Black Swan

GeschichteRomanze, Familie / P18 Slash
Eren Jäger Levi Ackermann / Rivaille
15.03.2020
29.03.2020
5
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Hallöchen meine Lieben!
Da bin ich wieder mit einem neuen Kapitel (: So viel bleibt mir heute gar nicht zu sagen ^^
Ich hoffe, die von euch, die momentan Zuhause festsitzt, haben etwas Beschäftigung gefunden und ihr seid nicht komplett am durchdrehen. Und an diejenigen von euch, die trotz der aktuellen Situation arbeiten: Danke! Lasst euch von den Idioten da draußen, die euch das Leben unnötig schwer machen, nicht unterkriegen! (:

Stay safe!
Ich wünsche euch ganz viel Freude beim Lesen!
Euer RivailleHeichou











Der Abschied von seinen Eltern am Vormittag war alles andere als leicht für den jungen Studenten. Die wenigen Tage, die sie gemeinsam als Familie in Sankt Petersburg verbracht haben, haben sie als Familie wieder näher zusammen gebracht und obwohl er sich riesig darauf freut, sein Training wieder aufzunehmen, vermisst er die beiden bereits jetzt unheimlich. Er weiß, dass die Sehnsucht in ein paar Tagen verschwindet, spätestens dann, wenn der reguläre Unterricht beginnt. Aber jetzt, wo er aus dem Flugzeug gestiegen ist und allein den Weg zur Pariser Opernballettschule antritt, ist sie beinahe zu groß.
Nachdem er sein Gepäck abgeholt hat, zieht er sich in einen etwas ruhigeren Bereich des Flughafens zurück, zückt sein Telefon und schaltet den Flugmodus aus. Er hat ihnen versprochen, dass er sich meldet, sobald er gelandet ist. Daran wird er sich halten, so, wie er es immer tut.
Er wählt die Nummer der Arztpraxis seines Vaters. Um diese Uhrzeit werden sie beide dort sein. Sein Vater hat schließlich Patienten, um die er sich kümmern muss und seine Mutter kümmert sich liebevoll um den anfallenden Schriftverkehr, die Terminvergabe und andere organisatorische Dinge, für die ihm schlicht und ergreifend die Zeit fehlt.
Das Telefon klingelt drei, vier Mal, bevor die Sprechstundenhilfe das Telefonat entgegennimmt.
„Arztpraxis für Allgemeinmedizin, guten Tag. Sie sprechen mit Fay Jaeger.“, meldet sich die warme Stimme der jüngeren Schwester seines Vaters.
„Hallo Tante Fay. Sind meine Eltern zu sprechen?“, begrüßt er sie liebevoll.
Die Beziehung zwischen den beiden ist gut, beinahe beispielhaft. Seiner Tante hat er es zu verdanken, dass er seine Leidenschaft für das Ballett entdeckt hat. Sie hat früher, als er noch ein kleiner Junge war, das Kinderballett im Nachbarort geleitet und hat ihn oft mit dorthin genommen, wenn sie auf ihn aufgepasst hat, während seine Eltern in der Praxis zutun hatten. Und als sie ihm mit gerade einmal sechs Jahren eine Aufzeichnung des Nussknackers zu Weihnachten gezeigt hatte, war es völlig um ihn geschehen. Ab diesem Zeitpunkt war er nicht mehr zu halten, seine Ziele völlig klar. Er wollte tanzen. Was die anderen Jungen davon hielten, war ihm gleich.
„Dein Vater hat gerade jemandem im Zimmer. Aber ich schau mal wo deine Mutter steckt. Warte einen Moment, ja?“, erwidert sie, nicht minder liebevoll, bevor sie ihn in die Warteschleife setzt.
Die sanfte Melodie der Warteschleife begleitet ihn bereits sein halbes Leben. Zumindest fühlt es sich so an. Er kann gar nicht sagen, wie viele Minuten seines Lebens er in der Warteschleife der Arztpraxis verbracht hat nur, weil er sich, wie verabredet, bei ihnen zurückmeldet.
Es vergehen einige Augenblicke bis die Melodie endet und die Stimme seiner Mutter an sein Ohr dringt.
„Hallo mein Schatz. Bist du schon gut auf deinem Zimmer angekommen?“
„Nein. Ich bin erst vor einer halben Stunde gelandet.“, erwidert er wahrheitsgemäß, stellt die Tasche zwischen seinen Beinen ab und verschränkt die Arme vor der Brust.
Wenn er ehrlich ist, hätte er wohl lieber nicht angerufen. Die warme, liebevolle Stimme seiner Mutter zu hören schürt seine Sehnsucht nach Deutschland nur noch mehr und in diesem Augenblick wünscht er sich, er hätte noch ein paar Tage bleiben können.

