ANGST

von Graceland
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Alby Minho Newt Sonya Teresa Agnes Thomas
17.03.2020
04.07.2020
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30.06.2020 1.395
 
31. Das Labyrinth „Newt“
Sobald die Sonne ihre Kraft zurück bekam, verbrachten sie wieder mehr Zeit auf der Lichtung, hörten Musik, unterhielten sich über mögliche Wochenendziele oder den letzten schrecklichen Eintopf aus der Cafeteria.
Thomas hatte die Augen geschlossen und genoss die warmen Strahlen auf der Haut, während er den Fragen und Antworten lauschte, die sich seine Freunde hin und her warfen. Aris hatte am vergangenen Abend eine App auf sein Handy geladen, von der er behauptete, dass sie nicht nur witzig war, sondern auch sehr viel über die Menschen preisgab. Es war wohl etwas Ähnliches wie das Spiel 20 Questions, durch das Thomas sehr oft auf den Hauspartys seiner alten Schulkameraden durchgemusst hatte. Bisher hatte er sich noch beteiligt, sondern nur zugehört, aber er war nicht der Einzige. Auch Newt, der ihm im Kreis gegenüber neben Alby auf dem Bauch lag, hatte seit einer Weile keinen Ton von sich gegeben. Er hatte ein Buch aufgeklappt vor sich liegen, in das er manchmal mehr manchmal weniger vertieft war, weshalb Aris ihn mit den Fragen bisher in Ruhe gelassen hatte.
Thomas hatte gehofft, dass seine geschlossenen Augen dasselbe Zeichen waren, als Aris jedoch seinen Namen aussprach. Er seufzte und warf einen kurzen Blick mit zusammengekniffenen Augen zu dem schmächtigen, brünetten Jungen. Die Sonne blendete ihn, weshalb er nur Umrisse erkannte.
„Wann sehen wir dich endlich händchenhaltend mit Teresa über den Campus laufen?“
Er seufzte über die Frage. Als er merkte, dass Newt plötzlich nicht mehr so aufmerksam in seinem Buch las, verkrampfte sich sein Magen vor Unbehagen.
„Die Frage steht ganz sicher nicht in deiner App“, erwiderte er leicht genervt.
Die Mädchengruppe hatte offenbar sehr viel mehr Zeit mit den Lichtern verbracht, seit Thomas an der Schule war, doch anstatt, dass sich die Jungs dafür bei ihm bedankten, kamen diese Fragen immer wieder auf. Er verbrachte immer noch gerne Zeit mit Teresa, sie trafen sich auch an den Wochenenden gerne allein außerhalb der Schule, was natürlich bei vielen für Gesprächsbedarf sorgte. Doch nachdem Minho herausgefunden hatte, was wirklich Sache war, hatte Thomas erwartet, dass es die anderen Jungen auch bald merken würden.
„Ja, was ist jetzt eigentlich zwischen euch? Ihr trefft euch andauernd“, mischte Chuck sich ein. Da er selbst kein Liebesleben vorweisen konnte und das auch noch eine Weile so bleiben würde, war er von Anfang an interessiert an Thomas‘ Privatleben gewesen. Dem Jüngsten der Gruppe konnte er es jedoch nicht übel nehmen.
„Habt ihr es immer noch nicht gecheckt?“, meldete Minho sich genervt zu Wort, woraufhin Thomas schon fast befürchtete, dass er gleich gezwungen wäre, sein Geheimnis zu offenbaren.
Doch als Minho ihn ansah, kam kein weiterer Kommentar, nur ein Augenverdrehen. Thomas grinste ihn schief an.
„Ja, Teresa ist nicht sein Typ.“ Auch Alby schenkte Thomas ein breites Lächeln.
Also hatte es doch noch jemand gemerkt. Es wunderte ihn nicht, dass Alby ihn nicht darauf angesprochen hatte. Der Dunkelhäutige vertrat die Meinung, dass ihn nichts etwas anging, solange die Person deswegen nicht zu ihm kam. Thomas bewunderte seine stoische Ruhe. Ihm selbst fiel es so schwer, sich aus allem rauszuhalten.
„Thomas steht auf blond“, kommentierte schließlich Gally, um sich als letzter der Gruppe in das Thema einzumischen. Seine Stimme klang nicht einmal so abweisend wie sonst.
Trotzdem warf Thomas ihm einen unsicheren, abwartenden Blick zu und wartete auf irgendeine Form von Bestätigung, die er in Form eines unscheinbaren Nickens erhielt. Also hatte nicht einmal Gally ein Problem damit?
Als Minho es herausgefunden hatte und auch bei Teresa, war Thomas noch verwundert und auch ängstlich gewesen. Er hatte zu oft gesehen, dass ein solches Geheimnis einem zum Verhängnis werden konnte, auch wenn es nur eine Kleinigkeit sein sollte. Doch hier war es tatsächlich nur diese Kleinigkeit.
Chuck blickte verwirrt zwischen den anderen Jungen hin und her. Ein großes Fragezeichen war ihm ins Gesicht geschrieben. Als seine großen, dunkeln Rehkitzaugen auf Thomas liegen blieben und ihn um eine Erklärung baten, zuckte der nur mit den Achseln.
