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Magie der Highlands

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Zauberer & Hexen
09.03.2020
13.01.2021
5
19.226
12
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
13.01.2021 4.190
 
Einen wunderschönen guten Abend zusammen :)

Später als gedacht, aber immer noch früher als sonst (und schon wieder nicht an einem Sonntag xD) melde ich mich mal wieder mit einem neuen Kapitel bei euch. Diesmal auch keine großen Reden, bloß ein Danke, das von Herzen kommt. Danke für die Empfehlung, danke für eure Kommentare und danke für eure Favoeinträge. Ich freu mich wirklich sehr über dieses Feedback. Und jetzt viel Spaß mit Cailin ;)



oOo

Lenus



Wie versteinert stand ich vor meinem Fenster und starrte auf die immer dunkler werdende Straße hinab, die Augen weit aufgerissen, um möglichst wenig zu verpassen. Mit jedem Blinzeln, das ich irgendwann nicht mehr unterdrücken konnte, fürchtete ich, dass das schwarze Tier, das sich dort unten durch die Vorgärten schlängelte, sich einfach in Luft auflösen würde. Immer, wenn es in einer Hecke oder hinter einem Strauch verschwand, zweifelte ich an seiner Existenz. Die hereinbrechende Nacht erschwerte es mir ohnehin, diese riesige Katze im Blick zu behalten. Einzig der schmale weiße Fleck auf der Brust, leuchtete in der Dunkelheit unverkennbar und zog meinen Blick an, wie ein Magnet.
Warum mich dieses Tier so sehr faszinierte?
Ehrlich gesagt kann ich das selbst nicht einmal mehr genau sagen. Vermutlich hätte ich mich weit weniger für es interessiert, wenn es sich nicht schon inzwischen in gleich zwei meiner Visionen geschlichen hätte. Ich wollte unbedingt wissen, was es mit dieser Katze auf sich hatte, ob da irgendetwas besonderes an ihr war.
Vor Aufregung schlug mein Herz einen Takt schneller. Aber was gedachte ich jetzt eigentlich zu tun? Wie wollte ich herausfinden, ob sie besonders war? Ihr hinterherlaufen? Blöde Idee, sie würde schließlich nicht die ganze Zeit in unserem Vorgarten auf mich – Wo war sie hin?
Mein Kopf schnellte so abrupt nach vorne, dass er mit einem dumpfen Klong gegen die Scheibe stieß. Autsch! Die Tränen, die dieser schmerzhafte Zusammenprall hervorgerufen hatte, weg blinzelnd suchten meine Augen die schattenhafte Umgebung ab. Verflixt, warum hatte ich nicht richtig aufgepasst?! Meine Gedanken hatten mich abgelenkt, ich hatte mich nicht mehr richtig konzentriert. Von dem weißen Fleck fehlte jede Spur und auch sonst konnte ich absolut nichts in der zunehmenden Dunkelheit erkennen. Verdammt!

Mehr aus einem Reflex heraus, als irgendeinem Plan folgend, wirbelte ich auf der Stelle herum, sprintete durch mein Zimmer und sprang (immer zwei Stufen auf einmal nehmend) die Treppe hinunter. Meine Hektik blieb nicht ungestraft: die vorletzte Stufe verfehlte ich und knickte um. Einen Sturz konnte ich gerade noch verhindern, indem ich mich am Geländer festhielt. Unsanft und bestimmt alles andere als elegant, erkämpfte ich mein Gleichgewicht zurück, doch meinen rechten Fuß belasten konnte ich nicht. Ich konnte förmlich spüren, wie mein Knöchel anschwoll, der Schmerz pulsierte bis in meine Wade.
Verdammt, verdammt, verdammt!
Innerlich vor mich hin fluchend setzte ich mich auf die Treppe und hielt meinen Fuß. Das Schuheanziehen hätte mir beinahe ein lautes Aufjammern entlockt. Aber ich musste mich jetzt zusammenreißen. Die Katze trieb sich hier irgendwo in unserer Nachbarschaft herum, wer weiß, wann sich mir so eine Gelegenheit noch einmal bot! Also ließ ich zögerlich meinen Knöchel los, richtete mich zuerst nur das linke Bein belastend auf und setzte dann vorsichtig auch den rechten Fuß auf den Boden. Es tat höllisch weh! Allerdings war die Neugierde größer und ließ mich dennoch so leise wie möglich die quietschende Haustür öffnen.