Als er das Telefonat nach etwa zehn Minuten beendet, fühlt sich das Herz des jungen Studenten unendlich schwer an. Der Gedanke daran, dass Monate vergehen werden, bis er seine Familie das nächste Mal besuchen kann, ist nur schwer zu ertragen. Der einzige Gedanke, der ihn davon abhält, in seiner Sehnsucht zu versinken, ist der, dass er hier ist, weil er ein großes Ziel vor Augen hat. Eine Ausbildung wie diese, könnte er in seiner Heimat nicht genießen. Er könnte gut werden, auf den unbedeutenden kleinen Bühnen kleiner Städte tanzen. Aber das ist nicht das, was er will. Er will die großen Bühnen der Welt. Paris. Moskau. Sankt Petersburg. London. New York City. Eine kleine Bühne wie die seiner Heimatstadt Rostock kommt für ihn nicht in Frage.
Er lässt das Telefon in die Tasche seines Mantels gleiten, greift nach der Tasche zwischen seinen Beinen und strafft die Schultern. Er kann das. Er packt das. Auch wenn es jetzt vielleicht so wirkt, als wäre er allein, ist er das nicht. Er hat Freunde an der Ballettschule, die auf ihn warten. Es wird in wenigen Tagen so viel zu tun geben, dass er seine Sehnsucht nach der Familie schnell vergessen hat. Da ist er sich sicher.
Mit zielstrebigen Schritten steuert er den Ausgang des Pariser Flughafens an. Ob Armin wohl bereits zurück in der Pension ist?
Er muss ihm unbedingt von seinem Urlaub erzählen. Von der unglaublichen Aufführung des Schwanensees, der er beiwohnen durfte. Von Levi und Mikasa Ackerman. Von den vielen schönen Orten, die er gesehen hat. Er hätte es längst getan, hätte er die Zeit dafür gefunden. Er brennt quasi darauf, seinem besten Freund von seinen Erkenntnissen der letzten Tage zu berichten.

Etwa eine Stunde später hat der junge Mann seine, von der Ballettschule gestellte, Unterkunft erreicht. Er begegnet bereits auf dem Weg in seine bescheidenen vier Wände zwei Studentinnen aus seinem Kurs, die ihr freundlich grüßen und fragen, ob er seine Weihnachtsferien genossen hat. Er unterhält sich nur flüchtig mit ihnen, setzt schon kurz darauf seinen Weg in das kleine Doppelzimmer fort, dass er sich mit seinem besten Freund teilt. Ihm ist nicht danach, viel zu reden. Er möchte endlich das Gepäck loswerden, seine Sachen auspacken und sich mit etwas anderem beschäftigen, als den Gedanken, die er hat, seitdem er aus dem Flugzeug gestiegen ist. Als er dort ankommt, hört er leise, sanfte Klänge, die ihm verraten, dass sein Freund ebenfalls zurück ist.
Er schiebt den Schlüssel ins Schloss, klopft mit den Fingerknöcheln leicht gegen das dunkle Holz der Tür, bevor er den Schlüssel dreht und die Tür öffnet. Der blonde, gleichaltrige Junge sitzt im Schneidersitz auf der Matratze seines Bettes, auf dem Schoß liegt ein aufgeschlagenes Buch, doch die Aufmerksamkeit des Jungen gilt dem Bildschirm des Smartphones, das er in der Hand hält.
Er betritt das überschaubare Zimmer, schließt die Tür hinter sich und besieht sich seinen Freund genauer, als dieser nicht auf seine Anwesenheit reagiert.
„Ist alles okay? Du siehst aus als hättest du einen Geist gesehen.“, harkt er nach, stellt seine Tasche am Fußende seines Bettes ab und lässt sich den Mantel von den Schultern gleiten, bevor er sich neben seinen Freund auf die Bettkante sinken lässt.
Der Blonde sieht nicht auf, reagiert auch sonst nicht auf seine vorangestellte Frage. Alles, was er tut, alles, was man als eine Art Reaktion bezeichnen könnte, ist, dass er von dem Display aufsieht und das Gerät an ihn weiterreicht.

