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King of the Barricade

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Enjolras Grantaire
15.03.2020
15.03.2020
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King of the Barricade

„Ich bin Einstein?“
„Nein, nein. Du bist Ein Stein. Also mit einem Leerzeichen.“
„Wow.“ Feuillys Gesicht sieht alles andere als begeistert aus. „Danke.“
„Gerne.“ Breit grinsend wendet sich Courfeyrac zu Éponine um. „Du bist Miss Roundhouse Kick.“
„Nicht, dass ich mich beschwere, aber wer hat dir noch mal die Erlaubnis gegeben die Namen zu verteilen?“
„Ich mir selbst. Marius?“ Courfeyrac lässt seinen Blick über seine Freunde schweifen, bis er an seinem Mitbewohner hängen bleibt. „Du bist Anna.“
Verwirrt runzelt Marius die Stirn. „Wer ist Anna?“
„Und wer bin ich?“, fragt Cosette, die auf Marius’ Schoß sitzt. „Etwa Elsa?“
„Nein, das wäre zu einfach. Du bist Olaf.“
„Fantastisch!“ Cosette strahlt übers ganze Gesicht. „Ich liebe Umarmungen.“
„Dachte ich mir.“
„Wer ist Olaf?“
Lachend legt Cosette ihre Arme um Marius und gibt ihm einen Kuss. Als sie sich von ihm löst, wiederholt er seine Frage.
Courfeyrac schüttelt den Kopf. „Wo warst du die letzten sieben Jahre?“
Er ignoriert Marius’ verwirrtes Gesicht und wendet sich zu Musichetta.
„Du bist Super-Nanny.“
„Bin ich das nicht immer?“
„Bossuet, dein Name wird Igel One sein.“
„Ähm, okay?“
„Schön, dass du einverstanden bist. Joly.“ Courfeyrac bemüht sich ein betont neutrales Gesicht aufzusetzen. „Nur 99,9%.“
Ein genervtes Stöhnen ertönt, währen Joly die Augen verdreht. „Ich weiß, worauf du hinaus willst, doch ich lasse mich nicht mehr von dir ärgern. Außerdem hat mir Musichetta versichert, dass sie das nur draufschreiben, um nicht verklagt zu werden.“
Courfeyrac blickt über Jolys Schulter hinweg zu Musichetta und formt die Worte Nanny mit seinem Mund. Breit grinsend schüttelt sie den Kopf und legt ihre Arme beschützend um Joly.
„Bahorel, mein Freund.“
Bahorel tritt an ihn heran. „Pass auf, was du jetzt sagst.“
Er richtet sich zu seiner vollen Größe auf, womit er Courfeyrac, obwohl er selbst nicht wirklich der Kleinste ist, um einen ganzen Kopf überragt. Unbeeindruckt sieht Courf zu ihm auf.
„Miezekatze.“
Bahorels Mundwinkel zucken. „Damit kann ich leben.“
„Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann. Jehan, du bist Snickers.“
„Das war ein einziges Mal!“
„Ein Mal für die Ewigkeit.“ Erneut sieht er sich um, kann sein nächstes Ziel allerdings nicht entdecken. „Wo ist mein Lieblingsgrieche?“
„Meine Mutter war Griechin und mein Vater Brasilianer“, erklingt eine Stimme hinter ihm. „Ich bin Pariser. Wie oft soll ich dir das noch sagen?“
Er dreht sich zu Grantaire um. „Ich überhöre den Protest und benamse dich zu Sex, Drugs and Art Nouveau.“
„Das ist definitiv besser als der Name vom letzten Mal.“
„Was hast du gegen Griechischer Wein?“
„Ich bin kein Grieche!“
Erneut ignoriert Courfeyrac seinen Einwand und stellt sich auf die Fußspitzen, um über seine Freunde hinweg Enjolras anzusehen, der sich am hintersten Ende des Raumes versteckt hält. Er denkt tatsächlich, dass ihm das etwas nützen würde. Enjolras wird sich der Aufmerksamkeit bewusst und augenblicklich schnippt sein Kopf zu ihm herum. Eine leichte Röte steigt ihm in die Wangen. Als hätte Courfeyrac nicht bemerkt, wen Enjolras angestarrt hatte. Enjolras versinkt in seinem Stuhl.
„Enjy, Schatz“, trällert Courfeyrac. „Du bist Marianne.“
Sichtlich erleichtert atmet Enjolras aus. Die Röte hingegen verschwindet nicht.
