Harry Potter und die Regeln der Zeit (Teil 1)

GeschichteAbenteuer / P16
Ginevra Molly "Ginny" Weasley Harry Potter Hermine Granger James "Krone" Potter Lily Potter Ronald "Ron" Weasley
07.03.2020
23.05.2020
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23.05.2020 7.038
 
***
Einen wunderschönen guten Tag wünsche ich euch!

Bevor es gradewegs in das neue Schuljahr mit den Rumreibern und den Zeitreisen geht, darf ich noch eine Ankündigung machen.

Ab diesem Kapitel begleitet uns der grossartige -Shadowheart- als Betaleser. Er sorgt dafür, dass die Zeilen von lästigen Rechtschreibefehlern befreit werden, Sätze keine holprigen Schlaglöcher enthalten und ich keinen Inhaltlichen Unfall baue. So habt ihr freie Fahrt und höheren Komfort beim Lesen.
Vielen Dank Shadowheart für die Zeit und Energie, die du in dieses Kapitel gesteckt hast!

Ebenfalls ein grosser Dank geht an die Reviewschreiber von letzter Woche: Child of June, Hofnarrvonsoundso, Bebe1006, -Shadowheart-, HarryPotterFan123. Ich freue mich jedes Mal aufs Neue von euch zu hören:-)

Und noch etwas Kleines: Ich bin bereits mehrere Male darauf angesprochen worden, dass ich James Eltern falsch getauft habe. Mir ist dieser Fehler erst aufgefallen, nachdem ich bereits viel Zeit mit Daniel und Katherine Potter verbracht habe. Das hat dazu geführt, dass ich sie mir einfach nicht mehr als Fleamont und Euphemia vorstellen kann. Ich hoffe ihr könnt trotzdem mit den beiden warm werden. Ich verspreche euch, dass die beiden ganz toll sind;-)

Nun wünsche ich wie immer viel Freude beim Lesen!

Liebe Grüsse

Euer Zeitmeister
***


Mit einer festen Umarmung verabschiedete sich Lily von ihrer Mutter. Als sie sich wieder von ihr löste, strich sie sich schnell mit dem Ärmel ihres Pullovers eine Träne aus den Augenwinkeln. Der Abschied von zu Hause, gerade von ihrer Mutter, fiel ihr jedes Mal von Neuem schwer.

«Pass gut auf dich auf, mein Schatz», flüsterte ihr Mrs. Evans ins Ohr und gab ihr einen Kuss auf die Schläfe.

«Werde ich, keine Sorge», antwortete Lily und lächelte leicht. «Na dann, bis Weihnachten!»

Ein letztes Mal winkend, wandte sie sich um und ging anschließend durch die chaotische Menge aus Schülern und Eltern, die sich voneinander verabschiedeten. Lily roch den Rauch, der aus dem Schornstein der roten Lock des Hogwartsexpress quoll, was gemeinsam mit dem bekannten Zischen und Fauchen, das aufgeregte Kribbeln der Vorfreude in ihrem Magen hervorrief.

Schon bald erkannte Lily die blonde Haarmähne von Alice. Sie stand – wer hätte das gedacht – bei Frank, der versucht lässig einen Arm um ihre Hüfte gelegt hatte. Die Geste wirkte leicht gequält, denn allem Anschein nach hatte Mrs. Longbottom, eine ältere Frau mit strengen Gesichtszügen, eine Diskussion mit Mrs. Connor begonnen, und was auch immer die beiden Frauen diskutierten, zauberte dem Pärchen einen Hauch Rosa ins Gesicht.

«Hey, Alice!», rief Lily und winkte ihrer Freundin durch die Menge zu.

Froh darüber, endlich fliehen zu können, verabschiedete sich Alice von ihrer Mutter und eilte, mit Frank im Schlepptau, Lily durch die Menschenmenge entgegen.

«Lily!» Lachend flog Alice Lily in die Arme. Es fühlte sich gut an. Als sich die beiden endlich voneinander lösten, begrüsste Lily Frank, der etwas abseits stand und die Begrüssung mit einem zurückhaltenden Lächeln beobachtet hatte.

Es dauerte nicht lange und Jessica und Tamy stiessen ebenfalls zur Gruppe. Der Streit war schon fast in Vergessenheit geraten, auch wenn der Umgang zwischen Lily und ihren Freundinnen noch etwas angespannt und dementsprechend vorsichtig war.  Wie die ersten, unsicheren Schritte auf neuem Terrain. Nachdem auch Jessica und Tamy Lily in die Arme geschlossen hatten, hallte der laute Pfiff der Dampflock über das Gleis 9 ¾.

«Wo hast du eigentlich deinen Koffer?», fragte Tamy. Lily grinste schelmisch und meinte beiläufig: «Ach, ich kann jetzt zu Hause zaubern und so ein Verkleinerungszauber - mit einem Federleichtzauber kombiniert - ist schon eine praktische Sache. Kitty ist direkt nach Hogwarts geflogen, wie sie es immer macht.» Sie griff anschließend in ihre kleine Handtasche und förderte die faustgrosse Version ihres Koffers zu Tage.

«Bei Merlin, das muss ich mir unbedingt merken!», rief Jessica begeistert aus und begutachtete den kleinen Koffer fasziniert.

Ein weiterer Pfiff dröhnte über den Bahnstieg und die vier Mädchen stiegen gemeinsam mit Frank ein, der, ganz der Gentleman, das gesamte Gepäck von Alice, Jessica und Tamy in den Zug wuchtete.

«Schon mal was von Schwebezauber gehört?», kommentierte Lily Franks Anstrengungen, woraufhin dieser nur schnaubte und seinen Zauberstab zog. Keine dreissig Sekunden später war auch das letzte Gepäcksstück im Zug.

«Wollen wir uns ein Abteil suchen?», fragte Alice und nahm wieder Franks Hand.

«Oh, tut mir leid, Leute, ich muss wieder einmal ins Vertrauensschüler-Abteil», entschuldigte sich Lily.

«Immer diese Vertrauensschüler!», meckerte Jessica los. «Sogar während der Fahrt müssen sie…» Sie verstummte, als ihr Blick auf das silberne «S» an Lilys Brust fiel.

«SCHULSPRECHERIN! Lily, du hast es tatsächlich geschafft!» Jessica fiel Lily erneut um den Hals.

«Schulsprecherin?!» Verdattert blickte Tamy ihre Freundin an, die eben von Jessicas Fängen losgekommen war.

«Wieso hast du uns das nicht gesagt!» In Alices Stimme schwang ein leichter Vorwurf mit.

Leicht verlegen sagte Lily: «Na ja, wir hatten in der Winkelgasse einen etwas turbulenten Tag und heute habe ich es einfach vergessen.»

