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Flaming Emotions - Feuer im Herzen

von Nakami
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 Slash
Kelly Severide Matthew Casey
16.03.2020
21.08.2020
25
105.848
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16.03.2020 3.387
 
Kapitel 1 – Im Feuer gefangen


Nachdenklich schloss Severide die Jacke und griff nach seinem Funkgerät auf dem Armaturenbrett. Er galt nicht als der Typ Mann, welcher sich schnell Sorgen machte, doch es war nicht Caseys Art garnichts von sich hören zu lassen.
Bereits bei Dienstbeginn hatte den Lieutenant ein ungutes Gefühl beschlichen, Matt Casey kam nie zu spät, verschlief nie, oder blieb dem Dienst einfach komplett fern. Doch heute Morgen war genau dieser Fall eingetreten. Normalerweise war Matt überpünktlich, kam meist etwas früher um sich dem liegengebliebenen Papierkram zu widmen, doch als der Truck des Captains nicht vor der Wache stand, als Kelly den Motor seines Wagens abstellte und auch in den Umkleiden nicht von dem jungen Mann zu sehen war, keimten erste Zweifel in Severide auf.
Beiläufig hatte er Dawson nach Caseys Verbleib befragt, doch diese hatte mindestens ebenso beiläufig geantwortet, es nicht zu wissen, da sie die Nacht bei Brett verbracht hatte.
Auch die morgendliche Dienstbesprechung hatte ohne Casey stattgefunden und für einen Moment versuchte Kelly sich einzureden, dass wenigstens Boden wusste, weshalb der Captain nicht anwesend war.
Doch als dieser in die Runde fragte, ob jemand etwas von dem erfahrenen Feuerwehrmann gehört hatte, schrillten bei Kelly sämtliche Alarmglocken.
Er konnte nicht nachvollziehen, weshalb Gabby so ruhig auf ihrem Platz sitzen blieb, schließlich ging es um ihren Mann. Zwar war es kein Geheimnis, das die Ehe der beiden momentan nicht gut lief, doch sollte sie sich nicht wenigstens ein kleines bisschen sorgen?

„Alles klar Lieutenant?“, drang Cruz Stimme an sein Ohr, als Kelly sich ertappt umdrehte und seinem Untergebenen ein kurzes Nicken schenkte. Wieso machte er sich Sorgen? Mit Casey war sicher alles in Ordnung und für sein Fehlen gab es eine logische Erklärung. Sie würden nach dem Einsatz einfach bei seiner Wohnung vorbei fahren und wahrscheinlich würde der Feuerwehrmann ihnen verschlafen die Haustür öffnen. Kelly konnte sich das verdutzte Gesicht seines Kollegen bildlich vorstellen und würde ihn wochenlang damit aufziehen!
„Mit ihm ist bestimmt alles in Ordnung“, versuchte Cruz noch einmal ein Gespräch in Gang zu bringen, was Kelly mit einem bösen Blick quittierte, „nerv mich nicht, Cruz!“
Konnte diese Nervensäge ihm etwa in den Kopf gucken?
Der Notruf war nur wenige Blocks von der Wache entfernt, weshalb sie ihren Zielort schnell erreicht hatten, doch kaum waren sie angekommen, schrie Boden schon über den Platz.
Die Zentrale hatte sie zu einer Lagerhalle geschickt, welche seit mehreren Jahren stillgelegt war. Ein Feuer mit unbekanntem Ursprung war im Keller des Abrissgebäudes ausgebrochen und hatte sich bereits bis in den ersten Stock gekämpft.
Der Feuerwehrmann wussten, dass sie schnell handeln mussten, um wenigstens Teile des alten Gemäuers zu retten.
Es war nicht unwahrscheinlich, dass sich Obdachlose und Hausbesetzer hinter den Türen verschanzt hatten, weshalb doppelte Vorsicht geboten war.
„Tony, Capp, ihre geht mit Kidd und Otis durchs Erdgeschoss und in den Keller, Cruz, du kommst mit mir in die erste Etage!“, kommandierte der Lieutenant streng und warf einen Blick auf Hermann, welcher etwas unschlüssig bei seinen Leuten stand und unverständlich nuschelte.
Kelly mochte den Familienvater, sah ihn allerdings nicht in einer Führungsposition. Wieso Boden ausgerechnet ihm die Leitung als kommissarischen Truppenführer Übertragen hatte, war Kelly unbegreiflich.

