Zeit genug... - eine alternative Atlantiade

von Senex
GeschichteSci-Fi / P16
Atlan da Gonozal ES OC (Own Character)
17.03.2020
24.05.2020
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17.03.2020 3.880
 
Mascaren Atlan daGonozal




Aus den Archiven des Psychologischen Dienstes der Raumflotte, Galakto City, Terrania, Terra. Protokolle der therapeutischen Gespräche.

Patient: Mascaren Atlan daGonozal, Imperialer Palast, Arkon I, Arkon.

Arzt: Dr. Marie Anne Collard, Paris, Frankreich, Terra.

Ort: Flaggschiff Admiral Atlans



-1-


Der Administrator




(Off: Stichworte: Würm – Zwischeneiszeit, Cro Magnon, Neopaläolithikum, prä-Clovis-Kulturen, Lascaux)




Actio Frame


Dr. Marie Anne Collard




Also, Frau Doktor. Sie möchten also ein privates  und exklusives  Gespräch.  Ganz persönlich mit mir, Mascaren Atlan Gonozal und so weiter? Nun ja, ich habe den Verdacht,  dass Ihre großen,  braunen Augen mich dazu bringen werden, etwas aus meinen Erinnerungen zu erzählen. Allerdings hoffe ich der Trance zu entgehen,  wenn ich mit Ihnen plaudere. Ich müsste es bedauern. Ja, wenn akustische, optische und olfaktorische Wahrnehmungen eine gewisse Grenze übersteigen und eine große Portion Emotionen dazu kommen, ist das Risiko groß, dass ich in eine Erzähltrance verfallen. Dann MUSS ich alles erzählen, das damit zusammen hängt, kann aber leider mit meiner Umwelt nicht interagieren. Eine lästige und – bisweilen – lebensgefährliche Eigenart des arkonidischen eidetischen Gedächtnisses. Allerdings habe ich auch ein wenig mehr an Erinnerungen als andere Personen mit eidetischem Gedächtnis. Die dürfte diese Eigenart also wohl weniger stören. Aber, das ist ja einer der Gründe,  warum wir hier sitzen. Ein arkonidischer Admiral,  von der Bürokratie zum psychologischen Gespräch verurteilt.  Die größte Ironie ist wohl, dass dieser Passus,  dass jeder, der ein terranisches Offizierspatent möchte,  eine psychologische Einschätzung braucht, eigentlich von mir stammt. Typisch Eigentor!

Sie werden allerdings Verständnis haben, wenn Sie im Alarmfall nur ein leichtes Aroma von Kunststoff von mir feststellen können. Häuptling ‚Qualmende Sohle‘ ist dann nämlich auf dem Weg zur Brücke! Und jetzt, haben Sie irgend welche besonderen Wünsche?

Von Anfang an?  Nun ja, der Imperator schickte seinen  Neffen und getreuen Paladin vor etwa - ach, es sind einfach zu viele Jahre, ob Arkon- oder Terrajahre gerechnet, aber es müssen etwa 10-, 15.000 Erdenjahre sein - aus, um auf einem Kolonialplaneten für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Nun haben Kolonisten ja fast immer etwas zu meckern, aber irgendwann ist eine Schwelle erreicht, an der jemand nachschauen muss. Dieser Jemand war halt ich, als Mitglied der Herrscherfamilie besonders geeignet.  

Dieses Mal beschwerten sich die Kolonisten auch noch zu Recht. Der Administrator war tatsächlich ein derartiger Narr, dass nicht einmal eine minimalste Steigerung vorstellbar war. Und wegen eines solchen korrupten Hohlkopfes musste ich die Methanfront mit einer kleinen Flotte verlassen, um die schlimmsten Fehlentscheidungen zu korrigieren. Ich war damals noch nicht der Alte und Weise, Abgeklärte  von heute, ich ein junger Spund von etwa 40, der jüngste Admiral, den die arkonidische Flotte je gesehen hatte. Natürlich hat mein Name daGonozal einiges damit zu tun. Ich war voll Elan und Heldenmut, ich wollte meinen Körper zwischen den Feind und meine Heimat werfen! Meine Stimmung beim Einflug in Larsafs System war entsprechend…



