Last Christmas I gave you my keys

OneshotFreundschaft / P12
Freya Mikaelson Lucien Castle Rebekah Mikaelson
10.03.2020
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„Wenn Freya in 10 Minuten nicht aufgestanden ist, werde ich sie eigenhändig aus dem Bett werfen“, meinte Rebekah aufgebracht, als sie zu Kol in den großen Eingangsbereich lief und sich vor dem Spiegel ihre Ohrringe ansteckte.
„Ich bin auch ein Mensch und schaffe es, um diese Uhrzeit aufzustehen.“
Kol lag auf dem Sofa und schielte amüsiert zu seiner jüngeren Schwester hoch.
„So sehr ich es hasse, dich enttäuschen zu müssen, aber unsere geliebte Schwester ist nicht hier.“
„Was?“ Rebekah sah ihn entgeistert an. „Sie muss aber hier sein, weil ich mit ihr in einer halben Stunde auf dem Weg nach Baton Rouge bin, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen.“
Kol begann breit zu grinsen. „Ich wusste, dass eines Tages der Moment kommen würde, an dem du es bereust, Freya und Lucien bis auf den Tod zu unterstützen.“ Er hatte sich mittlerweile aufgesetzt und sah voller Schadenfreude zu Rebekah, die mit verengten Augen zu ihm hinunterblickte. Kol wartete, bis sie selbst darauf kam, was er damit sagen wollte, und blinzelte sie verträumt an.
„Wovon sprich-“ Dann fiel es ihr ein. „Oh nein.“
Mit wenigen energischen Schritten lief sie zu ihrer Handtasche, um ihr Handy zu suchen.
„Oh nein, nein, nein.“
„Ach, ich liebe dich, Karma“, meinte Kol und stütze sein Kinn auf den Händen ab. Genauso wie er wusste Rebekah ganz genau, dass Lucien und Freya gestern einen besonderen Abend zu zweit in seinem Apartment geplant hatten. Und dass keiner der beiden sich weder bei ihr gemeldet hatte, noch hier war, war alles andere als ein gutes Zeichen.
Schnell hatte Rebekah Freyas Nummer gewählt. „Komm schon, Freya. Geh ran!“
Rebekah griff sich in die Haare und betete stumm, sie würde ihre Schwester erreichen, doch schon nach dem ersten Freizeichen meldete sich nur die Mailbox. „Sie hat ihr Handy aus! Wieso hat sie ihr Handy aus?“ Rebekah starrte auf ihr Display, als erwartete sie, dass Freya gleich höchstpersönlich herausspringen würde.
Kol gab einen überraschten Ton von sich.
„Nik, lass sie in Ruhe“, wiederholte Kol die Worte seiner Schwester, die sie so oft zu ihrem Bruder gesagt hatte, wenn er sich wieder wegen Lucien und Freya geärgert hatte. „Werde endlich erwachsen und lass sie ihre gemeinsame Zeit genießen!“
Rebekah wollte zuerst ihr Handy auf ihn werfen, entschied sich in letzter Sekunde dann doch lieber nach einem Kissen zu greifen und es in Kols Richtung zu schleudern, den ihre Reaktion nur noch mehr belustigte.
Sie versuchte, ihn zu ignorieren und beschloss, es schließlich noch bei Lucien zu versuchen.
Es wählte ein paar Mal. Rebekah stütze sich auf einem der Sessel ab und tippte ungeduldig mit ihren Fingern auf dem Polster herum.
„Dein aller aller bester Freund Lucien nimmt deinen Anruf nicht entgegen?“, fragte Kol gespielt geschockt, „Ich frage mich nur, woran das liegen könnte.“
Im gleichen Moment meldete sich auch Luciens Anrufbeantworter und Rebekah konnte sich kaum entscheiden, wen sie zuerst anschreien sollte. Ihren Bruder, der ihr alles andere als eine Hilfe war und schon den nächsten spöttischen Spruch auf den Lippen hatte, oder die Stimme von Lucien, die ihr gerade erzählte, dass er persönlich nicht zu sprechen war.
„Halt die Klappe, Lucien! Das weiß ich selber“, brüllte sie schließlich in den Lautsprecher ihres Telefons, „Hätte ich gewusst, dass du es mir so dankst, dass ich dir und Freya immer den Rücken freigehalten habe, dann-“
„Ich übernehme ja gerne Verantwortung für meine Taten, aber zuerst würde ich gerne erfahren, was ich dieses Mal schon wieder falsch gemacht habe.“
Rebekah wirbelte herum und sah Lucien mit einer Papiertüte in der Hand auf sie zukommen.
„Und dabei hat es grade begonnen, unterhaltsam zu werden“, seufzte Kol und lehnte sich enttäuscht in das Sofa zurück.
„Also?“, hakte Lucien erneut nach und Rebekah war lange nicht mehr so froh gewesen, ihn zu sehen.
„Das tut jetzt nichts mehr zur Sache, denn du bist da und- Warte!“ Rebekahs Stimmung trübte sich wieder, als sie hinter Lucien blickte und sah, dass er offensichtlich alleine war. „Wo ist Freya?“
Lucien lachte auf.
„Ich hoffe doch hier“, meinte er, wirkte nun jedoch auch ein wenig verunsichert.
Er stellte die Papiertüte in seiner Hand auf den Tisch und holte dann sein Handy aus der Innentasche seines Mantels. „Ihr ging es nicht so gut gestern und sie hat darauf bestanden, mitten in der Nacht hierher zu fahren, damit sie sich ausruhen kann.“ Leichte Verärgerung schwang in seinen Worten mit und Rebekah fragte sich, was passiert war.
„Sie anzurufen, kannst du dir sparen“, hielt sie ihn davon ab, Freyas Nummer zu wählen, „Habe ich schon versucht. Mailbox.“
„Vielleicht ist sie bei Hayley und Hope?“, schlug Kol vor, der sich wohl auch nicht erklären konnte, wo ihre Schwester stecken könnte.
Rebekah schüttelte verwirrt den Kopf. „Egal, wo sie ist, wenn sie nicht bald hier auftaucht, dann-“
„Ganz ruhig. Freya ist hier und sie kann euch hören.“
Rebekah drehte sich um, als sie die raue Stimme ihrer Schwester erkannte. Sie wunderte sich, wieso sie so anders klang und zuerst dachte sie, dass es daran lag, dass sie sich immer noch nicht an ihr menschliches Gehör gewöhnt hatte, aber sobald sie in Freyas Gesicht sah, wusste sie plötzlich, was Lucien damit gemeint hatte, als er sagte, dass es ihr gestern nicht gut ging.
Sie war fürchterlich blass und ihre Nase leuchtete so rot, dass Rebekah die Sekunden zählte, bis Kol ein passender Rudolph-Witz einfallen würde.
„Freya, du siehst ja schrecklich aus“, rutschte es Rebekah heraus, ging auf sie zu und fühlte ihre Stirn. „Und du glühst förmlich.“ Freya sah sie ausdruckslos an, als sich Lucien einschaltete.
„Hältst du es immer noch für eine gute Idee, gestern bei Minusgraden mein Apartment verlassen zu haben?“, wollte Lucien wissen, doch Freya dachte nicht daran, ihm darauf eine Antwort zu geben.
Stattdessen verschränkte sie die Arme und versuchte trotz ihrer offensichtlichen Erschöpfung einen starken Eindruck zu machen.
„Was willst du hier?“
Rebekah war erschrocken, wie vorwurfsvoll sich ihre Schwester anhörte. Lucien wollte sich offensichtlich nur nach ihr erkundigen. Aber Freyas Reaktion ließ sie vermuten, dass ihr Tonfall nur eine Fortsetzung des Streits war, der gestern stattgefunden haben musste.
Rebekah setzte sich auf die Lehne der Couch, auf der immer noch Kol saß.
