They tried so hard

GeschichteDrama, Romanze / P12
19.03.2020
26.03.2020
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Dearly beloved.

Am darauffolgenden Montag verabschieden sich Allison und Matthew am Bus und können und wollen sich dabei kaum voneinander trennen. Matthews Freunde, die natürlich auch mit auf die Kursfahrt fahren würden, schlagen von innen mit den Handflächen gegen die Scheiben des Busses und johlen ihnen unangemessene Ausrufe zu, die sie bestmöglich zu ignorieren versuchen.
Ein paar Meter hinter ihnen, mit gebührendem Sicherheitsabstand, stehen bereits Kyle und Justin bereit, um Allison sicher und heil zum Schulhof zurück zu eskortieren. Wer weiß schon, was Matthew mit den beiden anstellen würde, wenn Ally etwas zustoßen würde. Das wollen die beiden sicherlich nicht riskieren.

Allison vergräbt die Hände tief in der Bauchtasche von Matthews Pullover, den er ihr heute Morgen zum Überziehen gegeben hatte. Er ist ganz warm und riecht intensiv nach dem Alpha, der in ihm steckt. Sowohl Alphas als auch Omegas, und auch manche Betas, sondern bestimmte Geruchsnuancen ab. Der Geruch eines jeden Menschen ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Wenn zwei Seelenpartner beschließen, eine Bindung miteinander einzugehen, dann entsteht ein spezifischer einheitlicher Bindungsgeruch bei beiden, der anderen Alphas und Omegas signalisiert, dass dieser Mensch bereits an einen anderen gebunden ist. Er kennzeichnet sie als Lebenspartner.
Im Moment genügt ihr aber Matthews ganz natürlicher Alpha-Geruch, der von seinem Pullover ausgeht. Er steigt in ihre Nase und der weiche Pullover fühlt sich wie eine liebevolle Umarmung ihres Freundes an. Im Moment könnte Ally nicht viel glücklicher sein – außer natürlich, wenn Matthew nicht mit auf diese Kursfahrt gehen müsste.

Gerade will sie ihm sagen, wie sehr sie ihn vermissen wird, als seine Lehrerin, Mrs. Timm, aus dem Bus aussteigt und frustriert die Arme in die Luft wirft, als sie die beiden sieht. „Matthew, wären Sie so freundlich, uns die Ehre zu erweisen und in den Bus steigen, damit wir losfahren können?“

„Ich komme sofort, Mrs. Timm“, antwortet er ihr und lächelt dabei freundlich. Dann wendet er sich Allison zu, drückt ihr einen Kuss auf die Stirn und sagt: „Ich rufe dich heute Abend an, sobald wir angekommen sind. Pass gut auf dich auf, Al, und wenn etwas ist, dann sag Kyle oder Justin Bescheid. Die werden sich kümmern. Okay?“

Allison nickt. „Okay, das mache ich. Du wirst mir trotzdem fehlen.“

„Ja“, erwidert er und küsst sie ein letztes Mal auf die Stirn, „du wirst mir auch fehlen. Ich liebe dich, Ally.“

