Zeit genug... - eine alternative Atlantiade

von Senex
GeschichteSci-Fi / P16
Atlan da Gonozal ES OC (Own Character)
17.03.2020
19.10.2020
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10.622
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19.10.2020 10.622
 
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Venus


Ohne Ceres und Bacchus bleibt Venus kalt! (Terenz)

August 2084

Solares System,

An Bord der VIRIBUS UNITIS

Der Admiral der Raumflotte der Vereinten Nationen, Mascaren Atlan daGonozal, ehemaliger Kristallprinz und Admiral des arkonidischen Imperiums hatte einen schweren Arbeitstag hinter sich. Irgendwie musste er es schaffen, mehr neues Personal zu rekrutieren, nicht nur allein Offiziere und Spacemen für sein Flaggschiff, was allein schon eine Herkulesaufgabe gewesen wäre, sondern auch noch Personal für unzählige administrative Aufgaben. Nach einer ausgedehnten Dusche saß er nun, in einen flauschigen Bademantel gehüllt, ein Glas Rotwein vor sich, auf seinem pastellbeigen Sofa, hatte die Beine auf das Tischchen gelegt und genoss den bisher einsamen, ruhigen Abend. Der Arkonide hatte die Augen geschlossen und lauschte genussvoll der Musik, die aus den hervorragenden Bose-Lautsprechern seiner exklusiven Pioneer HiFi Quadro Sorroundanlage erklang. Es war die Carmina Burana von Cafl Orff, eine seltene Aufnahme aus dem Jahr 2056, als es dem Stardirigenten Paolo Cantero gelungen war die größten Opernsängerinnen und -Sänger dieser Zeit in einem Saal zu versammeln, um dieses Konzert zu singen, der Mitschnitt wurde nur in knappest limitierter Auflage hergestellt. Der große Chor intonierte eben den 14. Satz. „In taberna quando sumus – non curamus quid sit humus…!“ (Wenn wir in der Schänke sitzen – fragen wir nicht nach dem Grabe...), als der Türmelder penetrant in die Wiedergabe summte.

Der unsterbliche Arkonide schrak aus seinen Gedanken und verzog gequält das Gesicht. Welches von den Göttern verdammte Problem konnte denn nicht bis morgen warten und musste dazu noch persönlich mit ihm besprochen werden, wenn er endlich einmal ein klein wenig entspannen wollte. Ein erneutes Summen überzeugte ihn davon, dass es wohl keinen Erfolg zeigen würde, den Summer einfach zu ignorieren. „Quid agatur in taberna – ubi nummus est pincerna…“ sang er den Text lauthals mit, als er zur Tür ging. „…Hoc est opus ut queratur…“ beinahe unhörbar glitt die Tür auf die Seite, er sang weiter, obwohl er wusste, dass seine Singstimme, vorsichtig und schmeichelhaft ausgedrückt, dünn klang. Vielleicht eine kleine Revanche für die Störung, der oder die Betreffende sollte ruhig unter seinem Gesang ein wenig leiden. „…sic quid loquar, audiatur!“ „Das hoffe ich, Admiral, und dafür bin ich hier!“ eine nicht mehr ganz junge, aber hübsche, gepflegte Frau mit kastanienroten, kurzen Haaren und braunen, intelligent blickenden Augen stand vor ihm. Sie trug die olivgrüne Uniform mit den UNO-blauen Schulterstücken der UN-Raumflotte, am linken Oberarm die silberne Äskulapnatter auf blauem Grund der medizinischen Personals. Eine Colonel, wie die Rangabzeichen auf den Schultern verrieten, ihr Name stand auf einem Schild an ihrer Uniform über ihrem gut geformten Busen zu lesen. ‚Dr. Marie Anne Collard‘. „Äh…“ kein geistreicher Kommentar Atlans, der ein klein wenig auf dem falschen Fuß erwischt wurde. „Nun, das haben Sie doch gesungen, dass es sich lohnt, zu vernehmen, und dass wir, also in diesem Fall wohl ich allein, zuhören solle. Carl Orff?“ sie sah ihn an, und er ging einen Schritt zurück, machte die Tür frei und mit der Hand eine einladende Geste. „Eine Frau, die triviales Latein versteht, Orff erkennt und offensichtlich schön und gut gebaut ist, wie könnte ich einer solchen Erscheinung widerstehen. Treten Sie ein, Frau Doktor. Oder soll ich lieber Madame le Docteur sagen?“ „Danke!“ mit einem eleganten Nicken nahm sie das Lob zu Kenntnis, während des Eintretens reichte sie ihm die Hand. Doch statt sie zu drücken, beugte er sich darüber und küsste sie formvollendet, eine Geste, die selbst bei dieser modernen, selbstbewussten Frau durchaus ein warmes Gefühl hervorrief.  „Bitte, Madame, nehmen Sie doch Platz. Ein kleines Glas Rotwein, vielleicht einen Merlot, während ich in etwas ein klein wenig – sagen wir, formelleres schlüpfe? Oder…?“ er spielte mit dem Gürtel, die Ärztin lächelte in offen an. „Rotwein, ja bitte. Und ja, ich denke, andere Kleidung wäre von Vorteil.“ Der Admiral reichte der Ärztin den Wein und verschwand im begehbaren Schrank, schlüpfte in eine leichte, steingraue Hose und ein blaues Poloshirt.

„Also, was kann ich für Sie tun, Madame Collard?“ fragte er, als er wiederkam, und sie schaltete ihr Pad ein und öffnete eine Seite. „Nach den allgemeinen Dienstvorschriften, Artikel 25, Paragraph 1 muss jeder, der Offizier der Raumflotte der Vereinten Nationen werden will, sich einem psychologischen Gespräch stellen und nach Paragraph 2, wenn der Psychologe der Meinung ist, es sei nötig, auch einem entsprechenden Test. Nach Paragraph drei ist es möglich, dieses Gespräch nötigenfalls bis drei Monate nach Dienstantritt nachzuholen, wenn gewichtige Gründe für einen sofortigen Dienstantritt vorliegen. Diese Gründe liegen in Ihrem Fall durchaus vor…“ „Aber ich habe mich bis jetzt nicht freiwillig bei Ihnen gemeldet.“ Der Arkonide begann schallend zu lachen. „Ich bin wohl jetzt über meine eigene Dienstvorschrift gestolpert. Na schön, lassen Sie uns heraus finden, ob ich für ein solches Kommando noch genügend Tassen im Schrank habe!“ er stand auf und holte von seiner Anrichte die Rotweinflasche. „Ein Glas noch? Also, Frau Doktor. Sie möchten jetzt also ein privates  und exklusives  Gespräch.  Ganz persönlich mit mir,  Atlan daGonozal?  Nun ja, ich habe den Verdacht,  dass Ihre großen,  braunen Augen mich dazu bringen werden, etwas mehr als geplant zu erzählen, vielleicht auch den Charme der Unsterblichkeit zur Anwendung zu bringen?“ Die Ärztin nippte an dem exquisiten Rotwein. „Admiral, wenn Sie es schaffen, mich zu verführen, verspreche ich Ihnen jetzt eines. Morgen steht Professor Doktor Johann von Greipelwegen vor Ihrer Tür, um mit Ihnen diese Gespräche zu führen. Wir können also die nächsten Tage beruflich oder privat mit einander verkehren, was immer Ihnen lieber ist!“ sie lehnte sich vor und musterte Atlan unverhohlen. „Ich hätte meinen Spaß an beidem, aber ob Ihnen ein Gespräch mit Johann angenehmer wäre?“ „Ach mein Herz, ach mein Verstand.“ Atlan legte theatralisch die Hand auf die rechte Brustplatte und verzog gequält das Gesicht. „Immer diese schier unmöglich scheinenden Entscheidungen. Ich sage Ihnen etwas, verlegen wir das private doch einfach auf später, Madame. Was möchten Sie denn hören? Sie werden allerdings Verständnis haben, wenn Sie im Alarmfall nur ein leichtes Aroma von Kunststoff von mir feststellen können. Häuptling ‚Qualmende Sohle‘ ist dann nämlich auf dem Weg zur Brücke, weil irgendein Notfall vorliegt! In diesem Fall machen sie es sich einfach gemütlich, bis wir weiterplaudern können. Und jetzt, haben Sie irgend welche besonderen Wünsche?“ „Wie wäre es mit dem Anfang, Admiral? Das ist immer gut.“ Die Ärztin griff zu ihrem Pad, um sich Notizen zu machen. „Am Anfang war das Chaos!“ intonierte der Admiral pathetisch und hob die Hände zur Decke. „Aus diesem Chaos schuf ich ein Wesen und nannte es DIE GOTTHEIT, und das Wissen war bei DER GOTTHEIT, die daraus Himmel, Erde und den restlichen Unsinn schuf, mit dem ich mich herum ärgern muss. Marie Anne, glauben Sie mir, in DEN GOTTHEITEN steckt noch jede Menge Chaos, der Junge oder das Mädchen, ich habe es nie herausgefunden, wurde ganz einfach nie erwachsen.“ Doktor Collard starrte Atlan erschrocken und entgeistert mit großen Augen an und der lachte einmal mehr. „Ein kleiner Scherz, Frau Doktor. Nehmen Sie es mir nicht übel, bitte.“ „Na schön!“ Marie Anne stimmte in das Gelächter ein. „Ich habe jetzt wohl ganz schön dumm geschaut!“ „Sie sehen nie dumm und immer wunderschön aus, Marie Anne. Darf ich Marie Anne zu Ihnen sagen? Dann nennen Sie mich Atlan. Also, wo waren wir? Ach ja, der Anfang. In der Verfilmung von Dune sagt Prinzessin Irolan einen schönen Satz. ‚Der Beginn ist eine sehr delikate Zeit.‘ Wie recht sie doch hat…“