„Cailin?“

Oh nein! Kurz schloss ich die Augen, dann ließ ich die Tür wieder ins Schloss fallen und drehte mich um. Aus der Küche kam Dad in den Flur und sah mich fragend an.
„Alles in Ordnung? Was machst du da?“, fragte er, den Blick auf meine Hand gerichtet, die noch immer die Türklinke berührte.
„Ich ähm… Nichts, ich… Wollte nur frische Luft schnappen und so…“
Wieso nur musste er ausgerechnet jetzt mitkriegen, dass ich auch noch in diesem Haus lebte und ein Gespräch mit mir anfangen?
„Hör mal… Wegen heute Nachmittag…“, setzte er an und kam zögerlich ein paar Schritte auf mich zu. Sein Blick war reumütig. Etwas überrascht zog ich meine Hand von der Klinke. Ich hatte absolut nicht damit gerechnet, dass er von sich aus nochmal davon anfangen würde.
„Ich weiß, deine Mutter hat dir…“, er hielt inne. Etwas trauriges stahl sich in seine Augen. Er fing nochmal neu an: „Ich weiß, du glaubst nicht an das, was ich tue. Und… Und das ist okay… Aber bitte lass mich… Ich weiß, dass ich da an etwas dran bin. Bitte gib mir noch diese eine Chance zu beweisen… Und danach… Wenn ich falsch liege, dann kannst du… Ich versprech dir, dann werd ich damit aufhören. Aber das hier, ich weiß, das ist meine Chance!“
Er war mit Worten mindestens genauso schlecht, wie ich. Und vermutlich genauso ungeübt darin, mit jemand anderen über die eigenen Gedanken und Gefühle zu sprechen.
„Dad“, seufzte ich. Unwillkürlich tat es mir leid, dass ich vorhin sauer geworden war. Ich wollte einen Schritt auf ihn zu gehen, doch die Belastung auf meinem rechten Fuß, ließ mich augenblicklich zusammenzucken und an Ort und Stelle verharren. Und mit dem Schmerz traf mich plötzlich eine Erkenntnis: Der Grund, aus dem ich hier in aller Hektik umgeknickt war, war kein anderer, als der, der Dad jeden Tag aufs Neue an den Loch Ness treib. Ich jagte einem Fantasietier hinterher!
„Weißt du, ich will ja gar nicht, dass du mit deinen Forschungen aufhörst.“ Meine eigenen Worte überraschten mich und doch wusste ich, dass sie der Wahrheit entsprachen, in dem Moment, da sie meine Lippen verließen.
„Nur manchmal, da wäre es einfach schön, wenn du… naja… da wärst.“
Einen Moment lang breitete sich Stille im Flur zwischen uns aus. Es dauerte einige Sekunden, bis ich mich traute, seinen Blick zu suchen. Auf seine Lippen stahl sich ein schiefes Lächeln. „Okay, ich… Ich denke, das krieg ich hin. Versprochen.“
Plötzlich fühlte ich mich seltsam erleichtert. Ich konnte nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern.
Und hätten meine Füße nicht beschlossen, sich auf ihn zu zu bewegen, wovon mich der stechende Schmerz in meinem Knöchel abermals abhielt, dann hätte ich mich wohl nie daran erinnert, weswegen ich eigentlich mein Zimmer verlassen hatte.
Hoffentlich war die Katze nicht schon weg… Warum mich dieser Gedanke so beunruhigte, wo ich das Tier doch schlecht fragen konnte, wieso es sich immer wieder in meine Träume und Visionen schlich? – Fragt mich nicht.