Um Beherrschung bemüht tigerte ich durch meine Kabine.  „Dieser dreimal verdamme Narr.  Bei Hemutag,  ich hänge ihn an der höchsten Hypercom-Antenne auf! Ich weide ihn aus! Ich schneide ihm die E**r ab und verfüttere sie an die Zamuga!“ Wie meinen Sie, Frau Doktor? Ausraster? Noch heute erfüllt es mich mit Stolz, nicht ausfallender geworden zu sein und darauf zu verzichteten, Pokale und ähnliches gegen die Wände zu knallen. Die Nachrichten aus dem Methankrieg waren alles andere als Hoffnung erweckend. Um ehrlich zu sein, wir lieferten seit einiger Zeit nur noch Rückzugsgefechte, es war nur noch eine Frage der Zeit,  bis der Sternennebel Arkons erreicht wurde. Und nun fehlte auch noch ein ganzes gemischtes Geschwader – etwa 900 Schiffe aller Größen -  an der sowieso lückenhaften Verteidigungslinie. Und nur, weil ein kleiner planetarer Verwalter  den Hals nicht voll bekam und die Mittel für die Verteidigung in die eigene Tasche steckte.

Der imperiale Bauchaufschneider, Tarts, nippte an seinem – na, nennen wir es mal Wein. Ähnlich genug. Ich werde mir erlauben, während meiner Erzählungen  einfach das  Adäquat zu arkonidischen Bezeichnungen zu verwenden.  „Hast Du schon entschieden, wer denn die Geschäfte auf Larsaf II, III und IV übernehmen soll?“ Ich fuhr herum. „Alter, unterbrich mich nicht, wenn ich gerade im Schwung bin! Welche Geschäfte, wovon sprichst Du?“ „Nun, irgend jemand muss die Kolonie führen, Atlan. Wenn Du den Administrator tötest oder verstümmelst oder auch nur in der Zelle nach Arkon beförderst,  muss Du einen neuen ernennen. Einen reinen Arkoniden, wohlgemerkt. Immerhin kann kein nicht auf Arkon geborener einen derart hohen Rang einnehmen.“ Ich versuchte mich zu beruhigen. „Vorschläge?“ „Nun“ Tarts kratzte sich am Hinterkopf. „Ich verliere nicht gerne einen guten Nachschuboffizier. Aber wenn es nötig ist – egal. Oberleutnant Thalma  dalZarmol ist nicht nur  hervorragend, wenn es um Logistik geht, sondern auch als Führungskraft.“ „Hmm..“ Nun war es an mir, meinen Skalp zu kratzen.  „Ich kann mich nicht an sie erinnern.“ „Die Oberleutnant kam vor etwa einem halben Monat zu uns. Du erinnerst Dich vielleicht noch an die Schlacht beim Haarakonsystem?“ Ich nickte, denn bekanntlich konnte ich nichts vergessen. Ein Ergebnis der Ark Summia war neben dem Logiksektor auch ein photographisches Gedächtnis.  Ich kann Ihnen versichern,  dass beides nicht immer angenehm ist. Von Vorteil durchaus, aber manchmal eben auch eine Qual. An Thalma konnte ich mich allerdings nicht entsinnen, soll bedeuten,  ich hatte  sie nie kennengelernt.  Aber bei den Verlusten damals konnte es schon sein, dass Versetzungen nicht gleich zur Kenntnis gebracht wurden. Solange alles funktionierte…..