-○-


Ich war zuerst Kristallprinz des Imperiums, ohne materielle Sorgen, aber immer allein mit dem Kindermädchen – ich will mich nicht beschweren, sie war ein nettes und durchaus hübsches Mädchen, das auf die vorerst noch bescheidenen Wünsche eines kleinen Kindes einging und sie erfüllte, auch später, als andere, die Bedürfnisse eines heranwachsenden Pubertierenden auftraten. Es gab schlimmere Nannys, die meines Bruders etwa. Mama Yagthara und Papa Mascudar waren damals zu sehr damit beschäftigt, Imperatrix und Imperator zu sein, als dass sie sich groß mit ihrem Nachwuchs beschäftigen konnten. Danach war ich einige Zeit Flüchtling, und ohne Tarts wohl schon vor vielen Jahrtausenden ein toter Flüchtling. Das war, als Onkel Veloz sich den Kristallthron einbildete und es auch schaffte, ihn sich anzueignen. Und dann war Arkon Veloz Orbanaschol wieder los, ein anderer Onkel von mir, Upoc, saß auf dem großen Stuhl und war Imperator, und ich wurde Admiral und wieder Kristallprinz. Ich übernahm das Nebelsektor – Geschwader und kämpfte, so gut ich konnte, gegen die Methaner. Mit wechselndem Erfolg, aber insgesamt wohl eher in den rückwärtigen Raum vorstoßend. Die wenigen Gegenschläge und Siege waren letztendlich eben doch nicht ausreichend. Und dann schickte der Imperator eines Tages seinen Neffen und getreuen Paladin, also meine Erhabenheit und so weiter,  vor  etwa - ach, es sind einfach zu viele, ob in Arkon- oder Terrajahren gerechnet, aber es müssen etwa 10, 12.000 Erdenjahre sein – also der Imperator sandte mich aus, um auf einem Kolonialplaneten für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Nun haben Kolonisten ja fast immer etwas zu meckern, aber irgendwann ist eine Schwelle erreicht, an der jemand nachschauen muss. Dieser Jemand war nun einmal ich, als Mitglied der Herrscherfamilie besonders geeignet und zudem praktischerweise gleich um die Ecke stationiert, im Nebelsektor. Dazu kam noch erschwerend, dass sich dieses Mal die Kolonisten auch noch zu Recht zu beschweren schienen, der Administrator war tatsächlich ein derart offensichtlich bestechlicher Narr, dass nicht einmal eine minimalste Steigerung vorstellbar war. Allerdings schien er gut genug zu sein, die Beweise verschwinden zu lassen, er musste kompetente Hilfe bekommen. Und wegen eines solchen korrupten Ahh- Hohlkopfes und seines nicht voll zu bekommenden Halses musste ich die Methanfront verlassen, um die schlimmsten Fehlentscheidungen dieses Mannes zu korrigieren. Larsaf galt immerhin als wichtiges System, es war zwar nicht wirklich als kriegsentscheidend klassifiziert, aber als wichtig genug, um nach dem Rechten zu sehen. Mein Flaggschiff, die ARK'EMPE, wurde von dem gesamten Geschwader begleitet, laut Befehl des Imperators. Na gut, vielleicht hat der Imperator den Befehl sogar gesehen. Zumindest musste er in der Unterschriftenmappe gewesen sein. Also, unterzeichnet wird er ihn möglicherweise haben. Dachte ich halt in meiner jugendlichen Naivität. Das heißt, eigentlich machte ich mir keine großen Illusionen, aber die Tradition verlangte, dass man es glaubte, also glaubte ich es auch.

In Wirklichkeit war irgendein Subalterner wohl wieder einmal zu faul gewesen, einen einzelnen Raumer heraus zu suchen und verschob lieber das ganze Geschwader in das Larsaf System, ließ einen großen Frontabschnitt ohne Schutz oder zumindest Beobachtung. Ein Bürokrat! Nun, wenn ich schon das gesamte Geschwader im Schlepptau hatte, dann wollte ich zumindest ein wenig frische Nahrungsmittel bunkern lassen und gab auch den Nachschubsraumern den Marschbefehl. Sie müssen bedenken, meine Liebe, ich war damals natürlich noch nicht der alte und weise, der abgeklärte, aber trotzdem noch wahnsinnig gut aussehende Mann von heute, sondern ein junger, aber fescher Spund von etwa 40, der jüngste Admiral, den die arkonidische Flotte je gesehen hatte. Natürlich hatte mein Name daGonozal einiges, nein, beinahe alles, damit zu tun. Aber - ich war voll Elan und Heldenmut, ich wollte meinen Körper zwischen den Feind und meine Heimat werfen, der Retter, wenn schon nicht des Universums, so doch des Imperiums sein! Meine Stimmung beim Einflug in Larsafs System, weit weg von meinem Frontabschnitt, war, wie Sie sich vorstellen können, entsprechend…



Um Beherrschung bemüht tigerte ich durch meine Kabine. „Dieser dreimal verdamme Narr.“ brüllte ich laut. „Bei Hemutags Riesenbrüsten, ich hänge ihn an der höchsten Hypercom-Antenne von Larsaf II auf! Ich weide ihn aus! Ich schneide ihm die Eier ab und verfüttere sie an die Zamuga, während er zusehen darf! Dieser Gripphr!“ Wie meinen Sie, Frau Doktor? Was Ausraster? Ich? Nicht doch. Noch heute erfüllt es mich mit Stolz, nicht ausfallender geworden zu sein und darauf zu verzichteten, Pokale und ähnliches gegen die Wände zu knallen. Lust dazu hatte ich zur Genüge, glauben Sie mir, aber ich beherrschte mich, auch wenn es mühsam war. Die Nachrichten aus dem Methankrieg waren alles andere als Hoffnung erweckend, um ehrlich zu sein, ich hatte es schon angeschnitten. Wir lieferten, dank des Versagens von Imperator Orbanaschol I und seiner nur die eigene Tasche füllenden Gefolgschaft, seit einiger Zeit an der gesamten Methanfront nur noch Rückzugsgefechte. Es war nur noch eine Frage wenigen Jahrzehnten, bis der Sternennebel Arkons, den sie M 13, NGC 6205 oder Herkuleshaufen nennen, von unseren Feinden, den Methanatmern, erreicht wurde. Wir hatten zu wenige Schiffe für die Flotten, es standen bei mancher Einheit zwar 40 Schlachtschiffe in der Stammrolle, davon besaßen aber zehn nur noch Schrottwert und einige andere machten bei einer anderen Flotte Dienst. Um dort Lücken zu schließen, die in den Dateien gar nicht existierten, weil angeblich 30 Kriegsschiffe in diesem Sektorabschnitt stationiert waren, in Wirklichkeit aber kein einziges Raumschiff, sondern eine Handvoll Torpedoboote  auf Patrouille waren. Noch gravierender machte sich allerdings das Fehlen eines fähigen Oberkommandos, das die Verteidigung koordinieren konnte, bemerkbar. Und nun fehlte auch noch ein ganzes gemischtes Geschwader – eine verstärkte Flotte mit etwa 900 Schiffen aller Größen, davon 30 Schiffe der Tussan- und 70 der Fusuf-Klasse, an der sowieso schon lückenhaften Verteidigungslinie. Und all das, weil ein verdammter kleiner planetarer Verwalter den Hals nicht voll bekam und die Mittel für die Verteidigung in die eigene Tasche steckte. Wie alle von Orbanaschols Kreaturen, deshalb war die Flotte ja in diesem desaströsen Zustand. Und Sie kommen mir mit  Ausraster? Aber gut, ich erzähle einmal weiter, vielleicht verstehen sie mich nachher besser.

Der imperiale Bauchaufschneider, Tarts, nippte an seinem Wein. Das Wort ist ähnlich genug, die Weintrauben Terras sind übrigens, wie auch der Weizen, arkonidischen Ursprungs. Nun, ich werde mir erlauben, während meiner Erzählungen einfach das Adäquat zu arkonidischen Bezeichnungen zu verwenden. Obschon – vergorener Saft aus Weintrauben, ist es dann nicht tatsächlich Wein? Egal. Tarts war eine Erscheinung, etwas über zwei Meter groß und gebaut wie ein Schrank. Seine grauen Uniformen und der Raumanzug waren Spezialanfertigungen, denn die Ware von der Stange wurde, auch bei den größten Kleidungsstücken sprengten seine Schultern die Nähte, falls er sie überhaupt überziehen konnte. Früher ein Problem bei der Beschaffung von Ausrüstung, besaß ich heute genug Mittel, um meinem Beschützer Maßuniformen und den besten für Geld zu erhaltenden Kampfanzug zu besorgen. Ich verdankte ihm mein Leben und meine Freiheit, und wo immer meine Schwächen liegen, Undankbarkeit und Geiz gehörten nie dazu. „Hast Du schon entschieden, wer denn die Geschäfte auf Larsaf II, III und IV übernehmen soll?“ fragte der alte Freund, durch den Pokal bekam seine Stimme einen ganz eigenartigen, hohlen Klang. Ich fuhr herum. „Alter, unterbrich mich doch nicht, wenn ich gerade im Schwung bin! Welche Geschäfte, wovon, beim Eiskalten, sprichst Du eigentlich?“ „Nun, irgend jemand muss die Kolonie führen, Atlan.“ Tarts blieb, im Gegensatz zu mir, stets der ruhige und ausgeglichene Pol in unseren Diskussionen. „Wenn Du den Administrator tötest, verstümmelst oder auch nur in der Zelle nach Arkon beförderst, musst Du einen neuen Verwalter ernennen. Einen reinen Arkoniden, wohlgemerkt. Immerhin kann kein nicht auf Arkon I selbst Geborener, keiner, der nicht aus einem der Häuser ist, einen derart hohen Rang einnehmen.“ Ich versuchte mich zu beruhigen. „Vorschläge?“ schnappte ich, immer noch ungehalten. „Nun“ Tarts kratzte sich am Hinterkopf. „Ich verliere ja nicht gerne einen guten Nachschuboffizier. Aber wenn es nötig ist – egal. Oberleutnant Thalma dalZarmol ist nicht nur hervorragend, wenn es um Logistik geht, sondern auch als Führungskraft.“ „Hmm..“ Nun war es an mir, ratlos meinen Skalp zu kratzen. „Ich kann mich nicht an sie erinnern“, gestand ich schließlich ein. „Die Oberleutnant kam vor etwa einem halben Monat zu uns. Du erinnerst Dich vielleicht noch an die Schlacht beim Haarakonsystem?“ Ich nickte, denn bekanntlich konnte ich nichts vergessen. Ein Ergebnis der Ark Summia war neben dem Logiksektor auch ein photographisches, besser gesagt ein eidetisches, Gedächtnis, das nicht nur Bilder, sondern auch Geräusche und Gerüche speicherte. Ich kann Ihnen versichern, dass diese Sache vor allem mit dem Geruch nicht immer angenehm ist, manche Odeure – die ungewaschenen Menschen der frühen Neuzeit, im 18 Jahrhundert, etwa am Hof des Sonnenkönigs oder seines Ludwig XV. Nie war das Leben sexuell ausschweifender und ich selbst enthaltsamer gewesen. Manchmal ist dieses Gedächtnis ja von Vorteil, durchaus, aber manchmal eben auch eine Qual, wenn der implantierte Duftfilter in der Nase versagt und – bitte, ersparen Sie mir und sich selbst weitere Details. An Thalma konnte ich mich allerdings nicht entsinnen, was bedeutete, ich hatte sie nie kennengelernt. Aber bei den Verlusten damals konnte es schon sein, dass Versetzungen nicht gleich zur Kenntnis gebracht wurden. Solange alles funktionierte…..

