre Worte nicht so scharf klingen zu lassen, dabei hatte sie schon genuschelt und selbst wenn sie wollte, niemals könnte sie bedrohlich für Barbossa klingen.
»Verzeiht,« Säuselte der Kapitän übertrieben, »Miss Swann.«
Seine Blicke hingen der Frau noch immer im Gesicht, als seine Hand sich rührte und gleich darauf die Kartoffel zwischen seinen Zähnen lag. Er kaute langsam, genoss jeden Bissen, genauso wie jeden seiner Blicke.
»Ich wüsste gerne Euren Namen, wenn Ihr gestattet.« Dieses Mal räusperte sich Fiona, denn ihr Hals juckte plötzlich, als sie gezwungenermaßen an den Förmlichkeiten festhielt, obwohl sie mit ihrem Gegenüber am liebsten kein Wort gewechselt hätte.
»Hector.« Kaute er, schluckte und leckte sich anschließend abgewechselt über jeden seiner Finger, »Hector Barbossa.«
Fiona schwieg.

»Es ist nicht nötig, an Förmlichkeiten festzuhalten. Es muss niemand beeindruckt werden... Ihr müsst hungrig sein.«
Nach einer ganzen Weile meldete sich der Piratenkapitän schließlich wieder zu Wort, denn auch wenn er sich an ihrer Erscheinung ergötzte, war es ihm doch viel eher danach, mit ihr das Wort zu suchen und das am liebsten über die Förmlichkeiten hinaus.
Seine Blicke ruhten noch immer auf ihren Fäusten, unter welchen er die besagte Perlenkette immer mal wieder schimmern sah.
»Ich kann das nicht essen.« Quiekte Fiona dann so leise, das es kein Wunder gewesen wäre, wenn ihre Worte untergegangen wären, im Knarren des Holzes um sie herum,
»Sorgt Euch nicht um uns,« Grinste Barbossa bloß süffisant, »Wir werden nicht verhungern."
»Ich kann das nicht essen...« Wiederholte sie sich bloß, schüttelte so stark mit dem Kopf, dass ihre Strähnen nach links und recht hüpften und tat so, als hätte sie die Worte Barbossas gar nicht erst gehört.
Barbossa krauste die Stirn, bedachte die Frau, die schon die ganze Zeit über ihren Rücken kerzengerade durchstreckte und somit versuchte sich groß zu machen und das, obwohl ihre Stimme das komplette Gegenteil von dem war und ihre Erscheinung in sich zusammenfallen ließ, mit einer nachdenklichen Mine.
»So?«
»Das ist Unrecht.«, musste dafür wohl allen Mut aufbringen, denn es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis sie noch einmal quer über den Tisch quiekte, fast wieder nuschelte, denn sie befürchtete, den Kapitän zu verärgern.
»Unrecht...« Murmelte Barbossa, keinesfalls verärgert, dennoch verwirrt, griff dann nach einem Weinglas und schwenkte es im Kerzenschein hin und her.
»Es ist doch interessant, was Ihr als Unrecht empfindet und was nicht.«

Barbossa beobachtete den kleinen Strudel, wie er oft kurz davor war über den Rand seines Glases hinweg zu schwappen, hielt dann abrupt inne und führte es an seine rissigen Lippen. Genüsslich, ihm entfuhr ein zufriedenes Stöhnen, setzte er sich auf, worauf Jack aus der Dunkelheit gehechtet kam, um hinter ihm auf die Lehne zu springen.
»Ist es Unrecht, gutes Essen einer Frau anzubieten, die einen Hunger haben muss, so verzehrend, dass sie bereits mit ihren Blicken die Mahlzeiten verspeist, fast so, als würde sie dadurch satt werden oder ist es in Euren Augen Unrecht, Essen von denen zu nehmen die sowieso viel zu viel davon haben, um dieses mit denen armen Hunden zu teilen, die dafür kämpfen müssen?«
»Es ist Unrecht, jemandens Essen zu stehlen und sich daran satt zu essen, obgleich Leute dafür hungern müssen... Gar sterben. Es gehört nicht Euch.«
Vorsichtig stellte der Kapitän das Glas zurück auf den Tisch, als wäre dieser bereits morsch oder in dem Glas das Kostbarste, was ihm gebührte und schnappte sich dann einen Apfel, der so rot war wie die Liebe.
Belustigt von seinen eigenen Gedanken, musste er schmunzeln.