„Oh es tut mir leid, dass ich mir Sorgen mache und-“ Lucien kam gar nicht dazu, seinen Satz zu Ende zu sprechen, da fiel ihm Freya schon ins Wort.
„Du musst dir aber keine Sorgen machen. Es geht mir gut.“
„Ich will dich doch nur unterstützen, falls du meine Hilfe brauchst“, startete Lucien einen neuen Versuch, jedoch vergeblich. Alles was er sagte, ließ Freya nur noch wütender werden.
„Ich habe aber nicht darum gebeten“, war alles, was sie dazu zu sagen hatte. Doch bevor Lucien erneut etwas entgegnen konnte, hatte Rebekah beschlossen, den Streit der beiden zu stoppen, als sie sich daran erinnerte, dass sie diejenige war, der Freya eine Erklärung schuldete. Jeder wusste, wie gerne sie die beiden auch in schwierigen Situationen unterstütze, aber schließlich hoffte sie sehr, dass Freya nicht vergessen hatte, wie sehr sich Rebekah auf den heutigen Tag gefreut hatte. Seit Wochen planten sie, gemeinsam für Weihnachten einkaufen zu gehen und für eine schöne Familienfeier zu sorgen. Jetzt jedoch schien dieser Plan für Freya keinerlei Wichtigkeit mehr zu haben.
„Wenn ich Mr. Und Mrs. Castle mal kurz unterbrechen darf“, begann sie und versuchte nicht zu verstecken, dass auch sie ein klein wenig verletzt war. Gleichzeitig drehten sich Lucien und Freya zu ihr und sie spürte die wütenden Blicke der beiden nun auf ihr, die sie noch wenige Sekunden zuvor einander zugeworfen hatten. Rebekah brachte das für einen kurzen Moment aus der Fassung; hatte sie doch mal wieder unterschätzt, was für zwei starke Charakterzüge in dieser Beziehung aufeinanderprallten.
„Freya, hast du etwa vergessen, was heute für ein Tag ist?“, beendete sie schließlich ihren Satz und sah ihre Schwester erwartungsvoll an. Sie war überrascht, als sich auf Freyas Gesicht doch tatsächlich der Anflug eines schlechten Gewissens schlich.
„Nein“, meinte sie, doch zu einer Entschuldigung konnte sie sich offenbar nicht durchringen.
Rebekah schwieg. Es war nicht ihre Aufgabe, schon wieder dafür zu sorgen, in Sekunden einen Ersatzplan zu haben, der jedes Problem lösen würde.
Sie beobachtete, wie Freya wieder zu Lucien sah und überlegte.
„Lucien fährt mit dir“, beschloss sie dann plötzlich und brachte Lucien dazu, verwundert die Augenbrauen zu heben.
„Was?“, wollte er wissen. Im Gegensatz zu Freya schien das für ihn nicht die Ideallösung zu sein.
„Du wolltest doch unbedingt eine Unterstützung sein“, meinte sie zur Erklärung, „Also sei mir eine Hilfe und geh für mich mit Rebekah einkaufen.“
Lucien wusste nicht, was er sagen sollte und Rebekah konnte es ihm nachempfinden. Sie war von Freyas Verhalten ebenso überrascht. Am liebsten hätte sie Freya jetzt und hier darauf angesprochen, wie unglaublich egoistisch sie sich benahm; sowohl gegenüber Lucien, als auch ihrer Schwester selbst. Aber zum einen würde dann nur der nächste Streit ausbrechen und zum anderen machte Freya auf Rebekah nicht wirklich den Eindruck, als würde sie sich gerade sonderlich einsichtig zeigen. Also ließ sie es bleiben.
Lucien musste einen ähnlichen Gedankengang gehabt haben.
„Da ist eine Suppe für dich“, sagte er nur trocken und deutete auf die Papiertüte, die er mitgebracht hatte und immer noch auf dem Tisch stand. „Und keine Sorge. Die ist nur gekauft. Nicht dass du denkst, dass ich mich zu sehr um dich kümmere.“
Dann drehte er sich um und verließ mit einem Seitenblick auf Rebekah den Compound. „Ich warte im Auto.“
Rebekahs Blick ruhte auf Freya. Kurz hatte sie sich gewünscht, dass ihre Schwester Lucien aufhalten würde, um sich für ihre Worte zu entschuldigen, doch das geschah nicht.
Freya machte wirklich keinen gesunden Eindruck und man sah ihr an, dass die Unterhaltung sie Kraft gekostet hatte, aber nach ihrem Verhalten verspürte Rebekah noch nicht einmal Mitleid für sie.
Sie stand auf und blickte kurz zu Kol, der ein stummes Lachen auf den Lippen hatte.
„Sei nicht so schadenfroh und sorg dafür, dass unsere Schwester sich ausruht“, fuhr sie ihn gereizt an, obwohl er nichts für Rebekahs Laune konnte.
Ihre enttäuschten Augen suchten den Blick von Freya, doch sie hatte ihr Gesicht abgewandt.
Rebekah kannte ihre Schwester gut genug, um zu wissen, dass Freya klar war, wie ungerecht sie sich verhalten hatte. Sie wusste aber auch, dass Freya viel zu stur war, um das zuzugeben. Zumindest noch nicht sofort.

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Lucien und Rebekah schwiegen sich die ersten Kilometer an. Beide waren wütend auf Freya, jedoch wollte keiner der beiden darüber sprechen und der jeweils andere akzeptierte das.
Rebekah bemühte sich allerdings, wieder in bessere Laune zu kommen. Schließlich hatte sie schon die Tage gezählt, bis sie heute in das große Einkaufszentrum fahren konnte und wollte sich das nur ungern vermiesen lassen.
Das Radio, das leise vor sich hinlief, half ihr dabei. Ein Weihnachtssong nach dem anderen wurde gespielt und sie bekam das Bedürfnis die Lautstärke zu erhöhen.
„Würde es dich stören, wenn…?“ Sie sprach nicht weiter, sondern hielt ihre Hand stattdessen vor den Laut-Leise-Regler.
„Nein, mach ruhig“, meinte Lucien zu Rebekahs Glück und hörte sich schon gar nicht mehr so gereizt an, wie sie erwartet hatte.
Rebekah hatte die Hoffnung, dass die weihnachtliche Musik auch Lucien auf andere Gedanken bringen würde.
Für ein paar Momente hatte sie nicht mehr auf Lucien geachtet, sondern summte leise die Melodien der Radiosongs mit. Doch als sie wieder zu ihm hinüber sah, konnte sie sehen, dass er im Takt der Musik mit seinen Fingern ans Lenkrad tippte.
Rebekah musste lächeln. Je weiter sie sich von New Orleans entfernten, umso entspannter wurde die Stimmung im Auto.
„Wo fahren wir überhaupt hin?“, wollte Lucien irgendwann wissen, „Also Baton Rouge weiß ich, aber wo genau?“
„In die Mall von Louisiana“, erklärte Rebekah ihm und erntete sogleich einen skeptischen Seitenblick.
„Und du bist dir sicher, dass du dir diesen Stress antun willst?“, meinte er amüsiert, „Schreiende Kinder, die alle unbedingt Santa sehen wollen, gestresste Mütter, die gleichzeitig versuchen, ihre Kinder zufrieden zu stellen und alle Weihnachtsgeschenke zu besorgen und vereinzelte Väter, die kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehen.“
Rebekah musste aufachen. „Also ich finde, es gibt keine bessere Art, sich auf Weihnachten vorzubereiten.“
Lucien schüttelte nur grinsend mit dem Kopf und steckte Rebekah damit an. Sie war ihm unendlich dankbar, dass er ohne Zögern mit ihr gefahren war.