«Vergessen?» Alice schüttelte verwundert den Kopf. «Das kann auch nur unserer Lily Evans passieren. Vergisst sie doch einfach zu erwähnen, dass sie das wichtigste Amt innehat, das ein Schüler in Hogwarts haben kann!»

«Das Zweitwichtigste!», warf Frank ein. «Ihr vergesst den Quidditchkapitän.»

Die vier Mädchen übergingen seinen Kommentar geflissentlich und Jessica hob gespielt drohend den Zeigefinger, als sich Lily zum Gehen wandte: «Darüber reden wir noch, wenn du wieder zurück bist.» Lily zog eine genervte Schnute und ging den Gang entlang in Richtung Lokomotive davon.

Als sie das Vertrauensschülerabteil betrat, musste sie feststellen, dass sie die Erste war. Das Abteil war grösser als normal und hatte in der Mitte einen grossen Tisch, der von kunstvoll geschnitzten Stühlen umgeben war. Wie sie es bereits von ihren Vorgängern als Schulsprecher kannte, lag die versiegelte braune Ledermappe auf dem Tisch, in der sich die Passwörter der Gemeinschaftsräume und Anweisungen für die Vertrauensschüler befanden.

Zum Zerreissen gespannt, wer wohl ihr Schulsprecherpartner sein würde, setzte Lily sich an den Tisch und zog die Mappe zu sich. Sie brach das Siegel und nahm das erste Pergament vom Stapel mit den Anweisungen. Mit geübtem Blick überflog sie es und musste feststellen, dass es nichts Unerwartetes gab. Sie mussten die neuen Vertrauensschüler in ihr Amt einweisen, die Passwörter verteilen und mehrere Patrouillen organisieren, die im Hogwartsexpress für Ordnung sorgten. Später, nach dem Festmahl, hatten sie noch ein Treffen mit Professor McGonagall, wo sie weitere Instruktionen erhalten würden.

Lily nahm das nächste Pergament vom Stapel, als die Tür des Abteils aufschwang. Ihr Blick fiel auf die Person, die eintrat, und Lily blieb die Luft weg.

«Potter!», keuchte sie auf. Ihr Blick fiel auf das silberne Abzeichen mit dem unerkenntlichen «S», das an seine Brust geheftet war.

«Ist das wirklich deins?» Kritsch deutete sie auf das Abzeichen und James, der noch kein Wort gesagt hatte, folgte ihrem Blick und nickte.

«Du und Schulsprecher! Was hat sich Dumbledore alles eingeworfen, als er diese Entscheidung gefällt hat!», fragte sie verdattert.

«Wenn ich das nur wüsste», meinte James leicht grinsend und liess sich direkt gegenüber von Lily auf einen Stuhl fallen. «Na dann, wollen wir mal. Sind das die Passwörter? Mit interessiertem Blick deutete er auf das Pergament, das Lily immer noch in der Hand hielt.

«Ist was?», fragte er verdutzt, als Lily immer noch nicht reagierte.

«Wer bist du und was hast du mit Potter gemacht? Wo ist dein typisches Grinsen? Bist du vielleicht Remus und hast Vielsafttrank genommen?», rutschte es Lily heraus. Sie biss sich auf die Zunge. Vermisste sie tatsächlich dieses Grinsen? Nein, sicherlich nicht. Das musste der Schock über James Nomination sein. Das konnte noch etwas werden, mit James als ihren Schulsprecherkameraden.

«Oh, das!», James verzog seinen Mund zu einem altbekannten Grinsen. «Besser so?»

Lily versuchte sich ihre Verwirrung nicht anmerken zu lassen. In seinem Brief hatte er um einen Neuanfang gebeten und sie wollte ihm diese Chance geben.

«Viel besser», lächelte Lily. «Komm doch auf meine Seite, dann können wir das Zeug beide zusammen durchlesen?»

Etwas verwundert von Lilys Aufforderung stand James auf, umrundete den Tisch und setzte sich auf den Stuhl rechts von Lily.

Die Einweisung der Vertrauensschüler ging erstaunlich reibungslos über die Bühne. Nachdem Lily einen Slytherin, der hinter vorgehaltener Hand Beleidigungen gegen ihren Blutstatus genuschelt hatte, kurzerhand geschockt hatte, war es mucksmäuschenstill geworden. Zusammen mit James’ Hilfe, hatte sie bald allen die nötigen Passwörter verteilt und die älteren Vertrauensschüler auf Patrouille geschickt. Remus, der zu den ältesten Vertrauensschülern Hogwarts gehörte, hatte James einen verwunderten Blick zugeworfen, als er das Abteil verlassen hatte, da sich James und Lily kein einziges Mal auch nur abschätzig angesehen hatten.

In einem zweiten Schritt drückten sie jedem der neuen Vertrauensschüler eine Kopie der Hausregeln in die Hand und erklärten ihnen, was genau in ihren Aufgabenbereich gehörte. Sie würden es sein, die dieses Jahr die Erstklässler ihres Hauses unter die Fittiche nehmen würden, während sich die Älteren eher um die Angelegenheiten der höheren Klassenstufen kümmerten.

Keine halbe Stunde später standen Lily und James wieder allein und etwas unschlüssig im Abteil.

«Na dann, Lily, bis nach dem Essen!», sagte James und hob seine Hand zum Abschied.

«Genau, bis später, James!», erwiderte Lily.

«Du hast mich gerade James genannt.», und grinste sie an.

«Lass es dir nicht zu Kopf steigen, Potter! Aber es ich finde es angenehm, dass dein Brief nicht nur ein weiterer Versuch gewesen war, mich anzubaggern. Vielleicht können wir tatsächlich Freunde werden.»

James Gesichtsausdruck wurde ernst. «Ich habe wirklich jedes Wort so gemeint. Es tut mir wahrhaftig leid, Lily!»

«Weisst du, mir haben deine Worte sehr viel bedeutet. Es ist zurzeit nicht sehr einfach. Ich bin muggelstämmig und seit Du-weisst-schon-wer da draussen ist, wird der Hass auf Muggel immer schlimmer! Ich mache mir große Sorgen um meine Familie, die bei einem Angriff schutzlos ausgeliefert wäre. Als ich mich dann noch mit meinen Freundinnen zerstritten habe und meine Schwester komplett den Kontakt zu mir abgebrochen hat, nur aus dem Grund, weil ich eine Hexe bin, ist für mich fast die Welt zusammengebrochen. Ich weiss nicht, wieso, doch dein Brief hat mir gezeigt, dass sich gewisse Dinge auch ins Positive entwickeln können»

James sah sie mitfühlend an. «Ich kann dir versichern, dass weder meine Freunde noch ich auch nur das Geringste gegen Muggelstämmige haben!»

«Das ist mir schon lange klar. Ich weiss, dass Remus ein Werwolf ist und ich weiss auch, dass ihr es wisst. Denn was sollte sonst Remus’ pelziges kleines Problem sein. Etwa ein aggressives Haustier?»