Wie auch immer. Ich sagte also zu Tarts, er solle die Oberleutnant kommen lassen. „Woher Deine Kenntnis über die Fähigkeiten des NO?“ fragte ich, nur mäßig interessiert, Tarts antwortete dröhnend lachend. „Vielleicht ist es Euer Erhabenheit entgangen, dass stellvertretende Geschwaderkommandeure ebenso wie Raumschiff-Kapitäne so etwas wie einen Code besitzen, um die Wahrheit über eine Versetzung und die Qualifikationen der Mannschaften und Offiziere weiterzugeben.“ „Und Admiräle bleiben außen vor und dürfen unwissend sterben.“ grummelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart. Und wieder malträtiert Tarts lautes Lachen meine Ohren. „Ich sag's Dir doch gerade, Gebieter, oder nicht? Der Erhabene muss nur fragen!“ Ich winkte ab. „Hole Dein Wunder schon herein. Man könnte glauben, sie wäre deine Tochter, die Du auf dem Sklavenmarkt auf Bharlat verkaufen möchtest, so wie Du sie anpreist.“ „Hören ist gehorchen,  Gebieter!“ Tarts verbeugte sich devot, doch seine Stimme führte die altehrwürdige Formel ad absurdum, aber immerhin öffnete er die Tür und winkte Thalma herein.  

Meine Augen meldeten ‚Oh, wow‘, meine Hormone brüllten ‚alles klar zum Gefecht‘! Zum Glück hatte ich den Extrasinn, der ‚SPÄTER‘ brüllte, alle niederen Instinkte unterdrückte und mich weiteratmen ließ. Wie soll ich Thalma dalZarmol bloß beschreiben? Natürlich war sie fast so groß wie ich, schlank, weiße Haare, schließlich war sie eine adelige gebürtige Arkonidin aus dem Drei-Planeten-System, sogar von Arkon I direkt. Athletisch gebaut, selbstverständlich, als Offizier musste sie zumindest ein wenig sportlich sein. Trotzdem einige durchaus weibliche Rundungen. Ein relativ kleiner, aber durchaus hübscher und gefälliger Busen, schlanke Taille, lange Beine. Ein edles Gesicht, eine gerade Nase, durchaus eine klassische, arkonidische Schönheit. Sie machte vorschriftsmäßig ihr Männchen und legte das Händchen an die Mütze. Sie wissen schon: „Oberleutnant dalZarmol meldet sich wie befohlen und erwartet die Befehle des Erhabenen.“ Diese in jeder militärischen  Organisation ebenso unnötigen wie wichtigen Rituale. Wissen Sie, Dotoressa Collard, wie viel Zeit verschwendet wird, nur um frisch gefangenen Rekruten beizubringen, wie man die Hand richtig an das Mützchen hält? Stundenlang nur „salutiert auf, salutiert ab! Ellenbogen dorthin, Handfläche nach dahin!“ Als käme es im Ernstfall darauf an, im exakten Winkel zu salutieren. Frustrierend, sage ich Ihnen.

Na egal. DalZarmol machte also ihren Servus, ich holte mir ihre Akte auf den Monitor und war durchaus beeindruckt, denn für ihr jugendliches Alter hatte sie schon eine ganze Menge erreicht. Danach musterte ich Sie genauer. „Sie wissen über das Larsaf – System Bescheid?“ fragte ich, sie nickte kurz. „Ja, Gebieter.“ „Welche Veränderungen schlügen sie mir denn vor?“ Thalma schloss die Augen und rekapitulierte aus ihrem Gedächtnis, einer der Vorteile einer ArkSuumia-Ausbildung. Einige Reformen hier, bessere Verhältnisse da, dort bessere Vereidigungseinrichtungen „falls die Methans doch hierherfinden sollten.“ Nun, der letzte Punkt war ja auch der letzte Tropfen, der Grund, warum ich hier war. Auf dem größten Trabanten von Larsaf II wollte Thalma ein Depot und zumindest eine kleine Werft für die Reparatur von zumindest mittelgroßen Raumschiffen bis 400 Meter bauen.

Ja, Frau Doktor, Larsaf II. Larsa, wie wir die Venus auch nannten. Damals hatte dieser Planet drei Trabanten. Zwei davon etwa in der Größe der Marsmonde, einer etwas mehr als doppelt so groß. Dadurch rotierte die Venus langsamer, wenn auch wie heute ‚rückdrehend', auch ein starkes Magnetfeld war damals vorhanden, sogar noch etwas stärker als das der Erde heute. Die Nordlichter waren besonders spektakulär und erschienen zu manchen Zeiten bis tief in die gemäßigten Zonen.  So war Larsa zwar schon ein sehr warmer, doch für Arkoniden angenehm bewohnbarer Planet, üppig bewachsen, mannigfaltige Tierwelt und sogar eine etwa arkonoide, halb intelligente Lebensform, welche, wie einige Wissenschaftler des Kristallimperiums verblüfft festgestellt hatten, genetisch sehr eng mit jener uns ähnlichen Spezies auf dem dritten Larsafplaneten verwandt war. Es gab eine Übereinstimmung zwischen Arkoniden und den eingeborenen Bewohnern der Planeten von Larsaf von 99,94% im genetischen Muster, wie es bei allen arkonoiden Spezies, die wir bis zu diesem Zeitpunkt gefunden hatten, üblich war. Die Übereinstimmung zwischen den Bewohner von Larsa, also der Venus und jener von Thatlas, der Erde, betrug allerdings 99,99892%, das war praktisch identisch. Es war ein sensationelles Ergebnis, doch wie eine solch starke genetische Verwandtschaft zustande kam, war ungeklärt. Aber, wir sind ja noch bei der Venus, ich werde später noch mehr von den Menschen Terras zu erzählen wissen, Marie Anne. Ja, von Ihren Vorfahren. Aber weiter im Text. Flora und Fauna waren auf beiden Planeten für Arkoniden essbar, arkonidische Nutzpflanzen zumindest an einigen Stellen erfolgreich anzupflanzen, nun, man kann im Leben nicht alles haben. Venus etwas zu warm, Erde etwas zu kalt im Durchschnitt. Was nur bedeutete, dass man sich als Arkonide auf der Venus besser vom Äquator fernhielt und auf der Erde von den Polen. Also durchaus machbar. Der Mars allerdings war auf Dauer nur für Kolonisten von bereits an kalte Planeten gewöhnte Arkonabkömmlinge gemütlich, hier war es selbst zu den heißesten Zeiten für Arkoniden ziemlich kalt. Wir Arkoniden sind Frostbeulen, 20, 25 Grad Celsius sind für uns nicht mehr lustig. Überleben? Wer spricht vom Überleben? Aber wer will schon ständig ein Kältegefühl verspüren? Gut, alles in allem kein perfektes Sonnensystem, aber ein mehr als brauchbares und damit wertvoll, an Nahrungsmitteln bis Erzen und an, wie man sie heute nennt, seltenen Erden reich, konnte das System von Larsaf eine recht gute Nachschubbasis werden. Falls das Imperium es schaffte, diese Basis zu verteidigen. Dafür war aber eigentlich der Administrator verantwortlich, wir sind also wieder bei dem Grund meines Anfluges. Was? Wo die Monde geblieben sind?  Hören Sie nur zu, ich werde es noch erzählen, Marie Anne. Zurück zu Thalma, für das Erste aber war ich mit den Antworten der jungen Arkonidin mehr als zufrieden, ein rasch ausgestelltes Kriegspatent machte aus einem Ober-Leutnant einen Oberst-Leutnant, der absolut niedrigste Rang für die Aufgabe, die vor ihr liegen würde. So schnell kann man Karriere in Zeiten des Krieges und der Gefahr machen.

Waren Sie schon einmal auf der Brücke der VIRIBUS UNITIS, Madame le Docteur?  Kennen Sie den prinzipiellen Aufbau? Nun, es ist einfach. Vom großen Süddeck über der Polschleuse führen acht Antigravitationslifte durch das gesamte Schiff bis zum großen Norddeck unter der Polkuppel, nach unten können sie, ausgestattet mit Schleusen für zehn Personen, teleskopartig bis zum Boden ausgefahren werden. Auf der Kommandoebene gibt es natürlich keinen Ausstieg, diese erreicht man nur über acht andere, die von der Ebene unter der Kommandoebene bis in Ebene darüber führen, für die Einstiege ist eine spezielle Berechtigung nötig. Auf dieser Ebene liegt die Zentrale, rund um diese sind die Quartiere der Kommandooffiziere angelegt, je höher der Rang, desto näher am Gang, der rund um die Zentrale führt. Auf die Brücke führen acht Eingänge zwischen den Stationen – im Uhrzeigersinn Ruder, Navigation, Wissenschaft, Ortung, Kommunikation, der Flightboss, die Koordination für die Korvetten – wir nannten sie Ultraleichtkreuzer - und Waffenkontrolle, wobei Ortung und Kommunikation abgeschottet sind, um nicht gestört zu werden. In der Mitte ist die Kommandoempore. Einige versenkbare Sitze für den Kommandanten, den Admiral und ihre Adjutanten, noch ein paar für etwaige Gäste, insgesamt können es etwa 30 sein, wenn es sein muss. Jeder ist einzeln ausfahrbar, so dass man auf dieser Empore auch ganz gut Besprechungen im kleinen Rahmen halten kann. Darunter ist ein wirklicher Lagebesprechungsraum, 10 Meter Durchmesser,  hocheffiziente Datenübermittlung und -Auswertung, die Wand ist ein zwei Meter hoher Touchscreen rundherum, ein Tisch mit eingelassenem Touchscreen und Holoprojektoren für Lagebesprechungen. Auch hier Gliedersessel, die man ein- und ausfahren kann. Von der Kommandobrücke gibt es eine hervorragende Sicht auf den Panoramaschirm, der nur einen Nachteil hat. Um in Flugrichtung zu sehen, musste man entweder den Kopf weit in den Nacken legen oder die gesamte Ansicht um 90 Grad schwenken, weil der Nordpol nun einmal zumeist vorne ist. Nun, man gewöhnt sich irgendwann daran, ständig nach ‚oben‘ zu fliegen, und das Ruder ignoriert den Panoramaschirm sowieso komplett und hat eigene Instrumente. Diese Männer und Frauen schalten ihre Ansichten einfach um, je nachdem, wie es gerade für sie einfacher ist. Auf einem arkonidischen Schlachtschiff der Tussan-Klasse sah es nicht viel anders aus, nur ein wenig kleiner, unsere Hologrammausrüstung war noch nicht so weit entwickelt und bei den physischen Tasten für den Notfall und den Alarm zogen wir kleine runde rote statt der viereckigen großen roten der VIRIBUS vor. Außerdem war der Raum unter der Brücke noch nicht so ausgefeilt. Aber das sind Details, die nicht weiter wichtig sind. Ich wollte nur, dass Sie eine Vorstellung bekommen, wie es in einer Zentrale aussieht, Madame.

