Die Starks - eine Familien-Saga

GeschichteRomanze, Familie / P18 Slash
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers Iron Man / Anthony Edward "Tony" Stark Loki Thor Virginia "Pepper" Potts Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
12.03.2020
28.03.2020
61
355120
4
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
"Du hast hoffentlich ein Geschenk für mich!"



Bucky morgens aus dem Bett zu bekommen war eh schon nicht leicht. Nach nur fünf Stunden Schlaf war es eine wahre Herkules-Aufgabe. Steve rüttelte sanft an ihm, küsste ihn auf die Schläfe, nachdem er diese unter der wilden Wuschelflut seiner Haare ausgemacht hatte und rief leise: „Wir müssen raus, Baby, aufwachen.“ Bucky brummte etwas definitv Unfreundliches, aber Steve überhörte es mal gnädig und rüttelte weiter. „Wir müssen aufstehen.“ Bucky umklammerte Steve mit einem Bein und einem Arm. „N'ch f'nf M'n'ten...“ Das Kauderwelsch erklärte sich bei aller Undeutlichkeit von selbst. Steve versuchte eine andere Strategie: „Du musst dich doch bestimmt fönen! Was glaubst du, wie deine Haare aussehen heut Morgen?“ „Ich bin der Ballkönig und bezaubernd. Sei still.“, wenigstens klang er schon ein klein wenig wacher. Steve lachte leise.

Er selbst würde ja auch am liebsten nie wieder dieses Bett verlassen, geschweige denn Buckys Umklammerung. „Komm, alle sind schon weg, die haben bestimmt ein schönes Frühstück für uns stehen lassen. Wir duschen einfach zeitsparend zusammen und dann...“ „Garantiert ist das zeitsparend wenn wir zusammen duschen.“ Gut, für Sarkasmus mussten noch ein paar Lebensgeister mehr erwacht sein inzwischen. „Dann musst du zuerst. Ich gehe wenn du dich fönst.“, damit machte sich Steve resolut aus Buckys Klammergriff frei und schob ihn aus dem Bett. Der entfaltete seine langen Glieder umständlich und hatte endlich beide Füße vor dem Bett auf dem Boden. „Du bist ein Monster, Steven Stark. Du liebst mich nicht mehr.“, schmollte er, während er sich den Schlaf aus den Augen rieb. „Geh duschen, du Trottel!“, grinste Steve. Bucky trottete ins Bad und Steve hörte gleich darauf einen Aufschrei: „Oh, fuck!“ „Ich hab's dir gesagt!“, rief er lachend. Eine halbe Stunde später saßen sie im Auto.

Bucky war nicht das einzige übernächtigte Gesicht in der Aula. Dr Strange hielt seine Weihnachtsansprache, danach gab es die üblichen Ehrungen. Steve bekam diesmal eine in Englisch und Kreativem Schreiben, Sam wurde in Sportwissenschaften ausgezeichnet, Peggy in Sozialwissenschaften, Jane Foster in Naturwissenschaften und Bucky wieder in Drama, Medien und Eventplanning. Dann sollten sich alle Schüler in alphabetischer Reihenfolge ihre Zeugnisse und Prüfungsergebnisse abholen. Bucky also lange vor Steve. Am Podium gab ihm Dr Strange die Hand und dann die Dokumente. Bucky nickte einen Dank und überflog zuerst das Zeugnis, dann die Prüfungsergebnisse. Er wurde blass und seine Augen groß, er war im Arsch. Wie in Trance stieg er vom Podium, machte Platz für Jeremy Burton, der im Alphabet nach ihm kam, ging zu seinem Stuhl zurück und stopfte die Papiere schnell in seinen Rucksack.

„Und?“, fragte ihn Steve. „Stevie, wir haben jetzt Ferien und Weihnachten! Schule ist ab sofort Tabuthema bis zum 27. Gehen wir nachher Eislaufen?“ „Eislaufen?“, fragte Steve entgeistert. „Wir sind wie die Bosse Inliner gefahren früher, wird schon nicht so anders sein.“ Steve sah ihn forschend an. Buckys Miene war ein bisschen verschlossen, wie früher so oft. Er beschloss, zu warten, bis er von selbst kam. „Eislaufen also?“ „Eislaufen!“ Nachdem Steve sein Zeugnis abgeholt hatte und damit auch nicht gerade überglücklich war – er war in vielen Fächern etwas abgerutscht, aber nicht sehr bedrohlich und er nahm sich fürs nächste Jahr vor, da wieder mehr Gas zu geben - stopfte er es genauso achtlos wie Bucky in seinen Rucksack und sie verließen die Aula in Richtung Tanzschule, wo sie mit allen andern Helfern den Ballsaal aufzuräumen hatten. Dann gingen sie Eislaufen und versagten kläglich, hatten aber wenigstens ne Menge zu lachen dabei.

An Weihnachten war Bucky zu der Heiligabendfeier der Starks eingeladen worden, was ihn ein wenig einschüchterte, aber Tony führte ein Gespräch mit ihm, dass ihn überzeugte, dass er wirklich willkommen war und ganz sicher niemandem etwas schenken musste, außer Steve natürlich, für den er sicher schon etwas hatte. Er versprach ihm sogar, dass ihm niemand etwas schenken würde, außer Steve, wovon er mal ausging. Was er selbst für Bucky geplant und entwickelt hatte, hob er sich besser für dessen Geburtstag im März auf, beschloss er spontan.

Und Bucky wollte ja wirklich gerne kommen! Erstens wollte er natürlich bei Steve sein und zweitens war er so gern bei den Starks! Seine Familie beging den Heiligen Abend gar nicht und feierte erst den Weihnachtstag, seit jeher. Da wurde er dann auch erwartet, zur Bescherung am Weihnachtsmorgen und zum Festessen in einem Restaurant. Die Großeltern Barnes, nach einer fast einjährigen Weltreise zurück, würden einfliegen und Bucky liebte seine Großeltern, die leider so weit weg waren, sehr, er hatte sie viele Monate nicht gesehen. Major Barnes war zu seinem einzigen Kind außerdem wirklich netter geworden, also würde Bucky mit ihnen auch wirklich gerne Weihnachten feiern. Vielleicht würde sogar Steve dazu kommen dürfen.

