Lair-Hüter der Wälder

GeschichteRomanze, Fantasy / P12
12.03.2020
29.03.2020
8
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Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen wurden Monate und aus Monate Jahre.
Und mit je mehr vergehenden Zeit und je öfter er dieses warme Gefühl verspürte, wenn er in Kathleens Nähe war und sie ihm immer mehr vertraute, begann Lair mehr und mehr zu vergessen.  
Sein wahres Ich, das weiße Einhorn mit dem goldenen Horn verschwand. Stück für Stück. Immer weiter und weiter in der Dunkelheit der Vergessenheit, bis es nur noch ein fernes Leuchten, ähnlich wie ein Stern, war. Übrig blieb dann Lair. Der hübsche Junge, mit den weißen Haaren, der im Gasthaus arbeitete. Doch auch dieser veränderte sich. Das tägliche Holzhacken fiel ihm mit jedem male leichter. Und mit jedem Tag, der verging, verändert er sich weiter.
Bis schließlich aus dem zierlichen Knaben ein staatlicher Mann wurde. Jedoch blieb er Lair, der mit Kathleen ein Geheimnis teilte, dass nun nichts weiter war, als eine Erinnerung. Und nichts gemein mit dem hatte, was er einst war.

Eines Tages verließ Lair die Gaststube um etwas Fleisch vom Metzger zuholen. Er wickelte sich enger in den Mantel und schritt voran. Als er zurück zur Gaststube gehen wollte, kreuzte er den Weg einer alten Frau. Sie hatte wie er weiße lange Haare. Ihre Gestalt war gebeugt und sie war in einen grünen Mantel gehüllt. Ihre Kapuze hatte sie tief ins Gesicht gezogen. Doch als sie aneinander vorbeigingen, blieb sie stehen, drehte sich zu ihm herum und schlug die Kapuze nach hinten. Sie blickte ihm nach, als würde sie ihn kennen. Lair bemerkte dies und blieb ebenfalls stehen. Er drehte sich zu ihr und sah den Blick, den die Frau ihm zuwarf. Lair runzelte die Stirn. Er hatte diese Frau schon einmal gesehen.
Nur woher?
Ihre Augen waren leuchtend blau, und schienen nicht einer alten Frau, sondern einer jungen, mitten im Leben stehende Frau zu gehören.
Ihr Gesicht war alt, runzelig. Dennoch schien es auf eine merkwürdige Weise jung zu sein. Welch seltsame Erscheinung, dachte Lair.
Die Frau sah ihn noch einen Moment an, dann glitt ihr Blick zu den Bäumen, die über den Rand des Hanges ragten und den Wald dahinter bildeten. Lair folgte ihrem Blick und ein eisiger Schauer rann ihm über den Rücken. Der Frau entging dies nicht und sie zeigte auf die Wipfel, die sich im Wind neigten und ihm zu zuwinken schienen. „Er sucht nach dir!“, sagte sie und Lair merkte, wie ihm das Blut zu Eis gefror. „Wen mein Ihr, alte Frau?“, fragte er ehrfürchtig.
Da blickte sie ihn an und ihre Augen, die vorher schon leuchteten, glühten nun und etwas ernstes, verbittertes, aber auch Enttäuschtes lag darin. „Das musst du selber herausfinden, Lair!“, sagte sie und ließ ihn stehen. Lair blickte ihr nach. Wunderte sich, dass die Alte seinen Namen wusste, Dabei hatte er ihn nie erwähnt.
Einige Minuten blickte er ihr nach. Dann sah er zum Wald, der über dem Dorf bedrohlich thronte und ein Schauer rann ihm über den Rücken.
„Er sucht nach dir!“, hatte sie gesagt. Ein unwohles Gefühl stieg in ihm auf und er meinte, dass es kälter geworden war.
Lair zog den Umhang enger um sich und machte, dass er zurückkehrte.
Als er in die Gaststube kam, war er immer noch verwirrt und fragte sich noch immer, was die alte Frau damit gemeint hatte und woher er sie schon mal gesehen hatte.
„Ahh, da bist du ja!“, sagte Kathleen, die aus der Küche kam und ihm das Fleisch abnahm. „Hat es gereicht?“, fragte sie und Lair nickte nur.
Kathleen wollte gerade zurück in die Küche, als sie Lairs verwirrten Blick sah. „Lair. Alles in Ordnung?“, kam es vorsichtig von ihr und Lair antwortete erstmal nicht. Er konnte selber nicht mal sagen, ob alles in Ordnung war. „Ich…ich denke schon. Ich werde mal in den Garten gehen. Holz fürs Feuer hacken!“, erklärte er dann schnell und eilte in den Garten. Kathleen blickte ihm nach und folgte ihm.