„Tja, dann… Also… Ich… Ich denke, ich geh jetzt… Also ich werd noch einmal kurz die Straße rauf und runter spazieren, bevor ich schlafen gehe, denke ich…“ Ich deutete überflüssigerweise auf die Haustür in meinem Rücken.
„Oh, ja… Klar… Soll ich… Soll ich dich…?“ Dad machte Anstalten auf mich zuzugehen, doch ich hob rasch abwehrend die Hände.
„Nein, nein, nicht… Nicht nötig, ich wollte nur…“
Mit einer Katze reden, beendete ich den Satz stumm. Blieb die Frage, über wessen geistige Zurechnungsfähigkeit ich mir mehr Sorgen machen sollte – über Dads oder meine eigene.
Ersterer schaute ziemlich verunsichert drein. Es tat mir leid, dass ich ihn so abrupt abgewimmelt hatte, aber ich kam mir so schon albern genug vor, wie ich nach einer herumstreunenden Katze suchte, da konnte ich ihm wohl schlecht erklären, dass ich dieses Tier in der Zukunft gesehen hatte und nun nach Antworten suchte!
„Danke“, sagte ich deshalb und hoffte, dass er verstand, wie viel mir seine Worte bedeutet hatten.
Ich erwiderte sein Lächeln, dann drehte ich mich rasch um und versuchte mir die Schmerzen in meinem Fuß nicht anmerken zu lassen. Kaum hatte sich die Tür hinter mir geschlossen, stieß ich laut die Luft aus. Verdammt, tat das weh. Aber ich hatte schon viel zu lange bis hierher gebraucht, jammern konnte ich auch später noch!
Dennoch schimpfte ich innerlich vor mich hin, dass Dad unseren Garten nicht besser in Stand hielt. Der Boden unter dem hohen Gras war fürchterlich uneben –  mit zwei intakten Füßen war mir das nie zuvor so richtig aufgefallen war. Jetzt aber machte ich ständig die schmerzhafte Bekanntschaft mit einem nicht zu erkennenden Erdloch (anscheinend fühlten sich die Mäuse bei uns sehr wohl) oder blieb mit dem angeschlagenen Fuß in den langen Grasfasern hängen. Ich fasste für mich den guten Vorsatz (wohl wissend, dass ich diesen niemals einhalten würde), diesem Gestrüpp in naher Zukunft an den Kragen zu rücken; man konnte ja nie wissen, wofür das nochmal gut sein könnte…