Auf dieser Kommandoempore stand ich jetzt mit vor der Brust verschränkten Armen und beobachtete den Einflug in das System, die Schirmansicht gedreht, dass ich bequem nach vorne blicken konnte. Sie wissen schon, Rang hat eben seine Privilegien. Larsaf VI zog vorbei und zeigte die volle Pracht seines Ringsystems, es war schon ein beeindruckendes Bild, wenn die Eiskristalle wie Edelsteine funkelten. Der Riese Larsaf V stand weit abseits, wir ließen seine Bahn zurück und überflogen den Asteroidengürtel. Natürlich hätten uns die Gesteinsbrocken in unseren von Energieschirmen geschützten Raumschiffen nichts anhaben können, aber ich wollte mir das Bild, von dem ich schon gehört hatte, einmal ‚von oben‘ anschauen. Der rote vierte Planet stand auf der anderen Seite des Gestirns, aber die Nummer drei mit dem großen Mond stand blau und weiß leuchtend beinahe auf unserem Kurs. Ich verspürte ein leises Flattern in der Magengrube, als ich seiner Angesichtig wurde und ich vermeinte, so etwas wie ein entferntes Lachen zu hören, es musste aber wohl eine Einbildung gewesen sein. Dachte ich zumindest damals. Danach näherten wir uns endlich dem zweiten Planeten und schwenkten in einen Parkorbit. Zweiplanetenträger Ascuzar daAkkat wandte sich an mich und salutierte. „Gebieter, wir haben Larsaf II erreicht!“ meldete er den Vorschriften gemäß. Ich nickte. „Die erste Kampfgruppe unter der ARK'EMPE und die Frachtschiffe sollen landen, der Rest verbleibt im Orbit!“ Mir kam überhaupt nicht in den Sinn, dass ich nicht landen durfte, wie, wann und wo ich wollte, denn immerhin war ich nicht nur der Kristallprinz, sondern dazu noch der direkte Kontrollbeauftragte des Imperators. Der Radiooffizier gab unsere Wünsche bekannt und die Landepositionen wurden eiligst geräumt.

Meine kleine Kampfgruppe landete also auf dem Raumhafen der Venus, der Rest des Geschwaders blieb vorsichtshalber, und auch um das Landefeld nicht zu überlasten, im Orbit. Der Administrator erwartete mich nach dem Aufsetzen und begrüßte mit großem Pomp, ich war ja der Kristallprinz, da konnte man schon so richtig auftrumpfen. Ich war ja durchaus an einiges auf diesem Sektor gewöhnt, aber woher hatte er denn die Musikkapelle organisiert? Echte Musiker statt Roboter, zwar nicht unbedingt eine Starbesetzung, aber durchaus brauchbar. Was bitte? Wie arkonidische Musik damals klang? Stellen Sie sich eine Mischung aus Free- und Cooljazz vor, mit ein wenig Hardrock in den Rhythmen und einer Art Sackpfeife, wie die Iren sie benützen, nicht geblasen wie die schottische, sondern mit den Armen durch Zug und Druck gespielt. Ich schritt also zu den Klängen der imperialen Hymne auf dem grünen Teppich auf das Empfangskomitee zu, und  dann fielen diese Schranzen doch glatt auch noch auf die Knie und redeten von Ehre und Vergnügen und wie glücklich sie doch wären, weil ich Sie besuchte, allen voran der Administrator, Vieste dalPralma. ‚Schleimer!‘ meldete sich mein Extrasinn angeekelt zu Wort, ‚Lügner! Warte ab, gleich bietet er Dir einen Anteil!‘ ‚Und seine Töchter gleich dazu!‘ betätigte ich in Gedanken und winkte unwirsch ab, obwohl der Logiksektor doch nur wie immer die Lage auf den Punkt brachte. Abrupt unterbrach ich die Empfangs-Zeremonie, die mich allmählich nervte, ich war doch Soldat, kein dekadentes nanotronisches Tanzpüppchen! „Ich brauche ihre Büros und Zugriff auf alle Dateien.“ herrschte ich den Verwalter Vieste, die Adeligen und die hohen Verwaltungsbeamten an, es ekelte mich vor ihnen. „Sie selbst begeben sich an Bord meines Schiffes und warten, bis mein Stab seine Arbeit beendet hat. Oberstleutnant dalZarmol,  übernehmen Sie. Leisten Sie gute Arbeit im Namen des Imperators!“ Ungerührt beobachtete ich, wie Marines Administrator Vieste mitsamt seinem Stab  abführten und in einige Kabinen an Bord der ARK'EMPE brachten. „ABTRETEN!“ die Götter mögen bedankt sein, dalZarmol war mit einem lauten und kräftigen, aber nicht schrillen Kommandoton ausgestattet. So etwas ist immer hilfreich.

Nachdem ich keine Ahnung von Buchführung und ähnlichem hatte und es daher für mich nicht mehr unmittelbar etwas zu tun gab, entschloss ich mich für eine Sight-seeing-tour durch die Straßen der Hafenstadt. Ich denke, es ist immer gut, wenn man nicht nur theoretisch Bescheid weiß, sondern alles Interessante nach Möglichkeit auch praktisch und persönlich in Augenschein nimmt. Mit dieser Devise bin ich eigentlich immer ganz gut gefahren, und ich stecke heute noch meinen Riechkolben gerne in einige Details. Ja, Marie Anne, es ist nicht immer gesund, ich habe schon mehrmals eine auf das besagte Riechorgan bekommen, trotzdem halte ich daran fest. Also, ich ließ ich mir einen Gleiter ausschleusen und begann meine Rundreise.

Eigentlich sieht ja jeder arkonidischer Raumhafen ziemlich gleich aus, Differenzen konnten sich nur durch Unterschiede im Gelände ergeben, und die wurden durch die Roboter weitestgehend egalisiert, eingeebnet, schon weil das Landefeld natürlich so eben und flach wie nur irgend möglich sein sollte. Zuerst wurden schwere Spezialdesintegratoren waagrecht ausgerichtet, dann der Metallbeton ausgebracht, in dem Kühlrohre eingebettet wurden, danach Leitungen für Magnetfelder verlegt, damit das Plasma aus den Ausstoßöffnungen der Triebwerke nicht direkt den Boden berührt, solange es überhitzt und beschleunigt ist. Das wäre auf die Dauer dem Zustand des Landefeldes gar nicht zuträglich.  Dann noch eine letzte Metallbetonschicht mit den Markierungen, das Feld war fertig. Nachdem es einfach und billig war, stellten unsere Baumaschinen gleich größere Versionen der Landefelder her, wenn genug Platz vorhanden war. Wenn nicht, war es natürlich möglich, auch jenen Teil des Hafens über Wasser zu verlegen, auf dem kleine Schiffe landeten, und natürlich konnten dort einige Gebäude errichtet werden. Selbstverständlich empfahl es sich auch, von Anfang an eine Ebene auszuwählen, es machte den Bau schneller und billiger. Wirklich nötig war es aber nicht, die Desintegratoren wurden mit allen Hügeln fertig. Zum Schluss wurden die bereits angesprochenen Gebäude aufgebaut, auf jedem Hafen die gleichen, man schrieb doch nicht für verschiedene Welten kreative Programme! Vielleicht, wenn man ein wenig exzentrisch war, für ein eigenes Haus, eine Villa, einen Palast meinetwegen, aber für einen reinen Zweckbau? Wozu? Dieses System haben auf Terra auch später die Römer benutzt, ihre Legionen verlegten jeden Abend einfach ihre Stadt einige Meilen weiter, wenn sie auf dem Marsch waren. Mitsamt Hauptquartier, Badehaus und – Bordell. Man konnte einen Legionär von Asia nach Britannia oder Iberia versetzen, er kannte sich sofort aus, und so wie dieser Legionär in seinem Lager fand ich mich auch rasch auf diesem Raumhafen der Stadt Omotakar zurecht. Auf zwei Seiten wurde das Flugfeld durch Lagerhallen begrenzt, leicht erkennbar an den kubischen Formen. Ein Trichterbau ist für ein Wohnhaus schön und praktisch, für große Lagerhallen natürlich nicht, denn Container waren auch auf Arkon Quader. Eine weitere Seite war für die diversen Bars und Bordelle, wo Mann und natürlich auch Frau einmal ordentlich tanken und Dampf ablassen konnte. Diese Etablissements jeder Preisklasse gehörten noch zum Raumhafen, es war unmöglich, an diesen drei Seiten das Areal desselben zu verlassen. Wenn ein Stadtbewohner sich in einem dieser Lokale vergnügen wollte, konnte er einen Passierschein beantragen, doch die meisten begnügten sich mit ähnlichen Häusern außerhalb der Zone, es gab, wie überall im Imperium, ausreichend davon. Die vierte Seite war den Verwaltungsgebäuden und dem Tower vorbehalten, der eine unverkennbare Form aufwies. Ein sechseckiger, hoher Turm, von einer größeren sechseckigen Scheibe gekrönt, von welcher der gigantische Sendemast der Hyperfunkanlage in den Himmel ragte. Dort waren auch die Abfertigungsgebäude untergebracht, durch welche man den Hafen betreten oder verlassen konnte. Zoll, Duty free und ähnliches…

Warum sind Sie erstaunt, Frau Doktor? Natürlich wurde für das Vergnügen der Raumfahrer alles nur Mögliche getan, und wenn auch in der Kriegsflotte beinahe ebenso viele Frauen als Offizier dienten, waren niedere Mannschaftsgrade und auch die Handelsraumfahrt eine eher maskuline Domäne geblieben. Außerdem – es gab auch für die Damen einiges an Zerstreuungen. Schockiert? Nicht doch, das war alles ganz normal und natürlich. Selbstverständlich wollten auch Raumfahrer, ob weiblich oder männlich, nicht immer fünf gegen einen spielen, und auch die Stimulation der Genitalen durch mechanische Spielzeuge, seien sie noch so ausgefeilt, ist immer nur Ersatz. Manchmal möchte eben jeder gerne einen atmenden, weichen Körper neben sich. Obwohl – einige Jahrhunderte später ging Arkon den gegenteiligen Weg, wie ich von Crest hörte. Nicht mein Ding, und damals auch nicht das der meisten Arkoniden, wir schätzten den echten Sex.