Noch einmal drifteten seine Gedanken zu Matt. Für einen kurzen Augenblick sah er das Lächeln des Kollegen vor dem Inneren Auge, spürte einen Anflug von Schmetterlingen in seinem Magen und schüttelte benommen den Kopf. Jetzt war keine Zeit für Spinnereien, er hatte einen Job zu erledigen. Wäre Matt jetzt hier würde er ihn anbrüllen den Kopf klar zu bekommen und sich auf die Arbeit zu konzentrieren und genau das würde er auch tun. Die Gedanken an seinen jungen Kollegen waren sowieso unangebracht, wie oft musste er sich das noch ins Gedächtnis rufen, bis sein Verstand es endlich Begriff?!

Der Weg durch die dichten Rauschschwaden gestaltete sich schwieriger als angenommen. Überall lagen Gegenstände herum, kleine Brandherde kreuzten ihren Weg und das alte Holz der Deckenbalken, über ihren Köpfen knarrte unheilvoll.
Ihr Auftrag war die Räumung des Gebäudes. Bevor der Löschzug seine Arbeit machen konnte, musste sichergestellt werden, das sich niemand mehr hinter den Mauern versteckte.
Ein Einsatz wie jeder andere, kontrolliert liefen sie die Hallenähnlichen Räume ab, riefen Laut nach Überlebenden und konzentrierten sich auf jedes Zucken. Alles könnte ein Anzeichen für einen potenzielles Opfer sein.
„Severide!“, schrieb Cruz ihm plötzlich entgegen, „hier drüben, komm schnell!“
Der junge Mann war gute zwei Meter von ihm entfernt und mittlerweile hatten sie beinah das gesamte Obergeschoss abgesucht. Kelly war schon drauf und dran abzubrechen, auch weil der Rauch immer dichter wurde, doch die Stimme seines Kollegen klang geschockt, beinah panisch.
Schnell wandte Kelly den Blick, sicherte seinen Stand und folgte dem aufgeregten Ruf.
Es dauerte einen Augenblick, bis auch er erkannte, was Jo die Sprache verschlagen hatte.

Einen guten Meter von ihnen entfernt kauerte eine Gestallt am Boden und sofort gefror Kelly das Blut in den Adern.
Er musste keinen zweiten Blick auf den zuckenden Körper werfen um ihn eindeutig identifizieren zu können, das blonde Haar, die schmalen Hüften, der breite Schultergürtel und die langen Beine.
Sofort stürzte er zu dem zuckenden Körper, griff nach dem, mit Rus und Blut beschmierten, Gesicht und hob mit seinen behandschuhten Händen vorsichtig den Kopf des am Boden liegenden.
Heisa hustete dieser, krümmte sich schmerzhaft und brach erneut in kehliges Husten aus.
Seine Beführchtung bestätigte sich und für einen Moment konnte Kelly nicht sagen, welches Gefühl stärker war. Die Angst oder die Übelkeit.
Vor ihm auf dem Boden lag Matt, zuckend, blutend und mit geschlossenen Augen bewusstlos wirkend, jedenfalls hoffte das Kelly.
Sofort zog sich der Feuerwehrmann die Maske vom Gesicht und drückte sie gegen den Mund seines Freundes, welcher den künstlichen Sauerstoff bereitwillig in sich aufnahm und Kelly spürte, wie ihm ein kleiner Stein vom Herzen rollte. Er konnte eine große Platzwunde an Caseys Stirn erkennen, Blut war ihm übers gesamte Gesicht gelaufen und doch waren die feinen Risse auf seiner blassen Haut gut zu erkennen.
„Casey, hey, hörst du mich?“, brüllte er dem Captain entgegen und trotz ihrer brenzligen Situation fühlte sich Kelly ungemein erleichtert, als dieser ihm ein Nicken schenkte. Seine Augen hielt er nach wie vor geschlossen und Kelly konnte nur vermuten, dass der Auslöser dafür das viele Blut in seinem Gesicht war, auch wenn er bei genauem Hinsehen die Dunkle Farbe eines Veilchens in der geschlossenen Augenhöhle erkennen konnte.