Der Abschied von Matt tut Allison mehr weh, als sie gedacht hatte. Während des Unterrichts kann sie sich kaum auf den Lehrstoff konzentrieren und sobald sie an die Tafel sieht, scheinen die Buchstaben und Wörter vor ihren Augen zu tanzen. Dabei wird sie die ganze Zeit über das Gefühl nicht los, die gierigen Blicke der Alphas aus der letzten Reihe zu spüren, die sich tief in ihren Nacken zu bohren scheinen. Sie weiß genau, welche Alphas es sind, die sie anstarren, als wäre sie ein Stück ausgepriesenes Fleisch an einer Metzgereitheke. Auch sie sind Teil von Matts Freundeskreis (wie fast jeder Alpha an dieser Schule), gehören aber keineswegs zu der Sorte Alphas, die einen Omega respektieren würden.
Zum Glück sitzt zumindest Kyle in dieser Reihe, direkt zwischen den anderen beiden Alphas. Von einem von ihnen, Noah Hopkins, weiß Ally, dass er seinen letzten Omega um ein Haare krankenhausreif geschlagen hätte, weil dieser Kurkuma in das gemeinsame Abendessen gegeben hatte und Noah offensichtlich kein besonders großer Freund dieses Gewürzes ist. Den kleinen schmächtigen Omega – Jonah hieß er – hatte man danach eine Woche nicht in der Schule gesehen. Als er zurückkehrte, trug er jeden Tag einen hohen schwarzen Rollkragenpullover, um die blau-lilafarbenen und handgroßen Würgemale an seinem Hals zu verdecken. Jonah wurde verwarnt, weil er ohne Krankmeldung in der Schule gefehlt hatte. Noahs Name tauchte während der gesamten Auseinandersetzung zwischen der Schule und Jonahs Eltern nicht ein einziges Mal auf, er kam ungeschoren davon. Jonahs Eltern wissen sicher bis heute nicht, was ihrem Sohn tatsächlich zugestoßen und wer daran schuld gewesen ist.
Der andere Alpha in der letzten Sitzreihe, deren brennenden Blick Ally quasi auf ihrer Haut spüren kann, ist ein hochgewachsenes athletisches Mädchen namens Sophia Marx. Sie ist dafür bekannt, zart besaiteten und ängstlichen Omegas hobbymäßig einen Heidenschrecken einzujagen, indem sie ihnen auflauert oder sie verfolgt und sie dann, wenn sie es am wenigsten erwarten, von hinten angreift. Dabei geht es ihr nie darum, jemanden ernsthaft zu verletzen, es geht ihr allein um den panischen Blick in den Augen der Omegas, wenn sie sie niederstreckt.

Auch Allys Freundin Rachel, die im Unterricht neben ihr sitzt, scheint zu merken, dass etwas nicht stimmt. Unruhig rutscht sie auf ihrem Stuhl herum, wechselt ständig die Sitzposition und klopft nervös mit dem Ende ihres Kugelschreibers auf ihren Hefter. Allison glaubt, dass ihre Freundin dazu neigt, mit Alphas zu flirten, von denen jeder weiß, dass er sie nicht gut behandeln würde. Und Noah Hopkins scheint heute ganz besonders große Lust auf Omegas zu haben, die sich ihm anbiedern. Er genießt die Aufmerksamkeit, die ihm nur dann zuteil wird, wenn Matt nicht in der Schule ist. Seinen machohaften Alpha-Geruch verteilt er schon den ganzen Tag ungehindert im Klassenraum, obwohl eigentlich alle Schüler dazu angehalten werden, während der Schulzeit ihre Unterdrückungsmedikamente einzunehmen. Wenn es jedem jugendlichen Alpha erlaubt wäre, seinen für Omegas äußerst ansprechenden Geruch in der Schule zu verteilen, wären Teenie-Schwangerschaften eher die Norm als die Ausnahme. Die Tabletten helfen Alphas, diesen Geruch zu unterdrücken und sorgen bei Omegas dafür, dass sie kaum mehr anfällig für Hormonschwankungen sind, die Alpha-Gerüche in ihnen auslösen können.
Doch weder Rachel noch Noah scheinen heute ihre Medikamente genommen zu haben. Das kann ja noch heiter werden, denkt sich Ally und versucht, die Blicke der Alphas auszublenden und sich wieder auf den Unterricht zu konzentrieren.

Kurz vor Ende der Englischstunde rutscht Rachel plötzlich mit ihrem Stuhl zurück, greift mit beiden Händen nach dem Saum und zieht sich kurzerhand ihren dünnen malvenfarbenen Pullover über den Kopf.
„Es ist so warm hier, ich schmelze gleich“, sagt sie und fächelt sich mit der Hand Luft zu.