Wie auch immer.  Ich sagte also zu Tarts, er solle die Oberleutnant kommen lassen. „Woher Deine Kenntnis über die Fähigkeiten des NO?“ fragte ich,  nur mäßig interessiert. Tarts lachte dröhnend.  „Vielleicht ist es Euer Erhabenheit entgangen,  dass stellvertretende Geschwaderkommandeure ebenso wie Raumschiff-Kapitäne so etwas wie einen Code besitzen, um die Wahrheit über eine Versetzung und die Qualifikationen der Mannschaften und Offiziere weiterzugeben.“  „Und Admiräle bleiben außen vor und dürfen unwissend sterben.“ grummelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart. Und wieder malträtiert Tarts lachen meine Ohren. „Ich sag's dir doch gerade, Gebieter!“ Ich winkte ab. „Hole dein Wunder schon herein. Man könnte glauben, sie wäre deine Tochter, die Du auf dem Sklavenmarkt auf Barlat verkaufen möchtest, so wie Du sie anpreist.“ „Hören ist gehorchen,  Gebieter!“ Tarts Stimme führte die altehrwürdige Formel ad absurdum.  Trotzdem öffnete er die Tür und winkte Thalma herein.  

Meine Augen meldeten ‚oh, wow!‘ Meine Hormone brüllten ‚alles klar zum Gefecht!‘ Zum Glück hatte ich den Extrasinn! ‚SPÄTER!‘ brüllte er alle niederen Instinkte nieder.  Wie soll ich Thalma dalZarmol beschreiben? Natürlich war sie fast so groß wie ich, schlank, weiße Haare, schließlich war sie gebürtige Arkonidin aus dem Drei-Planeten-System.  Athletisch gebaut, selbstvertändlich,  als Offizier musste sie sportlich sein. Trotzdem einige durchaus weibliche Rundungen. Kleine, aber durchaus - lassen wir das. Edles Gesicht,  gerade Nase. Durchaus eine Schönheit. Sie machte vorschriftsmäßig ihr Männchen und legte das Händchen an die Mütze. Sie wissen schon: „Oberleutnant dalZarmol meldet sich wie befohlen und erwartet die Befehle des Erhabenen.“ Diese in jeder militärischen  Organisation ebenso unnötigen wie wichtigen Rituale.  Wissen Sie, Dotoressa Collard,  wie viel Zeit verschwendet wird, nur um frisch gefangenen Rekruten beizubringen,  wie man die Hand RICHTIG an das Mützchen hält? Stundenlang nur „salutiert auf, salutiert ab! Ellenbogen dorthin,  Handfläche nach dahin!“

Na egal.  DalZarmol machte also ihren Servus,  ich holte mir ihre Akte auf den Monitor und war durchaus beeindruckt.  Für ihr jugendliches  Alter hatte sie schon eine ganze Menge erreicht.  Danach musterte ich Sie genauer. „Sie wissen über das Larsaf – System Bescheid?“ Sie nickte kurz. „Ja, Gebieter.“ „Welche Veränderungen schlügen sie vor?“ Thalma schloss die Augen und rekapitulierte aus ihrem Gedächtnis. Der Vorteil einer ArkSuumia-Ausbildung. Einige Reformen hier, bessere Verhältnisse da, dort bessere Vereidigungseinrichtungen „falls die Methans doch herfinden sollten.“ Auf dem größten Trabanten von Larsaf II ein Depot und eine kleine Werft für die Reparatur von zumindest mittelgroßen Raumschiffen.

*


Actio Frame


Ja, Frau Doktor, Larsaf II. Damals hatte die heutige Venus drei Trabanten.  Zwei davon etwa in der Größe der Marsmonde, einer etwa doppelt so groß. Dadurch rotierte die Venus langsamer. Auch ein überstarkes Magnetfeld war vorhanden. So war Sie zwar schon ein überaus warmer,  doch für Arkoniden bewohnbarer Planet. Üppig bewachsen, mannigfaltige Tierwelt und sogar eine etwa arkonoidische, halb intelligente Lebensform. Flora und Fauna waren essbar, arkonidische Nutzpflanzen zumindest an einigen Stellen erfolgreich anzupflanzen.  Man kann im Leben nicht alles haben. Venus etwas zu warm, Erde etwas zu kalt und der Mars nur für Kolonisten von bereits an kalte Planeten gewöhnte Arkonabkömmlinge bewohnbar. Kein perfektes Sonnensystem.  Aber brauchbar und damit wertvoll. Von Nahrungsmitteln bis Erzen und, wie man sie heute nennt, seltenen Erden reich, konnte das System von Larsaf eine recht gute Nachschubbasis werden. Wo die Monde geblieben sind?  Hören Sie  zu.