Courfeyrac dreht sich einmal um die eigene Achse und hält nach Combeferre Ausschau. Wie auf Geheiß tritt er in diesem Moment in den Vorraum.
„Ich habe jetzt bezahlt“, teilt er seinen Freunden mit. „Den genauen Preis werde ich auch später in einer E-Mail mitteilen, nachdem ich es mit unseren Einnahmen aus dem Kuchenverkauf verrechnet habe.“
„Warte kurz!“, ruft Enjolras und springt auf. „Der Kuchenverkauf war nicht für Freizeitaktivitäten gedacht. Wir wollten davon unsere kommende Demo finanzieren.“
„Enj, du wurdest überstimmt“, wiegelt Courfeyrac den aufkommenden Protest ab. „Lass es einfach sein.“
Enjolras wirft die Arme in die Luft und lässt sich wieder auf den Stuhl fallen. Leise murmelt er vor sich hin. Zweifelsohne um sie alle zu verfluchen.
„Wo war ich stehen geblieben?“, fragt sich Courfeyrac mit gespielter Vergesslichkeit. „Ach ja!“ Er packt Combeferre am Ärmel seines Hemdes und zieht ihn zu sich heran. „Meine lieben Freunde, darf ich euch vorstellen: Sexy Nerd.“
Er gibt Combeferre einen dicken Schmatzer auf die Wange, während seine Freunde in lautes Lachen ausbrechen. Combeferre wird Rot. Rot entwickelt sich heute definitiv zu Coufeyracs Lieblingsfarbe. Combeferre knufft ihm in die Schulter und flüchtet zu Enjolras. Bedauern breitet sich in Courfeyrac aus. Bevor es ersichtlich wird, beeilt er sich weiterzureden.
„Also schön. Eure Ausrüstung liegt da drüben. Ihr müsst sie nur noch anziehen und dann sind wir startklar.“
„Halt, halt, halt. Nicht so schnell.“ Mit den Händen auf die Hüften gestemmt baut sich Éponine vor ihm auf. „Du hast uns allen dämliche Namen gegeben, die wir uns niemals ausgesucht hätten.“
„Also ich finde meinen Namen klasse.“
Grantaire erntet aus allen Richtungen einen finsteren Blick. Entschuldigend hebt er die Hände.
„Du hast allen, bis auf Grantaire, einen dämlichen Namen gegeben. Was ist deiner?“
Courfeyracs Grinsen spaltet sein Gesicht. Er wartet, bis er die gesamte Aufmerksamkeit des Raumes hat, bevor er die Frage beantwortet.
„Baby Yoda.“

Das erste Spiel ist schneller vorbei, als sich die Freunde gewünscht hätten. Es ist nicht ihr erster Ausflug zum Lasertag, doch für die meisten ist es schon eine Weile her und es dauert, bis sie sich an die Dunkelheit und die Geräte gewöhnt haben. Vor allem Enjolras, ein absoluter Neuling, hat seine Probleme und ist schon nach fünf Minuten ausgeschieden.
„Das Spiel ist langweilig“, beschwert er sich bei Courfeyrac, der erst zwanzig Minuten später aus der Dunkelheit auftaucht.
„Kopf hoch. Du hattest nur Pech gehabt. Jetzt weißt du, wie es abläuft, und wirst in der nächsten Runde besser sein.“
„Müssen wir wirklich noch einmal spielen?“
„Ja.“
„Kann ich wenigstens mehr Leben bekommen?“
„Fünfzehn Leben reichen völlig aus. Du hattest vorhin den Fehler gemacht, dass du dir keinerlei Deckung gesucht hast. Dadurch hast du dir so viele Treffer eingehandelt. Allerdings bist du ein prima Schütze, also such dir einen Ort, an dem du dich verstecken kannst, und agiere aus dem Hinterhalt. Und ich hoffe zutiefst, dass ich damit nicht mein Todesurteil unterschrieben habe.“
„Das werden wir gleich sehen.“
Enjolras steht auf, als Bahorel laut jubelnd mit Musichetta und Feuilly in den Vorraum tritt.
„Die Katze ist aus dem Sack“, sagt Bahorel mit seiner dröhnenden Stimme. „Von wegen Miezekatze. Ich bin ein Killerkater.“
Er faucht wie eine Katze und wirbelt mit den Händen durch die Luft. Catwoman wäre neidisch. Seine Freunde spenden ihm Applaus für diesen glorreichen Sieg. Galant verbeugt sich Bahorel.