Es versteht sich wohl von selbst, dass ich keine Verzögerung durch Zoll- und Ausweiskontrollen verbringen musste, Sie erinnern sich – Kristallprinz? Beauftragter mit Privilegien, die ich schamlos ausnützte? Nun, die Stadt Omotakar war durch eine gerade mehrspurige Hochgeschwindigkeitsstraße mit dem Raumhafen verbunden, jenseits eines gründlich gerodeten Streifens war ein gepflegter Park zu sehen. Eigentlich war der Planet auf dieser venerographischen Höhe keine ausgesprochene Dschungelwelt wie in der Äquatorgegend mehr, auch wenn es immer noch genug Pflanzenwuchs gab. In dieser Klimazone war die durchschnittliche Temperatur etwa 30 bis 35 Grad, am Äquator war es natürlich noch weit wärmer. Wenn sie eine Karte der Venus über eine der Erde legen wollten, fänden Sie Omotakar etwa auf der Höhe von London, Marie Anne. In diesem Park sah ich auch mein erstes Rüsseltier, gehört hatte ich schon davon. Die gerade nach vorne zu gigantischen Hauern gewachsenen oberen Eckzähne und die als Greiforgan ausgebildete Oberlippe, mit der Nase verwachsen, das Tier war gigantisch. In der Schulter ganz sicher mehr als acht Meter, ich konnte es nicht fassen, von dieser unfassbare Größe hatte ich bisher nur bei Sauriern gehört, nicht bei Säugetieren. Es war Wahnsinn!

Nun, Omotakar machte im großen und ganzen einen durchaus gepflegten und sauberen Eindruck, nirgendwo war Schmutz oder Unrat zu sehen, die Siedler eilten durch die Straßen, der Verkehr war flüssig, ohne große Stockungen. Aber! Ja, aber! Die Blicke der Passanten. Irgendwie – unstet, unruhig, nicht fest auf einen Punkt gerichtet, distanziert, unsicher. Nur wenige standen in kleinen Gruppen plaudernd in den Parks und auf den Plätzen vor den Trichterbauten, und diese sahen sich beständig misstrauisch um. Kennen Sie arkonidische Architektur, Marie Anne? Die Grundform ist in etwa eine Sektflöte. Ich weiß, man redet oft vom Sektkelch oder Sekttulpe. Nicht ganz falsch, aber – warten Sie. Sehen Sie hier, die Tulpe. Der obere Rand neigt sich wieder einwärts, damit das Aroma im Glas bleibt. Bei der Flöte hingegen ist das Glas vom Stiel bis zum oberen Rand in einer sanften konkav geschwungenen Linie immer breiter wird. Den ‚Stiel‘ umgibt bei den Häusern des Adels oft noch ein Park, wogegen man bei den Mehrfamilienhäusern und Geschäftsgebäuden eher von einem großen Parkplatz ausgehen kann. Und natürlich ist es ein Zeichen von Reichtum, wenn die Flötenöffnung oben möglichst weit und der Stiel möglichst schmal ist, die Häuser mancher Adelsfamilien sahen schon mehr wie ein Martiniglas aus. Nun ja, in erster Linie konzentrierte sich das Haus nach Innen, wenn man in einem Mietshaus wohnte, waren die billigen Wohnungen jene nach außen liegenden, die oft nicht einmal über Fenster verfügten, die man öffnen kann. Nach Innen aber gab es Balkone oder, wie etwa bei einem Einkaufszentrum Wandelgänge, von denen man die gesamte gegenüberliegende Trichterseite betrachten konnte. Und nach meinen Gesprächen mit Crest gehe ich davon aus, dass sich nichts geändert haben wird. Sehen Sie sich den GCC – Tower in Galactic City an. Zwei Türme mehr, und fertig wäre der Palast des Imperators auf Arkon I. Ja natürlich, weiter.

Ich ließ vor einem Einkaufszentrum halten, stieg aus und ging in eines der Gebäude, in dem von außen für die Geschäfte im Inneren geworben wurde.  Schlendernd ging ich durch die Gänge und über den offenen, inneren Wandelgang, lehnte mich an das Geländer und sah mich um, ganz der gelangweilte Raumoffizier. Was ich bemerkte, waren leicht, aber bemerkbar hochgezogene Schultern, keine Fröhlichkeit, kein Lachen, kaum ein Lächeln. Nun, vielleicht lag es an der prinzlichen Standarte am Bug des Gleiters, vielleicht auch an den drei Sonnen auf meiner Uniform oder dem Abzeichen meiner Familie auf der Schulter, an dem Cape über meiner Schulter, dessen Muster mich als Prinzen aus allererhabenstem Haus auswies, aber die triste, hochgeschlossene Kleidung in dumpfen Farben, und das bei dieser Sonne und Wärme – das konnte nicht an der Standarte, am Dienstgrad oder am Gonozalwappen liegen. Es war, als hinge eine dunkle Wolke über der Stadt, eine sehr dunkle, eine schwarze Wolke. Nachdenklich befahl ich dem Piloten des Schwebers die Rückkehr zum Schiff.

*


„WACHEN!“ Ich blickte in die Mündung der halbautomatischen Projektilwaffe, die Tarts beim Eintritt in meine Kabine blitzartig gezogen hatte. Aus irgendeinem nur ihm bekannten Grund liebte er dieses halbe Museumsstück, das etwa Kaliber .78 Ghrami, also 11,5 Millimeter hatte. Bei diesem Laufdurchmesser glaubte man das Geschoss am hinteren Ende des Laufes zu sehen. Tarts zog dieses Gürtelgeschütz einem Energiestrahler vor, eine Ehrensache, nahm ich an. Irgendein Urahn hatte wohl diese Waffe für besondere Leistungen geschenkt bekommen, der Alte hegte und pflegte, reinigte und ölte sie regelmäßig. Der mattgraue Stahl reflektierte kaum die Raumbeleuchtung, doch der gespannte Hahn war nicht zu übersehen. Trotz aller Primitivität war dieses Museumsstück eine absolut tödliche Waffe, die der Hüne trotz des großen Gewichtes wie eine Feder handhabte, und er pflegte immer wieder zu sagen: ‚ein Energiefeld kann die Energie eines Strahlers lahmlegen, aber die chemische Treibladung und die kinetische Energie nicht‘. Einmal hatte ich damit geschossen, ein Erlebnis, das ich nicht zu wiederholen gedachte. Nicht mit 11,5 mm, 9 waren für mich ausreichend. Dachte ich damals, bis Sam Colt sein Modell Walker – nein, das ist jetzt wieder eine andere Geschichte. Kehren wir zu Tarts zurück, der seine Haubitze auf mich richtete und mich anbrüllte.  „Rühr´ Dich nicht, Bursche, wer auch immer Du bist!“ tobte er, doch die Mündung der Kanone bewegte sich keinen Millimeter und wies unverrückbar auf meine Stirn. „GEBIETER! ATLAN! Was hast Du mit dem Erhabenen gemacht? Antworte!“ Ich lachte dem treuen Alten ins Gesicht! „Erkennst Du Deinen Admiral nicht mehr, alter Freund?“ fragte ich ihn, „Erkennst Du zumindest meine Stimme?“ Tarts ließ die Waffe sinken. „Atlan, Erhabener, wie kannst Du mich alten Mann derart erschrecken? Was soll eigentlich die Maskerade. Und wo, bei der Herrin der kältesten Höllen, hast Du diese fadenscheinige und zerrissene Kleidung her. Und worin hast Du Dich gewälzt? Du stinkst wie der Abfallhaufen hinter dem billigsten Bordell auf dem hinterletzten Kolonialplaneten!“ „Mars?“ fragte ich, schüttelte aber den Kopf. „Nein, der Mief ist echt Venus. Aber fast richtig!“ Tarts übertrieb natürlich maßlos. Jeder, aber auch wirklich jeder Raumfahrer achtete absolut penibel auf seinen Körpergeruch. Das lernte man ziemlich schnell, wenn man nicht von Haus aus reinlich war, wurde man es nach der ersten Wäsche mit der harten Kunststoffbürste. Als Kadett lebt man in der ersten Zeit mit vielen anderen auf engstem Raum, und diese stecken einen geruchsintensiven Kameraden gerne in eine Wanne mit heißem Wasser und bürsten ihn nicht gerade zärtlich ab. Der ausbildende Unteroffizier hat jede Menge guter Ratschläge parat, wie die Sache noch peinlicher und schmerzhafter werden kann. Einmal – nein, Sie würden mir doch nicht glauben, Marie Anne, belassen wir es bei der Andeutung, dass der junge Mann nie wieder stank. Und lange Zeit seine Urlaube nicht in Damengesellschaft verbringen wollte. Gestank ist fast ein schlimmeres Verbrechen als eine vorlaute Meldung einem Vorgesetzten gegenüber. Wie viel mehr bei Mannschaftsgraden, die kein Einzelzimmer ihr eigen nannten.

