Lara Croft und die Scherben der Vergangenheit

GeschichteAbenteuer, Drama / P12
Alister Fletcher Amanda Evert Jacqueline Natla Lara Croft Zip
08.03.2020
08.03.2020
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14. Mai
England, Stadtrand von Cornwall

Das Haus am Ende der kleinen Straße stand noch nicht lange dort. Es war den Leuten sofort aufgefallen, denn es war von einem Tag auf den anderen dort aufgetaucht. Vorher war das Grundstück verwildert und ungepflegt gewesen. Einst hatte dort ein altes Haus gestanden, doch es war schon vor langer Zeit abgerissen worden. Allerdings hatten die Bewohner der Amber Street bemerkt, wie sich das Grundstück, das nun für bestimmt zehn Jahre unbewohnt gewesen war, in sehr kurzer Zeit schlagartig verändert hatte. Eines Tages war ein Pick-Up einer Landschaftsgärtnerei angerückt, deren Arbeiter dem hohen Gras auf dem Grundstück den Garaus gemacht hatten. Einige Wochen später fand man auf dem nun frisch gemähten Rasen einen neu angelegten Parkplatz. Die Bewohner der Amber Street wunderten sich. Wieso ließ jemand das Grundstück so herrichten? Vor allem, wieso ließ jemand dort einen Parkplatz mitsamt Carport aufstellen, wenn sich dort noch nicht mal ein Haus befand?

Die Antwort auf diese Frage kam einige Monate später. Eines Tages ein Lastwagen rückwärts in die Straße gesetzt. Mehrere Arbeiter in orangefarbenen Anzügen hatten einen großen Kasten aus ihm heraus befördert und auf dem Grundstück abgestellt. Ein paar Leute hatten interessiert zugesehen, wie nach und nach die Wände des Kastens abgenommen worden waren und darunter ein Stapel an großen Holzplatten zum Vorschein gekommen war. Der Lastwagen war die nächsten Wochen jeden Tag dort gewesen, während denen sich die Holzplatten in ein quadratisches, schlichtes Holzhaus mit Flachdach verwandelten. Dann war der Lastwagen verschwunden. Ein paar Stunden später hatte plötzlich ein weißer Smart auf dem Parkplatz des Grundstücks gestanden. Doch bisher, in all den drei Monaten, hatte man die Bewohnerin des Hauses nur ein paar Mal zu Gesicht bekommen.

Es war eine junge Frau, etwa Ende 20. Sie war klein und schlank, trug stets einfache, eng anliegende Kleidung und ihre nussbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie verließ das Haus regelmäßig. Jeden Samstagvormittag stieg sie in ihren Smart und kehrte etwa eine Stunde später mit zwei Einkaufstaschen zurück. Jeden Morgen, gegen 5 Uhr,trat sie vor die Tür und ging eine Stunde durch die Nachbarschaft laufen. Wenn man sie angesprochen hatte, war sie meist freundlich und höflich. Doch ansonsten bekam man "die Stille" wie die Kinder sie nannten, so gut wie nie zu Gesicht. Nur ihren Namen kannten die Bewohner der Amber Street: Lara Croft.

In diesem Moment lag die Bewohnerin des Hauses in ihrem Bett und schlief. Draußen stand der Mond hoch am Himmel und leuchtete hell auf Cornwall herab. Es war eine sternenklare Nacht, am Himmel ließ sich keine einzige Wolke finden. Draußen zwitscherten ein paar Vögel, sogar die Rufe einer Eule ließen sich aus dem Wald vernehmen.

Der Tag war anstrengend gewesen. Lara hatte eine weitere Therapiesitzung gehabt. Am Anfang hatte sie sich noch gegen die Idee eines Therapeuten gesträubt. Ihr alter Freund Zip war es gewesen, der sie schließlich dazu bewegt hatte, einen Psychologen aufzusuchen. Am Anfang hatte Lara sich gar nicht eingestehen wollen, dass sie es nötig hatte, doch letztendlich war sie froh, dass Zip ihr diesen Therapeuten empfohlen hatte. Dr. Tornquist war ein kluger Mann und Lara war ihm wirklich dankbar für all die Hilfe, die er geleistet hatte.