Lair ließ das Axtblatt in das Holz sausen und spaltete dieses.
Kathleen stand an der Tür zum Garten und schaute schweigend zu. Dieser Blick, den er eben hatte. Genauso einen hatte er als sie damals erzählte, was sie in ihrer Kindheit erlebt hatte. Und wie damals jagte ihr dieser Blick Angst ein. Was war nur los mit ihm?
Knackend fuhr der Stahl in das Holz und riss Kathleen aus ihren Grübeleien. Lair wischte sich den Schweiß von der Stirn und seufzte etwas.
Er hatte sich so schnell und so stark verändert, dass Kathleen sich fragte, ob er auch wirklich der nackte Junge war, den sie im Stall gefunden hatte oder ein anderer war. „Er ist so ganz anders, als damals!“, dachte sie. Erst dachte sie, es würde daran liegen, dass er sie beschützen und deshalb stärker werden wollte. Aber nun war sie sich nicht mehr so sicher. Etwas anderes musste dahinter stecken.
„Stimmt was nicht?“, fragte Lair plötzlich und Kathleen brauchte einen Moment, ehe sie antworten konnte. „Nein…nein. Es ist gar nichts. Nur…!“, sagte sie und stockte. Ihr Gesicht begann zu glühen und schaute verlegen weg. Was war nur los mit ihr?
Wieso traute sie sich nicht es laut auszusprechen, was in ihr vorging?
Beide waren doch schon so sehr vertraut. Als würden sie sich schon ein ganzes Leben kennen. Also wieso konnte sie es nicht tun?
„Kathleen?“, fragte er und legte die Axt beiseite. Ging zu ihr und nahm ihre Hand. Sie zitterte etwas und fühlte sich kalt an.
„Was ist nur mit dir?“, flüsterte er. Kathleen schaute auf und blickte in seine Augen. Die voller Sorgen waren, dass es ihr einen Stich gab. Aber auch rührte. Kathleen lächelte dann etwas und berührte seine Wange. Sie fühlte sich so herrlich weich und warm an. „Es ist nichts!“, sagte sie und wandte den Blick dann zum Schnee, der schon eine Ewigkeit lag und nicht einmal zerschmolzen war. Schwermut war auf ihrem Gesicht zusehen. „Nur…das…das sich alles so verändert hat!“, flüsterte sie. Lair seufzte und ließ den Blick umherschweifen. Doch nicht weil sie damit den Schnee und den ewigen Winter meinte. Sondern weil er es war, der sich verändert hatte. Von heute auf morgen. Doch eines hatte sich nichts verändert. Seine Gefühle zu ihr.
Ob es ihr genauso ging?
Bestimmt denn sonst würde sie sich nicht solche Sorgen um ihn machen. Ein glückliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich bin sicher, dass der Schnee schon sehr bald schmelzen wird!“, flüsterte er. „Hoffentlich!“, erwiderte Kathleen und beide blickten zum verschneiten Hain hinauf.

Dann kam der Tag, vor Kathleens Geburtstag und Lair hatte die ganze Zeit überlegte, was er ihr schenken sollte. Als ihm allerdings nichts einfiel, fragte er Mary. Sie lachte und zwinkerte ihn an. „Frage sie doch einfach!“
„Das kann ich doch nicht machen. Dann weiß sie doch…!“, sagte er. „Wer weiß dann was?“, fragte in dem Moment Kathleen, die in die Küche kam und Lair fuhr erschrocken herum. „Ni-niemand…ich…ähm…!“, sagte Lair erschrocken und schaute schnell zu Mary, die sich nichts anmerken ließ. Kathleen runzelte die Stirn.
„Kathleen, hast du dir schon überlegt, wie du deinen Geburtstag feiern willst?“, fragte Mary nun und Kathleen überlegte. „Wie ich ihn feiern möchte. Nun…eigentlich so wie immer!“, sagte sie und ihre Mutter machte ein empörtes Gesicht. „Wie? Keine Feier. Keine Musik. Es ist dein Geburtstag!“, erwiderte sie und Kathleen hob gleichgültig die Schultern. „Es ist doch nur mein Geburtstag!“
„Nicht nur ein Geburtstag. Es ist dein achtzehnter. Du wirst erwachsen und das sollte wirklich gefeiert werden!“, beendete ihre Mutter das Gespräch entrüstet. „Ihr achtzehnter Geburtstag?“, fragte sich Lair und wurde sich der Tatsache, dass Kathleen ein Geschenk verdiente, umso bewusster.