Dem Mitgefühl in James’ Gesicht war Schock gewichen. «Du weisst es?», flüsterte er.

«Hey, ich bin Lily Evans! Meinst du, mir ist nicht aufgefallen, dass Remus immer an Vollmond krank ist. Ich habe mich lange gefragt, wieso Dumbledore es zugelassen hat, dass auf dem Schulgelände so ein hässlicher Baum wie die Peitschende Weide gepflanzt wird. Doch seit ich gesehen habe, wie Madam Pomfrey Remus bei Vollmond zu diesem Geheimgang an ihren Wurzeln geführt hat, ist mir einiges klar geworden. Der Gang führt bestimmt in die Heulende Hütte, nicht wahr? Das ist kein Geist, der dieses Geheul erzeugt; das ist Remus bei Vollmond.» Lily ärgerte sich darüber, dass James dachte, dass sie so naiv wäre.

«Hast du es jemandem gesagt?», fragte James vorsichtig und fuhr sich nervös durch die zerzausten Haare.

«Was denkst du eigentlich von mir!», brauste Lily auf. «Natürlich nicht! Wie würde sich Remus wohl fühlen, wenn sein Geheimnis auffliegen würde? Denkst du wirklich, dass ich so unmenschlich bin?!»

«Nein, natürlich nicht! Ich wollte nur sicher gehen!» Beschwichtigend hob James seine Hände.

Lily atmete einmal tief durch, um sich wieder zu beruhigen. «Ist ja egal! Was ich aber eigentlich sagen wollte, ist, dass ich dir glaube, dass du keine Vorurteile gegenüber Muggel und Muggelgeborenen hast.»

Einige Sekunde herrschte Schweigen.

«Also dann, bis später. Ich nehme die Mappe mit zu mir. In Ordnung?» Sie klemmte sich die lederne Mappe unter den Arm, als James nickte. Dann verliess sie das Abteil.

«Du solltest mit ihm darüber sprechen», rief James ihr nach und Lily hielt inne.

«Das wäre wohl das Beste», antwortete sie ihm nachdenklich über die Schulter blickend und verschwand.

***

Die Begrüssungsfeier von Hogwarts wurde, wie jedes Jahr, von einem gigantischen Festmahl gekrönt. Nachdem die neuen Erstklässler den vier Häusern zugeteilt worden waren, begannen die sechs Zeitreisenden eifrig zu zulangen. Den «Frass», wie Ron ihn gerne bezeichnet hatte, den sie im Tropfenden Kessel täglich vorgesetzt bekommen hatten, war einzig dazu da gewesen, nicht zu verhungern. Von einem kulinarischen Meisterwerk, wie es die Hauselfen von Hogwarts zubereiteten, war das Essen meilenweit entfernt gewesen. Umso wohltuender war es, Berge an gebratenen Hühnchen, gemeinsam mit den verschiedensten Salaten geniessen zu können.

«Immerhin sind unsere Lieblingstodesser nicht mehr hier!», mampfte Ron mit vollem Mund. Verwundert wandte sich Harry um und spähte zum Slytherin Tisch. Tatsächlich konnte er von der Gruppe nur Severus Snape und Regulus Black am Tisch sitzen sehen. Sirius’ jüngerer Bruder, den Harry beim unschönen Aufeinandertreffen im letzten Schuljahr entwaffnet hatte, schien mit seiner versteinerten Miene das gebratene Hühnchen auf dem Tisch noch mehr rösten zu wollen. Neben Regulus sass Narzissa Black, seine um ein Jahr ältere Cousine und offizielle Freundin von Lucius Malfoy. Sie hatte das Gesicht wie immer zu einer Grimasse verzogen, als ob ihr ein übler Geruch in die Nase steigen würde. Harry fragte sich, ob diese hochnäsige Geste angeboren war oder vom Jahre langen Training ihrer Eltern stammen mochte.

Die einzige weitere Person, die er am Slytherintisch noch kannte, war Andromeda Black. Auch, wenn sie ihres Namens wegen respektiert wurde, galt sie in Slytherin eher als Aussenseiterin. Harry hatte einmal beobachtet, wie sie mit Freundinnen aus Hufflepuff zusammen gewesen war, was ihn nicht verwunderte, wenn man bedachte, dass Andromeda in Zukunft einen muggelstämmigen Zauberer heiraten würde.

Weder Bellatrix noch die Lestrange Brüder oder Barty Crouch waren zu sehen. Ob sie sich im Abschlussjahr befunden oder abgebrochen hatten, um direkt von Voldemort unterwiesen zu werden, wusste Harry nicht genau. Am Ende spielte das auch keine Rolle. Mit ihrem Verschwinden war Hogwarts besser dran.

Harry wandte sich wieder Ron zu und grinste. «Wenn wir sie das nächste Mal sehen, gibt es keine Schulregeln, die verbieten, sie anzugreifen!»

«Oh, ich freue mich schon darauf! Was sie Hermine angetan haben, werde ich ihnen nie vergessen!», knurrte Ron.

«Was ist mit mir?», fragte Hermine, die in ein Gespräch mit Ginny vertieft gewesen war.

«Ach, nichts», winkte Ron ab.

«Ron hat nur wieder einmal erwähnt, wie wunderschön er dich findet.» Harry musste sich ein Lachen verkneifen, als er sah, wie sowohl Ron als auch Hermine das Blut in die Wangen schoss.

«Oh.» Um Worte verlegen, spiesste Hermine eine Bratkartoffel auf ihre Gabel und schob sie sich in den Mund.

Bevor die Stille peinlich werden konnte, erhob sich Dumbledore und augenblicklich verstummten die Gespräche in der Grossen Halle.

«Bevor wir uns zur Ruhe begeben, möchte ich Sie bitten, einem alten Mann für einen kurzen Augenblick Ihre Aufmerksamkeit zu schenken. An unsere Erstklässler: Der verbotene Wald darf auf keinen Fall betreten werden, sofern man nicht auf dem Speiseplan der Acromantulas enden möchte.»

Dumbledore sprach noch einige weitere Warnungen aus, wies auf eine, wie jedes Jahr, erweiterte Liste von verbotenen Gegenständen hin und stellte einen neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste vor. Professor Adams, der im vorigen Schuljahr unterrichtet hatte, war zurück in den aktiven Aurorendienst des Ministeriums berufen worden. Der neue Lehrer, ein kleiner, untersetzter Mann, der auf den Namen Twonka hörte, sah nach Harrys Meinung nicht sehr vielversprechend aus.

Zuletzt bat er Lily und James, sich zu erheben, und unter den ungläubigen Blicken der Schülerschaft erklärte er, dass die beiden das Amt des Schulsprechers innehaben würden.