*


Ich war mit den Antworten der jungen Arkonidin mehr als zufrieden.  Ein rasch ausgestelltes Kriegspatent machte aus einem Oberleutnant einen Oberstleutnant, der absolut niedrigste Rang für die Aufgabe, die vor ihr liegen würde.

So schnell kann man Karriere in Zeiten des Krieges machen. Mein kleines Geschwader landete also auf der Venus, der Administrator erwartete mich mit großem Pomp. Ich war ja als Kristallprinz an einiges gewöhnt,  aber woher hatte er denn die Musikkapelle organisiert? Echte Musiker statt Robotern. Zwar keine Starbesetzung, aber brauchbar.  Wie arkonidische Musik damals klang?  Stellen Sie sich eine Mischung aus Free- und Cooljazz vor, mit ein wenig Hardrock. Und dann fielen diese Schranzen auch noch auf die Knie und redeten von Ehre und Vergnügen und wie glücklich sie doch wären, weil ich Sie besuchte. ‚Schleimer!‘ meldete sich mein Extrasinn angeekelt zu Wort, ‚warte ab, gleich bietet er Dir einen Anteil!‘ ‚Und seine Töchter gleich dazu!‘ betätigte ich in Gedanken und winkte eher unwirsch ab, obwohl der Logiksektor doch nur wie immer die Lage auf den kleinsten Nenner brachte. Abrupt unterbrach ich die Empfangs-Zeremonie. „Ich brauche ihr Büro und Zugriff auf alle Dateien. Sie selbst begeben sich an Bord meines Schiffes und warten, bis mein Stab seine Arbeit beendet hat. Oberstleutnant dalZarmol,  übernehmen Sie. Leisten Sie gute Arbeit im Namen des Imperators!“ Ungerührt beobachtete ich, wie Marines Administrator Vieste mitsamt seinem Stab  abführten. „ABTRETEN!“ die Götter mögen bedankt sein, dalZarmol war mit einem lauten,  aber nicht schrillen Kommandoton ausgestattet.  So etwas ist immer hilfreich.

Nachdem ich keine Ahnung von Buchführung und ähnlichem hatte und es  für mich nicht mehr unmittelbar etwas zu tun gab, entschloss ich mich für eine Sightseeing-tour. Es ist immer gut, wenn man nicht nur theoretisch Bescheid weiß, sondern alles Interessante auch praktisch in Augenschein nimmt. Mit dieser Devise bin ich eigentlich immer ganz gut gefahren. Also winkte ich mir einen Gleiter herbei und begann meine Rundreise.

Eigentlich sieht ja jeder arkonidischer Raumhafen ziemlich ähnlich aus, Differenzen konnten sich nur durch Unterschiede im Gelände ergeben. So fand ich mich denn auch rasch zurecht. Auf zwei Seiten wurde das Flugfeld durch Lagerhallen begrenzt, eine Seite war diversen Bars und – nun, in Rom nannte man es wohl Lupanare. Also direkt ausgesprochen – Bordelle. Die vierte Seite war den Verwaltungsgebäuden vorbehalten, und nur durch diese konnte der Hafen verlassen werden.

Sie wirken erstaunt, Frau Doktor? Natürlich wurde für das Vergnügen der Raumfahrer alles nur Mögliche getan. Wenn auch in der Flotte beinahe ebenso viele Frauen als Offizier dienten, waren niedere Mannschaftsgrade und auch die Handelsraumfahrt eine eher maskuline Domäne. Außerdem – es gab auch für die Damen einiges an Zerstreuungen. Schockiert? Nicht doch, alles ganz normal und natürlich.