„Ja.“ Seine Augen hefteten sich wiederrum auf Newt, der als Einziger immer noch nichts gesagt hatte. „Ich schätze das stimmt.“
Newt hob den Blick und hielt Thomas stand. Während sie sich einen Moment ansahen, konnte der Amerikaner beinahe ausblenden, worüber sie gerade noch gesprochen hatten und dass er gar nicht mit Newt alleine war.
„Was ist denn jetzt los?“, fragte Chuck verwirrt. „Warum seht ihr beiden euch an, als hättet ihr euch gerade ineinander verliebt?“
Durch diese Frage schien Newt aus seiner Trance gerissen zu werden. Er schüttelte den Kopf, schloss sein Buch, stand auf und ging ohne ein Wort von sich zu geben. Minho zog verwirrt die Augenbrauen in die Höhe, während sich auf Albys Stirn eine nachdenkliche Falte bildete.
Thomas dachte nicht lange darüber nach, als er sich ebenfalls erhob.
„Hab ich was Falsches gesagt?“, fragte Chuck verwirrt, wofür er sogar von Aris einen missbilligenden Blick erhielt.
Darauf achtete Thomas jedoch überhaupt nicht mehr, als er Newt bereits hinterher lief.
Der Blonde lief nicht sonderlich schnell, als würde er gerade nicht aus einer unangenehmen Situation flüchten. Es dauerte somit nur ein paar schnelle Schritte, bis Thomas ihn einholt hatte.
„Newt“, flüsterte er leise, als hätte Chuck ihm mit seiner blöden Frage die Stimme gestohlen, die sich erst wieder neu finden musste.
Er hob den Kopf, bemerkte Thomas und senkte ihn wieder. Das Buch drückte er an seine Brust, als wäre es ein ganz besonderer Schatz. Oder ein Schutzschild.
„Ich muss los“, murmelte er. Er wirkte aufgewühlt.
„Chuck hat das nicht so gemeint.“
Thomas versuchte in Newts Gesicht zu lesen, was ihm wohl durch den Kopf ging, doch das war unmöglich. Seine Augen suchten im Gras nach einer Stelle, an der sie sich festhalten konnten. Sein Mund war nur eine dünne Linie. Er war angespannt. Aber er gab keinen Einblick auf sein Inneres. Thomas hatte keine Ahnung, was es genau gewesen war, das ihn aufgeschreckt hatte.
„Ja, ich weiß.“
Thomas seufzte. „Ich wollte damit nichts andeuten. Ich meine, ich hätte vorher fragen sollen, ob es okay ist, wenn die Jungs es wissen. Dass ich …“
„Das ist deine Entscheidung. Damit hab ich nichts zu tun“, unterbrach Newt ihn. Er klang gehetzt. Vermutlich würde er doch lieber rennen, anstatt so langsam neben Thomas her zu trotten.
„Doch, hast du. Ich will nicht, dass du dich deswegen unwohl fühlst. Ich kann es abstreiten, wenn das leichter für dich ist.“ Thomas würde zwar gerne ehrlich zu seinen Freunden sein, aber wenn Newt sich dann besser fühlte, würde er auch lügen.
Er musste ja nicht gleich zugeben, dass er auf Newt stand, nur weil er ehrlich über seine sexuelle Orientierung war. Er plante auch kein großes Coming Out. Die Jungs waren ohnehin schon dahinter gekommen. Oder jedenfalls die meisten. Es gab nichts mehr groß zu sagen, außer dass sie mit ihrer Vermutung richtig lagen. Thomas wusste nicht einmal, ob sie diese Bestätigung überhaupt noch brauchten.
„Brauchst du nicht. Das geht bald vorbei.“
Er wusste, dass Newt ihm damit nicht wehtun wollte, trotzdem versetzten ihm die Worte einen Stich. Jetzt wollte er nicht mehr zustimmen, damit der Andere sich besser fühlte. Er hatte sich am Anfang auch eingeredet, dass sein Interesse an Newt einen anderen Ursprung hatte und dass die Gefühle wieder verschwinden würden. Inzwischen wusste er, dass es mehr war. Seit ihrem ersten Kuss wusste er mit Sicherheit, dass er mehr war, und er wusste, dass Newt auch spürte, dass dieses Etwas zwischen ihnen war. Nur er hatte sich dafür entschieden, es zu ignorieren und Thomas würde ihn jetzt so gerne anschreien und ihn fragen, wieso Newt ihn so quälte. Er tat es nicht.
„Newt, das …“, versuchte er es stattdessen mit Ruhe und Geduld, doch der Blonde ließ ihn gar nicht aussprechen.
„Ich muss los“, wiederholte er, genauso knapp, genauso leise und genauso emotionslos.
Thomas seufzte aufgebend. „Okay.“
Es trieb ihn in den Wahnsinn. Jedes Mal, wenn er glaubte, er hätte einen Fortschritt mit Newt gemacht und wäre ihm wieder ein kleines Stück näher gekommen, hätte wieder ein neues Puzzleteil eingefügt, passierte etwas, dass ihn um mehrere Längen zurückwarf. Egal, was er dann versuchte, er lief immer gegen eine Wand und es dauerte zu lange, bis sie sich wieder annäherten. So kam er nicht vorwärts. Es fühlte sich an, als würde er dauernd wieder bei einem gewissen Punkt starten, über den Newt ihn nicht hinweg kommen ließ. Er hatte sich in dem Labyrinth Newt verirrt und er fand keinen Weg mehr hinaus.
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