Je weiter ich in den Garten hinein humpelte, desto nervöser wurde ich. Was tat ich hier eigentlich?
Ich war auf der Suche nach Antworten, ja. Aber die würde ich doch nicht ernsthaft von einer Katze bekommen! Einer Katze, die vermutlich längst über alle Berge war. Und selbst wenn sie es bis jetzt noch nicht war, würde sie wohl spätestens verschwinden, wenn sie mich auf sich zu stolpern sah, wie ein Elefant durch einen Porzellanladen.
Vielleicht sollte ich mir wirklich lieber Freunde suchen, anstatt armen, wehrlosen Tieren nachzustellen.
Außerdem… Wenn in meinen Visionen immer wieder diese eine Katze auftauchte und mir diese Visionen aber nun einmal Angst einjagten – war es dann nicht am Ende nicht vielleicht sogar klüger um das Tier einen weiten Bogen zu machen?
Je länger ich so darüber nachdachte, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, dass es sicherlich das vernünftigste war, den Rückweg anzutreten. Doch irgendetwas hielt mich davon ab (und zwar nicht nur mein pochender Fuß, der ganz und gar nicht erpicht darauf war, den ganzen Weg zurück zu humpeln). Es fühlte sich falsch an. Als wenn man einen Film schaut und der Protagonist wäre kurz davor den Bösewicht zu besiegen – und geht dann einfach so nach Hause.
Ich schüttelte über mich selbst den Kopf. Das hier war kein Film und ich schon mal gar nicht die Protagonistin. Außerdem befand ich mich nicht im Eingang einer Drachenhöhle, sondern in unserem Garten. Und suchte dort nach einer Katze…
So langsam kam ich wohl nicht mehr umhin, der Tatsache ins Auge sehen: Dad war definitiv nicht der einzige, der hier allmählich den Verstand verlor.
Seufzend drehte ich mich um. Ob es sich nun richtig oder falsch anfühlte, es war inzwischen sicher eine Ewigkeit her, seit ich die Katze durch mein Fenster gesehen hatte. Außerdem war es mittlerweile stockfinster. Eine schwarze Katze bei Nacht in unserem Dickicht von Garten zu finden kam der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleich. Die Vernunft siegte also über die Neugier und ich schleppte mich langsam wieder in Richtung Haustür. Doch als ich an der wild wuchernden Hecke zum Nachbargrundstück vorbei humpelte, erregte ein zartes Rascheln meine Aufmerksamkeit. Ich hielt den Atem an und mein Herzschlag beschleunigte sich sogleich.
Aber als ich vorsichtig in die Hocke ging und in die Dunkelheit spähte, konnte ich lediglich die stacheligen Umrisse eines Igels ausmachen, der sich mit schnupperndem Näschen langsam in unseren Garten vorwagte. Für ihn musste unser Biotop das reinste Paradies sein.
Eine Weile beobachtete ich ihn mit einem leisen Lächeln auf den Lippen. Er war wirklich niedlich. Kurz hatte er sich zusammengerollt, als er mich gesehen hatte, war jedoch schnell wieder aus seiner Deckung gekommen, um sich in Richtung der beiden heruntergekommenen Schuppen am anderen Ende des Gartens davon zu machen.
„Tja, mein Kleiner“, seufzte ich schließlich. „Ich sollte so langsam wohl wirklich mal wieder rein gehen.“
Meine Worte interessierten den kleinen Kerl herzlich wenig. Er schnüffelte ohne aufzusehen weiter nach Insekten.
„Also… Mach‘s mal gut. Und sei immer schön vorsichtig, wenn du auf eine Straße läufst, hörst du?“

„Dummes Menschenkind, weißt du denn nicht, dass diese gestachelte Flohschleuder dich nicht verstehen kann?“

„Was?“
Ich schrak so heftig zusammen, dass ich auf meinem angeschlagenen Fuß das Gleichgewicht verlor und in das vom Regen der vergangenen Tage noch feuchte Gras fiel. Ich schnappte nach Luft. Das Stechen in meinem Knöchel zog sich nun bis zum Knie hinauf. Ein Stöhnen unterdrückend stierte ich in die zunehmende Finsternis. Doch da war niemand. Hatte ich mir die Stimme bloß eingebildet?
Mein Herz raste.
„Hallo?“, rief ich zögerlich.
Keine Antwort. Und doch hatte ich das seltsame Gefühl, nicht länger allein in unserem Garten zu sein. Das war nicht gut. Das war ganz und gar nicht gut. Ich wusste, wie so eine Situation in Horrorfilmen am Ende ausging.
Ich schüttelte den Kopf, um diesen Gedanken möglichst schnell wieder zu vertreiben. Das hier war kein Horrorfilm, sondern mein Leben. Und ich wohnte in einer der ruhigsten Gegenden der Welt. Dennoch… Ein flaues Gefühl in meinem Magen blieb. Und urplötzlich gesellte sich ein hartnäckiges Pochen hinter meinen Schläfen hinzu – Oh, bitte nicht schon wieder so ein seltsames Durcheinander von Visionen!
Ich schloss kurz die Augen, in der Hoffnung, die Kopfschmerzen auf diese Weise zu vertreiben. Als ich sie wieder aufschlug, erstarrte ich vor Schreck: Nur eine gute Armlänge von mir entfernt zeichnete sich die pechschwarze Silhouette einer riesigen Katze ab. Die grünen Augen fixierten mich fest. Sie leuchteten noch heller, als der schmale weiße Fleck auf der Brust des Tieres.
Mir stockte der Atem.
Hier unten vom Boden aus kam mir das Tier nochmal um einiges größer vor. Das war die größte Katze, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Fast schon so groß wie ein Hund!
Eigentlich mochte ich Tiere. Als Kind hatte ich mir immer ein Haustier gewünscht, aber Mum war nie so sonderlich angetan von dieser Idee gewesen. Damals wäre mein erster Gedanke wohl gewesen, das streunende Tier einfach zu behalten. Doch wie ich hier so unmittelbar vor ihm saß, fühlte ich mich nicht sonderlich wohl in meiner Haut.