»Ihr wohnt in einem prächtigen Heim, müsst nicht für Eure Mahlzeiten arbeiten, weder schlachten, pflücken noch melken, noch musstet Ihr je um Euer Leben kämpfen. Nein. Ihr nehmt Euch das, wonach Euch der Sinn steht und arbeitet selbst nicht, hattet noch nie ein Schwert in der Hand, doch dafür Bedienstete, die ihr von A nach B scheucht, nicht wahr? Dennoch esst Ihr Euch Tag und Nacht an der Arbeit anderer satt und doch gehört es Euch nicht.«
»Ihr beschimpft uns als Piraten... Ihr hingegen seid der Adel.« Barbossa fiel der Frau, die ganz eindeutig nicht angemessen darauf zu reagieren wusste, abrupt ins Wort, denn diese hatte bereits Luft geholt und angesetzt, sich zu verteidigen, mit Worten, die wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen würden.
»Wir werden gehängt, Ihr werdet gefeiert.« Barbossa schenkte der Frau ein Schmunzeln, was etwas völlig anderes aussagte, als seine Worte.
»Wir... stehlen nicht... Wir töten nic..-« Fiona stockte.
Neugierig, Barbossas Grinsen war bereits erloschen und seine Miene dafür so düster wie die Nacht, stützte er seinen rechten Ellbogen auf den Tisch.
»Ihr tötet nicht?« Wiederholte er ihre so dummen Worte, lachte dabei ein schauriges Lachen.
Eine Gänsehaut überzog Fionas Körper und sie erschrak, presste ihre Fäuste enger an ihre Brust und verschluckte ihre Zunge.

Sie töteten sehr wohl.
Um sich zu verteidigen.
Nicht wahr?

Sie konnte jedoch nichts anderes erwidern, bis auf ein trauriges »Ich würde lieber verhungern.«
Barbossa seufzte bloß; völlig unbeeindruckt, vielleicht auch etwas enttäuscht über ihren plötzlichen Rückzug und bis dann herzhaft in seinen Apfel.
»So sei es.«

Fiona nutzte diese Gelegenheit und schielte kurz quer über den Tisch, als sie das laute Schmatzen Barbossas ausmachte. Kurz vergaß sie wohl, wieso sie sich eigentlich die ganze Zeit dazu zwang, ja nicht aufzusehen und sie bereute es, kaum sah sie zum aller ersten Mal das entstellte Antlitz Barbossas, denn ihre Neugierde siegte dann doch.
Spucke lief dem Kapitän aus beiden Mundwinkeln und Apfelreste hingen ihm in seinem dünnen Bärtchen, der an Kinn und Oberlippe wucherte. Immer wieder gruben sich seine gelben, verfaulten Zähne in das Fleisch des Apfels hinein und sie erkannte, dass sie schwarz wie die Nacht waren oder so gelb, wie ein Glühwürmchen.
Seine Haut war überseht mit Narben und die vielen Jahre auf See zeichneten sich in seinem Gesicht, so tief, dass Fiona deutlich ihren Magen rumoren spürte, denn dieser Anblick war so schrecklich, wie befürchtet und ihr war sofort wieder nach Spucken zumute, als sie beobachtete, wie Fruchtsaft von seinem Kinn tropfte und hinab auf seine Kleidung tropfte, die sie aus dieser Entfernung bereits riechen konnte.
Sein dünnes rotbraunes Haar quoll unter einem breitrandigem großen Hut hervor und sie erkannte auch noch die große Feder, die sie letzte Nacht glaubte, erkennen zu können.

Das Blau in seinen Augen blitzte in diesem Licht, direkt in ihre Richtung, denn ganz gleich, wie sehr er auch den Geschmack jenen Apfels genoss, nahm er doch, jede kleinste Bewegung wahr. Beim Hineinbeißen hatte er für einen Wimpernschlag die Augen geschlossen, denn zu befürchten hatte er schließlich nichts. Genau in dem Augenblick, als Fiona über den Tisch schielte und ihre Augen sich an seiner Erscheinung weideten, öffnete er sie wieder und es war, als entginge diesen nichts. Seine Augen fanden sofort die ihre und sie zuckte, senkte sofort ihre Blicke und zählte insgeheim bis Zehn.

»Falls es Eure Seele beruhigt,« Setzte Barbossa an, »Die Äpfel hatten wir schon vorher.«
Wie in Trance fielen ihre Fäuste hinab in ihren Schoß, ihre Fingernägel krallten sich in den dünnen Stoff des Kleides hinein und immer wieder schüttelte sie ihren Kopf, denn das, was sie eben gesehen hatte, wollte sie am liebsten wieder vergessen und so versuchte sie ihre Erinnerungen daran zu vertreiben. Selbst in ihren so düsteren, düsteren Träumen, waren die Piraten nie so hässlich und furchteinflößend gewesen, wie dieser Piratenkapitän.
»Solche saftigen Äpfel findet man nämlich nur in Singapur.«, schmachtete er und grub seine Zähne erneut in den Apfel hinein.

»Wieso tut Ihr das nur?«
Der Gedanke, dass all das gestohlen und von Menschen weggenommen worden war, die täglich dafür hart schufteten und nun sehr wahrscheinlich Hunger leiden müssten, nur damit ein Piratenkapitän mit dessen Crew in Saus und Braus leben konnte, schmerzte die Gouverneurstochter, die doch sowieso nur ganz schwer begreifen konnte, wie sich die unterschiedlichen Schichten trennten, so sehr, dass sich ihre Finger verkrampften.
Achtlos warf Barbossa den abgenagten Kern hinter sich, kraulte dann Jack zwischen seinen beiden pelzigen Ohren, wessen Kopf sich in seine Hand schmiegte.
»Wir sind Piraten.«

In den nächsten Minuten verputzte Barbossa vier ganze Äpfel und schlürfte bestimmt drei Gläser Wein. Wein, so gut, wie der schlechteste Rum an Bord der Black Pearl und dennoch war es der Gedanke, dass dieser lange Jahre in den Mauern Port Royal gegährt hatte, der ihn diese feine Note gab, die Barbossa so sehr genoss.
Einfach der Gedanke schmeckte ihm, dass die Rotröcke diesen Wein nun trinken und ehrlich genießen würden, doch stattdessen waren es seine gelben Zähne, die gegen das Glas klirrten und das Gesöff runter kippten, ohne eine waschechte Zuneigung.