Dann schwang Dumbledores fröhlicher Tonfall plötzlich um und er sprach mit ernstem Gesichtsausdruck weiter. «Zuletzt möchte ich noch über eine Sache zu sprechen kommen, die uns alle immer mehr beschäftigt. Lord Voldemort!» Ein Schaudern ging durch die Menge, als er den Namen aussprach. «Jeder hat wohl bereits erfahren, dass es vor einer Woche einen Dementorenangriff auf die Winkelgasse gegeben hat. Einige sind sogar dabei gewesen. Ich will es nicht schönreden und es ist mir wichtig, dass jeder hier versteht, wie gefährlich Lord Voldemort geworden ist. Seine Macht reicht bis in die höchsten Ebenen des Ministeriums und an seiner Seite kämpfen die abscheulichsten Kreaturen, die es gibt. Darum fordere ich euch auf: Haltet zusammen! Helft und unterstützt euch gegenseitig! Denn nur zusammen sind wir stark!»

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so still war es in der Halle. Wie gebannt hingen die Schüler an den Lippen des Schulleiters.

«Nun, aber jetzt will ich euch nicht länger beunruhigen! Ich hoffe, ihr werdet alle eine erholsame Nacht haben und könnt morgen mit neuem Elan ein neues, interessantes Jahr angehen!» Dumbledore klatschte in die Hände und das fröhliche Funkeln kehrte in seine Augen zurück.

Sobald Dumbledore geendet hatte, erhob sich Harry und eilte den langen Gryffindortisch entlang, zur Stelle, an der die Rumtreiber zusammen mit Frank und den Mädchen miteinander plauderten.

«Hey, Harry!», rief Lily fröhlich und winkte ihm zu.

«Hey, Lily! Hallo, Leute!», grüsste Harry zurück. Er beugte sich zwischen Remus und Sirius über den Tisch und sagte mit gedämpfter Stimme: «Ihr wolltet doch, dass wir euch den Patronus lehren. Ich dachte, wir weiten es etwas aus und machen noch andere Verteidigungs- und Duellier-Sachen» Augenrollend deutete Harry in Richtung Lehrertisch, wo Professor Twonka etwas abwesend seinen goldenen Trinkbecher begutachtete. «Morgen Abend nach dem Abendessen. Ist es okay, wenn wir zu euch in die Schulsprecherwohnung kommen?» Fragend blickte Harry James und Lily an.

«Klar, wir waren aber selbst noch nicht dort. Keine Ahnung, wie viel Platz dort ist», sagte Lily, bevor James den Mund öffnen konnte.

«In Ordnung. Dann sehen wir uns morgen! Frank, du kannst auch kommen, wenn du willst!», erklärte Harry mit einem Seitenblick auf Frank Longbottom. Dann richtete er sich wieder auf und verliess zusammen mit seinen Freunden, die einige Meter entfernt gewartet hatten, die Grosse Halle.

***

James klopfte an die Tür zu McGonagalls Büro.

«Herein!», drang die forsche Stimme der Hauslehrerein dumpf durch das massive Holz der Tür. Mit einem Seitenblick auf Lily, stiess James sie auf und die beiden Schulsprecher traten ein.

McGonagalls Büro war, wie gewohnt, einfach eingerichtet. Eine grosse, silberne Dose mit den Ingwerkeksen stand auf dem Schreibtisch in der Mitte des Raumes. Das einzige Auffällige war der glänzende Quidditchpokal, den sie vor den Sommerferien mit FoxWorths Hilfe gewonnen hatten. Er thronte stolz auf einem Regal hinter der Professorin, die an ihrem Schreibtisch sass.

«Ah, Mr. Potter, Miss. Evans! Setzten Sie sich doch.» Professor McGonagall deutete auf die beiden Stühle, die ihr gegenüber am Pult standen.

Als die beiden Schulsprecher der Anweisung nachgekommen waren, räusperte sich die Hauslehrerin. «Ich bin sehr erfreut, dass dieses Jahr beide Schulsprecher aus Gryffindor kommen! Es ist selten, dass beide aus demselben Haus kommen. Ich erwarte von Ihnen ein tadelloses Auftreten!» Sie musterte James mit strenger Miene. «Soweit ich es mitbekommen habe, gab es während der Anreise keine Schwierigkeiten. Ihre Aufgabe ist es hauptsächlich, die Vertrauensschüler anzuleiten. Sie werden bis Ende dieser Woche die Patrouillen einteilen. Ein Beispiel finden Sie auch unter den Unterlagen, die Sie im Hogwartsexpress erhalten haben. Ich erwarte, dass Sie mir eine Vervielfältigung zukommen lassen und Sie dafür sorgen, dass auch jeder seine Schichten einhält. Sorgen Sie dafür, dass die Quidditchtrainings von Anfang an eingeplant werden. Ihre Vorgänger mussten die Planung vier Mal überarbeiten, bis jeder zufrieden war. Weiter werden Sie die Hogsmeadewochenende festlegen und die Abschlussfeier der Siebtklässler organisieren. Haben Sie das soweit verstanden?»

«Ja, Professor!», bejahte Lily.

«Sie auch?» Erneut traktierte die Lehrerin James mit einem strengen Blick.

«Natürlich, Professor McGonagall.»

«Gut! Wenn Sie Fragen haben sollten, wenden Sie sich jederzeit an mich oder Professor Dumbledore! Dann folgen Sie mir bitte. Ich werde Sie zu der Schulsprecherwohnung führen»

Professor McGonagall erhob sich und ging den beiden voran aus dem Büro.

Sie stiegen mehrere Treppen hoch und gingen einigen Korridoren entlang. James wusste bereits seit geraumer Zeit, wo sich die Schulsprecherwohnung befand. Es war jedoch bis zum jetzigen Zeitpunkt weder ihm noch seinen Freunden gelungen, den Zugang zu öffnen und er brannte darauf, den Mechanismus zu erfahren.

«So, da wären wir!», sagte Professor McGonagall und blieb vor einem grossen Gemälde stehen, das von der Decke bis zum Boden reichte. Auf der Leinwand war ein grosses Tor zu einer Burg abgebildet. Durch den Bogen war das, mit schwungvollen Pinselstrichen angedeutete, Gewusel auf einem Burghof sichtbar. Beide Seiten des Tores wurde von zwei fies aussehenden Trollen flankiert.

«Sie müssen nur das Passwort sagen und durch das Portrait treten», erklärte die Professorin.

«So wie bei der Fetten Dame?», fragte Lily.

«Nicht ganz. Aber sehen Sie einfach selbst.» McGonagall trat direkt vor das Portrait und sagte laut: «Phönix!» Nichts geschah und James fragte sich bereits, ob der Zauber nicht funktionierte, doch die Professorin schien diesen Umstand nicht zu beunruhigen. Und zu seiner Verwunderung trat sie einfach durch das Portrait hindurch und verschwand wie einer der Hausgeister, der durch eine Mauer schwebte.