„Das wird das erste Weihnachten werden, an dem wir alle als Familie zusammen sind, verstehst du? Es hat sich so vieles zum Guten verändert. Und ich wollte das komplette Weihnachtspaket erleben“, fuhr sie ihre Erklärung fort, „Den Stress inklusive.“
„Dein Wunsch sei mir Befehel“, verkündete Lucien feierlich und drehte das Radio noch ein wenig lauter.

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Das Parkhaus der größten Mall von Louisiana voll zu nennen, war, wenn es nach Lucien ginge, noch untertrieben. Er war gezwungen, seinen Wagen, der ohnehin ein wenig zu breit für jede Parklücke war, auf die Familienparkplätze im obersten Stockwerk zu stellen.
„Ach, das wird toll. Du wirst schon sehen“, teilte Rebekah ihm seine Vorfreude mit und öffnete die Beifahrertür.
„Ja, ich kanns kaum erwarten“, entgegnete Lucien ironisch. Er betrachtete kurz die ganzen Mini-Vans um ihn herum und versuchte zu ignorieren, wie viele Großfamilien sich gerade in diesem Einkaufszentrum befanden. Darüber nachzudenken, würde ihn wohl nur dazu bringen, mit quietschenden Reifen die Flucht zu ergreifen.
Rebekah stolperte aus dem Auto. Sie hatte vor lauter Aufregung vergessen, wie hoch Luciens G-Klasse doch gebaut war.
„Hey hey, vorsichtig, Rebekah“, tadelte Lucien sie, „Wir wollen doch nicht, dass das große Shoppingerlebnis vorbei ist, bevor es richtig angefangen hat, nicht wahr?“
„Ich bin nur an meiner Tasche hängen geblieben“, wehrte Rebekah sich. „Siehst du?“ Lucien beobachtete sie, wie sie den Henkel ihrer schwarzen Ledertasche vom Fußraum aufhob und sich um die Schulter hängte.
„Worauf warten wir noch?“
Lucien seufzte und stieg ebenfalls aus. Er konnte Rebekah sowieso nicht davon abbringen, zur Weihnachtselfe zu mutieren.
Er verriegelte den Wagen und lief zusammen mit ihr zum Fahrstuhl des großen Parkhauses, der sie direkt in den Weihnachtskrieg bringen würde.

Dieser Begriff beschrieb das Geschehen in der Mall perfekt, wie Lucien kurze Zeit später feststellen musste.
„Ich glaube, man sollte das Sprichwort ‚In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt‘ nochmal überdenken“, meinte er zu Rebekah, als sie im ersten großen Store waren. Während sie dabei war, die große Produktauswahl systematisch nach Dingen abzusuchen, die sie als passendes Geschenk für ihre Familie kategorisierte, vertrieb sich Lucien damit die Zeit, das Einkaufen anderer Leute zu analysieren. Und so wie er es beobachten konnte, folgte das absolut keinen Regeln.
„Hilf mir lieber. Dann sind wir auch schneller fertig“, entgegnete Rebekah nur. „Was hältst du davon?“
Sie hielt ein kleines rotes Kleid in die Höhe, auf dem lauter kleine Eiskristalle gedruckt waren.
„Ganz süß, aber nicht wirklich Elijahs Größe.“ Lucien grinste, während Rebekah ihn nur mit erhobener Augenbraue weiter ansah. Sie teilte seinen Humor offenbar nicht.
Lucien sah ein, dass es wirklich schneller gehen würde, wenn er sich bei Rebekahs Geschenkeauswahl beteiligen würde. Er half ihr also und zusammen hatten sie in weniger als vier Stunden, mehr als acht Shops durchforstet. Rebekah schien deutlich zufrieden zu sein, sowohl mit ihren bisher gekauften Geschenken, als auch mit ihrem persönlichen Kaufberater. Also beschloss sie, dass sie sich eine Pause verdient hatten.
Lucien besorgte ihnen beide einen Kaffee. Trinken mussten sie den jedoch im Stehen, da alle Bänke oder andere Sitzmöglichkeiten bereits besetzt waren.
Direkt vor ihnen befand sich eine kleine Hütte, neben der ein großer Schlitten aufgebaut war. Dahinter saß niemand geringerer als sein Besitzer: Santa höchst persönlich. Oder zumindest einer seiner vielen Imitationen.
„Lucien, lächle doch mal für den Weihnachtsmann.“ Er sah zu Rebekah, die ihr Handy in die Luft hielt und genau in dem Moment ein Foto von ihnen beiden mit der Frontkamera machte.
„Du schickst es Nik, habe ich recht?“, war das erste, das Lucien in den Sinn kam.
„Na, er hätte ja ruhig mal sagen können, dass er auch hier ist“, meinte sie nur und zeigte auf den verkleideten Mann mit dem dicken Bauch und dem weißen Bart.
Lucien musste lachen und brachte Rebekah damit zum Grinsen. Ihr Aufmerksamkeit jedoch wurde schnell in eine andere Richtung gelenkt, als auf der anderen Seite der Freifläche, auf der sie sich befanden, offenbar gleich eine kleine Show stattfinden würde.
„Komm, das sehen wir uns an“, forderte Rebekah Lucien begeistert auf, näher ran zu gehen.
Lucien schnappte sich all ihre Einkaufstüten und folgte ihr.
Ein Chor aus kleinen Mädchen und Jungen in weißen Engelskostümen standen auf einem Podest, das gerade so groß war, dass ihre kleinen Füße alle darauf Platz fanden. Lauter große Augen sahen nervös in die Menschenmenge, die sich im Halbkreis um die Kinder herum verteilt hatte.
Eine junge Frau erschien vor ihnen und hob die Hände, um ihnen zu signalisieren, dass sie gleich anfangen würden.
Die Stimmen der Kinder verschmolzen zu einem feinen Summen, um die Melodie ihres ersten Liedes anklingen zu lassen. Lucien war überrascht, dass er es sogar kannte. Es war kein gängiges modernes Weihnachtslied, das man in den letzten Wochen an jeder Ecke gehört hatte.
Die Kinder schlüpften in die Rolle eines tatsächlichen Engelchors, die vereint davon sangen, dass der neue König in Betlehem geboren wurde und dass man ihm Ehre entgegenbringen sollte.
Luciens Blick huschte zu Rebekah. Sie sah gerührt zu den Kindern, die es geschafft hatten, die Hektik und den Stress der Mall zu vertreiben und eine unfassbare friedvolle Stimmung zu erzeugen.
Er erwischte Rebekah dabei, wie sie glasige Augen bekam, aber versuchte, ihre Tränen mit einem Lächeln zu überspielen.
„Sind sie nicht bezaubernd?“, fragte sie leise und lies sich weiter von dem singenden Kinderchor in seinen Bann ziehen.
„Ja, das sind sie wohl“, meinte Lucien nach einer Weile, ohne seinen Blick von Rebekahs Reaktion abzuwenden. Er wusste, wie sehr sie sich immer eine eigene Familie gewünscht hatte. So sehr sie es auch genießen musste, den sanften Kinderstimmen zuzuhören, fragte er sich, ob sie es bedrückte, von zahlreichen stolzen Müttern umringt zu sein.
Er legte einen Arm um sie, damit sie sich an ihn lehnen konnte und er spürte förmlich, wie glücklich sie war. Das war der Moment, in dem er froh war, Rebekah begleitet zu haben und damit ihren Wunsch des perfekten Weihnachtserlebnisses erfüllen zu können.
Als nächstes sangen die Kinder zum Glück Jingle Bells, dicht gefolgt von Santa Claus is coming to town und einem weiteren Lied, das ebenso fröhlich war und Rebekah half, sie aus ihrer gerührten Gänsehautstimmung herauszuholen.