Während der Kapitän trank und aß, achtete das Gouverneurstöchterchen noch immer pingelig auf eine kerzengerade Körperhaltung, hielt ihren Kopf jedoch nicht mehr länger gesenkt und dennoch scheute sie sich, länger als nötig, dem fürchterlichen Kapitän ins Antlitz zu blicken. Also wanderten ihre Blicke mehrmals über den reich gedeckten Tisch, immer wieder, fragte sich unwillkürlich, aus welchen Teilen Port Royal wohl die Früchte geklaut worden waren oder aus welcher Bäckerei das Laib Brot. Außerdem überkam sie eine dunkle Vorahnung, dass dieses Schiff schon etliche Ecken der Welt befahren haben musste, denn die Reiche des gedeckten Tisches, konnte sie sich anders nicht erklären.
Es kamen grässliche Gedanken, solche wie, dass Barbossa vor Port Royal noch andere unschuldige Städte überfallen haben musste und Port Royal nicht das einzige Land war, was nun leiden musste (wenn es den Angriff überhaupt überstanden möge) und schon musste sie ihre Finger ineinander verkeilen und ihre Hände zusammendrücken, damit sie nicht anfing zu wimmern.
Die Blicke Barbossas lasteten auf ihr, die ganze Zeit.
Sie spürte, wie seine Blicke auf ihrem Gesicht ruhten, wie er länger als nötig auf oder in ihren Busen glotzte und wie er den leeren Teller vor ihr missbilligend abschätzte, als würde er stets dran glauben, dass sie doch noch zulangte und diese Selbstsicherheit, wie er dann grinsend an seinem Glas nippte und mit amüsierten Augen das viele Essen beäugte, stimmte Fiona unruhig.
Trotzdem ließ sie sich nicht davon beirren, denn ihr Entschluss stand fest. Zwar rumorte ihr Magen, wollte endlich etwas haben, doch sie baute auf ihr Durchhaltevermögen und hatte heimlich die Hoffnung, der Pirat würde sie irgendwann gehen lassen, würde sie nichts essen, denn eine Leiche würde irgendwann anfangen erbärmlich zu stinken.
Wollte sie elendig verhungern? Nein. Würde sie den Mut dafür finden? Nein.
Früher oder später würde sie essen, denn ihr fehlte der Mut eines Heldentodes zu sterben, ja, sie war feige. Der Gedanke, dass sie nur lang genug aushalten müsste, hielt ihren Kopf schließlich über Wasser.
Natürlich dachte sie auch an all die vielen Bürger von Port Royal und möglicherweise auch an jene, aus den fremden Städten, doch ihr Hunger wuchs und wuchs und ihr leerer Magen krampfte bereits; es wäre nur noch eine Frage der Zeit, doch sie hielt an ihrem Plan fest.

Was würde ein Pirat schon groß dagegen tun können, wenn sie sich stets zwang, nicht zu essen? Es wäre ihre Chance um zu verhandeln.

Einmal bot Barbossa ihr sogar einen seiner besagten roten Äpfel an, lobte sie in den Himmel, war offensichtlich etwas gekränkt, als Fiona entschieden ablehnte, noch nicht einmal zögerte.
Später war es dann doch noch ein triumphierendes Grinsen was sich dort auf seinen feuchten Lippen ausbreitete, denn Fiona griff nach einem Glas, dass bis oben hingefüllt war mit Wasser und er prostete ihr bloß zu, starrte ihr dabei gierig auf die Lippen, wie diese sich öffneten und das Glas berührten. Anschließend musterte er ihre Kehle und erkannte einen Tropfen, wie dieser ihr scharfes Kinn entlang floss, fast zeitgleich griff er ebenfalls nach seinem Glas, bei diesem Anblick.

Irgendwann, als sich Barbossa an seinen Äpfeln satt gegessen hatte, beugte er sich über den Tisch hinweg, so weit nach vorne, dass sich Fiona unbehaglich nach hinten in die Stuhllehne kippen ließ, stets darauf bedacht, auf ihr Wasser zu schauen, welches Glas ihre Finger festhielten, wie eine Waffe.
»Ich sagte bereits, ich bin ein Gentleman,« Kommentierte Barbossa ihr Zurückweichen, »So beleidigt ihr mich, wenn Ihr vor mir zurückweicht.«
»Ihr habt mich entführt,« Sie schluckte und trommelte mit ihren Fingernägel gegen das Glas, denn in der Kajüte Barbossas war es plötzlich so erdrückend still geworden. Selbst der Wind schien mit einem Mal verschwunden.
»Bedarf es tatsächlich noch mehr Gründe?«
Die Ellbogen Barbossas stützten sich auf der Tischplatte ab, seine Finger verschränkten sich und seine Augen waren jetzt nur noch dünne Schlitze, die jede ihrer Bewegung einfingen.
»Wenn ich Euch töten würde.«