Die Heiligabend-Party bei den Starks führte Bucky wieder deutlich vor Augen, was ihn und Steve so unterschied: Steve war so liebevoll umsorgt und in so familiärer Heimeligkeit aufgewachsen wie alle Stark-Kinder, während er selbst in seiner sowieso sehr kleinen Familie mehr wie eine Insel war. Er bekam einen Weihnachtspulli (schwarz mit rotem Stern auf der Brust) und bestaunte dann bei der Bescherung das langwierige Ritual voller Liebe, Frotzeleien und Lachen, von dem ihm Steve immer erzählt hatte, das live aber noch so ungleich schöner war. Er erschrak, als er Jarvis' kühle Stimme hörte, nachdem er gedacht hatte, es wäre schon zuende:

„Mr Steven und Mr James.“ Steve lächelte ihn an: „Ich hoffe, du hast ein Geschenk für mich.“ Bucky stutzte, dann: „Du bist ein Punk. Natürlich hab ich ein Geschenk für dich!“ „Dann du zuerst.“, Steve schien vor Aufregung und Vorfreude geradezu zu brummen und Bucky zog ein kleines Päckchen aus seiner Hosentasche, noch kleiner als eine Streichholzschachtel, eingeschlagen in eine Serviette aus ihrem Lieblingsrestaurant, dem Pio Pio. Alle Starks sahen ihnen erwartungsvoll zu. Steve wickelte einen USB-Stick aus. „Äh. Danke?“ Bucky grinste. „Jarvis? Ähm, bitte Interaktive Bibliothek der US-Amerikanischen Geschichte öffnen.“

Mr Stark, Sir? Erbitte Authorisierung.

Positiv.“, grinste Tony. „Brauchst du ein StarkPad, Bucky?“ „Ja, bitte.“ Tony reichte Bucky seins und holte eine VR-Brille und Gauntlets. Bucky startete das Main Frame des StarkPads, navigierte kurz und warf die Geschichte-Simulation für alle sichtbar auf den großen Bildschirm in der Wohnhalle. „Steve, setz die Brille auf und zieh die Handschuhe an.“, bat er seinen Freund. Steve tat wie geheißen, Bucky steckte den USB-Stick ins StarkPad und gab ein paar Befehle ein.

Willkommen zur Erweiterung 'Captain Brooklyn – Held im Wandel der Zeiten'“, schnarrte eine Computerstimme durch den Raum. Auf dem Bildschirm erschien eine ikonische Szenerie aus dem New Yorker Vorort und eine muskulöse Gestalt in einem blau-weiß-roten Superheldenanzug und einem runden Schild mit weißem Stern darauf trat ins Bild. Er war angelehnt an den Captain America aus diesen alten Comics. Und er sah Steve ziemlich ähnlich.

Wollen Sie Captain Brooklyn als Spielcharakter wählen?“, die Computerstimme. „Du bist gemeint, Stevie.“, sagte Bucky leise und Steve, der ein bisschen zusammengezuckt war, antwortete: „Ja.“ und dann ruckte sein bebrillter Kopf hoch, die Spielfigur auf dem Bildschirm tat dasselbe. „Cool!“, rief Thor. „Ich bin in Brooklyn!“, staunte Steve mit verblüffter Stimme. „Captain Brooklyn, wir haben einen Auftrag für sie. Banküberfall mit Geiselnahme in der Clarkson Avenue.“ „Äh.“

„Willst du ihnen nicht helfen, Steve?“, fragte Bucky. „Kann ich das denn?“ „Aber ja!“ Steve nahm die Brille ab und starrte Bucky ungläubig an. „Was?“ Bucky stutzte. „Was meinst du denn mit 'was'?“, er schaute ein bisschen verwirrt und auch ein bisschen verunsichert drein. Gefiel es Steve etwa nicht?“ „Steve“, mischte sich sein Vater behutsam ein, der begriffen hatte, was auf dem USB-Stick war: nämlich ein clever programmierter Code, mit dem Steve in seiner Simulation der Amerikanischen Geschichte für die VR-Brille in das Alter Ego des Superhelden Captain Brooklyn schlüpfen konnte, komplett mit dem Schild, den er in der Theaterszene von vor dem Spring Break getragen hatte.

Captain Brooklyn war ein College-Student, der in Brooklyn lebte und die Superkraft der Zeitreisen besaß. Der Code war wahnsinnig kompliziert, es gab so viele Möglichkeiten. Man konnte damit schließlich die gesamte Geschichte der Staaten auf den Kopf stellen. Bucky hatte wochenlang dran gearbeitet. Tony erklärte weiter:, „Bucky hat diese Erweiterung programmiert, du kannst dich interaktiv darin bewegen, als Captain Brooklyn.“ Steve starrte seinen Dad an, dann wieder seinen Freund. „Bucky!“, rief er dann, als er es begriff, und fiel ihm um den Hals. „Ich glaub's ja nicht, das kannst du?“ Da sprach er Tony aus der Seele, der die ganze Zeit schon überrascht und auch beeindruckt war. „I-ich hatte keine Zeit, alles ordentlich durchzuprüfen, aber siehs einfach als deine persönliche Betaversion an. Gefundene Fehler verspreche ich zu beheben.“

„Das ist..., also ich weiß nicht was ich sagen soll. Das ist so... du bist unglaublich!“, wieder nahm Steve Bucky stürmisch in die Arme und drückte ihm beinahe die Luft ab. Lachend und hustend machte Bucky sich los. „Wenn du mich umbringst, behebt niemand die Fehler in deinem Geschenk.“ Steve lachte ihn an. Jetzt redeten alle wieder los, lobten das tolle Geschenk, wollten es ausprobieren, lachten über Peter, der in der zu großen VR-Brille herumtapste und Captain Brooklyn auf dem Bildschirm aussehen ließ, als hätte er einen Schwips. Pepper sah kurz wieder zu Steve und Bucky, die ineinander versunken schienen. Sie sahen sich in die Augen, dann beugte sich Steve vor und flüsterte etwas in Buckys Ohr, der biss sich auf die Unterlippe und raunte etwas zurück, das Steve erröten ließ. Schnell sah sie weg, das war ein bisschen zu intim für elterliche Zuschauer. Dann fiel ihr etwas auf. Sie rief in die Runde: „Aber Bucky hat ja gar kein Geschenk bekommen!“

