Near, Far, wherever you are

KurzgeschichteKrimi, Romanze / P12
Mello Near OC (Own Character)
07.03.2020
28.03.2020
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Okay, okay – ich kann mich dem Schnulz doch nicht ganz entziehen. I’m so sorry… Viel Spaß! glg twu :)


Die Neugier ist die mächtigste Antriebskraft im Universum, weil sie die beiden größten Bremskräfte im Universum überwinden kann: die Vernunft und die Angst.

Die Stadt der träumenden Bücher
Walter Moers



August 2007


Dunkelheit umgab mich, nachdem ich meine Taschenlampe ausgeknipst und mein Buch unters Bett geschoben hatte. Die Stadt der träumenden Bücher war ein fantastisches Buch; die Welt, die darin beschrieben wurde, war so bizarr und großartig, dass es mir jedes Mal schwerer fiel, mich von den bedruckten Seiten zu lösen. Ich gähnte, es war höchste Zeit zu schlafen. Doch Odas flüsternde Stimme durchbrach plötzlich die Stille.

„Far! Sag mal, seit wann… seit wann hast du…“
„Was?“, gähnte ich. Wenn Oda so spät noch etwas von mir wissen wollte, tat sie besser daran, es gleich auszuspucken und nicht so sehr herumzudrucksen.
Sam schaltete sich ein, ich konnte an ihrer genervten Stimme hören, dass sie mit den Augen rollte: „Sie will wissen, seit wann du dich mit Near triffst.“

Mein Magen sackte ein paar Etagen nach unten. Das klang ja, als würden die beiden denken, dass Near und ich… Einen kurzen Moment brauchte ich, um mich zu sammeln und mir eine passende Antwort zurecht zu legen. „Treffen? Was soll das denn heißen? Wir treffen uns doch nicht! So wie du das sagst, klingt es, als würden wir uns… daten?“, prustete ich verächtlich. Eine Gänsehaut kribbelte über meine Arme. Unangenehm und wohlig schaudernd zugleich.

Oda kicherte nervös: „Naja, Linda hat was erzählt. Dass ihr ab und zu zusammen im Baumhaus hockt.“
„Linda ist auch eine Tratschtante“, Sam klang schon wieder genervt, „Aber sag mal ehrlich, Far, was läuft da zwischen euch?“
Laufen tut da schonmal gar nichts!“, gab ich erschrocken zurück. Das wurde ja immer besser. Und peinlicher. Auf welche Ideen kamen die denn bitte? „Ja, er ist ab und zu im Baumhaus. Na und? Das Baumhaus ist doch für alle da. Ich habe keinen Exklusivanspruch.“
Oda klang ungläubig: „Erzähl das Roger Ruvie. Oder meiner toten Großmutter, Gott hab sie selig. Das Baumhaus ist dein Heiligtum! Du willst niemanden dort oben haben, das wissen wir doch! Aber ihn schon? Warum?“

Ich wusste, dass die Begründung ‚Er nervt mich nicht‘ irgendwie merkwürdig klingen würde, also hielt ich lieber den Mund. Ich wollte Sam, Oda oder die anderen Kinder nicht im Baumhaus haben, weil das mein Rückzugsort war. Mein stiller, sicherer Ort, an dem ich ungestört in andere Welten reisen konnte. Wo ich lesen konnte, wenn es mir im Haus zu laut wurde.

Near war mir in dieser Hinsicht ähnlich. Auch er zog die Ruhe vor und deshalb… akzeptierte ich ihn. Die anderen waren laut, lachten, quatschten und konnten nicht stillsitzen. Near war anders. Er war wie ich.

„Far?“
Ich war versucht, mich schlafend zu stellen, aber ich befürchtete, dass das meine Freundinnen nicht ruhigstellen würde. „Ehrlich. Da ist nichts.“, betonte ich wieder und versuchte, meine volle Überzeugungskraft in meine Worte zu legen. Ob es mir gelang oder nicht, wusste ich nicht – jedenfalls hakten die beiden nicht weiter nach, fürs erste. Ich war hundemüde, und so dämmerte ich langsam weg, in einen tiefen Schlaf. Ich träumte von alten Büchern und unterirdischen Labyrinthen.


Grace hatte mir nochmal erlaubt, in der Küche Pfannkuchen zu backen. Inzwischen bekam ich das viel besser hin, die Zutaten landeten meistens ordentlich in der Schüssel und verteilten sich nicht mehr überall in der Küche. Auch der ein oder andere Tipp der Köchin hatte mir geholfen. Für heute wollte ich es jedoch gut sein lassen und packte mir eine Flasche Limonade und einen Apfel in meinen kleinen Rucksack.

