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Mass Effect: Romanversion

von CL Bell
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16 / Gen
Commander Shepard Garrus "Archangel" Vakarian Liara T'Soni Saren Arterius Tali'Zorah vas Normandy Urdnot Wrex
16.03.2020
18.03.2020
3
10.616
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16.03.2020 4.501
 
Ein Schiff schoss durch die Sterne, fern von der Erde. Später würden Lieder über den Namen gesungen werden. Die Normandy. Ein schlankes Schiff, ein sehr elegantes, das zu den besten der Allianz gehörte. Jeder Mensch, der sich darin befand, war konzentriert. Jeder Mensch, der sich darin befand, war erwartungsvoll. Wer nicht gerade arbeitete, der presste die Lippen zusammen. Sie hatten das Okay bekommen.
Shepard eilte die Gänge der Normandy entlang, während im Hintergrund laut und deutlich die Stimme des Piloten, Joker, als Durchsage zu hören war. „Das Arcturus-Prime-Massenportal ist in Reichweite. Starte die Transmissions-Sequenz.“
Commander Shepard war etwa 35 Jahre alt. Er hatte seine Haare auf weniger als einen Millimeter abrasiert und genoss den Respekt seiner Crew. Auf der Kommando-Brücke, die sich genau vor dem Cockpit befand, nickten ihm Unteroffiziere zu. „Verbunden. Berechne Transitmasse und Ziel.“ Ein Dutzend Männer und Frauen an Computern sorgten für reibungslose Abläufe. Jeder tat seinen Teil. Zielstrebig und wortlos marschierte Shepard den Gang entlang zu Joker. „Das Massenportal ist heiß. Zugriff auf Annäherungsvektor. Alle Stationen sichern für Transit.“
Shepard erreichte das Cockpit, wo ein konzentrierter Joker auf einer orangenfarbenen Hologrammkonsole herumspielte, rechts von ihm als Co-Pilot Kaidan Alenko. Hinter ihm stand Spectre Nihlus. „Grünes Licht. Annäherung eingeleitet.“
Mit zusammengepressten Lippen blickte Shepard aus dem Cockpitfenster – vor ihnen ein gewaltiges technologisches Meisterwerk. Eines der Massenportale, die ihnen die Reise durch das Raum-Zeit-Gefüge ermöglichten. Sie schufen im Grunde massefreie Korridore. Noch heute vermochte keine lebende Spezies, diese Technologie der Protheaner nachzubauen.
Es war ein riesiges Konstrukt, auf der einen Seite rund, ein sich immerzu bewegendes, fast fest anmutendes Licht umkreisend, zur anderen Seite hin zwei längliche Stäbe, die eine Bahn ermöglichten wie bei einer Pistole. Je näher sie kamen, desto größer wurde es. Die Normandy war daneben nicht viel mehr als eine Ameise für einen Menschen. Sie flogen geradewegs in den Kreis, in das Licht. „Portal-Kontakt in 3 … 2 … 1 ...“
Ein energetischer Strahl umschloss das Schiff, das gesamte Konstrukt blitzte auf, und dann war es weg. Es hatte die Normandy in die Weiten der Galaxis geschossen – zu Arcturus Prime.
Nun hörte Shepard Joker direkt neben sich reden, und nur ihn – im gesamten Cockpit war sonst nichts zu hören als ein ruhiges, wohliges Brummen des Schiffes. „Navigationssystem … Check. Interner Emissionsspeicher aktiviert. Alle Systeme online. Abweichung … etwas weniger als 1500 Kilometer.“
Der Turianer und Spectre Nihlus nickte. Turianer waren schwer zu beschreiben. Ihre Heimatwelt, Palaven, hatte einen metallarmen Kern mit einem nur schwachem Magnetfeld und jeder Menge durchgelassener Solarenergie. Deshalb hatten die meisten dortigen Lebensformen eine Art Exoskelett mit Metallanteilen ausgebildet. Mit anderen Worten: Turianer hatten eine harte Haus wie panzerlose Schildkröten, und böse Zungen würden sie vielleicht auch als solche bezeichnen.