So sehr er auch nachdachte, ihm kam nichts in den Sinn, dass er Kathleen schenken konnte und was ihr auch würdig war. Lair seufzte deprimiert und ließ sich auf die Bank, vor der Gaststube sinken. „Was mache ich bloß. Ich möchte ihr so gerne etwas schenken, doch es fällt mir nichts ein!“, murmelte er und hörte wie jemand  an ihn herantrat. Lair schaute auf und seine Augen wurden groß. Vor ihm stand die alte Frau, die ihm letztens schon über den Weg gelaufen war. Und ihm diese unheilvollen Worten zugeflüstert hatte. Lair verspannte sich automatisch, als er ihren Blick sah und machte sich bereit, eine weitere drohende Nachricht zuhören. „Du siehst ratlos aus, junger Lair. Kann ich dir helfen?“, fragte sie und Lair stutzte. Woher diese Freundlichkeit?
Lair wusste nicht, was er sagen sollte. Also nickte er bloß und die alte Frau lächelte. „Das habe ich mir fast gedacht. Du suchst nach einem passenden Geschenk, für das schöne Kind namens Kathleen. Richtig?“
„Woher weißt du das?“, fragte Lair, der seine Verblüffung nicht verbergen konnte und die Frau lächelte. „Man sieht es dir deutlich an deiner Nasenspitze an!“, erklärte sie und ihre Miene wurde dann wieder ernst. „Es ist deutlich zusehen, dass du dich in sie verliebt hast und weiter in sie verlieben wirst. Doch dabei vergisst du, wer du bist. Und wer sie ist!“, sagte sie nun und Lair merkte, wie etwas eisiges sein Herz durchbohrte. Er schauderte und fragte sich sogleich, was sie nun damit meinte. „Wer ich bin. Ich bin Lair und Kathleen ist Kathleen. Die ich über alles liebte und…!“, er hielt inne und hatte kurz das Gefühl, als würde jemand oder etwas in ihm aufschreien. So als würde man ihm klar machen wollen, dass das eine Lüge war. Das er nicht Lair war. Nicht der Lair, der er zu sein glaubte.
Aber wer konnte er sonst sein?
Sicher wollte die Alte ihn nur veralbern. Das sagte er sich und die nächste Frage nährte erneut die Verwirrung, die in ihm aufkeimte. Aber warum sollte sie das tun. Sie kannte ihn kaum. Und doch…
Etwas an ihren Worten hatte eine empfindliche Saite in seinem Inneren angeschlagen und ließ diese unaufhörlich zittern.
„Wie meinst du das?“, fragte er unsicher. „Das mein lieber Lair, musst du alleine raus finden. Das habe ich dir schon mal gesagt!“, sprach sie und wollte gehen. Lair aber sprang auf und ergriff sie am Handgelenk. „Warte!“, bat er sie und die Frau drehte sich zu ihm herum. „Woher weißt du das alles. Und was hat das alles zu bedeuten. Bitte…sag es mir. Ich…ich weiß es wirklich nicht!“
Lange blickte die Frau ihn an und in ihren Augen machte sich ein Ausdruck von Enttäuschung und auch Trauer sichtbar. „Dann hast du dich also wirklich vergessen!“, murmelte sie. So leise, dass Lair es nicht hören konnte und griff dann in ihren Umhang. Als sie die Hand wieder hervorholte, hielt sie eine silberne Kette. An dieser baumelte ein Anhänger in Form eines Pferdekopfes.
Nein, nicht der eines Pferdes. Sondern eines Einhorns.
Ein goldener Bernstein war da eingefasst, wo das Auge des Einhorns war und Lairs Mund klappte auf. Nie hatte er eine solch schöne Kette gesehen. „Nimm sie und schenk sie deiner Liebsten!“, sagte die Frau und reichte ihm die Kette. Lair nahm sie an sich. Das Metall war angenehm warm. Trotz der Kälte. Er blickte zu der Frau und wollte sich bedanken. Doch sie war verschwunden. Nur aufwirbelnder Schnee zeugte davon, dass sie mal dort dagestanden hatte.

Als dann Kathleen Geburtstag war, wurde das im großen Rahmen gefeiert. Mit Musik und Tänzen. Kathleen war am Anfang nicht gerade begeistert. Doch dann gab sie sich geschlagen und vergas schon bald, dass sie sich etwas anderes gewünscht hatte. Einige Männer und eine Frau spielten mit Geigen, Flöten und Trommeln eine muntere Musik, auf die die Gäste tanzten. Lair stand etwas abseits und schaute zu, während Kathleen mit einigen Dorfkindern tanzte. Die Kette, die er von der alten Frau bekommen hatte, hatte er in ein blaues Säckchen getan, welches er fest in seiner Hand hielt.