„Wir sollten weitergehen“, sagte sie nach dem fünften und letzten Song, „Sonst werden wir nie fertig.“
Lucien hätte es nicht für möglich gehalten, aber Rebekah schaffte es doch tatsächlich, in den nächsten Stunden noch einmal doppelt so viel Geschenke zu kaufen, die ihn langsam vermuten ließen, dass es noch ein paar weitere Mikaelson Geschwister gab, von denen niemand wusste.
Rebekah schien erst dann daran zu denken, dass sie irgendwann zum Ende kommen musste, als es draußen bereits dunkel wurde.
„Ich vergesse immer, wie anstrengend schoppen doch ist“, seufzte sie, als sie an der Kasse des letzten Stores standen und sie ihren Nacken dehnte.
Wenig später hatten sie es endlich geschafft und verstauten dutzende von Einkaufstaschen in Luciens Kofferraum.
„Damit hätten wir den Beweis“, meinte Lucien, als er sein voll beladenes Auto betrachtete, „Du hast die ganze Mall gekauft.“
„So viel ist das doch gar nicht“, entgegnete Rebekah entrüstet, hatte aber dennoch Mühe, die letzten Sachen noch irgendwo unter zu bringen.
„Die Straße ist gesperrt. Wir müssen anders zurückfahren“, gab Lucien bekannt, als er bereits auf dem Fahrersitz die Verkehrsmeldungen auf seinem Handy las.
„Unfall?“, fragte Rebekah erschrocken und sah durch den Kofferraum zu ihm nach vorne, worauf sie von Lucien nur ein Nicken bekam.
„Möchtest du lieber über den großen See oder zwischen den Seen fahren?“
„Welche Strecke bringt uns schneller nach Hause?“, war das einzige, das sie im Moment interessierte.
„Zwischen den Seen also“, verkündete er, grinsend darüber, dass selbst Rebekah erst einmal genug Weihnachtseindrücke gesammelt hatte und dringend nach Hause wollte.
---  
Die meisten anderen Mallbesucher hatten sich wohl für den Lake Pontchartrain Causeway entschieden, denn Lucien war so ziemlich der einzige, der die Interstate verließ und Richtung Ponchatoula fuhr.
Spätestens als sie die Kleinstadt wieder verließen und Rebekah sah, wie starker Nebel vor ihnen lag, beschlich sie der Gedanke, ob es vielleicht doch klüger gewesen wäre, zwar die längere, aber dafür stärker befahrene Strecke zu nehmen.
Sie schüttelte gedanklich den Kopf. Auf der großen Brücke würden sie womöglich noch im Stau stehen und noch länger nach New Orleans brauchen. Sie hatten sich richtig entschieden
„Weißt du, wieso diese Strecke das Todestal genannt wird?“, meinte Rebekah plötzlich, als Lucien die Nebelscheinwerfer einschalten musste, um besser sehen zu können.
„Will ich das wissen, während ich die Straße entlangfahre?“, stellte Lucien eine Gegenfrage und sah Rebekah kritisch an.
„Du musst keine Angst haben, Lucien. Ich bin ja da, um dich zu beschützen“, sagte sie amüsiert und wollte ihre Hand ausstrecken, um ihm beruhigend über die Wange zu streichen, doch er wehrte sie ab.
„Du bist diejenige von uns, die sich für ein menschliches Leben entschieden hat und sich wohl mehr vor einem Todestal fürchten sollte“, erinnerte Lucien sie an ihre neu erworbene Sterblichkeit, „Aber da du das offensichtlich nicht tust: Erzähl mir davon.“
„Okay, also: Eine Legende besagt, dass einst ein junges Mädchen im Lake Maurepas ertrunken ist. Und obwohl sich Menschen am Ufer befanden und sie um ihr Leben geschrien hat, ist ihr niemand zu Hilfe gekommen. Sie ist gestorben. Allein und voller Angst.“
Sie passierten in dem Moment das Schild des Naturschutzgebiets Joyce Wildlife Management Area, kurz vor besagtem See, als Rebekah fortfuhr.
„Aus Rache hat sie sich nach ihrem Tod geschworen, als Geist zurückzukehren und den Menschen, die sich hierher verirren, das Gefühl der gleichen Hilflosigkeit zu geben.“
Lucien zog eine Augenbraue nach oben. „Und wie?“
„Man sagt, wenn man ein Mädchen in weißen Kleidern sieht, verliert man die Kontrolle über seinen Wagen. Wenn man Glück hat, ist man nicht allein unterwegs, denn Hilfe zu rufen, ist zwecklos. Man hat keinen Empfang zwischen den beiden Seen, um einen Notruf abzusetzen.“
Rebekah sah auf die Straße vor ihnen, die sie durch den dichten Nebel kaum noch erkennen konnte und dachte an das Mädchen, das grausam ertrunken war.
„Man ist auf sich allein gestellt. Genau wie sie damals“, fügte sie gedankenverloren, etwas leiser hinzu.
„Wow, du wärst eine gute Erzählerin für Horrorgeschichten am Lagerfeuer“, meinte Lucien beeindruckt, „Hey, vielleicht kannst du dein Talent nutzen, wenn Hope älter ist und-“
„Würdest du bitte auf die Straße schauen?“, unterbrach Rebekah ihn leicht panisch, als sie sah, dass Lucien die ganze Zeit den Kopf zu ihr gedreht hatte.
„Was ist los, Rebekah, hast du etwa doch Angst?“, fragte Lucien schmunzelnd, der die Stimmungsveränderung in ihrer Stimmlage direkt erkannt hatte.
„Nein“, stritt sie dennoch ab und strich sich empört eine Haarsträhne hinters Ohr, „Ich finde nur, dass du bei diesen Wetterverhältnissen aufs Fahren konzentriert sein solltest und nicht-“
„Rebekah!?“ Sie brach ab, als Lucien ihren Namen flüsterte. Er klang erschrocken und starrte wie gebannt in den Rückspiegel. Rebekah verwirrte seine plötzliche Anspannung und drehte sich ruckartig um, um aus der Heckscheibe zu sehen. Doch außer Nebel konnte sie nichts sehen.
„Was ist?“, fragte sie deshalb nach und sah Lucien besorgt an, der seinen Blick immer noch nicht vom Rückspiegel abwenden konnte.
„Ich sehe sie“, war seine knappe Antwort. Rebekah stockte die Atmung.
„Was!?“ Ihr panischer Ausruf war keine Frage. Sie wusste, was er gemeint hatte, und Rebekah spürte, wie ihr Fluchtinstinkt einsetzte. Am liebsten hätte sie Lucien vom Fahrersitz verdrängt, um eigenständig das Gaspedal durch den Fußraum zu treten. Doch sie war wie gelähmt. Sie hatte Lucien angelogen, was ihre Furcht betraf. Zweifelsohne hatte sie es geschafft, sich durch diese Legende selbst Angst einzujagen, nur um nun herauszufinden, dass es gar keine Legende war.
„Wir müssen hier sofort weg! Wir müssen so schnell wie möglich aus diesem Nebel raus!“, drängte sie panisch und überprüfte immer wieder die Seitenspiegel, ob sie das Mädchen im weißen Kleid auch entdecken würde. Vielleicht zeigte sie sich nur demjenigen, der am Steuer saß oder Lucien konnte sie durch seine übernatürlichen Sinne besser erkennen. Rebekah bildete sich dennoch ein, die Anwesenheit des toten Geistermädchens zu spüren.
Während sie in ihrer Angst gefangen war, bemerkte sie zunächst nicht, dass sie die einzige im Wagen war, die noch an ihre Rettung dachte, und dass Lucien bereits begonnen hatte, laut zu lachen.
Entgeistert sah sie ihn an und wollte schon zu der Frage ansetzen, was zur Hölle gerade so witzig war, bis sie es in Luciens Gesicht klar und deutlich erkennen konnte.