Alle sahen erwartungsvoll zu Steve. Der holte ein Päckchen, das unter dem Baum gut versteckt war und reichte es Bucky. Der wickelte es aus und es war eine Schneekugel. Eine winzige verschneite Berglandschaft mit einer noch winzigeren knallroten Eisenbahn, die sich durchs Schneegstöber den Berg hinaufwand. „Äh, danke?“ „Sieh auf den Boden, du Trottel!“, lachte Steve über Buckys Verwirrung. Der drehte die Schneekugel um. Ein kleiner Umschlag war an den Boden geheftet und in Steves säuberlicher Handschrift stand 'Für Bucky' darauf. Er nahm ihn vorsichtig ab, öffnete ihn und holte einen Zettel raus. Auf dem stand:

Mit einem Zug wie diesem bringe ich dich in den Schnee, den du so liebst. Pack deine Fäustlinge, Mütze und Schal sowie die Schneestiefel ein und sei am 27.12. um 8 Uhr morgens bereit für ein weißes Vergnügen!

„Was steht auf dem Zettel, Bucky?“, rief Thor ungeduldig. Steve gestikulierte ihm zu, kurz zu warten und sah Bucky an: „Ich fahr mit dir nach Poughkeepsie. Von dort geht eine historische Eisenbahn in den Minnewaska State Park. Dort liegt Schnee, und es schneit immer noch, den ganzen Tag schon. Wir werden in einer kleinen Holzhütte mit Kamin zwei Nächte übernachten und den ganzen Tag im Schnee sein. Ist zwar nicht Grönland, dafür musst du aber nicht auf dem Boden schlafen.“ Jetzt starrte Bucky Steve an. „Freust du dich?“, wollte der wissen. „Ob ich mich freue...? Stevie! Du bist so ein Punk! Ich freu mich riesig!“ Bucky fiel ihm um den Hals, verbarg sein vor Freude und Überraschung hochrotes Gesicht an Steves Schulter und flüsterte:

„Danke, Baby, das ist ein tolles Geschenk. Und tausendmal besser als Grönland, denn diesmal hab ich ja dich dabei. Ich liebe dich.“ Steve gab ihm einen Kuss. „Ich liebe dich auch.“ Pepper vergoss ein paar kleine Tränen der Rührung. Wie glücklich Bucky ihren Sohn machte und wie sehr dieser ihn liebte! Und sie hatte schon gedacht, Steve wäre ein bisschen kalt und lieblos, mit Sharon hatte er nie so gestrahlt und verliebt gewirkt! Tony sah sie an und beugte sich zu ihr rüber. Er wisperte ihr ins Ohr: „Ich weiß, was du fühlst. Geht mir genauso.“ Dann küssten sich die beiden auch. Peter krabbelte seiner Mutter auf den Schoß und schob sich dazwischen, er wollte auch schmusen. Lachend nahm Tony nun beide in die Arme.

Thor und Loki spielten ein Kartenspiel und sie zankten sich dabei sogar nur ein ganz kleines bisschen. Und Bucky und Steve saßen mit verschränkten Händen eng nebeneinander Buckys Kopf auf Steves Schulter und sahen verträumt ins Leere. Es war ein wunderbarer Heiliger Abend!

Die beiden verabschiedeten sich gegen Mitternacht in der Halle voneinander. „Mein schönstes Weihnachten seit ich ein kleiner Junge war.“ „Oh, Bucky, mir geht’s genauso!“ Sie küssten sich zum x-ten Mal ein-letztes-Mal. „Schreib mir!“ „Ganz sicher!“ „Noch ein Kuss?“ „Stevie!“ „Bitte!“ X-plus-eins mal ein-letztes Mal... Dann konnte Bucky sich endlich losreißen. Steve ging zurück in die Wohnhalle, wo er mit Thor und Loki den Captain Brooklyn auf Abenteuer schickte. Pepper und Tony sahen ihnen eine Weile schweigend zu, Peter schlief auf einem Deckennestchen vor dem Kamin.

„Das ist wirklich fortgeschrittenes Software-Design, beeindruckende Programmier-Arbeit.“, sagte Tony laut, was er schon früher gedacht hatte. „Ja, oder Dad? Also, ich weiß ja nicht so viel darüber, aber es sieht großartig aus, ist super leicht zu bedienen und unterscheidet sich nicht von manch anderen Sachen auf dem Markt, abgesehen natürlich von deiner Arbeit.“ „So weit ist das gar nicht davon entfernt. Er muss Wochen dran gesessen haben.“ „Also ist die Reise, die ich ihm geschenkt habe nicht too much? Ich hatte Angst, es könnte zuviel sein.“ „Mach dir darüber keine Gedanken. Schließlich hast du dich da auch selbst ein bisschen beschenkt.“, das lustige Zwinkern, dass Tony dabei in Steves Richtung schickte, brachte den zum Lachen. „Bekenne mich schuldig. Das wird toll werden!“

Bucky schlich sich derweil ins Barnes'sche Haus. Der Weihnachtsbaum blinkte in der Wohnhalle, es lagen jetzt auch Geschenke darunter. Alles war ruhig. Er holte aus seinem Zimmer seine Geschenke für seine Großeltern und seinen Vater. Seine Mutter hatte ihm 500 Dollar geschickt, um den Wagen zu bezahlen, den sie ihm im Frühjahr gestohlen hatte. Davon hatte er die Geschenke gekauft und etwas für sich selbst, was ihr ausdrücklicher Wunsch gewesen war. Das Set aus Mütze, Handschuhe und Schal in eisblau von MrPorter, das er auf ebay als wahres Schnäppchen ersteigert hatte, würde er auf den Ausflug mit Steve mitnehmen. Er stellte seinen Wecker auf sieben, schrieb noch ein paar belanglose süße Nettigkeiten mit Steve und schlief dann ein.