„Aber wozu?“ fragte Tarts fassungslos, er war noch immer ganz aus dem Häuschen und steckte seine Pistole endlich ein. „Nun, ich habe vor, einem Etablissement von fragwürdigem Ruf einen Besuch abzustatten.“ Tarts zog pfeifend die Luft ein. „Atlan, Gebieter, Freund! Wenn Du Bedürfnisse hast, ich tätige einige Anrufe, ganz diskret, eine entsprechende Dame kommt an Bord in Deine Kabine. Gewaschen, sauber, mit Gesundheitscheck und allem. Sicher und unauffällig!“ Wieder schüttelte ich den Kopf. „Ich will nicht irgend ein Mädchen! Ich möchte eine Bar mit Bordell besuchen!“ „Dann lass mich eine Eskorte zusammen stellen.“ Der Alte griff schon zum Kommunikator. „Auch wenn ich es nicht verstehe!“ „Keine Eskorte!“ wies ich zurück. „Man würde mich sofort erkennen! Gerade das soll man aber nicht! Allerdings möchte ich, dass Du eine Streife zusammen stellst, die in der Nähe ganz unauffällig herumlungert. Zivil, Ausgangskleidung, keine sichtbare Bewaffnung. Eine Flasche, die herumgereicht wird. Lachen und ein wenig Lautstärke, aber nicht zu viel. Nicht, dass noch eine echte Streife eingreift. Miniaturcoms für alle, ein Codegeber für mich! Nun mach schon, Alter. Vertraue mir!“ „Ja, ja, ‚vertraue mir, glaub´ an mich!‘ Ich bin nicht überzeugt, aber Du bist der Gebieter, Erhabener!“ grummelte der Riese vor sich hin. „Du solltest diese Aufgabe einem Profi überlassen, statt wieder einmal eine Faust auf Deine edle Nase zu riskieren. Trotzdem wirst Du mit meiner Auswahl der Leute und der Ausrüstung zufrieden sein!“ „Wie immer, Tarts. Wie immer! Wieder einmal vertraue ich Dir meine Sicherheit, vielleicht auch mein Leben an!“ ich legte meinem engsten und besten Mitarbeiter die Hand auf die Schulter, auch wenn ich ziemlich hoch greifen musste. Und wie Sie sehen können, Marie Anne, bin ich nicht unbedingt ein kleiner Mann. „Es wäre nicht das erste, und ich bin überzeugt, auch nicht das letzte Mal. Sag mir bitte Bescheid, wenn alles bereit ist. Ach, und ich möchte einen Mini-Medokitt. Nichts besonderes, nur ein Bakterienstreifen, zur Sicherheit.“

Ich musterte die fünf Männer und drei Frauen, die Tarts zu meinem Schutz ausgewählt hatte. Wie nicht weiter verwunderlich, war Major Laverita doDene die Kommandeuse der kleinen Truppe. Die Majorin war die Kommandantin der Marines an Bord der ARC‘EMPE und Geschwadermeisterin des Dagor. Dagor ist in etwa so wie das japanische Zen, das Bushido. DoDene hatte nicht nur den höchsten Meistergrad erreicht – bei weitem höher als ich es je schaffen würde, sondern hatte auch alle anderen ihrer Klasse geschlagen. Sergeant Gwylmar war ein Bulle von einem Mann mit einer enormen Schulterbreite, dennoch im Kampf schnell und geschmeidig wie eine Katze. Na gut, wie ein Kater.  Acht Personen, jeder ein Könner in seinem Metier, ein Kämpfer der Sonderklasse. Versteckt unter weiten Blusen kleine Lähmstrahler. „Gwylmar! Lassen Sie das Messer an Bord!“ Tarts hielt ostentativ die Hand auf. Der Sergeant seufzte. „Welches Messer?“ versuchte er sich herauszureden. „Sie  haben IMMER ein Messer in der Tasche. Also bitte! Wir wollen niemand verletzen, die Stunner müssen reichen!“ Endlich lieferte Gwylmar den Klappdolch ab und ich trat vor sie hin.

„Also!“ begann ich meine Ansprache. Das ist so Tradition bei militärischen Organisationen, wie gut auch immer ein Sonderkommando eingewiesen wird, der Einsatzleiter muss noch einmal alles erklären. Nicht, weil es die Truppe vorher nicht verstanden hätte, wenn ich einfach ‚lasst uns gehen' gesagt hätte, wäre es ausreichend gewesen, aber Traditionen sind eben etwas pseudoheiliges. „Ihr werdet Euch in der Nähe des ‚trunkenen Raumers‘ aufhalten und dort wie zum Vergnügen herumlungern. Es gibt dort auch Sessel und Tische, ihr werdet wohl nicht auffallen. Ich werde einen Lokalbummel unternehmen und ihr müsst beobachten, in welchem Lokal ich gerade bin. Wenn ich das Signal gebe, kommt ihr kampfbereit in die Spelunke und befreit mich aus der misslichen Situation, in der Ihr mich dann wahrscheinlich vorfinden werdet. In Ordnung, los geht’s!“ Das ist der Vorteil eines höheren Offiziersranges, man muss nur befehlen, und die anderen haben das Problem, wie es umgesetzt wird.

So begab ich mich auf einen Kneipenbummel. Ich wanderte wie ein typischer Raumfahrer von Lokal zu Lokal, trank immer wieder eine Kleinigkeit und hielt die Ohren offen. Ohne große Erfolge,  wie ich zugeben musste. Irgendwann näherte ich mich dem schäbigsten und wahrscheinlich billigsten der Striptease-Lokale mit Bordell, oder richtiger und weniger nobel ausgedrückt, einem richtigen Puff mit Tanzeinlagen. Na schön, dachte ich mir,  dieses noch und dann Schluss für heute, mein Extrasinn meldete sich zu Wort: ‚Vielleicht wird es lustiger, als Du denkst.  Halte lieber den Codegeber bereit!‘ Irgendetwas hatte ich gesehen, ohne es zu bemerken.

Der Dunst von abgestandenem Alkohol und betäubendem Rauchwerk wehte mir entgegen, als ich die Bude betrat, wahrscheinlich war nicht alles davon auch legal. Eigentlich begann ich meinen Plan jetzt zu bedauern, ich war schon nahe daran, umzudrehen und wieder zu gehen. Hätte ich denn nicht wirklich einen anderen auswählen können? Musste ich wirklich alles selber machen? Das ist wohl bis heute eines meiner Probleme, das alles selber machen wollen und sich für alles verantwortlich fühlen, meine ich. Ich riss mich zusammen und näherte mich der langen Bar, links von mir tanzte eine Zaliterin träge und lustlos, stakste nur mit ihren Stöckelschuhen bekleidet über die Bühne und wackelte dabei manchmal vorgebeugt ein wenig mit den Hinterbacken oder spielte mit ihrem blanken Busen. Sie versuchte wohl aufreizend und erotisch zu wirken, aber wenn es keine besseren Tänzerinnen gab, konnte das  Geschäft nicht wirklich gut gehen. Andererseits - es war hier eine Bar für die untersten Ränge, der Extrasinn meldete sich zu Wort: ‚Hier tanzen wahrscheinlich eher mit Zwang oder falschen Versprechungen importierte Frauen. Kein Wunder, dass sie so lustlos sind.‘ Ich musste dem Logiksektor innerlich zustimmen, genau so wirkte es, und so war es wohl auch. „Bier!“ meine Stimme klang rau von dem ganzen Qualm, als ich meine Bestellung aufgab. Der Barmann nickte. „Hier, Kapitän!“ er stellte ein Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit mit leichter Schaumkrone vor mir auf den Tresen und verlangte „Fünf Konns!“ Ich griff in die Tasche und legte einen 10-Konn-Schein auf den Tisch, ehe ich das Gebräu kostete. „Fünf fünfzig!“ Es war gar nicht so übel. Teuer, natürlich, in einer normalen Bar hätte es nicht einmal die Hälfte gekostet, aber es war nun einmal keine Kneipe. Für ein Puff war der Preis nicht exorbitant, das Glas war sogar so halbwegs sauber. Ich drehte mich um und betrachtete, wie man es von einem männlichen Gast wohl erwartete, die Tänzerin. Nun war – und bin ich, wie sie wissen werden – für weibliche Schönheit durchaus nicht unempfänglich, hier aber..  Mittlerweile hatte eine Ekhonidin die Bühne betreten und wirbelte zumindest halbwegs graziös an einer Stange herum. Ja, diese Darbietung gab es damals schon. Die junge Frau war mäßig hübsch, aber Busen und Po waren ganz offensichtlich künstlich vergrößert, nun, immerhin zeigte sie etwas mehr Enthusiasmus als ihre Vorgängerin und war, wenn man die Aktivität von der sportlichen Seite auffasste, sogar recht gut..

Ich versuchte mich anzupassen, so gut es eben ging, und übte mich darin, möglichst an der Darbietung interessiert zu wirken. Ich war als Adeliger an bessere Etablissements, bessere Getränke und hübschere Mädchen gewöhnt, die wirklich dafür sorgen konnten, dass einem Mann die Hose eng und der Mund trocken wurde, und ich wusste eine solche sexuell aufgeladene Darbietung durchaus zu genießen. So waren für mich diese Darbietungen nur eingeschränkt erotisch, sehr eingeschränkt! Trotzdem nickte ich im Takt der Konservenmusik und wippte ein wenig mit den Füßen, während ich mich bemühte, das etwas dümmliche Grinsen zu zeigen, dass in solchen Lokalen öfter vorkommt. Eine ockerfarbene Miridanerin ohne Gewand, aber hochhakigen Sandalen stöckelte auf mich zu. „Süßer, bist Du gerade mit einem Schiff gekommen?“ Ich lächelte sie an. „Sicher. Ich bin vom Transportschiff BUKK’WA, das mit dem Geschwader des Kristallprinzen gelandet ist!“ „Der Kristallprinz!“ ihr Staunen war so falsch wie ihr Lächeln, ihre Augen blickten stumpf und tot, als wäre sie unter Drogen, vielleicht, nein, sehr wahrscheinlich war sie es auch. „Wie ist er denn so? Möchtest Du mich nicht einladen?“ ich nickte und winkte dem Barmann. „Warum nicht? Was möchtest Du denn?“ Na ja, der folgende Wortwechsel war nicht eben  kreativ, er folgte einem Drehbuch, das nur wenige Abweichungen wie etwa den Namen des Getränkes vorsah und so alt war wie die Prostitution selber. Also sehr viel älter als das Sternenreich Arkons. Falsches Lachen, billiger Fusel oder gefärbtes Wasser für die Damen, teuer verrechnet. Wie es überall im Imperium in solchen Kneipen vorkam – und wahrscheinlich, nein ganz sicher sogar, gibt es solche Lokale heute noch. Überall in der Galaxis, und wahrscheinlich auch darüber hinaus, wo zwei- und mehrgeschlechtliche Wesen bereit sind, für Sex zu bezahlen. Zwangsprostitution und überteuerte Getränke für den Gast, noch teurer und oft nur Sprudel  die Getränke, die man den Dirnen auszugeben hatte, waren – und sind - wohl leider üblich. Ich nahm mein Glas und das der Miridanerin und dirigierte sie zu einem Tisch in der Nähe einer Männerrunde, die beinahe zu offensichtlich den Tanzvorführungen folgte. Während ich so tat, als würde ich mit dem Mädchen schäkern, lauschte ich unauffällig den Gesprächen um mich. Nirgendwo erfährt man mehr als in solchen Spelunken, wo Alkohol die Zungen löste und man sich unbelauscht glaubt. Der ‚Flirt‘ kostete nicht viel Gehirnarbeit, das Drehbuch ist vorgegeben, und es wird als sicher vorausgesetzt, dass der Kunde lieber schauen und grapschen als reden möchte. Ausnahmen gibt es natürlich, aber sie sind sehr selten.

