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Die besten Freunde

KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Flora Reinhold Hershel Layton Luke Triton
16.03.2020
16.03.2020
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Die besten Freunde


Kurzbeschreibung:

Der Professor trauert sichtlich um seine verlorene Liebe. Luke und Flora wollen ihm in dieser schweren Zeit unbedingt beistehen. Doch wie? Sie sind schließlich nur Kinder – und alles was sie sich ausdenken, erscheint lächerlich klein. [Spielt nach der „verlorenen Zukunft“]



„Auweia.“, stöhnte Luke und griff nach dem Radiergummi, um die Zahlen in der Textaufgabe auszubessern, „Sich Rätsel auszudenken ist viel schwieriger als sie zu lösen.“ So langsam begann ihn der Mut zu verlassen. Dabei war das schon das zehnte Rätsel an dem er gerade arbeitete. Aber sie kamen ihm alle nicht schwer genug vor. Resigniert pustete er die Krümel von seinem Block und beugte sich wieder über den Schreibtisch.
„Also ich finde sie gut.“, versuchte Flora ihn aufzumuntern. Sie lag bäuchlings auf dem blanken Parkettboden, hatte all ihre Buntstifte um sich ausgebreitet und verzierte die bereits fertigen Rätsel mit passenden Bildern. Eben war eine Blumenwiese an der Reihe. Mit einer schwarzgekleideten Gestalt darauf, die man ohne den hohen Hut niemals als Hershel Layton hätte identifizieren können.
„Ja, du.“, Luke seufzte, „Die Rätsel sind aber für den Professor. Und der wird darüber bestimmt nur lachen.“
„Das glaube ich nicht.“, protestierte Flora und setzte sich auf, „Höchstens ein bisschen schmunzeln. Und dann haben wir doch erreicht was wir wollten, oder?"
Dagegen konnte Luke nichts einwenden.
Die Veränderung, die in den letzten Tagen an dem Professor von statten gegangen war, war vermutlich nur von Luke und Flora bemerkt worden: Er war stiller geworden. Noch häufiger in Gedanken versunken, als gewöhnlich. Auch schien ihm seine Arbeit weniger Spaß zu machen und er wirkte allgemein sehr melancholisch. Luke hatte selbst gesehen, wie traurig seine Augen wurden, wenn er meinte niemand würde ihn beobachten. Und es war nicht schwer zu erraten, dass das alles mit Claire zusammenhing. Natürlich litt er. Er hatte seine große Liebe wiedergetroffen, nachdem er so viele Jahre geglaubt hatte, sie für immer verloren zu haben. Für einen kurzen Moment hatte er sie noch einmal festhalten dürfen. Dann war sie ihm vom Schicksal doch wieder entrissen worden. Er musste die Trauer ein zweites Mal überwinden. Luke mochte sich nicht vorstellen, wie schwer das war. Und er verfluchte, dass ihm nur noch so wenig Zeit blieb seinem Mentor zu helfen. In ein paar Tagen war er auf dem Weg nach Übersee. Dann wäre es zu spät.

„Und du bist dir ganz sicher mit dem, was du gesehen hast?“, vergewisserte er sich noch einmal bei Flora.
„Natürlich. Das hab ich dir doch schon gesagt. Es war ganz schlimm: Er hat komplett angezogen im Dunkeln auf seinem Bett gesessen und furchtbar traurig vor sich hingestarrt. Ich hab ihn fragen wollen, ob ich mir noch etwas Milch warm machen darf, weil ich nicht schlafen konnte. Also hab ich ganz vorsichtig ins Schlafzimmer geguckt.“ Ihn anzusprechen hatte sie sich dann aber nicht mehr getraut. Der Professor hatte so einsam ausgesehen. Ganz kalt und unbehaglich war ihr bei diesem Anblick geworden. Dabei hatte sie sich bei ihrem Vormund bisher immer so wohl fühlen können.
„Wir müssen unbedingt etwas für ihn tun. Darum hab ich dich gleich um Hilfe gebeten.“, sagte sie zu Luke.
„Und das war auch sehr richtig so.“

