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Wieder online

von Hey506
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Asuna Kirito
07.03.2020
14.03.2021
32
62.270
8
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5 Reviews
Dieses Kapitel
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07.03.2020 1.062
 
Es regnete, mal wieder. Etwas genervt blickte Kazuto durch das Fenster seines kleinen Zimmers nach draußen auf eine wunderschön angelegte Parkanlage. Wie gerne würde er jetzt mit Asuna zwischen den Blumenbeeten hindurchwandern und einfach die schrecklichen Ereignisse der letzten zwei Jahre vergessen. Aber bei Regen durfte er nicht nach draußen und Asuna war gerade in Therapie. Vergeblich unternahm Kazuto einen weiteren Versuch, sich auf das Buch in seinem Schoß zu konzentrieren.

Normalerweise verschlang er Fantasyromane in Rekordzeit, doch seit Sao fiel es ihm schwer, sich auf irgendetwas richtig zu konzentrieren. Immer wieder schweiften seine Gedanken ab und brachten ihn an Orte, an denen er lieber nicht sein wollte. Und dennoch bereute er es nicht, das Nervegear aufgesetzt zu haben. Es hatte wunderschöne Momente in Sao gegeben, Momente, in denen er einfach nur glücklich gewesen war. Er vermisste das Haus auf Ebene 22, in dem er mit Asuna eine Zeit lang gelebt hatte, die Zweisamkeit mit ihr. Er hatte sich frei gefühlt, unabhängig. Die meiste Zeit hatte er den Tag so verbringen können, wie er es selbst gewollt hatte. Hier, in der realen Welt, gab es immer jemanden, der ihm Vorschriften machte. Sein Tag war von morgens bis abends durchgeplant, sogar die Zeiten, an denen er etwas für ihn so Selbstverständliches wie Lesen tun sollte, waren festgelegt. Und, obwohl er erst seit wenigen Wochen wieder zurück war, hatte sich schon eine schreckliche Routine in seinem Leben breitgemacht. Der Nervenkitzel fehlte ihm, so unverständlich das auch für die meisten sein mochte.

Natürlich war es auch für Kazuto ein Höllenszenario gewesen, in ein Onlinespiel eingesperrt zu werden, in dem der Tod endgültig war. Er hatte alles getan, um möglichst viele Menschen zu retten und besonders die, die ihm am wichtigsten waren, wieder zurück in die reale Welt zu bringen. Auch er selbst hatte wieder zurück gewollt, zu seiner Familie, seinen Freunden, und, seltsamer Weise, hatte er sogar die Schule vermisst. Aber jetzt war irgendwie alles anders, als er es sich im Sao ausgemalt hatte. Er hatte geglaubt, alles würde so wie vorher werden, nur besser. Denn jetzt hatte er ja Asuna und natürlich Klein, Agil, Silica und Lisbeth. So sehr er seine Freundschaften aus der realen Welt auch schätzte, zu den Menschen, an deren Seite er um Leben und Tod gekämpft hatte, hatte er eine viel engere Bindung. Es war seltsam gewesen, Toni und die anderen wiederzusehen.

Drei Tage nach dem offiziellen Ende des Spiels hatten seine einstmals besten Freunde ihn im Krankenhaus besucht. Kazuto war es peinlich gewesen, dass sie ihn so sahen, total geschwächt und an eine Infusion angeschlossen. Er war kaum fähig gewesen, sein Wasserglas alleine zu halten. Aber dazu hatten sie gar nichts gesagt. Generell war die ganze Unterhaltung sehr mau gewesen. Keiner hatte richtig gewusst, über was man reden sollte. Kurz hatten die Jungs sich über Kazutos Gesundheitszustand erkundigt, aber nach seiner Antwort, es gehe im verhältnismäßig gut, wurde das Thema nicht mehr angesprochen. Über die Geschehnisse in Sao wollten sie gar nichts wissen. Nicht so, dass er ihnen etwas hätte erzählen wollen, aber es hatte Kazuto dennoch verletzt, dass es sie so wenig zu interessieren schien. Später hatte er begriffen, dass es nicht Desinteresse, sondern Angst gewesen war. Die Zeitungen waren voll gewesen mit den Gräueltaten der PKer. Trauten sie ihm wirklich so etwas zu? Er hatte geglaubt, sie würden ihn besser kennen. Letztlich war Kazuto froh gewesen, als sie nach ein bisschen Smalltalk wieder gegangen waren, mit der Begründung, er solle sich ordentlich erholen. Toni hatte gewartet, bis alle den Raum verlassen hatten, und sich mit einem Stuhl zu ihm ans Bett gesetzt.