Das beständige Piepen des Herzmonitors ist seit vier Tagen ihr andauernder Begleiter. Die junge Frau verlässt das Krankenzimmer ihres Bruders nur für wenige Stunden am Tag, geht nur, wenn die Besuchszeiten enden und man sie auffordert zu gehen. Ansonsten weicht sie nicht von seiner Seite. Würde ihr Vater sie nicht hin und wieder mit in die Cafeteria nehmen, würde sie vermutlich gar nicht essen.
Sie fühlt sich bis zu einem gewissen Grad verantwortlich dafür, dass er hier liegt. Sie hätte den Unfall sicher nicht verhindern können. Das weiß sie. Nachdem, was sie von der Polizei erfahren hat, ist der Wagen des Unfallverursachers aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse ins Schleudern geraten und hat ihn unglücklich erwischt. Ein dummer Unfall. Eine Aneinanderkettung unglücklicher Zustände und Ereignisse. Und dennoch glaub sie, dass sie bei ihm hätte sein sollen. Sie hätte ihn davon überzeugen sollen, sie und die anderen zum Dans Le Noir zu begleiten. Stattdessen hat sie die gesamte Zeit über ihn und seine Art geschimpft.
Es ist nicht so, als verstünde sie ihn nicht. Das Ballett ist anspruchsvoll und das Privileg, das sie genießt, sollte sie mit Glanzleistungen ehren, anstatt es mit Patzern in den Dreck zu ziehen. Es fällt ihr nur so unendlich schwer, Kritik von ihm zu ertragen, weil sie sich nichts sehnlicher von ihm wünscht als anerkennende Worte. Sie will ein einziges Mal von ihm hören, dass sie gute Arbeit geleistet hat. Dass sie gut war. Dass er stolz auf sie ist. Sie macht sich nichts vor. Solange sie in seinem Schatten steht, wird sie diese Anerkennung nicht bekommen und selbst dann, wenn sie endlich aus seinem Schatten heraustreten kann, wird er sie mit missbilligendem Neid kleinhalten.
Schwer seufzend erhebt sie sich von ihrem Stuhl, geht einige Schritte bis zum Fenster des Zimmers und schiebt den Vorhang ein wenig zur Seite. Seitdem man sie angerufen hat, um sie darüber zu informieren, dass er hier ist, scheint es unentwegt zu schneien. Normalerweise liebt sie die kalte Jahreszeit, den Schnee und die klirrende Kälte Russlands. Im Moment kann sie ihr nicht viel abgewinnen.
„Es macht mich wahnsinnig, dass er einfach nicht aufwacht.“, seufzt sie, während ihr Blick auf die unendlich vielen Schneeflocken gerichtet ist, die vom Himmel gen Boden fallen.
„Du hast gehört, was der Doktor gesagt hat. Sein Körper muss sich erst etwas erholen.“
„Ich weiß.“, erwidert sie seufzend, schließt die Vorhänge erneut und nimmt ihren Platz an der Seite ihres Bruders wieder ein. Sie kann einfach nicht verstehen, wie ihre Mutter so ruhig bleiben kann. Wie es sein kann, dass sie nicht vor Sorge vergeht, so, wie sie es tut. Er ist schließlich ihr Sohn. Wie kann es also sein, dass sie sich so wenig darum sorgt, dass er vielleicht nicht wieder aufwacht?

Der Blick des jungen Studenten ist unentwegt auf den Bildschirm des Telefons seines besten Freundes gerichtet. Fassungslosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben. Unverständnis. Unglaube. Er kann einfach nicht glauben, was er da gerade gelesen hat. Das kann unmöglich wahr sein.
„Ich hab ihn an diesem Abend noch tanzen sehen –“, beginnt er nach vielen endlosen Minuten des Schweigens. Alles, was er tun kann, ist ungläubig mit dem Kopf zu schütteln. Dieser Artikel kann unmöglich der Wahrheit entsprechen. Er will daran glauben, dass es sich um unbestätigte Fake-News handelt. Bisher sind es nur die Medien, die sich zu diesem angeblichen Verkehrsunfall geäußert haben. Weder die Familie, noch das Mariinski-Theater hat sich diesbezüglich zu Wort gemeldet.
„Ich weiß.“, erwidert der Blonde nicht minder ungläubig.
„Russische Medien berichten, dass der 24-jährige Profitänzer am Dienstag in einen schweren Verkehrsunfall in der Sankt Petersburger Innenstadt verwickelt wurde. Der Fahrer soll aufgrund der schlechten Wetterverhältnisse die Kontrolle über den Wagen verloren haben. Der derzeitige Gesundheitszustand des Tänzers ist unklar.“, liest er laut vor, lässt die Worte des Artikels noch einmal Revue passieren, bevor er den Bildschirm endgültig ausschaltet und das Telefon an seinen Besitzer zurückreicht.