Es versteht sich wohl von selbst, dass ich keine Verzögerung durch Zoll- und Ausweiskontrollen verbringen musste. Die Siedlung, durch einen geraden Hochgeschwindigkeitstunnel mit dem Raumhafen verbunden, machte im großen und ganzen einen durchaus gepflegten und sauberen Eindruck. Nirgendwo war Schmutz oder Unrat zu sehen, die Siedler eilten durch die Straßen, der Verkehr war flüssig, ohne große Stockungen. Aber! Ja, aber! Die Blicke der Passanten. Irgendwie – unstet, unruhig, nicht fest auf einen Punkt gerichtet, distanziert, unsicher. Wenige nur standen in kleinen Gruppen plaudernd auf vor den Geschäften. Leicht, aber bemerkbar hochgezogene Schultern. Nun, vielleicht lag es an der prinzlichen Standarte am Bug des Gleiters. Ich befahl Piloten die Rückkehr zum Schiff.

*


„WACHEN!“ Ich blickte in die Mündung der Projektilwaffe, die Tarts beim Eintritt in meine Kabine blitzartig gezogen hatte. Aus irgendeinem nur ihm bekannten Grund liebte er dieses halbe Museumsstück. Eine Erbsache, nahm ich an. Trotz aller Primitivität jedoch eine absolut tödliche Waffe.  „Rühr´ Dich nicht, Bursche, wer auch immer Du bist! GEBIETER! ATLAN! Was hast Du mit dem Erhabenen gemacht? Antworte!“ Ich lachte dem treuen Alten ins Gesicht! „Erkennst Du Deinen Admiral nicht mehr, alter Freund? Erkennst Du zumindest meine Stimme?“ Tarts ließ die Dienstwaffe sinken. „Atlan, Erhabener, wie kannst Du mich alten Mann derart erschrecken? Was soll eigentlich die Maskerade. Und wo, beim Herren kältesten Höllen, hast Du diese fadenscheinige und zerrissene Kleidung her. Und worin hast Du Dich gewälzt? Du stinkst wie der Abfallhaufen hinter dem billigsten Bordell auf dem hinterletzten Kolonialplaneten!“ „Mars?“ fragte ich, schüttelte aber den Kopf. „Nein, der Mief ist echt Venus. Aber fast richtig!“ Tarts übertrieb natürlich maßlos.  Jeder, aber auch wirklich jeder Raumfahrer achtete absolut penibel auf seinen Körpergeruch. Das lernte man ziemlich schnell. Wenn man nicht von Haus aus reinlich war, wurde man es nach der ersten Wäsche mit der harten Kunststoffbürste. Gestank ist fast ein schlimmeres Verbrechen als eine vorlaute Meldung einem Vorgesetzten gegenüber.  

„Aber wozu?“ Tarts war noch ganz aus dem Häuschen. „Nun, ich habe vor, einem Etablissement von fragwürdigem Ruf einen Besuch abzustatten.“ Tarts zog pfeifend die Luft ein. „Atlan, Gebieter, Freund! Wenn Du Bedürfnisse hast, ich tätige einige Anrufe, ganz diskret, eine entsprechende Dame kommt an Bord in Deine Kabine. Mit Gesundheitscheck und allem. Sicher und unauffällig!“ Wieder schüttelte ich den Kopf. „Ich will nicht irgend ein Mädchen! Ich möchte eine Bar mit Bordell besuchen!“ „Dann lass mich eine Eskorte zusammen stellen. Auch wenn ich es nicht verstehe!“ „Keine Eskorte!“ wies ich zurück. „Man würde mich sofort erkennen! Soll man aber nicht! Allerding möchte ich, dass Du eine Streife zusammen stellst, die in der Nähe ganz unauffällig herumlungert. Zivil, Ausgangskleidung, keine sichtbare Bewaffnung. Eine Flasche, die herumgereicht wird. Lachen und ein wenig Lautstärke, aber nicht zu viel. Nicht, dass noch eine echte Streife eingreift. Miniaturcoms für alle, ein Codegeber für mich! Nun mach schon, Alter. Vertraue mir!“ „Ja, ja, ‚glaub´ an mich!‘ Ich bin nicht überzeugt, aber Du bist der Gebieter, Erhabener! Du wirst  mit meiner Auswahl und der Ausrüstung zufrieden sein!“ „Wie immer, Tarts. Wie immer! Wieder einmal vertraue ich Dir meine Sicherheit, vielleicht auch mein Leben an!“ ich legte meinem engsten und besten Mitarbeiter die Hand auf die Schulter. „Es wäre nicht das erste, und ich bin überzeugt, auch nicht das letzte Mal. Sag mir bitte Bescheid, wenn alles bereit ist. Ach, und ich möchte einen Mini-Medokitt. Nichts besonderes, nur ein Bakterienstreifen, zur Sicherheit.“