Frisch geduscht und ziemlich brav angezogen im Norwegerpulli und casual geschnittenen Jeans ganz ohne Löcher erschien er pünktlich zur Barnes-Bescherung in der Wohnhalle. Seine Großmutter, Dorothy Barnes, strahlte: „Bucky!“, sie war das einzige Familienmitglied, das ihn mit seinem bevorzugten Spitznamen ansprach. „Nana!“ Bucky umarmte seine Oma, die deutlich kleiner war als er, herzlich. „Frohe Weihnachten.“ „Sieh dich einer an, du bist so gewachsen! Und du wirst von Jahr zu Jahr hübscher!“ Sie drehte sich zu ihrem Mann um, der auch aufgestanden war und der immer noch, selbst nach zehn Jahren im Ruhestand, die aufrechte stramme Haltung eines Soldaten an sich hatte.

„Sieh dir den Jungen an, Buchanan, er ist ein Mann geworden!“ Bucky sah aus den Augenwinkeln, wie sein Vater die Lippen kurz zu einem dünnen Strich presste, aber kein Wort sagte, wie schon seit einigen Wochen übrigens, wie Bucky gerade aufging, aber bevor er darüber näher nachdenken konnte, dröhnte sein Großvater: „Frohe Weihnachten, James! Donnerwetter, jetzt hast du uns alle eingeholt.“ Bucky grinste auf seinen Großvater runter, der war wie auch sein Sohn George recht breit gebaut aber nur knapp 1.80m, und umarmte ihn auch. „Frohe Weihnachten, Grandpa. Wie geht es dir?“ „Gut gut!“ „Und dir, Nana? Du siehst großartig aus.“

Das stimmte. Sein gutes Aussehen hatte Bucky von seiner Großmutter geerbt, die in ihrer Jugend eine umschwärmte Schönheit gewesen war - und Ballkönigin, er grinste kurz verstohlen - und immer noch eine gutaussehende Frau war. „Ach, danke, mein Junge, uns geht es beiden gut. Die Reise war fantastisch, aber das weißt du ja aus meinen Nachrichten. Aber zuhause ists doch am schönsten. In Florida lebt man so viel besser als hier, allein das tolle Klima!“ „Und die Alligatoren , die Moskitos, das Sumpffieber...“, lachte Bucky sie ein bisschen aus. Sie kniff ihm ins Kinn. „Werd nicht frech, heute ist Weihnachten. Komm, lass dich beschenken.“ Sie zog ihn zum Weihnachtsbaum und setzte sich im Schneidersitz auf den Teppich davor. Dorothy Barnes machte Yoga, die Position war nicht unbequem für sie, wie Bucky wusste und er setzte sich auch auf den Teppich.

Sie gab ihm ein großes weiches Paket. Bucky machte es auf und musste lachen. Eine selbstgemachte Patchworkdecke. Das war so ein Großmutter-Geschenk und das von einer Frau, die Motorrad fuhr, AC/DC hörte und auf jeder Seite drei Ohrringe trug! „Hier in New York ist es doch immer so kalt, Liebling. Ich hoffe, sie gefällt dir.“ Bucky sah sich die Decke genauer an und zog überrascht die Luft ein. Sie war aus den alten Bettwäsche-Sets gemacht, die er als Kind im Haus seiner Großeltern gehabt hatte! Motive wie Star Wars: Clone Wars, Kim Possible,
Phineas und Ferb, Avatar – the last Airbender, Lilo&Stitch, Cosmo und Wanda, alle Serien, die er als Kind gern gesehen hatte! Jedes Patchwork-Quadrat war gefüttert und die Farben waren gut aufeinander abgestimmt.

„Die Decke ist großartig, Nana! Sie gefällt mir sehr. Wunderschön!“ Er nahm seine Oma mit Tränen in den Augen in die Arme. Auch sie blinzelte verdächtig. Bucky würde die Decke nach Poughkeepsie mitnehmen, Steve würde sie auch gefallen, er hatte die meisten dieser Serien auch geliebt! „Jetzt bekommst du aber auch eins!“ Bucky angelte ein ebenfalls weiches Päckchen für seine Großmutter unter dem Baum hervor. Sie packte eine kunstvoll mit Fransen verzierte und zahlreichen Stickern bestickte Jeansweste im Harley-Davidson-Stil aus, die Bucky auf einem Flohmarkt entdeckt hatte. Solche Westen trug man über der Motorradkleidung und seine coole Oma würde darin großartig aussehen! Sie freute sich auch riesig.

„Hab ich aber nicht selbst gemacht.“, entschuldigte er sich ein bisschen. „Junge, ich hab die Decke auch nicht selbst gemacht. Ich hatte die Idee, habe sie entworfen und nähen lassen. Du weißt, ich bin keine große Näherin!“ Bucky lachte sie an. „Dann ist ja gut!“ Grandpa Buchanan kam nun zu ihnen und zog auch ein Geschenk unter dem Baum hervor. Es war nicht sehr groß, etwa wie ein mittlerer Schuhkarton und auch nicht weich. Das Päckchen wog etwa 10-12 Kilo, war also erstaunlich schwer für seine Größe. Neugierig wickelte Bucky es aus. Es war ein fest gefüllter, wie ausgestopfter Turnbeutel in Tarnfarben. „Hast du dein Handy bei dir?“ Bucky zog es aus der Tasche, entsperrte und legte es in die ausgestreckte Hand seines Großvaters.

„Du brauchst dafür die entsprechende App, funktioniert mit Blutooth. Ich richte dir das schnell ein.“ „Aber was ist es denn, Grandpa?“ „Hab ein bisschen Geduld, Junge!“, schmunzelte der ältere Mann, dessen Finger geschickt über den Bildschirm wanderten. Seine technische Begabung hatte Bucky von ihm. „So, fertig! Jetzt gehen wir aber lieber auf die Terasse.“ Bucky folgte seiner Familie, die alle Bescheid zu wissen schienen, auf die im Winter leergeräumte Terasse. Grandpa Buchanan gab Bucky sein Handy zurück und befreite ein fest zusammengefaltetes Bündel merkwürdig aussehenden Stoffs in den gleichen Tarnfarben aus dem Turnbeutel. Er legte es in die Mitte der Terasse und nickte Bucky zu.