«Heisse Sache!», rief James aus und wollte ihr folgen. Schnell trat er mit dem Fuss gegen das Portrait und knallt prompt gegen etwas Hartes. Er jaulte auf und hüpfte auf einem Bein, um den Schmerz in seinem kleinen Zeh abklingen zu lassen.

Sich den Bauch haltend vor Lachen, stand Lily daneben, und als McGonagall durch das Portrait zurückkehrte, gelang es ihr ebenfalls nicht, ein Lächeln zu unterdrücken. «Vielleicht hätte ich noch erwähnen sollen, dass immer nur der hindurchtreten kann, der das Passwort auch gesprochen hat.»

«Ja, das hätten Sie!» James warf McGonagall, so gut es mit seiner schmerzverzerrten Grimasse ging, einen wütenden Blick zu.

«Na dann. Ich glaube den Rest schaffen Sie auch allein. Ihr Gepäck wurde bereits in ihr Zimmer gebracht, Mr. Potter. Und Miss Evans, bitte lassen Sie das nächste Mal Ihres wieder im Hogwartsexpress liegen. Vor kurzem ist Tiffy verstört vorbeigekommen und hat mir berichtet, dass sie Ihren Koffer im Hogwartsexpress nicht hatte finden können.»

«Oh, das tut mir leid!» Schuldbewusst zog Lily die kleine Ausgabe ihres Koffers aus ihrer Handtasche.

«Ausgezeichnet ausgeführter Verkleinerungszauber zusammen mit einem… Federleichtzauber, würde ich sagen. Zehn Punkte für Gryffindor. Und jetzt schlafen Sie gut», sagte Professor McGonagall mit einem anerkennenden Blick auf den kleinen Koffer und liess die beiden vor dem Gemälde zurück.

«Du bist unglaublich, Lily!», rief James aus.

«Wieso?» Lily sah ihn verwirrt an.

«Du holst schon Punkte, bevor der Unterricht überhaupt angefangen hat»

«Und du hast es auch bereits zustande gebracht, welche zu verlieren, bevor der Unterricht angefangen hat», entgegnete Lily schnippisch.

James grinste sie an und fuhr mit seiner Hand zu seinen Haaren, nur um auf halbem Weg zu stoppen und sie in seine Hosentasche zu vergraben.

Irritiert betrachtete Lily James’ Manöver, sprach ihn jedoch nicht darauf an. Stattdessen fragte sie: «Was ist eigentlich aus eurem Willkommensstreich geworden? Hätte heute nicht etwas in der Grossen Halle explodieren sollen?»

«Ach, der fällt dieses Jahr aus. Seit dem Angriff in der Winkelgasse, sind wir Rumtreiber zu Schluss gekommen, dass es Wichtigeres gibt als Streiche. Sobald wir mit der Schule fertig sind, werden wir uns dem Widerstand gegen Voldemort anschliessen und helfen, ihn und seine Schergen zu vernichten!» Aus James’ Stimme sprach der volle Ernst.

«Ist das nicht zu gefährlich?», fragte Lily vorsichtig.

«Du macht dir Sorgen um mich?», fragte James verwundert. Lily gab darauf keine Antwort, sondern biss sich nur auf die Lippe.

Bevor die Stille unangenehm werden konnte, wandte sich James erneut dem Portrait zu, sagte das Passwort und verschwand.

Er hatte erwartet, dass es sich in etwa so anfühlen würde, wie durch einen Geist zu gehen, doch er fühlte nichts. Es war eher mit dem Durchgang in Kings Cross zu vergleichen.

Staunend sah er sich um. Die Möblierung erstrahlte perfekt in einem gut abgestimmten Rot und Gold. Der Raum hatte eine angenehme Grösse und einen Kamin, in dem ein willkommen-heissendes Feuer prasselte. Davor war eine kleine Sitzgruppe mit mehreren Sesseln und Hockern eingerichtet worden und in der Mitte des Raumes gab es einen hölzernen Tisch, an dem man genauso gut Essen wie Arbeiten konnte. Alles in allem wirkte es wie eine kleinere Version des Gryffindor-Gemeinschaftraumes. Es gab drei Türen, die im exakt gleichen Abstand nebeneinander in die gegenüberliegende Wand eingelassen worden waren. Auf der ersten prangte in goldenen Lettern Lily Evans, die Mittlere hatte keine Beschriftung – James tippe spontan auf das Bad – und auf der Dritten stand James Potter.

«Wow», flüsterte Lily, die ihm durch das Portrait gefolgt war, bevor sie gegen James knallte. Sie wäre gestürzt, wenn er nicht in Windeseile herumgeschnellt wäre und sie mit seinen starken Armen aufgefangen hätte.

Sobald sie wieder sicher auf den Füssen stand, gab er sich einen Ruck, liess sie los und trat einen respektvollen Schritt zurück. Insgeheim war er stolz auf sich, dass er die Gunst der Stunde nicht ausgenutzt hatte, um sie richtig zu umarmen, ihren Körper an den Seinen geschmiegt zu fühlen und ihren Duft einatmen zu können. Doch das hätte das schwache Band der Freundschaft, das sie heute geknüpft hatten, gleich wieder zerrissen.

«Danke, James», sagte Lily, ohne ihm in die Augen zu blicken. Schnell drängte sie sich an ihm vorbei, um sich im kleinen Gemeinschaftraum genauer umzusehen. Mit leuchtenden Augen steuerte sie das Bücherregal an, das in einer Ecke stand. Der Anblick, der sich ihm bot, liess James’ Herz erneut schneller schlagen: Lily, die mit konzentrierter Miene die Titel auf den Buchrücken las.

In diesem Moment schien das ganze Wesen seiner grossen Liebe auf einen Blick zur Geltung zu kommen und James hätte alles dafür gegeben, diesen Moment in einem Portrait einfangen zu können. Mit einer Hand wickelte Lily sich eine widerspenstige Strähne ihres Haares um den Zeigefinger, während sie mit der anderen Hand sanft über die Buchrücken strich, leise die Titel vor sich her murmelnd.

Der Augenblick war viel zu schnell vorbei, als Lily sich umwandte und James starrenden Blick mit einem Stirnrunzeln quittierte.

In James stieg wieder diese eine Frage auf, die ihn bereits während der ganzen Ferien plagte. Diese Frage, die ihm nachts den Schlaf raubte.

«Liebst du FoxWorth?» Die Worte waren ihm über die Zunge gerutscht, bevor er sie aufhalten konnte. Er wäre am liebsten auf der Stelle im Boden versunken. Nun hatte er es sich schon wieder mit Lily verdorben. Nachdem dieser Tag so gut angefangen hatte, war hier wohl Endstation. Angespannt wartete er auf Lilys Hand, die unweigerlich auf seine Wangen treffen würde und den Stich, der ihr enttäuschter Blick verursachen würde.