Reflexartig ballte sie ihre Hand zu einer Faust und schlug ihm in der frustrierenden Gewissheit, dass es ihm nicht einmal weh tun würde, mit voller Kraft gegen den Oberarm.
„Ich hasse dich!“, fuhr sie ihn an und verschränkte die Arme. Lucien hingegen amüsierte ihre Reaktion nur noch mehr.
„Verzeih mir. Ich musste es tun“, meinte er entschuldigend und sah sie ein wenig mitleidig an.
Rebekah verdrehte die Augen. Sie verzichtete, ihn darauf hinzuweisen, dass er schon wieder nicht auf die Straße achtete.
„Tu mir den Gefallen und halt einfach deine-“
Ein gewaltiger Aufprall stoppte Rebekah darin, Lucien weiterhin anzubrüllen, und ließ sie aufschreien. Für einen kurzen Moment wurde die Windschutzscheibe durch etwas Großes verdeckt und Dunkelheit umhüllte Rebekah.
Sie hörte Lucien neben ihr fluchen, während sie wie versteinert und mit weit aufgerissenen Augen dasaß und es nicht wagte, sich zu rühren.
Plötzlich bewegte sich das Große etwas und die Last, die auf die Motorhaube drückte, war mit einem Mal wieder verschwunden. Aus dem Augenwinkel erkannte Rebekah, wie Lucien das Lenkrad fest umklammert hielt und es irgendwie schaffte, den Wagen nicht ins Schleudern geraten zu lassen. Erst als er sich sicher war, dass er die Kontrolle zurückerlangt hatte, brachte er das Fahrzeug zum Anhalten.
Rebekah wartete, bis das Quietschen der Reifen verklungen war, und drehte sich dann nach rechts, um in den Wald zu sehen, den feine Nebelschwaden durchzuckten. Doch das einzige, das sie noch sehen konnte, war, wie sich ein paar Sträucher bewegten, nachdem das, was auch immer auf ihrer Frontscheibe gelandet war, geflüchtet war.
„Geht es dir gut?“ Luciens Stimme drang langsam zu ihr durch.
„Was war das?“, wollte sie wissen, ohne auf seine Frage einzugehen.
„Ein großes Reh vielleicht oder ein Hirsch…“, vermutete Lucien und sah Rebekah immer noch abwartend an. Er schien wirklich besorgt.
„Ja, es geht mir gut“, versicherte sie ihm dann und bemerkte den Rauch, der aus der Motorhaube nach oben drang, „Was man von deinem Auto nicht behaupten kann.“
Lucien brummte genervt und stieg aus. Rebekah tat es ihm gleich, nachdem sie ein paar Anläufe länger gebraucht hatte, um ihren Gurt zu öffnen.
Das Vordere des Wagens war komplett eingedrückt und Rebekah konnte nur erahnen, wie der Motor darunter gelitten hatte. Damit konnten sie unmöglich weiterfahren.
Rebekah beobachtete, wie Lucien schon sein Handy in der Hand hielt, um jemanden anzurufen. Jedoch betrachtete er nur kurz kritisch den Bildschirm, um es dann wieder in seine Jackentasche zu stecken. Fragend sah sie ihn an.
Er presste kurz die Lippen aufeinander. „Kein Netz.“
„Das darf doch wohl nicht wahr sein.“ Rebekah legte den Kopf in den Nacken und wünschte, sie wären einfach wieder zurück im Compound.
„Aber das macht nichts“, meldete sich Lucien erneut zu Wort, „Komm.“
Er setzte sich wieder zurück ins Auto und Rebekah folgte ihm zögernd. Kurz fragte sie sich, ob er doch versuchen wollte, mit dem großen Blechschaden weiterzufahren, aber als sie wieder auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, sah sie, dass er nur etwas auf dem Monitor des Autoradios tippte.
„Was soll das werden?“
„Soweit ich weiß, kann ich unseren Standort senden. Ganz ohne Internet oder Handyempfang.“
Er drückte auf ein paar Optionen in den Einstellungen, bis er den Menüpunkt ‚Standort teilen‘ erreichte. „Na also.“
Rebekah war nicht ganz überzeugt von der Technik in Luciens neuem Wagen, doch sie wurde eines Besseren belehrt, als der Monitor doch tatsächlich dazu in der Lage war, mithilfe einer Offline-Karte die nächste Werkstatt in New Orleans ausfindig zu machen.
Die Nachricht ‚Standort wurde mit ausgewähltem Partner geteilt‘ erschien auf dem Bildschirm und Rebekah hörte Lucien erleichtert ausatmen.
„Wir müssen nur warten“, meinte er mit einem beruhigenden Tonfall. Rebekah kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er es jetzt bereute, sie vorhin so reingelegt zu haben. Doch auch ihr war klar, dass ein Wildunfall sicherlich nicht seine Schuld war. Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln, um ihm zu zeigen, dass sie nicht sauer auf ihn war. Angst hatte sie auch nicht mehr. Sie war einfach nur müde und wollte nach Hause.
Rebekah beugte sich nach unten, um ihre Handtasche aufzuheben, deren Reißverschluss zum Glück verschlossen gewesen war, als das Tier auf die Motorhaube krachte. Dann drehte sie die Standheizung des Autos ein wenig höher und nutzte die Zeit, um auf ihr Handy zu sehen. Auch sie hatte keinen Empfang, aber dafür ein paar ungelesene Nachrichten, die sie noch vor dem Funkloch erhalten haben musste.
Darunter war einmal Nik, der auf das Bild mit dem Weihnachtsmann geantwortet hatte, dass sogar Kols Witze origineller waren. Dann eine Nachricht von Hayley, die eine unlogische Aneinanderreihung von Buchstaben beinhaltete, mit einer sofort folgenden zweiten Nachricht, in der sie sich entschuldigte und erklärte, dass Hope mal wieder willkürlich auf ihrem Handy herumgetippt hatte. Und zu guter Letzt noch ein einfaches Herz-Emoji von Marcel, nachdem sie ihm geschrieben hatte, dass er sich auf ein ganz besonderes Geschenk freuen konnte.
Noch während sie lächelnd auf den geöffneten Chat blickte, griff ihre Hand automatisch in ihre Tasche, die sie auf ihren Schoß gelegt hatte, um nach dem kleinen Stab zu suchen, der ihr im Moment am meisten Halt geben würde. Doch an der Stelle, an der sie ihn erwartet hatte, ertastete sie nur ihren kleinen Handspiegel. Rebekah wunderte sich nicht darüber. Durch den Zusammenstoß mit dem Hirsch, war das geordnete Chaos in ihrer Handtasche mit Sicherheit durcheinandergebracht worden.
Sie schaltete das kleine Lämpchen über ihrem Kopf ein, damit sie nicht nur mit den Händen, sondern auch mit den Augen suchen konnte. Erst als sie auch nach dem zweiten Suchanlauf nicht das gefunden hatte, nach dem sie suchte, kroch leichte Unsicherheit in ihr hoch.
Lucien, der sie die ganze Zeit stumm beobachtet hatte, schien das bemerkt zu haben. „Was ist los?“
Rebekah ignorierte ihn, um ein drittes Mal jede einzelne Sache in ihrer Ledertasche ganz genau anzusehen. „Nein!“, sprach sie ihre Panik das erste Mal aus, und drehte in ihrer größer werdenden Verzweiflung die Tasche einfach um. Der gesamte Inhalt verteilte sich auf ihrem Schoß. Noch einmal durchsuchte sie den Haufen, aber ohne Erfolg. Er war weg.