Lautlos setzte sich die Katze in Bewegung. In geduckter Haltung wagte sie sich so weit zu mir vor, dass ich sie problemlos hätte berühren können. Ihre Augen waren wahrhaft von bemerkenswertem Grün. Ganz und gar nicht so, wie ich sie bei anderen Katzen schon gesehen hatte. Die Farbe war so viel klarer, ohne den geringsten Gelbstich. Und der Blick so viel tiefer.
Sie schnupperte an meinen Schuhen und schlich um mich herum, so dicht, dass ich einige Sekunden lang ihren buschigen Schwanz im Gesicht hatte. Ich musste niesen.
Warum sie mich so sehr beunruhigte, konnte ich selbst nicht so genau sagen. Sie wirkte neugierig, bedrohte mich nicht direkt und auch sonst schien keine Gefahr von ihr auszugehen. Dennoch hatte ich einen gesunden Respekt vor ihr, mehr noch als vor Katzen und ihren scharfen Krallen im allgemeinen. Vielleicht lag es schlichtweg an ihrer Größe. Oder daran, dass sie in meinen Visionen aufgetaucht war. In sehr beunruhigenden Visionen. Jedenfalls wirkte sie irgendwie nicht so wie eine gewöhnliche Katze auf mich. Wie schon vor einigen Wochen, als ich sie zum ersten Mal bei uns gesehen hatte, kam mir unweigerlich der schlechte Ruf dieser Tiere in den Sinn, geprägt von Furcht und Aberglaube.
Inzwischen saß sie wieder vor mir, tat nichts weiter als mich aus ihren großen, leuchtenden Augen heraus anzustarren. Ich schluckte. Über meinen Rücken und Arme zog sich eine Gänsehaut.