Nie hatte er den richtigen Moment gesehen, in der ihr sein Geschenk geben konnte. Ständig war sie umgeben von Freunden und Gästen, die ihr gratulierten und sie in ein Gespräch einwickelten. Lair seufzte innerlich und machte sich auf einen langen Abend gefasst. Es würde ewig dauern, ehe er sie mal für sich hatte. Kathleens Mutter schien es ihm deutlich anzusehen. Sie ging zu ihm hinüber und warf einen kurzen Blick auf seine Faust, in der er das Säckchen hielt und stupste ihn dann an der Schulter an. „Was hast du. Warum stehst du da, wie ein Baum. Geh doch zu ihr hin und gebe ihr dein Geschenk!“, sagte sie mit einem verschwörerischen Lächeln und deutete dabei auf Kathleen, die sich angeregt, mit einigen Freunden unterhielt. Lair wurde auf der Stelle rot und er schüttelte den Kopf. „Nein, nicht wo so viele Leute da sind!“, sagte er schnell und Mary nickte verstehend. „Dann warte aber nicht zulange. Sonst denkt sie, du hast sie vergessen!“, riet sie ihm in aller Freundschaft. Als dann wieder getanzt wurde, lehnte Kathleen die Herren ab, die um einen Tanz mit ihr baten und ging dann, zum Missfallen, der männlichen Gäste zu Lair und streckte ihm mit einem bietendem Lächeln die Hand hin. Lair wusste zunächst nicht, was er tun sollte. Dann sah er ihre Mutter, die ihm einen vielsagenden Blick zuwarf und Lair verstand. „Warte nicht zulange!“, hatte sie ihm gesagt und er wollte diesen gut gemeinten Rat beherzigen.
Er lächelte und stopfte das Säckchen in seine Hosentasche. Dann ergriff er ihre Hand und ging mit ihr in die Mitte des Raumes, auf der getanzt wurde. Dann hielten sie an und Lair nahm Kathleens Hand fester in seine. Legte die andere auf ihre Hüfte und Kathleen ihr auf seiner Schulter. Einen kurzen Moment schauten sie sich verlegen in die Augen, dann aber lächelten sie. Die Männer und Frauen spielten erneut und Lair bewegte sich, ohne es sich selber erklären zu können, zu dem Takt. Sie schwebten gemeinsam über den Boden und während sie tanzten, spürte Lair immer mehr, wie seine Liebe zu ihr stärker wurde. Konnte sie das denn. Lair hatte immer gedacht, dass seine Liebe nicht weiter wachsen kann. Aber nun wo er ihr so nahe war…
Kathleen erging es nicht anders. Sie konnte sich nicht weiter dagegen erwehren. Seit sie ihm erzählt hatte, was damals in ihrer Kindheit passiert war und sie das Gefühl hatte, ihm zu vertrauen, hatte sie immer wieder dieses angenehme warme Gefühl verspürt und nun, wo sie in seinen Armen war, fühlte sie sich, als würde sie auf Wolken gehen. Während sie tanzten, kamen sie sich dabei immer weiter näher, ohne es zu merken. Sie bemerkten es erst, als sich ihre Oberkörper berührten und jeder den Herzschlag des anderen spüren konnte. Sie tanzten auch, obwohl die Musik schon vor einigen Minuten aufgehört hatte und standen sich dann, so eng bei einander, wie sie waren, gegenüber. In dem Moment leuchteten die Augen beider und jeder konnte deutlich darin sehen, was der andere dachte. „Kathleen, ich…!“, wollte er sagen, doch seine Stimme versagte und ein dicker Kloß bildete sich in seinem Hals. Und stattdessen es nochmals zu versuchen, senkte er den Kopf und wollte sie küssen. Doch da gab es etwas, was dagegen protestierte und er wich zurück. Kathleen, die sein Zaudern und Erschrecken selbst erschüttert hatte, sah ihn etwas verletzt an. Was hatte er?
„Lair?“, fragte sie leise. „Was…?“
Mit einem male glaubte Lair das Bewusstsein zu verlieren. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn und er wollte am liebsten schreien.
Was war nur mit ihm?
Wieso küsste er sie nicht?
Liebte er sie nicht genug?
Nein. Das konnte es nicht sein. Aber was war es dann!
Lair vermochte es nicht, sich das zu erklären. Geschweige denn zu begreifen. Er schüttelte den Kopf und murmelte etwas, wie eine Entschuldigung. Dann stürmte er die Treppen hoch, durch den Flur und in sein Zimmer. Laut knallend fiel die Tür ins Schloss und er lehnte sich mit wild pochendem Herzen dagegen. Langsam sank er dann in die Knie und grub sein Gesicht in beide Hände. Er konnte es einfach nicht verstehen. Warum war diese Stimme in seinem Kopf gewesen und hatte ihn abgehalten, sie zu küssen. Wieso hatte sie ihn angeschrien?
War es etwa verboten, glücklich zu sein und zu lieben?