„Rebekah!“, versuchte Lucien noch einmal, eine Reaktion von ihr zu erhalten, „Was suchst du denn?“
„Marcels Geschenk.“
Ihre Antwort warf bei Lucien jedoch nur neue Fragen auf. „Wieso ist das nicht bei den restlichen Geschenken im Kofferraum?“
„Weil ich es nicht gekauft habe. Ich hatte es schon“, erklärte sie ihm und lehnte sich niedergeschlagen zurück, ehe sie den Kopf drehte und zu Lucien sah. „Es ist ein Schwangerschaftstest.“
Der verwirrte Ausdruck in seinem Gesicht verschwand und sein nun geschockter Blick wechselte einmal von ihren Augen zu ihrem Bauch. „Du bist…?“
Rebekah nickte.
„Ich… ich weiß nicht, was ich sagen soll. Geht es dir gut? Ist dir wirklich nichts passiert?“ Luciens Sorge um Rebekah wurde wieder von Neuem entfacht, was sie trotz allem Übel kurz auflachen ließ.
„Ja. Ja, es geht mir gut. Wirklich. Ich wünschte nur, ich wüsste, wo ich den Test verloren habe.“
„Du kannst ihn doch wiederholen. Wieso ist es dir so wichtig, dass es genau dieser ist?“
Rebekah atmete einmal tief durch. „Erinnerst du dich an den Tag vor circa zwei Monaten, nachdem ich mit Marcel aus der Klinik kam und wir nach dem gefühlt hundertsten Versuch immer noch kein positives Ergebnis hatten?“
Lucien nickte. „Wie könnte irgendjemand je diesen Tag vergessen?“, meinte er und erinnerte Rebekah damit daran, wie sie jeden in ihrer Umgebung behandelt hatte, als trüge er die Schuld daran; Lucien miteingeschlossen.
„Am Abend kam Marcel zu mir, obwohl ich ihm gesagt hatte, dass ich niemanden mehr sehen wollte“, erzählte sie weiter und spürte, wie diese Erinnerung ihr Herz mit Wärme füllte, „Er setzte sich auf mein Bett, nahm mich, das alles-und-jeden-hassende-Monster, in den Arm und überreichte mir ein Geschenk. Es war ein Schwangerschaftstest und ich hätte ihn damit beinahe erdolcht.“
Lucien musste schmunzeln, da er es sich zu gut vorstellen konnte.
„Dann meinte er jedoch, dass ich mir bisher alle Tests selber gekauft hatte und er jetzt an der Reihe war. Er nannte ihn den Glückstest und versicherte mir, dass er positiv sein würde.“
„Aber ich dachte, du hattest danach keine Arzttermine mehr, weil…“
„…ich sie alle abgesagt habe, da es mir zu viel Druck war und ich es gerne weiter versuchen wollte, jedoch erst im nächsten Jahr? Ja, das habe ich dir erzählt. Genauso wie ich es jedem in meiner Familie erzählt habe. Und Marcel.“
Lucien nickte. Er erinnerte sich an ihr Gespräch.
„Ich habe euch nicht angelogen. Es war mir zu viel Druck. Allerdings war das meine eigene Schuld, da ich immer das Gefühl hatte, jeden in einer unerfüllten Erwartungshaltung zu lassen. Also ließ ich jedem im Glauben, ich wollte eine Pause einlegen und bin Anfang November alleine zu meinem nächsten Termin gegangen.“ Sie legte ihre Hände an ihren Bauch. „Vier Wochen später dann der Test. Der von Marcel. Und er war positiv.“
Sie sah Lucien an und konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen schossen. „Er hat Recht behalten. Sein verdammter Glückstest war positiv.“ Sie schüttelte den Kopf, da sie es immer noch nicht glauben konnte. Doch jetzt musste sie klar gestellt haben, wieso es unbedingt dieser Test sein musste.
„Hast du Angst?“, fragte er, nachdem beide für ein paar Sekunden geschwiegen hatten.
Rebekah dachte kurz über diese Frage nach. Sie wusste, er hatte sie nicht gestellt, um ihre Stimmung zu trüben oder um überhaupt etwas sagen zu können. Er kannte Rebekah gut genug, um sich im Klaren darüber zu sein, dass sie sich bereits alle Dinge, die schief gehen konnten, in ihrem Kopf ausgemalt hatte.
Und so gab es nur eine einzig richtige Antwort darauf.
Sie nickte. „Ja.“
Schließlich war sie vermutlich der erste Vampir, der wieder zum Menschsein zurückgekehrt war und nun ein Baby erwartete. Es gab genug Gründe, Angst zu haben.
„Ich habe keinen Zweifel daran, dass es genau das sein wird, was ich mir immer gewünscht habe. Es gibt nur so viele Dinge, die schief gehen können. Vor der Geburt, während der Geburt, und danach. Und Marcel, er…“
„Was ist mit ihm?“ Lucien wirkte überrascht, dass Rebekah ernsthaft Zweifel an Marcel hatte. „Er wollte das Kind doch.“
„Es ist nur nicht sein Kind, Lucien. Ich habe Angst, dass irgendwann der Tag kommt, an dem er das realisiert und alles bereut.“
„Er wird der Vater des Babys sein.“ Luciens Stimme war nun eindringlicher geworden. „Egal, ob er biologisch mit ihm verwandt ist oder nicht. Er wird der einzige Vater sein, den das Baby kennen wird. Und nur das zählt. Mach dir keine Sorgen.“
Rebekah hatte sich diese Worte selbst schon so oft in ihren Gedanken gesagt, aber es tat gut, sie auch von jemand anderem zu hören. Sie musste daran denken, dass Davina schließlich auch nicht mit Marcel verwandt war und doch liebte und beschützte er sie wie seine eigene Tochter. Genauso wie Rebekah Nik liebte, obwohl er im Grunde genommen nur ihr Halbbruder war
„Es wird alles gut gehen“, setzte Lucien noch einmal nach, als er sehen konnte, wie Rebekah immer noch grübelte.
„Was macht dich da so sicher?“, wollte sie wissen, da sie ihre Sorgen trotz allem nicht einfach so wegschieben konnte.
„Weil ich fest daran glaube, dass das Leben gute Dinge für die bereit hält, die es verdient haben.“ Er griff nach Rebekahs Hand und drückte sie leicht. „Und niemand hat es mehr verdient als du, Rebekah.“
Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln für seine ehrlichen Worte und genoss für eine kurze Zeit das erleichternde Gefühl, endlich jemandem von ihrer Schwangerschaft erzählt zu haben.
Dann sah sie Lucien kritisch an.
„Wieso hast du heute eigentlich nichts gekauft?“
„Du kennst mich doch. Alle Geschenke sind schon seit Ende November verpackt in meinem geheimen Weihnachtszimmer. Für Elijah und Kol ist mir ohnehin direkt etwas eingefallen. Nur, ob ich das selbst gebastelte Fotoalbum für Nik bis nächste Woche noch fertig bekomme, weiß ich nicht. Der Glitzer ist mir gestern ausgegangen.“ Seine sarkastische Antwort ließ Rebekah die Augen verdrehen. Auch ihr war klar, dass er ihrer gesamten Familie keine selbstgestrickten Socken schenken würde.
Jedoch sollte ihm klar sein, dass sie ihm das Leben zur Hölle machen würde, hätte er kein Geschenk für sie.
„Dann sag mir wenigstens, was du für Freya hast“, meinte sie neugierig, doch sah nur, dass Lucien wenig begeistert davon war.
„Na komm schon“, bettelte Rebekah weiter, „Von meinem Geschenk für Marcel weißt du schließlich jetzt auch.“
Lucien seufzte und gab nach. „Es ist im Handschuhfach.“
Rebekah reagierte sofort, öffnete die kleine Klappe vor ihr und holte daraus eine kleine Schmuckschachtel. Sprachlos sah sie Lucien an.
„Es ist kein Ring“, stellte er klar, um Rebekahs Gedanken direkt zu stoppen, die zweifellos in eine eindeutige Richtung gingen.