Ally kann das aufgeregte Schnappen nach Luft aus der letzten Reihe ganz genau hören. Jetzt haben sie freien Blick auf Rachels nackten Rücken und ihre makellose schneeweiße Haut. Sie präsentiert sich ihnen bereitwillig, spielt mit ihren animalischen Gelüsten und provoziert sie.
Hoffentlich nimmt das ein gutes Ende.

In der anschließenden Pause wirft Allison zuerst einen Blick auf ihr Handy. Leider zeigt es ihr keine neue Nachricht von Matt an, aber er hatte ihr ja gesagt, dass er sich meldet, sobald sie die Unterkunft erreicht haben. Warum hatte sich Matthew ausgerechnet für den Spanisch-Unterricht entscheiden müssen? Hätte er sich wie Allison für Darstellendes Theater eingetragen, dann wäre er jetzt nicht auf dem Weg in die mexikanische Einöde und sie wären nicht voneinander getrennt.

Katya, die in der Pause nach ihrer Sportstunde zu ihnen gestoßen ist, scheint die Sorge in Allisons Gesicht zu lesen und legt ihr mitfühlend eine Hand auf den Unterarm.
„Er wird sich schon melden, er schläft bestimmt gerade im Bus“, sagt sie ermutigend.

Unwillkürlich muss Ally bei dem Gedanken an den schlafenden Matt grinsen. Katya hat recht, wahrscheinlich ist er einfach noch ein bisschen müde, sie haben in der letzten Nacht beide nicht viel Schlaf bekommen, und holt das jetzt nach.
Allison packt das Handy zurück in ihren Rucksack. So verspürt sie nicht ständig den Drang, nach einer neuen Nachricht von Matt zu sehen.

Ihre Freundinnen unterhalten sich gerade aufgeregt über den anstehenden Abschlussball. Ihr letztes Schuljahr neigt sich langsam dem Ende entgegen und offenbar ist Rachel bei einem Einkaufsbummel mit ihrer Schwester am vergangenen Wochenende auf ihr perfektes Kleid für den Ball gestoßen.
Aufgeregt zeigt sie Katya, Ally und Milo – einem Klassenkameraden und Freund aus ihrem Geschichtskurs – Fotos von dem Traum in bordeauxrot.

„Und es kostet nur 200 Dollar! Da kann selbst meine Mutter nicht mehr Nein sagen“, berichtet Rachel und strahlt über das ganze Gesicht.

„Das Kleid ist wirklich wunderschön, Megs“, gibt auch Katya zu und vergrößert das Foto auf Rachels Handy. „Deine Eltern müssen es dir einfach kaufen, es ist perfekt.“

Jetzt schaltet sich Milo in das Gespräch ein, der die ganze Zeit über mit seinem Vanille-Cupcake beschäftigt gewesen ist. „Hatte Harry Potter dich denn nun gefragt, ob du mit ihm zum Prom gehen willst?“

Bei dem Gedanken an den Omega-Jungen Terrence Blumberg, den alle aufgrund seiner Narbe an der Stirn und seiner großen Brille nur Harry Potter nennen und der seit Jahren unsterblich in sie verliebt ist, tut Rachel so, als würde sie sich vor Ekel schütteln. „Nein, zum Glück nicht. Ich warte noch darauf, dass mich ein Anderer fragt.“

„Damit meinst du wohl Noah Hopkins, so wie du gerade in Englisch für ihn gestrippt hast“, hört Ally eine Stimme mit bissigen Unterton sagen.

Erst als ihre Freunde sie so entgeistert anstarren, als hätte sie den Verstand verloren, wird ihr klar, dass diese abfälligen Worte aus ihrem Mund gekommen sind. Erschrocken schlägt Allison ihre Hände vor den Mund und realisiert langsam, was sie da gerade über ihre Freundin gesagt hat.