Abgesehen davon ähnelte der völlig haarlose Körper wie bemerkenswerterweise bei den meisten intelligenten Spezies der Galaxis dem der Menschen. Zwei Beine, zwei Arme, ein Torso und ein Kopf. Der Kopf  ist länglicher, sowohl was das Kinn betraf als auch die obere, hintere Seite.  Er war schuppig und von einem natürlichen Muster geziert, das bei jedem Turianer anders aussah. Das Gesicht erinnerte außerordentlich an Reptilien, statt Haaren schmückten nach hinten zeigende, längliche Erweiterungen den Kopf. Das war bei jedem Turianer anders, aber immer zwischen sechs und vielleicht zwölf Stück, jedes davon wie ein langes Messer anmutend, vereinigt wie eine nach Menschenstandard angsteinflößende Maske oder vielmehr Krone wirkend, die am Oberkopf am längsten nach hinten ging, weit über den Kopf hinaus. Einen deutlichen Unterschied konnte man auch an den Händen ausmachen: Turianer hatten nur Finger, die dafür von enormer Größe waren.  Viel mehr wusste Shepard nicht. Er hatte noch nie eine turianische Hand ohne Handschuhe gesehen.
Nihlus Haut war blutrot, am Kopf durchstreift von Weiß, das ihm eine gewissermaßen einschüchterne Erscheinung gab. Es erinnerte an einen Totenkopf. Gerüstet war er in einem für Turianer üblichen Raumanzug, an dem man wie bei den meisten Anzügen der Citadel problemlos völlig nahtlos einen Helm anschließen konnte. Dabei strahlte er, wie jeder Spectre, also höchstrangigen Agenten der Citadel, ein hohes Maß an Autorität aus.
„1500 ist in Ordnung. Ihr Captain wird zufrieden sein“, stellte Nihlus fest und verließ mit diesen Worten das Cockpit.
Joker,  genau wie Alenko neben ihm in grauschwarzer Allianztracht, aber nur das komfortablere T-Shirt tragend, schüttelte den Kopf, der mit seinem Markenzeichen, einer schwarzen Cap, bedeckt war. „Ich kann den Typen nicht ausstehen“, murrte er.
Alenko blickte ungläubig, aber amüsiert zu ihm. „Nihlus hat Ihnen ein Kompliment gemacht – und Sie hassen ihn …?“
Schnauben. „Ich habe uns gerade einen Sprung über die halbe Galaxie machen lassen und dabei ein Ziel von der Größe eines Knopfes getroffen! Das ist nicht nur 'in Ordnung', sondern verdammt brillant!“ Ein schiefes Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit, während er an der Konsole arbeitete. „Außerdem bedeuten Spectres immer Ärger. Ich will ihn nicht an Bord haben. Nennen wir es Paranoia.“
Sein Co-Pilot schüttelte wieder den Kopf. „Das ist Paranoia! Der Rat hat bei der Finanzierung dieses Projekts geholfen. Es ist ihr gutes Recht, jemanden abzubestellen, der ihre Investition beurteilt.“
Joker nickte bedächtig. „Das ist die offizielle Version. Aber nur Idioten glauben offizielle Versionen.“
Commander Shepard, der immer noch hinter den beiden stand und Unterhaltung nachdenklich mit anhörte, stimmte diesem Gedanken zu. Ja, es war die offizielle Version. Spectre haben Besseres zu tun als bei einer einfachen Untersuchung teilzunehmen, gerade wenn sie von Menschen war. Damit musste er aber nicht seine Crew belasten. „Sie gehen vom Schlimmsten aus“, sagte er dennoch beschwichtigend zu Joker.
Der zuckte mit den Schultern. „Berufsrisiko. Wir gehen nirgendwohin, es sei denn, es gäbe einen guten Grund dafür.“
Plötzlich ertönte Captain Andersons baritone Stimme aus der Konsole. „Joker! Statusbericht.“
„Sind gerade am Massenportal vorbei, Captain. Die Tarnsysteme sind aktiviert. Alles in Ordnung.“
„Gut, dann finden Sie eine Komm-Bake und loggen uns ins Netzwerk ein. Ich will, dass die Missionsberichte an die Allianz übermittelt werden, bevor wir Eden Prime erreichen.“
„Jawohl Captain“, sagte Joker. „Nur zur Info, Sir. Nihlus scheint Sie heimsuchen zu wollen.“
Eine kurze Pause. „Er ist schon hier, Lieutnant.“
Alenko warf Joker einen kritischen Blick zu. Der schüttelte nur den Kopf, die Augen geschlossen, einen War-ja-klar-Ausdruck im Gesicht.