Ich wurde nicht enttäuscht. Es handelte sich um Hafenarbeiter, die auf dem Gelände auch eine Unterkunft hatten und selten einen Urlaubsschein für die Stadt ausgestellt bekamen. Man wollte solche Leute einfach nicht um sich sehen, die Arbeit sollte unsichtbar einfach gemacht sein, und Roboter waren nicht immer in der Lage, bei empfindlicher Fracht richtig zu handeln. Ich erfuhr äußerst Interessantes, mal ein Container ohne Papiere da, mal leere Container dort, auf denen das arkonidische Zeichen für ‚Achtung! Militärfracht!‘ prangte. Kleine, aber auffällige Unregelmäßigkeiten. Mangelnde Bezahlung und Bespitzelungen. Überraschend wurde die Tür laut aufgestoßen, und etwa fünfzig, sechzig Polizisten stürmten in das Lokal und sofort mit gezogenen Schlagstöcken auf die Männerrunde zu. Ich brauchte nicht erst auf die Wortspende meines Extrasinnes zu warten, es war alles klar. Irgendwie hatte wohl der Barmann einige Fetzen der Unterhaltung mitgehört und die Exekutive gerufen, um sich mit der Obrigkeit gut zu stellen, die dafür bei einigen seiner nicht ganz so astreinen Geschäften ein Auge zudrückte. Eine Hand wäscht die andere, und beide das Gesicht, schon bei den Stammvätern eine bekannte Weisheit. Sollte ich mich Einmischen? Abwarten? Mein hitziges Gemüt übernahm die Entscheidung, ich sprang auf und machte mich damit natürlich sofort ebenso zum Ziel. Zu einem Primärziel sogar! Also begann eine typische Barschlägerei, der Kristallprinz Arkons mittendrinn. Die Polizisten waren mit Schockstäben bewaffnet und etwa vierfach überlegen, also schluckte ich meinen Stolz hinunter und verständigte meine acht Helfer in der Annahme, dass acht ausgebildete Marines mit 60 Polizisten fertig werden könnten, besonders wenn besagte Marines mit Betäubungswaffen ausgerüstet waren. Leider verfügten aber auch die Polizisten über eine Verstärkung, die sie herbei rufen konnten, ich jedoch hatte keine Reserven mehr in der Hinterhand. Diese Schockstäbe waren schon verdammt schmerzhaft, wenn sie trafen und langsam kamen wir ganz massiv in Bedrängnis, die Narkosestrahler meiner Truppe wirkte bei der Körperpanzerung der venusischen Truppen wenig. Ich schalt mich selber einen Narren, nicht daran gedacht zu haben, und nicht ebenfalls für Körperschutz gesorgt zu haben. Plötzlich schmetterte der ohrenbetäubende Knall eines Schusses mit einer überschweren Projektilwaffe, ein Geschoss drang in die Decke ein, Holzspäne aus der Vertäfelung rieselte zu Boden und ich staunte nicht schlecht. Echtes Holz in solch einer Spelunke? Alles klar, auf der Venus war Holz noch im Überfluss vorhanden und wuchs schnell nach. Auf Arkon fand man nur noch vereinzelt Bäume, in Parks oder biologischen Museen, sorgfältig nach den ästhetischen Vorstellungen des Besitzers zurecht geschnitten und gepflegt. Ich riss mich zusammen, um wieder ins damalige hier und jetzt zu gelangen, und sah, wie sich Soldaten in der Uniform arkonidischer Marineinfanteristen entlang der Wände verteilten und mit angeschlagenen Thermosturmgewehren jegliche Kampfhandlungen unterbanden. Grinsend kam Tarts auf mich zu. „Die große Kunst der kreativen Befehlsverweigerung, Gebieter!“ sagte er so leise, dass nur ich ihn verstehen konnte. Obwohl, so leise kann er nicht gewesen sein, erstens verstand ich ihn trotz meiner durch seinen Schuss beschädigten Ohren und zweitens – es handelte sich immerhin um ‚Ich-überschreie-einen-startenden-Kreuzer' Tarts domTeslear! Ich stocherte in meinen singenden Ohren und rieb dann meine von den Treffern mit Schockstäben schmerzenden Oberarmmuskeln. „Und niemals war jemand so froh über einen nicht befolgten Befehl!“ gab ich zurück. Die Anführer der Polizisten wollte wegen der Einmischung meiner Truppen aufbegehren und von Zuständigkeiten reden, dass er immerhin der amtshandelnde Kommandant einer hier legal und im Namen des Verwalters operierenden Polizeieinheit war. „Kerl!“ herrschte Tarts ihn an und machte seinem Spitznamen – dem mit dem startenden Raumschiff – wieder einmal alle Ehre. „Erweise dem Kristallprinz von Arkon, Mascaren Atlan daGonozal, gefälligst Deinen Respekt! Auf das Knie, kleiner Orbton!“ Orbton? Oh, Entschuldigung, in etwa ein Leutnant. Ich winkte Tarts beiseite und befahl, auf die Herrenrunde weisend „Diese Männer sollen medizinisch versorgt werden. Dann bring sie zu Thalma dalZarmol. Ich denke, sie werden ihr einiges zu berichten haben.“ Danach wandte ich mich an alle Marines. „Gut gemacht, Leute!“ Und dann, ja dann flüsterte ich Tarts noch zu „Danke, Alter! Vielen Dank!“

Mit den Aussagen und Hinweisen der Hafenarbeiter konnte sich Oberstleutnant dalZarmol immer weiter in der Hierarchie hinauf arbeiten und allmählich der tatsächlich  sehr umfassenden Korruption auf die Spur kommen, während ich die Venus besichtigte, mit einer Guide natürlich. In der Nähe der Stadt hatte man den Wald bereits sehr gezähmt, er erinnerte mehr an einen Park als einen natürlichen Wald. Eine Wand mit vielen Reliefs erregte meine Aufmerksamkeit, und ich bat meine Begleiterin, den Gleiter möglichst nahe zu parken und stieg aus der Kabine. „Wer ist der Künstler, und was soll hier dargestellt werden?“ fragte ich meine Führerin, doch die konnte mir auch keine befriedigende Auskunft geben. „Erhabener, diese Mauer haben wir ausgegraben und einfach nur stehen gelassen. Wir schützen sie vor Regen und Sturm, wir haben die Hoffnung, die Bilder und die Schrift einmal verstehen zu können.“ „Wollen Sie sagen, dieses Werk stammt nicht von Arkoniden?“ staunte ich, und Vallaesta schüttelte den Kopf. Sie stützte ihre Arme auf das Dach unseres Gleiter und kniff die Augen zusammen. „Nach allem, was unsere Archäologen herausgefunden haben, ist diese Mauer zwischen zehn Jahrtausenden oder hunderten alt. Oder Millionen!“ sie lachte, ein bezauberndes Geräusch. „Wir sind hier nicht auf der Imperialen Universität auf Arkon I, Gebieter. Wir kommen auch nicht einmal annähernd an das Marvonian Institut auf Zalith heran. Hier sind nur Beinahe-Amateure am Werk. Aber man könnte es als eine Art Comic deuten, zumindest ist Antar daArkuush dieser Meinung, wenn er nüchtern ist, und derzeit ist er einer unserer klügsten Köpfe, aber er ist auch kein Historiker, sondern Biologe.“ Ich ging näher heran und studierte das Fries.  

Und schrak zurück! „Bei der Hemutags heißen Lippen! Dieser daArkuush hat wahrscheinlich recht!“ terSoulémé kam zu mir gelaufen. „Erhabener?“ fragte sie, wegen meines kurzen Ausbruches erschrocken. „Ich kenne diese Schiffe und diese Wesen!“ ich wie auf eine Stelle des Reliefs. „Hier! Siehst Du dieses vierarmige Wesen, das gerade jene Arkonoiden dort angreift? Ein solches Wesen hat einmal die Kampfpanzer von drei schweren und fünf leichten Panzerkompanien in Schrott verwandelt.“ Vallaesta zuckte wenig beeindruckt  mit den Schultern. „Ein Raumbombardement oder im direkten Anflug mit dem Raumschiff?“ ich bellte ein bitteres Lachen heraus. „Weder noch. Es landete sein Schiff, das wie dieses hier aussah", ich wies auf ein entsprechendes Bild. „Dann kam es heraus und raste in vollem Lauf durch die Panzerung der Gefährte. Keiner der Schüsse, welche die Tanks abgaben, konnte seine grüne Haut durchdringen.“ Jetzt erblasste Vallaesta terSoulémé sichtlich. „Ohne Waffen? Einfach mit Muskelkraft? Parameshvar bewahre uns, das ist Wahnsinn!“ ich nickte nur und konzentrierte mich wieder auf die Bilder. „Schau nur, hier landet ein Schiff, das Wesen stürzt heraus und attackiert die Planetenbewohner, während im All weiter Angreifer von ovoiden Raumschiffen mit Ringwulst und – bei allen Raumteufeln aus dem kalten Arsch der Herrin der eisigsten Höllen! Das sind typisch arkonidische Baumuster. Vielleicht der Äquatorring weniger schlanker, dafür weiter abstehend! Aber sonst? Was bedeutet das? Vor mindestens zehntausend konnten doch noch gar keine Arkoniden hier sein!“ Es war ein Rätsel, das mich erregte. „Sind noch weitere Artefakte gefunden worden?“ fragte ich nach, Vallaeste griff nach ihrem Pad und gab die Anfrage in das planetare Netz. „Die Suchmaschine findet nur diese Mauer und eine überwachsene Ruine im Dschungel des Äquatorkontinents, Gebieter.“ „Dann soll man beginnen, diese Ruine auszugraben!“ befahl ich, und sie gab den Befehl weiter. Dann setzten wir uns wieder in den Gleiter und fuhren weiter, einem opulenten Abendessen und ein wenig Zerstreuung zu, ich gebe zu, dass es mir Vallaestes ziemlich große Oberweite und nicht viel kleinerer Hintern durchaus angetan hatte, und nach den Mädchen in dieser Spelunke am Hafen stand mir der Sinn nach hübscherer und vor allem freiwilliger Weiblichkeit.  