»Tö... Töten?«
Es hatte einen Grund gehabt, warum Fiona sich so sehr davor gesträubt hatte, das Gesicht des Kapitäns zu sehen.
Es erinnerte sie an den Teufel. An die Bilder, die überall in der Kirche hingen und aus Büchern, in denen der Teufel die Seiten verdüsterte und vor allem an das Gesicht in ihren Alpträumen, dass viele Jahre jede Nacht aufgetaucht war. Das Gesicht, was sie so lange hatte, nicht schlafen lassen können.
Sie sah nur noch die tiefen Narben, die bleiche Haut und das kalte Blau seiner Augen, wie es sie überallhin verfolgte. Damals hatte das Gesicht keinen Namen... Heute schon.
Mochte es der Kerzenschein sein und dennoch schimmerte seine blasse Haut, in einem unheilverkündenden Licht, als wäre um ihn herum überall loderndes Feuer und alles was er anvisierte, würde zu Asche zerfallen.
Gut zureden konnte sie sich, als sie noch nicht sein Gesicht gekannt hatte, aber jetzt, wo sie diese Kälte sah, diese Blutrünstigkeit und diese Bedrohung ausmachen konnte, die er ausstrahlte, bangte sie plötzlich um ihr Leben.
Dieses Abendessen schien mit einem Mal wie eine Henkersmahlzeit.

»Bitte... Ich..-«
»Missy,« Schnurrte der Teufel düster, »es würde keinen Sinn machen, Euch zu töten.«
Barbossa unterbrach die junge Frau, die hatte versuchen wollen, mit jämmerlichen Betteln um Gnade, so wie er es eben gewohnt war, um ihr Leben zu kämpfen. Er kürzte das alles einfach ab, indem er ihr das Wort schnitt und ersparte dieser wertvolle Energie, die sie ganz sicher noch anders brauchen würde.

»Hier!« Voller Adrenalin knallte die Frau dann urplötzlich das Glas zurück auf den Tisch, sodass der Inhalt über alle Ränder schwappte. Sie rückte etwas im Stuhl herum und kämpfte sich schließlich aus der schweren Perlenkette, die dort um ihren Hals prangte und Barbossas Blicke anlockte, wie Licht die Motten.
Geschickt fummelten ihre Finger am Verschluss der Kette herum, doch sie zitterten zu sehr und sie brauchte ihre Zeit, die ihr unendlich lang vor kam, sodass Barbossa bloß seufzte und den Kopf schüttelte. Jack tat es ihm gleich.
»Jetzt habt Ihr euer Schmuckstück!«
Hektisch warf sie die Kette in die Mitte des Tischs, die nun so viel wog wie Zement. Es knallte dumpf, als die schweren Perlen auf das Holz trafen und sie atmete erleichtert aus, denn sie sah darin ihre Möglichkeit der Flucht. Nachdem sie jedoch in das Gesicht Barbossas sah, welcher bloß völlig unbeeindruckt eine Augenbraue hochzog, verflog ihre anfängliche Euphorie.
»Lasst mich frei. Ich bin nicht mehr von Nutzen.«

Barbossa griff nach der Kette, schob seine Finger unter die Perlen und schwenkte sie im Kerzenschein mehrmals nach links und rechts, inspizierte jede einzelne Perle, so genau, als würde er in jeder sein Spiegelbild mustern und dabei jede einzelne seiner Narben zählen.
Dann schnalzte er mit der Zunge, fuhr mit seinem Stuhl knarrend über das Holz und erhob sich schließlich.
Jack reagierte sofort und sprang dem Captain auf seine Schulter, beugte sich vor und griff nach den Perlen, die so hübsch schimmerten und schrie ganz quirlig, wollte sie haben. Barbossa hielt die Perlen wie auf Kommando über seine Schulter, so nahe an Jacks Gesicht, dass das Äffchen seine Augen darin erkennen konnte und mit einem Mal verstummte.

»Nutzlos?«, Holz traf auf Holz, als sich der Pirat in Bewegung setzte, »Nein...«
Fionas Blicke suchten nach dem komischen Geräusch, was sie auch schon in der vergangenen Nacht gehört hatte, jedoch nicht hatte deuten können und riss unweigerlich die Augen auf, als sie das Holzbein erkannte, dort, wo doch normalerweise sein Fuß hätte sein sollen.