Anderson sprach weiter. „Commander Shepard soll zu einem Briefing in den Kommunikationsraum kommen. Richten Sie das aus. Jetzt.“
Joker richtete sich wieder auf. „Alles klar, Commander?“
Shepard seufzte. „Ich bin unterwegs.“
Auf den Satz machte er kehrt und folgte dem Weg, dem der Spectre eben noch selbst gegangen war. Joker grinste Alenko an. „Schon mal bemerkt, dass der Captain immer genervt wirkt?“
Kaidan blickt nicht einmal von der Konsole auf. „Nur wenn er mit Ihnen spricht, Joker.“
Auf der Brücke überhörte Shepard Navigator Pressly in einem Gespräch. Pressly war ein Mann um 49, bereits halb kahl, weißes Haar. Er hatte ein sehr ernstes, aber misstrauisches Wesen. „Es ist wahr, ich habe ihn gerade gesehen! Marschierte vorbei, als wenn er auf einer Mission wäre.“
Der jüngere Techniker Adams neben ihm wirkte unbeeindruckt. „Er ist ein Spectre. Die sind immer auf Mission.“
Pressly schnalzte laut mit der Zunge. „Und wir immer brav im Schlepptau hinterher.“
„Immer cool bleiben, Pressly“, sagte Adams, „sonst kriegst du noch ein Magengeschwür.“
Dann sahen die Beiden Shepard auf sie zukommen. Pressly wandte sich ihm zu. „Glückwunsch, Commander“, sagte er und salutierte kurz. „Das scheint eine ruhige Aktion gewesen zu sein. Werden Sie jetzt unten den Captain treffen?“
Shepard legte den Kopf schief. „Sie scheinen unserem turianischen Gast nicht zu trauen, oder?“
Navigator Pressly runzelte kurz die Stirn, aber er bewahrte Haltung. „Tut mir leid, Commander. Ich habe mich gerade mit Adams unterhalten. Ich wollte keine Probleme machen.“ Er zögerte. „Aber irgendetwas ist schon komisch an dieser Mission. Die ganze Crew hat etwas bemerkt.“
„Glauben Sie, dass die Allianz uns etwas vorenthält?“, fragte Shepard vorsichtig.
Pressly blickte ihn scharf an. „Wenn wir einfach nur unser IES-Tarnsystem testen sollen, wieso hat dann Captain Anderson das Kommando? Und die Anwesenheit von Nihlus ist auch merkwürdig. Die Spectres sind Elite-Einheiten. Top-Undercover-Agenten. Warum sollten die einen turianischen Spectre auf einen Testflug schicken? Das scheint keinen Sinn zu ergeben.“
Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Pressly hörte nicht auf. „Und was ist mit der vollen Besatzung? Es bräuchte viel weniger, um das Tarnsystem zu überprüfen. Dieser Testflug ist offensichtlich eine Tarnung.“
Shepard ging darauf ein. „Eine Tarnung für was?“
Pressly aber schüttelte kapitulierend den Kopf. „Ich habe keine Ahnung, Commander. Aber es gibt einen anderen Grund, warum wir hier sind. Und ich werde nicht gerne im Unklaren gelassen.“
„Haben Sie ein Problem mit dem Captain?“, fragte Shepard dann, ohne es zu meinen.
Pressly blickte ihn erschrocken an. „Nein Sir! Ich weiß nur nicht, was er hier macht.“ Nach einer kurzen Pause sprach er weiter. „Captain Anderson ist einer der verdientesten Soldaten der Special Forces. Wenn er all seine Orden einschmelzen würde, könnte er eine lebensgroße Statue von sich selbst bauen lassen. Einen solchen Soldaten schickt man nicht einfach auf Vergnügungsfahrt. Und er nimmt diesen Testflug sehr ernst. Irgendetwas geht doch hier vor!“
„Aber Nihlus? Ihm trauen Sie nicht?“, fragte Shepard weiter.
Ein kurzes Schnauben. „Ich traue gar keinen Turianern. Liegt bei mir in der Familie. Mein Großvater hat im Krieg des Ersten Kontakts gekämpft. Er hat viele Freunde verloren, als die Turianer angriffen.“
„Das war vor dreißig Jahren“, erwiderte Shepard ungeduldig. „Sie können kaum Nihlus dafür verantwortlich machen.“ Er hatte für die Zwistigkeiten zwischen den Spezies weder Verständnis noch Geduld übrig.