„Oh mein... Megs, es tut mir so leid. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.“

Aber es ist zu spät. Rachels hellblaue Augen füllen sich bereits mit Tränen, die ersten kullern ihre erröteten Wangen hinab. „Weißt du, Allison, nicht jeder von uns hat so ein Glück wie du mit Matt. Manche von uns müssen um Liebe kämpfen.“

Milo und Katya sehen peinlich berührt zur Seite oder auf den Boden und tun so, als wären sie überhaupt nicht anwesend. Währenddessen funkelt Rachel sie allerdings mit einer Mischung aus Frustration und verletzten Gefühlen an.

Beschwichtigend versucht Allison den aufkommenden Streit zu schlichten: „So war das doch gar nicht gemeint. Es sollte ein Witz sein, es tut mir leid. Ich würde dich doch niemals ernsthaft beleidigen.“

„Noah ist eigentlich ein total netter Mensch“, schnieft sie jetzt und Allison kann nicht anders, als Katya einen fragenden und gleichzeitig verwirrten Blick zuzuwerfen, „Er wirkt nur so machohaft und als würde er Omegas nicht gut behandeln, das stimmt aber gar nicht! Ich will doch nur, dass er endlich zu seinen Gefühlen steht.“

Allisons Vermutung, dass sich Rachel in Noah Hopkins verknallt hat, hat sich hiermit also bestätigt. Ausgerechnet den schlimmsten Alpha von allen hatte sie sich ausgesucht, um von einer kleinen heilen Alpha-Omega-Beziehung zu träumen. Da wäre sie mit Harry Potter deutlich besser dran gewesen.
Rachels Frustration über Allisons Kommentar scheint sich nun in Frustration über ihre unerwiderte Liebe zu Noah gewandelt zu haben. Zumindest jammert sie jetzt nur noch unter Tränen, wie toll aber zugleich missverstanden er doch wäre und dass alle Welt von ihm denkt, er sei ein schlechter Mensch, obwohl er nie jemandem etwas tun würde.
Zum Glück kann der arme Jonah ihr gerade nicht zuhören.

Katya tröstet Rachel mit fürsorglicher Hingabe, nimmt sie in den Arm und lässt sie sich an ihrer Schulter ausweinen. „Du wirst irgendwann schon den Richtigen finden, Rachel. Spätestens an deinem achtzehnten Geburtstag weißt du doch sowieso, wer es ist. Und wer weiß, vielleicht ist es ja sogar Noah.“

Allison muss sich sehr zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. Sie ist selbst ein Omega, sie weiß wie sensibel und empfindlich man auf manche Themen reagieren kann, aber Rachels verzweifelte Art, die Aufmerksamkeit eines Alphas zu erregen, ist lediglich übertrieben. Das hätte sie gar nicht nötig, Allisons Meinung nach.
Sie hält sich aus dieser Sache lieber raus. Immerhin war sie diejenige, die Rachels Tränen überhaupt erst ausgelöst hatte. Wenn sie ihr jetzt noch sagt, dass sie ihr Verhalten unangebracht und kindisch findet, gibt es nur noch mehr Ärger.
Und darauf kann sie im Moment gut verzichten.

Zum Glück beruhigt sich Rachel beinahe genau so schnell wieder wie sie mit dem Weinen angefangen hatte. Allison entschuldigt sich ein letztes Mal bei ihrer Freundin, da hat die ihr schon längst vergeben.
Manchmal ist selbst Allison überrascht, was die Hormone mit Omegas und ihrem Denken anstellen können. Es gibt Tage, an denen sie sich wegen jeder Kleinigkeit aufregen kann und an anderen Tagen ist ihr alles und jeder gleichgültig. Dann badet sie wieder in Glücksgefühlen und noch am gleichen Abend würde sie am liebsten ein paar Autoscheiben einschlagen, weil sie so viel Wut in sich trägt. Die Unterdrückungsmedikamente helfen teilweise auch gegen diese Stimmungsschwankungen, helfen dabei, dass man nicht alles so intensiv wie im Drogenrausch erlebt. Am Ende des Tages ist ihre Natur als Omega aber doch zu stark und sie können nichts dagegen machen, dass sie fühlen, was ihr Körper sie fühlen lassen will.