„Sieh auf dein Handy, James.“ Auf dem Display war nur ein Button, auf dem 'Aufbau' stand. Er tippte ihn an. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis sich ein Igluzelt, von der Größe her für zwei bis drei Personen, entfaltete. Das leise Surren eines Motors war dabei zu hören. „Grandpa!“, rief Bucky in höchstem Erstaunen. „Du hast mir von deinem Grönland-Abenteuer geschrieben und so von dem Armee-Zelt geschwärmt. Nun, das hier ist natürlich nicht derselbe High-Tech-Standard wie die neuesten Armee-Polarzelte, aber dieses Modell ist auch erst gerade mal vier Jahre alt. Ohne Heizung wird es nicht für Grönland oder die Antarktis reichen, aber doch schon vom frühen Frühjahr bis späten Herbst in gemäßigten Breiten. Das Material ist sehr gut gedämmt und wetterfest. Aber das beste ist das hier...“, er nahm seinem völlig geplätteten Enkel das Telefon aus der Hand, tippte zweimal auf den Bildschirm und vor ihren Augen faltete das Zelt sich zu dem handlichen turnbeutelgroßen Päckchen zusammen, wie vorher begleitet von dem surrenden Motorengeräusch.

„Unglaublich, Grandpa! Toll! Ich liebe Zelten!“, er umarmte seinen Großvater fest und alle gingen ins Haus zurück. „Wenns mal wieder nach Grönland geht oder nach Alaska, dann sag mir Bescheid, dann schenk ich dir du zum Geburtstag den besten Zeltofen, den man dafür bekommen kann.“ „Nicht nötig, Grandpa. So weit rum komm ich erstmal nicht mehr. Nochmal, danke! Ich werd viel Freude dran haben!“ „So soll es sein.“ „Jetzt bist du aber dran.“, und Buchanan Barnes bekam ein sehr kleines Päckchen von Bucky. Er wickelte es aus und fand darin: eine Taschenuhr. Nicht irgendeine Taschenuhr natürlich. Es war die Taschenuhr, die über Generationen seit vor dem Bürgerkrieg den Barnes-Männern von ihren Vätern bei deren Tod vererbt worden war. Die Uhr war seit beinahe fünf Jahren kaputt, irreparabel, wie Buchanan Barnes mehrere Uhrmacher in Miami, ebenso in Tampa, Jacksonville und Orlando versichert hatten.

Frustriert und verärgert hatte er aufgegeben und die Uhr in den Safe gelegt. Buckys Großmutter hatte ihrem Enkel von seinem Kummer und Ärger geschrieben und Bucky hatte sie gebeten, sie ihm zu schicken, hoch versichert und – natürlich – heimlich. Er hatte sie fotografiert, ein Eckdaten-Blatt zusammengestellt und in alle Welt eine Anfrage an renommierte Uhrmacher verschickt. Er bekam Antwort aus Nürnberg, Deutschland und schickte die Uhr, wieder hoch versichert, zur Reparatur um die halbe Welt. Vier Wochen später (im November) bekam er die Uhr, hoch versichert verschickt (auf Firmenkosten!) und wieder einwandfrei funktionierend, zurück, zusammen mit einer Reparatur-Garantie für fünf Jahre. Das Familienerbstück war wieder für ein paar Jahre gerettet.

Buchanan Barnes starrte die Uhr lange ungläubig an, sah, dass der Sekundenzeiger sich bewegte, hob sie ans Ohr, lauschte und sah dann seinen Enkel mit feuchten Augen an. „Jimmy“, so nannte er ihn ganz selten, „wie hast du das gemacht?“ „Also ich wars nicht, Grandpa.“, grinste Bucky und sein Großvater nahm ihn in den Arm, in der anderen hatte er immer noch seine geliebte Uhr, sah sie glücklich an. „Du bist ein Teufelskerl, James, wirklich.“ „Ich habs gern gemacht.“ „Das weiß ich doch, du dummer Junge!“, jetzt schniefte Buchanan Barnes doch ein bisschen und seine Frau unterdrückte ohne großen Erfolg ein kleines Schluchzen. „Eines Tages wird diese Uhr dir gehören.“ Bucky sah seinen Großvater fest an und sagte: „Ich hoffe, das dauert noch ne ewige Ewigkeit.“

Dann war es Zeit für Vater und Sohn, sich zu bescheren. Keiner der beiden hatte große Erwartungen und George Barnes holte ein Päckchen unter dem Baum hervor. Es war etwa so groß wie eine Tortenschachtel. Bucky wickelte es aus und fand darin einen sagenhaft schönen Gürtel von Gucci sowie edle Ugg-Lederhandschuhe mit Touchscreen-Funktion. Er war sprachlos und sah seinen Vater an. Der hob an: „Nun, ich kann damit ja nicht viel anfangen, aber ich weiß, dass du... also: Du machst dir was aus diesen Dingen, ich hoffe, du freust dich.“ Bucky lächelte und stand auf, nahm seinen Dad in die Arme und sagte: „Toll, Dad, wirklich! Das sind super Sachen! Ich hab schon Wochen gerade nach diesem Gürtel auf ebay gejagt und nie Glück gehabt. Danke. Wirklich.“ „Frohe Weihnachten.“ „Dir auch frohe Weihnachten. Ich hoffe du magst mein Geschenk auch.“, damit holte Bucky das letzte Geschenk unter dem Baum hervor und gab es seinem Vater.

Es war ein großformatiges Buch über amerikanische Militärgeschichte, mit zahlreichen Fotos und Zeichnungen illustriert und eine Originalausgabe aus George Barnes' Geburtsjahr. Bucky hatte es in einem Antiquariat aufgetrieben und wie es der Zufall wollte, war es sogar passend gewidmet. Auf der dritten Seite stand 'Für Georgie'. Als Bucky es vor ein paar Wochen entdeckt hatte, war er wie elektrisiert gewesen. Würde er zum ersten Mal im Leben seinem Dad ein gutes Geschenk machen? Und ja, Major Barnes' Gesichtszüge wurden ganz weich und er gab das Buch seinem Vater mit den Worten: „Sieh dir das an!“ Dann nahm er Bucky in die Arme. „Danke, Sohn. Das ist großartig!“ „Gern, Dad. Es war aber Zufall, ich gebs zu.“ „Dass du so ein Buch überhaupt näher in Augenschein nimmst... Danke, mein Junge.“ „Frohe Weihnachten, Dad.“ „Dir auch frohe Weihnachten.“ Wenn die Großeltern Barnes da waren, funktionierten Bucky und sein Dad immer viel besser aus irgendeinem Grund...