»Ihr glaubt wohl, diese Kette sei das Einzige von unvorstellbarem Wert.«

Reflexartig schüttelte Fiona mit dem Kopf, aber nicht um auf Barbossas Worte zu reagieren, sondern um den fürchterlichen Gedanken zu vertreiben, dass dieser Mann bloß ein Bein hatte. Etwas, was Fiona bisher nur in Schauergeschichten gelesen, doch niemals in echt gesehen hatte und am liebsten einfach wieder vergessen wollen würde. Das passte nämlich nicht in ihrer Welt.
Trotz Holzbein, schritt er ziemlich selbstsicher durch seine Kajüte und sein schwarzen Rock mit der noch schwärzeren Hose war in diesem Licht kaum zu erkennen. Es schien eine Masse. Seine Weste, über einem weiten gelblichen Hemd, mit langen aufgeplusterten Ärmeln steckte zur Hälfte in seiner Hose, die andere fiel locker über seinen Hosenbund.
Die dumpfen Schritte hallten noch lange in ihren Ohren nach, kaum schlich der Kapitän weiter durch seine Kajüte und dieses Klopfen auf Holz würde sie später in ihren Träumen heimsuchen.

Barbossa blieb irgendwann mitten im Raum stehen und ließ die Kette baumeln, direkt vor seinem Gesicht und konnte er sich zuvor einfach nicht an dieser satt sehen, war es mittlerweile etwas ganz anderes, das er begehrte.

Fiona rutschte nervös auf ihrem Stuhl herum, ließ den Piraten dabei nicht aus den Augen, denn dieser ließ achtlos, ohne ein weiteres Wort, von der Kette ab, als hätte er nie echtes Interesse an dieser gehegt; wie ein Kind, dass plötzlich etwas anderes sah und haben wollte.
Es war verrückt. Die Kette rutschte in eine seiner Taschen, als wäre sie bloß eine alte Münze.
Mit einem Lächeln auf den Lippen, das nur böses verbergen wollte, drehte sich Barbossa zu der Frau um.
Reflexartig schnellten Fionas Finger nach oben, zu ihren Ohrläppchen und begannen, auch an diesen herumzupulen, um ebenfalls die Ohrringe endlich loszuwerden, um dem Kapitän schließlich das Letzte zu opfern, was sie ihm noch geben konnte.

Sobald die Ohrringe auf dem Tisch lagen und Fiona ihre Hände wieder zurückgezogen hatte, lachte Barbossa ein so düsteres Lachen, dass Fiona zuckte, in sich zusammensackte und sich hastig von ihm abwandte, denn dieses Lachen war ihr nicht geheuer.
Aus dem Augenwinkel erkannte sie, wie Barbossa sich wieder in Bewegung setzte, beinahe auf sie zu pirschte, da war wieder der Berglöwe, immer näher und näher kam, so nahe, dass Fiona ihre Hände am Kleid des Stoffes rieb, um den Angstschweiß loszuwerden.

»Ich muss gestehen, dass Ihr mich überrascht habt.«

Jetzt trennten sie nicht mal mehr zwei Meter.

»Ich hätte nie damit gerechnet, so etwas Wertvolles in die Finger zu bekommen.

Fiona war naiv genug um zu glauben, er spreche noch immer über den Schmuck.

Geschickt sprang Jack auf den Tisch, schnappte sich eine Banane und setzte sich dann demonstrativ auf Fionas leeren Teller. Er schrie, schälte die Frucht und lenkte für einen kleinen Moment die Aufmerksamkeit der Frau auf sich.
Barbossa nutzte diese Gelegenheit, überwand geschwind auch die letzten paar Meter und positionierte sich dann so geschickt hinter dem Stuhl, dass seine Hände auf ihren nackten Schultern lagen und er von oben herab auf die Frau herunterblicken konnte, die, als seine Finger ihre Haut berührten, zuckte und sich danach nicht mehr rührte; fast so als würde sie aufgehört haben zu atmen.
Sie wünschte sich einmal mehr fort, das wusste Barbossa, denn er hatte einfach ein viel zu scharfes Auge, damit ihm etwas entging. Er hatte die Frau in den letzten paar Minuten so scharfsinnig beobachtet, seitdem sie in seine Kajüte geschubst worden war, dass er wusste, dass sie einfach ihre Augen zukniff oder ihre Blicke abwandte, sich gedanklich konzentrierte, wenn sie sich fürchtete.
Das brachte Barbossa zum Grinsen.

»Ihr müsst wissen,« Begann er dann geschwollen zu erzählen, »Eure Anwesenheit auf der Pearl ist eine Ehre. Auch, dass Ihr noch lebt, ist eine Ehre. Natürlich könnt Ihr uns Eure Dankbarkeit erweisen, indem Ihr esst und trinkt, denn,« und das betonte er mehr als alles andere, »Eure Anwesenheit wird uns noch lange zuteil. Sicherlich gibt es noch andere Methoden, Euch dankbar zu erweisen...«

Am liebsten wäre Fiona aufgesprungen, wären ihre Füße nicht so Zement-schwer und würden Barbossas Hände sie nicht in den Stuhl hineindrücken.
»Es beleidigt mich, dass Ihr fort wollt.«, kommentierte er abermals ihren Fluchtinstinkt und wirkte auch dieses Mal gekränkt.
Die Fingernägel von Barbossa, lang und pechschwarz, spielten an dem Saum ihres Kleides, fummelten an dem Stoff herum. Sie folgten ihm über Schulter und Brustbein, bis ins Dekolleté und rüber auf die andere Seite. Die Wölbungen ihrer Brust wanderten seine Finger auf und ab, auf und ab und wieder auf und ab.