Aber selbst wenn das Gespräch mit Rachel nicht großartig eskaliert ist, kann sie doch ihre Worte nicht vergessen. Nicht jeder von uns hat so ein Glück wie du mit Matt. Diese Worte werden sie noch eine Weile beschäftigen.
Ja, Glück hat Allison mit ihrem Freund tatsächlich. Es ist auch nicht so, dass sie Matt oder ihre Beziehung jemals für selbstverständlich gehalten hat. Manchmal verliert sie schlichtweg den Blick dafür, dass es auch eine Zeit ohne ihn gegeben hat, dass alles hätte ganz anders kommen können und dass sie es nur dem glücklichen Zufall zu verdanken hat, dass er sie zusammengeführt hat. In solchen Momenten kann es passieren, dass sie nicht daran denkt, dass jemand nicht das Glück hat, das sie mit Matt hat und dann stößt sie Menschen unabsichtlich vor den Kopf, die sowieso schon frustriert deswegen sind.
Es ist ein Teufelskreis. Eigentlich sollte sie rundum glücklich sein, aber sobald sie zu viel von ihrem Glück zeigt, macht sie andere damit unglücklich. Also spricht sie nicht über ihr Glück, wird daraufhin aber von Anderen gefragt, ob sie ihr Glück nicht zu schätzen weiß.

Hoffentlich geht die Woche schnell vorbei bis Matthew wieder nach Hause kommt, denkt sich Ally und steckt die Hände in die Taschen von Matts grauem Pullovers. Sie vermisst ihn jetzt schon schrecklich und wünscht sich, dass er niemals in diesen Bus gestiegen wäre.
Heute ist es blöder Tag.

Das wird auch nicht besser, als sie nach der Schule in ihrem Zuhause ankommt. Milo war so nett, sie mitzunehmen und vor ihrer Haustür abzusetzen. Er selbst wohnt nur ein paar Häuser von Ally entfernt und wenn sie mehr Kurse als Geschichte zusammen belegen würden, würden sie sicher morgens auch öfter gemeinsam zur Schule fahren.
Fast ein bisschen überrascht ist Allison, dass weder Kyle noch Justin ihr angeboten hatten, sie nach Hause zu begleiten. Hoffentlich würde Matt davon keinen Wind bekommen, denkt Allison, noch ehe sie die Haustür aufschließt und den Flur betritt.

„Mom?“, ruft sie in die erschreckend stille Wohnung. Normalerweise hört man immer ihre beiden jüngeren Geschwister, die irgendeinen Unsinn anstiften oder ihre Mutter, die versucht, die beiden unter Kontrolle zu bekommen. „Ist jemand da?“

Sie findet ihre beiden jüngeren Geschwister Lexie und Tyler schließlich brav vor dem Fernseher im Wohnzimmer sitzend. Die beiden Omegas im Alter von vierzehn und sechzehn Jahren scheinen sich wenig für die Ankunft ihrer großen Schwester zu interessieren. Zumindest heben sie nicht einmal den Blick, als Ally sie begrüßt. Sie kann es ihren Geschwistern nicht einmal verübeln. Der Spaß und das sorgenfreien Leben in ihrem Haus hat jeden Tag spätestens dann ein Ende, wenn ihr Vater von der Arbeit zurückkommt. Dann muss jeder von ihnen seine ganz besondere Aufgabe leisten und bestimmten Regeln folgen, damit ihr Vater auch ja nicht wütend wird und einen Grund findet, sie alle Drei zu maßregeln.

„Wo ist Mom?“, fragt Allison und schält sich aus Matthews Pullover. Im Wohnzimmer des Hauses ist es wie immer unerträglich heiß. Im Kamin brennt bereits ein loderndes Feuer, damit sich ihr Vater nur noch in den alten gemusterten Ohrenseelen zu setzen braucht, wenn er nach Hause kommt und die Tageszeitung lesen will.