Lara hatte sich geweigert, Croft Manor wieder aufzubauen. Stattdessen hatte sie eine Firma beauftragt, alle Wertsachen, die die Arbeiter fanden, aus der Ruine des Gebäudes zu retten und sich gemeinsam mit ihrem ehemaligen Mitarbeiter Zip in eine kleine Wohnung in London zurückgezogen. Doch auch das hatte ihr nicht gereicht, um mit ihrer Vergangenheit abzuschließen. Als sie und Zip eines Tages einen Fernsehbeitrag über Tiny Houses gesehen hatten, war sie sofort von der Idee angetan gewesen, selbst ein solches Haus anfertigen zu lassen. Schon zwei Monate, nachdem sie eines in Auftrag gegeben hatte, war es fertig gewesen. Lara war sich nicht ganz sicher, warum genau sie Cornwall als Standort gewählt hatte. Aber das kleine Grundstück am Ende der Amber Street, das sie während einer Autofahrt erblickt hatte, war ihr als ein geeigneter Ort erschienen.

Es war nicht teuer gewesen. Gerade mal £2500 hatte Lara für das Grundstück bezahlt. Es war ein schönes Grundstück, eine kleine Wiese am Ende der Straße, hinter der ein Wald begann. Das Haus war zwar etwas teurer gewesen (um die £40.000), doch auch das war ein Betrag, der Laras Vermögen keinen besonders großen Schaden gefügt hatte. Schließlich war die Archäologin eine reiche Frau. Sie hätte nie auch nur einen Finger krumm machen müssen, um Geld zu verdienen. Die Crofts waren eine reiche Familie gewesen und nun besaß Lara alles. Millionen von Pfund ruhten auf einem Konto, das irgendwo in der Schweiz saß.

Nicht, dass Lara sich irgendetwas aus Geld machte. Schon als Kind hatte man ihr beigebracht, dass Geld nichts war, auf das man sich irgendetwas einbilden sollte. Ein Grundsatz, nach dem Lara all die Jahre gelebt hatte. Natürlich hatte sie oft große Summen für Expeditionen ausgeben müssen und auch in ihrem privaten Besitz befanden sich einige Gegenstände, die sich die arbeitende Bevölkerung nicht so einfach leisten konnte, doch abgesehen von solchen Ausnahmen war sie eine bescheidene Seele.

Die letzten Monate hatten der Archäologin nicht gut getan. Nach ihrem Abenteuer rund um Thors Hammer und den Verbleib ihrer Mutter war Lara buchstäblich zusammengebrochen. Nahezu jeden Tag hatte sie unter Panikattacken, oft auch unter Heulanfällen und Albträumen gelitten. Nachts krochen ihr Bilder von ihrer Mutter in den Kopf, wie ihr halb verwester Körper langsam auf sie zukroch. Lara wollte schreien, wollte weglaufen, aber ihre Füße waren wie festgenagelt gewesen. Schließlich hatte sich ihre Mutter auf sie gestürzt - und an diesem Punkt war Lara wieder aufgewacht. Der Traum war immer gleich abgelaufen. Oft träumte sie auch, dass Natla vor ihren Augen ihre Freunde tötete. Das diabolische Grinsen auf dem Gesicht ihrer Erzfeindin hatte sich mittlerweile in ihr Gedächtnis gebrannt. Mittlerweile hatte sie den Überblick darüber verloren, wie oft sie, schweißgebadet oder gar schreiend, mitten in der Nacht aus dem Schlaf hochgefahren war.

Obwohl Lara es nicht zugeben wollte, schämte sie sich wegen alledem. Es war ihr unangenehm, was für ein zerbrechliches und schwaches Wesen aus ihr geworden war. Manchmal fühlte sie sich wie ein ängstliches, kleines Mädchen, das nichts mehr wollte, als von seiner liebevollen Mutter in die Arme genommen zu werden. Doch trotz all ihren Problemen schaffte Lara es, ein gutes Leben zu führen. Sie erfreute sich an den kleinen Dingen. An dem Sonnenlicht, das sie morgens wärmte. An einem guten Kaffee am Morgen. An einem Besuch ihres Freundes Zip, der zurzeit oft vorbeikam. Oder an einem guten Schlaf. Allerdings sollte sich bald herausstellen, dass die heutige Nacht ihr keinen guten Schlaf bescheren sollte. Nicht etwa wegen einem Albtraum, sondern wegen etwas ganz anderem. Etwas, das sich Lara, nicht im Geringsten hätte vorstellen können.