»Ich sagte bereits, ich bin ein Gentleman,« Der plötzliche Gestank zu ihrer rechten, verriet Fiona, dass sich der Kapitän über ihre Schulter hinweg beugte und nicht nur mehr in ihrem Dekolleté herumspielte, sondern auch noch hinein glotzte.
Ihr Körper war so verspannt, dass ihre Waden begannen zu krampfen.
»... und als ein Gentleman, gebe ich Euch eine einzige Chance.«
So plötzlich wie Barbossa ihre Haut berührt hatte, so plötzlich zog er sich auch schon wieder zurück. Er ging einmal um die Frau herum, bis an den Tisch heran und schnappte sich die Flasche Wein.
»Eure Majestät,« Säuselte er dann übertrieben und prostete ihr zeitgleich zu, »... Sorgt dafür, dass Ihr wohlgenährt seid. Ihr esst und trinkt, ohne jegliches Widerwort.«
Hastig schluckte der Kapitän, saugte regelrecht an der Flasche und leerte sie in nur wenigen Zügen.
»Dafür steht Ihr unter meinem Schutz.«
»Euer Schutz erscheint mir wertlos,« Hastig schnappte Fiona nach Luft, denn eben hatte sie vergessen, wie man atmet, »Ihr seid es schließlich, der mich gefangen genommen hat...«
»Bedaure,« Verärgert, dass diese Frau abermals seine Werte in den Dreck zog, knallte er die leere Flasche auf den Tisch, »doch nicht ich war es, der Euch gefangen genommen hat. Sondern meine Männer. Meine Männer, die versoffenen Missgeburten. Denen seid Ihr in die Hände gelaufen, wie ein scheues Lamm. Sie sind es auch, diese notgeilen Ratten, die sich zu gerne über Euch hermachen würden. Einer nach dem Anderen... Oder gleich alle zusammen.«

In genau diesem Moment erwischte eine größere Welle die Pearl. Das Schiff ächzte und neigte sich nach links und rechts, sodass Fiona sich panisch am Stuhl festhielt, ihre Nägel in das Holz rammte und irgendwie versuchte das Gleichgewicht zu halten und da, sie hörte wieder ihren Magen rumoren.
Die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Nicht nur, dass die Wellen immer größer zu werden schienen und das Schiff sich immer schneller zu allen Seiten neigte, sondern die Gewissheit, dass Barbossa nur ein Fingerschnippen davon entfernt war, seine Crew auf ihren Körper loszulassen, ließ sich ihren Magen mehrmals umdrehen und das beklommene Gefühl in ihrer Kehle, das verriet, sie müsse bald würgen, war zurück.
Barbossa hingegen geriet noch nicht einmal großartig ins Wanken, schnappte sich stattdessen eine zweite Flasche Wein und entkorkte diese mit seinen Zähnen, als wäre nie etwas gewesen.
»... und glaubt mir,« Lachte der Captain dann amüsiert, »Ihr werdet Euch dann wünschen, Ihr wärt tot.«
»Eure Männer zeigen jetzt schon keinen Anstand,« Schluckte Fiona und erinnerte sich unweigerlich an die vergangene Stunde zurück, wo Pintel und Ragetti sie in das Kleid gezwungen hatten und ihre Haut begann zu zwicken, an diese grässliche Erinnerung von deren Händen an ihrer Hüfte und vor allem wie sie gezwungen wurde, stramm zu stehen, während Pintels Hände über ihr Mieder gewandert waren und ihre Brust berührt hatten... . »Wie kann ich da auf Euer Wort vertrauen?«
Mit einer düsteren Vorahnung musterte Barbossa die Frau, die offensichtlich von schrecklichen Erinnerungen heimgesucht wurde, denn ihr Unterkiefer schob sich nach vorne und ihre Fingernägel krallten sich in das Holz des Stuhles, jedoch war die Welle schon längst vorüber.
Bei dem Gedanken an Pintel und Ragetti, die abermals wider sein Wort gehandelt hatten mussten, knurrte Barbossa kurz, irgendetwas Unverständliches was Fiona überhörte und deutete dann einen vagen Knicks an, ganz zugunsten der Gouverneurstochter, »Verzeiht den Hunden ihr fehlendes Benehmen. Seid gewiss, dass ich diese zu zähmen weiß und das dies nicht mehr vorkommen wird, außer...«
»Ich widersetze mich...« Während sie leise in die Kajüte flüsterte, griff Fiona erneut nach dem Glas und spülte den Schrei runter, der raus wollte.
»Aye.«
»Aus welchem Grund seid Ihr so sehr darauf bedacht, mich wohl auf zu wissen? Ich soll essen und trinken und stehe unter Eurem Schutz... Dennoch habt Ihr meine Heimat zerstört und haltet mich in einer Zelle gefangen wie ein Tier.«
Eigentlich geschah es ganz unterbewusst, dass Fiona gleich zweimal das Glas leerte, doch Barbossa deutete ihr Verhalten als eine Zustimmung auf seinen vergangenen Vorschlag und bedachte dies mit einem zufriedenen Lächeln: Seine Steinchen schienen ins Rollen zu kommen.
»Tot seid Ihr nur eine Last... Aber lebendig öffnet Ihr mir Türen, die ich niemals in Betracht gezogen hätte.«
Fiona gestattete sich einen Moment, um darüber nachzudenken.
»Ich... Ich öffne Euch Türen? Mit meiner Hilfe bekommt Ihr noch etwas viel Wertvolleres? Etwas Wertvolleres als das hier?« Sie zeigte auf die Ohrringe, die traurig auf dem Holz lagen und überhaupt nicht ins Bild passten.
Mit einem zufriedenem »Aye.«, lehnte sich Barbossa rücklings gegen den Tisch und starrte gegen die Schiffswand, die flackerte, durch den Kerzenschein.
»Ihr handelt mit meinem Leben!« Empört trampelte Fiona mit beiden Füßen und warf dem dreisten Piraten einen Blick zu, der kälter nicht hätte sein können. »Euch ist es gleichgültig. Stattdessen verkauft Ihr mich, um Eure Kammern mit Gold zu füllen!«
Barbossa lachte nur und sog nochmals am Flaschenhals.
»Meine Kammern sind zum Bersten voll mit Gold.«
»Es ist kein Gold, dass Ihr begehrt? Kein Schmuck?«
Barbossa schüttelte den Kopf.