Pressly scharrte mit den Füßen. „Nein, wohl nicht. Aber es macht mich trotzdem nervös, einen Spectre an Bord zu haben. Vor allem einen turianischen. Wir sind ein Raumschiff der Allianz, des Militärs der Menschen. Aber Nihlus muss sich nicht wie wir gegenüber dem Captain verantworten. Spectres arbeiten außerhalb der normalen Befehlskette. Und sie kommen nicht einfach, um Testflüge zu kontrollieren. Nihlus scheint größere Probleme zu erwarten – und das gefällt mir nicht.“
„Also gut“, sagte Shepard. „Ich werde den Captain danach fragen, wenn ich ihn sehe.“
Pressly nickte knapp. „Viel Glück, Commander.“
Wenige Schritte weitergegangen hörte er Corporal Jenkins genau dieselben Überlegungen bezüglich Nihlus mit Doktor Chakwas besprechen. Sie schien davon aber nichts hören zu wollen. Er ein junger, dunkelhaariger Soldat, sie eine würdevoll gealterte Dame. „Was ist das für eine irre Theorie? Der Captain hat hier das Kommando. Er würde keine Befehle von einem Spectre akzeptieren.“
„Er hat keine Wahl, Doc“, erklärte Jenkins. „Die Spectres müssen sich vor niemandem verantworten. Sie können praktisch machen, was sie wollen. Jeden töten, der sich ihnen in den Weg stellt.“
Chakwas lachte auf. „Ha! Sie haben zu viele Spionage-Videos geschaut, Jenkins.“
Im Vorbeigehen sprach Jenkins Shepard an, salutierte und brachte ihn so zum Anhalten. „Was meinen Sie, Commander? Wir werden nicht lange auf Eden Prime bleiben, oder? Ich bin bereit für ein bisschen Action!“
Doktor Chakwas, eine großartige Frau, die für die Crew ein wenig wie die Mutter war, stierte ihn böse an. „Ich hoffe, das meinen Sie nicht ernst, Corporal. Action heißt meistens, dass ich einige Crewmitglieder auf der Krankenstation zusammenflicken muss.“
Auch Shepard lächelte Jenkins tadelnd an. „Nur Dummköpfe freuen sich auf Kämpfe, Corporal.“
Jenkins seufzte. „Tut mir leid, Commander. Aber dieses Warten macht mich nervös. Ich war noch nie auf einer solchen Mission. Nicht mit einem Spectre am Bord!“
Shepard legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Verhalten Sie sich einfach so wie bei allen anderen Einsätzen und es kann nichts schiefgehen.“
„Sie machen es sich zu leicht!“, rief Jenkins. Er war noch jung und sehr begeisterungsfähig. „Sie konnten sich ja schon auf Akuze beweisen! Alle wissen jetzt, was Sie draufhaben.“ Er strahlte. „Das ist meine große Chance. Jetzt kann ich den Vorgesetzten zeigen, was ich draufhabe!“
„Sie sind noch jung, Corporal“, sagte Shepard. „Vor Ihnen liegt eine schöne, lange Karriere. Also bleiben Sie besonnen und vermasseln Sie es nicht.“
Jenkins blickte ihm mutig entgegen. „Keine Sorge, Sir. Ich werde es nicht vermasseln.“
Nachdenklich blickte er Jenkins an, dann nickte er. „Sie stammen von Eden Prime, oder, Jenkins? Wie ist es da?“, fragt er langsam.
Jenkins schüttelte den Kopf. „Es ist ein sehr friedlicher Ort, Commander. Alles wurde in Ruhe entwickelt. Es gibt kaum Probleme mit Lärm oder Verschmutzung in der Stadt. Meine Eltern lebten im Außenbezirk der Kolonie. Nachts bin ich immer auf diesen großen Hügel geklettert, um über die Felder hinweg die Nachtlichter der Kolonie zu sehen. Ein wundervoller Anblick. Aber als ich älter wurde, war mir klar, dass es dort zu ruhig für mich sein würde. Darum bin ich zur Allianz gegangen. Selbst ein Paradies kann auf Dauer langweilig werden.“
„Und wissen Sie, warum wir nach Eden Prime fliegen sollen?“, fragte er weiter.
Der Corporal zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, Commander. Eden Prime ist eine unserer stabilsten Kolonien. Ein guter Zielort für den Testflug der Normandy, schätze ich. Es gibt keine wirklichen Gefahren dort. Aber es muss noch etwas Anderes dahinterstecken. Wir haben einen Spectre an Bord! Deswegen bin ich ein wenig aufgeregt. Ich kann es kaum erwarten, dass die eigentliche Mission beginnt!“
Spectre. Wieder dieses Wort. Shepard kannte es genauso gut wie alle anderen, aber es war ein polarisierendes Thema. Die Meinung seiner Crew war ihm wichtig. „Was können Sie mir über die Spectres erzählen?“, fragte er sowohl an Jenkins als auch an Doktor Chakwas gerichtet, die sich bislang zurückgehalten hatte.
