Aller guten Dinge sind zwei – vom Suchen und Finden

GeschichteAllgemein / P18 Slash
Boris Saalfeld Tobias Ehrlinger / Saalfeld
18.03.2020
23.10.2020
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18.03.2020 2.234
 
Hallo zusammen! Es geht euch allen hoffentlich gut, ihr kommt einigermaßen mit den derzeitigen Gegebenheiten klar und seid ausreichend mit Lebens- und Hygienemitteln versorgt. Passt gut auf euch auf und bleibt vor allem gesund!

Ursprünglich wollte ich mit dieser Geschichte erst im Mai starten, auch um mir ausreichend Zeit für Veränderungen oder Korrekturen zu geben. Zeit habe ich im Moment und aus gegebenem Anlass nun verstärkt. Und da ich dachte, die/der Eine oder Andere freut sich etwas über ein wenig Ablenkung von den zurzeit so bedrückenden Hiobsbotschaften, starte ich ganz spontan jetzt schon. Mögliche Fehler bitte ich deshalb zu entschuldigen.

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Der schmucklose Flachbau, der die Verwaltung des Seniorenheimes Herbstruh beherbergt, liegt im für diese Uhrzeit ungewöhnlichen Dornröschenschlaf. Hinter den verwaisten und abgeschlossenen Bürotüren blinken einzelne rote Lämpchen, die eingegangene Mailbox-Nachrichten verkünden oder zum Feierabend nicht ausgeschaltete Bildschirme reklamieren. Dann und wann schnurrt das Faxgerät, spuckt mal ein einzelnes Blatt, mal einen ganzen Stapel aus. Vor den Fenstern hängt eine bleierne Decke aus dichtem grauem Nebel, der sich heute überhaupt nicht lichten will, und gibt den Büschen und Bäumen der nahen Umgebung, sofern überhaupt auszumachen, ein bizarres, ja geradezu surreales Aussehen. Selbst das um diese Zeit hell erleuchtete Seniorenheim auf selbem Grundstück wirkt wie aus einer anderen Welt; ein soeben gelandetes Raumschiff, das in Kürze seine außerirdischen Besucher in die Unwirtlichkeit eines mitteleuropäischen Novembertages entlassen wird. Ab und zu rauscht, wie in weiter Ferne, ein Auto auf der nur wenige Meter entfernten Straße vorbei, ein huschendes Licht, das verschwindet, noch ehe es vom Auge so richtig erfasst wurde.

Dann, plötzlich, ist das Aufschließen einer Tür zu vernehmen, wird der Vorraum von Leben erfüllt. Ein kurzes Knistern, mehrmaliges Aufblinken, schon nehmen die Neonröhren ihren Dienst auf, während eine Schar dunkel gekleideter Menschen eintritt. „Puh“ hört man eine Frauenstimme aufseufzen, eine andere erwidert „Ich bin bis auf die Knochen durchgefroren“. Dann herrscht wieder Stille. Einzelne Bürotüren werden geöffnet, Mailboxen abgefragt. „Ich glaube, ein Tee zum Aufwärmen könnte uns jetzt gut tun, oder?“ Bine Ernst, Sekretärin und Seele der Verwaltung, eben noch in Gedanken versunken, ruft es in Richtung der geöffneten Bürotüren. Noch möchte sie nicht zum Alltagsgeschäft übergehen, es wäre in ihren Augen irgendwie pietätlos. Mehrfaches Brummen signalisiert Zustimmung. In stiller Übereinkunft schieben wenig später die Ersten einzelne Tischchen des Seminarraumes zu einer größeren Tafel zusammen, andere schaffen Tassen und Becher herbei, ein buntes Sammelsurium aus Resten längst zu Bruch gegangener Kaffeegeschirre, Lieblingsbechern, zurückgelassenen Pötten ausgeschiedener Kollegen und schreiend bunten Werbegeschenken. Suse Freund, die Buchhalterin, kramt aus den Tiefen ihres Schreibtisches eine Büchse mit Dänischen Butterkeksen hervor, eigentlich gedacht für Besucher, aber heute genau richtig für eine besinnliche Teestunde mit den Kollegen. Während die ersten schweigend Platz nehmen, stellt Tobias Ehrlinger, Koordinator und Sozialarbeiter, den blauen Kaffeebecher mit den großen gelben Lettern  „DER CHEF BIN ICH“ in die Mitte des Tisches. Unzufrieden damit, strahlt die pflegeleichte lichtgraue Resopalplatte doch eine für den Moment unvereinbare Kälte aus, organisiert er eine kleine weiße Tischdecke, breitet sie aus, der Kaffeebecher findet erneut seinen Platz und das Ergebnis dieser Anordnung scheint ihn endlich zufrieden zu stellen.  Seit Tagen versuchen sie diesen Becher zu ignorieren, wissen nicht wohin damit. Jetzt hat er, zumindest vorübergehend, einen guten und würdigen Platz gefunden. KaKa, bis vor einigen Wochen und über viele Jahre hin ihr Geschäftsführer und manchen in all der Zeit auch zum väterlichen Freund geworden, liebte dieses Geburtstagsgeschenk seiner Kollegen, weshalb es von ihm immer in Ehren gehalten und selbst bei offiziellen Anlässen benutzt wurde.