„Willst du noch raus, Liebes?“, Grace musterte mich mit leichter Besorgnis, „Bleib nicht zu lange weg, ja? Es soll heute noch regnen.“ Grace konnte auf den ersten Blick recht bedrohlich wirken, mit ihrem strengen, faltigen Gesicht und den grauen Haaren, die sie meist zu einem Dutt geknotet hatte. Ein bisschen erinnerte sie mich an eine alte Hexe aus einem Märchen. Das ließ einen leicht vergessen, dass unter der harten Schale ein weicher Kern steckte. Sie mochte uns Kinder wirklich.

Ich nahm die Information, dass es regnen würde, zur Kenntnis, steuerte aber trotzdem die Hintertür an, die direkt auf den Rasen hinausführte. Noch regnete es nicht. Noch konnte ich unbekümmert und trockenen Fußes zu meinem Lieblingsort gelangen…


Der Regen prasselte laut aufs Holzdach des Baumhauses. Aber hier drinnen war es trocken. Nicht mal kühl, weil wir uns eine der Decken um die Schultern geschlungen hatten. Ich konnte Nears Körperwärme durch den dünnen Stoff meines Shirts spüren, dort, wo seine Schulter an meiner lag, sein Oberarm an meinem.
Ich blätterte eine Seite um, las weiter. Near baute an seinen Legofiguren herum, schon die ganze Zeit. Eine bekam eine neue Frisur, die andere eine Hose in einer anderen Farbe. Ich bekam kaum mit, was er tat, ich genoss es einfach, in diesem Moment genau hier zu sein. Der Regen wurde noch stärker, und ich kuschelte mich enger in die Decke. Enger an Near… Nate. Wo es warm war.

Schließlich gähnte ich, das Licht wurde langsam zu schlecht zum Lesen. Ich klappte das Buch zu. Die Regenwolken tauchten die Welt in trübe Düsternis. Ich sah die Regentropfen vor dem Fenster, wie sie sich am dichten Blätterdach brachen. Es roch so wundervoll. Grün. Regnerisch.
Ich wandte meinen Kopf leicht zur Seite und betrachtete gedankenverloren die Figuren in Nears Händen. Es waren nur noch zwei, vorhin hatte er mehr gehabt. Die übrigen Figuren lagen am Boden. Nur zwei Figuren, die er noch in Händen hielt und nachdenklich betrachtete. Eine trug ein weißes Hemd, hellblaue Hose und hatte weißes Wuschelhaar. Die andere trug eine dunkelblaue Hose, ein grünes Shirt. Langes, rotes Haar. Near und Far. N und F.

Ich rutschte ein kleines Stück hoch, drehte leicht meinen Kopf, gerade so, dass ich Nates Gesicht sehen konnte. Er lächelte, die Augen immer noch auf die Legofiguren gerichtet. Aber diesmal war es nicht dieses siegessichere, stolze, leicht überhebliche Lächeln. Es war ein besonderes Lächeln, dass ich noch nie an ihm gesehen hatte. Wärme lag darin.

Als er bemerkte, dass ich ihn ansah, fixierte er mich mit seinen dunklen Augen, und wieder einmal fühlte ich mich hypnotisiert. Ich konnte mich kaum rühren. Die Berührpunkte unserer Körper füllten plötzlich mein ganzes Bewusstsein aus, und ich hörte den Regen nicht mehr, obwohl er noch laut auf das Holzdach donnern musste. Ich hörte nichts mehr. Ich spürte nur noch die Wärme von Nates Körper an meiner Seite. Spürte meine Wangen glühen, weil sich unsere Gesichter so nah waren. Sein Blick hielt mich fest.

Nichts hatte sich jemals so weich angefühlt wie seine Lippen auf meinen. Es raubte mir den Atem. Es war ein unglaubliches Gefühl. Noch nie hatte sich irgendetwas in meinem Leben so angefühlt. So schön und schrecklich zugleich. So schön warm, so weich und geborgen. So schrecklich, weil es nicht ewig dauern konnte. Mein Herz klopfte wild wie ein durchgehendes Pferd, während wir uns küssten, sanft und behutsam. Ich wagte nicht, mich zu bewegen, wollte dieses weiche Gefühl von Nates Lippen auf meinen nicht verlieren.

Millimeter trennten uns, dann Zentimeter. Was passierte da? Warum drifteten wir auseinander? Nates Gesicht, seine großen, dunklen Augen, sein leicht geöffneter Mund – er verschwand aus meinem Blickfeld. Da, wo ich vorher seine Körperwärme gespürt hatte, blieb eine große, klaffende Lücke. Kälte. Er verschwand.
Das Geräusch des Regens dröhnte plötzlich wieder in meinen Ohren, als hätte jemand den Lautstärkeregler zu schnell nach oben gedreht. Ich blinzelte verwirrt. Es fühlte sich ein bisschen so an, als würde ich ein gutes Buch zuschlagen und müsste mich erst wieder in der Realität zurechtfinden. Erst wieder erkennen, wo ich überhaupt war…


Ich war nass bis auf die Knochen und durchgefroren, als ich ins Haus zurückkam. Mr. Ruvie passte mich direkt an der Hintertür ab, als hätte er mich erwartet. Ich war so in Gedanken, dass ich kein bisschen auf meine Umgebung geachtet hatte. So konnte ich nicht einmal den Versuch unternehmen, ihm auszuweichen. Nachdem er mich ausgeschimpft hatte, dass es für ein ganzes Jahr reichen würde, schickte er mich unter die Dusche. Damit ich mir keine Erkältung hole, sagte er, obwohl ich das mehr als verdient hätte, seiner Meinung nach.

Als Mr. Ruvie mich am Spielzimmer vorbeischleifte, erhaschte ich einen kurzen Blick auf Near. Er saß dort auf dem Boden, trocken, mit sauberen Socken, über ein Puzzle gebeugt, als würde er das schon den ganzen, regnerischen Nachmittag tun. Wie hatte er es geschafft, sich an Mr. Ruvie vorbei zu schleichen? Warum hatte der ausgerechnet mich erwischt? Er schaute hoch, den Bruchteil einer Sekunde streiften sich unsere Blicke. Dann wandte Near sich wieder seinem Puzzle zu. Mr. Ruvie schimpfte immer noch leise vor sich hin, während er mich einfach vor den Waschräumen stehen ließ und den Flur hinunter davonging.

Ich suchte mir eine Duschkabine aus, schälte mich aus den patschnassen Klamotten. Ich bekam kaum etwas mit davon. Zu sehr waren meine Gedanken vom Baumhaus eingenommen. Und von dem, was vor vielleicht einer Stunde dort geschehen war. Meine Finger wanderten unwillkürlich zu meinen Lippen. Ich tastete über die weiche, warme Haut. Sollten sie sich anders anfühlen? Sie fühlten sich so… normal an. Sollten sie nicht eher in Flammen stehen? Das Wasser aus dem Duschkopf prasselt auf mich herunter wie der Regen im Garten, nur dass es heiß war anstatt kalt. Ich drehte meinen Kopf gegen den Strahl, sodass das Wasser über mein Gesicht floss. Wieder wanderten meine Finger über meine Lippen. Das Wasser war so warm, so weich. Sollte es sich nicht so anfühlen, so wie vorhin im Baumhaus? Aber nein, es war ganz anders. Ich konnte das Gefühl nicht zurückholen, so sehr ich es auch wollte. Es ging nicht. Es war aussichtslos. Es gab nur eines, was dieses Gefühl zurückbringen konnte, dessen war ich mir sicher. Ein Schaudern kroch über meine Schulterblätter, über meinen Rücken, trotz dem heißen Wasser, das unaufhörlich aus dem Duschkopf strömte. Nates Lippen.


„Far, bist du krank?“, hörte ich Odas Stimme vom Bett nebenan flüstern. Durch die hohen Fenster schien der Halbmond, ich konnte die Umrisse meiner Freundin gerade so ausmachen. Der regelmäßige Atem der von Sams Bett herüberdrang sagte mir, dass diese schon längst eingeschlafen war. Wieder starrte ich an die Decke, meine Hände hatte ich über der Brust gefaltet.
Ich runzelte die Stirn: „Wieso krank?“
„Du… du liest gar nicht. Das ist ungewöhnlich.“, murmelte Oda.
„Mhm“, überlegte ich. Sie hatte Recht. Ich las nicht. „Ich denke nach.“
„Worüber?“, gähnte sie.
„Über… Geschichten.“

Das war eine Lüge. Ich hatte nie weniger über meine Bücher nachgedacht. Zum ersten Mal in meinem Leben gab es etwas, das meine Aufmerksamkeit noch mehr forderte. Das mich zwang, über andere Dinge nachzudenken. Da war dieses leicht flaue Gefühl in meinem Magen. Anspannung? Aufregung?