Sie erhob das Wort, während Jenkins noch in Gedanken schwelgte. „Nur das, was ich gehört habe. Die Spectre-Agenten arbeiten direkt für den Citadel-Rat. Sie operieren in kleinen Gruppen oder alleine. Aber sie stellen keine offizielle Autorität dar. Im Grunde sind sie eine Schattenorganisation mit dem Auftrag, die galaktische Stabilität zu schützen.“
Nun mischte sich Jenkins ein, die Augen leuchtend: „Um zwar um jeden Preis zu schützen. Das ist der wichtige Part dabei. Spectres stehen über dem Gesetz!“
„Wie kann man Agenten mit uneingeschränkter Macht kontrollieren?“, fragte Shepard interessiert. Dieses Detail war ihm gar nicht so bewusst.
Die Doktorin lächelte ihn nachdenklich an. „Ich denke, dass einem Spectre, der außer Kontrolle gerät, der Agenten-Status vom Rat aberkannt wird. In einem solchen Fall würde sich der Citadel-Sicherheitsdienst der Sache annehmen.“
Jenkins schüttelte wild den Kopf. „Diese Grünschnabel von der Citadel-Sicherheit hätten keine Chance! Ein Spectre ist so wertvoll wie zwanzig einfache Soldaten! Die Spectres passen auf sich selbst auf. Wenn einer von ihnen außer Kontrolle gerät, werden die anderen ihn ausschalten. Sie nennen es das Spectre-System.“
Chakwas seufzte. „Unserer Corporal verwechselt romantische Legenden mit der Realität, Commander.“
Shepard lächelte. „Unabhängig von Legenden – was können Sie mir über Nihlus erzählen?“
Die Doktorin überlegte kurz. „Die Turianer genießen im Allgemeinen einen guten Ruf unter den anderen Völkern. Ihre Flotte umfasst die meisten Patrouillen-Schiffe zum Schutz des Citadel-Sektors. Aber sie kommen nicht besonders gut mit uns aus. Einige Leute empfinden sie als sehr störrisch – und andere geben ihnen die Schuld für den Krieg des Ersten Kontakts. Mit Nihlus selbst habe ich kaum gesprochen. Für gewöhnlich spricht er nur mit dem Captain.“
Jenkins lachte. „Ich hoffe, wir können ihn bei einem echten Einsatz beobachten. Ich hörte, dass Nihlus ein ganzes Platoon alleine ausgeschaltet haben soll! Wahnsinn, die Turianer. Da frage ich mich echt, warum es keine Menschen unter den Spectres gibt.“
Die Doktorin beantwortete die Frage. „Die Spectres werden üblicherweise von den Völkern des Rates gestellt. Zum Beispiel den Turianern. Schon seit Jahren bemüht man sich darum, einen Menschen in den Rang eines Spectres zu bringen. Aber bis jetzt waren es nur Versuche.“
Jenkins lachte auf. „Hey, Commander! Sie würden doch einen guten Spectre abgeben! Die Spectres geraten doch immer in ausweglose Situationen. Sie müssen mörderische Situationen überstehen – genau wie Sie auf Akuze!“
Shepards Augen verdunkelten sich. „Ich versuche, nicht allzu viel an Akuze zu denken.“
„Tut mir leid, Commander“, nuschelte Jenkins und blickte betroffen zu Boden. „Ich habe es nicht so gemeint. Ich habe großen Respekt vor dem, was Sie getan haben. Das haben wir alle.“
Doktor Chakwas unterbrach sein Gestammel. „Lassen wir die Vergangenheit ruhen, Commander. Gibt es noch etwas, was wir für Sie tun können?“
Shepard schüttelte den Kopf. „Der Captain wartet.“ Chakwas nickte, die Enttäuschung in Jenkins Gesicht amüsierte ihn. Dann ging er in den Com-Raum, der sich direkt hinter der Brücke befand. Nur Nihlus befand sich daran und blickte nachdenklich auf ein Hologramm von Eden Primes Landschaft. Als er Shepard eintreten hörte, wandte er sich um. „Commander Shepard. Ich hoffte, Sie hier allein zu treffen. So können wir ungestört reden.“
Shepard legte den Kopf schief. „Der Captain?“
„Er ist auf dem Wege“, erklärte Nihlus. Nachdenklich ging er vor Shepard auf und ab. „Ich habe ein besonderes Interesse an der vor uns liegenden Welt – Eden Prime. Es soll sehr schön dort sein.“
Shepard rührte sich nicht. „Ich war noch nie dort.“ Was kam jetzt?
Nihlus nickte und blieb dann vor Shepard stehen. „Aber Sie haben davon gehört. Der Ort ist für Ihr Volk eine Art Symbol geworden, nicht wahr? Der Beweis, dass die Menschheit in der Lage ist, Kolonien in der ganzen Galaxie zu gründen und zu schützen – aber wie sicher ist es dort wirklich?“ Nachdenklich drehte er sich um und blickte auf das Bild Eden Primes.