Wenn ja, dann konnte Gott nicht grausamer sein. Bittere Tränen rannen ihm über die Wangen und er versank ganz und gar in seiner Verzweiflung und auch Wut. Wie konnte es sein, dass sich jeder verlieben durfte und er darauf verzichten musste. Hatte er etwa nicht das Recht dazu?
Schlug nicht auch in ihm ein Herz?
Ein Klopfen riss ihn aus diesen und ähnlichen wütenden Gedanken und er schreckte auf. „J-ja?“, kam es erstickt aus seinem Mund und sein Herz machte einen schmerzhaften Satz, als er Kathleens Stimme hörte. „Lair. Ist…ist alles in Ordnung?“, fragte sie und in ihrer Stimme schwang deutlich große Sorge mit. „Ja…ja alles bestens. Ich…ich habe nur…!“, wollte er seinen Satz beenden, als ihm bewusst wurde, dass es sinnlos war, nach einer logischen Antwort zu suchen und diese auch auszusprechen.
„Ich…mir geht es gut!“, sagte er. „Nein, tut es nicht!“, schrie umso lauter die Stimme und Lair musste gegen den Drang ankämpfen, völlig in seiner Verzweiflung abzudriften. Es gab so vieles, was er ihr in diesem Moment sagen wollte. Doch etwas schien sich dagegen zusträuben und es ihm nicht zu erlauben. Was war nur mit ihm?

Kathleen stand vor seiner verschlossenen Tür und konnte deutlich sein Weinen hören. Ja, sogar seinen Schmerz spüren. Sich aber nicht erklären, warum. Was hatte er nur. Eben noch war er so glücklich. Wollte sie sogar küssen. Was sie sich, und das wunderte sie ein wenig, mehr als alles andere gewünscht hatte und im nächsten Moment war er vor ihr zurückgeschreckt und Hals über Kopf davon gestürmt. Da stimmte doch etwas nicht. Um Klarheit zu bekommen und weil sie sich Sorgen um ihn machte, war sie ihm hinauf gefolgt und an seine Tür geklopft. Als dann seine Antwort auf ihre Frage kam, hatte sie deutlich gehört, dass ihre Sorge berechtig war und das etwas ihn quälte. Jedoch trotz aller Sorge vermochte sie es nicht, um Einlass zu bitten. Lair hörte sich an, als würde etwas, egal was es war, ihn innerlich zerreißen und nicht mal sie konnte ihn trösten. Das war das schlimmste für sie und Kathleen stützte sich halt suchend an der Tür ab. Mit einem Male waren ihre Knie butterweich gewesen und die Sorge um ihren Freund, der ihr Vertrauen und nun auch ihr Herz gewonnen hatte, wuchs ins unermessliche.

Lair schleppte sich erschöpft und zitternd aufs Bett. Sein Gesicht brannte wie Feuer und in seinen Mund schmeckte er das Salz seiner Tränen. Als er sich kraftlos auf die weiche Matratze fallen lief, fühlte er sich ausgelaugt und nicht in der Lage auch nur einen klaren Gedanken zufassen. In seinem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander. Farben und Formen von Bildern verschwommen und wirbelten durch seinen Kopf. Er glitt in eine nahende Ohnmacht. Doch bevor ihn die Schwärze der Bewusstlosigkeit einhüllen konnte, sah er Kathleens Gesicht und eine weitere Gestalt. Ein weißes Wesen, mit einem goldenen Horn auf der Stirn. Ein Einhorn!
Lair spürte, wie es ihm eiskalt den Rücken runterlief, bei diesem Anblick und wie als suchte er nach Halt, glitt seine Hand in seine Hosentasche, in dem das blaue Samtsäckchen war.

Seit diesem Vorfall war es zwischen den beiden zu einer ungewohnten und auch beunruhigenden Distanz gekommen. Obwohl sie sich immer noch um ihn sorgte, vermied es Kathleen ihn darauf anzusprechen. Sie brauchte nur in seine Augen zusehen, um den Schmerz und die Zerstreutheit zusehen, die ihn plagte. Und Lair wagte es nicht, Kathleen zusagen, warum er den Kopf verloren hatte. So schwiegen sie für eine Weile. Doch dann konnte es keiner mehr aushalten und Kathleen konfrontierte ihn. „Lair, was ist nur mit dir. Seit…seit meinem Geburtstag bist du so seltsam. Du redest kaum ein Wort mit mir oder siehst mich auch nur einmal an. Bin ich dir denn so zuwider geworden?“, fragte sie, als sie ihn in den verschneiten Garten führte und sah den Unglauben in Lairs Blick. Alles in ihm schrie, dass das nicht stimmte und er wollte es auch aussprechen. Wie konnte sie das auch nur denken?