„Das war wirklich super“, sagt Feuilly breit grinsend. „Wollen wir jetzt eine andere Variante spielen. Was haltet ihr von Zombie? Bodyguard finde ich auch super.“
„Nur, wenn ich deine Whitney Houston sein darf?“, fragt Bahorel und zieht Feuilly in eine einseitige Umarmung.
„Bist du doch längst.“
Bahorel lehnt sich zu Feuilly runter, doch bevor es zu einem intimeren Körperkontakt kommen kann, schiebt sich Enjolras an ihnen vorbei und somit beinahe um.
„Wir spielen dasselbe noch einmal. Und ich werde es euch allen zeigen.“
Im Türrahmen wendet er sich um. Er bedenkt jeden seine Freunde mit einem finsteren Blick, der sie alle erschaudern lässt, bevor er in der Dunkelheit verschwindet. Entsetzt schlägt Courf die Hände über dem Kopf zusammen.
„Ich habe ein Monster erschaffen!“

Das zweite Spiel verläuft weitaus besser. Erst nach zehn Minuten ist Éponine die Erste, die all ihre Leben verloren hat. Schuld daran ist Bahorel, der sich mit Courfeyrac und Feuilly gegen sie verschworen hatte. Dem Kreuzfeuer konnte sie einfach nicht entkommen.
Kurz darauf verrät Jehans Pistole, dass er soeben um sein letztes Leben beraubt wurde. Wer auch immer der Halunke gewesen ist. Allerdings hatte es Jehan dem Unbekannten nicht übel genommen, denn jetzt hatte er endlich die Möglichkeit, Éponines Haare zu flechten.
Er hat sein Kunstwerk kaum beendet, da kommen Bossuet, Feuilly, Courfeyrac und Combeferre auf sie zu.
„Bahorel hat uns verraten“, sagt Courfeyrac mit düsterer Mine.
„Was ist aus Houston und Costner geworden?“, fragt Éponine.
„Da hat es sich ausgesungen“, antwortet Feuilly. „Ich suche mir jemand anderen zum Beschützen.“
„Das bricht mir wahrlich das Herz.“
Verwirrt wendet sich Feuilly zu Bahorel um. „Was ist passiert? Lohnt sich der Verrat nicht?“
„Joly und Musichetta sind im Team wirklich beängstigend.“
„Hey“, protestiert Bossuet. „Pass auf, was du über die beiden sagst.“
Um das Thema zu wechseln, stellt Courfeyrac die Frage, welche ihn seit dem Betreten des Vorraumes beschäftigt
„Ist Enjolras auf der Toilette?“
„Ich habe ihn nicht gesehen“, antwortet Éponine.
„Was ist mit euch?“ Einstimmig schüttelt der Rest seiner Freunde den Kopf. „Wo steckt er bloß? Ich hatte in jedem Versteck nachgesehen. Er war nirgendwo zu finden.“
„Hast du auch in der Nische vor dem Notausgang nachgesehen?“, fragt Feuilly.
„Leider.“
„Wieso leider?“
„Ich formuliere es so: Cosette und Marius haben keinerlei Interesse am Spiel bekundet.“
Combeferre legt ihm eine Hand auf den Arm. „Du Armer. Du musst traumatisiert sein.“
„Sehr. Vor allem, da ich nicht verstehen kann, wie Marius es schafft, ein weitaus aktiveres Sexleben zu haben, als ich.“
Combeferre zieht seine Hand zurück, räuspert sich und flüchtet mit der Entschuldigung ein Glas Wasser zu brauchen. Seufzend sieht ihm Courfeyrac hinterher. Jehan steht auf, packt ihn am Arm und zieht ihn neben sich auf die Bank. Er umfasst mit seinen beiden Händen Courfeyracs linke und sieht ihm fest in die Augen.
„Fey, mein Herzchen, vielleicht solltest du etwas langsamer machen. Es ist ausgeschlossen, dass ihm nicht bewusst ist, was du von ihm möchtest. Glaube mir, selbst Marius würde es verstehen. Du solltest ihn nicht bedrängen.“
Courfeyrac lässt seine Schulte fallen. Beschämt blickt er in seinen Schoß.
„Du hast recht. Er macht es mir nur so verdammt schwer nichts zu sagen. Hast du seinen Hintern gesehen?“
Lächelnd schüttelt Jehan den Kopf. „Du bist unverbesserlich.“
„Und unwiderstehlich.“
Éponine versetzt ihm einen Schlag auf den Hinterkopf.

Grantaire rührt keinen Muskel. So leise wie möglich atmet er ein und aus. All seine Sinne sind geschärft. Wenn er sich nicht irrt, sind nur noch Joly, Musichetta und Enjolras im Spiel. Theoretisch auch Marius und Cosette, doch er hatte vorhin die Hintertür aufgehen und zufallen hören.
