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Der Antiquar

von Telda
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Hermine Granger Severus Snape
10.03.2020
18.03.2020
5
7.531
88
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Dieses Kapitel
22 Reviews
 
 
10.03.2020 1.488
 
Guten Abend zusammen,

heute morgen war das noch eine vage Idee, aber wie immer _ nachdem ich Missy davon erzählt hatte, entwickelte sich in Windeseile ein Plot...
Es wird keine helle, luftige Romanze, so viel kann ich verraten... Wie immer bin ich sehr gespannt, welche Gedanken Euch dazu kommen werden!

Aus der mächtigen Großstadt gewaltigem Schoß
entsprangen zwei einsame Seelen.
Sie banden sich fest und sie rissen sich los,
und vom Losreißen will ich erzählen...
[Julia Engelmann, Darf ich bitten? 2018]


Sie ärgert sich, dass sie wieder einmal nicht früher losgekommen ist und sich jetzt durch den Londoner Wochenendeinkaufsrummel schlagen muss, um zu der kleinen Gasse zu kommen, in der sich das Antiquariat befinden soll, von dem sie aus einer Annonce in der Muggelzeitung erfahren hat. Immer wieder schaut sie suchend auf die Straßenschilder, bis sie endlich den Eingang zu der Gasse gefunden hat, von der in der Annonce die Rede war.

Kaum ist sie in die Gasse abgebogen, taucht sie ein in die Stille. Nur noch entfernt ist das Hupen der Autos und Busse zu hören. Langsam schlendert sie nun weiter, genießt die Frühlingssonne auf ihrem Gesicht und entspannt sich. Eine kleine Teestube fällt ihr ins Auge, die schon ein paar Tische nach draußen gestellt hat. Sie sucht sich einen Platz, der nicht von einem Sonnenschirm beschattet wird und bestellt sich einen Earl Grey mit Milch und Zucker.

Genüsslich trinkt sie ihren Tee und langsam kommt das Karussell ihrer Gedanken zur Ruhe. Die Woche im Labor war wieder anstrengend und obwohl sie ihre Arbeit zur Erforschung neuer Tränke liebt, kann sie diese Arbeit gelegentlich auch beinahe auffressen. Das liegt jedoch nicht an der Arbeit, sondern an ihr. Wenn sie sich einmal an etwas festgebissen hat, dann fällt es ihr schwer, sich die benötigten Pausen zu gönnen. Doch jetzt hat sie ein paar Tage frei und nimmt sich vor, keinen Gedanken mehr an das Labor zu verschwenden.

Ihr Teebecher ist leer, sie bezahlt und schlendert langsam weiter die Gasse hinunter, bis sie schließlich vor dem Schaufenster des kleinen Antiquariats steht. Langsam lässt sie ihren Blick über die ausgestellten Bücher wandern, unter denen sich wahre Schätze befinden. Das verspricht ein interessanter Nachmittag zu werden, freut sie sich und öffnet die Tür zum Laden.

Ein altertümliches Glöckchen klingelt melodiös, während sie die Tür hinter sich wieder schließt und einen tiefen Atemzug nimmt. Diesen Geruch nach Leder, Papier und Staub hat sie schon viel zu lange vermisst!

Der Laden ist in ein geheimnisvolles Halbdunkel gehüllt und Hermione Granger fühlt sich wie im Paradies. Langsam streicht sie zwischen den Regalen und den großen Kisten voller Bücher entlang auf der Suche nach einem Titel, der sie anspricht. Hier und da zieht sie ein Buch heraus, blättert ein wenig, liest und stellt es dann wieder zurück.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes, Miss?“ ertönt plötzlich eine Stimme hinter ihr und sie fährt herum. Diese Stimme...? Hier?

Von dem Mann – offenbar dem Besitzer des Ladens – kann sie nur die Silhouette erkennen, denn er steht vor einem der von der Sonne erhellten Fenster. Er ist groß und schlank, mehr kann sie nicht erkennen.

„Ich...suche nichts Bestimmtes. Ich liebe einfach alte Bücher“, antwortet sie zögernd.

„Hmpf...Sie lieben also wahllos alte Bücher? Dann fragen Sie mal bei der Royal Mail nach, ob die noch alte Telefonbücher haben. Hier sind Sie dann nämlich falsch“, schnarrt die Stimme, die ihr so bekannt vorkommt und der Mann dreht sich um und will gehen.

„Warten Sie! So habe ich das doch nicht gemeint. Ich meinte, dass ich alte Bücher aller möglichen Gebiete liebe!“

Doch der Mann bleibt nicht stehen, also läuft sie ihm nach bis zum Ladentisch. Er geht hinter den Tresen und dreht sich erst dann nach ihr um. Für einen Augenblick erstarrt sie. Der Mann, der vor ihr steht, hat eine unglaubliche Ähnlichkeit mit jemandem, von dem sie weiß, dass er seit vielen Jahren tot ist! Diese Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend und sie braucht einige Sekunden, um zu realisieren, dass er ihr eine neue Frage gestellt hat.

„Welche Gebiete?“

„Geschichte und Alchemie, vor allem“, erklärt sie langsam und starrt ihn noch immer ein wenig fassungslos an..

„Das hört sich nicht nach 'aller möglichen Gebiete' an“, erwidert der Besitzer des Ladens knurrig.

„Nun ja, einige meiner Interessen an Büchern werden Sie wahrscheinlich nicht bedienen können“, erwidert sie.

„Und welche geheimnisvollen Gebiete sollten das sein?“

„Nun ja, Geschichte der Magie und Zauberei zum Beispiel. Oder die Geschichte der Tränkebrauerei und Bücher über alte Zaubertränke und Rezepte“, antwortet sie und sieht ihn lauernd an. Reagiert er darauf?