Shepard wurde ungeduldig. „Wenn Sie etwas zu sagen haben, dann sagen Sie es.“
Langsam drehte Nihlus sich um. „Ihre Leute gelten immer noch als Neuankömmlinge, Shepard. Die Galaxie kann ein sehr gefährlicher Ort sein.“ Shepard hörte die Tür zum Raum hinter sich aufgleiten. Nihlus wandte seinen Blick nicht ab. „Ist die Allianz wirklich bereit dafür?“
Dann ertönte Captain Andersons Stimme hinter ihm und er drehte sich wortlos zu ihm. „Wir sollten dem Commander jetzt erzählen, was wirklich vor sich geht.“ Er trug seinen üblichen, militärischen Anzug.
Nihlus legte die Arme zusammen. „Diese Mission wird alles andere als ein Testflug.“
Shepard nickte. „Das habe ich mir auch schon zusammengereimt.“
Anderson blickte ihm konzentriert in die Augen. „Wir werden eine geheime Bergungsoperation auf Eden Prime durchführen. Dafür brauchen wir funktionstüchtige Tarnsysteme.“
„Es wird sicherlich einen Grund geben, warum Sie mir nichts davon erzählt haben, Sir“, stellte Shepard fest.
„Das kommt von ganz oben, Commander“, erwiderte der Captain nickend. „Es sollten nicht mehr Informationen als unbedingt notwendig bekannt werden. Ein Forschungsteam hat bei Ausgrabungen auf Eden Prime eine Art Sender entdeckt. Einen protheanischen Sender.“
Das überraschte ihn. „Ich dachte, die Protheaner wären vor 50.000 Jahren verschwunden?“
Nihlus nickte. „Ja, aber ihr Erbe ist noch da. Die Massenportale, die Citadel – das alles basiert auf protheanischer Technologie.“
Anderson verschränkte die Arme. „Das ist eine bedeutende Sache, Shepard. Das letzte Mal, als die Menschheit etwas Ähnliches entdeckte, machte die Technologie einen Entwicklungssprung von zweihundert Jahren. Auf Eden Prime gibt es keine Möglichkeit, mit so einer Sache fertigzuwerden. Der Sender muss für weitere Untersuchungen zur Citadel gebracht werden.“
Nihlus machte einen Schritt auf Shepard zu. „Hier geht es offensichtlich um mehr als die Interessen der Menschen, Commander. Diese Entdeckung könnte alle Völker im Rats-Sektor betreffen.“
Nachdenklich wandte Shepard sich an Anderson. „Warum haben wir den Fund des Senders nicht für uns behalten?“
Nicht aber der Captain antwortete, sondern Nihlus: „Die Menschen haben nicht den besten Ruf. Einige Völker halten Sie für selbstsüchtig. Und unberechenbar. Und zu eigenständig – oder sogar gefährlich.“
Anderson unterbrach ihn. „Indem wir den Sender zur Verfügung stellen, verbessern wir die Beziehungen zum Rat. Außerdem brauchen wir ihr technisches Wissen. Sie wissen einfach mehr  über die Protheaner als wir.“
Stille. Anderson blickte auffordernd zu Nihlus. „Der Sender ist nicht der einzige Grund, warum ich hier bin, Shepard“, sagte der langsam und ging wieder auf und ab.
„Nihlus möchte Sie im Einsatz beobachten, Commander. Er soll sie beurteilen.“
Shepard nickte langsam. Er hatte verstanden. „Die Allianz ist schon eine ganze Weile damit beschäftigt. Die Menschen wollen eine größere Rolle in der interstellaren Politik spielen. Wir wollen mehr Macht im Citadel-Rat. Die Spectres repräsentieren die Macht und Autorität des Rates. Wenn sie einen Menschen aufnehmen, sagt das viel über den Fortschritt der Allianz aus.“
Nihlus nickte. Nun standen beide Shepard gegenüber und blickten ihn eindringlich an. „Nicht viele, die bei Akuze dabei waren, haben überlebt. Sie haben einen unglaublichen Überlebenswillen gezeigt – ein sehr praktisches Talent.“ Eine Pause. „Darum habe ich Sie in die Kandidatenliste für die Spectres eingetragen.“
Nachdenklich wandte Shepard sich an Anderson. „Denken Sie auch so, Captain?“
Nicken. „Es ist eine Chance für die Erde, Shepard. Wir verlassen uns auf Sie.“
Dann sprach wieder Nihlus. „Ich muss mir ein eigenes Bild Ihrer Fähigkeiten machen, Commander. Eden Prime wird die erste Station einer Reihe von Missionen sein.“
Anderson fuhr die Erklärung fort. „Sie übernehmen  das Kommando über das Bodenteam. Sichern Sie den Sender und bringen Sie ihn unverzüglich zum Schiff. Nihlus wird Sie begleiten und die Mission beobachten.“
So viel zu den Fakten. Nun war es an der Zeit, die Hintergründe besser zu verstehen. Deshalb stellte Shepard, wie so oft, Fragen. „Was können Sie mir über die Protheaner sagen?“
Anderson kratze sich am Kinn. „Nur das, was sie an der Akademie gelehrt haben. Sie waren ein technologisch fortschrittliches Volk, das vor 50.000 Jahren die Galaxie beherrscht hat. Und dann sind sie verschwunden. Der Grund dafür ist nicht bekannt – aber es gibt unzählige Theorien darüber. Und die Fachleute sind sich einig, dass es ohne sie keine galaktische Zivilisation geben würde.