„Wir müssen ihn hier raus schaffen, Lieutenant!“, schrie Cruz ihm ins Ohr, was Kelly einen Tritt zurück in die Realität versetzte. Sein Kollege hatte recht, wer weiß, wie lange Casey den giftigen Rauchschwaden bereits ausgesetzt war.
Kraftvoll zog er an den Armen seines Freundes, doch bis auf einen schmerzerfüllten Aufschrei passierte nichts.
„Er hängt irgendwo fest!“, erkannte Kelly und spürte wie die Unruhe in seinem Inneren größer wurde. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Cruz Casey abtastete, seine Beine, seinen Oberkörper, seine Arme und plötzlich stockte.
Angestrengt folgte der Lieutenant dem Blick seines Kameraden und erneut breitete sich ein panikartiges Gefühl in ihm aus.
Er erkannte klobige Ketten um Matts Handgelenke, sie lagen um ein Rohr und schnürten den Feuerwehrmann regelrecht fest. Kelly erkannte außerdem, das Matt bereits versucht haben musste seine Hände zu befreien, an seinen Handgelenken waren blutige Striemen, doch was ihn weit mehr besorgte, war Caseys Haltung.
Der Captain hatte die Hände flach um das Rohr gelegt, seine Finger lagen dicht aufeinander, so als hätte sie jemand platziert und die Kette verhinderte, dass er seine Hände in eine andere Position lagern konnte.
Kelly war schon lang genug in diesem Job um zu wissen, was gerade mit Matts Haut geschah, als ihm auch schon der stechende Gestank von verbrennendem Fleisch in die Nase schoss.

Unbeirrt hatte Cruz die Ketten gepackt und mit seinen behandschuhten Fingern kräftig daran gezogen, als Casey erneut schmerzerfüllt aufschrie.
Kelly musste kein Detective sein um herauszufinden, woher der Schmerz rührte. Bei dem Rohr musste es sich um ein Leitrohr handeln und diese führten in den meisten Fällen geradewegs aus dem Keller. Aus dem Bereich, in dem das Feuer am stärksten loderte und alles was es berührte in glühende Lava verwandelte. Das Metallrohr musste kochend heiß sein, so heiß, dass sich die Haut an Matts Fingern schmelzend um das Rohr klebte.
„Wir holen dich hier raus mein Freund, halte durch!“, plötzlich breitete sich eine unheimliche Ruhe in Kelly aus. Langsam gelangte er die Kontrolle über die Situation, beherrschte seine Sinne wieder und schärfte seinen Verstand wie die klinge eines Messers. Er war nicht wegen seines Aussehens zum jüngsten Rüstgruppenleiter des CFD befördert worden, sondern wegen seiner Fähigkeiten Situationen zu analysieren, in Sekundenschnelle Entscheidungen zu treffen und diese Zielsicher umzusetzen.
„Cruz, setz dein Halligan hinter der Kette an, hier, auf der anderen Seite“, schrie er seinem Kollegen zu und drückte Matts Kopf fester an sich. Er konnte das unkontrollierbare Zucken des Körpers in seinen Armen spüren, konnte seine Angst riechen und die Panik, welche sich mit jeder Sekunde großflächiger in Casey ausbreitete. Sie alle wussten wie gefährlich Feuer war und für jeden von ihnen wäre es der schlimmste Tot, lebendig zu verbrennen.

„Aber Lieutenant, dann quetscht die Kette seine Hände ab“, merkte Cruz panisch an, als Kelly seine Handschuhe auszog und sie unter schmerzhaften schreien zwischen die Kette und Matts Handgelenken schob, so dass sie diese schützten, „mach was ich sage, los!“, schrie der Lieutenant erneut und sah Matt ins Gesicht, welcher noch immer keuchend versuchte unter der Maske Luft zu kommen.
Auch in Kellys Lungen brannte der Rauch, doch ein bisschen würde er noch durchhalten. Niemals würde er seinen Freund den Flammen überlassen!
„Das wird weh tun, aber du schaffst das Matt. Wir holen dich hier raus!“, Kelly versuchte zu lächeln, doch als Cruz sein Werkzeug ansetzte und sich mit aller Gewalt gegen den Wiederstand lehnte, gefror Kelly jegliche Ausdruck im Gesicht.
Matts Schrei schallte in seinen Ohren, so voller Schmerz und Qual, doch das wirklich schlimme war der Blick des Feuerwehrmannes. Seine Augen öffneten sich schlagartig, aber da war nichts Weißes neben den Pupillen zu erkennen. Seine Augäpfel waren blutrot verfärbt und ein trüber Glanz hing über seiner Iris.

Übelkeit breitete sich in Kelly aus, er wusste was dieser Anblick bedeutete, hoffte jedoch inständig sich verguckt zu haben. Matts Lider hatten sich ebenso schnell geschlossen, wie sie aufgerissen wurden und kein weiterer Schrei verließ seine Kehle. Der Feuerwehrmann hatte das Bewusstsein verloren und hing schlaff ins Kellys Armen.
„Lieutenant! Geschafft!“, schrie Cruz als die schwere Kette klimpernd auf den Holzboden schlug und Kelly damit aus der Starre befreite.
Seit Minuten hatten sie ihren Funk ignoriert, hatten Bodens Schreie ignoriert und die Aufforderung eines Statusberichtes, doch jetzt nickte Kelly seinem Untergebenen zu, welcher sogleich zum Funk griff. Er selbst packte Matt, warf ihn sich selbstsicher über die Schulter und stolperte mit schweren Tritten über das aufgedunsene Holz.
Kelly hatte jegliches Gefühl für Raum und Zeit verloren, doch den Ausgang hatte er genau vor Augen. Der Weg, welchen sie zurückgelegt hatten, hatte sich wie eine Karte in sein Hirn gebrannt und so strahlte ihnen bereits nach wenigen Minuten Chicagos kühle Novembersonne ins Gesicht.

„Es ist Matt! Chief, es ist Matt! Sanitäter!“, schrie Kelly so laut er konnte, als sich ein erneutes Reizen in seinen Hals schob und er kräftig hustete.
Seine Sicht war verschwommen, der Rauch hatte sich in all seine Sinne geschlichen, benebelte ihn, ließ ihn seine Umgebung nur unscharf erkennen und auch das Piepen in seinen Ohren wurde mit jeder Sekunde lauter.  
Erst als er Matt, mit Hilfe der herbeieilenden Kollegen, auf die Trage der Sanitäter gehievt hatte, gab er dem Verlangen nach. Immer wieder hustete Kelly, röchelte und Spuckte grauen Schleim auf den Bürgersteig, „seine Hände… verbrannt“, nuschelte er zwischen zwei Hustern und war dankbar, als Cruz sich die Maske vom Gesicht zog und den Sanitätern, so wie seinem Chief, Bericht erstattete.
Erst jetzt erkannte Kelly das es sich bei den Sanitätern nicht um Brett und Dawson handelte, was vermutlich gut war. Scheinbar waren die beiden mit einem anderen Patienten bereits auf den Weg ins Med. Gabby würde sich bei Matts Anblick wohl kaum zusammenreisen können.
„Schafft ihn ins Med!“, hörte Kelly die raue Stimme seines Chiefs. Sie klang wütend, besorgt und vielleicht sogar ein bisschen überfordert.
„Ich fahre mit!“, hustete Kelly und taumelte Richtung Rettungswagen, als Tony an seine Seite eilte um ihm Halt zu geben.
„Vergessen sie es Severide!“, fluchte Wallace, doch der Lieutenant dachte gar nicht daran, „ich fahre mit, er war bei Bewusstsein als wir ihn gefunden haben. Er war panisch, Cruz!“, hilfesuchend sah er zu seinem Freund, welche sofort nickte, „ja Chief, es war schrecklich. Matts Verfassung wird es sicher nicht schaden, wenn Severide da ist, sollte er auf dem Weg in Med zu sich kommen!“
Mürrisch grummelte der Chief, „in Ordnung Severide, doch sobald sie dort ankommen, lassen sie sich umgehend untersuchen. Das ist ein Befehl! Wir kommen so schnell wie möglich nach!“
Dankbar nickte Kelly und lies sich von Tony in den Krankenwagen helfen, in welchem Matt bereits lag und der Sanitäter versuchte ihm einen Tubus in den Rachen zu schieben.

Während der gesamten fahrt hatte er Matt nicht für eine Sekunde aus den Augen gelassen. Er konnte erkennen, wie sich dessen Brustkorb Stoßweise hob und senkte, was ein deutliches Anzeichen für einen erheblichen Sauerstoffmangel war. Die Monitore, welche über Kabel mit seiner Brust verbunden waren, piepen verheißungsvoll und immer wieder Zuckte Matts gesamter Körper krampfhaft zusammen.
Sein Gesicht war über und über mit Blut beschmiert und doch waren die dunklen Hämatome hinter der roten Flüssigkeit gut zu erkennen. Auch an den Armen, dem Brustkorb und den Seiten zogen sich dunkle Flecken über Matts Körper und sein Hüftknochen färbte sich lila. Die Jeans des Feuerwehrmannes war an den Knien aufgerissen, darunter waren blutige Abschürfungen zu erkennen und er trug nur einen Schuh.
Es waren normale Straßenklamotten, so wie Matt sie täglich trug und Kelly konnte nicht verhindern, dass sein Gehirn bereits begann wilde Vermutungen aufzustellen.
Es sah so aus, als wäre Matt auf dem Weg zur Arbeit gewesen, als hätte ihn jemand überfallen, zusammengeschlagen und in dieses Lagerhaus geschleppt, aber warum?
Seit er von seinem Amt als Stadtrat zurückgetreten war, hatten auch die Drohbriefe und Anfeindungen aufgehört und als Feuerwehrmann galt er eher als Freund und Helfer, nicht als jemand, mit dem man noch eine Rechnung zu begleichen hatte.
Seine eigene Atemnot hatte Kelly bereits verdrängt, zwar lag noch immer ein gewaltiger Druck auf seinen Lungen, doch die Sorge um seinen Freund, schob jegliche Beschwerden beiseite.  

„Wie lang noch?“, fauchte er den Sanitäter an, der sich augenrollend zu einem Verbandset drehte um die Frage zu ignorieren. Kelly wurde zunehmend gereizter, in seinen Augen tat dieser Kerl viel zu wenig um Matt zu helfen. Er hatte ihm zwar den Tubus angelegt und bebeutelte ihn, doch sonst hatte er nichts getan. Kelly selbst war kein Sanitäter und hatte lediglich den Kurs abgeschlossen, welcher von seinem Berufsstand gefordert wurde, doch wenn er an Dawson oder Bett dachte, hatte er von helfenden Sanitätern ein anderes Bild vor Augen.
Gerade als er den jungen Mann erneut anschreien wollte, spürte er ein Zucken an seinem Arm. Überrascht sah Kelly hinab und erstarrte, als er die Verbrannten Finger auf seinem Unterarm erblickte. Matt schien nicht völlig das Bewusstsein verloren zu haben, zwar hielt er die Lider nach wie vor geschlossen und er wehrte sich auch nicht gegen die Intubation, doch als Kelly spürte wie sich das Verbrannte Fleisch um Matts Finger auf seine Haut legte, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken.
Noch etwas, das Dawson und Brett niemals zugelassen hätten, einen Patienten zu transportieren, ohne seine offenen Wunden abzudecken. Zwar trat zwischen den Hautfetzen kein Blut hervor, doch sicher war es für das verkohlte Fleisch nicht gesund, solang an der bakterienverseuchten Luft auszuharren.
Sofort legte er Matt eine Hand auf den Unterarm, darauf achtend nicht an die Wunden zu kommen, „ich bin hier Matt, keine Sorge, wir sind gleich im Med und dort werden sie dir RICHTIG helfen!“ Dabei warf er dem Sanitäter einen wutzerfressenen Blick zu, welcher schluckend zurückwich.