»Mögt Ihr den Gedanken nicht, Missy?« Es gluckerte kurz als Barbossa den Wein absetzte und dann die Ohrringe zwischen die Finger nahm, »Ihr werdet frei sein.«

Frei?
Kaum hatte Fiona die Bedeutung hinter seinen Worten verstanden, stellte sie das Glas zurück auf den Tisch und warf ihre Blicke direkt in das vernarbte Gesicht des Teufels, doch dieser schenkte ihr keinerlei Aufmerksamkeit mehr, denn sein Interesse hatte sich mal wieder verabschiedet. Nun hing er seinen ganz eigenen Gedanken nach. Teilnahmslos widmete sich dieser seinem Äffchen, dass wie auf Kommando zurück auf seine Schultern sprang und somit Fiona den Teller freiräumte, als Barbossa ihm nur einen schiefen Blick schenkte.
»Ihr werdet mich gehen lassen?« Nur um sicherzugehen auch ja nichts misszuverstehen, blickte sie mit großen Augen zu ihrem Entführer hinauf, fügte ein eiliges »Ich werde nicht mehr Eure Gefangene sein?« hinzu, was Jack bloß mit einem Fauchen kommentierte.

Der Gedanke an Port Royal trieb die Frau an, augenblicklich ihre Schultern zu straffen und über ihren Teller zu pusten, wo noch zuvor ein Affe gesessen und womöglich verspottet hatte. Zwar biss sie sich auf die Unterlippe, bei dem Gedanken einen dreckigen Teller zu benutzen und dennoch siegte die Freude in ihrer Brust, bei dem Gedanken an ihre Heimat.
Kurz darauf landete eine riesige Portion Kartoffeln auf ihrem Teller, mitsamt einigen Pilzen, noch bevor Barbossa überhaupt die Ohrringe in einer seiner Taschen verschwinden lassen konnte. Er warf ihr bloß einen anerkennenden Blick zu, während sie bereits dabei war, mit Messer und Gabel, ein großes Stück Fleisch aus dem Vogel zu schneiden.
»Also, haben wir einen Deal?«
Es genügte als Antwort, Fiona zufrieden kauen zu sehen, dennoch nickte sie ihm rasch entgegen.

Der bloße Gedanke Heim zu kehren und die Hoffnung, die sich dabei in ihrer Brust ausbreitete, brachte die eingeschüchterte Gouverneurstochter dazu, kopflos das zu tun, was der Pirat von ihr verlangte und nicht mehr länger über den Schatz nachzudenken, den er so begehrte... Sie würde alles tun was nötig war, um leben zu dürfen,- alles dafür tun, um wieder nach Hause zu kommen...

Während Fiona sich eine halbe Kartoffel in den Mund quetschte und dabei streng versuchte irgendwie an den Förmlichkeiten festzuhalten, versenkte Barbossa mit einem selbstgefälligen Grinsen die Ohrringe in den Tiefen seines Mantels, warf dann Jack einen vielsagenden Blick zu. Täuschte es nicht, erwiderte dieser sogar sein schäbiges Grinsen, klatschte dabei aufgeregt in die Hände und ja, er zwinkerte Barbossa zu, der sich danach bloß umdrehte und insgeheim in sich hinein lachte...

♒︎

Noch niemals zuvor waren Fiona die Tage so endlos vorgekommen, wie auf See.
Noch immer gefangen gehalten wie ein wildes Tier, kauerte sie in der Brig, in demselben goldenen Kleid, welches sich nach mehreren langen Tagen ebenfalls mit Wasser voll gesogen hatte. Das Gewicht zog sie nach unten und wollte sie aufstehen, musste sie angestrengt ihr Gleichgewicht suchen. Sie blieb jedoch sitzen. Sie sah keinen Grund aufzustehen, stattdessen versank sie in Selbstmitleid.
Zweimal am Tag stolperten Pintel und Ragetti die Treppen hinunter, schmissen Brot und Käse in die Zelle, überreichten mit schmutzigen Versen ein Glas Wasser und verschwanden dann wieder oben an Deck. Jedes Mal machte sich Fiona ganz klein, kaum hörte sie schon deren schweren Stiefel und das fürchterliche Gelächter.
Sie schlang ihre Arme um ihre Brust, hielt ihre Blicke gesenkt und versuchte die aufkeimenden Bilder zu verdrängen, von Pintels schmutzigen Händen an ihrer Brust und Ragetti, wie dieser das alte Kleid auffing und es sich ins Gesicht drückte, dabei so tief ihren Duft inhalierte, dass Fiona erschauderte.

So wie es mit Barbossa abgemacht war, trank Fiona, aß und gab keinen Mucks von sich und als Gegenzug konnte sie für einen flüchtigen Moment die Angst davor vergessen, von Piraten missbraucht zu werden, da niemand es auch nur wagen würde, die Frau mit dem kleinen Finger zu berühren; ansonsten würde er unten bei den Haien landen, denn Barbossa duldete kein Verstoß gegen sein Wort.
Das Barbossa sein Wort hielt, erkannte sie an Pintel und Ragetti, die sich zwar den einen oder anderen schmutzigen Verse nicht verkneifen konnten und dennoch auf ihrer Seite der Zelle blieben.

Viele Stunden hatte Fiona damit verbracht, über Port Royal zu fantasieren und lange Zeit trug sie die Hoffnung aufrecht, dass ihr Land den Überfall der Piraten überstanden hatte. Zu mindestens so lange, bis irgendwann, mochte eine gute Woche verstrichen sein, Barbossa höchst persönlich in die Brig stolziert kam, mit Jack auf seiner Schulter, der den Kopf schief legte, während er das große Schlüsselbund klimpern ließ.
Kaum musterte Fiona diese düstere Gestalt direkt vor sich, verpuffte allerlei Hoffnung und es war Trauer, die ihr Gesicht flutete.
Würde denn je jemand einen seiner Angriffe überstehen?

Barbossa spuckte ins Wasser, nickte ihr dann rasch zu, woraufhin sie, als bekäme sie einen Stromschlag, sich sofort erhob.
»Es ist soweit.«

...

»Das war nicht unsere Abmachung!« »Ihr habt gelogen!«
Hysterisch trat Fiona um sich, schrie so laut wie sie nur konnte, bis ihr ein fransiger Knebel zwischen die Lippen geschoben wurde und es nur noch ein aufgebrachtes Genuschel war, dass über die Pearl donnerte.
»Wagt es nicht meine Ehre in Zweifel zu ziehen!«, Barbossa griff der Frau, die nun von allen Seiten festgehalten wurde und vorzugsweise natürlich an Hüfte und Brust, grob ins Gesicht, sodass sie gezwungen war ihn anzusehen, »Eure Rückkehr nach Port Royal war weder Teil unserer Verhandlung, noch unserer Vereinbarung. Ich sagte ich würde Euch freilassen, aber ich habe nicht spezifiziert, wo.«
Damit wandte sich der Piratenkapitän von der Frau ab, die nach und nach in Fesseln gelegt wurde, sich zwar wehrte, doch ihr Adrenalin reichte einfach nicht aus, um gegen acht Arme anzukommen. Sie war einfach zu schwach. Wütend, dennoch schwach.
»Holt die Segel ein, ihr Nichtsnutze!« »Macht die Beiboote klar!«
Mit den Händen hinterm Rücken verschränkt, sah Barbossa dabei zu, wie sein erster Maat Befehle übers Deck pustete, wild gestikulierte und den einen oder anderen Taugenichts gegen die Reling schubste, mit dem eindringlichen Rat, dass Tempo anzuziehen.

Ihre Zähne bissen sich in den Knebel hinein und ihre Schultern warfen sich nach links und rechts, sie kassierte dafür nur einen brutalen Schlag auf den Hinterkopf und bewirken konnte sie dennoch nichts. Einer der Piraten packte sie am Schopf, zwang sie, ihren Kopf weit in den Nacken zu werfen und alles, was sie noch erkennen konnte, waren ein paar Wolken, direkt über ihr und die dahinter untergehende Sonne, die den Himmel in ein dunkles Abendrot tauchte.
Es galt wie ein stummes Zeichen, denn die Piraten nickten sich plötzlich allesamt zu, schubsten dann die quengelnde Frau rüber zur Reling. Hände drückten sich in ihr Kreuz und bei der Reling angekommen, wurde sie plötzlich hochgehoben und über eine Schulter geworfen.
Sie landete in einem Beiboot, versuchte zu protestieren und das Letzte, was sie sah, war der Smog von Singapur, bevor ihr etwas über den Kopf gestülpt wurde...

♒︎

Psst...
Ich bin es noch einmal!
Ich werde heute mein Profil endlich updaten und unter anderem findet ihr dort täglich neue Anmerkungen wie weit das nächste Kapitel fortgeschritten ist und wann es hochgeladen wird!
(Damit ihr auch Bescheid wisst :) )
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