„Schlafzimmer. Grandma hat ein Paket geschickt.“, erwidert Lexie, ohne dabei den Blick vom Fernseher abzuwenden.

Ein Paket von ihrer Großmutter also – das kann nichts Gutes bedeuten. Die Mutter ihres Dads ist eine der bekanntesten und mächtigsten Alphas ihrer Zeit, eine Frau von ungeheurer Stärke und Strenge. Bis zu ihrer Verletzung nach einem Kampf mit einem sogenannten Wüsten-Alpha hatte sich kaum jemand getraut, sich mit Margaret Hastings anzulegen.
Die Ärzte hatten ihr nach dem Kampf gleich zweimal das Leben retten müssen, so gravierend waren die Verletzungen gewesen. Danach hatte man ihr ans Herz gelegt, von derartigen Kämpfen Abstand zu nehmen und alles etwas ruhiger anzugehen. Selbst eine starrköpfige und von sich mehr als überzeugte Kämpferin wie Maggie Hastings musste erkennen, dass auch der Alpha in ihr alt geworden war und ihr Körper nicht mehr das leisten konnte, was er fast fünfzig Jahre lang geschafft hatte.
Seit sie selbst nicht mehr kämpfen konnte und ihre Zeit damit verbrachte, auf Kreuzfahrtschiffen durch die Weltmeere zu schippern, schickte sie regelmäßig Pakete mit Trainingsmaterial, Stimmungsamuletten und alten staubigen Büchern über die Sage der Alpha-Rasse an ihre Enkelkinder und ignorierte dabei gekonnt die Tatsache, dass keiner von ihnen ein Alpha-Geborener war.

Es ist ihre Art, ihr Vermächtnis zu bewahren. Das Vermächtnis einer großen Kämpferin unserer Kaste“, hatte ihr Dad einmal dazu gesagt, wohl wissend, dass er niemals den gleichen Ruhm wie seine Mutter erreichen würde, und holte im nächsten Moment den breiten Ledergürtel, um Tyler für einen zerbrochenen Teller zu maßregeln.

Tatsächlich findet Allison ihre Mutter Joanna im elterlichen Schlafzimmer, welches direkt neben dem Wohnzimmer liegt. Auf dem Doppelbett mit der seidenen rot-goldenen Bettdecke aus Marokko hatte sie bereits die Bücher über Alpha-Geschichte gestapelt und ein paar von den stinkenden Knollen der Januarrose im Mülleimer versenkt. Angeblich sollen Januarrosen den Hormonhaushalt ausgleichen und innere Ruhe verschaffen, in Wahrheit verpesten sie nur die Luft und schmecken nach Erde.

„Hey Mom“, begrüßt Allison ihre Mutter und lässt sich auf der kleinen Sitzbank vor dem Schminktisch nieder, „Lexie sagt, Grandma hat wieder ein Paket geschickt?“

Beinahe verzweifelt wirft Joanna Hastings die Hände in die Luft und atmet geräuschvoll aus. „Ja, wie du siehst hat sie das. Dieses Mal hat sie weder mit den Januarrosen noch mit diesen lächerlichen Stimmungskristallen gespart“, sagt sie genervt und hebt eine lange Holzperlenkette in die Höhe, die mit leuchtenden Kristallsteinen besetzt ist und beim Tragen angeblich die Aura des Gegenüber anzeigen soll.
Alles esoterischer Humbug, würde Allisons Vater dazu sagen.

Und auch ihre Mutter scheint davon wenig begeistert zu sein, denn schon fliegt die Kristallkette im hohen Bogen zu den Blumenknollen in dem Mülleimer. „Widerlich“, kommentiert Joanna das und wischt sich die dreckigen Hände an ihrer Hose ab. Dann zieht sie ein Paar Ohrringe aus dem Paket, ebenfalls mit Kristallen besetzt.