Doch keines von beidem geschah.

«Ist dir das so wichtig?», fragte Lily stattdessen leise.

«Lily, ich… Nein, vergiss es, es ist nicht so wichtig! Tut mir leid!», versuchte er die Situation zu retten.

Doch Lily überging seine Entschuldigung. «Bitte, sei ehrlich, James!», bat sie.

James rang mit sich. Es gelang ihm nicht, Lilys Stimmung einzuschätzen. Konnte er es wirklich wagen, ehrlich zu ihr zu sein. Doch vielleicht war dies die einzige Möglichkeit, mit ihr umzugehen. Das letzte Mal, als er ehrlich gewesen war; damals, als er ihr seinen Brief geschrieben hatte, war ihre Reaktion auch komplett anders ausgefallen, als er erwartet hatte.

«Ja», seine Stimme war nur ein Flüstern. «Das ist mir sehr wichtig. Denn ich…ich werde grün vor Neid, wenn ich sehe, wie vertraut ihr miteinander umgeht. Ich weiss, er wäre bestimmt hundert Mal die bessere Partie, aber…» Um Worte ringend fuhr er sich mit seiner rechten Hand durch die Haare. Er konnte nicht sagen, ob er sich jemals in einer solch unangenehmen Situation befunden hatte. Die Luft, die sie beide umgab, schien die dickflüssige Konsistenz von Sabber zu haben, den Hagrids Saurüde Fang produzierte. James hatte das Gefühl, zu ersticken.

«Nein, ich bin nicht in Harry verliebt.» Lily wirkte nachdenklich, doch sie schüttelte den Kopf. «Nein, es ist mehr so eine Art Vertrautheit, wenn ich mit ihm zusammen bin. Als ob er mein Bruder wäre. Ich kann es nicht beschreiben.»

James fiel ein Stein vom Herzen und liess er die Luft zwischen den Zähnen mit einem Zischen entweichen. Lily sah in FoxWorth nur einen Bruder. Auch wenn das noch immer viel mehr war, als James wohl jemals für sie sein würde.

«Vielleicht hilft dir das, Harry endlich mehr zu vertrauen», riss Lily ihn aus seinen Gedanken.

Zögerlich nickte James. Sah er Harry FoxWorth nun in einem anderen Licht? Es schien ganz so, und Lilys Aussage über das vertraute Gefühl hatte etwas in ihm wachgerufen. Hatte er nicht etwas Ähnliches verspürt, als er ihn das erste Mal getroffen hatte. Er hatte es damals als Halluzination abgetan und später hatten sein Misstrauen und sein Hass jedes andere Gefühl überdeckt, doch nun schien sich etwas in ihm gelöst zu haben. FoxWorth hatte den Status seines Konkurrenten verloren und in diesem neuen Licht rief Harry wieder dieses schwache Gefühl des Vertrauten in ihm hervor. Konnte das eine tiefere Bedeutung haben? Wahrscheinlich könnte er es besser einordnen, wenn er wüsste, was das Geheimnis der sechs Neuen war.

James schob, wie bereits so oft, seine Grübelei zur Seite. Morgen würde er versuchen, die Sechs neu kennenzulernen. «Ja, das hilft mir mehr, als du dir vorstellen kannst», sagte er mit einem leichten Lächeln auf seinen Lippen.

«Gut, dann geh ich mal schlafen. Morgen haben wir wieder Unterricht», verabschiedete sich Lily. «Gute Nacht.» Und sie verschwand durch die Tür, auf der ihr Name geschrieben stand.

***

Der nächste Morgen brach schnell heran und schon bald klingelte der alte, mechanische Wecker, den Lily bereits seit ihrer Kindheit besass. Noch im Halbschlaf, tastete sie nach dem rasselnden Störenfried und schaffte es, ihn nach dem dritten Versuch auszuschalten. Der erste Schultag stand an, und auch, wenn sich Lily darauf freute, dass es endlich wieder mit dem Unterricht weiter ging, tat sie sich schwer, aufzustehen. Mit geschlossenen Augen krabbelte sie aus dem Bett, stand auf und knallte prompt gegen eine Wand ihres Zimmers. Einen leisen Fluch ausstossend, zwang sie sich, ihre Augenlider zu öffnen. Lily musste mehrere Male blinzeln, bis sie sich ihrer Umgebung bewusst wurde. Sie befand sich nicht im Mädchenschlafsaal des Gryffindorturms, sondern in einem kleinen, gemütlichen Schlafzimmer. Neben dem weichen Himmelbett, in dem sie soeben erwacht war, gab es noch einen kleinen, kunstvoll geschnitzten Schreibtisch, vor dem ein Stuhl mit elegant gedrechselten Beinen stand. An der gegenüberliegenden Wand war ein alter Wandschrank halb in die Wand eingelassen, in dem nun all ihre Sachen sorgfältig verstaut waren. Die Gryffindorfarben dominierten auch hier und schenkten dem Raum eine warme Atmosphäre.

Während sich Lily für den bevorstehenden Tag vorbereitete, wanderten ihre Gedanken zurück zum Vortag. Sie lächelte bei der Erinnerung daran, wie James sie gefragt hatte, ob sie FoxWorth liebte und seinen Gesichtsausdruck. Er hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen und sich anschliessend in Luft aufgelöst, als ihm klar wurde was er gerade gesagt hatte. James hatte offensichtlich auf ihre Abfuhr gewartet, doch das war nicht geschehen. Sie hatte nicht im Entferntesten daran gedacht, ihm eine zu scheuern. Nein seine ungewollte Ehrlichkeit hatte sie wieder einmal überrascht. Er hatte eingestanden, dass er neidisch auf FoxWorth war. Er hatte den Jungen, der, aus welchem Grund auch immer, genau so aussah wie James, jedoch besonnener und ruhiger auftrat, als bessere Partie bezeichnet. Ob das eine Fassade war oder ob FoxWorth wirklich so korrekt war, vermochte sie nicht zu bestimmen. Auf seine eigene Art wirkten er und seine Freunde immer so verschlossen und in den ganz wenigen Momenten, in denen sie ihre Last zu vergessen schienen, waren sie komplett andere Menschen. Wahrscheinlich waren sie nicht solche Unschuldslämmer, wie sie es immer vorgaben, zu sein. Was auch immer ihr Geheimnis war, es lastete schwer auf ihnen; doch, wenn es stimmte, dass sie Informationen besassen, die den Krieg beeinflussen konnten, brachte das eine unvorstellbar grossen Verantwortung mit sich. Das würde sie bestimmt ebenfalls schwer belasten.

Lily bemerkte, dass ihre Gedanken abdrifteten und lenkte sie zurück zu James’ Frage.