„Reg dich ab, Menschlein, ich hab nicht vor, dich aufzufressen.“

„Was? Wer –“
Das Blut hinter meinen Schläfen pulsierte schmerzhaft. Hektisch sah ich von links nach rechts, doch ich war immer noch allein. Allein mit…
Mein Blick pendelte sich wieder auf der Katze ein. Ich riss die Augen auf. Nein, das war nicht möglich!
Ich glaubte, das Tier dabei zu beobachten, wie es genervt mit den Augen rollte.
Unmöglich.
„Um Himmels willen, entspann dich, dummer Mensch. Hast du dich etwa noch nie mit einer Cait Sith unterhalten?“
Ich konnte nicht einordnen, aus welcher Richtung die Worte kamen. Sie waren ganz einfach da – in meinem Kopf! Und mit ihnen kamen die Kopfschmerzen.
Ich konnte nach wie vor nichts anders tun, als das Tier vor mir anzustarren. Das konnte doch nicht wahr sein! Versuchte hier jemand, mir einen Streich zu spielen?
Abermals sah ich mich um. Nichts.
„Interessant.“
Das schwarze Tier neigte den Kopf ein wenig zur Seite und blinzelte.
„Kannst du nicht richtig sprechen?“
„Ich…“ Meine Stimme war viel zu atemlos, als dass ich den Satz hätte fortführen können. Das musste ein Traum sein. Oder ich war nun endgültig übergeschnappt. Vielleicht hatte mein Unterbewusstsein sich vor lauter Einsamkeit dazu entschieden, eine zweite Persönlichkeit auszubilden. Ich musste mich ganz dringend untersuchen lassen!
Die Katze seufzte ungeduldig.
„Hör mir doch zu und entspann dich endlich. Du bist nicht verrückt. Jedenfalls nicht verrückter, als die meisten von euch Zweibeinern…“
„Ich…“, wiederholte ich immer noch atemlos. „Ähm… Verzeihung, aber äh… Bist… Bist du das? Also könnte es… Könnte es vielleicht sein, dass.. Dass du… Nun ja… Bist du irgendwie in meinem Kopf drin?“
Jetzt war ich mir ganz sicher, dass dieses Tier des Augenrollens mächtig war!
„Deine Kombinationsgabe ist wirklich bemerkenswert langsam, ich hatte nichts anderes erwartet.“
„Du bist wirklich in meinem Kopf drin!“
„Herrje, Menschlein, stell dich nicht so dumm an! Wie deutlich muss ich das denn noch machen?“
„Ich… Entschuldige, ich… Hab nur noch nie… Ich meine, das ist doch…“
Verrückt!
„Wenn das alles ist, was du denken kannst, dann entschuldige mich jetzt. Ich weiß wirklich besseres mit meiner Zeit anzufangen, als dir bei deinen inneren Monologen über deine mehr oder minder vorhandene geistige Zurechnungsfähigkeit anzuhören.“
„Du kannst meine Gedanken lesen? Nein, warte! Bitte…“, rief ich ihm hinterher, als sich das Tier sichtlich genervt von mir abwandte.
„Dann hör endlich auf, das offensichtliche zu wiederholen.“
„Tut mir leid, ich geb mir Mühe“, entschuldigte ich mich. Das war wirklich das abgefahrenste, das mir bis dahin je passiert ist.
Ich spürte, dass sich meine Lippen zu einem Lächeln verzogen hatten. Ob das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, sei nun mal dahin gestellt.

„Ihr Menschen seid so dumm, so überheblich. Ihr fühlt euch so überlegen. Ihr denkt, ihr seid die einzigen, die über eine komplexe Sprache verfügen. Dabei seid ihr es doch, die nicht zuhören. Die nicht verstehen. Das kann wirklich sehr ermüdend sein.“
„Tut mir leid“, entschuldigte ich mich gleich noch einmal, auch wenn ich fand, dass meine Spezies hier wohl nicht die einzig Überhebliche war. Ob alle Katzen so eingebildet waren? Ob alle Katzen sprechen konnten? War das hier überhaupt eine Katze? Ein Kater genau genommen? Hatte er vorhin nicht irgendetwas von einer… einer Cait-irgendwas gesprochen?
Mit leicht gerunzelter Stirn musterte ich das Tier.
„Hat dir niemand beigebracht, dass es unhöflich ist, andere so anzustarren?“, brummte er, während er jede meiner Bewegungen sehr genau beobachtete.
„Tut mir leid.“
„Du verfügst über keinen besonders großen Wortschatz, nicht wahr Menschenkind?“
„Tut mir leid… Ich… Wirklich, ich… Ich hab mich nur noch nie mit jemanden unterhalten, der… nun ja… so ist wie du“, schloss ich ziemlich kleinlaut.
„Was du nicht sagst.“
Die Stimme in meinem Kopf hörte sich nun beinahe amüsiert an.
Einen Moment lang wurde es still. Mein schmerzender Kopf genoss die Ruhe. Es war verdammt anstrengend, plötzlich nicht nur die eigenen Gedanken im Kopf zu haben, sondern auch noch die Worte des Katers dazu.
„Sag mal, wie… Wie heißt du eigentlich?“, traute ich mich irgendwann zu fragen, als mir die Stille zu unbehaglich wurde.
Die Antwort ließ eine ganze Weile auf sich warten. Beinahe wäre ich geneigt gewesen zu glauben, ich hätte mir diese ganze Unterhaltung bloß eingebildet, wäre da nicht dieser stechende Blick des Katers gewesen, der genaustens zu überlegen schien, ob ich es wert war, dass er sich mir nun vorstellte oder eben nicht. Sein buschiger Schwanz zuckte durchs Gras hin und her.
„Also gut, nenn mich Lenus“, ertönte es dann doch in meinem Kopf.
„Lenus… Schön. Ich… Ich heiße Cailin. Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen.“ Tatsächlich war ich mir nicht ganz sicher, ob dieser letzte Satz der Wahrheit entsprach. Auf der einen Seite war es seltsam beunruhigend, dass ich mit einer Katze redete und diese sogar antworten höre – und das nicht mal besonders höflich. Aber andererseits war es auch schrecklich aufregend. Mein Herz schlug die ganze Zeit über in einem Tempo als hätte es einen Marathon zu bewältigen. Meine Hände, ja, mein gesamter Körper zitterte ein wenig, allerdings nicht auf unangenehme Weise.

