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Flaming Emotions - Feuer im Herzen

von Nakami
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 Slash
Kelly Severide Matthew Casey
16.03.2020
21.08.2020
25
105.848
12
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25.05.2020 4.545
 
Kapitel 11 – zum Lauschen verführt


Angestrengt petzte Kelly die Augen zusammen und verschränkte die Hände hinter dem Kopf, als er die vergangenen Minuten im Aufenthaltsraum erneut in Gedanken abspielte.
Er hatten seine Kollegen über Matt und dessen momentane Lage informiert, jedoch nicht damit gerechnet, dass diese ihm soviel Fragen entgegenbringen würden. Dabei wollte er es einfach nur besser machen als die Sanitäterin, schließlich hatte diese in der vergangenen Woche abgeblockt, sobald sie jemand nach dem Zustand des Captains fragte.
Seine Worte hatte Kelly sich zuvor sehr gründlich überlegt, zwar hatte er die Möglichkeit seine Kollegin vor den Freunden zu denunzieren nutzen können, tat es jedoch nicht. Im Gegenteil, eigentlich hatte er Gabby sogar in einem ziemlich guten Licht dastehen lassen.

Er hatte ihren Freunden mitgeteilt, das Matt vorrübergehend bei ihm wohnte, aus dem einfachen Grund, weil Kelly körperlich besser in der Lage war dem Drehleiterführer zu helfen. Gabby hatte weit weniger Kraft und hätte größere Mühen aufbringen müssen, Matt beim Anziehen, Baden und aufstehen zu helfen, wenn diesen die Kräfte verließen. Zwar war sich Kelly auch der Tatsache bewusst, das der Captain wenig begeistert wäre, wüsste er, das der Rüstgruppenführer seine momentanen Schwächen offen vor den Kollegen ausgesprochen hatte, doch die pikanten Details seiner eigentlichen Hilfe hatte er schließlich für sich behalten.
Natürlich genügten diese schmalen Informationen Cruz, Herrmann, Otis und den anderen nicht. Sie hatten ihm Fragen wie: Wer kocht für ihn, wie verheilen die Wunden, Wann wird er wieder zum Dienst antreten können, oder auch, sollen wir dir helfen, entgegengebracht und auch wenn Kelly wusste das ihr Angebot nett gemeint war, würde er einen Teufel tun und Matts seelische Verfassung damit weiter verschlechtern.
Der Captain fühlte sich doch bereits entmannt und unnütz, wie würde es ihm gehen, wenn plötzlich die halbe Mannschaft vor ihm stünde um ihm aus der Wanne zu helfen?!

Zwar hatte Kelly die Blicke bemerkt, mit welchen ihn Gabby bei seiner Erzählung taxierte, doch dieser versuchte er gekonnt zu ignorieren. Was er jedoch nicht ignorieren konnte, war das erhabene Grinsen des Vertretungs-Captains der Drehleiter. Dieser wirkte sowohl amüsiert, als auch überheblich, so als würde er sich über Matts Zustand freuen. Außerdem war Kelly nicht entgangen, dass dieser Kerl, nach seiner Unterhaltung mit den Kollegen, viel zu vertraut mit Gabby in der Küche gestanden war und sie leise miteinander geflüstert hatten.
Am liebsten hätte der Rüstgruppenführer sich zu ihnen gestellt, den Möchtegern Captain am Kragen gepackt, geschüttelt und Gabby dabei die richtigen Worte entgegengebracht. Es war ja schön, dass die junge Frau den Feuerwehrmann so freundlich bei ihnen aufnahm, doch merkte sie nicht, was für ein falsches Spiel dieser Mann trieb? Das er sich über Matts Zustand freute und vermutlich im geheimen darauf hoffte, er könne Caseys Platz auf Dauer übernehmen? Immerhin ging es hier um Gabbys Ehemann!