In der stillen Dunkelheit des Schlafsaals versuchte ich, meine Gedanken zu sortieren. Was war da passiert, im Baumhaus? Und warum? Es war uns längst zur Gewohnheit geworden, dass wir ab und zu zu zweit dort oben saßen. Aber heute… Wir waren zum Baumhaus gegangen, noch bevor der Regen eingesetzt hatte. Als die dunklen Wolken sich drohend am Horizont gesammelt hatten. Und dann hatte der Himmel sein gesamtes Wasser über dem Wald ausgeschüttet, und wir waren näher zusammengerückt.
Die Erinnerung brannte noch so deutlich in meinem Gedächtnis, als würde es sich eben in diesem Moment abspielen. Ich hatte Nate River geküsst.

„Hast du schonmal jemanden geküsst, Oda?“, flüsterte ich schließlich durch die Dunkelheit. Doch das leise Schnarchen, das von Odas Bett herüberdrang, machte mir klar, dass sie längst eingeschlafen war.

Nate River hatte mich geküsst. Mein Herz klopfte schneller beim Gedanken daran. Was bedeutete das? Was veränderte das? Ich spürte ein schmerzhaftes Ziehen im Bauch. Und gleichzeitig ein leichtes Prickelgefühl, das sich von meiner Brust aus ganz langsam in meinem ganzen Körper ausbreitete. Als hätte ich zu viel Limonade getrunken. Fühlte sich so… Liebe an?


Am nächsten Tag gelang es mir kaum, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Und ausnahmsweise war kein Buch daran schuld. Tatsächlich gab es mehrere Gründe. Der Kuss schwirrte nach wie vor durch meine Gedanken und brachte mein Herz dazu, schneller zu klopfen. Außerdem fragte ich mich, wie um Himmels Willen ich mich Near gegenüber verhalten sollte, wenn ich ihn das nächste Mal sah. Wenn wir das nächste Mal zusammen im Baumhaus saßen. Wie sollte das weitergehen? Diese Unsicherheit brachte mich schon an den Rand eines Nervenzusammenbruchs (was ich mir nach außen hin natürlich nicht anmerken ließ, damit meine Freundinnen keinen Verdacht schöpften und möglicherweise auf die Idee kamen, mich auszufragen). Und dann waren da noch die Kopfschmerzen. Und die Halsschmerzen. Und meine Stirn, die sich seit ich aufgewacht war, seltsam heiß anfühlte.

„Haaa… tschi!“
Sam neben mir fuhr erschrocken zusammen, fing sich jedoch schnell wieder und wünschte mir ein: „Gesundheit!“ Sie runzelte die Stirn, fuhr sich durch die krausen Haare und musterte mich scharf: „Du bist erkältet!“
„Bin ich ni- i- i- -tschi!“, nieste ich wieder, was Sams Verdacht nicht gerade abschwächte. Weder sie noch unsere Japanischlehrerin glaubten mir, und so wurde ich kurzerhand aus dem Unterricht direkt zum Arzt geschickt.

Nachdem die Ärztin, die mich untersuchte, tatsächlich eine Erkältung diagnostiziert und strenge Bettruhe verordnet hatte, steckte Mr. Ruvie mich resolut ins Bett. Grace versorgte mich mit Tee und Erbsensuppe – auf Letztere verzichtete ich dankend.

Das Fieber machte mich träge, machte meine Glieder schlapp und müde… Unruhig wälzte ich mich im Bett herum. Mir war so warm, unter der Bettdecke. Und gleichzeitig fror ich. Wenn ich nur… Meine Hand tastete vorsichtig unter der Decke hervor, tastete sich weiter, unter mein Bett. Da war es. Das Buch. Trotz meinem Unwohlsein musste ich grinsen. Endlich ein klein wenig Ablenkung von meinem Leiden. Auch wenn ich eigentlich gerne allein war, die Ruhe, die schon den ganzen Tag im Schlafsaal herrschte, drückte mir aufs Gemüt. Keine Ahnung, wo Sam und Oda abgeblieben waren, vielleicht hatte Mr. Ruvie sie ausquartiert, damit sie sich nicht ansteckten. Es würde bald Abend sein, und Grace hatte mir erst vorhin einen frischen Tee gebracht. Ich hatte ihn noch nicht angerührt. Meine Kraft reichte gerade so aus, um das Buch neben mich aufs Kissen zu ziehen. Meine Finger zitterten angestrengt, als ich die Seiten aufschlug und die Stelle suchte, an der ich letztes Mal aufgehört hatte…
Ich blinzelte, meine Augen tränten ein wenig. Die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen. Ich versuchte mit aller Gewalt, mich zu konzentrieren, und als es mir nicht gelang, schossen mir wütende Tränen in die Augen. Was war das denn für ein Mist? Ich war krank, lag hier ganz allein und konnte nicht einmal lesen? Ein stechender Schmerz pochte hinter meiner Stirn. Ich wollte lesen, aber es ging einfach nicht…