„Was ist es dann?“
„Schau rein.“
Rebekah zögerte nicht, seiner Aufforderung nachzugehen und fand im Inneren der Schachtel tatsächlich keinen Ring. Jedoch auch keinen anderen Schmuck.
„Ein Schlüssel?“ Rebekah war verwirrt.
„Das ist eher im übertragenen Sinn gemeint“, wollte Lucien den Hintergrund seines Geschenks erklären, doch wurde von Rebekah unterbrochen.
„Ist es der Schlüssel zu deinem Herzen?“, fragte sie mit einer übertrieben kitschigen Tonfall, „Wie alt bist du? 13?“
Lucien rollte mit den Augen und nahm ihr den Schlüssel aus der Hand.
„Siehst du das?“ Er strich über die eingravierten Zahlen. „Das ist der Code für meinen Fahrstuhl.“
„Oh.“ Rebekah begann zu begreifen, was sein Geschenk zu bedeuten hatte. Sie erinnerte sich daran, dass Lucien seinen Aufzug hatte umbauen lassen, nachdem er sich entschieden hatte, für längere Zeit in New Orleans zu bleiben. Davor war es jedem möglich, in sein Stockwerk zu fahren. Jetzt allerdings brachte der Privatfahrstuhl einen nur mit einem bestimmten Zahlencode ins oberste Stockwerk.
Und jetzt wollte er, dass Freya uneingeschränkten Zugang zu seinem Apartment hatte.
„Naja, ich dachte mir, so ein Schlüssel lässt sich doch schöner überreichen, als ein paar Zahlen, die auf einen Zettel gekritzelt sind“, meinte er und legte den Schlüssel erneut in Rebekahs Hände, damit sie ihn näher betrachten konnte. „Ich möchte einfach, dass sie weiß, dass es keine Zeit gibt, in der sie nicht zu mir kommen kann.“
Rebekah legte Luciens Geschenk wieder in die kleine Schachtel und gab sie ihm zurück.
„Was ist gestern passiert, Lucien?“, fragte sie schließlich vorsichtig nach, ohne zu wissen, ob er überhaupt darüber reden wollte. Sie wartete deshalb, bis er von selbst zu sprechen begann.
Er erzählte ihr, wie es Freya schon den ganzen Tag nicht gut ging, sie aber zu stur war einzusehen, dass sie krank wurde.
„Als ich sie endlich dazu bringen konnte, auf mich zu hören und sie sich schließlich etwas Ruhe gönnen wollte, hat sie ihre Sachen gepackt und wollte gehen.“
„Sie wollte gehen?“, wiederholte Rebekah verständnislos. „Hat sie vergessen, dass du auch so etwas wie ein Bett besitzt?“
„Ja, das habe ich sie auch gefragt“, entgegnete Lucien und seufzte. „War keine gute Idee.“
„Deswegen habt ihr euch gestritten?“ Rebekah erinnerte sich an einige Auseinandersetzungen zwischen den beiden, die weitaus schlimmer gewesen waren.
Lucien nickte. „Ich konnte das nicht einfach so hinnehmen. Ständig habe ich das Gefühl, sie will um jeden Preis verhindern, vor mir schwach zu wirken. Als vermittle ich ihr den Eindruck, sie nur an guten Tagen in meiner Nähe haben zu wollen.“
Rebekah sagte vorerst nichts dazu. Sie verstand, wieso Lucien wütend war und sich ungerecht behandelt fühlte. Schließlich wollte er nur für Freya da sein. Auf der anderen Seite konnte sie sich auch in ihre Schwester hineinversetzen. Einzig und allein aus dem Grund, da sie oft die gleichen Gedanken hatte. Sollte Lucien mit seiner Vermutung über Freya recht behalten, wusste Rebekah genau, wie sie sich fühlte. Umringt von den mächtigsten unsterblichen Kreaturen der Zeit, die keine wirkliche Schwäche hatten, war es ein leichtes, sich im Vergleich schutzbedürftig zu fühlen. Rebekah hatte dieses Gefühl selbst als Vampir einige Male gehabt. Als Mensch war das noch einmal etwas komplett anderes.
Sie wollte Lucien keinen Vorwurf machen oder gar urplötzlich auf Freyas Seite stehen, doch sie vermutete, dass er vergessen hatte, wie es sich anfühlte, nicht jeder Gefahr trotzen zu können.
„Ihr bekommt das schon wieder hin“, meinte sie schließlich, bewusst darüber, wie unglaublich nutzlos dieser Satz war. Doch sie sträubte sich dagegen, wie so oft Partei für einen der beiden zu ergreifen. Beide hatten ihre Gründe für diesen Streit und das einzige, das ihn aus dem Weg schaffen würde, war ein klärendes Gespräch.
Ein sich nähernder Lichtkegel hielt Lucien davon ab, noch etwas zu erwidern. Rebekah spürte, wie sich Erleichterung in ihr breit machte. Der Abschleppdienst hatte sie gefunden.
Sie blickte zu Lucien, der darüber genauso froh zu sein schien wie sie. Bald würden sie zu Hause sein.


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Lucien hatte dem Fahrer ein wenig mehr Geld gegeben, damit er Rebekah samt den ganzen Geschenken am Compound ablieferte, bevor sie weiter zur Werkstatt fahren würden.
„Danke, dass du heute mitgekommen bist“, meinte Rebekah zum Abschied, auch wenn sie genauso gut wie Lucien wusste, dass er wohl kaum eine Wahl gehabt hatte.
Er nahm sie kurz in den Arm. „Hab eine gute Nacht, kleiner Weihnachtself“, entgegnete er grinsend und stieg zurück in das große Abschleppfahrzeug.
In der Werkstatt angekommen wartete er im kleinen Besucherbereich auf den Befundbericht seines Wagens.
„Scheint fast so, als hätte der Hirsch große Beschädigungsabsicht gehabt.“ Mit diesen Worten trat der Mechaniker des kleinen Betriebes auf ihn zu, dicht gefolgt von einem jüngeren Mitarbeiter. Totalschaden war die schlussendliche Diagnose. Beinahe die komplette Front musste ausgetauscht werden.
„Ihre Karre ist voll der Hammer, Alter“, platzte es irgendwann aus dem Jungen heraus, von dem Lucien schwer einschätzen konnte, ob er überhaupt schon volljährig war. Seine Wortwahl jedoch ließen ihn überrascht die Augenbrauen nach oben ziehen.
„Sie müssen meinen Neffen entschuldigen“, schaltete sich der Werkstattleiter ein und wirkte wenig erfreut über dessen Verhalten, „Hochwertige Autos lassen ihn immer jegliche Manieren vergessen.“
Dann wandte er sich direkt an sein Familienmitglied. „Bryan, geh doch schonmal vor, während ich hier den Rest mache.“
Bryan klopfte seinem Onkel auf die Schulter. „Geht klar, Chef.“ Dann zeigte er auf Lucien. „Ihr Baby ist bei mir in besten Händen. Machen Sie sich keine Sorgen.“
Als er endlich verschwunden war, konnte Lucien erkennen, wie sehr sich der ältere Mechaniker bemühen musste, nicht die Augen zu verdrehen und seine Professionalität zu wahren.
„Ach ja… Den haben wir unter dem Beifahrersitz gefunden“, meinte er schließlich und Lucien konnte kaum glauben, was er ihm gerade vor die Augen hielt. „Herzlichen Glückwunsch.“
Es war ein Schwangerschaftstest. „Danke“, bekam Lucien nur gedankenabwesend heraus, während er das kleine Stäbchen anstarrte.
„Warten Sie doch bitte noch einen Augenblick hier.“ Mit einem höflichen Lächeln ließ der Werkstattbesitzer ihn wieder allein.