In Anbetracht der Tatsache, dass dieser Tag so anstrengend angefangen hatte hegte Kelly wenig Hoffnung, dass es im Verlauf der kommenden Stunden besser werden würde, dabei startete der Morgen noch relativ gut.
Als Matt vergangene Nacht vor seinem Bett stand und ihn fragte, ob er bei dem Rüstgruppenführer schlafen dürfte, brannte Kelly die Frage, wieso er das wollte zwar auf der Seele, doch um Matt nicht zu verschrecken hatte er sie für sich behalten.
Das dem Captain die Situation unangenehm war konnte Kelly zu diesem Zeitpunkt deutlich spüren und hatte beschlossen, ihm kein unnötiges Gespräch aufzudrücken. Stattdessen schloss er die Augen und stellte sich schlafend, immerhin hatte Matt auch keinen Ansatz für einen Unterhaltung gemacht. Vermutlich wollte der junge Mann einfach nicht allein sein und Kelly konnte ihn verstehen, außerdem genoss er Matts Anwesenheit und würde einen Teufel tun, ihn mit Worten zu verschrecken. Auch wenn es dem Rüstgruppenführer nicht vergönnt war seinen Kollegen in den Arm zu nehmen und eng aneinander gekuschelt einzuschlafen, so war es trotzdem beruhigend Matt so nah bei sich zu wissen.
Der Duft des Drehleiterführers hatte ihn schnell ins Land der Träume befördert und als Matt am Morgen noch immer schlafen neben ihm lag, nutzte Kelly die Gelegenheit ihn eine ganze Weile anzustarren.
Zwar hatte er sich vorgenommen, seine Gefühle in eine winzige Schachtel in seinem Inneren zu verbannen, diese gründlich zu verschließen und nie wieder hervor zu kramen, doch dieses Vorhaben gestaltete sich äußerst schwierig, so spürte er doch schon beim Anblick seines Kollegen dieses sanfte Kribbeln in seinem Magen und der Drang, Matt liebevoll über die Wange zu streicheln, war beinah übermächtig. Es war Kelly wirklich schwer gefallen zur Arbeit zu gehen.

Ob Matt allein zurechtkam? Vielleicht sollte er ihn anrufen, einfach nur um sein Gewissen zu erleichtern.
„SEVERIDE!“, fauchte es plötzlich lautstark und in greller Stimme, neben seinem Ohr. Überrascht öffnete Kelly die Augen und sah direkt in wütendes braunes Funkeln. Das Gabby seine Tür aufgerissen und ungefragt eingetreten war, hatte der Rüstgruppenführer gar nicht mitbekommen und durch die beengte Größe seines Büros, stand die aufgebrachte Sanitäterin direkt vor seinem Schreibtisch.
Genervt rollte Kelly mit den Augen, „was willst du Dawson?“
„Das kannst du dir wohl denken! Wie kannst du es wagen mich so Bloßzustellen?“, fauchte sie ihm aufgebracht entgegen und aus dem Augenwinkel erkannte Kelly, wie sich ihre kleinen Hände zu Fäusten ballten.
Wenig beeindruckt von dieser Geste erhob sich der Feuerwehrmann und lehnte mit dem Hintern gegen den Schreibtisch, damit sie nicht auf ihn herabblicken konnte, „ich habe dich Bloßgestellt? Sei lieber froh das ich die miesen Details deines Abgangs verschwiegen habe. Willst du etwa behaupten das dein Verhalten nicht egoistisch war?“
„Du verfluchter Wichtigtuer, du hattest kein Recht über Matt zu sprechen!“, ignorierte sie seinen Einwurf und trat einen Schritt näher, so dass die beiden nur noch Zentimeter trennten.

Kelly hob die Augenbraun und konnte sich ein überhebliches grinsen nicht verkneifen, „was ist dein Problem Dawson, du bist doch fein raus. Matt ist nicht mehr deine Verpflichtung, du kannst also tun und lassen was du willst, ohne dir über sein Wohlbefinden Gedanken zu machen!“
Damit hatte Kelly einen wunden Punkt getroffen, „du verfluchter Mistkerl Severide! Was gibt dir das Recht dich in unsere Ehe einzumischen?“
Überrascht sah Kelly sie an, doch ehe er etwas einwenden konnte, sprang Gabby schon in die nächste Runde, „zwischen Matt und mir lief alles ganz hervorragend, bis du dich eingemischt hattest. Wieso begreifst du nicht, dass wir einfach nur glücklich werden wollen? Wir wollen eine Familie, ein Baby und du stehst uns im Weg! Halt dich von uns fern und hör auf Matt den Kopf zu verdrehen. Im Krankenhaus war er von der Idee begeistert und auch als ich mich nach dieser Sache zuhause um ihn gekümmert habe, standen wir auf einer Seite, doch kaum tauchst du auf und redest ihm ein, dass ein Kind gerade eine zu große Belastung wäre, schmeißt er all unsere Pläne über den Haufen. Halt dich von uns fern Severide, du bringst die schlimmsten Seiten in Matt zum Vorschein und wenn du diese Ehe nicht auf dem Gewissen haben willst, dann lass meinen Mann in Ruhe!“