„Weißt du, ich rede nicht besonders häufig mit Deinesgleichen. Vielleicht sollte ich es öfter mal versuchen, das ist eigentlich ganz lustig.“ Wieder hörte sich die Gedankenstimme des Katers erheitert an.
„Hm“, war alles, was mir dazu einfiel. Ich wusste nicht recht, ob das nun eine Beleidigung sein sollte oder nicht.
Es folgte ein erneuter Moment der Stille. Ich lauschte dem gleichmäßigen Zirpen der Grillen, während ich unruhig an meinen Fingernägeln knibbelte, was wiederum genau beobachtet wurde.
„Sag mir, Menschlein“, ergriff Lenus dann überraschend erneut das Wort, „was hast du auf dem Herzen. Du schaust drein, als wärst du zu hoch auf einen Baum geklettert und säßest da nun fest.“
„Ist dir das schon mal passiert?“ Die Frage hatte meine Lippen verlassen, ehe ich sie hätte aufhalten können. Der Kater fauchte.
„Natürlich nicht!“
„Bitte entschuldige, ich wollt nicht… Tut mir leid.“ Lenus hatte recht, sonderlich vielfältig war meine Wortwahl an diesem Abend nicht.
„Lass gut sein, Mensch. Also, wo juckt das Fell?“
„Nun, ich…“ Meine Stimme überschlug sich, ich musste mich unterbrechen. Vorhin in meinem Zimmer, da hatte ich so viele Gedanken im Kopf, doch jetzt war er wie leer gefegt. Ich war mir so dumm vorgekommen, einem streunenden Kater hinterherzulaufen, und nach wie vor ziemlich davon aus der Bahn geworfen, dass dieser nun tatsächlich sprechen konnte (sofern ich halt nicht verrückt geworden war oder einfach nur träumte). Die Tatsache, dass ich ihm allen Anschein nach nun wirklich all meine Fragen stellen konnte, verwirrte mich so sehr, dass mir zunächst gar keine einfiel.
Doch auch, als ich mich dann einigermaßen sortiert hatte, zögerte ich. Da war so etwas, wie eine innere Sperre, die mich davon abhielt, von meinen Visionen zu sprechen. Ich atmete tief ein und aus.
Komm schon, versuchte ich mir selbst Mut zu machen. Wenn ich mit einem sprechenden Kater nicht über meine ungewollten Einblicke in die Zukunft reden konnte, mit wem sonst?
„Okay, also ich“, begann ich von Neuem. Lenus schaute mich überraschend geduldig an. „Die Sache ist die… Ich hab… Also mir… Mir passieren manchmal seltsame Dinge…“
Lenus seufzte. „Oh, Menschlein, passiert das eurer Spezies nicht andauernd?“
„Nun, ich… bin mir ziemlich sicher, dass den wenigsten Menschen das passiert, was mir heute Morgen passiert ist. Wobei…“
Ganz unvermittelt dachte ich an Mrs McDonald und diese Schüler, von denen Dandy gesprochen hatte. Aber es konnte doch nicht sein, dass –
„Du wirst heute Morgen sicherlich gespürt haben, wie der Zauber gebrochen ist.“
„Der Zauber…?“
„Kein Grund zur Beunruhigung, Menschlein, dafür bin ich ja hier. Ich werde nicht zulassen, dass sie ihn bekommt.“
„Toll, das ist… Was?“