Leider ist er somit auf verlorenem Posten. Joly und Musichetta arbeiten gewiss zusammen und Enjolras hatte er seit seiner düsteren Ankündigung zu Beginn des Spiels nicht gesehen. Nicht, dass das von Belang wäre. Enjolras würde sich niemals im Leben mit ihm verbünden. Bevor das geschieht, stürzt der Olymp in den Hades.
„Ich habe was gesehen“, Musichettas Stimme reißt ihn aus seinen Gedanken. Behutsam schiebt er sich hoch, sodass er über den Rand der Holzwand sehen kann, hinter welcher er sich versteckt. Eilig duckt er sich, als er Joly und Musichetta nur wenige Meter von sich entfernt sieht. Zum Glück haben sie ihm den Rücken zugewendet.
„Wo denn?“, flüstert Joly.
„Wenn ich mich nicht irre, dann unter dem Kirchturm. Wobei das beinahe unmöglich ist. Darunter ist kaum Platz.“
„Dann fällt Grantaire aus“, sagt Joly lauter, als notwendig wäre.
Grantaire ist kurz davor empört aufzuschreien, doch er kann sich gerade so bremsen. Er ist sich bewusst, dass es Joly absichtlich gesagt hatte, um ihn zu provozieren. Mieser Verräter. Und so etwas nennt sich bester Freund.
„Was sollte das denn?“
Er könnte Musichetta küssen. Wenigstens eine Person, die auf seiner Seite steht.
„Wenn er es hört, gibt er vielleicht seine Deckung auf.“
„Du solltest um zu gewinnen niemals deine Freunde beleidigen.“
„Ich weiß. Tut mir leid, Grantaire.“
Schmunzelnd drückt sich Grantaire erneut nach oben und zielt mit der Pistole auf Joly. Er weiß genau, wie er diese Entschuldigung annimmt.
„Verdammt!“, flucht Joly. „Ich hoffe, das war Rache genug.“
Lautlos kichernd, eine Aufgabe, die das normale Maß an Beherrschung übersteigt, klettert er die Treppe hinab, um seine Position zu verändern. Er unterquert die Brücke und verschanzt sich hinter der Mauer. Vorsichtig späht er um die Ecke. Joly steht noch immer an derselben Stelle, doch er kann Musichetta nirgendwo erkennen. Das riecht nach einer Falle. Eindringlich blickt er in die Dunkelheit, um sie zu entdecken, doch außer der bekannten Straßenszenerie kann er nichts sehen. Dabei ist Musichetta mit ihren platinblonden Haaren stark im Nachteil. Grantaire riskiert es und schießt auf Joly.
„Chetta, ich habe nur noch ein Leben“, sagt Joly maulend, während er etwas unbedarft Deckung hinter einem Verkaufsstand sucht.
Leider mit dem Rücken zu Grantaire. Er kann nicht widerstehen. Grantaire drückt erneut ab und das schwache Licht von Jolys Weste erlischt.
„Und das wars. Viel Erfolg, Chetta.“
Mit gerunzelter Stirn sieht Grantaire zu, wie Joly den Raum entlang in Richtung Ausgang läuft. Jolys Selbstgespräch hat ihn wahrlich verwirrt.
„Suchst du mich?“
Erschrocken zuckt Grantaire zusammen und wirbelt herum. Ohne es zu bemerken, hatte sich Musichetta an ihn herangeschlichen, die Waffe auf seine Brust gerichtet.
„Sag mir, Grantaire, fürchtest du den Tod?“
Grantaire kann das Schnauben nicht unterdrücken. Auch Musichettas Mundwinkel zuckt.
„Und du?“
Musichettas Weste erlischt.
„Was zur Hölle?“, flucht sie.
Sie lässt ihren Arm sinken und blickt zu Enjolras, der soeben aus der Tür der Kirche kommt, die Waffe auf Grantaire gerichtet.
„Wo warst du die ganze Zeit?“, fragt Musichetta. Ihre Stimme klingt mehr als ein wenig angepisst. Das selbstsichere Lächeln auf Enjolras’ Lippen scheint ihre Wut zu verstärken. „Und woher kennst du Fluch der Karibik?“
„Ich lebe nicht auf dem Mond. Ab und an schleppt mich Courf ins Kino. Und zu der Frage, wo ich war: Verrate ich nicht.“
Musichetta streckt ihm die Zunge raus, bevor sie zwischen den beiden Männern hindurchgeht.