"Muss ich mir Sorgen um dich machen?", hatte er gefragt.

Er hatte Kazuto ernst angesehen, ohne den Schalk, der normalerweise immer in seinen Augen zu finden war. Es war ein Trost, dass sich zumindest die Beziehung zu seinem besten Freund nicht so sehr verändert hatte. Auch wenn Kazuto nicht ganz sicher war, ob die Bezeichnung 'bester Freund' noch immer galt.

"Ich denke nicht", hatte er geantwortet und sich zu einem Lächeln gezwungen.

Ihm war zum Heulen zu Mute, auch wenn er nicht genau sagen konnte, wieso. Toni hatte genickt und den Stuhl wieder an seinen Platz gestellt. Dann war er gegangen.

Die Gefühle, die Kazuto nach diesem Gespräch gehabt hatte, kamen wieder hoch. Es war dieses unfassbar quälende Gefühl der Leere. Sao hatte ihm so vieles genommen, so viele Bindungen zerstört und er war sich nicht sicher, ob er sie jemals wieder vollständig würde reparieren können. Oder ob er das überhaupt wollte. Die zwei Jahre, die er online verbracht hatte, bedeuteten ihm unfassbar viel. In dieser Zeit hatte er so viel über sich selbst und über das Leben gelernt. Heute sah er viele Dinge anders, manche positiver, andere kritischer, und er stand zu seinen Ansichten. Kazuto war nie besonders schüchtern gewesen, still ja, aber nicht scheu. Aber jetzt hatte ein klares Bild vor Augen, wer er war und was er erreichen wollte. Und nachdem er in vielen Kämpfen um Leben und Tod bestanden hatte, würde er nicht vor so gefährlichen Dingen wie Lehrern oder Ärzten einknicken.

Es klopfte. Erstaunt blickte Kazuto auf die Uhr. Es war später, als er gedacht hatte. Zwei Mal in der Woche konnte seine Familie ihn in der Reha besuchen und das tat sie sehr gewissenhaft. Mit einem Seufzer legte er das Buch beiseite und machte sich auf den Weg, die Tür zu öffnen. Es würde vermutlich noch eine ganze Weile dauern, bis er begreifen konnte, dass jetzt wieder alles 'normal' war, real, wie die anderen sagten.

Für Kazuto war auch die Zeit in Sao real gewesen. Was er dort erlebt hatte, war echt gewesen, viel echter, als das wirkliche Leben. Dort hatten die allermeisten Spieler ihr wahres Ich gezeigt und trotz der Fallen war diese Welt viel ehrlicher gewesen. Sein Körper fühlte sich bei den Bewegungen immer noch ungewohnt schwer an, schwach und kraftlos. Es wurde besser, aber es würde nie so sein, wie online. Seine Familie war auch nicht mehr so, wie er sie in Erinnerung hatte und er hoffte inständig, dass sich das wieder geben würde. Aber darauf hatte er keinen allzu großen Einfluss. Jetzt war es erst einmal wichtig, dass er sich  sich selbst kümmerte und wieder zurück in den Alltag fand, wieder hier ankam. Auf seinem eigenen Weg, mit seinen neuen Begleitern. Er öffnete die Tür.
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