Lenus erhob sich, um mich abermals zu umrunden. Hinter meiner Stirn ziepte es so heftig, dass ich die Augen zusammenkniff. Als ich sie blinzelnd wieder öffnete, saß der Kater wieder vor mir.
„Du weißt es wirklich nicht“, stellte er fest. Seine Schwanzspitze zuckte. „Das ist wirklich erstaunlich. Sie ist unruhig, seit sie weiß, dass du hier bist. Das ergibt keinen Sinn. Ich habe dich beobachtet; du bist bloß ein Mensch. Die Magie, die dich umgibt ist erbärmlich schwach, du könntest ihr kaum von Nutzen sein.“
„Von Nutzen? Ich… Was?“ Ich hatte so sehr gehofft, dieser Kater könnte mir meine Fragen beantworten, stattdessen warf er immer weitere auf. Wovon redete er? Dachte er ernsthaft, seine zusammenhangslosen Sätze würden mir in irgendeiner Form etwas sagen?
„Lass mich dir einen Rat geben, Menschlein. Halt dich fern von ihr. Sie will dich benutzen. Ihr geht es bloß um Macht. Misch dich besser nicht in Dinge ein, die zu groß für dich sind.“
„Ich will mich ja in überhaupt nichts einmischen, ich –“
„Gut.“ Ich sah wie Lenus sich mit einem zufriedenen Nicken abwandte.
„Was? Nein, warte!“ Rasch wollte ich aufspringen, um ihm nach zu laufen, allerdings hatte ich die Rechnung ohne meinen Fuß gemacht. Den hatte ich durch die völlig absurde Situation total vergessen.
Bei meinem schmerzerfüllten Aufstöhnen hielt der Kater noch einmal inne und kam wieder auf mich zu. Erleichtert atmete ich auf.
„Gut, hör zu, ich hab noch ein paar Fragen. Ich versteh nicht – Au!“ Ohne auf meine Worte zu achten, hatte er kurz an meinem Knöchel geschnüffelt und stellte nun ohne Vorwarnung seine Pfoten darauf. Zischend stieß ich die Luft aus.
„Stell dich nicht so an, Mensch, und halt jetzt still“, erklangen die tadelnden Worte in meinem Geist. Ich verkniff mir ein Fluchen, ebenso wie ein „Du hast leicht reden“, dann ließ der Schmerz plötzlich nach. Vorsichtig rappelte ich mich auf. Ungläubig starrte ich an meinem Bein hinunter und verlagerte zunächst noch zaghaft das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Es tat nicht mehr weh. Es war rein gar nichts mehr zu spüren. Als wäre ich nie umgeknickt.
Wie hatte er das nur gemacht? Ich meine… Ein Kater, der Verletzungen heilen konnte? Das war ja noch abgefahrener, als sich einfach nur mit einem zu unterhalten. Das war verrückt, vollkommen verrückt und ganz und gar irre! Ich musste einfach träumen. Ich meine, wenn ich hier wirklich den Verstand verlor, wieso um alles in der Welt hätte ich ausgerechnet eine sprechende, wunderheilende Katze herbei fantasieren sollen?
Kopfschüttelnd sah ich auf. Meine Fragen hatte ich abermals vollkommen vergessen, aber egal ob nun Traum oder Halluzination, ich wollte mich wenigstens bei Lenus bedanken. Doch als ich mich umsah fehlte von dem Kater bereits jede Spur. Er war genauso lautlos verschwunden, wie er aufgetaucht war. Und ich stand immer noch da, starrte in die Schwärze der Nacht und zweifelte. Zweifelte an seiner Existenz. Zweifelte, ob diese ganze Unterhaltung jemals stattgefunden hatte.
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