Mit offenem Mund starrte der Feuerwehrmann die junge Frau an, nicht wissend wo er anfangen sollte ihre irrwitzigen Behauptungen zu wiederlegen.
Das konnte unmöglich ihr Ernst sein, redete sie sich diesen Schwachsinn wirklich ein? Glaubte sie ihre eigenen Worte?
Matt hatte im Krankenhaus kein Kind gewollt und auch nicht als seine liebende Ehefrau ihn so wahnsinnig fürsorglich gepflegt hatte. Sie stritten, kamen nicht mehr miteinander klar und sie ließ ihn allein, verdrängte Gabby diese Tatsachen und redete sich ihre Situation selbst schön?
Er brachte die schlimmsten Seiten in Matt zum Vorschein? Von wegen! Er brachte Matts echtes Wesen zurück an die Oberfläche, sein richtiges Ich. Er versuchte den Kerl zurück zu holen, der Matt war, bevor Gabby angefangen hatte an ihm herum zu kritisieren!
Er tat ihrer Ehe nicht schlecht, er öffnete Matt lediglich die Augen, wie selbstgerecht und mies ihn seine eigene Frau behandelte und nach diesem Ausbruch war auch der letzte Ansatz eines schlechten Gewissens in Kelly erlöscht.
Gabby war doch vollkommen verblendet, sie war Blind und so von ihren Zukunftsplänen besessen, dass sie jedes Opfer in Kauf nahm, er musste sie unbedingt von Matt fernhalten. Am Ende schaffte sie es noch dem Kollegen einzureden, dass Kelly wirklich schlechter Umgang war und er die Freundschaft beenden musste.
Doch worüber machte er sich überhaupt Gedanken, das würde Casey niemals mitmachen. Er hatte sich schon einmal für ihn entschieden, hatte schon einmal erkannt, dass es für seine Genesung besser war, wenn er diesem ewigen Terror nicht schutzlos ausgeliefert war, er würde sich wieder für den Rüstgruppenführer entscheiden, sollte es noch einmal dazu kommen.  

Wartend starrte die Sanitäterin ihn an, „hast du dazu nichts zu sagen?“ und Kelly musste an sich halten um Ruhe zu bewahren. Am liebsten würde er ihr all seine Gedanken entgegenschleudern, ihre Vorwürfe damit wiederlegen und versuchen der jungen Frau klar zu machen, das sie ihren eigenen Mann kaum zu kennen schien, doch was sollte das bringen?! Gabby würde es nicht einsehen, eine Diskussion war vollkommen sinnlos und eigentlich hatte Kelly auch gar keine Lust dazu. Gabby war uneinsichtig und resistent gegen Meinungen, welche von ihrer eigenen abwichen, den Atem konnte er sich also sparen, „nein Gabby, ich habe nichts dazu zu sagen. Du hast deine Meinung, ich habe meinen, doch letztendlich ist es Caseys Entscheidung und weder ich noch du, werden ihn in dieser beeinflussen!“
Wutentbrannt schnaufte die junge Frau und ihre Nasenlöcher blähten sich verheißungsvoll auf, doch bevor der Vulkan in die Luft gehen konnte, steckte Conny den Kopf durch die Tür, „Severide, Chief Boden möchte Sie in seinem Büro sehen!“
Rettung in letzter Sekunde!
Gewinnend grinste Kelly die junge Frau an und schob sich an ihr und Conny vorbei um den Chief nicht länger als nötig warten zu lassen.