Für dieses Abendessen mit der jungen Dame hatte ich vom Schneidereiroboter der Stadt ein hübsches Kleid anfertigen lassen, die Maße waren vorhanden, es ging leicht. Eine Kreditkarte mit dem Namen GONOZAL wirkt Wunder, wenn man es eilig hatte, und, nun, ich wollte keine Zeit verlieren. Es wurde ein helles karmesinrot, gut ausgeschnitten und betonte ihre Figur auf das vorteilhafteste. Das Gespräch während des Mahls war das übliche, seichte Vortasten, und ich muss zugeben, die Muschelsuppe war exquisit, der Wein hervorragend und der Braten zerging mir auf der Zunge. Der Koch war ein Genie. Dann sah ich Vallaeste tief in die Augen, ich bemerkte kein nonverbales nein, also ging ich daran, sie zu küssen. „Schickt sich das, Erhabener?“ flüsterte sie in mein Ohr. „Oder soll ich besser sagen – Erhobener?“ Dabei griff sie beherzt zu, ich lehnte mich gegen die Tischkante, und ‚heilige Mutter aller Götter!‘ war meine letzte verständliche Lautäußerung für einige Zeit, wobei ich sowieso keine Antwort erwarten durfte, selbst wenn mir der Sinn nach einer Frage gestanden hätte.

Einmal machte das Mädchen mit mir einen Ausflug auf den Äquatorialkontinent, und da sah ich die größten Vögel in meinem Leben. Natürlich flugunfähig, waren die Biester sechs Meter groß und hatten einen Schnabel so groß wie ein menschlicher Kopf. Die vier Meter hohen Laufbeine, ich war schon froh, dass es diese Tiere nur noch auf diesem Kontinent gab, für die Kolonisten wäre eine stete Nachbarschaft mit diesem prächtigen Tier schnell zum Problem geworden. „Ein Jäger?“ fragte ich, und Vallaeste nickte. „Das Tier kann irre schnell laufen und blitzschnell zustoßen!“ sagte sie, ich rief nur „Den muss ich haben!“, während ich schon unterwegs zum Gleiter war, um meine Ausrüstung zu holen. Vallaeste zeigte mir eine Lichtung, welche im Jagdgebiet eines besonders großen Männchens lag, das eine schöne Trophäe abgeben würde. Ich kniete hin, wie Tarts es mich gelehrt hatte, stützte den Ellenbogen auf das vordere – immer hart auf weich, Atlan, nie hart auf hart – und wartete geduldig. Da, eine Bewegung am Waldrand, der große, gelbe Schnabel, jetzt galt es. Ich presste das Auge auf die Plastikmuffe der Optik, verstärkte die Vergrößerung, wartete noch etwas. Der grün befiederte Kopf mit den langen, roten Schmuckfedern schob sich ins Freie. Noch nicht, nicht ungeduldig werden, gleich, gleich! Der Wind musste ihm eine Witterung zugetragen haben, er drehte den Kopf, sah zu mir her, perfekt! Die Luft anhaltend krümmte ich vorsichtig  den Zeigefinger, nicht verreißen, ruhig halten,  jetzt! TACK-TACK-TACK-TACK imitierte die Nanotronik einen fotografischen Verschluss in Serienaufnahme und bannte das Portrait des schönen Tieres auf den  Speicherchip. Ich ließ die Kamera sinken und kontrollierte die Aufnahmen.  Perfekt, gestochen scharf, leuchtende Farben! Wenn man gute Fotos machen möchte, ist ein schönes langes Teleobjektiv mit großem Durchmesser viel Wert, Marie Anne. Diese ganzen kleines Hosentaschenkameras sind nicht schlecht, aber ein ordentliches optisches Zoom schlägt jedes elektronische, so gut kann das nie sein. Beides versucht, kein Vergleich. Die Gesetze der Optik lassen sich nicht betrügen, eine gute Vergrößerung braucht Länge, und eine Schulterstütze erleichtert den Umgang schon sehr. Ich werde Ihnen bei Gelegenheit meine Trophäensammlung zeigen.

Dann steuerte Vallaeste nach Westen, und nach einer Stunde Flug erreichten wir das Ufer des einzigen Meeres der Venus, welches sich ringförmig um den Äquator zog. Seicht, kaum einmal tiefer als umgerechnet etwa zehn Meter, lag es zwischen zwei steilen Ufern des Nord- und des Südkontinents und es war tückisch und gemein. Wenn der Wind eine gewisse Stärke erreichte, und das geschah in diesem schluchtartigen Tal häufig,  gingen die Wellen hoch und brachen sich oft schon auf dem, was bei diesem Meer als hohe See durchgehen mochte. Da es jeden Fluss auf den Kontinenten empfing, dieses Wasser aber ziemlich schnell verdunstete – es hatte durchschnittlich 50 Grad Wassertemperatur – war das Wasser hochgradig salzig, etwa wie das tote Meer auf der Erde. Das Leben hatte sich mit dieser Badewannentemperatur abgefunden und einiges an Tieren und Pflanzen hervorgebracht, ein Fisch sogar ziemlich wohlschmeckend, eine Art Wels, würde ich sagen. Mit den Scheiben einer süßsauren Frucht – etwa wie eine Limette – und einer Menge Kräutern gegrilltes Filet, das auf der Zunge zerging, oder gebraten mit Sauce und Teigwaren – himmlisch. Wir folgten dem Verlauf des Meeres bis zu dem zweiten schmalen Äquatorialkontinent.

Jenen Kontinent, auf dem die Ruine stehen sollte, von welcher Vallaeste mir bei dem Relikt erzählt hatte,  eine Ansammlung gerader Mauern und rechter Winkel. Wir landeten auf einen Hügel etwas außerhalb der Artefakte, von hier hatte man einen guten Überblick. „Wir denken, dass hier einmal eine Stadt stand, sicher sind wir nicht!“ berichtete sie. „Es könnte ja auch ein riesiges Heiligtum oder so gewesen sein. So auf dem Äquator, diese exakt nach den vier primären und den vier sekundären Himmelsrichtungen ausgerichtet, vielleicht ein Sternenheiligtum.“ Ich sah genauer hin, es war wirklich wie ein achtstrahliger Stern mit einem runden Mittelpunkt. Vallaeste legte ihre Wange an meine, gemeinsam sahen wir in das Tal. „Es ist unglaublich, dass diese Halbintelligenzen von Larsa diese Stätte gebaut haben sollen.“ Sagte sie leise, und irgendwie war es für mich plötzlich nicht mehr interessant. Zumindest nicht so interessant wie Vallaestes Lippen. Nach langer Zeit dachte ich wieder daran, wir hätten die vier Strahlen der Nebenrichtungen einmal abfliegen sollen, wer weiß, was wir gefunden hätten. Wenn, ja wenn! Es war zu spät. Die Venus, wie ich sie kenne, gibt es nicht mehr, sie ist eine zu heiße Braut geworden. Selbst für einen Arkoniden wie mich!

Nun, meine Beschäftigung mit den weiblichen Attributen der netten Vallaeste waren ebenso befriedigend wie Thalmas Erfolge bei der Verfolgung von Viestes Hinterziehungen, mehr und mehr kam ans Tageslicht, auch mein spezieller Freund, der Bordellbetreiber war involviert. Da hatte dieser Kerl tatsächlich Millionen Konns auf dem Konto und bezahlte nicht einmal eine Putzfrau. Die Mädchen waren übrigens wirklich auf die Venus regelrecht verkauft worden, zuerst süchtig gemacht, dann windige Arbeitsverträge unterzeichnet, körperlich und seelisch so lange gequält, bis sie zu allem bereit waren und diese Verträge mit den Mädchen an den hiesigen Betreiber weitergegeben. Hier mussten die Mädchen ihre Schulden ‚abarbeiten', sie waren bereits derart von dem Zuhälter und seinen Drogenlieferungen abhängig, dass sie wirklich alles machten. Wenn sie zu alt wurden, landeten sie auf der Straße und starben ziemlich bald. Die meisten verhungerten, weil sie das wenige, das sie erbetteln konnten, wieder in Rauschgift statt einer Mahlzeit investierten. Aber weiter, endlich fand Thalma genug Beweise, und  so wurde der Ex-Administrator und seine Clique in eine Arrestzelle gesteckt, bis der kleine Kreuzer NOF-EAR die Delinquenten nach Arkon brachte. Bei Wasser und Brot, so hatte ich es dem Kommandanten befohlen. Nachdem er seinen Auftrag ausgeführt hatte, sollte er sich im Nebelsektor wieder zum Dienst melden. Das war's dann auch mit meinem Aufenthalt hier auf Larsaf II. Ich unterzeichnete noch die Bestallungsurkunde für die Administratorin und gab der scheidenden Oberstleutnant dalZarmol den traditionellen Abschiedskuss. Auf die Stirn, Frau Doktor, auf die Stirn. Sie brauchen nicht so wissend grinsen, es handelt sich einfach um den rituellen Abschied von der Flotte! Mein Geschwader startete danach so schnell wie möglich frisch ausgerüstet und verpflegt in den Raum und flog wieder in Richtung Nebelsektor, zu neuen Raumschlachten. Ich war damals  noch relativ jung und brannte darauf ‚meiner Heimat zu dienen‘ und meine einzige und teure Haut zu riskieren.  Egal, damals dachte ich jedenfalls, dass ich dieses kleine System nicht wiedersähe.  Was für ein Irrtum.