Fassungslos über ihren geäußerten Verdacht schüttelte er den Kopf. „Nein, wie…wie kommst du nur auf so einen Unsinn?“, fragte er. Kathleen fiel ein Stein vom Herzen und sie atmete erleichtert auf. Sie schüttelte den Kopf. Über sich und ihre eigene Dummheit ärgernd. Er hatte Recht.
Wie konnte sie nur auf so etwas unsinniges kommen?
Sie bedeutete ihm etwas, ohne Frage. Und er ihr. Das konnte sie nun nicht mehr verleugnen. Sie nahm seine Hände in ihre und lächelte glücklich. „Ich weiß es selbst nicht. Aber jetzt wo ich es deutlich in deinen Augen sehe..., weiß ich, dass ich mich habe blenden lassen. Verzeih mir, Lair. Bitte verzeih mir!“
„Kathleen!“, sagte er in einem einzigen Atemzug und umarmte sie. „Ich verzeihe dir und bitte dich gleichermaßen um Vergebung. Ich weiß nicht, was in mich gefahren war. Etwas hatte mich ergriffen. Aber ich kann nicht erklären was. Darum bitte ich dich, verzeih mir!“, flüsterte er glücklich und hauchte sanfte Küsse auf ihre Handrücken. Kathleen errötete und senkte den Blick. „Dir kann ich doch niemals böse sein!“
„Wenn dem so ist, wirst du es mir auch nicht übel nehmen, wenn ich dir das hier gebe!“, sagte er und holte das kleine Samtsäckchen hervor, indem sich Kathleens Geschenk befand. Kathleen blickte mit großen Augen auf das kleine Stoffbeutelchen. „Lair, was…?!“, fragte sie. Doch Lair schüttelte den Kopf und öffnete das Säckchen. Als dann mit einem leisen klimpernden Geräusch die Kette raus fiel, keuchte Kathleen überrascht auf und sah Lair ungläubig an. Dieser hatte ein spitzbübisches Grinsen im Gesicht und legte ihr dann die Kette um. Angenehm kühl fühlte sich das Silber auf ihrer Haut an und Kathleen strich vorsichtig und bedächtig über den Anhänger, der ein Einhorn darstellte. Sie konnte es noch immer nicht glauben. Eine so schöne Kette hatte sie zuvor noch nie gesehen und das Lair ihr diese schenkte, ließ ihr Herz höher schlagen.
Überglücklich fiel sie ihm dann über den Hals. „Danke, Lair!“, flüsterte sie und Lair genoss seit langem wieder das Gefühl ihr nahe sein zu dürfen.

Lair und Kathleen bedienten wiedermal die Gäste, die sich vor dem kalten Sturm, der draußen wütete, in Sicherheit bringen wollten. Um den Blick Neugieriger zu vermeiden, hatte Kathleen die Kette unter ihrem Kragen versteckt. Sie hatte sie nicht einmal abgelegt und hütete sie wie einen kostbaren Schatz. Das war er auch. Da es ja Lair war, der ihr diese schöne Kette geschenkt hatte. Wann immer sie die Chance hatte, warf sie ihm einen vielsagenden Blick zu und Lair erwiderte diesen.

Der Raum war erfüllt von Gerüchen von Bier, Pfeifen und Kathleen merkte, wie ich schwindelig wurde. Sie taumelte etwas. Seltsam. Das war doch sonst nicht so. Aber vielleicht vermisste sie die frische Luft und sie beschloss, wieder vor die Tür zugehen. „Lair, würde es dir was ausmachen, allein weiterzumachen, Ich brauche mal frische Luft!“, fragte sie und Lair nickte. „Natürlich. Mach schon. Ich komme schon klar!“
Kathleen lächelte und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke!“
Lair schaute ihr mit großen Augen nach, dann aber grinste er. „Sie hat mich geküsst. Zum ersten Mal!“, ging es ihm durch den Kopf und konnte ein glückliches Grinsen nicht verbergen.
„Hey. Wo bleibt mein Bier!“, hörte er eine ungeduldige Stimme hinter sich und machte sich gleich daran, dem durstigen Mann sein Bier zubringen.

Die kalte Luft tat ihr, wie beim letzten Male gut und Kathleen schloss die Augen. Wickelte das Tuch dabei enger um sich, damit sie nicht fror. Da wurde ihr erst jetzt bewusst, dass sie Lair geküsst hatte. Zwar auf den Mund, aber immerhin geküsst. Und ein zaghaftes Lächeln stahl sich von ihren Lippen. „Was ist nur los mit mir?“, fragte sie sich. Mehr mit einem wissenden Gefühl, als dem der Verwirrtheit und sie lehnt sich mit dem Rücken an die Fassade ihres Elternhauses. Das alles war sicherlich nicht nur Gernhaben oder gar Freundschaft. Das ging schon bei weitem darüber hinaus. Aber wie sollte sie das ihm sagen. Oder damit weiter umgehen. Fühlte er denn genauso wie sie. Mit Sicherheit. Man konnte es ihm deutlich ansehen. Also was hinderte sie daran, es ihm zu sagen?