„Wie kommt eine junge Frau wie Sie dazu, sich für diesen alten Aberglaubenkram zu interessieren?“ stellt der Mann seine nächste Frage.

„Das ist eine längere Geschichte und ich möchte nicht darüber sprechen.“ Sie zögert einen Moment, dann setzt sie hinzu: „Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor. Kann das sein?“

Der Mann schaut sie ein paar Sekunden lang an, aber sie kann nicht einmal einen Funken von Erkennen in seinen Augen finden.

„Glaube ich nicht.“ Der Mann schüttelt den Kopf. „Ich habe Sie jedenfalls noch nie gesehen.“

„Ich hoffe, das wird sich ändern. Darf ich wiederkommen?“

„Kann Sie ja nicht daran hindern“, knurrt der Mann und greift nach seiner Zeitung. Offensichtlich ist das Gespräch für ihn beendet.

Hermione sieht sich auf dem Tresen um und entdeckt ein kleines Kästchen, in dem altmodische Visitenkarten liegen. Sie nimmt sich eine und steckt sie ein, bevor sie sich verabschiedet und den Laden in Gedanken versunken verlässt.

Zuhause angekommen zieht sie sich um und steigt in ihre kuscheligen Wohlfühlklamotten, bevor sie sich einen Tee macht. Im Vorbeigehen fischt sie noch die Visitenkarte aus der Tasche ihres Cardigans.

Sie kuschelt sich in ihre Sofaecke und nippt an ihrem Tee, bevor sie einen Blick auf die Karte wirft – und keuchend nach Luft schnappt.

Auf der Karte steht ein Name, den sie sehr gut kennt – Severus Snape.

Ihre Gedanken purzeln durcheinander wie Bauklötze. DAS ist ein Zufall zu viel. Möglicherweise gäbe es jemanden, der ihrem ehemaligen Tränkeprofessor ähnlich sieht – aber dann würde jener wohl kaum den gleichen Namen tragen. Oder es gäbe jemanden, der den gleichen etwas ungewöhnlichen Namen trüge – dann würde er aber nicht zugleich auch noch genauso aussehen!

Fragen schießen ihr durch den Kopf. Wollte er mich nicht erkennen? Aber warum? Oder konnte er mich nicht erkennen? Dann stellt sich die gleiche Frage – warum?!

Spontan beschließt sie am nächsten Tag, Minerva in Hogwarts zu besuchen. Sie MUSS mit jemandem über diese Entdeckung sprechen!

Doch als sie ihrer alten Hauslehrerin gegenübersitzt, findet Hermione es seltsam schwierig, ihr von jener Begegnung zu erzählen, die sie so aufwühlt. Stattdessen zieht sie die Visitenkarte des Antiquars aus der Tasche und schiebt sie Minerva über den Tisch.

Die alte Dame nimmt die Karte, wirft einen Blick darauf und legt sie wieder auf den Tisch. Ihre ruhige und unaufgeregte Reaktion erstaunt Hermione, denn sie hatte mindestens mit Erstaunen gerechnet.

„Erstaunt Dich das nicht?“ fragt sie irritiert nach.

„Nein“, erwidert Minerva ruhig, „ich wusste immer, dass er lebt, von Anfang an. Ich habe ihn damals zu einer Freundin gebracht, die Muggel ist, nachdem Du mir erzählt hattest, was in der Heulenden Hütte geschehen ist. Zum Glück hatte er ein Gegengift und genügend andere Tränke dabei, so dass meine Freundin ihn mit meiner Hilfe heilen konnte.“

„Aber er hat mich nicht erkannt!“ erklärt Hermione, nun doch etwas verstört.

„Das kann er auch nicht. Er weiß nichts mehr von der magischen Welt. Es war sein Wunsch so.“

Hermione schnappt nach Luft. „Was ist passiert? Warum hat er das gewünscht? Und wie...?“

Minerva lächelt traurig. „Kannst Du Dir das nicht denken? Er war noch nicht mal halbwegs wieder auf den Beinen, als ich ihn wieder einmal besucht habe. Da fragte er mich, warum ich ihn gerettet hätte. Er hätte mit seinem Leben abgeschlossen gehabt und wollte sterben. Nie werde ich den Tonfall vergessen, in dem er mir erklärte, dass er das noch immer wolle, weil er mit den Erinnerungen an das, was er gesehen, getan, erlebt und erlitten habe, nicht mehr leben wolle.“

Hermione schluckt. Sie ist sicher, sie weiß nicht einmal einen Bruchteil von dem, was er tun und mitansehen musste, aber sie kann sich gut vorstellen, dass ihn das unglaublich belastet haben muss.

„Und dann?“ flüstert sie fast.

„Dann habe ich ihm vorgeschlagen, ihm alle Erinnerungen an die magische Welt zu nehmen und ihn gefragt, ob er damit leben könne. Ich wollte und konnte ihn doch nicht einfach seinem Leben ein Ende setzen lassen! Es hat dann ein paar Tage gedauert, bis er mich wissen ließ, dass er nur unter dieser Bedingung davon absehen würde, seinen Entschluss, sich das Leben zu nehmen, in die Tat umzusetzen.“

Hermione weiß nicht, wie sie an diesem Tag nach Hause gekommen ist. Sie liegt in ihrem Bett und kann nicht schlafen. Severus Snape ist ihr immer so stark vorgekommen, so unnahbar. Welche Qualen sich hinter seiner Fassade des ungerechten, boshaften Professors abgespielt haben müssen, davon hatte ja keiner von ihnen eine Ahnung...
 
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