«Liebst du FoxWorth?», hatte er sie gefragt, und diese Frage hatte sie mehr als nur überrascht. Ihr war bereits früher die Verbundenheit aufgefallen, die zwischen Harry und ihr, wie ein unsichtbares, aus feinster Seide gesponnenes Band, zu bestehen schien. Doch keine Sekunde hatte sie an Liebe gedacht.

Sie packte ihre Schultasche, damit sie diese nach dem Frühstück nur noch schnell holen konnte. Die neuen Bücher, die sie am Abend zuvor fein säuberlich in ihrem Schrank aufgestapelt hatten, waren schnell in der Tasche verstaut und einige Sekunden später folgten auch das Federmäppchen, ein Tintenfässchen und einige Rollen Pergament. Anschliessend verliess Lily ihr Zimmer.

Als sie den kleinen Gemeinschaftsraum betrat, fand sie James, in einem der Sessel sitzend, vor. Er war in ein Quidditchmagazin vertieft und schien auf sie zu warten.

Als James sie hörte, blickte er auf.

«Guten Morgen, Lily!», rief er fröhlich, legte das Magazin zur Seite und erhob sich. «Schön, dass du da bist! Ich habe nämlich einen Bärenhunger!»

«Du musst nicht auf mich warten, James.» Lily war es unangenehm, dass sich jemand ihretwegen solche Mühe machte.

«Ach was!» James tat ihre Aussage mit einer Handbewegung ab. «Wir sind Schulsprecher und wenn wir zusammen ankommen, vermitteln wir bestimmt mehr das Gefühl von Einigkeit, als wenn jeder für sich ist. Ich meine nur…du und ich haben uns die letzten sechs Jahre nicht gerade gut verstanden und wenn wir den anderen zeigen, dass wir das Schulsprecheramt so ernst nehmen, dass wir unser Kriegsbeil begraben haben, denken sie, dass wie unseren Job sehr ernst nehmen! Du hast Dumbledore gehört. Einigkeit ist in diesen Zeiten das Wichtigste!»

«Wir haben aber nicht Frieden geschlossen, weil wir Schulsprecher sind. Das hatte andere Gründe!», sagte Lily, verwundert über James Gedankengänge.

«Natürlich, und ich finde das fantastisch, aber das wissen die doch nicht und genau diesen Punkt können wir ausnutzen.»

«Das ist schlau, James.» Nachdenklich strich sich Lily eine Strähne hinters Ohr.

«Das ist der Gedankengang eines Rumtreibers!», sagte James und grinste schelmisch.

Lily schüttelte lachend den Kopf.

«Vielleicht sollte ich mir doch ab und an mal eine Inspiration bei euch einholen», verkündete sie dann und verschwand durch das Portrait hinaus auf den Korridor.

Der Tag verlief ähnlich wie bereits alle vorhergehenden ersten Schultage. Professor McGonagall verteilte ihnen nach dem Frühstück die Stundenpläne.

Da sie bereits im Vorjahr ihre UTZ-Kurse gewählt hatten, waren sie denen des Vorjahres ziemlich ähnlich, sofern man es nicht zustande gebracht hatte, bereits wieder aus einem Kurs ausgeschlossen zu werden.

Während der Tag voranschritt, verkündete jeder Lehrer die gleichen Parolen: «Dies ist Ihr Abschlussjahr! Bereits nächsten Sommer sind Ihre UTZ-Prüfungen. Ich erwarte von Ihnen vollen Einsatz…»

Lily und ihre Freundinnen, gemeinsam mit den Rumtreibern und den sechs Neuen, hatten an diesem Tag keine Verteidigung gegen die dunklen Künste. Alice hatte bereits angemerkt, dass man sie wohl schlecht noch als die Neuen bezeichnen konnte, da es wieder Erstklässler gegeben hatte, dennoch nannte Lily sie immer noch so. Ihr wollte einfach keine passende Bezeichnung für die mysteriöse Gruppe einfallen. Aus einem Bauchgefühl heraus, hatte Lily seltsamerweise keine Lust, den neuen Professor Twonka kennenzulernen.

Während des Abendessens fiel ihr wieder ein, dass sie James noch versprochen hatte, mit Remus zu sprechen. Wie erklärte man jemandem, dass man wusste, dass er ein Werwolf ist? Wie würde Remus darauf reagieren, wenn sie ihm erklärte, dass sie sein Geheimnis kannte?

Sie warf Remus während des gesamten Essens immer wieder verstohlene Blicke zu. Der ruhige Junge sass ihr etwas schräg gegenüber und schien sich angeregt mit Jessica zu unterhalten. Er wirkte entspannter und gesünder als sonst. Lily überlegte, wann der letzte Vollmond gewesen war, und kam darauf, dass es noch über zwanzig Tage dauerte, bis Remus wieder seinem Leiden erlag.

Sie hatte ihren Teller lange vor den anderen leer gegessen und auf Alice fragenden Blick hatte sie nur mit einem knappen «Hab’ keinen Hunger» geantwortet. Als sich Remus erhob und erklärte, dass er noch etwas in die Bibliothek nachschlagen wolle, erhob sich Lily ebenfalls. Sie sah, spürte, James Blick auf ihr, als sie Remus mit etwas Abstand folgte und als sie sich noch einmal umwandte, nickte er ihr ermutigend zu.

Auf einem leeren Korridor holte sie Remus ein.

«Remus?», fragte sie vorsichtig, als sie zu ihm aufgeschlossen hatte. «Kann ich kurz mit dir sprechen, es ist wichtig.»

«Na klar! Was ist los?»

«Nicht hier, wo uns jemand belauschen kann!» Nervös blickte sie sich um, auf der Suche nach verdächtigen Schüleraktivitäten.

«In Ordnung, komm.» Remus zog Lily den Korridor entlang, bis er vor einem grossen Bild stehen blieb. Es war eine kunstvolle Interpretation des Verbotenen Waldes, so vermutete es Lily jedenfalls. Der goldene Rahmen war etwas dunkel angelaufen und benötigte dringend eine neue Politur.

«Wie ging das jetzt schon wieder», murmelte Remus leise, als er mit seinen Fingern den Rahmen abtastete. «Ah, da haben wir es ja!»

Lily sah nicht genau, was er gemacht hatte, doch etwas klickte und das Gemälde schwang zur Seite. Schnell bugsierte Remus Lily in den dunklen Geheimgang, der erschienen war und konnte das Portrait im letzten Moment schliessen, bevor eine schnatternde Schar Schüler um die Ecke gebogen kam.

«Wohin führt dieser Geheimgang?», fragte Lily staunend, als sie mit der Spitze ihres Zauberstabes etwas Licht ins Dunkle brachte.

«Das ist eine Sackgasse! Er ist sehr lang, doch am Ende ist er zugemauert worden und einige sehr mächtige Zauber schützen die Mauer davor, wieder eingerissen zu werden. Wir haben nie einen Gegenzauber gefunden», erklärte Remus und beschwor ebenfalls etwas Licht mit seinem Zauberstab.