Ich musterte die fünf Männer und drei Frauen, die Tarts zu meinem Schutz ausgewählt hatte. Nicht weiter verwunderlich, war Major Laverita dalDene die Kommandeuse der kleinen Truppe. Die Majorin war die Kommandantin der Marines an Bord der ARC‘EMPE und Geschwadermeisterin des Dagor. Dagor ist in etwa so wie das japanische Zen, das Bushido. DalDene hatte nicht nur den höchsten Meistergrad erreicht – bei weitem höher als ich es je schaffen würde, sondern hatte auch alle anderen ihrer Klasse geschlagen. Sergeant Gwylmar war ein Bulle von einem Mann mit einer enormen Schulterbreite, dennoch schnell und geschmeidig wie eine Katze. Na gut, wie ein Kater.  Acht Personen, jeder ein Könner in seinem Metier, ein Kämpfer der Sonderklasse. Versteckt unter weiten Blusen kleine Desintagratoren und Lähmstrahler. „Gwylmar! Lassen Sie das Messer an Bord!“ Tarts hielt ostentativ die Hand auf. Der Sergeant seufzte. „Welches Messer?“ versuchte er sich herauszureden. „Sie  haben IMMER ein Messer in der Tasche. Also bitte!“ Endlich lieferte Gwylmar das Messer ab und ich trat vor sie hin.

„Also!“ begann ich meine Ansprache. Das ist so Tradition. Wie gut auch immer ein Sonderkommando eingewiesen wird, der Einsatzleiter muss noch einmal alles erklären. „Ihr werdet euch in der Nähe des ‚trunkenen Raumers‘ aufhalten und dort wie zum Vergnügen herumlungern. Es gibt dort auch Sessel und Tische, ihr werdet wohl nicht auffallen. Ich werde einen Lokalbummel unternehmen und ihr müsst beobachten, in welchem Lokal ich gerade bin. Wenn ich das Signal gebe, kommt ihr kampfbereit in die Spelunke. In Ordnung, los geht’s!“ Das ist der Vorteil eines höheren Offizierranges. Man muss nur befehlen, und die anderen haben das Problem, wie es umgesetzt wird.

So begab ich mich auf einen Kneipenbummel. Ich wanderte wie ein typischer Raumfahrer von Lokal zu Lokal, trank immer wieder eine Kleinigkeit und hielt die Ohren offen. Ohne große Erfolge,  wie ich zugeben musste. Irgendwann näherte ich mich dem billigsten der Bordelle. Na schön, dachte ich mir,  dieses noch und dann Schluss für heute. Mein Extrasinn meldete sich zu Wort: ‚Vielleicht wird es lustiger, als Du denkst.  Halte lieber den Codegeber bereit!‘

