Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Dornnacht

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Anne Persephone Gandwolf Geraldine Viego Vandalez
16.03.2020
16.03.2020
1
2.126
 
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
16.03.2020 2.126
 
Der Neumond riss über Viegos Kopf ein Loch in den vom Horizont aufsteigenden Schwarm der Sterne, gegen deren dunkelblau leuchtenden Staub die Tintenschwärze brandete. Seine Augen wanderten die Naht entlang, wo Baumwipfel zum Himmel wurden, während Viegos Finsternis aus der Vampirseele hinaus in die Nacht wurzelte.
Den Turm, auf dessen Dach der Vampir sich in der Dunkelheit verlor, umschwirrten Libellen, angelockt von dem unter den Vergissmeinnicht blau leuchtenden Grab, ihre Flügel spiegelten den Schein wieder zu hunderten indigoblauen Funken in den Schatten des Parks.
Um Viego herum, hoch über den schillernden Insekten, strömte Kälte, die seinen Atem zu Nebel gefror, einem weißen Schleier in der Nacht vor ihm. Er schloss die Augen, vergrub die Hände in seinen Manteltaschen und spürte der Kühle auf seiner Haut nach, verwoben mit den Schatten.
Lange geschmolzener Schnee wehte durch seine Gedanken…

Dornbäume reckten ihre Zweige den Schneeflocken entgegen, die aus der Nacht ihren vom Mondenschein erweckten tanzenden Schatten auf dem Grund entgegen sanken und vor dem dunkel aufragenden Internat einen fließend weißen Schleier woben.
Unter den winterruhenden Ästen wandte Viego sich Geraldine zu, die neben ihm mit von Flocken behangenem Haar durch den Schnee spazierte und ihre Augen, braun mit dem Licht ihrer Laterne darin flackernd, über das kalte Weiß wandern ließ. Wärme entfaltete sich in ihm, als sie seinen Blick erwiderte und lachte: „Du siehst niedlich aus mit dem Schnee, wie bepudert.“ Ihre behandschuhten Finger umfassten seinen Arm, worauf der Halbvampir seine Reißzähne zu einem Lächeln bleckte.
„Wie in einer Schneekugel, hm?“ Zwischen den schwarzen Stämmen um sie segelten von Flocken begleitete Vogelschemen hindurch, verschwommen durch den Laternenschein, dessen waberndes Glühen an dem Dornbaum vor Viego und Geraldine hochwanderte und sich in seinen Nadeln verlor.
Er setzte sich neben sie zwischen die Wurzeln, worauf Geraldine das Licht in das Weiß abstellte und sich gegen den Vampir lehnte, mit den Fransen ihres Schals spielend. „Meine Großmutter hatte eine Schneekugel, die ich als Kind sehr geliebt habe. In ihr saß ein Eisbär mit einer Mütze auf einem Geschenkeberg…“ Als Viegos Finsternis das Glühen der Laterne trübte und das Dunkel der Nacht zu ihnen unter die Äste lockte, lächelte sie, ihren Kopf auf seiner Schulter bettend. „Wolf hat sie fallen gelassen.“
Viego lachte leise und legte seine Wange auf ihre Haare. „Wieso habe ich damit gerechnet?“ Seine Finger verschränkten sich mit ihren, die Wollfäden des Schals um sie gewickelt, und Geraldine schmiegte sich in den Abgründen seiner Schatten näher an ihn.
Die Nadeln des Dornbaumes wiegten sich über ihnen im Wind, Schnee durch das kalt verästelte Düster sinken lassend, dessen Schlieren die Lampenflamme umschlangen und ihr Leuchten in Schwärze erstickten. Der Vampir blickte zu dem dunklen Glas, ehe er seine Hand hob und sie in dem weißen Flockenreigen ausschüttelte.
Feuerfliegen glimmten auf und ihre Flügel tupften Lichter in die von Schneewehen durchäderte Nacht, während glühend ausfasernde Löcher die um Viego und Geraldine gewundenen Schatten maserten. Er hörte ein leises „Oh“ von ihr, dann richtete sie sich auf und bestaunte die geflügelten Funken, lächelnd, als sich einer auf ihrem Handschuh niederließ.
Finsternis wogte um den Baum, doch unter seinen Zweigen entlockte das tanzende Glühen, das über Geraldines Haar wanderte und die Eiskristalle darin zum Leuchten brachte, dem Halbvampir ein Lächeln. Sie schaute zu ihm, ummalt von den gewobenen Feuerwirbeln, und wickelte sich den Wollschal vom Hals. Ihre Augen leuchteten warm in dem Tanz aus Licht, Schatten und Schnee, der sich um sie drehte, während sie den Schal um den Nacken des Vampirs legte und ihn daran zu sich zog, bis sich Geraldines Lippen sanft auf seine legten.
Funken stoben von den Feuerfliegen in ihrem wilden Kreiseln auf und die Schatten pulsierten im Takt von Viegos Herzschlag, als er sich in den von Schnee berieselten Kuss hineinlehnte, das Silber des durch die Wolken brechenden Mondes auf den Dornbäumen schimmernd.