Es ist spät am Abend, als sich die Lider des jungen Tänzers flatternd öffnen. Seine Schwester sitzt, so wie die vergangenen Stunden, an der linken Seite seines Bettes, während ihre Eltern gerade dabei sind, das Krankenzimmer ihres Sohnes zu verlassen, um den Rückweg in ihr bescheidenes Haus einige Kilometer außerhalb Sankt Petersburgs anzutreten.
Als er vor wenigen Stunden das erste Mal die Augen geöffnet hat, wenn auch nur für einige Minuten, hat noch eine Maschine das Atmen für ihn übernommen. Jetzt ist der Schlauch verschwunden und das stetige Schnaufen der Maschine ist verstummt. Das Gefühl und das Kratzen im Hals sind jedoch immer noch da. Unangenehm. Unerfreulich.
„Hey.“, begrüßt ihn die sanfte Stimme seiner Schwester hauchend. Der Stuhl knarrt, als sie aufsteht. Die Hand, die ihn vorsichtig an der Wange, um ihm einige Strähnen aus dem Gesicht zu streichen, berührt, ist eisig.
Sein Kopf dröhnt, die Schmerzen, die das Heben und Senken seines Brustkorbs auslöst und die, die er nicht genau lokalisieren kann, sind das einzige, woran er gerade denken an. Das, und den Wunsch nach ausreichend Schmerzmitteln.
„Hi.“, erwidert er, der schmerzverzerrte Unterton ist sogar in seiner einsilbigen Antwort deutlich zu hören. Er ist nicht zimperlich. Andernfalls könnte er seinen Beruf als Tänzer wohl kaum ausüben. Er hat sich aber auch noch nie so überfahren gefühlt.
Überfahren...
„Was ist passiert?“, will er wissen und richtet seinen Blick auf die klaren, dunkelgrauen Augen seiner Schwester.
„Du erinnerst dich nicht?“, fragt sie überrascht, nimmt die Hand zurück und zieht den Stuhl näher, um sich erneut neben ihn zu setzen. Sie weiß nicht, ob sie froh darüber sein soll. Erleichtert, dass er scheinbar keine Ahnung hat, wie schwerwiegend der Unfall gewesen ist. Andererseits ist sie besorgt darüber, wie er reagiert, wenn er davon erfährt und ob sie wirklich die richtige dafür Person ist. Ob er es wirklich von ihr hören sollte.
Unabhängig davon, wie sie auf beruflicher Ebene zueinanderstehen, Mikasa kennt ihren Bruder besser als sonst jemand. Sie weiß, dass sich sein ganzes Leben um nichts anderes als das Tanzen dreht. Wenn sie ihm jetzt erzählt, was passiert ist, dass die Verletzungen so schwerwiegend sind, dass die Ärzte nicht sagen können, ob er wieder auf die Bühne kann... Sie weiß nicht, ob er diesen Gedanken erträgt. Ob er damit zurechtkommt. Natürlich weiß sie auch, wie stark ihr Bruder ist. Er ist einer der stärksten Menschen, die sie kennt. Aber diese Nachricht wird ihm ohne Zweifel den Boden unter den Füßen wegreißen.
„Würde ich sonst fragen?“, erwidert er voller Ungeduld. Obwohl er sich am liebsten aufgerichtet hätte, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein, während sie miteinander sprechen, versucht er es erst gar nicht. Die beinahe unerträglichen Schmerzen, die scheinbar überall sind, reichen ihm und er hat Angst, dass es schlimmer wird, sollte er sich bewegen. Also lässt er es, bleibt dort liegen und verfolgt seine Schwester lediglich mit den Augen.
„Irgendein Idiot hat wegen der glatten Straße die Kontrolle über seinen Wagen verloren. Der Polizist, der mit mir gesprochen hat, meinte, er wäre deshalb ins Schleudern geraten und hat dich wahrscheinlich mit der Motorhaube erwischt.“
„Haben die Ärzte gesagt wie lange es dauert, bis ich wieder auf die Bühne kann?“
Da ist sie. Die Frage, vor der sich die junge Tänzerin so sehr fürchtet.
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