Alles begann damit, dass Lara aus dem Schlaf hochfuhr. Warum, wusste sie nicht genau. Und das verunsicherte sie ein wenig. Schlecht geträumt hatte sie nicht, es war eher eine Art böse Vorahnung gewesen. Sie warf einen Blick auf ihren Radiowecker. Die Zahlen zeigten 5:43 Uhr, es war also früher Morgen. Von draußen waren die ersten Vögel zu hören und Lara glaubte, durch ein Fenster die ersten Sonnenstrahlen sehen zu können.

Sie setzte sich im Bett auf. Obwohl es noch so früh war, fühlte sie sich wach und ausgeschlafen. Sie konnte nicht genau sagen, wie lange sie geschlafen hatte. Lara schwang die Beine über die Bettkante, stand auf und begab sich ins Bad.

Nachdem sie sich frisch gemacht und gewaschen hatte, setzte sie sich, immer noch nur in Unterwäsche, aufs Bett. Sie wusste jetzt schon, dass sie nicht mehr würde einschlafen können. Ihr Kopf war einfach schon zu aktiv. Gedanken rasten ihn ihm umher wie ein aufgescheuchter Fischschwarm. Erinnerungen an ihre Mutter, an Natla, an Amanda, die Doppelgängerin... Erneut wurde ihr klar, wie viel sie noch verarbeiten musste. Zwar ging es ihr mittlerweile deutlich besser und sie litt nicht mehr unter konstanter Nervosität, doch hinter sich lassen konnte sie ihre Vergangenheit noch lange nicht. Laras Schultern sackten herab, als würden sie von all ihrem mentalen Balast heruntergedrückt werden.

Lara beschloss, sich erst einmal anzuziehen. Die Archäologin trat vor ihren Kleiderschrank. Zwar hatte sie die meiste Kleidung aus ihrem Anwesen retten können, allerdings hatte Lara im Rahmen ihres Neuanfangs einen Großteil davon weggeben oder verkauft. Es hatte sich einfach nicht mehr richtig angefühlt, ein solch bescheidenes Leben wie ihr neues mit Dutzenden von Luxusoutfits zu füllen. Nun besaß Lara deutlich weniger Kleidung, fühlte sich dabei allerdings auch deutlich besser.
Lara entschied sich für einen dunkelblauen, langärmligen Body und eine eng anliegende, schwarze Hose in Glanzoptik. Sie betrachtete sich für einen Moment im Spiegel, drehte ihren Körper und begutachtete ihn von allen Seiten. Sie fühlte sich wohl in diesem Outfit, es war eine ihrer Lieblingskombinationen.  Lara musste lächeln. Es waren die kleinen Freuden, die ihrem Leben Schönheit verliehen.

Nachdem Lara sich angezogen hatte, ging sie hinüber zu ihrer Küchenzeile. Ihr ganzes Haus bestand, abgesehen von dem Bad, nur aus einem einzigen Raum. Es war, fand Lara, eine willkommene Abwechslung zu der Größe und Komplexität ihres alten Anwesens. Es war klein und kompakt und man konnte alles sofort erreichen. In ihrem alten Haus hatte sie im Vergleich ewig lange Strecken zurücklegen müssen, wenn sie nur in den Speiseraum oder nur in eines der Badezimmer wollte. Im Vergleich dazu war es angenehm, alles in einem einzelnen, schlichten Raum platziert zu haben. Und obwohl das Haus sehr klein war, bot es trotzdem auch genug Platz für Besuche. Nicht, dass Lara täglich Besuch bekommen würde, allerdings ließ sich Zip, der in der Stadt einen Job bei einer IT-Beratung gefunden hatte, ab und zu bei ihr blicken.