Abwartend sah Kelly seinen Vorgesetzten an, dieser hatte sich von seinem Schreibtisch erhoben, wie üblich die Arme vor der Brust verschränkt und begegnete dem Feuerwehrmann mit durchdringendem Blick.
Die Nervosität in seinem Inneren nahm beinah unerreichte Ausmaße an, auch wenn Kelly diese niemals offen zeigen würde, machte ihn jede Unterhaltung mit seinem Chief, unter vier Augen und bei verschlossener Tür, unsicher. Das er seinen Vorgesetzten respektierte war kein Geheimnis, sie alle sahen zu dem Battalion Chief auf und auch wenn Kelly manchmal ohne nachzudenken den Mund aufriss, würde er Wallace Boden niemals ohne den Respekt entgegentreten, welchen dieser verdiente.
„Chief“, setzt Kelly mit fragendem Unterton an, doch Wallace hob die Hand und brachte ihn damit zum Schweigen.
Diese nervenaufreibenden Sekunden waren unerträglich, bis Boden schließlich lächelte, „ich bin sehr stolz auf Sie Severide!“
Überrascht sah Kelly den erfahrenen Feuerwehrmann an, doch dieser ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, „ihre Worte heute Morgen im Aufenthaltsraum… sehr bewegend. Es freut mich, dass mein Team so dicht zusammensteht und endlich kann ich mir auch sicher sein, dass die Differenzen zwischen Ihnen und Casey, nach Andys Tot, der Vergangenheit angehören.“

Mit aufgeklapptem Kiefer starrte Kelly seinen Vorgesetzten an, schließlich war seit Andys Tot schon eine Menge Zeit vergangen und er hatte den Twist mit seinem Kollegen schon vor Jahren begraben. Hatte Boden, der Mann dem sonst nie etwas entging, das wirklich nicht mitbekommen?
„Sie stehen einem Freund und Kollegen helfend zur Seite und wir alle wissen, wie schwer es Casey momentan hat. Verbrennungen dieser Art“, der Chief stockte und Kelly wusste genau, dass er gerade an die große Narbe auf seinem Rücken dachte, „Verbrennungen dieser Art sind heimtückisch und können das gewohnte Leben völlig auf den Kopf stellen. Man fühlt sich unnütz, entmannt und hilflos und je schlechter es einem im Inneren geht, desto übler wird die Stimmung. Sicher ist Casey des Öfteren kein einfacher Zeitgenosse, wir kennen ihn und seinen Hang zum Perfektionismus schließlich alle, deshalb weiß ich wie groß die Last ist, welche Sie zu stemmen versuchen. Bitte sichern Sie unserem Captain zu, dass er sich keinen Sorgen um seinen Platz hier auf der 51 machen soll. Sobald er wieder Einsatzfähig ist, wird er in die Position zurückkehren, aus welcher er in diese Zwangspause musste.“

Auch wenn es Kelly als Person nicht direkt betraf, spürte er, wie sich eine unglaubliche Last von seinen Schultern löste. Dankbar nickte er dem Chief zu und freute sich innerlich bereits auf das Gespräch, welches er morgen früh mit Matt führen würde, „vielen Dank Chief, das wird ihn sehr beruhigen.“
Kelly wollte sich schon zum Gehen abwenden, als Boden ihn zurückrief, „warten Sie Severide, das war noch nicht alles. Ich möchte Ihnen außerdem sagen, dass Sie, sollte Matt Sie während des Dienstes brauchen, jeder Zeit entschuldigt sind. Ich habe bereits mit Cruz gesprochen und in Ihrer Abwesenheit, wird er die Rüstgruppe vertretend führen, scheuen Sie sich also bitte nicht zu gehen, wenn Casey Sie braucht. Sie geben einfach eine kurze Info an mich und Cruz und ich stelle Sie für den Rest der Schicht frei“, Bodens Blick wurde bohrender, „ich meine das Ernst Severide, egal wie viele Schichten es betrifft, wenn unser Captain Sie braucht, gehen Sie!“
Noch immer stand Kellys Kiefer geöffnet und noch immer starrte er seinen Chief mit großen Augen an. Boden war bekannt dafür stehst das Wohl seiner Männer im Blick zu haben, doch mit so etwas hätte der Lieutenant nicht gerechnet. Dankbar nickte er, „vielen Dank Chief, sowohl ich als auch Matt… ich meine Casey… wissen das zu schätzen!“
Wallace brachte ihm ein kurzes Nicken entgegen und zeigte dem Feuerwehrmann mit einer Handbewegung, dass dies nun alles war und er gehen durfte und als Kelly das Büro seines Vorgesetzten verließ, konnte er nicht anders, als dem warmen Familiengefühl in seinem Magen für einen kurzen Moment nachzugeben.