Im Turm widerhallende Schritte zerrten ihn aus der Erinnerung und Viego öffnete die Augen, schlafdunkel belaubte Bäume am Horizont von einer Mondleere, die mit Sternen gesprenkelt war, umhüllt sehend, ehe er sich der Plattform unter sich widmete. Anna schob sich ins Freie, schlang in der Kälte ihre Jacke enger um sich und erstarrte dann, als die vampirischen Schatten auf sie niedersanken, nur ihre flammroten Haare wehten noch im Wind. Mit einem letzten Blick zum Blättermeer unter ihm zog Viego seine Finsternis zurück, er hörte das befreite Aufatmen unter sich, und sprang neben dem Mädchen auf die Plattform. „Anna, was machst du mitten in der Nacht hier oben?“
„Ich habe mir Sorgen um dich gemacht“, antwortete sie sich zu ihm wendend, die Hände in den Taschen vergraben und Mitleid in ihren Augen schimmernd, „weil du auch mitten in der Nacht hier oben bist, allein.“
Er ließ seinen Blick an ihr vorbei zu den Lichtern der Stadt schweifen, die einsam in der dunklen Landschaft glühten, ehe er wieder Anna fokussierte und rau erwiderte: „Ich hoffe dir ist klar, dass ich hervorragend auf mich selbst aufpassen kann, mein Kind.“
Auf ihren forschenden Blick zog er lediglich eine Augenbraue hoch, worauf sie den Kopf schüttelte. „So meinte ich das auch nicht… Kommst du mit zurück zur Bibliothek?“ Viego nickte, geflissentlich die Annas Gesicht erhellende Erleichterung ob seiner Begleitung ignorierend, und betrat mit ihr das Innere des Turmes, von dessen Wänden die Echos ihrer Schritte sie umschwirrten auf ihren Weg nach unten.
Er stieg die letzten Stufen hinunter, als Anna die Tür nach draußen aufzog und durch das Turmfinster eine zartblaue Aura sickerte, in dessen Pulsieren sie raus in den nachtverhangenen Park ging, gefolgt von dem Halbvampir. Von Raureif verkrustetes Gras knackte unter seinen Schuhen, während Viego von dem Weg zum Eisentor abwich und vor den Vergissmeinnicht des Grabes stehen blieb, deren Blüten blau um Gangwolfs Schwert wogten.
Sonnenstrahlen flackerten in seinen Erinnerungen auf…