Es dauerte tatsächlich nur noch wenige Sekunden, bis der Krankenwagen hielt und die breiten Türen aufgerissen wurden.
Sofort standen zwei Krankenschwestern und Dr. Halstead parat und ließen sich von dem Sanitäter, welcher gefahren war, grobe Informationen zurufen.
Kelly konnte nicht anders, auch wenn er wusste, dass er die Experten ihre Arbeit machen lassen musste, gab er dem Drang sich einzumischen nach, „seine Hände sind völlig verbrannt, scheinbar wurde er auch verprügelt und er hat große Mengen Rauch eingeatmet und seine Augen…“ Er stockte, als ihn Halsteads Blick traf, der zwar freundlich, jedoch auch autoritär wirkte, „wir kümmern uns um ihn.“
„Sie waren blutig Dok, sie müssen nach seinen Augen schauen!“, fuhr Kelly endgültig aus der Haut und ballte die Hände zu Fäusten, als April sich ihm in den Weg stellte und daran hinderte ihnen in den Behandlungsraum zu folgen.
„Will weiß was er tut, Kelly. Lass ihn machen, Matt ist bei ihm in guten Händen“, versuchte die dunkelhaarige Schwester ihn zu beruhigen, doch er konnte ihr kein Gehör schenken.
Noch immer hatte er Matts Schreie in den Ohren, noch immer das blutige Weiß vor Augen und noch immer das Gefühl nicht genug getan zu haben.
Er hätte sich auf seine Vorahnung verlassen müssen, hätte darauf bestehen müssen nach Casey zu sehen. Nur ein einziges Mal hatte er versucht ihn telefonisch zu erreichen, nur ein verfluchtes Mal!
Kelly spürte wie die Last auf seinen Schultern immer größer wurde, ihm war schwindelig und endlich meldete sich seine Lunge zurück.
Taumelig stützte er sich an der Wand ab, als April ihm ihre Schulter unter den Arm schob, um ihn vor einem Sturz zu bewahren, „hast du auch etwas abbekommen?“
Kelly erinnerte sich an den Befehl seines Chiefs und auch wenn ihm gerade nicht der Sinn nach einer Untersuchung stand, würde er es nicht wagen einem direkten Befehl, der so voller Autorität ausgesprochen war, nicht Folge zu leisten, „sicher nur ein kleines Inhalationstrauma. Ich gab Matt meine Maske in dem Lagerhaus und hab wohl etwas viel Qualm abbekommen.“
„Komm, ich bring dich in die Drei und Dr. Choi wird sich das mal ansehen“, versuchte April ihn zu steuern, was Kelly mit einem dunklen Grummeln quittierte. Es hatte keinen Sinn es unnötig in die Länge zu ziehen, weshalb Severide geschlagen nickte und die Jacke seiner Uniform ablegte.

Zwanzig Minuten später hatte Dr. Choi ihn widerwillig entlassen, zwar hätte er Kelly gern noch etwas länger an der Beatmung gehalten, doch das dieser an der Prozedur nur halbherzig teilnahm war wenig hilfreich.
Mittlerweile waren auch seiner Kollegen von der 51. im Med eingetroffen. Unruhig lief Hermann vor den Sitzbänken auf und ab, während Mouch und Otis leise miteinander flüsterten. Kidd versuchte Cruz zu beruhigen, welcher noch immer um Fassung rang und auch die übrigen Teamkollegen wirkten betroffen.
Boden holte sich gerade Informationen von der Schwester am Empfang und sah wenig glücklich aus, was Kelly veranlasste sich zu ihm zu stellen, „und?“
„Wir müssen warten“, Wallace wirkte frustriert und besorgt, eine üble Mischung, wie Kelly fand.
Doch ihm ging es nicht anders, er hatte Matt schon in ganz anderen Lagen erlebt, in viel schlimmeren, viel gefährlicheren, er war dabei gewesen, als der Captain angeschossen wurde, doch niemals zuvor hatte er sich solche Sorgen um ihn gemacht, wie heute. Niemals war das Angstgefühl in seinem Inneren so erdrückend gewesen und niemals hätte er gedacht sich einmal solche Vorwürfe zu machen.
Sorge und Angst war normal, Matt war sein Freund, natürlich empfand er etwas bei dem Gedanken an den jungen Captain, doch diese neuartigen, ganz bestimmtem Emotionen waren ihm neu.
Kelly fühlte sich in Matts Anwesenheit anders, es war nicht mehr das typische Empfinden einer normalen Männerfreundschaft, im laufe der Zeit hatte sich etwas in ihm verändert. In seinem Magen kribbelte es, wenn sie sich unterhielten, er achtete mehr auf das Lächeln des Captains, erwischte sich immer häufiger dabei, dem jungen Mann hinter zu schauen und hatte vor kurzem sogar dessen Hintern geschlagene 60 Sekunden angestarrt. Jetzt war da dieses Angstgefühl, keine normale Angst wie wenn er um einen seiner Freunde bangte, es fühlte sich eher so an, als hätte er Angst um einen Teil seines Herzens, einen Menschen der ihm mehr bedeutete als ein einfacher Kumpel, Freund oder Kollege.

Schnell schob Kelly den Gedanken beiseite, als Gabby, gefolgt von Brett, durch die Türen der Notaufnahme rannte und mit angsterfülltem Gesicht vor ihnen stoppte, „Matt! Was ist mit ihm, wo ist er?“
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