Seine Aufmerksamkeit wurde jedoch schnell in die Realität zurückgeholt, als er aus dem Augenwinkel die beiden Dawson Gesichter sah. Sie liefen Richtung Umkleiden und Gabby machte den Eindruck, als wolle sie nicht gesehen werden. Immer wieder wanderte ihr Blick umher, mehrmals vergewisserte sie sich, dass ihnen niemand folgte und als sie Antonio am Handgelenk packte und in die Duschen zog, schrillten bei Kelly sämtliche Alarmglocken.

Auf leisen Sohlen schlich er den beiden hinterher und lehnte sich beiläufig an die Wand neben den Spinden, wo er zwar hören konnte, jedoch nicht gesehen wurde.
„Verflucht Gabby, was hast du dir dabei gedacht?“, Antonio klang aufgebracht, regelrecht Entsetzt und preschte Gabby ihm nicht mit einem schnellen „Psst“ dazwischen, wäre seine Stimme vermutlich um einiges Lauter gewesen.
„Beende das Gabby, du bist zu weit gegangen! Ich sagte zwar, dass er dir etwas schuldet, doch auf keinen Fall so etwas!“, herrschte Antonio seine Schwester an und auch wenn Kelly ihren Blick nicht sehen konnte, wusste er wie Feindselig dieser wurde, als ihre leise zischende Stimme erklang, „es ist zu spät für einen Rückzieher. Ich kann und werde es nicht beenden. Ich bin fast am Ziel Antonio, es fehlt nicht mehr fiel. Du weißt das es mein Traum ist, wenn ich es jetzt beende, dann war alles um sonst!“
„Es ist zu gefährlich Schwesterherz, du gehst zu weit und ich werde nicht für dich Lügen. Die Sache ist zu heiß und wenn du nicht erwischt werden willst, dann hör auf damit. Es ist noch nicht zu spät umzukehren! Wenn das rauskommt, kann ich nichts mehr für dich tun“, seine Stimme wurde etwas ruhiger, doch der Nachdruck darin war nach wie vor deutlich.
Wie wütend Gabby wurde, war ihrer Stimme anzuhören, „du bist mein Bruder und ich erwarte Rückendeckung von dir. Du weißt wie wichtig mir die Sache ist und dass es so weit gekommen ist, war nicht geplant, trotzdem werde ich es durchziehen.“
Ein schweres Seufzen drückte sich aus Antonios Kehle, „Gabby, ich bitte dich…“, doch ehe er weiter ins Detail gehen konnte verstummten beide.

Auf der anderen Seite der Umkleidekabine erklang Cruz und Otis laute Stimme und als die beiden Feuerwehrmänner näherkamen, konnte Kelly nur noch ein leises, „es wird sich lohnen, du wirst schon sehen!“, hören, bevor er sich lautlos zurückzog.
Dass die Geschwister ein Geheimnis hatten war offensichtlich und auch dass das Gespräch mit der Ankunft der beiden Störenfriede beendet war, doch was hatte Gabby getan, dass ihr eigener Bruder sie anging und so aus der Haut fuhr.
Wenn jemand blindes Vertrauen und Geschwisterliebe verkörperte, dann waren es Gabriella und Antonio Dawson, doch gerade wirkte Antonio tief enttäuscht, beinah entrüstet von dem Verhalten seiner Schwester.
Grübelnd legte Kelly sich eine Hand auf die Stirn, sollte sich die Vermutung, welche er im Scherz aufgestellt hatte, doch bewahrheiten? Hatte Gabby etwas mit der Sache, die Matt passiert war, zutun?
Nein! Das war völlig unmöglich, Gabby war ausgefuchst und tat beinah alles um ihren Willen zu bekommen, doch nicht mal sie würde so weit gehen und die Gesundheit, oder besser gesagt das Leben, ihres Ehemannes aufs Spiel setzten.
Die Sanitäterin hatte viele Eisen im Feuer, ebenso gut könnte es um einen Fall gehen, an welchem das P.D. ermittelte und Gabby Informationen geliefert hatte. Oder ging es vielleicht um die seltsame Freundschaft zwischen ihr und dem Vertretungs-Captain?
Vielleicht hing ja auch alles miteinander zusammen, doch spann er den Gedanken weiter, würde es nicht wieder darauf hinauslaufen, das Gabby an der Entführung beteiligt war?
„Nein, das kann nicht sein!“, flüsterte der Rüstgruppenführer leise, woraufhin Cruz ihn fragend ansah. Das sein untergebener beinah neben ihm stand hatte Kelly im wirren Strudel seiner Gedanken nicht mitbekommen, „was kann nicht sein Lieutenant?“
Überrascht hob Kelly den Blick, doch als er in die naiven Augen seines Freundes sah schüttelte er schnell den Kopf, „das geht dich nichts an Cruz, kümmere dich um deine Angelegenheiten!“