«Also dann, was wolltest du denn so Dringendes mit mir besprechen?» Remus hatte ein schiefes Grinsen aufgesetzt, doch seine Hände zitterten leicht. Wahrscheinlich vermutete er bereits etwas, dachte Lily und überlegte, wie sie beginnen konnte. Doch es gab wohl keine schonende Art, um ihn darauf anzusprechen.

«Nun, Remus, es ist so. Ähm… James hat gesagt, ich soll mit dir sprechen und dir sagen, dass ich dein Geheimnis kenne.»

«Welches Geheimnis?!», fragte Remus und tat so, als ob er nicht wüsste, von was Lily sprach.

«Ich weiss, wieso du jeden Vollmond krank bist. Ich weiss, dass du ein Werwolf bist, Remus!» Als sie die Worte ausgesprochen hatte wartete sie auf irgendeine Reaktion, doch Remus regte sich nicht. Nach einigen Sekunden schluckte er einige Male leer, bevor er endlich mit zitternder Stimme sprach: «Und was heisst das jetzt? Ich werde dich ab jetzt in Ruhe lassen, wenn du das gerne möchtest. Ich verstehe das.»

Schnell trat er einen Schritt von ihr zurück.

Erschrocken über die zurückschreckende Reaktion von Remus, öffnete Lily den Mund, doch ihre Kehle war trocken und kein Ton kam über ihre Lippen. Remus schien die Geste falsch zu interpretieren und nickte; die Verbitterung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er wandte sich von Lily ab und schickte sich an den Geheimgang zu verlassen, als sie endlich ihre Stimme wiederfand.

«Remus, warte!», rief sie. Er hielt inne und blickte über seine Schulter. Lily wusste immer noch nicht, was sie sagen sollte, und griff aus einem Instinkt heraus, zu einer offensiven Taktik. Sie schritt auf Remus zu und zog ihn in ihre Arme. Einen Moment versteifte er sich, doch dann legte er seine Hände auf ihren Rücken.

«Es tut mir so leid, Remus!», nuschelte sie gegen seine Schulter, gegen die Tränen ankämpfend.

«Es muss dir nicht leidtun. Du kannst nichts dafür, dass ich ein Monster bin», antwortete Remus dumpf.

«Sag sowas nicht, Remus! Du bist kein Monster! Ich werde dich auf keinen Fall wegen der Krankheit verurteilen, die du in dir trägst! Wir sind Freunde und Freunde halten zusammen!»

«Genau diese Worte hat James damals auch gesagt, als sie es herausgefunden haben», antwortete Remus mit brüchiger Stimme.

Lily musste schmunzeln. «Vielleicht herrscht ja zwischen James und mir wirklich eine magische Verbindung, wie er immer behauptet.»

«Oh, da bin ich mir ganz sicher!», stimmte ihr Remus mit einem schwachen Lächeln zu, als sich Lily von ihm löste. «Und es macht dir wirklich überhaupt nichts aus, dass ich ein… »

Auf Lilys strengen Blick sprach er das Wort nicht aus, das ihm auf der Zunge gelegen hatte.

«Nein, kein bisschen!» Lily nickte bekräftigend mit dem Kopf, um ihrer Aussage noch mehr Gewicht zu geben. «Ich kenne dich, seit wir in Hogwarts angefangen haben und auch wenn du einmal im Monat etwas wilder wirst…»

«Etwas wilder klingt so schön für eine solch schreckliche Tatsache! Ich bin eine Bestie!», unterbrach sie Remus.

«Nein, bist du nicht!» Lily verschränkte die Arme vor der Brust. «Du bist der gutmütigste, freundlichste und hilfsbereiteste Mensch, den ich kenne! Darüber werden wir gar nicht erst diskutieren!»

«Okay, verstanden!», gab Remus seufzend nach.

«Sehr schön! Da das jetzt geklärt ist, können wir ja zurück in die Schulsprecherräume. FoxWorth und seine Freunde kommen noch, um uns zu unterrichten.»

Gemeinsam kehrten sie zurück in den Korridor, wo sich der Zugang zur Schulsprecherwohnung befand. Dort angekommen, erklärte Lily Remus, wie man hineingelangen konnte und folgte ihm, nachdem er verschwunden war.

Sie fanden die restlichen Rumtreiber gemeinsam mit den Neuen und Lilys Freundinnen vor. Alle Sessel und der Tisch waren bereits an die Wand gerückt, um eine freie Fläche zu bekommen. Remus sah sich neugierig um und Lily suchte mit ihrem Blick ihren Schulsprecherpartner.

James schein sich tatsächlich mit FoxWorth persönlich zu unterhalten und seine Haltung war diesmal nicht abweisend.

«Lily, Remus!», rief Sirius laut, der die beiden als erster entdeckt hatte.

«Hey, Leute», antwortete Lily und Remus schenkte jedem ein Lächeln.

«Was ist denn heute mit unserem Remus los? Der strahlt ja richtig! Hast du etwa jemanden kennengelernt?», fragte Sirius grinsend.

«Nein, alles normal, wir haben nur noch einmal etwas nachgeschlagen und Erfolg gehabt. Und wenn es wirklich ein Mädchen wäre, dann würde ich es dir bestimmt nicht sagen, Tatze!», gab Remus zurück.

Sirius jammerte laut und gespielte dramatisch: «Oh, nein! Habt ihr das gehört? Remus vertraut mir nicht. Warum nur!?»

«Ja, das würde mich nun auch interessieren?», ebenfalls gespielt wütend verschränkte James die Arme vor der Brust.

«Nun, ich glaube, er möchte sie wenigstens einmal zu einem Date bewegen können, bevor du sie ihm ausspannst, Sirius!», verteidigte Jessica Remus.

«Wenn du es wärst, dann bestimmt», sagte Sirius darauf prompt. Jessica erwiderte darauf nichts und Lily hatte das Gefühl, dass auf ihren Wangen ein leichter Rotton schimmerte.

«Na dann, wollen wir beginnen?», fragte Harry plötzlich in die Runde.

«Nur zu! Erleuchte uns!» James grinste und Harry begab sich in die Mitte. Etwas unsicher drehte er sich um die eigene Achse und musterte jeden, der sich im Raum befand.

«Ich beginne immer gerne wieder bei den Grundlagen, denn die sind das A und O in einem Kampf. Zuerst zur Haltung; Wir stehen immer seitwärts, um dem Gegner so wenig Angriffsfläche wie nur möglich zu bieten…» Harry begann zu erzählen und von Zeit zu Zeit ergänzte ihn Hermine. Im Anschluss begannen sie zu üben. Später würde Lily die Stunde als die spannendste Lektion in Verteidigung gegen die dunklen Künste bezeichnen, die sie je erlebt hatte.