Der Dunst von abgestandenem Alkohol und betäubendem Rauchwerk wehte mir entgegen, als ich die Bude betrat. Wahrscheinlich nicht alle legal. Eigentlich be-gann ich meinen Plan zu bedauern. Hätte ich nicht wirklich einen anderen auswählen können? Musste ich wirklich alles selber machen? Das ist wohl bis heute eines meiner Probleme. Alles selber machen, meine ich. Ich riss mich zusammen und näherte mich der Bar. Links von mir tanzte eine Zaliterin träge und lustlos, stakste nur mit ihren Stöckelschuhen bekleidet über die Bühne. Es sollte wohl erotisch wirken, aber wenn es keine besseren Tänzerinnen gab, konnte das  Geschäft nicht wirklich gut gehen. Andererseits - es war eine Bar für die unteren Ränge, der Extrasinn meldete sich zu Wort: ‚Hier tanzen wahrscheinlich eher mit Zwang oder falschen Versprechungen importierten Frauen. Kein Wunder, dass sie so lustlos sind.‘ Ich musste dem Logiksektor innerlich zustimmen. Genau so wirkte es, und so war es wohl auch. „Bier!“ meine Stimme klang rau, als ich meine Bestellung aufgab. Der Barmann nickte. „Hier, Kapitän!“ er stellte ein Glas bernsteinfarbene Flüssigkeit mit leichter Schaumkrone vor mir auf den Tresen. „Fünf Konns!“ Ich griff in die Tasche und legte einen 10-Konn-Schein auf den Tisch, ehe ich das Gebräu kostete. Es war nicht übel. Teuer, aber nicht exorbitant, das Glas war halbwegs sauber.  Ich drehte mich um und betrachtete, wie man es von einem männlichen Gast wohl erwartete, die Tänzerin. Nun war – und bin ich – für weibliche Schönheit durchaus nicht unempfänglich, hier aber..  Mittlerweile hatte eine Ekhonidin die Bühne betreten und wirbelte halbwegs graziös an einer Stange. Ja, diese Darbietung gab es damals schon. Sie war mäßig hübsch, aber Busen und Po waren ganz offensichtlich künstlich vergrößert.

Ich versuchte mich anzupassen, so gut es eben ging. An bessere Etablissements gewöhnt, war für mich die Darbietung nur eingeschränkt erotisch. Trotzdem nickte ich und wippte ein wenig mit den Füßen, während ich mich bemühte, das etwas dümmliche Grinsen zu zeigen, dass in solchen Lokalen öfter vorkommt. Eine andere Ekhonidin stöckelte auf mich zu. „Süßer, bist Du gerade mit einem Schiff gekommen?“ Ich lächelte sie an. „Sicher. Vom Transporter BUKK’WA, mit dem Geschwader des Kristallprinzen!“ „Der Kristallprinz!“ ihr Staunen war so falsch wie ihr Lächeln, ihre Augen blickten stumpf und tot, als wäre sie unter Drogen. Vielleicht, nein, sehr wahrscheinlich war sie es auch. „Wie ist er denn so? Möchtest Du mich nicht einladen?“ ich nickte und winkte dem Barmann. „Warum nicht? Was möchtest Du?“ Na ja, der folgende Wortwechsel war nicht eben  kreativ, er folgte einem Drehbuch, das nur wenige Abweichungen vorsah und so alt wie die Prostitution selber. Also älter als das Sternenreich Arkons. Falsches Lachen, billiger Fusel, der teuer verrechnet wurde. Wie es überall im Imperium in solchen Kneipen vorkam – und wahrscheinlich gibt es sie heute noch. Überall in der Galaxis, und wahrscheinlich auch darüber hinaus. Zwangsprostitution und überteuerte Getränke, noch teurer und oft nur Sprudel  die Getränke, die man den Dirnen auszugeben hatte, waren – und sind - wohl leider üblich. Ich nahm mein Glas und das der Ekhonidin und dirigierte sie zu einem Tisch in der Nähe einer Männerrunde, die beinahe zu offensichtlich den Tanzvorführungen folgte. Während ich mit dem Mädchen schäkerte, lauschte ich unauffällig den Gesprächen um mich. Nirgendwo erfährt man mehr als in solchen Spelunken, wo Alkohol die Zungen löste und man sich unbelauscht glaubt.