Nihlus stimmte zu. „Die Citadel ist das Herz und die Seele der galaktischen Gesellschaft. Und ohne ihre Massenportale gäbe es keine interstellare Reisen. Wir haben den Protheanern viel zu verdanken.“
Shepard blickte nachdenklich in die Leere. „Der Sender ...“, überlegte er laut.
„Alle fortschrittlichen galaktischen Zivilisationen beruhen auf protheanischer Technologie“ führte Nihlus den Gedanken fort. „Auch Ihre.“
Anderson schnalzte mit der Zunge. „Wenn wir nicht die protheanischen Ruinen auf dem Mars entdeckt hätten, säßen wir immer noch auf der Erde fest. Und das damals war nur ein kleiner Datenspeicher! Wer weiß, welche Informationen dieser Sender bietet? Es könnte auch ein Waffenarchiv sein. Das dürfte auf keinen Fall in falsche Hände geraten.“
„Falsche Hände?“, fragte Shepard.
„Die Attika-Traverse ist eine der instabilsten Sektoren im Citadel-Sektor. In dieser Gegend gibt es unzählige Piraten und andere kriminelle Gruppen. Der Preis für einen protheanischen Sender könnte es ihnen wert sein, ein Schiff der Allianz anzugreifen. Außerdem befindet sich Eden Prime im Grenzbereich der Terminus-Systeme.“
Das ließ Shepard zweifeln. „Die Attika-Traverse steht unter dem Schutz der Citadel. Ein Angriff der Terminus-Systeme bedeutet Krieg.“
„Technisch gesehen stimmt das“, warf Nihlus ein. „Aber einige Gruppierungen in den Terminus-System würden vielleicht einen Krieg dafür in Kauf nehmen.“
Der Captain schnalzte mit der Zunge. „Und er Rat hat derzeit keinerlei Interesse an einem größeren Konflikt mit den Terminus-Systemen. Deswegen müssen wir die Mission diskret durchführen.“
„Also gut“, seufzte der Commander. „Vor der Landung möchte ich noch mehr über Eden Prime erfahren.“
„Eine friedliche Agrarwelt“, begann Anderson, „aber sie steht für etwas viel Größeres. Eden Prime gehört zu unseren ältesten und erfolgreichsten Kolonien. Dort haben wir bewiesen, dass wir neue Welten bevölkern und einen Lebensraum für die Menschheit fernab der Erde schaffen können. Sie zeigt die Entwicklung der Menschheit. Auch und vor allem als weltraumfahrendes Volk. Und bald wird sie als Welt bekannt sein, wo die Menschen eine Entdeckung von intergalaktischer Bedeutung gemacht haben.“
Das reichte aus. Shepard straffte sich. „Erwarte Ihre Befehle, Captain.“
Anderson warf Shepard einen vielsagenden Blick zu und nickte. „Wir sind bald in–“
„Captain!“, unterbrach Jokers aufgebrachte Stimme sie durch die Lautsprecher. „Wir haben ein Problem.“
Die drei Männer blickten einander an. „Was ist los, Joker?“, fragte Anderson.
„Eine  Übertragung von Eden Prime. Das sollten Sie sich ansehen!“
„Bringen Sie es auf den Bildschirm“, sagte Anderson. Die drei wandten sie sich dem Bildschirm zu, auf dem Eden Prime abgebildet wurde.