„Was habt ihr denn da zu flüstern?“, Professor Layton steckte den Kopf in Floras Zimmer. Sein Klopfen war ihnen völlig entgangen. Erschrocken fuhren die Kinder zu ihm herum und Flora machte einen halbherzigen Versuch, die Blätter zusammenzuraffen.
„Gar nichts!“, riefen sie.
Verwundert blickte Layton zwischen ihnen hin und her.
„Wir müssen los zur Universität.“, sagte er dann, „Kommst du, Luke?“
„Äh …“, stotterte der und sah hilfesuchend zu Flora. Er durfte hier jetzt nicht weg. Sie hatten doch noch so viel zu tun. Aber wie sollte er das erklären? Zum Glück reagierte Flora schneller als er: „Kann Luke heute nicht ausnahmsweise zum Spielen bleiben? Er ist doch nicht mehr lange hier.“
Der Professor zögerte. Fast sah es so aus, als wolle er ablehnen – doch schließlich besann er sich und stellte seine eigenen Wünsche hintenan.
„Aber natürlich. Ich muss lernen, ohne meinen Assistenten zurechtzukommen.“ Wie um sich selbst zu überzeugen, rückte er sich den Zylinder zurecht. Luke schluckte. Das alles gefiel ihm gar nicht. Warum musste er den Professor auch ausgerechnet in dieser Zeit allein lassen? Das war nicht fair.
„Ich werde den ganzen Nachmittag Vorlesungen haben. Und dann muss ich mich noch mit einer Studentengruppe treffen.“, informierte sie Professor Layton über seinen weiteren Tagesverlauf und dabei sackten seine Schultern merklich nach unten. Ein tiefer Seufzer folgte.
„Bis später, ihr Zwei.“, verabschiedete er sich.
„Durchhalten, Professor!“, rief Luke ihm noch nach.

„Ja …“, sprach er dann in die Stille, die auf das Klacken der Wohnungstür gefolgt war, „Der Professor braucht ganz dringend einen entspannten Rätselabend.“
„In seinem Lieblingssessel, mit Tee und Gebäck und einer Decke über den Beinen?“, spann Flora den Gedanken weiter.
„Ganz genau.“, stimmte Luke ihr zu. Doch dann wurde er wieder schrecklich unsicher.
„Aber ob das auch wirklich ausreicht? Was meinst du?“ Er wurde noch ganz wirr im Kopf von all den Zweifeln. Er hatte geglaubt, den Professor zu kennen. Aber nun, wo es darum ging etwas zu finden was ihn trösten und wieder glücklich machen würde, wollte ihm partout nichts einfallen. Es war zum Mäusemelken.
„Hm …“, Flora legte den Kopf schief und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen den Mundwinkel. Das half ihr beim Nachdenken.
„Könnten wir nicht …? Ach nein, das ist auch zu banal.“
„Was denn? Sag doch, Flora.“
„Nun ja. Ich hab mir gedacht: Wie wäre es, wenn wir das Wohnzimmer noch aufräumen, bevor er nach Hause kommt?“
„Na klar!“, Lukes Augen fingen an zu leuchten, „Er hasst es, Ordnung zu schaffen. Damit machen wir ihm bestimmt eine Freude.“


Luke hatte der Unordnung, die in der Wohnung des Professors herrschte, bisher nie viel Beachtung geschenkt. Sie gehörte nun einmal zu ihm dazu, wie der Zylinder oder das Laytonmobil. Und er hatte mit dieser Schwäche seines Mentors sehr gut leben können.
Doch wie er nun auf der Türschwelle stand mit dem festen Vorsatz, eben jene Unordnung zu beseitigen, kam es ihm so vor als sähe er das Wohnzimmer zum ersten Mal: Dicke Wälzer stapelten sich auf fast jeder freien Fläche. Dazwischen lagen Aktenordner und Mappen mit losen Blättern. Selbst das Sofa war nicht wirklich davon verschont geblieben. Über der Lehne des Ohrensessels hing eine zerknüllte Wolldecke und der Beistelltisch daneben war überladen mit Zeitungen und Hausarbeiten, da Professor Layton die Angewohnheit hatte Letztere in gemütlicherer Atmosphäre zu korrigieren, wenn es spät wurde.
Luke wurde mulmig zumute. Aber er wäre nicht Laytons Lehrling, wenn er so einfach aufgeben würde. Das war nichts anderes als ein einziges großes Rätsel. Er holte tief Luft: „Also gut. Packen wir es an.“
„Und womit beginnen wir?“, fragte Flora.
„Du stapelst die Zeitungen und ich räume alle wichtigen Unterlagen ins Arbeitszimmer. Und dann kümmern wir uns gemeinsam um die Bücher.“, entschied Luke.

Gesagt, getan. Und es war richtig gewesen, zuerst mit den einfachen Sachen anzufangen. Das erkannte Luke als er vor dem riesigen Regal stand, welches die gesamte Wandbreite einnahm. Selbst die Bücher, die der Professor sich nicht zum Schmökern herausgezogen hatte standen wahllos durcheinander.
„Wir sollten es erstmal komplett ausräumen und dann neu sortieren.“, überlegte er. Und das wurde zu einer Heidenarbeit: Er musste sich auf einen Stuhl stellen und den dreimal weiterrücken, um die obersten Bretter leerzuräumen. Als das getan war, übernahm er die Regie und Flora wuselte durch das Zimmer, besah sich die Stapel, nannte Titel und reichte ihm die, die er gerade brauchte. Die Sachbücher kamen nach oben. Die unzähligen Kriminalromane wurden, nach Autor und Titel geordnet, in der Mitte platziert. Und dann folgten Doyle, Verne und all die restlichen Klassiker, die der Professor in den letzten Jahren zusammengetragen hatte.
Zufrieden und sehr stolz ließ Luke seinen Blick am Ende noch einmal über die Reihen wandern, konnte aber keinen Fehler mehr entdecken.
„Wir sind fertig!“
„Noch nicht ganz.“, widersprach Flora, „Wenn, dann machen wir es richtig.“ Sie war mit einem Eimer Seifenwasser ins Zimmer gekommen und warf dem Jungen ein zweites Tuch zu. Luke ahnte, was auf ihn zukam. Er ließ die Schultern hängen. Aufs Putzen hatte er keine Lust. Aber Flora damit allein lassen wäre gegen die Ehre eines Gentlemans.

*

„Hier – das haben wir uns jetzt verdient.“ Mit einem vollbeladenen Tablett kam Luke aus der Küche wieder und arrangierte Teekanne, Tasse und einen Teller mit Keksen auf dem Couchtisch, so wie er es gelernt hatte.
„Es ist schon ganz dunkel draußen. Wann kommt der Professor denn nur?“, Flora klang ein wenig besorgt. Sie hatten komplett die Zeit vergessen.
„Sei lieber froh, dass wir rechtzeitig fertig geworden sind.“
Darauf gab Flora keine Antwort. Abwesend nagte sie an ihrer Unterlippe.
„Findest du nicht auch, dass es hier irgendwie viel weniger gemütlich ist?“
Luke hielt in seiner Arbeit inne, hob den Kopf und sah sich um: Der Wohnzimmer wirkte mit einem Mal viel größer. Schlichter und unpersönlicher. Das Regal sah so perfekt aus, dass Luke es nicht gewagt hätte eines der Bücher herauszuziehen. Und die Sofakissen lagen nun zwar akkurat nebeneinander, luden aber überhaupt nicht mehr zum Hineinlehnen ein. Flora hatte Recht. Es war kaum möglich, sich hier so wohlzufühlen wie vorher. Ihm kam plötzlich der Verdacht, einen schrecklichen Fehler begangen zu haben. Was würde der Professor sagen? Am Ende war es ihm ja gar nicht recht, dass sie an seine Sachen gegangen waren?
„V-vielleicht machen wir es lieber wieder rückgängig.“, überlegte er kläglich. Flora kam nicht mehr dazu, sich dem Vorschlag anzuschließen. Denn im nächsten Moment hörten sie die Haustür.
„Ich bin wieder da.“, rief Professor Layton und es hörte sich sehr erleichtert an. Panisch blickten die Kinder sich an. Jetzt war es zu spät, noch etwas zu ändern!
„Entschuldigt die Ver- …“ Der Professor brach mitten im Satz ab. Wie angewurzelt blieb er im Türrahmen stehen, der Koffer entglitt seiner Hand und landete mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden.
„W-was ist denn hier passiert?“

Er war fassungslos. Luke hatte es geahnt. Und er konnte nicht abschätzen, inwieweit der Professor nicht doch wütend werden würde. Blitzschnell stellte er sich vor Flora.
„Tut mir Leid! Die Idee mit dem Aufräumen kam ganz spontan. Ich hab das nicht bis zum Ende durchdacht. Wir wollten Ihnen eigentlich nur einen schönen Abend machen. Mit Tee und Rätselraten und so.“, sprudelte es aus ihm hervor. Hastig griff er sich den vorbereiteten Stapel Rätsel und streckte ihn dem Professor entgegen. Flora nickte heftig.
Immer noch leicht überfordert betrachtete Professor Layton die oberste Seite, sah die farbenfrohe Zeichnung und die Radiergummispuren. Dann wanderte sein Blick langsam durch den Raum. Über das Teeservice, die Fensterbretter, die von Staub und unzähligen Büchern befreit worden waren, sein Regal, das er kaum wiedererkannte; und schließlich zurück zu den beiden Kindern, die so schuldbewusst zu ihm aufblickten als erwarteten sie ernsthaft, er würde sie schelten. Und mit jedem Detail setzte sich das Puzzle in seinem Kopf weiter zusammen, bis ihm schließlich klar vor Augen stand was das alles wirklich zu bedeuten hatte.
Noch nie zuvor hatte seine Stimme bei einer Schlussfolgerung so gezittert: „Ihr … ihr habt euch Sorgen um mich gemacht.“

Sie waren durchschaut worden! Dass das so schnell passieren würde, hätte Luke nicht gedacht. Seine Ohren wurden glühend heiß. Aber gab es überhaupt einen Grund sich zu schämen? Es war schließlich nur der Professor. Während er noch nach einer Erklärung suchte, beschloss Flora, mit dem Mut der Verzweiflung, einfach die Wahrheit zu sagen.
„Sie waren in den letzten Tagen so anders. Glauben Sie, das hätten wir nicht bemerkt? Natürlich haben wir uns Sorgen gemacht. Weil wir Sie nämlich schrecklich gern haben, Professor.“ Sie kam an Lukes Seite, der sie gerade nur noch bewundern konnte. So viel Offenheit hätte er sich nie zugetraut. Jetzt war es an ihm, heftig zu nicken.
Und dem Professor fehlten tatsächlich die Worte. Er starrte sie an. Solange, bis er das liebevolle Lächeln nicht länger zurückhalten konnte, und es vor lauter Rührung nicht mehr fertig brachte ihnen in die Augen zu schauen.
„Danke“, sagte er leise – fasste sich dann aber wieder und legte ihnen jeweils eine Hand auf die Schulter.
„Ich seid die besten Freunde, die ich mir nur wünschen könnte.“
Freunde, hatte er sie genannt. Es nicht nur gesagt, sondern auch aus tiefstem Herzen so gemeint. Luke wurde ganz warm, als er das hörte. Und auch Flora strahlte. Von ihrer vorherigen Unsicherheit war nichts mehr übrig: Sie überbrückte die letzte Distanz zu Professor Layton und schmiegte sich überglücklich in seine Arme. Und Layton entspannte sich sichtlich, schloss die Augen und drückte Flora behutsam an sich. Für einen langen Moment hielt er das Mädchen einfach nur fest.

„Das tut gut …“, seufzte er, „Ich danke dir, Liebes.“ Er streichelte ihr noch einmal über den Rücken, dann löste er die Umarmung.
„Ich wollte euch keinen Kummer bereiten. Aber die Sache mit Claire muss ich allein durchstehen. Und das werde ich auch – da bin ich mir sicher. Es braucht nur eben seine Zeit. Versteht ihr das?“
Luke murmelte eine ehrfurchtsvolle Zustimmung. Ganz ernst hatte der Professor mit ihnen gesprochen. Wie mit Erwachsenen.
„Aber heißt das dann, wir können gar nichts für Sie tun?“, fragte er.
„Heute Morgen hätte ich vielleicht noch Nein gesagt. Aber jetzt muss ich zugeben, dass ich das mit der Ablenkung für eine ausgezeichnete Idee halte. Vor allem, da ihr euch solche Mühe damit gegeben habt.“, erklärte Layton mit freundlich erhobenem Zeigefinger. Er nahm die Rätsel entgegen, schenkte den inzwischen nur noch lauwarmen Tee ein und ließ sich dann in seinen Sessel fallen. Luke und Flora strahlten sich an. Die Arbeit war also doch nicht umsonst gewesen.
„Was haltet ihr davon, wenn ich mich zuerst an euren Rätseln versuche …“, schlug der Professor vor und blätterte bereits neugierig durch die Papiere, „und dann machen wir es uns hier bei Kerzenschein so richtig kuschelig und ich erzähle euch von Claire?“
Das klang herrlich und trotzdem wollte Luke eigentlich protestieren. Sagen, dass der Professor das nicht müsse, wenn er nicht wolle. Doch bevor er den Mund aufmachen konnte, quietschte Flora schon hellauf begeistert.
„Werden die Geschichten romantisch, Professor?“
„Aber natürlich! Sogar sehr. Ich war damals schließlich bis über beide Ohren in sie verliebt.“, gestand er ihnen schmunzelnd und wurde dabei tatsächlich ein wenig rot.



ENDE
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