Fürchtete sie sich etwa davor, Sich doch geirrt zu haben. Nein, das konnte es nicht sein. Aber was dann?
Ein Geräusch riss sie aus ihren Grübeleien und sie schaute etwas erschrocken drein. Hatte sie sich getäuscht, oder hatte sie ein Seufzen gehört. Sie schaute sich um, doch niemand war zu sehen. Aber vielleicht hatte sich derjenige, der geseufzt hatte, ja in einem der Schatten versteckt, die zwischen den Häusern lagen. Kathleen blickte zu einer Spalte, die zwischen zwei Häusern war und in der man sich gut verbergen konnte. Undurchdringliche Schwärze herrschte in dieser und Kathleen erschauderte, als sie sich vorstellte, dass da jemand auf sie lauern konnte. Lange blickte sie in diese Finsternis. Aber dann drehte sie sich um und eilte zurück ins Haus.

Nole fluchte, als die junge schöne Frau, die ihn nicht mehr losließ und sein Herz gefangen hielt, ins Haus floh. Er wollte ihr nachgehen. Sie an der Hand ergreifen und sie mit sich nehmen. Und war erschrocken zu gleich darüber, dass er solch einen Gedanken überhaupt hatte. Sie mit nehmen. Was für eine absurde Idee. Und doch…
Dieses Begehren, dieses Verlangen nach ihr, wich einfach nicht. Es wurde nur stärker. Mit jedem Tag, der verging und mit jedem Schritt, den er ins Dorf machte.
Und da gab es noch etwas. Etwas, was er noch tun musste. Etwas, was er vor langer Zeit begonnen hatte und nicht vollenden konnte.
Das weiße Einhorn.
Der Hüter des Waldes. Er war hier.
Irgendwo…
Und er würde ihn finden.

Als die Gäste gegangen waren und es still in der Gaststube war, saß Lair draußen im verschneiten Garten auf einer Bank und schaute in den Nachthimmeln hinauf. Um seine Schulter eine Decke. Trotz der Kälte war ihm allerdings warm. Das lag einzig und allein an dem Kuss, den Kathleen ihm gegeben hatte. Er brannte auf seiner Wange und wärmte ihn.
Was ein Kuss bewirken konnte, dachte er.
„Frierst du nicht?“, fragte eine Stimme und er drehte sich um. Kathleen stand hinter ihm, ebenso in eine Decke gewickelt. Lair lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein!“, sagte er. „Nicht, wenn du bei mir bist!“, dachte er und hätte es gerne laut ausgesprochen. Doch er traute sich nicht.
Obwohl er und sie sich solange schon kannten. Aber vermutlich lag es daran, dass er in sie verliebt war und deswegen…
Lair hielt inne, als ihm dieser Gedanke kam. Er ist in sie verliebt?
Seit wann. Etwa schon immer?
Er erinnerte sich an eine Zeit als er noch ein anderer war und sich nach jemanden gesehnt war. War sie es. Es musste so sein. Denn nur sie, weckte in ihm dieses Gefühl. Doch wer war er damals gewesen. Lair wusste es nicht mehr. Mit einem Seufzen hielt er sich den Kopf. Kathleen beugte sich zu ihm und schaute ihn etwas sorgend an. „Alles in Ordnung bei dir?“, fragte sie. „Ja, ich…ich frage mich nur…?“, begann er zögernd und seine Stimme brach ab. „Ach, nichts. Vergiss es!“
Kathleen sah ihn einen Moment an, dann zuckte sie mit den Schultern. Was es auch sein mochte, sicherlich war es nicht wichtig. Sie kannte Lair. Er sprach immer etwas aus, wenn es wichtig war.
Dennoch hatte sie das Gefühl, dass es dieses mal anders war. Traute sich jedoch nicht, ihn zufragen. So saßen sie also stumm neben einander. Trotz das der Tag wolkenverhangen war, war der nächtliche Himmel nun wolkenlos und die Sterne waren deutlich zu sehen. Kathleen blickte zum Sternenhimmel hinauf. Wie herrlich ruhig es war. Selten gab es solche ruhigen Momente. Meistens verbrachten sie den Tag in der Stube, wo sie Gäste bedienten und ihren Lärm erdulden mussten. Dann gab es noch diese Stürme, die selten aber tückisch waren und ins Tal wehten und alles und jeden mit zu reißen drohten, der sich in diese wagte.