Es war eine undeutliche Videoübertragung– eines Gefechts. Eine Einheit schoss wild blaue Strahlen auf einen Feind; und wurde beschossen. Eine Soldatin in weißer Rüstung versperrte dann die Sicht. „Runter jetzt!“, rief sie. Explosionen sind hörbar, Schüsse. Ein Soldat mit Gewehr in der Hand stellte sich vor die Kamera. „Wir werden angegriffen!“, rief er. „Erleiden schwere Verluste! Verschiedene Punkte–“ Ein Schrei ertönt, der Mann im Bild fiel um. Er war tot.
Die Kamera drehte sich wild umher, dann starrten die Soldaten in den Himmel. Ein gewaltiges Schiff erschien im Himmel und ein markerschütterndes Dröhnen ertönte. Dann wieder Explosionen, die Kamera schwirrte herum. Schreie – Rauschen. Das Bild wurde statisches Rauschen.
Joker meldete sich wieder zu Wort. „Danach bricht es ab. Keine Kommunikation mehr. Nichts.“
Anderson blickte stirnrunzelnd auf den Bildschirm. „Zurück und bei 38,5 halten.“
Das Schiff erschien im Bild, aber jetzt erst wurde Shepard klar, dass mehr dahintersteckte. Es zeigte sich ein entsetzliches Bild: Ein gewaltiges, völlig fremdartiges Schiff war aus den Wolken hervorgebrochen, rotes Licht absondernd. Es war gänzlich schwarz und sah anders als als alles, das Shepard je gesehen hatte. Es sah fast schon – lebendig aus. Wie eine riesige Hand, die aus dem Himmel griff, oder wie ein Kraken. Es hatte Klauen am unteren Ende und lief nach oben hin Spitz zu. Ohne Zweifel war es die Quelle gewesen für das laute Geräusch.
„Statusbericht“, sagte Anderson.
„Noch 17 Minuten, Captain“, sagte Joker. „Keine anderen Schiffe der Allianz in diesem Sektor.“
„Bringen Sie uns runter, Joker“, sagte Anderson. „Schnell und leise. Diese Mission ist um einiges komplizierter geworden.“
Nihlus Stimme ertönte links von ihnen. „Ein kleines Einsatzteam kann sich schnell und unerkannt bewegen. Das ist die beste Möglichkeit, den Sender zu bergen.“
Anderson seufzte, während Shepard weiterhin stirnrunzelnd das Schiff anstarrte. „Holen Sie Ihre Ausrüstung. Wir treffen uns im Frachtraum“, sagte er zu Nihlus gewandt. Dann drehte er sich zu Shepard. „Lassen Sie Alenko und Jenkins sich fertig machen, Commander. Sie gehen runter.“
Shepard nickte, dann blickte er wieder nachdenklich in den Bildschirm.

„Tarnsysteme werden aktiviert“, ertönt Jokers Stimme. Das Schiff setzte sich in Bewegung. Sie stießen durch die Atmosphäre und flogen über die Landschaft hinweg. „Das sind verdammt gewaltige Grabungsarbeiten, Captain.“
Sie waren im Frachtraum. Anderson stand vor Commander Shepard, Lieutnant Alenko und Corporal Jenkins – alle drei in voller Rüstung. „Ihr Team ist das Wichtigste bei dieser Operation, Commander. Gehen Sie direkt runter und machen Sie sich auf zur Ausgrabungsstätte.“
Die Tür des Frachtraums ging auf, der Wind des noch schwebenden Schiffes heulte laut auf und wurde deutlich spürbar. „Was ist mit Überlebenden, Captain?“, fragte Alenko.
„Die Hilfe für Überlebende ist ein sekundäres Missionsziel. Der Sender hat höchste Priorität“, stellte Anderson klar.
Dann wieder Joker. „Nähern uns Landestelle 1.“
Jenkins grinste durch seinen Helm. „Nihlus, kommen Sie mit uns?“, fragte er nach links gewandt. Der Spectre war unbemerkt neben ihnen erschienen, ein Gewehr im Arm. Ohne aufzusehen prüfte er seine Waffe. „Ich bin alleine schneller.“ Mit den Worten eilte er zum Ausgang und sprang zwei Meter hinab. Das Schiff flog weiter, die Ausgangstür noch geöffnet.
Anderson wandte sich an Shepards Einheit. Er musste rufen, um den Wind zu übertönen. „Nihlus wird vor Ihnen auskundschaften. Er gibt Ihnen Statusberichte zur Mission durch. Ansonsten will ich, dass Funkstille herrscht.“
Shepard nickte. „Verstanden, Sir.“
„Nähern uns Landestelle 2“, ertönte Jokers Stimme.
„Von hier aus übernehmen Sie, Shepard. Viel Glück!“, rief Anderson.
Einen Meter über dem Grund sprang die Einheit vom Schiff. Im nächsten Moment waren sie allein.
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