Ehe Cruz etwas erwidern konnte, stemmte sich Kelly von der Wand, an welcher er gerade noch gelehnt hatte ab und verschwand mit großen Schritten Richtung Fahrzeughalle.
Der Gedanke an Gabby ließ ihm keine Ruhe und auch wenn er sich gern ablenken und an etwas anderes Denken würde, stellte sich das aufgewühlte Gefühl in seinem Inneren nicht ein. Gabby hatte ein Geheimnis und Kelly konnte nicht bestimmen ob es Sorge oder Neugier war, doch dieses nervige Kratze in seinem Inneren zwang ihn, die junge Frau genau im Auge zu behalten.
Den halben Tag hielt er sich unauffällig in ihrer Nähe auf, versuchte Gespräche zu belauschen, oder ein Blick in ihr Handy zu werfen, doch stehts so, dass sie es nicht registrierte.
Erst nach Mitternacht, es musste ungefähr halb Drei sein, ergab sich endlich die Gelegenheit weitere Informationen zu sammeln.

Die beiden Sanitäterinnen waren von einem Einsatz zurückgekommen und füllten gemeinsam die Bestände im Rettungswagen auf. Durch die späte Uhrzeit und die zunehmende Kälte hatten sich die Rüstgruppenmitglieder von ihrem Stammplatz in der Fahrzeughalle gelöst und hielten sich im Aufenthaltsraum auf.
Scheinbar hatte Sylvie auf genau einen solchen Moment gewartete, die ungewöhnlich schlechte Stimmung der Sanitäterin war Kelly, im Verlauf des Tages, keines Wegs entgangen und neugierig schnappte er sich sein Klemmbrett und verschwand zwischen die beiden Einsatzwagen, um der Unterhaltung unauffällig folgen zu können, ohne das die Damen ihn bemerkten.

„Oh man, was ein Einsatz. Wie kann man so blöd sein und eine Hand in den Abflusshechsler stecken, ohne vorher den Strom auszuschalten?“, lachte Gabby, doch Sylvie stieg nicht mit ein, stattdessen nahm Kelly ein leises Brummen der Sanitäterin wahr.
„Brett, jetzt sag endlich was mit dir los ist. Den ganzen Tag bist du schon so komisch. Kann es sein, dass du sauer auf mich bist?“, erklang erneut Gabbys Stimme und nach einem weiteren stillen Moment meldete sich auch Brett endlich zu Wort, „natürlich bin ich sauer auf dich Gabby, du hast mich einfach belogen!“
„Was? Womit habe ich dich belogen?“, entgegnete die erfahrene Sanitäterin empört, doch entgegen Sylvies Wesen ließ diese sich durch den harten Klang in Gabbys Stimme nicht abschrecken, „die Sache mit Matt. Du meintest es sei alles in Ordnung, du hättest dich darum gekümmert, dass er eine anständige Behandlung bekommt, doch du hast ihm einfach nur einen Flyer gegeben und jetzt ist er bei Severide? Wieso erzählst du mir nicht die Wahrheit?!“
„Verdammt Brett, kannst du dir das nicht denken? Glaubst du ich finde es toll, dass mein Ehemann lieber bei seinem bescheuerten Kumpel bleibt, als zurück zu seiner Frau zu kommen? Ich kann ja verstehen das Matt wütend auf mich ist und glaub mir, ich bereue mein Handeln. Ich hätte ihn nicht allein lassen dürfen, aber ich war überfordert und mein verfluchter Stolz hat mir verboten diese Überforderung zuzugeben. Ich habe alles auf ihn geschoben, auf sein Verhalten und seine Art mit mir umzugehen, ich weiß, dass das nicht richtig war, aber du kennst mich Brett. Könnte ich diesen verfluchten Übermut abschalten, würde ich es sofort tun. Ich liebe Matt und das was ich ihm angetan habe, bricht mir das Herz!“