Nach einem schmalen Frühstück aus Kaffee und Keksen – sie würden zur Mittagszeit essen gehen - setzten sich Bucky und seine Großeltern gemütlich in der Wohnhalle auf die Sofas. George Barnes war in der Nachbarschaft unterwegs, allen Frohe Weihnachten wünschen. „Jetzt erzähl, Bucky, was macht die Schule? Hast du nette Freunde? Was macht dein Fußball-Team? Ich will alles wissen!“, rief Buckys Großmutter. Und Bucky erzählte. Vom Drama-Kurs, von der Fußball-Meisterschaft, von dem königlichen Geschwisterpaar aus Wakanda, von seinen Mathe-Nöten und er zeigte seinen Großeltern viele Fotos. „Du wurdest zum Ballkönig gewählt?“, quiekte seine Großmutter bei einem Bild von ihm und Peggy auf der Bühne mit ihren Krönchen, „Und was hast du an? Ein Rentier-Kostüm?“, lachte sie.

„Das war das Ball-Motto, die Rudolph-Geschichte mit den unpassenden Spielzeugen, war meine Idee. “ „In einem Rentier-Kostüm wirst du Ballkönig...“, staunte sie mit einem stolzen Lächeln. Bucky grinste: „Irre, oder?“ „Das ist an sich ja keine große Überraschung. Du bist bestimmt der hübscheste Junge an der ganzen Schule!“ „Vielleicht. Aber auch schwul.“ Seine Großeltern wussten natürlich, dass ihr einziger Enkel schwul war. „Ach, Liebling, wir leben in so aufgeklärten Zeiten. Das spielt doch gar keine große Rolle mehr.“ Sie blitzte ihn schelmisch an. „Und, Bucky? Willst du es deiner Großmutter denn gar nicht erzählen?“ „Was denn?“, lachte er. „Du schwebst ja regelrecht. Du bist doch verliebt.“, sagte sie ihm auf den Kopf zu. Buckys Lächeln wurde ganz weich und seine Augen leuchteten regelrecht. Das Herz seiner Oma schwoll an, lief beinahe über vor Liebe und Rührung. „Na, das muss ja ein ganz besonderer Junge sein. Du strahlst wie die Sonne.“

„Ich bin jetzt mit Steve zusammen.“, sagte Bucky schlicht. Buchanan und Dorothy Barnes wussten natürlich, wer Steve war. „Mit dem kleinen Steven Stark?“, polterte sein Opa überrascht. Steve war vor Jahren mal mit Bucky in Florida gewesen, als der seine Großeltern besucht hatte. „Lieber, du hast die Fotos von der Schule gesehen. Steve war auch auf ein paar Bildern. Er ist nicht mehr klein.“ „Zeig nochmal.“, Buchanan Barnes hatte gar nicht so richtig auf alle geachtet beim Bilderanschauen. Sie waren ja auch ganz schön klein auf diesem Handybildschirm. Bucky suchte ein Bild von Steve und sich, wo man sehen konnte, dass der 'kleine Steven Stark' inzwischen sogar größer als er selbst war.

„Donnerwetter! Spielt er etwa Football?“ Bucky musste lachen. „Steve und Football! Nein, nein, er achtet nur auf seine Ernährung und trainiert viel.“ „Ihr seid ein schönes Paar.“, stellte Nana Dot fest. „Wie ist das denn passiert? Ihr seid doch schon seit Jahren Freunde!“, wollte Grandpa wissen. Bucky lachte etwas hilflos: „Ehrlich gesagt, ich weiß es selbst nicht so richtig. Ich mag ihn schon lange, also wie in mögen-mögen und im Sommer hat es plötzlich angefangen, dass er mich irgendwie mit anderen Augen gesehen hat, keine Ahnung, wie sowas passiert! Aber ich beschwere mich nicht, wie ihr euch denken könnt.“ „Das geht seit dem Sommer und du hast mir nichts erzählt?“, empörte sich seine Großmutter, aber sie lächelte dabei mit den Augen. „Äh, nein, Nana. Wir sind erst seit kurz vor Halloween ein Paar.“

„Wie ungewöhnlich!“, rief Buchanan. „So ungewöhnlich ist das gar nicht. Nimm Felicity! Sie war über 30 Jahre glücklich verheiratet und jetzt, wo Carl tot ist und sie ihre Trauer überwunden hat, lebt sie mit einer alten Schulfreundin zusammen. Nicht, um Wohnkosten zu sparen, das kannst du mir glauben!“ „Dorothy! Willst du damit sagen...“ „Ich sage weiter gar nichts dazu. Sperr einfach deine Augen auf beim nächsten Gartenfest.“ Bucky beobachtete den Wortwechsel amüsiert. „Geht Steve denn mit zum Essen nachher?“, richtete seine Nana das Wort dann aber wieder an ihn.

„Ähm... Dad hat es doch lieber unter uns, wie ihr wisst.“ Seine Oma sagte nichts dazu aber preste kurz die Lippen aufeinander. Sie kannte ihren Sohn und konnte sich vorstellen, dass der die neue Situation wenig schätzte. Dass ihr Enkel, der wirklich ein hübscher Junge war, schon die ein oder andere Liebelei mit einem Jungen gehabt hatte, war schwer anzunehmen. Aber eine feste Beziehung mit dem jungen Stark, der schon seit Jahren eine Beständigkeit im Leben Buckys war, ließ sich wahrscheinlich nicht so einfach ignorieren.

„Macht er dir das Leben schwer, Liebling?“ „Aber Nana, er ist doch dein Sohn...“ „Und genau deshalb möchte ich das wissen. Wer, wenn nicht ich könnte ihm den Kopf zurechtrücken?“ Buchanan Barnes räusperte sich. „Ach, du weißt wie Jungs mit ihren Müttern sind!“, rief seine Frau. „Da werden die härtesten Kerle weich wie Butter!“ Bucky lachte bei dem verdutzten Blick seines Grandpas. „Machen wir es doch so: Wir gehen essen, nur wir Barnes' und danach rufst du ihn an und lädst ihn zum Kaffee hierher ein. Ich bringe das Gespräch schon dahin, dass es ganz spontan wirkt. Okay?“ „Okay!“, grinste Bucky breit. „Liebling?“ Ihr Mann brummte zustimmend. „Na also.“ Da hörten sie die Tür auch schon gehen und George Barnes kam mit einem Schwung Geschichten über die Nachbarn zurück.

Zum Essen zog Bucky eine dunkle Stoffhose und ein weißes Hemd an, kämmte sich die Haare aus dem Gesicht und nahm zwei Krawatten mit aus seinem Zimmer. „Welche soll ich anziehen?“ Eine war sehr schmal und tiefrot, sie schimmerte fast violett. Die andere war klassisch etwas breiter und hellgrau mit anthrazitfarbenen schmalen Diagonalstreifen. Die beiden älteren Barnes-Männer waren für die unauffälligere, aber seine Nana ermutigte ihn, die glamourösere anzuziehen. Sie ließ sich auch nicht nehmen, sie ihm selbst umzulegen. Als sie ihm nach getanem Werk den Kragen glattstrich, bekam sie ein wenig feuchte Augen. „Wo ist nur die Zeit hin? Was ist aus meinem kleinen Jungen geworden, der an Weihnachten nie seine guten Kleider anziehen wollte?“ Bucky lachte: „Der war eine Weile im Schrank und zieht jetzt richtig gern seine guten Kleider an!“ Seine Oma lachte daraufhin schallend.

Beim Dessert fragte Grandpa Buchanan seinen Enkel: „Willst du immer noch Maschinenbau studieren?“ „Ja, Grandpa.“ „Ich hab ihm gesagt, bei der Infanterie werden immer Ingenieure gebraucht, Vater.“ „Dann solltest in West Point studieren, Junge!“ Bucky erschrak: West Point! In seinen Ohren klang das wie 'Siebte Höllenverdammnis'. Eine faschistoide, angestaubte, traditionsbewusste, militärvergötternde Einrichtung voll mit testosteron-übersteuerten Hornochsen, die sich für Rambo hielten und GI Janes mit breiteren Schultern als er. „M-meine Noten sind wahrscheinlich nicht gut genug für West-Point.“

„Ich glaube, für West-Point ist James nicht sportlich genug.“, sagten sein Vater und er gleichzeitig. George starrte seinen Sohn mit gerunzelter Stirn an. „Das auch noch.“, nickte Bucky bekräftigend. „Was sagst du da über deine Noten?“ „Hast du seine Winterzensuren denn nicht gesehen?“, fragte Nana erstaunt ihren Sohn. „Er hat eine lobende Erwähnung für diverse eigenverantwortliche Projekte im Kurs für Drama, Medien und Eventplanning!“, fügte sie stolz hinzu. Bucky hatte seiner Großmutter Fotos von seinen Notenblättern geschickt. George Barnes hatte gar nicht daran gedacht, dass zu Weihnachten ja immer Zeugnisse anstanden.

„Damit kann er bei der US-Army aber niemanden beeindrucken.“ „George! Da steckt die gleiche Arbeit, wenn nicht mehr, dahinter wie in jedem anspruchsvollen Senior Kurs – gerade an dieser renommierten Schule, die er besucht.“ Bucky kam sich vor, als würde er gar nicht mehr am Tisch sitzen, als jetzt sein Großvater sich einmischte: „Du hast mir das Zeugnis gar nicht gezeigt, Dorothy.“ George sah seine Mutter böse an, Grandpa Buchanan empört, während die trotzig von einem zum andern sah.

„I-ich hab sie gebeten, es dir nicht zu zeigen.“, sagte Bucky tapfer in die Stille hinein. Alle sahen jetzt ihn an. „Dachtest du, er verpetzt dich bei mir?“, das war sein Vater. „Aber warum wolltest du denn nicht, dass ich dein Zeugnis sehe?“, Grandpa. „Du hättest das nicht hier und jetzt zugeben müssen, Liebling, ich hätt mich schon zu wehren gewusst.“, Nana natürlich und das hätte sie zweifelsohne. Alle hatten durcheinander gesprochen. „Antworte deinem Großvater.“, sagte George streng. „Er ist doch kein Kind mehr.“, zischte seine Mutter. Bucky war über und über rot geworden, Leute sahen schon zu ihnen herüber.

„Grandpa, ich schäme mich vor dir. Meine Leistungen sind nicht so gut dieses Jahr und schließlich bezahlst du das Schulgeld und das ist nicht gerade wenig.“ „Was meinst du mit nicht so gut? Bist du irgendwo durchgefallen?“ „George, bitte, lass ihn ausreden.“ „I-ich war eigentlich fertig.“ „Aber James, das ist eine sehr anspruchsvolle Schule, die du besuchst, da kann man auch mal ein paar schlechtere Noten hatten. Darf deine Granny mir jetzt das Zeugnis zeigen?“, fragte ihn sein Großvater freundlich. „Und mir?“, grollte George.

„Ja, natürlich. Entschuldigt bitte.“ Nana Dot tat er leid, wie er da saß, vor Verlegenheit rot im Gesicht wie ein kleiner Junge, der was ausgefressen hatte. Dabei hatte sie seine Noten gar nicht so schlecht gefunden, nichts was er mit ein bisschen Arbeit bis zum Abschluss nicht wieder hinbekommen würde, intelligent wie er war. Mit einem letzten fragenden Blick zu ihm holte sie ihr Handy aus der Tasche. Er machte ein auffordernde Geste und sie öffnete den Ordner mit den abfotografierten Noteninformationen, gab das Telefon zuerst ihrem Mann. Der studierte beide Fotos ausgiebig und fand nichts Gravierendes und fragte sich, wie es um die Beziehung zwischen seinem Sohn und seinem Enkel wirklich stand, wenn James glaube, er hätte mit diesen Noten ein Problem.