Bine, die gerade mit zwei gefüllten Thermoskannen Tee aus der Küche kommt, entdeckt dieses Arrangement und eilt in ihr Büro. Zum einen möchte sie ihre Tränen nicht zeigen, gibt es doch einen Kollegen, der dies mit dummen Bemerkungen quittieren oder ihr spätestens in ein paar Tagen oder Wochen hämisch aufs Butterbrot schmieren könnte, zum anderen fehlt neben der Tasse etwas Entscheidendes. Hinter Aktenordnern versteckt findet sie, wie vermutet, noch eine alte Stumpenkerze, halb heruntergebrannt zwar, aber besser als nichts. Neben KaKa’s Becher gestellt ergibt das einen
würdigen Platz um zu gedenken. „Sie wissen aber schon … Brandschutz und so …“. John Heinze natürlich, Verwaltungsleiter, stellvertretender Geschäftsführer und neben vielen anderen Funktionen auch Brandschutzbeauftragter. Eigentlich ja ein Johann, was ihm viel zu bürgerlich, zu altbacken klingt, weshalb er sich überall als John vorstellt, auch so unterschreibt und was, wie er findet, sehr weltmännisch klingt. Ja, jeder hier weiß, Sicherheits- und Brandschutztechnik, seit Jahren ein großes Thema, selbst bei ihnen in der Verwaltung, mit jährlichen Schulungen und der ständigen Ermahnung, auf brennende Kerzen zu verzichten, selbst in der Adventszeit, selbst bei Windlichten. Heute ist es ihnen egal. Sie haben KaKa auf seinem letzten Weg begleitet, sein Tod seit einigen Wochen absehbar und doch traf es sie wie ein plötzlich hereinbrechendes Gewitter in schutzlosem Gelände. „Eine schöne Beerdigung, so würdevoll …“. „Ja, und so viele Menschen da.“ „Aber so kalt …“. „Ich werde ihn wahnsinnig vermissen.“ Es sind die Frauen, die reden, immer mit langen Pausen zwischen den einzelnen Sätzen. Ungewöhnlich bei der sonst üblichen Redefreudigkeit, aber dem Tag, dem Anlass angemessen. Die Männer sitzen stumm, schauen auf die Kerze, auf den Becher und irgendwann aus dem Fenster. Der erste fängt damit an, die Blicke der anderen folgen, bis alle auf den winterlich-trostlosen Innenhof schauen. Der wurde vor einigen Jahren von KaKa neu gestaltet, seit dieser Zeit von ihm persönlich liebevoll gepflegt und darf im Sommer mit Gartenstühlen bestückt für kurze Pausen genutzt werden. Und da, plötzlich, durchbricht die Sonne für einen kurzen Moment den Nebel, beleuchtet den rotblättrigen japanischen Fächerahorn, einzige Pflanze die den Winter an diesem Ort farbig macht, bringt den Busch zum Leuchten und zeigt für Sekunden seine ganze Pracht, ehe feuchtgrauer Dunst wieder die Herrschaft übernimmt. Ungläubig sehen sie sich an, finden keine Worte, einige Seufzer sind zu hören, dann verlieren sich ihre Blicke wieder in der Tischmitte.

In die Stille hinein schrillt die Türglocke und Bine springt auf. Es gehört, neben vielem anderen, zu ihren Aufgaben, Besucher einzulassen, kleinere Anliegen zu bearbeiten, Gäste zu bewirten oder an zuständige Kollegen zu verweisen. Im Umgang mit Besuchern stets geduldig und freundlich, den Mitarbeitern gegenüber kollegial und allzeit hilfsbereit, zeigt sie sich konsequent und geradezu resolut, wenn einer der ewigen Querulanten zum x-ten mal den Geschäftsführer zu sprechen wünscht, um sich über das in seinen Augen miserable Mittagessen zu beschweren oder die Rollator-Gang schon wieder aufschlägt, um nach dem „lieben Herrn Ehrlinger“ zu fragen. Jetzt steht sie mit Dr. Kurz in der Tür, oberster Chef des Trägers ihrer Einrichtung, der 150 km entfernt residiert und nur zu besonderen Anlässen bei ihnen vorbeischaut. Die meisten kennen ihn ausschließlich von den jährlichen Weihnachtsfeiern, wenn er sich, seinem Namen gerecht werdend, in knappen Worten für ihre aufopferungsvolle und so wichtige Arbeit bedankt, der Hoffnung Ausdruck verleiht, es möge auch im kommenden Jahr so vertrauensvoll und zuverlässig weitergehen und „Ihnen und Ihren Familien“ ein frohes Fest sowie alles Gute – vor allem Gesundheit – fürs neue Jahr wünscht. „Schön, dass Sie sich hier noch einmal zusammengefunden haben, um an Kurt Künzel zu denken. Ich störe Sie auch nicht lange.“ Bine beobachtet den kritischen Blick, den Dr. Kurz auf die brennende Kerze wirft, registriert eine hochgezogene Augenbraue und steht auf, um die Flamme zu löschen. „Schon gut, heute ist der richtige Tag für Ausnahmen. Ich verlasse mich auf Sie … Wir müssen jetzt sehen, wie es weitergeht. Es gab im Vorfeld ausführliche Gespräche mit Herrn Künzel darüber. Er hat wohl geahnt … “ Dr. Kurz senkt den Kopf, versucht sich zu sammeln. Auch ihn trifft dieser Tod in besonderer Weise. Dienstlich immer auf einem Level, KaKa ein verlässlicher Partner an seiner Seite, bei so mancher Problemlösung behilflich, waren sie sich im Laufe der Zeit auch menschlich wenn nicht gar freundschaftlich näher gekommen. „Herr Heinze als offizieller Vertreteter hat ja schon im Urlaubs- und Krankheitsfall die Geschäfte geführt. Herr Heinze, ich möchte Sie bitten, dies auch jetzt zu tun, bis wir eine endgültige Lösung gefunden haben. Sie alle bringen ihm bitte für diese Übergangszeit den nötigen Respekt, das Vertrauen und den Willen zur allseits befriedigenden Zusammenarbeit entgegen. Herr Heinze, können wir noch mal eben unter vier Augen …?“  John Heinze erhebt sich rasch und der Blick, den er seinen Kollegen gönnt, ist nicht anders als triumphierend zu bezeichnen.

Kaum haben die beiden Herren den Raum verlassen, kommt Leben in die Truppe. „Mir graut vor dem was uns erwartet.“ Ausgerechnet Dörte Klein, Ergotherapeutin, Frohnatur und generell durch nichts aus der Ruhe zu bringen, eröffnet das Gespräch. „Ich sag’s nur ungern, auch weil es so platt ist … aber es wird nichts so heiß gegessen, wie’s gekocht wird.“ Allgemeine Zustimmung, als Dörte mit einem „Manchmal hasse ich deine Sozialarbeitersprüche, Tobi“ ausspricht, was die meisten denken. „Es gibt zwei wichtige Aussagen in der eben gehaltenen Kurz-Rede, nämlich „bis zur endgültigen Lösung“ und „Übergangszeit“, und das sollte uns Hoffnung geben.“ „Du hast recht, Tobias“ meldet sich nun auch Karin Vollmer zu Wort, sonst sehr zurückhaltend und immer darauf bedacht, möglichst nirgends anzuecken „wenn wir alle zusammenhalten, dann kann uns Heinze … kreuzweise.“ „Wer kann wen kreuzweise?“ John Heinze ist zurück, viel musste also offensichtlich nicht besprochen werden. „Nichts, vergiss es!“ Tobias Ehrlinger versucht abzulenken, als einziger ist er mit John per ‚du’, ein Privileg, auf das er gut und gerne verzichten könnte. John hat sein Angebot, in einem schwachen Moment gemacht, vermutlich schon häufig bereut, legt er doch großen Wert auf Distanz, auch im Hinblick auf eine mögliche Beförderung. „Kurz sitzt in KaKa’s Büro und möchte dich auch noch kurz sprechen.“  Johns Unverständnis darüber, begleitet von einem kaum merklichen Kopfschütteln, ist nur schwer zu ignorieren. Tobias steht auf, nickt seinen Kollegen aufmunternd zu, eine stumme Bitte um Friedensbereitschaft  im Blick und verlässt den Raum. Das letzte, was er hört, ist ein kurzes Händeklatschen sowie ein „So Herrschaften, genug gefaulenzt, an die Arbeit. Es gibt viel zu tun.“ Der Übergangschef hat gesprochen.

Dr. Kurz sitzt nicht als Tobias eintritt, er steht etwas verloren in KaKa’s Büro, betrachtet gerade die Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden, zumeist alte Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen. Jetzt dreht er sich um, reicht Tobias die Hand und bittet ihn Platz zu nehmen. „Lassen Sie mich gleich zum Punkt kommen: nach langen, schon Monate zurückliegenden Gesprächen mit Herrn Künzel haben wir bereits klare Vorstellungen, wie es weitergehen soll bzw. kann. Herr Künzel hat mir geraten, das Gespräch mit Ihnen zu suchen, Sie mit ins Boot zu holen und Ihre Meinung in die Überlegungen einzubeziehen. Konkrete Frage an Sie: können Sie sich vorstellen, die Geschäftsleitung zu übernehmen?“ Tobias’ Antwort kommt postwendend. „Nein. … Ich liebe meinen Job. Ich liebe den Kontakt mit den alten Menschen, die Gespräche mit den Angehörigen, mit den Therapeuten und Ämtern. Vieles von dem würde auf der Strecke bleiben und außerdem könnte meine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit mit allen Kollegen darunter leiden. Nein, ganz klar, das ist nicht Meins.“ Dr. Kurz lächelt. „KaKa hat mich schon auf diese Antwort vorbereitet. Er war sich sicher, Sie würden ablehnen. Nächste Frage: können Sie sich als Koordinator und enger Mitarbeiter der Geschäftsleitung eine befriedigende Zusammenarbeit mit Herrn Heinze vorstellen, quasi eine Doppelspitze?“ Tobias seufzt auf. So sehr hatte er gehofft, diese Frage nicht beantworten zu müssen. Jetzt ist Diplomatie gefragt. „Ich kann mir eine Zusammenarbeit vorstellen. … Ob sie sich befriedigend gestaltet bliebe abzuwarten.“ „Das heißt, Sie haben Zweifel?“ Lediglich ein kurzes Nicken muss als Antwort reichen. „Wenn es nicht klappt, was würde das bedeuten?“ Diesmal zögert Tobias nicht. „Ich würde mir über kurz oder lang vermutlich ein neues Betätigungsfeld suchen.“ „Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit. Dieses Gespräch entspricht genau dem, was Herr Künzel uns prophezeit hat. Wir werden eine für alle Beteiligten … ich korrigiere mich, für FAST alle Beteiligten befriedigende Lösung finden. Solange bitte ich Sie, dieses Gespräch vertraulich zu behandeln.“ Beide Männer stehen auf, reichen sich die Hand, auch Tobias bedankt sich, ehe er in Gedanken versunken in sein Büro geht.

Kaum ist sein Rechner hochgefahren, die erste Mail gecheckt, steht John mit verschwörerischer Miene hinter ihm. „Und, was wollte er von dir?“ „Er wollte wissen ob ich überhaupt Lust habe mit dir zusammen zu arbeiten.“ „Nicht dein Ernst! Und was hast du gesagt?“ „Wenn du brav bist und meine Anweisungen befolgst, dann ja.“ „Du Arsch. Können wir vielleicht mal ernsthaft reden?“ „Ich gehe davon aus, Dr. Kurz hat auch dich um Vertraulichkeit gebeten. Ich für meinen Teil bin gewillt, dieser Bitte zu entsprechen.“ „Oh, der Herr Sozialarbeiter! Welch wohlgesetzte Worte. … Leg dich nicht mit mir an, Tobias Ehrlinger. Es könnte dir schlecht bekommen.“ In diesem Moment steckt Bine Ernst ihren Kopf durch die halb geöffnete Tür. „Darf ich kurz stören Tobi, ist wichtig.“ „Was gibt’s?“ „Die Christrosengruppe bittet dringend um deinen Besuch.“ „Herr Wegener?“ Bine nickt. Herr Wegener, für Tobias Anlass zu regelmäßigen Besuchen in der Gruppe, um die Wogen zu glätten, Herrn Wegener zum Einlenken zu bewegen, das überforderte Personal auf professionelle Distanz einzuschwören – eine unendliche Geschichte, eine von vielen. „Sag, ich bin gleich da.“ Dann wendet er sich wieder John zu. „Darf ich deine letzte Aussage als Drohung verstehen?“ „Ach, denk doch was du willst. Könnte nur sein, dass dir deine Illoyalität irgendwann auf die Füße fällt.“

Die Fronten sind geklärt. Jetzt gilt es, die eingenommene Position konsequent beizubehalten und ohne unnötige Grabenkämpfe, ohne weit reichende Verletzungen auf der einen oder anderen Seite, die hoffentlich vorübergehende Durststrecke zu überstehen.
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