In dem Moment flog eine Sternschnuppe vorbei. Dann noch eine und eine Dritte. Es war der Sternschnuppenregen, den sie sahen und es raubte ihnen den Atem. Kathleen schaute wie gebannt dem Naturschauspiel zu. Auch Lair erging es nicht anders. Noch nie hatte er so viele Sternschnuppen gesehen. Nicht mal als er…
Lair zuckte zusammen, als er darüber nachdachte und die Alte kam ihm wieder in den Sinn. Wieso musste er gerade jetzt an sie denken. Jetzt wo sie gerade nebeneinander saßen und sich den Sternschnuppenregen anschauten.
Er hatte keinen Grund dazu und Lair dachte nicht daran, diesen kostbaren Moment an so einen unbedeutenden Gedanken zu vergeuden. Flüchtig blickte er zu ihr. Sie war immer noch wie gefesselt von dem Schauspiel und er, von ihrem Gesicht. Sie ist einfach wunderschön. Was gäbe ich dafür, wenn ich für immer bei ihr sein darf, dachte er. Fast wie von selbst suchten seine Finger nach die ihren. Und als sie sie fanden, strich er darüber. Kathleen bemerkte dies und lächelte heimlich. Sie verflochte ihre Finger mit seinen und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Weißt du eigentlich, dass man sich was wünschen kann, wenn man eine Sternschnuppe sieht?“, sagte sie träumerisch und Lair nickte. „Was würdest du dir wünschen?“
Lair lächelte und blickte dann zu ihr. „Dass ich für immer bei dir sein kann!“
Kathleen wurde rot und wandte dann den Blick von ihm weg. „Du darfst das doch gar nicht sagen. Sonst geht er nicht in Erfüllung!“, sagte sie erschrocken und Lair lachte. „Ich weiß. Aber weißt du was. Ich muss es mir nicht wünschen. Da ich weiss, dass ich für immer bei dir sein werde!“, sagte er und Kathleen errötete. „Lair!“, flüsterte sie und eine warme Woge, die sie federleicht zu machen schien und ihr Herz höher, schneller schlagen ließ, erfasste sie.  
„Es sei denn…!“, sagte er und beugte sich dabei zu ihr. „Du willst, dass ich für immer her bleibe? Hier bei dir!“
„Natürlich will ich das!“, platzte es aus Kathleen und ehe sie wusste, was sie tat, krallte sie ihre Finger in seinen Ärmel. Lairs Brauen zuckten nach oben. Ihn schien ihr plötzlicher Ausruf etwas zuwundern. Doch dann lächelte er. „Kathleen!“, sagte er. „Danke!“
„Wofür?“
„Dafür, dass du das gleiche willst, wie ich!“, flüsterte er. Kathleen sah ihn einen Moment verwirrt an. Dann aber wurde ihr Blick verärgert. „Wieso sollte ich nicht. Immerhin…bist du mir sehr wichtig!“, sagte sie und merkte, wie rot sie wurde. Lair lächelte. Ließ sich von ihrem verärgerten Gesicht nicht beeindrucken und nahm ihre andere Hand. „Du bist mir auch sehr wichtig!“, hauchte er und seine Augen begannen zu leuchten. Glänzten, als wären tausend Sterne in diesen. Kathleen lächelte glücklich. Lair umarmte sie und drückte sie fest an sich. Sie fühlte sich so wunderbar weich an. Lair genoss es, ihr so nahe zu sein. Und er verspürte den Impuls, einen Schritt weiterzugehen. Dabei achtete er nicht mehr auf die Stimme in seinem Kopf, die ihn wie beim ersten Mal an schrie, aufzuhören und nicht weiterzugehen. Sanft drückte er sie von sich und als Kathleen zu ihm aufschaute, senkte Lair etwas den Kopf. Die Augen geschlossen. Kathleens Herz schlug heftig in ihrer Brust und sie meinte, ohnmächtig zu werden. Doch dann riss sie sich zusammen und näherte sich seinem Gesicht mit ihrem. Langsam. Vorsichtig. Als sich dann ihre Lippen berührten, durchzuckte ein Blitz sie beide gleichermaßen und für einen kurzen Moment setzte ihr Atem aus. In Kathleens Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander. Doch etwas drang immer mehr und mehr durch dieses Chaos und ließ sie erschauern. Er küsst mich…er küsst mich wirklich, schrie es in ihrem Kopf und sie konnte nichts anders, als ihre Arme um seinen Hals zulegen. Lair erwiderte ihre Geste und schlang seine Arme um ihre Hüfte. Zog sie damit enger an sich. Kathleen atmete tief durch und wünschte sich das dieser Moment nicht vergehen würde.

Mary stand am Fenster und blickte runter in den Garten. Ein glückliches Lächeln legte sich auf ihre Lippen. „Endlich. Endlich haben sie sich gefunden!“, sagte sie und ging dann lächelnd ins Bett.
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