Lara holte die Kaffeedose aus dem Küchenschrank und steckte einen Filter in die Maschine. Obwohl britisches Blut durch ihre Adern floss, hatte sie Tee nie wirklich viel abgewinnen können. Kaffee war einfach mehr nach ihrem Geschmack. Sie mochte auch das Ritual des Kaffeemachens. Sie musste für einen Moment an Alister denken. Ihr ehemaliger Mitarbeiter hatte zwei große Vorlieben gehabt: Geschichte und Kaffee. Mehrmals war Lara bei ihm zuhause gewesen, um mit ihm eine Tasse zu trinken, und immer wieder hatte sie es genossen. "Falls ich dich eines Tages rauswerfen sollte" hatte sie einmal lachend zu ihm gesagt, "dann kannst du einfach eine Karriere als Barista beginnen!"

Die Erinnerung an ihren alten Freund schmerzte. Für einen Moment musste Lara an die denkwürdige Nacht vor vier Monaten denken. Zum gefühlt tausendsten Mal sah sie alles vor sich: Die Doppelgängerin mit ihren gelben, kalten Augen, die ihr heute noch einen Schauer über den Rücken jagten. Alister, der blutüberströmt am Boden lag. Und während all dies geschah, hatte Lara nichts tun können. Die Doppelgängerin war schuld. Sie war an allem schuld. Lara spürte, dass sich Tränen anbahnten, und blinzelte sie schnell weg. Die Zeit der Trauer war vorbei, schalt sie sich. Alister Fletcher war tot, und sie konnte absolut nichts daran ändern. Nun musste sie nach vorne blicken und sehen, was die Zukunft brachte. Lara, du bist ein starkes Mädchen, sagte sie sich. Du bist fertig mit Weinen!

Lara schüttelte sich. Das Piepsen ihrer Kaffeemaschine riss sie aus ihren Gedanken. Sie wischte sich über die Augen, nahm die gläserne Kanne aus der Maschine und goss Kaffee in eine Tasse. Dann ging Lara hinüber zu ihrem Sofa, Sie ließ sich nieder, räusperte sich und befahl ihrem Smart Speaker: "Spiel Croft Manor!" "Sehr gern" erwiderte die synthetische Frauenstimme, und schon waberten die elektronischen Klänge eines Ambient-Stücks durch den Raum. Zip hatte es vor ein paar Jahren bei einem dänischen Komponisten in Auftrag gegeben. Lara hatte nie ganz verstanden, warum. Aber Zip hatte einfach erklärt, er fände es cool, dass ihr Anwesen nun ein eigenes Titellied hatte. Doch nach und nach hatte sie das Stück lieben gelernt. Normalerweile machte Lara sich nicht viel aus Musik, doch irgendwie konnte sie das "Croft Manor Theme", wie Zip es genannt hatte, wieder und wieder hören, ohne dass es langweilig wurde.

Die nächste Zeit saß sie einfach nur ruhig da, lauschte den Klangsphären und nippte hin und wieder an ihrem Kaffee. Lara begann, über ihre aktuelle Situation nachzudenken. Ihr wurde mal wieder klar, wie ziellos sie nun lebte. Natürlich, ihr Ziel war es, die Vergangenheit hinter ihr zu lassen, doch das war leichter gesagt als getan. Immer wieder hatte Lara zur Zeit das Gefühl, dass die Ereignisse der Vergangenheit an ihr klebten wie schwarzer Teer. Und egal, wie oft sie versuchte, den Teer abzuschütteln, er löste sich nicht. Noch nicht. Lara war klar, dass es noch sehr viel Zeit dauern würde, bis sie die Ereignisse endgültig würde akzeptieren können.

Irgendwann merkte sie, dass die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen. Sie trafen auf den Teppich, was dessen türkise Farbe noch leuchtender wirken ließ. Lara warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Es war 6:59 Uhr. Fast eine halbe Stunde hatte sie nur dagesessen. Sie konnte nicht genau sagen, ob sie auch ein bisschen eingedöst war, aber sie hatte nicht das Gefühl, weggenickt zu sein. Lara fühlte sich gut. Und das überraschte sie ein wenig. Es war schon ein bisschen her, dass sie sich einfach nur "gut" gefühlt hatte. Vielleicht, dachte sie sich, würde heute endlich mal ein Tag werden, an dem ihr Kopf nicht voller dunkler Wolken sein würde.

Leider konnte Lara zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass dieser Tag der mit Abstand abenteuerlichste und aufregendste Tag seit einer sehr, sehr langen Zeit werden würde...
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