„Ist doch ordentlich!“, rief er. „Du hast ja deine ACTFL-Zertifikate in Spanisch und Russisch erworben, großartig. Mathe hab ich übrigens auch immer gehasst. Warum hast du das im hohen Niveau belegt?“ „Mir ist Mathe in der Sophomore so leicht gefallen und ich dachte, es wäre gut fürs Ingenieurswesen-Studium.“ „Darf ich das jetzt auch mal sehen?“ „Ja, Dad, natürlich.“, und sein Großvater gab das Telefon an George weiter. „Möchtest du einen Tutorialkurs besuchen oder individuelle Nachhilfe, James?“, fragte sein Grandpa.

„N-nein, das ist nicht nötig und sehr teuer auf dem Niveau der Sanctuary High. Ich muss mich nur wieder mehr konzentrieren, ich habs ein bisschen schleifen lassen...“ „Ah, jetzt verstehe ich.“, meldete sich seine Nana wieder zu Wort. Alle schreckten auf und sahen sie an. „Der Junge ist frisch verliebt! Da ist der Kopf leer und leicht, das ging uns doch allen auch schon so, früher.“ Na ja, frisch verliebt war Bucky technisch nach Jahren ja nicht mehr, aber er hatte schließlich erst seit ein paar Wochen Sex mit Steve und das machte seinen Kopf definitiv leer und leicht.

„Warum lädst du Steven nicht zum Kaffee ein, Bucky? Ich habe ihn schließlich ewig nicht gesehen und wenn er dir den Kopf so verdreht, dass du keine Logarithmen mehr ausrechnen kannst, will ich ihn mir mal aus der Nähe anschauen.“, sagte seine Oma. George gab seiner Mutter das Handy zurück. „Dein Zeugnis ist ganz ordentlich, Sohn, könnte besser sein, aber das letzte war es und das nächste bekommst du sicher auch wieder besser hin.“ „Ich geb mir mehr Mühe, versprochen.“ Sein Vater musste ja nicht wissen, warum er unbeding bessere Noten wollte. „Für West Point ist das wirklich zu wenig, besonders in Sport musst du da unbedingt besser werden, vielleicht einem zweitem Schulteam beitreten? Und der Gesamtdurchschnitt muss besser werden.“ „Ach die Noten sind da zweitrangig!“, tönte Grandpa, „Wichtiger ist, wen du kennst und wer dich empfiehlt.“ Bucky sah von einem zum andern. Hatte seine Familie gerade beschlossen er sollte nach West Point? Hilfe! Er räusperte sich vernehmlich und fragte, als alle ihn ansahen:

Kann ich Steve zum Kaffee einladen, Dad?“ Und wie dessen Mutter vorausgesagt hat, konnte der das jetzt schlecht ausschlagen. „Ja, ruf ihn doch an!“ Bucky entschuldigte sich kurz, um zu telefonieren. Dorothy Barnes machte sich derweil so ihre Gedanken, genau wie ihr Mann vorher. Ihr Sohn und ihr Enkel tanzten so vorsichtig umeinander herum und eine unterschwellige Angst spürte sie instinktiv auch bei beiden. Ob voreinander oder nur davor, dass das von beiden künstlich aufrecht erhaltene Bild von Liebe und Familie zusammenbrechen würde, konnte sie nicht sagen. Sie wünschte, sie würden nicht so entsetzlich weit weg wohnen und sie machte sich Vorwürfe, dass sie beinahe ein Jahr außer Landes gewesen waren. Seit Winnifred die Familie verlassen hatte, war wohl alles richtig zum Teufel gegangen, was vorher schon nicht eitel Sonnenschein gewesen war...

„Baby... hilfe. Rette mich!“ „Bucky? Was ist denn, du klingst so komisch!“ „Die haben Pläne mit mir. Ich sag nur zwei Worte: West Point.“ „Was?“, lachte Steve. „Verrückt, oder? Soll ich denen zur Bewerbung ein Rudolph-Foto schicken oder eins als griechischer Götterliebhaber?“ „Kommt darauf an, was du denkst, ob der Verantwortliche mehr auf Beine oder Po steht!“ „Und wenn du der Verantwortliche wärst?“, flirtete Bucky und klang wieder wie er selbst. „Ich würde dich sofort ablehnen. Mit der Schuld zu leben, dass meinetwegen deine schönen Haare abgeschnitten werden, wäre zu viel.“ „Ach, jetzt weiß ich, was das soll. Dad hat einen neuen Weg gefunden 'geh zum Friseur' zu mir zu sagen.“ „Es ist schön, deine Stimme zu hören. Ich vermisse dich.“ „Ich vermisse dich auch! Wir verlassen das Restaurant gleich, wir trinken nur noch einen Espresso. Du sollst zum Kaffee kommen.“

„Ich soll? Das klingt ja, als würde es gar nicht in deine Pläne passen.“, neckte ihn Steve. „Du passt immer in meine Pläne, du Punk. Du sollst. Im wahrsten Sinne des Wortes.“ „Ich bin in einer Stunde bei euch. Was soll ich anziehen?“ „Was hast du denn an?“ „Helle Hose, Karohemd.“ „Perfekt. Sieh bloß nicht aus wie ein Milliardär.“, grinste Bucky. „Was meinst du denn damit?“ „Ich will nicht, dass meine Großmutter denkt, ich hab dich nur wegen deines Geldes gewollt.“ Steves Stimme wurde ein bisschen tiefer: „Warum hast dus denn getan?“ Bucky kicherte: „Um an deinen Vater ranzukommen, der ist schließlich noch reicher!“ „He! Ich komm gleich gar nicht, du Trottel.“ „Du kommst, bis dann.“ Bucky legte auf. Wieviel besser er sich plötzlich fühlte! Zurück am Tisch sah ihm seine Nana sofort an, dass er sich wieder wohler fühlte. Nun, sie und ihr Mann waren zwar weit weg, aber Bucky hatte jetzt Gott sei Dank Steven Stark. Sie war so gespannt!
Review schreiben