Den Test immer noch in seinen Händen setzte Lucien sich auf die gepolsterte Bank hinter ihm. Er konnte es kaum erwarten, Rebekah zu erzählen, dass ihr Glückstest sie doch nicht verlassen hatte.
Er steckte ihn in seinen Mantel, als er im selben Moment die kleine Schmuckschachtel in seiner Hand fühlte. Nach kurzem Zögern holte er sie hervor und betrachtete den Schlüssel, der sich in ihr versteckte. Ohne dass er es verhindern konnte, schlich sich Freya in seine Gedanken.
Lucien seufzte und lehnte seinen Hinterkopf gegen die kühle Steinwand hinter ihm, während er die Glastür anstarrte, die den Eingang zur Werkstatt darstellte.
Eine blonde Person näherte sich ihr plötzlich und Lucien hätte schwören können, dass er sich gerade nur einbildete, wie Freya den Raum betrat.
Schnell steckte er den Schlüssel zurück in seine Tasche und hoffte, dass er nicht zu auffällig gewirkt hatte. Er musste lächeln, als er spürte, wie froh er war, sie zu sehen.
„Was machst du denn hier, Liebes?“
„Rebekah hat mir erzählt, was passiert ist.“ Freyas Stimme klang vorsichtig, als wüsste sie nicht, wie Lucien auf sie reagieren würde. Erst da wurde ihm bewusst, dass er ihre Auseinandersetzung komplett vergessen hatte. Es kam ihm vor, als sei es Tage her, seitdem sie sich gestritten hatten.
„Du siehst besser aus“, fiel Lucien auf, als er die feinen Krusten sah, die sich um Freyas Nase gebildet hatten.
Sie lächelte erleichtert darüber, in Luciens Stimme keine Spur mehr von Ärger erkennen zu können. „Ich fühl mich auch besser.“
Lucien war froh, das zu hören und im Vergleich zu heute Morgen war es das einzige, das er hören musste. Ihm war gerade nicht nach weiteren Diskussionen oder gar Entschuldigungen.
Doch ein Blick in Freyas Gesicht verriet ihm, dass ihr es da anders ging. Die Schuld in ihren Augen war nicht zu übersehen und Lucien wollte ihr die Möglichkeit geben, das zu sagen, was ihr offensichtlich auf dem Herzen lag.
„Es tut mir so leid, Lucien“, bekam er schließlich die Worte zu hören, die früher ausgesprochen wohl alles verändert hätten. Er entschied sich dazu, zu schweigen und sie ausreden zu lassen, auch wenn er ihr im Geheimen schon längst verziehen hatte.
„Heute Morgen… Gestern… Ich habe mich lächerlich verhalten“, gab sie zu und man sah ihr an, dass sie Schwierigkeiten hatte, die richtigen Worte zu finden. „Es ist nur…“ Sie brach ab und senkte den Blick auf ihre Hände.
„Was ist es, Freya?“, forderte Lucien sie schließlich doch auf weiterzusprechen, als er die Chance sah, den Grund für ihr Verhalten zu erfahren.
„Ich möchte von niemandem abhängig sein, verstehst du? Das erste Mal in meinem Leben kann ich alles selbst bestimmen. Ich muss nicht mehr vor Dahlia flüchten, kann endlich Teil meiner Familie sein und tun und lassen, wonach mir gerade der Sinn steht. Und dennoch habe ich das Gefühl, ich würde von einer Abhängigkeit in die nächste rutschen.“ Sie wandte sich von ihm ab und schüttelte den Kopf. „Das klingt so dämlich. Ich habe eine Familie, die immer hinter mir steht, und ich habe dich. Und ich sitze hier und fühle mich zu stark beschützt. Andere wären froh darüber.“
„Das ist nicht dämlich, Liebes. Das ist ganz normal.“ Lucien legte eine Hand auf ihr Bein und brachte sie somit dazu, ihn zumindest wieder anzusehen. „Aber lass mich dir etwas verraten: Wenn ich dir - bei egal was - meine Hilfe anbiete, dann nicht, weil ich nicht denke, du würdest es allein nicht schaffen. Nein.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Sondern, weil ich nicht möchte, dass du es allein schaffen musst.“
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, fühlte er Freyas Lippen auf seinen. Lächelnd löste sie sich wieder von ihm und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Er nahm das mal als Zeichen der Versöhnung.
„Was versteckst du da eigentlich vor mir?“, wollte sie neugierig wissen und zeigte auf seine Hand, die ruckartig in seinem Mantel verschwunden war. Offenbar war ihr das doch nicht entgangen.
Lucien seufzte und entschied sich dazu, Freya wenigstens in eins seiner beiden Geheimnisse einzuweihen.
Er zog den Schwangerschaftstest aus seiner Tasche.
„Du bist schwanger?“, scherzte Freya und nahm den Test entgegen.
„Es ist Rebekahs“, verriet Lucien ihr und wartete, bis Freya realisierte, was das zu bedeuten hatte.
Ihr Gesichtsausdruck wechselte von geschockt zu unglaublicher Freude.  
„Verrat ihr nicht, dass du es von mir weißt“, bat er, „Sie freut sich sicherlich auf den Moment, wenn sie es dir persönlich sagen kann.“
Freya hatte immer noch ein glückliches Grinsen auf den Lippen, doch nickte verständnisvoll. „Natürlich.“
„Mr. Castle.“ Die Stimme des Werkstattleiters unterbrach ihr Gespräch und veranlasste Lucien dazu aufzustehen. „Ihr Auto wird noch einige Tage hier bleiben müssen. Bis dahin können wir Ihnen diesen Ersatzwagen anbieten.“ Er überreichte ihm einen Autoschlüssel. „Er steht draußen, direkt neben dem Eingang. Ich hoffe, das ist zu Ihrer Zufriedenheit.“
„Selbstverständlich. Dankeschön“, entgegnete Lucien höflich.
„Ich wünsche Ihnen beide noch eine ruhige Nacht“, verabschiedete sich der Mechaniker von ihnen und machte sich zurück an die Arbeit.
„Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich könnte immer noch ein wenig Schlaf gebrauchen“, meinte Freya, die mittlerweile auch aufgestanden war.
„Hört sich gut an“, stimmte Lucien ihr zu, „Komm, ich bring dich zurück zum Compound.“
„Oder“, hielt Freya ihn davon ab, an ihr vorbei und aus der Werkstatt zu gehen, „Ich fahre. Wir holen uns noch ein wenig von der köstlichen Suppe, die du mir heute Morgen vorbei gebracht hast und ich bringe uns dorthin, wo ich vermutlich mehr Ruhe bekomme, als in einem riesigen Anwesen mit zeitweise sieben Mitbewohnern.“
Lucien blickte sie mit einem wissenden Ausdruck an. „Und wo wäre das deiner Meinung nach?“
„Na, bei dir.“
Sie grinste ihn triumphierend an.
„Und jetzt mal ehrlich: Wo hast du diese Suppe her? Ich muss wissen, wo du sie gekauft hast!“
Lucien wandte untypisch für ihn den Blick ab.
„Was ist?“, wollte Freya verwirrt wissen.
„Das war gelogen“, gab er dann zu, „Sie war selbst gemacht.“
Freya konnte es kaum glauben. Manchmal hatte sie das Gefühl, sie hatte Lucien nicht verdient.  
„Na umso besser. Dann müssen wir nicht mal einen Zwischenhalt einlegen.“
Dann hielt sie ihm ihre offene Handfläche hin. „Gibst du mir den Schlüssel?“
Für einen kurzen Moment ließ Lucien diese Frage innehalten und er ignorierte das Fragezeigen in ihrem Gesicht. Er nahm einen tiefen Atemzug, ehe er ihr ein Lächeln schenkte.
„Ja“, sagte er schließlich und gab Freya den Schlüssel in die Hand.
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