„Die sind aber schön“, sagt Ally und steht auf, um sie näher betrachten zu können. Zwar scheinen es die gleichen Kristalle wie bei der Kette zu sein, aber irgendetwas ist an den Ohrringen anders, „Sind das auch solche Stimmungskristalle?“

Joanna nimmt den Brief zur Hand, den ihre Schwiegermutter zu jedem Paket beilegt und den Nutzen einiger beigelegter Dinge erklärt und liest vor: „Die Ohrringe mit den kleinen Diamanten gehörten seinerzeit Kallithea, der ersten weiblichen Alpha-Kriegerin. Im Laufe der Zeit wurden sie an die mächtigsten Alpha-Frauen einer Generation weitergegeben, bis sie schließlich vor langer Zeit in meinem Besitz übergingen. Jetzt vermache ich sie meiner ältesten Enkeltochter Allison, auf das sie sie mit Stolz tragen werde.“

Allison zieht fragend die Augenbrauen zusammen. „Die Ohrringe sind für mich? Aber ich bin doch gar nicht die stärkste Alpha-Kämpferin, ich bin nicht einmal ein Alpha!“

„Tja“, erwidert ihre Mutter nur, „Margaret ignoriert gerne, dass dein Vater ihr keine Alpha-Enkel geschenkt hat. Das musst du jetzt wohl ausbaden.“ Dann drückt sie ihr die Ohrringe in die Hand.

Im einfallenden Sonnenlicht glitzern die Diamanten in allen Farben des Regenbogens. Sie sind tropfenförmig geschliffen und mit glänzendem silbernen Material kann man sie am Ohr befestigen. Die Ohrringe sind wunderschön und fast überkommt Ally ein ehrfürchtiges Gefühl. Wenn dieser Schmuck wirklich Kallithea gehört hat und immer weiter an die größten Kämpferinnen der Alpha-Kaste übergeben worden sind, ist sie dann überhaupt bemächtigt, sie zu tragen? Sie, als Omega, die zwei Alphas benötigt, um von der Bushaltestelle zur Schule gebracht zu werden?
Andererseits hatte ihre Großmutter ihr ja auf eigenen Wunsch hin diese Ohrringe zukommen lassen. Selbst wenn sie den Fakt um die Kaste ihrer Enkelkinder weiß, macht sie Allison nicht dadurch zum Alpha, indem sie ihr Alpha-Schmuck schenkt. Ihre Grandma ist vielleicht ein Sturkopf, aber dumm ist sie weiß Gott nicht.

Am Abend kommt das endlich die lang ersehnte Nachricht von Matt aus Mexiko. Es ist nur ein einfaches kurzes „Hey, wir sind gut angekommen, du fehlst mir, ily“, aber es reicht, um Allys angespannte Nerven zu beruhigen.
Als sie sich zum Schlafen hinlegt, liegt sein Pullover neben ihr und sie atmet noch einmal tief den Geruch ihres Freundes ein. Plötzlich zieht es in ihrem Inneren als würde es sie jeden Moment in zwei Teile zerreißen. Nie zuvor hatte sie so etwas gefühlt – kommt es von der Entfernung zu ihrem Alpha? Allison spürt wie die Tränen in ihren Augen aufsteigen und auf einmal überkommt sie eine tiefe Traurigkeit.
Ja, es ist das Vermissen, wird ihr im nächsten Moment bewusst. Es geht nicht einmal darum, ohne beschützenden Alpha zu sein, es geht um Matthew als Person, unabhängig seiner oder ihrer Kaste. Ally hat so starke Gefühle für Matt, dass sie es kaum aushält, getrennt von ihm zu sein. Zum ersten Mal in ihrer Beziehung spürt Allison die tiefe Verbindung zwischen ihnen, die Liebe zu ihm, die ihr fast schon in Leib und Seele über gegangen ist. Der Omega in ihr schreit. Er schreit nach der Zuneigung, nach der Nähe zu seinem Alpha.

Noch vier Tage, bis Matt aus seinem Mexi-Koma zurückkehrt.
Es werden die längsten vier Tage ihres Lebens, fürchtet sie.
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