Sumpflochs Fenster blitzten im Licht der Sonne auf und seine maroden Dächer türmten sich dem Himmel entgegen, über den in blutrotes Leuchten getunkte Wolken wanderten. Goldene Strahlen tanzten über Wälder und Moore und der Brücke entlang, über deren warm glühenden Steine eine Brise aus Blumenduft und Hartz wehte, während aus den Baumkronen Vögel ihr Abendlied sangen.
Viego hasste es abgrundtief.
Er strich mit einem Finger über das weiße Blüten treibende Moos in seinem Schatten auf der Brüstung entlang, darauf konzentriert seine Dunkelheit in dem Inferno aus Lichtnadeln, das sich Sonnenuntergang schimpfte, zu bändigen, und biss sich auf die Lippe, da er gleichzeitig versuchte mit dem neben ihm auf der Brücke sitzenden Gangwolf eine Unterhaltung zu führen.
„Und wie genau trinkst du dann das Blut, wenn du jemanden gebissen hast? Sind deine Zähne hohl?“, fragte sein neuer Freund gerade, lehnte sich zurück und schaute zu dem Halbvampir.
Viego schüttelte den Kopf. „Die Zähne sind nur zum Aufreißen der Haut, man trinkt einfach so aus der Wunde…“ Er blickte hoch zu dem in tiefes Rot gewandten Himmel, dessen Horizont von goldorangenen Schlieren gesäumt wurde, und verfolgte mit seinen Augen einen Vogelschwarm beim durch die Wolken tauchen, während Gangwolf sich in der Wärme streckte.
„Was ist mit Knoblauch? Bist du allergisch oder so?“
Der Vampir zog eine Augenbraue hoch. „Sollte ich?“ Neben ihm brachen sich Lichter in Gangwolfs hellen Haaren, als dieser den Kopf schüttelte, lachte und erklärte: „Nein, aber angeblich ist Knoblauch giftig für Vampire, so wie Kreuze, weißt du?“
„Kreuze und giftig? Seltsam…“ Wind wisperte durch die Blätter der Bäume, milchigen Dunst, dessen Ränder golden mit dem Himmel verschmolzen, von der am Horizont sterbenden Sonne fortwehend, und feuriges Licht blendete die Schwärze in Viegos Augen.
Er wandte sich von der Blutsonne ab und betrachtete die weißen Moosblüten unter seinen Fingern, deren Schatten dunkel über die Brücke flossen. In der frostigen Aura, aus ihrer eigenen Dunkelheit in den Wind schleichend, fädelten sich welkend schwarze Adern durch die Blätter der Pflanze und Viego sog scharf die Luft ein. Er zog die wölkende Düsternis in seine Seele zurück, bis ein Gestöber aus Abendlicht das schattige Wabern zerstob und sich golden auf die Brücke ergoss.
Zögernd hob der Halbvampir seine Augen von dem Moos, ehe sie Gangwolfs Blick kreuzten.
„Entschuldige, ich kann es nicht… kontrollieren“, hauchte der Halbvampir, sich auf die Lippe beißend, und kratzte über die abgekühlten Steine, während sein Freund ihn in der warmen Luft zitternd anstarrte.
„Das warst du?“
Viego senkte seinen Kopf und schaute nach unten auf die Lichtreflexe des Bachs, dessen Plätschern das Schweigen zwischen ihm und Gangwolf durchfloss, während die Spiegelung seines Freundes sich erhob und aus dem Wasser verschwand.
Er schloss die Augen und grub seine Reißzähne tiefer in seine Lippe, bis Blut aus der Wunde quoll, ehe der Vampir die Kühle eines auf ihn fallenden Schattens spürte und sich ein Arm um seine Schultern legte.
„Du musst dich nicht entschuldigen. Es war zwar modrig, kalt und eklig…“ Viego sah aus dem Halbdunkel hoch zu Gangwolf, der ihm von goldener Dämmerung umlichtet entgegenlächelte. „Aber wir sind Freunde und ich vertraue dir. Lass uns reingehen, da ist es nicht so hell.“
Frösche quakten in den Sümpfen, begleitet von dem Zwitschern der Vögel, die durch das Himmelsblut flogen, als der Halbvampir Gangwolf von der Brücke runter zu der Düsternis hinter Sumpflochs Toren folgte.
„Hast du Drüsen, aus der die Dunkelheit kam?“
Viego lachte befreit auf.