„Viel Spaß, Grantaire. Falls du es schaffst ihn auszuschalten, lade ich dich die nächsten vier Wochen jeden Tag auf einen Kaffee ein.“
Grantaire blickt ihr hinterher, bis sie außer Sichtweite ist. Leise seufzend lehnt er sich gegen die Holzwand hinter sich.
„Also, Apollo. Wir wissen beide, wie das enden wird. Ich habe noch sieben Leben und du fünfzehn. Mach einfach kurzen Prozess.“
Enjolras legt seinen Kopf schief und scheint ihn eingehend zu studieren. Ein Kribbeln durchzuckt Grantaires Körper, doch er ist bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Zum Glück ist es dunkel und Enjolras kann sein Gesicht nicht sehen. Es ist gewiss genauso Rot wie eine Tomate. Eilig wendet er den Blick auf Enjolras’ Füße. Wenn er ihn länger anblickt, kann er das Zittern seiner Hände gewiss nicht unterdrücken.
„Das wäre nicht fair“, sagt Enjolras schließlich. „Wir müssen einen besseren Weg finden.“
„Nicht fair? Das wäre der Inbegriff eines glorreichen Sieges und in diesem Spiel geht es um nichts anderes. Das steht sogar ausdrücklich im Regelbuch.“
„Dennoch. Die Ausgangssituation ist nicht gerecht.“
„Das wird sie niemals sein, Eure Hochwürden.“
Nun ist es an Enjolras zu seufzend. „Wieso machst du das immer?“
„Wieso mache ich was?“
„Dich kleiner als du bist. Du vergleichst mich mit einem Gott oder gibst mir irgendwelche Titel, als wäre ich jemand, den man auf ein Podest stellen sollte.“
Grantaire verschränkt die Arme vor der Brust. „Bist du das etwa nicht? Wert auf ein Podest gestellt zu werden?“
„Nein, Grantaire, bin ich nicht. Ich bin nicht besser als irgendjemand anderes und auch nicht besonders. Ich bin auch nur ein Mensch. Ich mache Fehler, ich habe Leidenschaften und, was wahrscheinlich auch neu für dich ist, ich habe Gefühle. Also nichts mit Marmorstatue.“
Grantaire schluckt schwer. Mit jedem Wort kommt im Enjolras langsam aber sicher näher. Das Beunruhigendste ist allerdings, dass er in keiner Sekunde den Augenkontakt unterbricht. Seine grünen Augen scheinen in der Dunkelheit zu leuchten. Der intensive Blick scheint ein Loch in Grantaires Hirn zu bohren. Er fühlt sich zu nichts im Stande. Es ist ein Wunder, dass er noch nicht auf dem Hosenboden gelandet ist. Enjolras lässt sich von derlei emotionalem Chaos nicht aufhalten.
„Ich fühle Unsicherheit, wenn ich eine Rede halte und die Menschen nicht reagieren, wie ich es erwartet habe. Ich fühle Glück, wenn ich eine Prüfung bestanden habe. Ich fühle Angst, wenn mich ein Angehöriger dieser grässlichen Wesen namens Hund auf mich zukommt und niemand in der Nähe ist, um mich zu schützen. Ich fühle Zufriedenheit, wenn ich mit euch, meinen Freunden, Zeit verbringen kann.“
Nur drei Schritte trennen Enjolras von ihm und Grantaire kann sein Herz in seiner Brust wild schlagen spüren. Er versucht unbemerkt die Handflächen an seiner Hose abzustreifen. Was wird Enjolras wohl denken, wenn er bemerkt, wie schwitzig sie sind? Bestimmt wäre er angewiderter als sonst.
„Doch weißt du, was ich noch fühle? Unsicherheit, wenn ich mit dir rede. Glück, wenn ich dein Lachen hören kann. Angst, wenn wir uns gestritten haben und du weggehst. Zufriedenheit, wenn einfach alles perfekt ist.“
Grantaire muss sich verhört haben. „Was?“
Enjolras, nur einen Schritt entfernt, beißt sich auf seine Unterlippe und bricht zum ersten Mal den Augenkontakt.
„Genau jetzt verspüre ich Panik. Ich weiß nicht, wohin mit meinen Gedanken oder meinen Gefühlen. Ich habe keine Ahnung, ob ich das hier richtig mache und dir zu verstehen gebe, was ich von dir will. Und ich verliere beinahe meinen Verstand, weil du jetzt nur dastehst und ich keine Ahnung habe, ob du genauso für mich empfindest.“
„Empfinden?“
Sein Gehirn muss einen Kurzschluss haben, denn entweder gesteht ihm Enjolras soeben seine Liebe oder er ist in einer Traumwelt gelandet.