Ich wurde nicht enttäuscht. Es handelte sich um Hafenarbeiter, und ich erfuhr äußerst Interessantes. Mal ein Container ohne Papiere, mal leere Container, auf denen das arkonidische Zeichen für ‚Achtung! Militärfracht!‘ prangte. Kleine, aber auffällige Unregelmäßigkeiten. Mangelnde Bezahlung und Bespitzelungen. Überraschend wurde die Tür laut aufgestoßen, und etwa fünfzig, sechzig Polizisten stürmten in das Lokal. Sofort stürmten sie mit gezogenen Schlagstöcken auf die Männerrunde zu. Ich brauchte nicht auf die Wortspende meines Extrasinnes zu warten, es war alles klar. Irgendwie hatte wohl der Barmann einige Fetzen der Unterhaltung mitgehört und die Exekutive gerufen. Einmischen? Abwarten? Mein hitziges Gemüt übernahm die Entscheidung, ich sprang auf. Und machte mich damit natürlich sofort ebenso zum Ziel. Zu einem Primärziel sogar! Also begann eine typische Barschlägerei, der Kristallprinz Arkons mittendrinn. Die Polizisten waren mit Schockstäben bewaffnet und etwa vierfach überlegen, also schluckte ich meinen Stolz hinunter und verständigte meine acht Helfer. Leider verfügten aber auch die Polizisten über eine Ver-stärkung, die sie herbei rufen konnten, ich jedoch hatte keine Reserven mehr in der Hinterhand. Diese Schockstäbe waren schon verdammt schmerzhaft, und langsam kamen wir ganz massiv in Bedrängnis. Und dann schmetterte der Schuss einer schweren Projektilwaffe in die Decke. Soldaten in der Uniform arkonischer Marinesoldaten verteilten sich entlang der Wände und unterbanden mit angeschlagenen Thermostrahlern jegliche Kampfhandlungen. Grinsend kam Tarts auf mich zu. „Die große Kunst der kreativen Befehlsverweigerung, Gebieter!“ Ich rieb meine schmerzenden Oberarmmuskeln. „Und niemals war jemand so froh über einen nicht befolgten Befehl!“ Die Kommandant der Polizisten wollte aufbegehren. „Kerl!“ herrschte Tarts ihn an: „Erweise dem Kristallprinz von Arkon, Mascaren Atlan Gonozal, gefälligst Deinen Respekt!“ Ich winkte ihn und seine Leute beiseite und wandte mich wieder an Tarts: „Diese Männer sollen versorgt werden. Dann bringt sie zu Thalma dalZarmol. Ich denke, sie werden ihre einiges zu berichten haben.“ Und dann, flüsterte ich Tarts noch zu „Danke, Alter! Vielen Dank!“

Mit den Aussagen und Hinweisen der Hafenarbeiter konnte sich Oberstleutnant Zarmol immer weiter in der Hierarchie hinauf arbeiten und allmählich der tatsächlich  sehr umfassenden Korruption auf die Spur kommen. Und so wurde der Ex-Administrator in eine Arrestzelle gesteckt und der kleine Kreuzer NOF-EAR brachte den Delinquenten nach Arkon. Ich unterzeichnete die Bestallungs-urkunde und gab der scheidenden Oberstleutnant dalZarmol den traditionellen Abschiedskuss.

*


Actio Frame


Auf die Stirn, Frau Doktor, auf die Stirn. Sie brauchen nicht wissend zu grinsen, es handelt sich einfach um den rituellen Abschied von der Flotte! Mein Geschwader startete danach so schnell wie möglich frisch ausgerüstet und verpflegt in den Raum und flogen wieder in Richtung Nebelsektor zu neuen Raumschlachten. Ich war damals auch noch relativ jung und brannte darauf ‚meiner Heimat zu dienen‘ und meine einzige und teure Haut zu riskieren.  Egal, damals dachte ich jedenfalls, dass ich dieses kleine System nicht wiedersähe.  Welch ein Irrtum.

*