„F?“
Seine Stimme riss mich aus einem anstrengenden, nebligen Fiebertraum. Was tat er hier? Augenblicklich hüpfte mein Herz in die Höhe, stolperte und fing sich nur schwer wieder. Ich blinzelte, meine Augenlider waren verklebt und lösten sich nur schwer. Ein Hustenanfall schüttelte mich durch.
„Grace hat Tee gemacht, den soll ich dir bringen, sagt sie. Hier.“ – Mit leisem Klappern landete eine Tasse auf meinem Nachttisch.

Rascheln von Papier – er hob das Buch vom Boden auf, das mir vorhin aus der Hand gefallen war. „Wie… wie geht’s dir?“
„Beschissen. Nicht mal lesen kann ich…“, krächzte ich und ärgerte mich wieder darüber, dass ich sogar zum Lesen zu schwach war. Und gleichzeitig war ich froh darüber, dass er mir einen Besuch abstattete. Wenn auch nur im Auftrag von Grace.

Kratzen von Holz über den Boden – Endlich wurde mein Blick etwas klarer und ich konnte sehen, was Near da trieb. Er zog einen Stuhl neben mein Bett. Er setzte sich, ein Bein ausgestreckt, eines eng an seinen Oberkörper gezogen. Mit einer Hand zwirbelte er eine weiße Haarsträhne – in der anderen hielt er mein Buch. Was genau hatte er vor? Was tat er hier?
Nachdenklich blätterte Near die Seiten um und warf mir einen fragenden Blick zu. Ich schaute nur verwundert zurück. Die Erschöpfung schien irgendwie meine Glieder zu lähmen. Ich konnte kaum einen Finger rühren. Nears Blick huschte neugierig über das aufgeschlagene Buch in seinen Händen… Er räusperte sich leise:

In tiefen, kalten, hohlen Räumen
Wo Schatten sich mit Schatten paaren
Wo alte Bücher T
räume träumen
Von Zeiten als sie Bäume waren
*

Plötzlich war da dieser Kloß in meinem Hals. Dieses Brennen in meinen Augen, das nicht vom Fieber herrührte. Was passierte mit mir? Warum machte mich Nears Stimme noch schwächer, als ich ohnehin schon war? Und wieso fühlte sich diese… Schwäche so fantastisch an? Meine Lippen zitterten und brachten dann das breiteste Lächeln hervor, das ich in meinem erkrankten Zustand zu lächeln fähig war.

Wo Kohle Diamant gebiert
Man weder Licht noch Gnade kennt
Dort ist’s,
wo jener Geist regiert
Den man den Schattenkönig nennt.
“ *

Near saß hier und… las mir vor? War das am Ende nur ein völlig durchgeknallter Fiebertraum? Das war doch nicht echt, das… Und dennoch… Selbst als ich mich unauffällig in den Unterarm zwickte, verschwand Near nicht. Seine dunklen Augen wanderten konzentriert von Zeile zu Zeile, während seine ruhige Stimme mir eine Geschichte erzählte…

Ich war schon lange nicht mehr krank gewesen. Diese Erkältung hatte ziemlich übel zugeschlagen, mit Fieber, Husten, Schnupfen und Kopfschmerzen. Es ging mir dreckig, das war nicht zu leugnen.

Ich war schon lange nicht mehr so glücklich gewesen wie in diesem Moment. Als ich mich in mein Kissen kuschelte, die Bettdecke enger um meine Schultern zog und Nears sanfter Stimme lauschte…



* Ebenso wie das Zitat am Anfang des Kapitels stammt dieses aus Die Stadt der träumenden Bücher, von Walter Moers.
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