Augenblicklich legte sich ein dunkler Schatten auf Kellys Gemüt, so ehrlich hatte er Gabby seit langem nicht sprechen gehört. Sie liebte Matt, auch wenn sie sich wie ein Elefant im Porzellanladen benahm, liebte sie ihn. Jedenfalls sagte sie das und der Nachdruck, so wie das Krachen in ihrer Stimme unterstrichen diese Emotionen. Kurz überlegte Kelly das Klemmbrett wegzulegen und sich davon zu schleichen, Gabby öffnete ihrer Freundin gerade einen Teil ihrer Seele, er hatte kein Recht zu lauschen.
Doch als die Stimme der Sanitäterin erneut erklang, hielt der Feuerwehrmann inne.
„Kannst du dir vorstellen wie das ist, wenn du mitansehen musst, wie all die glücklichen Ehen um dich herum zerbrechen? Wie es sich anfühlt zu sehen, dass die Liebe zwischen den Menschen, die du für unsterblich gehalten hast, einfach erlischt? Erst mein Bruder und seine Frau, dann meine Eltern. Soll ich etwa die Nächste sein?“, das zittern in Gabbys Stimme wurde stärker und Kelly wusste, auch ohne Brett zu sehen, das diese ihre Freundin gerade mitleidig ansah, „oh Gabby, es tut mir so leid. Aber das mit dir uns Matt ist anders, ihr seid im Allgemeinen doch glücklich miteinander, oder nicht?“
Der Schatten über Kellys Innerem wurde immer größer, die Gewissensbisse nagten heftiger an ihm und immer mehr Zweifel kletterten in sein Bewusstsein. Stellte er sich hier zwischen liebende? Würde Matt und Gabbys Ehe besser laufen, wenn sie mehr Zeit miteinander verbringen würden? Wollte er wirklich dazu beitragen, dass diese Verbindung zerbrach?
Normalerweise hatte er eine sehr gute Menschenkenntnis, wieso lag er bei Gabby so schrecklich daneben? In den letzten Monaten hatte er sie als kaltherzigen Tyrannen gesehen, welcher um jeden Preis seinen Willen durchsetzen wollte. Doch sah die Wirklichkeit anders aus, wollte Gabby einfach nur ihre Ehe retten? Wenn dem so war, dann musste sie doch erkennen, dass das der falsche Weg war.

„Ich habe mich mit meinen Eltern und auch mit meinem Bruder unterhalten und ihnen versucht zu erklären, dass ich meine Ehe nicht aufgeben werde. Sie meinten allerdings, dass sie keine Zukunft für Matt und mich sehen, doch ich habe einen Plan und dieser wird funktionieren, ich kämpfe für unser Glück und meinen Traum!“, das Zittern aus der Stimme der Rettungsdienstverantwortlichen war verschwunden, plötzlich klang sie entschlossen und taff. Sylvie schien das Gespräch jedoch zu verunsichern, „und was ist dein Plan?“
„Ein Baby, ist doch klar!“, grinste Gabby gerade? Ihre Tonlage hatte sich verändert und Kelly hörte wie Brett scharf die Luft einzog, bevor Gabby ihren Gedanken näher ausführte, „meine Eltern und mein Bruder sind der Meinung ein Baby könnte unsere Beziehung nicht retten, doch ich werde ihnen das Gegenteil beweisen. Mein Vater erzählte mir, dass er sich, vor Antonios Geburt, auch von meiner Mutter trennen wollte, doch nachdem sie schwanger war blieb er bei ihr, doch er meinte auch, dass die Trennung sich quasi nur um einige Jahre verschoben hätte. Ein Kind könnte eine Beziehung nicht retten und natürlich ist mein Bruder der gleichen Meinung, schließlich war es bei ihm genauso. Das scheint wohl der Fluch der Familie Dawson zu sein.
Doch ich lasse mich davon nicht abschrecken, ich weiß genau das ich es besser machen werde und dieses Baby unsere Beziehung retten wird, es muss einfach so sein. Ich will meinen Eltern beweisen, dass sie unrecht haben und ich recht! Ich werde es besser machen als sie!“
„Dann willst du dieses Baby, um deiner Familie zu beweisen das sie falsch lagen und du im Recht bist? Nicht wegen deiner Liebe zu Matt, sondern nur um recht zu bekommen?“, Sylvies Stimme klang entsetzt und als Kelly vorsichtig um die Ecke der Drehleiter lunzte und sah, wie Gabby abwertend mit der Hand schüttelte und sich der Ton in ihrer Stimme genau so nebensächlich anhörte, viel das schlechte Gewissen und der Schatten auf seinem Inneren im Bruchteil einer Sekunde von ihm ab, „ja, ja, es geht dabei auch um unsere Liebe, aber du musst doch zugeben, dass mein Plan quasi perfekt ist? Du kennst Matt und sein Verantwortungsbewusstsein, er wird mich und das Baby niemals im Stich lassen. Wir werden immer zusammenbleiben und eine glückliche Familie werden, naja und ganz nebenbei behalte ich recht!“

Kelly konnte sich das nicht länger anhören, auf leisen Sohlen schlich er um die beiden Wagen herum und verschwand im Inneren des Gebäudes.
Erst als der Rüstgruppenführer auf seinem Bett lag und an die Decke starrte, wurde ihm die Tragweite Gabbys Worte bewusst.
Sie wollte ihre Beziehung retten, in Ordnung, das konnte er nachvollziehen. Doch wollte sie Matt tatsächlich mit einem Baby an sich binden? War sie deshalb so versessen darauf schwanger zu werden? Das sie den Captain liebte stellte Kelly nicht in Frage, doch dass sie ihn auf solch niederträchtige Art manipulieren wollte, war unglaublich.
Vielleicht sollte er ihre Liebe doch in Frage stellen, wie groß konnte sie sein, wenn Gabby als letzten Ausweg diese Art der Bindung wählte?
Eine Trennung war schlimm, immer und für beide Seiten, doch wenn da keine Gefühle mehr waren, jedenfalls nicht die Art von Gefühlen, die Liebende zusammenhielt, hatte ein Fortsetzung dieser Beziehung dann überhaupt noch Sinn?
Das der Feuerwehrmann Gefühle für Matt entwickelt hatte, war ihm mittlerweile bewusst und auch das es emotionsreiche, romantische Gefühle waren. Könnte es sein, dass seine Gefühle für Casey echter als die seiner eigenen Frau waren? Hatten sie dann nicht doch, in irgendeinem Paralleluniversum, eine gemeinsame Zukunft verdient?
Sollte er die Entscheidung, seine Gefühle und Emotionen für Matt zu unterdrücken, noch einmal überdenken? Er würde den Feuerwehrmann jedenfalls nicht auf so hinterlistige Art manipulieren, ihn an sich binden, nur um den eigenen Willen durchzusetzen, oder im Recht zu bleiben.
Liebte Gabby Matt überhaupt noch, oder wollte sie einfach nur gewinnen?

Dieses Chaos machte ihn langsam wahnsinnig und frustriert drehte Kelly sich auf die Seite. Ein Blick auf seine Armbanduhr zeigte ihm, dass sie bereits halb Vier Uhr am Morgen hatten und von Müdigkeit war nichts zu spüren.
Gedankenverloren starrte er auf sein Handy, Matt spukte in seinem Kopf, in jeder Minute während dieser Schicht. Er hatte dem Drang, den Kollegen anzurufen um sich nach seinem Wohlbefinden zu erkundigen, nicht nachgegeben und für einen kurzen Moment war er stolz auf sein Durchhaltevermögen gewesen, doch wenn er es getan hätte, vielleicht würde er jetzt nicht immerzu an Matt denken müssen. Er würde sich nicht fragen müssen wie es dem Feuerwehrmann ging, oder was er gerade tat, ob er schlief? Ob der Tag gut für ihn gut gelaufen war? Ob er Schwierigkeiten hatte, oder Kellys Vorbereitungen Hilfreich gewesen waren?
Laut stöhnend und frustriert drehte Kelly sich auf den Rücken und presste fest die Lider aufeinander, als das kleine Mobiltelefon neben seinem Ohr laut zu klingeln begann und er vor Schreck beinah vom Bett fiel.
Atemlos setzte er sich auf, schnappte nach dem kleinen Gerät, ließ es dabei beinah fallen und als er endlich das Display in Augenschein nehmen konnte, zog sich ein nervöses Kribbeln durch seine Glieder, „Matt?!“
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