„Herrje. Hast du deine Zunge verschluckt? Du bist doch sonst um keine Worte verlegen.“
Mit großen Augen starrt Grantaire Enjolras an. Jener spielt mit der Pistole herum. Trotz der Dunkelheit kann er den Schimmer auf seinen Wangenknochen sehen. Verdammt! Dann konnte Enjolras seine Röte ebenso bemerken.
„Vielleicht sollte ich lieber gehen“, sagt Enjolras und geht einen Schritt zurück.
Bevor er einen weiteren nach hinten setzen kann, stößt sich Grantaire von der Wand ab und greift nach Enjolras’ freier Hand. Augenblicklich erstarrt Enjolras. Er blickt zuerst auf seine Hand, dann auf Grantaires, bis sein Blick an seinem Gesicht hängen bleibt.
„Nur um das klarzustellen, damit ich das nicht falsch verstehe. Ähm, du magst mich?“
„Ja.“
„Wie in mögen mögen und nicht wie in mögen?“
Enjolras runzelt seine perfekte Stirn. „Was?“
„Also wie deinen Freund oder einen Freund?“
„Wie mein Freund.“
„Fester Freund oder ...“
„Grantaire!“
„Okay. Entschuldigung. Es ist nur … ich hab nur schon so lange Gefühle für dich, dass ich wirklich sichergehen möchte.“
„Gefühle für einen Freund?“, fragt Enjolras mit einem Lächeln.
Grantaire schüttelt den Kopf und tritt den verlorenen Schritt an Enjolras heran. „Nein. Wie für meinen Freund.“
Enjolras atmet ruckartig aus. Das Lächeln auf seinem Gesicht wandelt sich in ein Kichern.
„Endlich sind wir uns mal einig.“
Der Satz lässt einen Teil der Magie platzen. Nachdenklich runzelt Grantaire die Stirn.
„Das ich nicht immer mit dir einer Meinung bin, wird sich nicht ändern.“
Augenblicklich versiegt das Kichern. „Das erwarte ich nicht. Ich empfinde diese Gefühle doch nicht, weil ich hoffe, dass keiner meinen Ansichten widerspricht. Ich fühle sie gerade aus diesem Grund. Weil du mich in meine Schranken weist und mich zurück auf den Boden der Tatsachen bringst. Du bist meine Stimme der Vernunft. Und manchmal auch der Unvernunft, doch selbst das habe ich noch nie bereut. Sonst könnte ich nicht von mir behaupten, über die Seilrutsche den Eiffelturm verlassen zu haben. Und das war ein fantastisches Erlebnis. Vor allem, da du mich aufgefangen hast.“
„Du wärst beinahe hingefallen.“
„Das lag an meinen wackeligen Knien.“
„Die hattest du gut überspielt.“
„Ich fürchte, dass ich erneut wackelige Knie habe.“ Enjolras überwindet die letzten Zentimeter. „Halt mich fest, Grantaire.“
Grantaire lässt seine Pistole fallen. Er legt seine rechte Hand auf Enjolras’ Nacken und fährt durch die goldenen Locken. Sie sind wirklich so weich, wie sie aussehen. Mit einem letzten Blick in Enjolras’ Augen lehnt er sich vor und legt seine Lippen sanft auf Enjolras’. Ein dumpfer Aufprall ertönt und kurz darauf spürt er Enjolras’ Hände auf seinem Rücken. Ein Stöhnen entweicht ihm, ein Ton, der ihn normalerweise in Verlegenheit bringen würde, doch dies ist keine normale Situation. Sie ist weit von normal entfernt. Niemals in den vergangenen drei Jahren, in denen er Enjolras kennt, kam er ihm derart nah. Weder körperlich noch emotional.
Er möchte nicht, dass es jemals endet, denn möglicherweise ist das alles nicht real. Vielleicht hatte sich Enjolras den Kopf gestoßen und kann sich morgen an nichts erinnern. Vielleicht sieht er in drei Sekunden ein, dass es ein Fehler gewesen ist. Als würde er seine Gedanken unterstreichen, lehnt sich Enjolras zurück.
„Grantaire.“
„Ja?“
„Hör auf zu denken. Ich mache nichts nur mit halben Herzen. Ich werde nach dem heutigen Abend nicht einfach wegrennen und das hier vergessen. Nicht nachdem ich so lange darauf gewartet habe, es dir zu sagen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, küsst Enjolras ihn erneut. War der vorherige Kuss beinahe schüchtern gewesen, scheint Enjolras jegliche Zurückhaltung in den Wind geschlagen zu haben. Er presst seine Lippen hart auf Grantaires. Bevor Grantaire darüber nachdenken kann, reagiert sein Körper und gewährt Enjolras’ Zunge Einlass. Enjolras’ Hände wandern unter sein Hemd, doch dank der dämlichen Weste kommen sie nicht weit. Ohne den Kuss zu unterbrechen, öffnet Grantaire erst Enjolras’ und danach seine Schnallen, welche die Weste an Ort und Stelle halten. Er opfert die Nähe zu Enjolras, um sie loszuwerden. Enjolras folgt seinem Beispiel und nur wenige Sekunden später sind sie wieder ineinander verschlungen, enger als zuvor.
Grantaire lässt seinerseits die Hände wandern. Die Rückseite von Enjolras’ Shirt ist durchnässt, doch Grantaire könnte es nicht weniger interessieren. Mit seinen Fingerspitzen fährt er langsam Enjolras’ Wirbelsäule hinauf, nur um oben angekommen denselben Weg in die andere Richtung zu erkunden. Enjolras lehnt sich, wenn überhaupt möglich, noch näher. Ermutigt von Enjolras’ Reaktion lässt Grantaire seine Hände tiefer wandern. Er spürt, wie sich Enjolras’ Hände auf seine Brust legen. Für ein paar Sekunden bewegt Enjolras nichts, außer seiner Gesichtsmuskeln. Erst, nachdem er ein lautes, äußerst unzufrieden klingendes Stöhnen ausstößt, beginnt er Grantaire von sich zu schieben.
„Wir sollten das woanders fortsetzen.“
Grantaire wirft einen Blick nach unten, bevor er mit einem breiten Grinsen aufsieht.
„Wieso?“
Enjolras verdreht die Augen. „Weil jeden Moment einer unserer Freunde hier reinkommen könnte. Wir sind schon ziemlich lange weg und du kennst sie ja. Ich fühle mich noch nicht bereit, es ihnen zu sagen. Natürlich nur, wenn das für dich in Ordnung ist?“
„Wir können uns all die Zeit lassen, die wir brauchen. Solange du an meiner Seite bist, ist mir der Rest der Welt egal.“
„Danke.“ Die Erleichterung ist Enjolras sichtlich anzusehen. „Abgesehen davon, könnte ich mich nicht kontrollieren, wenn wir weitermachen.“
„Ich mag es, wenn du die Kontrolle verlierst.“
„Das glaube ich dir.“
Enjolras gibt ihm einen flüchtigen Kuss, bevor er sich bückt, um die Westen aufzuheben. Er reicht eine von ihnen an Grantaire weiter. Sie ziehen sie wieder an, bevor sie die Pistolen aufheben.
„Was jetzt?“, fragt Grantaire.
„Wir erschießen uns gegenseitig, verabschieden uns und brennen durch.“
„Wie romantisch.“
Ohne mit der Wimper zu zucken drückt Enjolras ab, bis Grantaires Licht auf der Weste erlischt.
„Du kennst mich. Romantik ist mein zweiter Vorname.“
Überrascht lacht Grantaire auf. Offensichtlich bringt der Vorname eine Seite in Enjolras zum Vorschein, von welcher Grantaire zuvor nichts wusste. Er wird ihr niemals die Gelegenheit geben, wieder zu verschwinden.
„Wie sehe ich aus?“
Enjolras fährt sich durch die Haare und bemüht sich, das Chaos in seinen Haaren, welches Grantaire angerichtet hatte, zu ordnen. Seine eigenen Haare sehen gewiss nicht besser aus.
„Fantastisch. Keiner wird etwas bemerken. Du siehst aus, als hätte ich dich eine Weile durch die Gegend gejagt.“
„So war es zwar nicht, aber die Anstrengungen sind vergleichbar. Du siehst übrigens auch umwerfend aus.“
Grantaire ist versucht sich erneut zu Enjolras zu lehnen, doch er vermutet, dass er sich danach nicht von ihm lösen kann. Stattdessen streicht er sich einmal über die Klamotten, um die letzten Indizien ihrer intensiven Auseinandersetzung zu verbergen. Als er zufrieden ist, nimmt er Enjolras’ Hand in seine und lässt sie erst los, als sie dem Ausgang näherkommen.
Dank der langen Zeit in der Dunkelheit, hat Grantaire seine liebe Mühe sich an das Licht zu gewöhnen, doch nach einigem Blinzeln kann er seine Freunde klar vor sich erkennen. Eilig lässt er erneut seinen Blick über sich und Enjolras schweifen. Mit Erschrecken stellt er fest, dass Enjolras’ Gesicht puterrot ist. Geschweige denn seine Lippen. Wie konnten sie nur denken, dass sie es ihren Freunden verheimlichen können? Sie hätten es Marius und Cosette gleichtun und die Hintertür nehmen sollen.
„Wo wart ihr so lange?“
Grantaires Kopf zuckt zu Courfeyrac. Er räuspert sich einmal und, da er seiner Stimme danach noch immer nicht traut, ein weiteres Mal.
„Enjolras hatte sich versteckt und Musichetta und mich aus dem Hinterhalt erwischt. Wir hatten keine Chance gegen ihn.“
„Das ist fast zehn Minuten her“, teilt ihm Musichetta mit. „Ist Enjolras’ Treffgenauigkeit derart mies?“
Darauf hat Grantaire keine Antwort. Zum Glück eilt ihm Enjolras zur Hilfe. Er ist wahrlich sein Held in glänzender Rüstung.
„Ich fand es unfair ihn auf diese Art zu erledigen, also habe ich ihm noch eine Chance gegeben. Leider war er besser, als erwartet, doch schlussendlich habe ich ihn fertiggemacht. Nach einer kurzen Diskussion hat er seine Niederlage eingestanden und hier sind wir nun.“
„Ha!“ Courfeyrac legt eine Hand auf Enjolras’ Schulter. „Mein junger Padawan ist endlich erwachsen geworden. Stolz ich auf dich sein.“
„Courf!“, mahnt Enjolras ihn kopfschüttelnd, doch Grantaire kann den zärtlichen Unterton erkennen.
Ein Glück, dass er weiß, dass Courfeyrac keinerlei Interesse an Enjolras hat. Ansonsten würde er sich dezent dazwischen stellen.
„Wie auch immer“, sagt er lauter als notwendig. Vielleicht ist er doch etwas neidisch. „Es hat sehr viel Spaß gemacht, aber ich habe noch ein Kunstprojekt, das auf mich wartet.“
Er legt die Weste ab und überreicht sie zusammen mit der Pistole Courfeyrac. Dessen Augenbrauen wandern nach oben, als er seinen Blick von der Ausrüstung zu Grantaire wandern lässt.
„Du willst schon gehen?“
„Ja, ich bin ganz schön außer Form. Aber wir können es gerne wiederholen. Wir sehen uns dann morgen. Ach, und Musichetta. Ich bedauere es sehr, meinen Kaffee selbst kaufen zu müssen. Wir sollten irgendwann eine Revanche anstreben.“
Er winkt seinen Freunden zu, bevor er mit großen Schritten in Richtung Ausgang geht. Direkt hinter der Schwingtür bleibt er stehen und lauscht. Vage kann er Enjolras’ Stimme vernehmen. Offensichtlich regelt er die Sache mit viel mehr Anmut und Würde als er. Courfeyracs Verwirrung wächst dennoch.
„Wie kommst du denn jetzt nach Hause?“, hört er ihn rufen.
„Mit meinem Sonnenwagen.“
Grantaire muss sich eine Hand auf den Mund pressen, um sich nicht zu verraten. Er war noch nie so stolz auf Enjolras gewesen. Jener tritt durch die Tür und kaum, dass sie hinter ihm zufällt, verschränkt er seine Finger mit denen von Grantaire.
„Mein Apollo.“
„Das war keine Erlaubnis für diesen dämlichen Spitznamen.“
„Du denkst, dass du ihn noch loswerden kannst?“
„Nein. Die Hoffnung habe ich aufgegeben.“
Gemächlich gehen sie die Treppen hinab. Sie sind nicht in Eile. Solange sie sich haben, haben sie alle Zeit der Welt. Plötzlich hören sie Schritte über sich.
„Von wegen Diskussion. Ich seid die miesesten Freunde auf der Welt!“
Verwundert bleiben sie stehen. Sie geben Courfeyrac keine Antwort, in der Hoffnung ihn glauben zu lassen, dass sie längst fort sind, sodass er sie nicht verfolgt. Bei den nächsten Worten fällt es ihnen hingegen schwer, sich das Lachen zu verkneifen.
„Oder warst du schon die ganze Zeit Sex, Drugs and Art Nouveau, Enjolras, du verschwiegener Bastard!“
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