Viego schaute an der von Efeu überwucherten Bibliothek zu den in die Nacht leuchtenden Fenstern hoch, ehe er den salutierenden Wachen zunickte und die Türen aufschob. Mit Wärme verwobenes Licht flutete ihm entgegen, vor dessen Brennen er zurückzuckte und die Augen zusammenkniff, während Anna sich besorgt zu ihm drehte.
„Viego? Alles gut?“, fragte sie und trat vor ihn, eine Hand auf seinen Arm legend.
Er nickte. „Natürlich, ich stand nur zu lange im Dunkeln.“ Das Glühen verblasste zu flackernden Kerzenschein, nachdem der Halbvampir etwas die Augen geschlossen hatte, und flaschengrüne Sessel um eine Stehlampe herum, eine leise tickende Standuhr sowie die von finsteren Fenstern gesäumte Treppe in den Lesesaal schälten sich aus der Helligkeit. „Ist der Strom wieder ausgefallen?“, wandte Viego sich an Anna, schloss die Türen hinter sich und trat auf die Stufen zu, deren Holz seine Schritte mit Knarzen begleiteten.
Das Mädchen schloss zu ihm auf, zuckte mit den Schultern und erwiderte: „Als ich wegging funktionierte er noch.“
Hinter den geöffneten Türen, in denen Viego nun stehen blieb, kringelten sich beerenschwere Ranken durch das Glasdach, deren Schatten um die züngelnden Kerzenflammen herum über Buchrücken und verzweifelten Minen krochen, bei deren Anblick Viego sich auf die Lippe beißen musste, um das Seufzen in ihm niederzukämpfen.
Seine Augen wanderten hoch zu den Pflanzen, ihren sich außen welk krümmenden Blättern vor dem Sternenstraßen entzweireißenden Mondloch. Es wurde Winter, Viego spürte es in jedem kälteren Tag, doch auch Thunas leise vergossenen Tränen malten ihm ein Bild des endenden Sommers und Furcht begann seitdem in seinem Herzen zu nisten.
„Die Magichaniker werden wohl bald hier sein“, riss er sich aus seinen Gedanken und begegnete Annas Blick, die an ihm vorbei in den Lesesaal gegangen war. „Ich werde vorher in den Archiven nach besseren Plänen suchen; hole mich bei einem Notfall.“ Der Vampir wandte sich zurück zur Treppe um und als er die erste in Dunkel gehüllte Stufe betrat, erklang hinter ihm Annas Stimme: „Soll ich dich begleiten?“
Er verharrte, bereits halb mit den Schatten des Treppenhauses verschmolzen, und schüttelte den Kopf. „Den Weg nach unten sollte ich noch alleine finden können, Anna.“ Darauf stieg er die Stufen zurück nach unten und betrat den Kerzenschein um die Sessel herum, dessen in der Schwärze seiner Augen züngelndes Licht ihm entgegenloderte.
Viego erschauderte unter dem Brennen auf seiner Haut und verließ das Glühen, zu einem schattenverhangenen Fenster fliehend, während seine Finger in seiner Tasche über kaltes Glas tasteten und ein Fläschchen hervorzogen. Sein Blick schweifte beim Trinken der Medizin hoch zum Himmel, der Lettimur mondverwaist in Finsternis tunkte.
Ihm selbst schienen seine Lichter auch abhandengekommen zu sein.
Viego schloss die Augen, spürend, wie sich Schatten um ihn legten und mit seiner Dunkelheit verwoben. Er lehnte an der Wand neben dem Fenster, während die um den Halbvampir aufsteigende Kälte es mit Frostblumen benetzte, und lauschte dem Uhrenticken, das gedämpft durch die ihn umwitternde Düsternis drang. Die Stille zwischen den Zeigern füllte Leere, ein Echo aus den Welten entfernten Vampirländern. In seiner Einsamkeit, die er lange verloren geglaubt hatte, schien Viego wieder das Laub im Wind wispern zu hören, roch Baumharz und Blut, von den Reißzähnen anderer Vampire triefend, deren Schatten nach ihm griffen.
Ich bin bei dir, Viego. Geraldines Stimme perlte wie Lichttropfen durch seine innere Schwärze.
Er öffnete die Augen und sah hinter seiner weichenden Finsternis Kerzenschein aufflackern, ehe er sich von der Wand abstieß und das aus seiner aufgebissenen Lippe sickernde Blut fortwischte.
Danke.
Seine Schritte führten ihn zu der Kellertreppe und Viego strich beim Hinabsteigen der Stufen mit einer Hand über die Ziegelsteine, während das vereiste Fenster tauend Wolken offenbarte, durch deren schwarze Nebel Lichter sprangen.
Aus den Archiven quellende Dunkelheit umschloss den Vampir.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast