Nach dem Ende der Hoffnung

von Afaim
GeschichteDrama, Horror / P16 Slash
Carl Grimes Carol Peletier Daryl Dixon Negan Rick Grimes Shane Walsh
12.03.2020
28.03.2020
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Gemeinsam allein



I.



Nach Rick hielt sich Shane von allen anderen fern, soweit er konnte. Er wusste, dass es besser so war. Um nicht in Versuchung zu geraten zu seinem Rudel zurückzukehren, führte ihn sein erster Weg so weit von der Farm weg wie möglich. Er versuchte nach Möglichkeit nicht an die anderen zu denken. Nicht an Rick, nicht an Carl, nicht daran wie weit die Schwangerschaft nun schon fortgeschritten sein mochte. Er versuchte sich nicht zu fragen, ob Randalls Leute jemals aufgetaucht waren, oder ob die Farm jemals von einer Horde überrannt worden war. Er versuchte sich einzureden, dass er alles für sein Rudel tat, was er tun konnte, dass er, wenn er schon nicht tapfer und stark genug gewesen war sich das Leben zu nehmen, zumindest tapfer und stark genug sein musste sich fernzuhalten. Und fernhalten konnte er sich am besten, wenn er nicht an diejenige dachte, die er zurückgelassen hatte.

Er versuchte soweit es möglich war anderen fernzubleiben. Gruppen ging er prinzipiell aus dem Weg, das eine oder andere Mal, dass er auf einen einzelnen Überlebenden traf, machte er klar, dass er nicht auf Gesellschaft aus war. Es war nicht immer einfach. Der Mensch war ein Herdentier, sehnte sich nach sozialem Kontakt, und sein innerer Alpha hasste den Gedanken daran Schwächere im Stich zu lassen. Aber er wusste, dass es das Beste wäre, wenn er es tat. Er konnte sich nicht sicher sein, dass er nicht wieder rückfällig werden würde. Dass er nicht wieder zur Gefahr für andere werden würde. Jeden Beta, jedes Kind, jeden Omega, den er zurückließ, schütze er damit - vor sich selbst.

Wenn man sich etwas lange genug einredete, dann glaubte man es irgendwann sogar. Und irgendwann würde er vielleicht sogar den Punkt erreichen, an dem es ihm leichter fallen würde andere im Stich zu lassen. An dem es ihm leichter fallen würde darauf zu verzichten ein Alpha zu sein.

Er tröstete sich damit, dass er im Grunde nur das tat, was Rick von ihm erwarten würde, und dass Rick immer am besten gewusst hatte, was zu tun war.

Und dann eines Tage begegnete er doch jemandem. Ihm war ein die Gruppe Alphas schon zuvor aufgefallen, und er hatte seit Tagen versucht ihr auszuweichen. Nicht nur aus den üblichen Gründen. Es war immer eine gute Idee sich von anderen Alphas, besonders wenn sie in Gruppen auftraten, fernzuhalten. Alphas waren territoriale Wesen, neigten zu Revierverhalten, und ohne Puffer durch Betas konnte es schon mal vorkommen, dass eine Begegnung zwischen Alphas mit Toten und Verletzten endete. Shane hatte also wirklich keine Lust diese Leute zu treffen. Es schien sich um eine relativ gut ausgerüstete Truppe zu handeln, also nahm Shane eigentlich an, dass sie sich nicht für einen einsamen Wanderer wie ihn interessieren würde.

Doch dann kam es doch anders. Er war so sehr damit beschäftigt gewesen den Lebenden auszuweichen, dass ihn die Toten überraschten. Er geriet praktisch ohne Vorwarnung in eine Horde. Letztlich waren es zu viele, also blieb ihm keine Wahl als seine ohnehin schon knappe Munition einzusetzen um sich die hungrigen Toten vom Leib zu halten. Die Schüsse machten die Alphas wohl auf ihn aufmerksam, denn sie tauchten auf und standen ihm gegen die Toten bei. Ganz ohne jede Einladung von seiner Seite wohl gemerkt.

Nachdem alle Beißer erledigt waren, blieb Shane keine andere Wahl als sich seinen „Rettern“ zuzuwenden. „Danke, aber ich wäre klar gekommen“, meinte er.

„Du hast nicht so gewirkt als wäre das der Fall“, merkte einer seiner „Retter“ an, ein männlicher Alpha in Lederklamotten, der im Kampf gegen die Toten einen mit Stacheldraht umwundenen Baseballschläger eingesetzt hatte, „Nichts für ungut, Kumpel.“ Dann grinste er Shane strahlend an. Natürlich war das eine Herausforderung, aber Shane hatte nicht vor sich auf irgendwelche Machtspielchen einzulassen.

„Kein Problem“, meinte er also, „Ich bedanke mich für die Unterstützung, aber jetzt muss ich weiter.“ Dann wandte er sich ab um seinen Weg fortzusetzen.

„Hey, nicht so schnell! Immerhin haben wir dir geholfen. Das Mindeste, was du tun kannst, ist nicht gleich wieder abzuhauen, sondern ein wenig Zeit mit uns zu verbringen“, meinte der Baseball-Alpha dazu bestimmt. Sein Tonfall ließ Shane inne halten. Er wusste, dass er vorsichtig sein musste. Diese Alphas waren zu fünft, er war allein, seine Munition war beinahe erschöpft, er war lange unterwegs gewesen und nach dem Kampf gegen die Toten ziemlich am Ende seiner Kräfte. Wenn ihn diese Gruppe angreifen würde, dann hätte er keine Chance, das wusste er.

Vorsorglich schulterte er seinen Rucksack ab und stellte ihn auf den Boden. „Bitte schön. Alles, was ich habe, ist hier drinnen“, erklärte er, „Wenn er mich berauben wollt, müsst ihr euch keine Umstände machen. Ich kooperiere.“ Er zeigte ihnen seine Pistole und legte diese ebenfalls auf den Boden. Sein Messer legte er allerdings nicht ab. Zumindest irgendeine Waffe wollte und musste er behalten, er würde sich davon trennen, wenn er dazu gezwungen wäre, aber er hatte schon vor Monaten festgestellt, dass er eben kein Selbstmörder war.

„Aber, aber! Für wen hältst du uns?“, tadelte ihn der Baseball-Alpha, „Du musst ja ein paar sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben, wenn du denkst, dass eine Gruppe Wanderer, die dir zu Hilfe kommt, das nur tut, weil sie dich berauben möchte. Was sagst du dazu, Simon?“ Er warf einen fragenden Blick in Richtung eines großen Mannes mit Schnurrbart. „Ich sage, dass das von schlechte Manieren zeugt, Boss“, verkündete Simon, „So was von uns zu denken.“

Sein Boss nickte daraufhin zustimmend. „Hörst du das? Simon sagt, so ein Verhalten würde von schlechten Manieren zeugen. Willst du wirklich so unhöflich sein, Kumpel?“, erkundigte er sich dann bei Shane und warf diesem einen erwartungsvollen Blick zu.

Was wollen die noch?, wunderte sich Shane. Vielleicht wollten sie ihn aushorchen. Nun sollten sie, es gab nichts und niemanden mehr, den er verraten konnte. „Ich möchte nicht unhöflich sein“, erwiderte Shane müde, „Ich bin nur … nicht mehr an Gesellschaft gewöhnt. Das ist alles.“

Simons Boss musterte ihn durchdringend. „Ja“, meinte er langsam, „So siehst du auch aus. Unrasiert. In sehr dreckigen Sachen. Und, nimm es mir nicht übel, du stinkst fast schon so sehr wie die Toten. Und du siehst ziemlich fertig aus. Weißt du was? Warum setzt du nicht mit uns an unser Feuer, isst ein wenig, und erholst dich von deinen Strapazen?“

Es war offensichtlich, dass diese Alphas ihn wirklich nicht so einfach gehen lassen wollten. Shane hatte nur keine Ahnung warum. Sie erkannten an, dass er alleine unterwegs war, er hatte ihnen alles, was er bei sich trug angeboten, und so notgeil, dass sie ausgerechnet ihn vergewaltigen wollten, wirkten sie auch nicht. Und am verhungern schienen sie auch nicht zu sein, was Kannibalismus ausschloss. Vielleicht wollen sie ja wirklich einfach nur nett zu dir sein, schlug seine innere Stimme ihm vor, Kannst du dich noch erinnern an eine Zeit, als die Menschen einfach nur nett zueinander waren?

Diese Zeit war lange vorbei. Das wusste Shane. „Das ist ein sehr großzügiges Angebot“, sagte er, „Und ich bin wirklich dankbar dafür, aber mir ist nicht nach Gesellschaft. Und ich selbst bin wiederum keine sehr angenehme. Gesellschaft, meine ich. Keine Manieren, das habt ihr selbst festgestellt, ich stinke, war noch nie gut aus Partys….“ Partys. Mann, ist das lange her.

„Warum lässt uns das nicht selbst entscheiden?“, meinte der Baseball-Alpha, „Ob du angenehme Gesellschaft bist, meine ich. Komm mit uns, setzt dich an unser Feuer, wir bestehen darauf.“ Wieder grinste er Shane an, und dieser wusste, dass ihm keine Wahl blieb. Was konnte es schon schaden? Er war wirklich erschöpft. Eine kleine Pause würde ihm gut tun. Er musste nur versuchen die ganze Gruppe schnell und bestimmt abzuwimmeln. Das war alles. Er musste klar machen, dass er kein Interesse daran hatte sich ihnen anzuschließen und warum, und dann würden sie ihn schon wieder gehen lassen. Was machte ein gemeinsames Essen schon aus? Es war ja nicht so, als ob er mit diesen Alphas auf Bruderschaft trinken wollte.

„Von mir aus“, meinte er also.

Der Baseball-Alpha grinste wieder, doch diesmal wirkte sein Grinsen nicht bedrohlich sondern aufrichtig erfreut. Sein ganzes Gesicht schien zu strahlen. „Wunderbar!“, freute er sich, „Ich bin übrigens Negan. Das ist Simon. Arat. Regina. Und Fat Joey. Keine Sorge, er nennt sich selbst so, das ist keine Beleidigung. Und mit wem genau haben wir das Vergnügen?“

Das war die Frage, nicht wahr? Mit dem ehemaligen Partner von Rick Grimes, dem Vater von Loris ungeborenen Kind, dem Mörder von Otis, dem gefallenen Alpha vom namenlosen Atlanta-Rudel. Mit einer tickenden Zeitbombe. Wenn sie das wüssten, würden sie ihm ihre Namen nicht so einfach nennen. „Shane“, sagte er schließlich, „Mein Name lautet Shane Walsh.“

Negan nickte ihm zu. „Na dann, es freut mich deine Bekanntschaft zu machen, Shane Walsh.“



II.



„Shane Walsh, also ausgerechnet dich hätte ich als Empfangskomitee jetzt nicht erwartet.“

Shane stand oben am Turm und sah zu Negan hinunter, der samt Entourage vor den Toren von Alexandria wartete und ganz und gar nicht glücklich war. „Aber ich nehme an das hier bedeutet, dass du endgültig und unwiederbringlich zu diesen Aufständischen überlaufen bist.“

Shane blinzelte. „Was für Aufständische?“, fragte er unschuldig.

„Sehr witzig. Ist Rick da? Ich habe etwas mit ihm zu besprechen“, erwiderte Negan nur, „Und wo steckt Morales? Habt ihr ihn umgebracht?“ Zuzutrauen wäre es diese verrückten Bande, soviel war sicher.

„Morales ist gerade verhindert, niemand wurde umgebracht“, erwiderte Shane, „Was Rick angeht, er ist nicht hier, hat die Stadt vor einiger Zeit verlassen. Auf einer Ausfahrt.“ Walshs Lügen war so durchschaubar wie sein Charakter – alles nur Fassade. Negan war nicht beeindruckt.

„Also willst du behaupten, dass du hier wieder das Sagen hast?“, wunderte sich Negan, „In diesem Fall, warum lässt du uns nicht herein?!“

Shanes Miene gefror, wie gesagt Lügen gehörte nicht zu seinen Stärken. „Ich denke nicht, dass das so eine gute Idee wäre. Nicht angesichts den Vorkommnissen des letzten Mals“, sagte er langsam, „Ich will nicht weitere Opfer riskieren. Offensichtlich bist du wütend. Ich weiß zwar nicht genau warum, aber ich will nicht, dass du deine schlechte Laune an meiner Stadt auslässt.“ Das wurde ja immer besser. Shane war offensichtlich größenwahnsinnig. Und musste daran erinnert werden, wo sein Platz war.

„Meine Stadt, Walsh, nicht deine. Alexandria gehört mir. Du gehörst mir. Hast du das schon wieder vergessen?!“, bellte Negan, „Und was meine schlechte Laune angeht: Rick und seine Freunde haben sich mit anderen Verrätern verbündet und uns angegriffen, und jetzt ist Fat Joey tot, genau wie viele andere! Also entschuldige, wenn mich das nicht gerade zu Luftsprüngen anregt! Ich frage dich also noch einmal: Wo ist Rick?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Shane ruhig.

Langsam aber sicher begann er Negan auf die Nerven zu gehen. „Ich werde das hier wirklich einfach für dich machen, Walsh“, verkündete er, „Entweder du öffnest auf der Stelle das Tor für uns, oder wir erschießen dich und sprengen es weg!“

Shane starrte ihn einen Moment lang nachdenklich an, und schwang sich dann über das Turmgeländer, und ließ sich vom Turm gleiten. Was denkt er, dass das bringt? Dann sprengen wir eben beide weg! Shane hob seine Hände um anzudeuten, dass er unbewaffnet war und meinte: „Lass uns darüber reden. Bitte.“ Er machte es Negan heute wirklich nicht leicht.

Negan deutete ihm zu ihm herüber zu kommen. Dann wartet er ab, bis der andere Alpha vor ihm stehen blieb. „Also schön. Rede!“, forderte er. Es war ja nicht so, als ob Shane irgendetwas sagen könnte, das seine Meinung ändern könnte, also könnte er ihn genauso gut anhören. „Rick und seine Rebellen sind nicht in Alexandria“, sagte Shane, „Darauf gebe ich dir mein Wort. Sie werden auch nicht hierher zurückkehren. Rick weiß, dass das die Stadt in Gefahr bringen würde, und das würde er niemals riskieren. Er will nicht, dass seine Taten auf Alexandria zurückfallen.“

„Nun dann hätte er erst gar nichts tun sollen, dass auf Alexandria zurückfallen könnte!“, erwiderte Negan, „Oh, ja, ich weiß, der heilige Rick Grimes liebt sein Rudel so sehr, dass er alles für es tun würde. Alles außer sich zu unterwerfen und die Füße stillzuhalten! Er hat riskiert, dass ich seinen eigenen Sohn töte, indem er uns angegriffen hat und ….“ Negan unterbrach sich, als er die Veränderung in Shanes Miene registrierte. „Entspann dich, ich habe Carl nichts angetan. Soweit ich weiß, geht es ihm gut. Sie haben ihn und die anderen Geiseln befreit. Falls keiner auf der Flucht erschossen wurde, sollte es ihnen allen gut gehen. Aber mein Punkt ist, was alles hätte passieren können. Dass Rick Grimes der verrückte Omega das Leben seines eigenen Kindes riskiert hat, weil er zu stolz war um sich damit abzufinden, dass er jetzt nicht mehr der Top Dog ist!“

„Ich glaube nicht, dass es eine Frage des Stolzes ist“, meinte Shane vorsichtig, „Aus seiner Sicht musste er Carl retten. Vor dir. Weil er befürchtet hat, dass du ihm etwas antust.“

„Der Junge war sicher bei mir! Genau wie Maggie! Und jetzt hat Rick sein Kind und eine Schwangere mitten in einen ausgewachsenen Krieg hineingezogen! Was ist daran besser?!“, beschwerte sich Negan wütend, „Ich wollte das alles zivilisiert regeln, aber Rick musste einen Krieg daraus machen! Und jetzt soll ich das Böse sein?!“

„Du bist ein Alpha, der Omegas entführt und gegen ihren Willen festgehalten hat“, betonte Shane, „Verstehst du wirklich nicht, was Rick daran als bedrohlich empfunden hat?“

Negan schüttelte nur ungläubig den Kopf. Irgendwie drehte sich dieses Gespräch im Kreis. Rick war derjenige, der falsch gehandelt hatte, trotzdem wurde er wieder als die Bedrohung hier hingestellt. Shane schien offenbar nicht einsehen zu wollen, dass Rick die größte Gefahr hier war, für Alexandria, für das Sanctuary, und für alle anderen ebenfalls. Wieso diskutieren wir eigentlich noch darüber?, wunderte sich Negan, Es ist ja nicht möglich für uns zu einer Einigung zu gelangen. Dass muss Shane doch wissen. Warum also gibt er nicht einfach nach und …. Natürlich, weil er Negan offensichtlich ablenken wollte. „So ist das also“, stellte Negan wütend fest, „Und ich dachte, wir wären Freunde, aber in Wahrheit hast du mich von dem Moment an, als wir uns kennengelernt haben, nur ausgenützt! Du hast mich nur benutzt, nur auf den richtigen Moment gewartet um dich wieder abzusetzen, um wieder der Alpha sein zu können. Du bist ein verdammter Verräter, Walsh, und der einzige Grund, warum ich dich jetzt nicht töte ist der, dass ich irgendjemanden gefangen nehmen will!“ Dann wandte er sich an seine Leute. „Los jetzt! Schießt das Tor weg! Er will nur Zeit gewinnen! Die anderen hauen ab!“

Shane griff nach seinem Arm. „Bitte, Rick ist nicht hier! Was bringt es dir einen Haufen Omegas, Kinder, und alte Leute zu terrorisieren?!“, bettelte er. Negan stieß ihn von sich und verpasste ihm dann einen kräftigen Kinnhaken. „Bleib unten!“, riet er seinem ehemaligen Kameraden. Es war ja nicht gerade so, dass sie Omegas von Alexandria mit den übrigen Omegas vergleichen lassen ließen, die einem so unter kamen.

Die Tore wurde wegesprengt, und die Erlöser strömten nach Alexandria. Während seine Leute die Stadt durchsuchten, bewachte Negan persönlich Shane, der sich verdächtig unterwürfig gab und nicht einmal versuchte zu fliehen. Das hatte vermutlich irgendetwas zu bedeuten, doch Negan war sich nicht sicher was. Er wusste nur, dass es ihm nicht besonders gefiel, aber im Moment gefiel ihm nichts.

Wie es zu erwarten gewesen war, hatte Shanes Versuch zu verhandeln dem Ziel gedient ihn abzulenken. Die ganze Stadt war verlassen. Die einzigen Bewohner, die sie fanden, waren Morales, Avery, und Jacob, die offenbar im Gefängnis des Ortes gefunden worden waren. Negan hatte nicht einmal gewusst, dass es in Alexandria überhaupt ein Gefängnis gab. Morales und die beiden anderen wirkten leicht ramponiert, aber offenbar war ihnen nichts Ernstes angetan worden.

Was Negan wiederum noch wütender machte. Wenn es etwas gab, das ihn mehr erboste als alles andere, dann war das Inkompetenz. „Was habt ihr zu eurer Verteidigung zu sagen?!“, verlangte Negan von Morales und den anderen beiden zu erfahren, „Ihr hattet einen Job! Genaue einen! Und jetzt muss ich feststellen, dass ihr nicht nur Rick und die Angreifer, sondern offenbar eine ganze verdammte Stadt verloren habt! Wie konnte das passieren?!“

Jacob und Avery schwiegen betreten und schienen nicht vorzuhaben das Wort zu ergreifen. Morales räusperte sich. „Die haben uns übertölpelt“, meinte er, „Ich gebe zu, es wurden Fehler gemacht, aber…“

„Fehler?! Seine Waffe falsch zu laden ist ein Fehler! Eine ganze Stadt zu verlieren, die man eigentlich bewachen sollte, ist ein Desaster! Bitte, sagt mir wenigstens, dass ihr zu Rick und Co. übergelaufen seid und sie deswegen nirgends zu finden sind!“, bellte Negan, „Gebt einfach zu, dass ihr Verräter seid!“

„Wir sind keine Verräter!“, rief Morales, „Anders als Shane haben wir dir die Treue gehalten. Deswegen wurden wir ja eingesperrt und gefoltert!“

„Ich verstehe“, meinte Negan, „Ihr wurdet also eingesperrt und gefoltert. Nur nicht besonders intensiv, wie es scheint, da ihr alle immer noch stehen und gehen könnt. Ich frage mich wer euch gefoltert hat. Lasst mich raten, es war einer der Omegas….“

„Ja, es war Daryl, aber du kennst Daryl nicht wirklich. Er ist nicht irgendein Omega, genauso wenig wie Rick oder die anderen hier. Die sind hardcore, können es mit jedem Alpha aufnehmen….“, rechtfertigte sich Morales, „Du hättest von Anfang an mehr Leute hier stationieren müssen. Wir waren heillos in der Unterzahl. Und da du einen der ihren getötet hast, waren sie auch noch besonders wütend und damit noch gefährlicher als sowieso schon….“

„Ich verstehe“, wurde Negan klar, „es ist also meine Schuld.“  Natürlich war es seine Schuld, da er das Kommando hier den Falschen überlassen hatte. „Zeit meinen Fehler zu korrigieren“, meinte er und holte mit Lucille aus. Und ließ sie dann auf Morales Schädel niederfahren. Wieder und wieder und wieder. Er achtete nicht darauf, wie das Blut spritze, oder Jacob sehr unalphahaft aufschrie, oder Avery sich ziemlich eindeutig in die Hose machte. Stattdessen konzentrierte er sich auf seine Wut und ließ sie heraus. Schlag für Schlag ein Stückchen mehr davon. Bis er inne hielt.

Jacob und Avery sahen ihn verschreckt an, unsicher darüber, wer von ihnen der nächste sein würde. Und ja, vielleicht hatte er dieses Mal ein bisschen übertrieben, er war nur so wütend gewesen. „Verrat ist eine Sache“, meinte er, „Unfähigkeit eine andere. Und sich herauszureden und mir die Schuld zuzuschieben wieder eine andere. Ich bin der Alpha. Es steht euch nicht zu meine Entscheidungen anzuzweifeln! Ist das klar?!“

Jacob und Avery nickten verstört, während seine restlichen Leute ihn nur stumm anstarrten. Shane starrte ihn ebenfalls an. Allerdings eher nachdenklich. „Na gut, damit wäre das geklärt. Was den Rest betrifft: Da die Ratten ihr Nest verlassen haben, sollten wir sie daran hindern in dieses zurückzukehren“, verkündete er, „Bombardiert die Stadt!“

Das schien Shane aufzuwecken. „Was? Negan, nein! Wenn das alles vorbei ist, dann brauchen die Überlebenden eine Heimat!“, wandte er lautstark sein.

Negan zuckte nur mit den Schultern. „Daran hätten sie denken sollen, bevor sie sich Rick Grimes anschließen“, meinte er nur.



III.



Die Kirche war überrannt worden, und es war an Carl gewesen nicht nur Judith sondern auch den Priester zu retten. Gabriel erwies sich alles in allem als mehr als nur ein wenig nutzlos und außerdem auch noch als feindselig, er schien ihnen die Schuld an dem Verlust seiner Kirche zu geben. Da er offenbar nicht in der Lage war alleine zu überleben waren sie wohl oder übel gezwungen ihn mitzunehmen. Was ihn wiederum ebenfalls nicht zu begeistern schien. Er tat beinahe so, als würden sie ihn entführen, dabei retteten sie ihn doch nur das Leben!

Da sie beschlossen hatten sich nicht mehr zu trennen, mussten sie auch wirklich alle zusammen bleiben. Was zunächst nicht so einfach war, wie es sich anhörte, da Abraham immer noch wütend auf Eugene auf Grund von dessen Lügen war, während Eugene unter der Zurückweisung seines Alphas litte. Rosita versuchte zwischen den beiden zu vermitteln, aber ohne besonderen Erfolg. Obwohl oder gerade weil sie eine Triade waren, hatte Abraham offenbar sogar darüber nachgedacht seine Partner gänzlich zu verlassen und sich von nun an allein durchzuschlagen, doch Glenn war es gelungen ihn dazu zu überreden das sein zu lassen und weiter mit ihnen zu kommen. Trotzdem fühlte sich der Alpha offensichtlich von Eugene verraten und war verstimmt, weil Rosita auf der Seite des Omegas stand und nicht auf seiner. Eugene wiederum spielte den Märtyrer, wollte Rosita ihre Freiheit schenken, doch dies ging darauf natürlich nicht ein. Was wie eine schlechte Seifenoper klang, fand passenderweise darin seinen Höhepunkt, dass Eugene aufgrund seiner emotionalen Aufregung eine Stresshitze erlitt, woraufhin Abraham in Brunft verfiel, und so söhnten sich diese beiden wieder aus und waren danach wieder zusammen mit Rosita ein Herz und eine Seele. Es war geradezu ekelig.

„Warte nur, bis du die richtige Person triffst, dann findest du es nicht mehr ekelig“, meinte Maggie dazu, als sie hörte, wie Carl sich beschwerte. Carl sagte ihr nicht, dass er nicht davon ausging jemals die richtige Person zu treffen, nicht unter den gegengeben Umständen. Seit dem Angriff auf das Gefängnis war ihm niemand mehr aus seiner eigenen Altersgruppe untergekommen, und nun da auch Beth, in die er ein wenig verliebt gewesen war, gestorben war, glaubte er nicht mehr, dass er jemals jemanden finden würde, mit dem er auch zusammen sein wollte. Nicht zu reden davon, dass ihm Sex nach allem, was seinem Dad und beinahe auch ihm in den Händen der Eroberer passiert wäre, zutiefst suspekt geworden war.

Liebe zahlte sich offenbar nicht aus. Man musste sich nur Sasha ansehen, die Bob verloren hatte, oder seinen Dad, der seine Mom und Shane verloren hatte, die beide nur schwer mit ihren Verlusten zurechtkamen. Selbst Tyreese hatte Karen verloren, und Noah Beth, die er kaum gekannt hatte, aber mit der ihm offenbar etwas besonders verbunden hatte. Tara erwähnte manchmal ihre verlorene Freundin. Und ja, im Moment hatten Michonne und Andrea sowie Maggie und Glenn sowie Abraham, Rosita, und Eugene einander, aber wer wusste schon, wie lange das anhalten würde? Liebe führte also nur zu Verlust, und Sex war problematisch.

Jemand der ohne beides zurecht zu kommen schien war Daryl, aber Carl wusste nicht, was er davon halten sollte. Immerhin hatte auch Daryl Beth verloren und war darüber zumindest genauso aufgelöst wie Maggie oder Noah. Und er hatte Carol, auch wenn Carl nicht wirklich verstand auch welche Art. Er traute sich aber auch nicht danach zu fragen. Selbst wenn man also lebte wie Daryl, ohne Sex, ohne sichtbare romantische Bindung, konnte man trotzdem schwere Verluste erleiden. Wäre es nicht besser sich gar nicht erst auf etwas derartiges einzulassen?

Der Verlust von Beth und die darauf folgenden Enthüllungen hatten das ganze Rudel schwer erschüttert und ihnen auch die Orientierung geraubt. Sie entschieden sich dazu nach Noahs Familie zu suchen, weil sie kein anderes Ziel mehr vor Augen hatten. Es gelang ihnen nicht Noahs Familie zu finden, dafür verloren sie durch diesen Ausflug aber auch noch Tyreese. Auf keine besonders spektakuläre Weise. Nicht zu vergleichen mit der Art und Weise wie sie die meisten ihrer jüngsten Verluste eingefahren hatten, nein, eher auf stille und traurige Art und Weise - er wurde gebissen und starb daran.

Tyreese, der trotz des Hammers als seiner bevorzugten Waffe immer ein sanfter Riese gewesen war. Der für niemanden je ein böses Wort übrig gehabt hatte, der von Anfang an akzeptiert hatte, dass er nicht bei ihnen bleiben konnte, weil er es verstanden hatte, und sich ihnen dann doch umso dankbarer angeschlossen hatte. Sasha und Carol waren untröstlich. Im Grunde waren sie alle untröstlich.

Die meisten Sorgen machte sich Carl allerdings um seinen Dad. So kurz nach dem Verlust von Beth auch noch Tyreese zu verlieren. … Carl hörte, wie sein Dad Daryl anvertraute: „Als ich ihn nach seinem Weg nach Terminus gefragt habe, hat er gesagt, der hätte ihn beinahe umgebracht. Und ich habe gesagt: Das hat er aber nicht, du bist hier. Ich habe gelogen, Daryl, ich habe gelogen. Er ist nicht mehr hier, keiner von uns ist das mehr. Beth, Tyreese, es erwischt immer nur die Besten von uns. Wer wird am Ende noch übrig sein?“

Diese Frage stellte sich Carl auch manchmal. Wer würde am Ende noch übrig sein? Wen würde er als nächstes verlieren? Seinen Dad? Judith? Michonne? Würde sein Dad jetzt wieder krank werden? So wie damals nach der Farm und nach Moms Tod?

Doch sein Dad überraschte ihn, als er am nächsten Tag der ganzen Gruppe verkündete: „Das war das letzte Grab, das ich gegraben habe. Von jetzt an werden wir aufeinander aufpassen, koste es, was es wolle. Von jetzt an werden wir niemanden mehr verlieren. Nicht, wenn wir es verhindern können. Wir haben einander, das muss reichen. Und wir halten zusammen.“ Der Großteil des Rudels nahm diese Ankündigung wohlwollend auf. Lediglich Sasha wirkte ein wenig skeptisch, während Pater Gabriel …. Nun seine Miene war düster, wie schon die ganze Zeit über. Als würde er in dieser Ankündigung eine Drohung sehen und nicht ein Versprechen. Carl wunderte sich über seine Reaktion, vergaß sie aber bald darauf schon wieder, es gab Wichtigeres – das Überleben auf der Straße zum Beispiel. Den Zusammenhalt des Rudels. Carl, Rick, Judith, Daryl, Carol, Glenn, Maggie, Andrea, Michonne, Sasha, Tara, Abraham, Rosita, Eugene, Noah. Sie waren jetzt das Rudel. Und Gabriel natürlich. Gabriel war auch dabei. Aber irgendwie war er hauptsächlich das: auch dabei. Vermutlich war ihm das selbst viel deutlicher klar als allen anderen.



IV.



Ursprünglich hatten sie sich nach Hilltop zurückziehen wollen, weil dieser Ort ihnen am einfachsten zu verteidigen schien. Es war Cyndie, die vorschlug stattdessen nach Oceanside zu gehen. Eigentlich überraschte Tara dieser Vorschlag. Nachdem sie schon in den Genuss der „Gastfreundschaft“ von Oceanside gekommen war, hatte sie nicht damit gerechnet, dass die Bewohner dieses Nests jemanden freiwillig zu sich einladen würden. Im Grunde hatte sie nicht einmal damit gerechnet, dass überhaupt jemand aus Oceanside auftauchen würde um sich ihren Kampf anzuschließen. Und dass diese Leute noch dazu zusätzliche Waffen mitbringen würden.

„Vielleicht haben wir es einfach satt Opfer zu sein“, hatte sich Cyndie gerechtfertigt, und das mochte schon sein, aber trotzdem … die jungen Beta-Kämpferinnen waren ausnahmelos erschienen. Cyndie, Rachel, und sogar Beatrice und alle ihre Freundinnen und hatten sich überaus aktiv an den Kampf beteiligt. Und als dieser einige von ihnen das Leben gekostet hatte, hatten sie sich darüber nicht einmal beschwert.

Als Tara erstmals in Oceanside gelandet war, hatte sie das Gefühl gehabt, dass Cyndie gegen die Erlöser kämpfen wollte, doch die folgenden Ereignisse, der Verlust ihrer Großmutter und die Tatsache, dass sie nun der Alpha sein musste, das alles hatte ihre Perspektive geändert. Oceanside war im Grunde ein gebrochenes Rudel, das nur noch aus Omegas und weiblichen Betas bestand. Dass sie nichts mehr mit dem Rest der Welt zu tun haben wollten, war verständlich, doch leider waren sie nun mal Trumpf im Kampf gegen die Erlöser, vor allem jetzt, da sich die Müllmenschen als Verräter entpuppt hatten.

Tara hatte den anderen gegenüber immer wieder betont, dass sie nicht mit Oceanside rechnen sollten. Und dann war deren Truppe doch aufgetaucht. Ohne ihre Waffen hätten sie viel schwererer Verluste eingefahren, das wussten alle. Trotzdem war Tara sich nicht sicher, wo sie eigentlich mit ihren neuen Verbündeten standen. Ricks Worte schienen irgendetwas in ihnen bewirkt zu haben, die Frage war nur was.

Michonne stimmte der Idee sich nach Oceanside zurückzuziehen zu, auch wenn das von Ricks Plan abwich. Aber Rick hatte sich abgesetzt um Gott weiß was zu tun. Genau wie Morgan. Und Owen. Tara hasste den Gedanken daran nicht zu wissen, wo sie waren und was sie taten. Sie war niemals dazu gekommen sich bei Owen dafür zu bedanken, dass er Denise für sie beide gerächt hatte. Sie hatte die Bande zwischen ihrer Geliebten und dem ehemaligen Wolf zwar nie ganz verstanden, aber sie hatte sie akzeptiert und wusste, dass Denise für Owen genauso wichtig gewesen war wie für sie selbst. Und er hatte getan, was Tara nie geschafft hätte, er hatte sie gerächt.

Wollte sich Oceanside nicht vor allem auch rächen? Sollte ich nicht gegen Rache sein? Vor langer Zeit hatte sie Polizistin werden wollen, auf der Seite des Gesetzes stehen wollen und nicht auf der der Selbstjustiz. Doch in ihrer neuen Welt gab es keine Gesetzte mehr, nur Regeln, die irgendjemand festlegte – sei es Deanna Monroe oder Negan – aber Gerechtigkeit konnte es immer noch geben. Owen hatte für Gerechtigkeit gesorgt, oder nicht?

Tara war sich dessen nicht so sicher, wenn sie ehrlich sein sollte. Rache war für sie immer irgendwie mit Brian verbunden, der von seinen Rachegelüsten so besessen gewesen war, dass er alles andere zur Seite geschoben hatte und so seine ganze Gruppe mit in seinen selbstherbeigeführten Untergang gerissen hatte. Seitdem wollte sie eigentlich besser sein als das. Weil sie dachte, dass sie nur so wiedergutmachen könnte, was passiert war.

Gareth und seine Leute hatten das, was ihnen widerfahren war, herausgefordert. In Terminus hatte Tara denen zugestimmt, die dafür plädiert hatten sie zu verschonen. Nach Bob und allen anderen hatte sie eingesehen, dass die Kannibalen einfach eine zu große Gefahr waren um am Leben gelassen zu werden. Sie zu töten war nötig für das Allgemeinwohl. Im Grady Memorial hatte sie einfach nur dabei helfen wollen Beth zu befreien. Und seit dem hatte sie nur angegriffen um sich zu verteidigen. Bis zu den Erlösern. Aber nach allem, was sie von den Erlösern wussten, waren diese Monster und mussten aufgehalten werden. Das war für das Allgemeinwohl genauso nötig wie der Tod von Gareth und seinen kranken Bastarden es gewesen war. Dieser Meinung waren alle: Alexandria, Hilltop, das Königreich. Und eben auch Oceanside. Vielleicht.

Trotzdem Tara konnte nicht anders, sie misstraute Oceansides Motiven. Dieser Gedanke musste sich auf ihren Gesicht widerspiegeln, als sie auf den Weg nach Oceanside eine kleine Pause einlegten um ihre Kräfte zu sammeln, da Michonne, die neben ihr stand, sich fragend an sie wandte: „Alles in Ordnung? Du wirkst irgendwie … unzufrieden.“

„Ich weiß auch nicht“, erwiderte Tara, „ich bin einfach nur…. Es gefällt mir nicht, dass wir vom Plan abweichen. Das ist alles.“

„Es ist klüger“, meinte Michonne, „Negan weiß nichts von Oceanside. Und so schützten wir Hilltop vor seinem Zorn.“

„Vielleicht bin ich mir einfach nur nicht so sicher, was unsere neuen Verbündeten angeht wie du“, sagte Tara.

„Du kennst die besser als wir anderen. Hast du Grund ihnen zu misstrauen?“, erkundigte sich Michonne.

Tara beschloss nicht zu erwähnen, wie oft irgendjemand aus Oceanside vorgehabt hatte sie umzubringen, sondern erwiderte stattdessen nur: „Nicht wirklich. Ich habe allerdings auch keinen Grund ihnen zu trauen.“

Michonne nickte nachdenklich. „Notiert. Ich werde die Augen offen halten“, meinte sie dazu, „Entschuldige mich einen Moment.“ Dann ging sie hinüber zum König des nun ja Königreichs, der gerade in einen Streit mit seinem Alpha Wachmann verwickelt zu sein schien. Tara blickte ihr unglücklich hinterher. Sie wollte Oceanside nicht schlecht machen, aber … Nun, einfach so zum blinden Vertrauen konnte sie sich auch nicht aufraffen.

Misstraue ich ihnen in Wahrheit deswegen, weil deren Motive mich an meine eigenen erinnern? Sie hatte so sehr versucht über Rache zu stehen, aber … nachdem sie aus Oceanside zurückgekehrt war und von Denise erfahren hatte, waren ihre Motive für einen Kampf gegen die Erlöser nicht mehr ein abstrakter Wunsch nach Sicherheit für alle vor den Erlösern gewesen, sondern viel mehr der Wunsch es ihnen heimzuzahlen. Sie konnte es nicht leugnen. Owen hatte das getan, was sie selbst gerne getan hätte und nur deswegen nicht getan hatte, weil sie keine Chance dazu gehabt hatte. Und wenn sie jemanden wie Cyndie oder Beatrice oder Rachel ansah, dann sah sie eine Spiegelung ihrer selbst, das Abbild von jemandem, der Rache wollte und nicht Gerechtigkeit. Dwight ist tot. Sollte mir das nicht genügen? Aber konnte jemals irgendetwas genug sein um das Loch zu stopfen, das Denise in ihren Herzen hinterlassen hatte?

Vom ersten Moment in der Krankenstation an, als sie dort diesen ungewöhnlichen Omega vorgefunden hatte, der erklärte nur Medizinstudentin gewesen zu sein, aber das Beste zu sein, was Alexandria zur Zeit zu bieten hatte, war etwas zwischen ihnen beiden da gewesen. Und dieses Etwas war gewachsen und hatte sich entwickelt und hatte sie einander näher gebracht. Und gerade als Tara begonnen hatte auf so etwas wie eine Zukunft im Allgemeinen und eine Zukunft mit Denise im Speziellen zu hoffen, war ihr der Omega entrissen worden. Zuvor hatte sie aufgehört gehabt zu hoffen. In der langen gemeinsamen Zeit auf der Straße hatte sie den wenigen gehört, die niemanden gehabt hatten, mit dem sie zusammen sein konnten. Und dann war auf einmal Denise vor ihr gestanden, und sie hatte wieder begonnen zu hoffen. Jetzt aber, jetzt war jede Hoffnung fort.

Trotzdem wollte ich niemals so sein. „Wer sind diese Leute eigentlich? Wieso vertraut Ihr Ihnen?!“, riss sie eine laute Stimme aus ihren Gedanken. Die Diskussion zwischen König Ezekiel und seinem Wachmann war offenbar endgültig aus dem Ruder gelaufen. „Weil Carol ihnen vertraut? Vielleicht gab es ja einen guten Grund dafür, dass Carol sich vor ihnen weggelaufen ist!“

„Ich bin nicht vor ihnen weggelaufen“, meinte Carol ruhig, „Ich bin vor mir selbst weggelaufen.“

„Als ob das so viel besser wäre!“, rief Richard, der Wachmann, „Mein Sohn ist tot, wegen deren Krieg gegen Erlöser!“

„Richard, du warst es doch immer, der sich dafür ausgesprochen hat sich gegen die Erlöser aufzulehnen. Wir können uns das nicht mehr länger bieten lassen, sie behandeln uns wie Sklaven - das waren deine Worte. Du warst für eine Rebellion, lange bevor wir überhaupt von der Existenz von Alexandria wussten“, erwiderte der König, doch es war zwecklos. Richard war keinen Argumenten zugänglich.

„Ich wollte mich wehren. Das hier wollte ich nicht“, betonte er, „Und nun verstecken wir uns vor dem Feind, während Henry…. Wer weiß, was Henry gerade zustößt.“

„Henry ist in Sicherheit, Richard. Wir haben Vorkehrungen zum Schutz der Bewohner des Königreichs getroffen. Hast du das schon wieder vergessen?“, warf der weibliche Wach-Alpha mit den Bogen ein.

„Das wisst ihr aber nicht! Ich habe meinen Sohn verloren! Was haben die schon verloren?!“, er deutete anklagend auf alle anderen.

Aaron meldete sich zu Wort. „Ich habe meinen Gefährten verloren, meinen Omega-Gefährten. Wir alle haben heute Verluste erlitten“, verkündete er ernst.

„Wer nimmt überhaupt sein Omega-Kind mit in den Krieg?“, mischte sich Beatrice jetzt ein, „Vielleicht sollten wir noch einmal überdenken, ob unsere Einladung mit uns in unser Nest zu kommen für alle hier gelten sollte oder nicht.“

„Hey!“, meinte Carl jetzt. „Omegas sind nicht hilflos. Genauso wenig wie Kinder!“

„Das sind unsere sogenannten Verbündeten“, klagte Richard, „Beta-Furien und verwilderte Omegas! Und dann Hilltop, unter der Führung dieses Hippies!“ Er deutete auf Jesus. „Ihr wisst doch am besten wie unzuverlässig er ist!“

„Entschuldigung, aber wer hat mir monatelang das Ohr abgekaut, dass ich seinen König dazu überreden soll nicht mehr einfach nur Ja und Amen zu den Erlösern zu sagen?!“, gab Jesus leicht beleidigt zurück.

Das hier geriet von Sekunde zu Sekunde mehr außer Kontrolle.

„Das reicht jetzt!“, verkündete Michonne, „Von allen Seiten! Wir sind erschöpft und haben Verluste zu betrauern. Wir alle. Aber das ist kein Grund aufeinander loszugehen!“ Sie schwenkte demonstrativ ihr Katana. „Denn alles wir sind alles, war wir haben!“, fuhr sie fort, „Ja, im Grunde sind wir alle Fremde. Und natürlich misstrauen wir einander. Aber uns alle verbindet etwas, ein gemeinsames Ziel: Das die Unterdrückung durch die Erlöser zu beenden. Wir allen waren Opfer von Negans Willkür. Und keiner von uns will das mehr sein! Aber wenn wir siegen wollen, dann müssen wir zusammenhalten. Von jetzt an müssen wir aneinander den Rücken freihalten und zusammenstehen, egal, was passiert. Schuldzuweisungen, Misstrauen, und das Vorhalten von Verfehlungen bringen nichts. Nur zusammen können wir gewinnen. Ich weiß, das kommt euch jetzt schwer vor. Und ich kann das verstehen, wirklich. Fremden zu vertrauen kann schwer sein. Aber vor langer Zeit hat sich eine kleine Gruppe in einem Nest von Kannibalen zusammengefunden und sich gemeinsam den Weg in die Freiheit erkämpft. Und sich danach versprochen einander nie mehr im Stich zu lassen. Und dann kamen wir nach Alexandria und haben versprochen die Leute dort ebenfalls nie mehr im Stich zu lassen.“ Sie nickte Aaron zu. „Und das haben wir auch jetzt nicht vor. Hilltop, das Königreich, Oceanside, Alexandria. Das waren wir vielleicht einmal. Aber jetzt sind wir alle Alliierte. Eine Vereinigung von Rudeln mit einer gemeinsamen Agenda. Es ist an der Zeit uns entsprechend zu verhalten. Unsere eigenen Fehler zu akzeptieren anstatt sie anderen vorzuhalten und weiter zu machen. Ist das klar?“

Einhelliges Schweigen schien ihr Recht zu geben. Sogar Richard schwieg.

„Gute Rede, Frau General“, bemerkte Tara zu Michonne.

„Danke“, erwiderte diese, „Ich habe mir überlegt, was Rick wohl sagen würde, und dann was Andrea wohl sagen würde, und mich dann dafür entschieden so zu tun als hätte ich es mit einer Gruppe Kinder zu tun. Was ich zu denen sagen muss, weiß ich immer.“

„Vielleicht wird aus dir ja eines Tages doch noch eine Anführerin“, meinte Tara.

Michonne lachte trocken. „Nein, danke, das überlasse ich gerne Rick und Andrea. Anführen ist nicht mein Stil. Köpfe abhacken ist meiner.“ Sie deutete auf ihr Katana. „Und jetzt, wo ich das endlich wieder kann, wird uns das hoffentlich bald von Nutzen sein. Denn noch mehr Reden wie die gerade eben habe ich nicht zu bieten.“

Tara warf einen unsicheren Blick in Richards Richtung und hoffte, dass sie auch keine weitere dieser Reden brauchen würden. Sicher war sie sich dessen allerdings nicht.



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